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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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02.07.2016 3.922
 




Der Südwestpassat


Yulivee wandelte bereits eine Stunde vor Sonnenuntergang auf den Planken der Sturmjäger. Sie war nervös und unruhig, während sie die Mannschaft bei ihrer Arbeit beobachte und das wilde Treiben am Hafen bestaunte, das noch einmal aufbrandete, ehe es mit Einbruch der Nacht ruhiger werden würde. Als sie sich dem Himmel zuwandte, erkannte sie bereits einige rote Reflexe in den Wolken. Der Anblick konnte sie nicht mäßig stimmen.

Seit sie als Kind Zeuge der Dreikönigsschlacht auf den Gewässern der Fjorde geworden war, nistete sich stets ein flaues Gefühl in ihren Magen ein, wenn sie ein Schiff betrat. Dieses Mal war es schlimmer. Eine Anspannung, schlimmer als festgezurrte Eisenketten, lag auf ihr.

Die Karavelle war kleiner, als sie angenommen hatte. Nur drei Maste waren auf dem ovalbauchigen Deck angebracht, deren Segel anders geschnitten schienen, als Yulivee sie kannte. Doch noch zeigte sich nicht, welch besondere Form sie besaßen. Dafür konnte sich die Magierin bereits ein Bild über die Mannschaft machen. Sie wusste, die meisten Männer waren bei den Vorbereitungen des Abendmahls aus ihren Häusern berufen worden, doch ihre Arbeitskraft litt darunter nicht im Mindesten. Mit Kränen und Zugwinden wurde Proviant unter Deck gehievt, während ein agil wirkender Kapitän in blauem Rock die Schiffswände inspizierte – zum dritten Mal, seit Yulivee an Bord war.

Die Arbeit verlief mit ruhiger Genauigkeit, während die Rah über den Köpfen der Albenkinder knarrte und ächzte, als könne sie die nahende Fahrt nicht erwarten. Yulivee erging es da ganz anders.

Ihre Aufregung schien sich im Wind wiederzuspiegeln, der mit dem langen Gewand spielte, in das sie angetan war. In der Farbe jungen Efeus war es weniger auffällig als ihre bisherige Garderobe. Lediglich die goldenen Ornamente, die an den weit fallenden Ärmelborten auf ihren Unterarmen und dem langen Fließstoff des Rockteils angebracht waren, verrieten ihren Stand. Die satte Farbe des leichten Seidenstoffs erinnerte sie an Vseslins Augen. Der dunkelgoldene Gürtel an ihrer Taille war sogar ein Geschenk ihres Geliebten gewesen, welches gut abgestimmt zu dem durchscheinenden, honigfarbenen Unterkleid gewählt war. Sie hatte dieses Gewand getragen, als sie Vseslin das erste Mal getroffen hatte. Damals trug sie einen gewickelten Gürtel, in den sie all ihre liebsten Flöten gesteckt hatte. Ihm hatte diese abwehrende Platzierung der Instrumente wohl nicht sonderlich gefallen, weshalb er kurzerhand die Änderung am Kleid  in die eigene Hand genommen hatte.

Yulivee fühlte sich elend, auch nur an ihn zu denken.

Immer wieder ging ihr Blick zum Hafen, der von emsigen Arbeitern nur so wimmelte. Man knackte Muscheln, flocht Netze, drehte Taue und unterhielt sich. Yulivees Aufmerksamkeit für das Treiben war unstet. Sie hielt Ausschau nach einer Gestalt, welche zielstrebig und bestimmt die Straßen entlang schritt, geradewegs dem Schiff entgegen.

Seit Tiranu sein Arbeitszimmer verlassen hatte, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie ahnte, was in seinem Kopf vorgehen musste. Er machte sich Vorwürfe, sich und ihr. Während sein Volk den Aufstand übte und Morwenna allein den Gefahren in Vascar trotze, hatte er sich beinahe mit ihr … vergnügt. Er wäre wahrscheinlich selbst im Rosenturm anwesend gewesen, wenn er nur nicht in den Rosenlabyrinthen nach ihr gesucht hätte …

Jornowell hatte sie mit schmerzender Nichtachtung gestraft, nachdem der Fürst das Studierzimmer verließ. Ohne ein Wort des Grußes oder Wertschätzung war der Hofmeister am Arbeitstisch zusammengesunken, die Hände vors Gesicht gefaltet. Yulivee hatte die drückende Stille im Raum nicht ertragen können. Zu tief saß der Schock über die jüngsten Ereignisse, als dass eine angebrachte Entschuldigung ihren wahren Wert hätte entfalten können.

Ich bringe dir Morwenna zurück‘, waren die Worte ihres erneuten, viel zu überstürzten Abschieds gewesen.

Ein Räuspern holte sie aus den Tiefen ihrer Gedanken. Yulivee wandte sich überrascht dem Kobold zu, der neben ihr aufgetaucht war. „Herrin“, richtete er gegen das platschende Geräusch der Wellen an sie. „Kapitän Delyn schickt mich, dich im Namen der Mannschaft auf der Sturmjäger willkommen zu heißen. Ich bin der Quartiermeister Ruko. Wenn du erlaubst, bringe ich dein Gepäck in deine Kabine.“

Yulivee musterte den Seemann, dessen flachsgelbes Haar im Schein der Abendsonne glänzte. Seine Zähne wiesen in Etwa denselben Ton auf, als er versuchte, sie freundlich anzulächeln. Es gab wohl nicht oft Passagiere auf der Sturmjäger, stellte sie fest. „Danke, ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Yulivee…“

Der Kobold bekam große Augen und straffte die breiten Schultern: „Doch nicht die Yulivee?!“

Die Magierin lachte auf: „Doch, ich fürchte schon…“ Sie deutete auf das lächerlich kleine Bündel an Habseligkeiten, welches an der Reling hinter ihr lehnte, wurde aber beim Weitersprechen vom plötzlich aufgeregten Handwedeln des Quartiermeisters unterbrochen.

„Auf keinen Fall wirst du die Kabine beziehen, die ich ursprünglich vorgesehen habe“, beeilte er sich zu sagen. „Delyn wird mich umbringen, wenn ich dir die Achterkabine anbiete … Der Fürst, du verstehst? Aye, aber es kann ja nicht angehen, dass wir eine hochwohlgeborene Dame zu den Kielratten stecken! Nicht solange ich hier der verdammte Quartiermeister bin! Lass mich das für dich regeln …“

Yulivee hob abwehrend die Hände und grinste verlegen, was offenbar völlig missverstanden wurde: Ruko hakte sich bei ihr unter – was aufgrund seiner Körpergröße gar nicht andersherum möglich gewesen wäre – schulterte ihren Beutel und wollte sie schon unter Deck geleiten. In diesem Moment gellte eine Stimme über den gesamten Hafen: „Antreten Männer!“

Kapitän Delyn stand am Schiffsteg, die Haltung steif und gerade. Seinem Befehl wurde überall an Bord umgehend Folge geleistet: Fischernetzte wurden fallen gelassen, unvollendete Doppelachter liegen gelassen, Wassereimer abgestellt und Taue in die Ecken geschmissen. Auch Ruko ließ von ihr ab, um sich am Schiffssteg zu positionieren. Yulivee sah über die Schultern der salutierenden Männer hinweg drei Reiter am Hafendock eintreffen.

Fürst Tiranu überließ die Zügel seines Pferds einem Diener, während ein zweiter Elf einen Lederbeutel an Ruko übergab und dann wieder unauffällig aus der Szene verschwand. Auf eine weitere Eskorte hatte der Fürst wohl verzichtet. Die Zeit bis zum Aufbruch hatte Tiranu offenbar nicht nur dafür genutzt, sich mit Anarion über die genauen Geschehnisse in Vascar auszutauschen. Seine Garderobe hatte er in feinere Stoffe gewechselt, die eindeutig auf seinen Stand hinwiesen, während an seiner Seite ein Rapier geschnallt war. Die nachtgrauen Farben seines enggeschnittenen Wamses waren mit silbermatten Ornamenten unterlegt, welche dann zum Vorschein kamen, wenn sich der schwarzlederne Mantel beim Gehen auftat. Die dunklen Pelzverbrämungen an der Kragennaht, die geöffnete Mantelspange, die silbernen Verschlussleisten an den eng anliegenden Ärmelenden … Tiranu wirkte gänzlich verändert. Das unauffällige Auftreten während ihrer Reise in den Labyrinthen war vergessen.

Als er das Schiff betrat, richtete er das Wort unumwunden an den Kapitän: „Wir werden ohne jede weitere Verzögerung auslaufen, noch bevor die Sonne den Horizont erreicht.“

Yulivee biss sich auf die Lippen. Natürlich! Der Fürst gedachte nicht, den vereinbarten Zeitpunkt abzuwarten. Nun, gut dass sie damit schon halb gerechnet hatte.

Als Ruko nach einigen gewechselten Worten zu ihr zurückkehrte, war er sichtlich nervös. Seine Kameraden machten sich zurück an die Arbeit, um das Schiff auslaufklar zu machen, während der Kapitän sich weiterhin mit Tiranu besprach.

„Unruhige Zeiten sind das“, bemerkte Ruko, der ihrem Blick folgte. „Die Aufstände müssen schlimmer sein, als angenommen wird, wenn sich beide Fürsten und selbst die Erzmagierin darum scheren, aye?!“

Yulivee blickte ernst auf ihn hinab und versuchte zu beschwichtigen: „Ich bin nur hier, um Schlimmeres zu verhindern. Ich fürchte aber auch, dass ich überhaupt nicht erwünscht bin.“

Ruko wechselte einen langen, fragenden Blick von ihr zu Tiranu und zurück. Der Fürst hatte sie derweil wohl schon bemerkt, verschwendete allerdings keine Gesichtsregung auf seine Entdeckung und wandte sich unbeteiligt wieder Delyn zu.

„Ich verstehe“, murrte der Quartiermeister. „Und doch bin ich froh, dass du die Passage begleitest. Jemanden wie dich können wir gut brauchen … In Langollion, meine ich. Wenn du an Bord etwas benötigst, komm gleich zu mir, aye?“

„Ich danke dir“, murmelte Yulivee und beobachtete, wie die Trossen zum Port gelöst wurden. Als der Kapitän mit einem durchdringenden „Anker lichten, Männer!“ seinen Posten auf dem Achterdeck bezog und den nicht weniger beherzten Befehl zum Setzen des Focksegels gab, staunte Yulivee, wie klar und strukturiert die Mannschaft sich bewegte. Und keine drei Herzschläge später wurde sie erneut überrascht, als sie die dreieckige Form des hellen Segeltuchs zu sehen bekam. Der Wind fing sich knarrend in der Takelung und blähte das vorderste Segel. Ein Rucken ging durch das Schiff, welches Yulivee fast zum Straucheln brachte. Das Lächeln in den Gesichtern der Seemänner war so plötzlich da, als hätte jemand ein Zauber auf sie gelegt. Gern ließ sich Yulivee davon anstecken und blickte strahlend dem rötlichen Spiel des Sonnenuntergangs entgegen.

Delyn rief: „Volle Segel, Männer! Lasst uns auf dem Südwestpassat fliegen!“ Die Mannschaft klatschte in die Hände, einmal nur, alle zugleich. Das Geräusch ging Yulivee ins Mark, während die Sturmjäger langsam Fahrt aufnahm. Auch das zweite und dritte Segel standen nun straff im Wind, während der Kapitän sie mit stoischer Gelassenheit aus dem Hafen navigierte. Neben Delyn stand Tiranu an der Reling, den Wind im dunklen Haar. Er mied es, auch nur in ihre Richtung zu schauen. Stattdessen hatte sich sein Blick am Horizont gefangen.

Yulivee wandte sich wieder Ruko zu: „Wie lange werden wir bis Vascar unterwegs sein?“

Der Quartiermeister zog erneut die Schultern straff und schaute auf die Takelage: „Wenn uns der Wind gewogen ist, wird uns die Weißküstenroute am Morgen des Dritten Tags an die nördliche Spitze Langollions bringen. Eine Karavelle ist schnell und wendig. Die besondere Form der Segel lässt uns so geschwind über die Wellen fliegen, als besäßen wir Flügel. Doch der Südwind kann launisch sein. Hoffen wir das Beste.“

Yulivee nickte und Ruko machte sich daran, erneut ihren Beutel zu schultern, während er auch Tiranus Taschen griff. „Ich habe mit Delyn gesprochen. Du bekommst den Kartenraum, der sich gleich an der Achterkabine befindet, zugeteilt. Ich schaffe dir noch eine Koje heran und du wirst dich dort so heimisch fühlen, wie in einem Palast, aye!?“

Yulivee nickte unbeteiligt, was Ruko gar nicht erst zu bemerken schien. Geschäftig ging er hinüber zur großen Achterkabine und Yulivee fühlte sich ohne seine Anwesenheit plötzlich einsam.

Sie verspürte große Aufregung vor den Ereignissen in Vascar. Nie hatte sie in Albenmark einen Aufstand erlebt, der eine solch verzwickte Situation wachgerufen hatte. Noch immer hoffte sie, dass die Barone die Berichte in besonders schlimmen Worten verfasst hatten, um die Fürsten zu schnellerem Eingreifen zu animieren. Die Realität mochte möglicherweise nicht so niederschmetternd sein, wie sie nun noch anmutete. Allerdings wusste die Magierin auch, wie verheerend ein Feuerzauber sein konnte – erst recht, wenn er außer Kontrolle geriet. Wenn der Zauberweber in Vascar ganze Wälle zu errichten vermochte, dann musste er nicht nur über große Macht, sondern auch über große Selbstbeherrschung verfügen.

Yulivee schluckte. Ihre Macht war zwar so weit zu ihr zurückgekehrt, dass es ihr wieder gelang, den warmen Hauch der Sommersonne unter ihren Gewändern zu erschaffen, und auch der Albenstern hatte sich ihrem Zauber gefügt. Doch ob dies genügte, um mit den wankenden Seelen der Aufständischen zurechtzukommen?

Dieses Unterfangen benötigte nicht nur politisches Feingefühl, sondern auch eine klare Linie. Sie konnte nur hoffen, dass es nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen würde. Tiranu mochte gegen die Bauern so rigoros vorgehen, wie er gegen eine feindliche Streitmacht tun würde. Nur weil er keine Soldaten an seiner Seite hatte, hieß das für den Schwertmeister noch lange nicht, in friedlicher Absicht in Vascar zu erscheinen.

Nicht nur im Namen der Königin wollte Yulivee dem entgegen wirken. Die Folgen für Langollion und für Tiranu wären verheerend, wenn sich keine friedliche Einigung finden ließe – oder sich noch mehr Albenkindern den Aufständischen anschließen würden. Niemand durfte hier aufgestachelt oder unnötig provoziert werden, sonst könnte ein Chaos über das Land kommen, welches nicht mehr einzudämmen wäre.

Yulivee wagte nicht, auf Tiranus Vernunft zu bauen. Solange er ihr nicht den Eid geleistet hatte, der Blutmagie ein für alle Mal abzuschwören, war er eine unberechenbare Gefahr. Von seinen Fähigkeiten als Schwertmeiser und Heerführer ganz zu schweigen …

Als Ruko wieder zurückkam, bedeutete er ihr, ihm zu folgen. Die blasser werdenden Sonnenstrahlen begleiteten den schwankenden Weg über das Hauptdeck. Yulivee warf einen letzten Blick auf die Brücke. Doch ihr Blick blieb unerwidert.


* * *




„Ich verlange zu viel von dir.“

Naylin schnaubte: „Ich sage es dir ein ums andere Mal! Mit diesen Leuten bin ich schon in den dreckigsten Tavernen gesessen, habe mit ihnen gespaßt und ihre Kinder auf die Albenmark geholt. Ich kenne sie – und sie mich! Vertraue mir.“

Morwenna zweifelte. Mit verkniffener Miene beobachtete sie, wie die junge Heilerin ihren Mantel überstreifte und ihren dunkelroten Zopf über die Schulter zog. Einst hatte sie Naylin ausgebildet, zusammen mit deren jüngeren, verschlossenen Schwester. Durch die Schrecken von Vahan Calyds Zerstörung war Morwenna mit ihrer emsigen Vertrauten gegangen, durch die politischen Schwierigkeiten ihres letzten Besuchs in Vascar. Und zuletzt hatte sie von der Heilerin verlangt, in ihrem Namen im Norden zu verbleiben, um die vorgenommenen Änderungen der Gegebenheiten zu überwachen. Fast zehn Wochen hatte der letzte Besuch der Fürstin angedauert. Und jeden einzelnen Tag davon war Naylin an ihrer Seite gewesen, um sie zu unterstützen.

Die Heilerin hatte eine gute Beziehung zum ländlichen Volk aufgebaut, über den Aufenthalt der Fürstin hinaus. In ihren Händen lag es nun, ob sich die Aufständischen der Vernunft öffneten oder sich endgültig verschlossen.

Noch bestand Hoffnung für den Frieden.

Morwenna und ihre Vertraute standen im Hof der Nebelburg, wo sich Naylin für die ihr auferlegte Aufgabe wappnete. Die Marmorplatten waren von einer schlammigen Nässe gezeichnet, wo die Erde der Blumenbeete über die steinernen Begrenzungen gepeitscht worden war. Einige verzauberte Eisskulpturen hatten Gliedmaße eingebüßt, während das sich Murmeln der Brunnen ungerührt in die Unendlichkeit zog. Die Frühlingsstürme hatten auch vor der Nebelburg keinen Halt gemacht – im Hof des Baronensitzes waren die stummen Zeugen der Gewalt dieser Naturgewalten noch nicht fortgeräumt worden. Wo es nun endlich auch im Norden wärmer wurde, begann die Schneeschmelze in den Bergen und brachte neuen Schrecken über das Land: Das Übertreten der Bäche und Flüsse wandelte sich durch den starken Regenfall zu unhaltbaren Überschwemmungen, die Felder und Weideland unbrauchbar machten. Wenigstens war es in den letzten Tagen zu einem angespannten Einhalten der Frühlingsstürme gekommen. Dies war aber nur ein schwacher Trost in Anbetracht der Lage.

Wie hatte das alles nur so unbemerkt eskalieren können?

Die Formation der aufständischen Albenkinder war schrecklich: Eine Feuerwand, deren rötlicher Schein selbst das Eis im Hof der Nebelburg erleuchtete, umkreiste die Küste, auf der sich die Nebelburg befand. Alle Routen zum Sitz des Baronenpaars waren unpassierbar geworden. Selbst die Sendung der Nahrungsmittel und Kleidung aus der Hauptstadt vermochte nicht, die hungernden Albenkinder zu erreichen. Stattdessen plünderten die Bauern und Hirten jede Handelskarawane, die das Baronenhaus verließ oder beliefern wollte. Es war zum Handelstopp gekommen, was über kurz oder lang eine Hungersnot in der Nebelburg hervorrufen würde. Die Albenkinder des Aufstands waren ganz und gar nicht zu Scherzen aufgelegt.

Umso gewagter war Naylins Vorhaben.

Als Sprecherin der Fürstin wollte sie den Aufständischen begegnen, um die Rahmenbedingungen einer Aussprache festzulegen. Einer Aussprache zwischen den Bauern und den Adligen dieses abgeschiedenen Reichs. Wenn es ihr endlich gelingen sollte, den Anführer des Aufstands zu überzeugen, sich auf eine Unterredung einzulassen, würden sich möglicherweise die Missverständnisse klären lassen und die Missverhältnisse könnten ein für alle Mal beseitigt werden.

Morwenna beobachtete, wie Naylin sich in den Sattel ihres Pferds schwang und ihr noch einmal zum Abschied zunickte. Morwenna erwiderte ihren Gruß: „Sei vorsichtig. Die Alben mögen ihre Hände über dich halten.“

„Deine Sorgen ehren mich. Aber Faune sind launisch, das weißt du doch, Herrin. Er ist begabt, allerdings nicht sonderlich klug… ein Strohfeuer. Er und Maka werden sich überzeugen lassen. Vertraue auf dein Volk!“

Morwenna wünschte sich, es wäre so leicht, wie Naylin das sagte. Sie rang sich ein Lächeln für ihre Vertraute ab, das aufbauend wirken sollte. Doch fühlte es sich an wie eine Maske, welche viel zu eng auf ihrem Gesicht lag.

Als die Reiterin aus dem Hof verschwunden war, wandte sich die Fürstin um. Ihre steten Schatten, Silvain und Riana, hielten sich etwas abseits von ihr hinter einem Zierbrunnen. Beide wirkten hier in dieser entrückten Szenerie beinahe fremd. Gekleidet waren sie in dunkle, lederne Rüstungen. An Silvains Seite hing ein Rapier, die blonde Riana führte dagegen ein Kurzschwert mit sich. Tiranu vertraute den beiden hochgestellten Elfen seiner Einheit, das wusste sie. Und Morwenna tat es auch. Riana war die Tochter einer dem Fürstenhaus treu ergebenen Sippe. Durch die Tjuredkriege war diese Sippe so sehr geschwächt worden, dass die Kriegerin die einzige Erbin ihres Hauses war. Morwennas jüngste Erinnerungen an diese Elfe waren mit den langen Harfenübungen verbunden, welche sie als Kinder gemeinsam in den Gärten des Rosenturms über sich ergehen lassen mussten. Wenn sie nicht ihren Harnisch trug, so war sie noch heute eine spitzzüngige Hofdame, die es liebte, sich in prächtigen Stoffen zu kleiden. Vor langer Zeit einmal waren Tiranu und sie sich sehr nahe gewesen, doch die entbehrungsreiche Zeit in den Kriegen hatte sie auseinandergetrieben. Trotz der nicht unerheblichen Summe ihres Erbes und ihrem Landbesitz fernab der Hauptstadt, blieb sie den Schnittern treu ergeben und stets nahe den Baracken des Rosenturms.

Silvain trug stets ein kleinwenig Spott für die Bürden der Welten auf seinen Lippen. Er war ein begabter Krieger, so geschickt, dass er einen würdigen Gegner für ihren Bruder abzugeben vermochte, wenn er es denn wollte. Doch zog er es vor, andere Talente für seinen Herrn einzusetzen. Der schwarzhaarige Späher aus den Reihen der Schnitter trug einen Namen, den er sich selbst gewählt hatte. Morwenna war noch nicht lange vertraut mit ihm, doch sein wahrer Name war ihr nicht fremd und sie verstand seine Entscheidung, die Vergangenheit auf diese Weise auf sich beruhen zu lassen. Er vermochte es in diesen Tagen, das Gefühl von Sicherheit bei ihr wachzurufen, und dafür war sie ihm dankbar.

Eine blasse Gestalt löste sich hinter den beiden Kriegern aus dem inneren Torbogen der Burg. Morwenna sah den leeren Blick der silberblonden Gräfin durch sich hindurchgehen. Sie hoffte, dass das Gebrechen der Adligen nicht bald als Sinnbild für sie alle stehen würde.


* * *




Yulivee hatte sich nach dem Abendessen, das ihr vom nervösen Smutje in die Kabine gebracht worden war, nicht mehr danach gefühlt, an Deck zu gehen. Auch Ruko war noch einmal in den Navigationsraum gekommen, den Yulivee bewohnte, um sie zu einem Kartenspiel mit der Mannschaft einzuladen. Doch sie hatte – sich damit selbst überraschend – abgelehnt.

Sie saß allein am großen Rundtisch des Raums, in dessen Ecken und Winkeln mannshohe Regale vollgestopft mit Seekarten aufragten. Der Geruch des Pergaments war von einer schweren, salzigen Note überlagert, die Yulivee unaufhörlich in die Nase stieg.

Die Elfe fühlte sich ausgelaugt. Seit sie sich das erste Mal wirklich gesetzt hatte, fühlte sie eine bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen. Die Tage in den Labyrinthen waren gezählt, doch zehrten sie noch immer an ihr. So viel ging ihr durch den Kopf, dass sich ihr der Magen drehte. Oder lag dies doch an dem Wellengang?

Sie war ein Kind der Wüste, das würde sich wohl nie ändern. Das Meer machte ihr mehr zu schaffen, als sie es sich selbst eingestehen wollte.

Das kleine Öllicht, das von der Decke hing, flackerte unbeständig im Wellengang. In der Kabine herrschten die Schatten vor. Längst war von der Geschäftigkeit der Mannschaft nichts mehr zu hören, nur hin und wieder drang ein raues Lachen von unter Deck zu ihr herauf.

Ihre Finger tippten einen unruhigen Takt auf die Tischplatte, während ihre Gedanken sich unaufhörlich drehten und drehten. An Schlaf war für sie trotz der Müdigkeit nicht zu denken. Sie sollte Emerelle schreiben. Die Königin musste so schnell wie möglich von diesen unerwarteten Entwicklungen erfahren! Der Magierin blieb zu hoffen, dass Morwenna und Jornowell ähnliche Gedanken hegten. Langollion durfte sich gerade nun nicht einen weiteren Fehler leisten!

Die Magierin beschloss, den Brief an die Königin erst am nächsten Tag zu verfassen und sich stattdessen zu etwas Schlaf zu zwingen. Die Koje, welche Ruko ihr aus den Tiefen des Schiffbauchs besorgt hatte, war an den großen Achterfenstern aufgeschlagen.  Das Sternenlicht brach sich an den Milchglasscheiben, ihr Schein drang aber kaum bis ins Innere der Kabine.

Die Magierin ließ sich erschöpft auf die Bettkante sinken, als das Öllicht an der Decke erneut zu flackern begann – und erstarb. Nun war die Dunkelheit vollkommen. Es war selten gewesen, dass sie sich in ihrem Leben einsam fühlte. Stets umgab sie sich mit Albenkindern, Menschen, Freunden und ihrer selbstgewählten Familie. Ihre Fröhlichkeit und ihr Lächeln waren bekannt in allen Welten – jedoch nicht, was sie damit verbarg. In Langollion war dieses Gefühl der Leere weiter gewachsen. Stets war ihr ein Ziel vor Augen gewesen, mit dem sie das Loch in ihr zu stopfen gesucht hatte. Sie hatte die Freien in der Oase von Valemas in ihre alte Heimat zurückgeführt, die Dschinne und Wissenshüter in ihren neuen Seelenkleidern gesucht, hatte sich der Schlachten mit den Ordensrittern verschrieben und war schließlich die Trägerin eines Albensteins geworden. Schon als Kind hatte man Großes von ihr erwartet und ja, Großes hatte sie vollbracht. Doch wo war sie dabei geblieben?

Luanas Schicksal ging ihr nicht aus dem Kopf, auch wenn das atemlose Geschehen der letzten Tage ihr kaum die Zeit gelassen hatte, einen klaren Gedanken zu fassen. Diese Elfe war ihren eigenen Prinzipien treu geblieben, hatte alle jene, die sie liebte, verlassen, um keinen Verrat an ihrer eigenen Seele zu begehen. Yulivee bewunderte das. Auch wenn die Liebe letztlich zu Luanas Verhängnis geworden war – das Gewicht, welches sie zum Einknicken brachte – so bewunderte Yulivee doch ihren Mut, sich von der schieren Macht und des Einflusses von Alathaia nicht verbiegen zu lassen und stattdessen lange ihren eigenen Pfaden gefolgt war.

Gerne gab sich Yulivee der Versuchung hin, Emerelle gegenüber aufmüpfig zu sein. Auf die allseits kursierenden Gerüchte, sie könne einmal in Emerelles Fußstapfen treten, gab sie außerdem wenig. Sie wollte ihre Unabhängigkeit behalten, eine Elfe sein, die nach ihrem Charakter, nicht nach ihrer Macht beurteilt wurde. Doch unter all diesen Massen an Respekt und Ehrfurcht, welche ihr auch hier auf der Sturmjäger zuteilwurden, sah man sie, die wahre Yulivee, nicht.

Sie fühlte sich mit dem Gedankenspiel zunehmend ausgelaugt.

Ein kleiner Lichtkegel erschien auf den durchgelaufenen Planken vor ihr. Golden war der Schein, wie der ihrer Öllampe, doch drang er nicht von oben in ihre Kammer herein. Yulivee stand auf und fand das Loch in der Wand sofort. Von dort sickerte das Licht herein, von der anderen Seite der Achtern-Räumlichkeiten. Diese waren offenbar nur durch eine dünne Bretterwand geteilt und im Gegenstück zu ihrer Kabine …

Eine schlanke Gestalt gegen den warmen Schein, das Rascheln von Stoff zwischen dem Brechen der Wellen, dunkles Haar auf leuchtender Haut.

Yulivee fuhr auf, als sie den ersten Blick durch den Schlitz geworfen hatte. Keinen Herzschlag lang hatte sie gewagt, dort hindurchzusehen. Tiranu bewohnte die andere Hälfte der Achterkabine und offenbar war er gerade dabei …

Das Gesicht der Valerin wurde warm. Bei den Alben! Sie war doch keine Jungfer, die errötete, wenn sie einen Mann dabei beobachtete, wenn er sich umzog! Schon in den Ordenskriegen hatte sie den ein oder anderen nackten Elfen gesehen und Vseslin ebenso oft genug und …

Moment!

Beobachten?

Nein! Das … das war ein dummer Zufall gewesen, ein Versehen! Sie hatte doch nicht ahnen können, was sie dort sehen würde!

Sie ließ sich auf den Boden sinken, lehnte sich an die Wand und zog trotzig die Beine an sich heran. Ganz egal, was Tiranu mit seinem elendigen Kuss gedacht hatte, sie ließ sich auf sein Spiel ein!

Sobald diese elenden Geschehnisse im Norden geklärt waren, würde es wieder werden wie zuvor, und Tiranu könnte nicht länger auf ihre Gnade hoffen!


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Es ist immer so herrlich, neue Charaktere einzuführen :) Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen, und freue mich auf eure Rückmeldungen!
Danke für mehr als 1200 Klicks und all die neuen Favo-Einträge!

Bis nächste Woche!
Riniell
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