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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.06.2016 3.966
 


Hallo, meine Lieben!

Ich melde mich zurück mit einem neuen Kapitel, in dem der Titel quasi schon mächtig viel verrät. Kennt ihr dieses Gefühl auf der Arbeit, wenn etwas mächtig danebengegangen ist, für das ihr eigentlich gar nichts könnt … und trotzdem müsst ihr vorm Chef dafür gerade stehen? Das ist bei einem gescheiterten Mailverkehr oder einer verspäteten Lieferung schon, naja, unangenehm, aber ich hab mir einfach mal gedacht: Pannenbeichte XXL ist so richtig fies. Und wer kennt sich mit Pleiten, Pech und Pannen mittlerweile richtig gut aus? Na? Richtig, meine Protagonisten. Also geht’s damit gleich mal weiter *grins*

Ich freue mich desweiteren seehr auf ein altbekanntes Gesicht, das ihr aus KRoD kennt und verrate: Es kommen neben ihm einige Details zum Tragen, die ihr aus dem Vorgänger kennt. Dürfte aber auch alles ohne gutes Gedächtnis verständlich sein. Bei Fragen könnt ihr euch gerne an mich wenden.

So, dann will ich nicht weiter palavern, sondern euch das neue Kapitel mit diesem vielschichtigen Titel präsentieren:









Wenn die Katze das Haus verlässt, tanzen die Mäuse auf den Tischen








Yulivee staunte und fühlte sich unvermittelt an einen unglückseligen Tag ihrer Kindheit zurückerinnert. Sie hatte sich in Elfenlicht an einem Blendzauber versucht, den sie sich von Jägern abgeschaut hatte – selbstverständlich völlig unbedarft. Doch durch die Folge eines Ungeschicks hatte der Zauber sie selbst getroffen. Beinahe zwei Wochen lang hatte sie nur Weiß gesehen, bis langsam die Schemen ihrer Umwelt wieder für sie erkenntlich waren. Seit diesen Tagen zog sie es vor, sich ausgesucht in bunten Stoffen zu kleiden, und betrachtete die Farbe Weiß als langweilig und spröde.

Diese Schattenwälder lehrten sie eines Besseren und bald merkte sie, dass sie ihren Namen als Farce zu tragen schienen.

Tiranu führte sie entlang eines breiten Lehmpfads durch lebendige Torbogen von schneefarbenen, mächtigen Ästen und sanft gekrümmten Stammriesen. Das Dickicht, was sie mit heller Strahlkraft umgab, wirkte rein und unverkommen. Aus dem Unterholz, zwischen Wurzelwerk und Kieselsteinen, schossen weiße Farne und großköpfige Pilzsorten. Sie schmiegten sich ohne jeden Kontrast an die zumeist schlanken Stämme der Bäume, welche Yulivee nicht einzuordnen wusste. Ihre Borke ähnelte der von Birken, doch fehlte jene aufgeraute schwarze Fläche, welcher jener Spezies so eigen war. Undbewegt und geistergleich wuchsen die Riesen in die Höhe, ohne aufdringlich oder einschüchternd zu wirken. Ihr Geäst war so verzweigt und ineinandergewoben, das es wirkte, als würde über ihnen ein aufwendig gefertigtes Kuppeldach schweben. Die Bäume standen den Reisenden Spalier, so kerzengerade wie hunderte salutierende Ritter. Weiße Blüten hafteten an den feinen Zweigen und etwas dunklere Knospen verrieten, dass auch das austreibende Blätterdach im Sommer hell wie unbefleckter Marmor wirken würde.

Die Magierin fühlte, dass die Wälder von einem Zauber umhüllt waren. Wie eine Schicht Asche fasste er die Haine ein und förderte eine übernatürliche Schönheit im reinen Glanz der Unberührtheit. Eine solche Perle in Langollion zu finden, hätte sie nicht erwartet.

„Also …“, murmelte Yulivee mehr zu sich selbst. „Wenn Tarrald und Orwis von diesen Bäumen wüssten, würden sie eure Elsbeere links liegen lassen.“

Tiranu wandte sich abrupt zu ihr um. Seit sie den Wald betreten hatten, verlangte er ihr ein langsames Schritttempo ab, das etwas beinahe Respektvolles an sich hatte. Der Fürst hielt sich nun neben ihr und sah sie zweifelnd an: „Tarris und wer?“

„Die beiden Zwerge?!“, entgegnete Yulivee. „Die Handelsbeauftragten Aelburins? Die Besucher in Larion? Die Rettung deiner Wirtschaft?“ Es verärgerte die Magierin, dass Tiranu offenbar keinen blassen Schimmer zu haben schien, von wem sie sprach. Natürlich konnte man von einem Fürsten nicht verlangen, jeden Abgesandten aus den anderen Reichen namentlich zu kennen. Aber gerade bei Tiranu ärgerte sie es … allein aus Trotz.

„Nun, wer auch immer die Beiden sind“, fuhr Tiranu fort und lenkte den Blick nach vorn. „Du kannst ihnen sagen, dass sie, falls sie ihre mickrigen Hände an diese Bäume legen, es mit mir zu tun bekommen.“

Yulivee hob die Brauen ob des grimmigen Tons. Wenn sie sich die beiden gedrungenen Händler, die gerne mal einen Humpen Bier genossen, bei einem Disput mit dem langollischen Fürsten vorstellte, kitzelte unwillkürlich ein Lächeln auf ihren Zügen. Bei der Erinnerung an die Beiden kam ihr allerdings auch unweigerlich Amana in den Sinn. Sie war die Leiterin des Handelskontors zu Larion, eine entfernte Verwandte des Fürstenhauses … und eine Verräterin. Die Tränen in jener Nacht, als sie Yulivee ihre grausige Vergangenheit offenbarte, waren echt gewesen. Yulivee hielt an diesem Glauben bis heute fest. Doch über ihre Absichten war sie sich nie sicher gewesen. Eine verspätete Rache an den Fürsten? Die Solidarität zu Jornowell, den sie für einen Leidgenossen hielt?

„Was … was wird mit Amana geschehen?“ Diese Frage kam aus ihrem Mund, ehe sie darüber nachdenken konnte, was die möglichen Konsequenzen sein konnten. Bis hierher war die Stimmung auf ihrer Reise von Luanas Palast zurück in den Rosenturm fast friedlich gewesen. Doch an diesen alten Narben zu reißen mochte die Situation zum Kippen bringen.

Doch Tiranu blieb gelassen: „Dies darfst du getrost mir überlassen.“

‚Emerelle sollte davon erfahren, ehe du einschreitest‘, wollte sie sagen, biss aber die Zähne zusammen. Emerelle würde davon erfahren, wenn nicht von ihm, dann von ihr. Sie hatte Amana ihren Schutz versprochen. Dass sie aufgeflogen war, lag nicht in ihrer Hand, doch das weitere Verfahren mit ihr könnte sie beeinflussen. Yulivee stand zu ihrem Wort.

Im Unterholz zu ihrer Rechten raschelte es. Als sie erschrocken in das Dickicht spähte, erkannte sie das huschende Körperchen eines Eichhorns, dessen buschiges Fell sich kaum von der weißen Szenerie abhob. Der freche Geselle schien keine Scheu zu kennen. Neugierig beobachtete er aus seinen schwarzen Knopfaugen die vorbeiziehenden Reiter und Yulivee war wahrlich erleichtert, keinem Nachtfalterschwarm begegnet zu sein. Als sich jedoch einige Momente später zwei perlweiße Meisen aus dem Astwerk flüchteten, hob Yulivee erneut misstrauisch die Stimme: „Wer wob diesen Zauber über die Wälder?“

Tiranu lenkte sein Pferd ein Stück vor ihr und wandte sich nicht um, als er antwortete. „Ein mächtiger Magier...“

„Stammt er aus deiner Sippe?“

Der Fürst würdigte sie keines Blickes: „Ja.“

Yulivee unterdrückte ein Seufzen. Redegewandt war Tiranu wahrlich nur, wenn ihm der Sinn danach stand. Sie versuchte, sich nichts daraus zu machen, und den neuerlichen Frust nieder zu ringen. Sie fühlte sich schlecht. Die Nacht in Luanas Palast wich nicht so leicht aus ihren Gedanken, wie sie es gehofft hatte. Immer wieder sagte sie sich, es sei nicht viel geschehen. Doch dann traf sie die Erkenntnis: Das was geschehen war, geschah gewollt. Für einen kleinen Moment, da hatte sie geglaubt …

‚Nein!‘, ermahnte sie sich scharf. ‚Reiß dich zusammen!‘

Ein vertrautes Vibrieren zog sich durch ihren Körper, bis an die Spitzen ihrer Finger konnte sie es fühlen. Felbion war über einen Albenpfad getreten!

Endlich kamen sie auf ihrer Reise voran und diese erheiternde Erkenntnis lenkte sie von ihren Gedanken ab. Sie hoffte inständig, dass sie den Albenstern in diesen Wäldern bald antreffen würden. So sehr sie am Morgen den Ritt auch genossen hatte, der Nachmittag war trist. Was zugegebenermaßen vordergründig an ihren marternden Gedanken und der distanzierten Haltung des Fürsten lag. Sie fühlte sich unwohl.

Ein sachtes Murmeln ertönte ein Stück den Weg hinauf. Es zog sich zu einem angeregten Flüstern, das ihr vertraut war und doch wusste sie, dass es niemals gleich klingen würde. Ein schmaler Bachlauf kreuzte ihren Weg und die großen Zweigkuppeln öffneten sich für ihn, um die Sonne einzulassen. Klares Licht drang an die sanften Böschungen, die großen, weißen Kiessteine und das kristallfarbene, sprudelnde Wasser. Kein Maler in ganz Albenmark hätte eine schönere Kulisse schaffen können.

Vom Pfad, auf dem sie gekommen waren, führte eine weißeiserne Brücke über das Bachbett. Gezwirbelt und kunstvoll gearbeitet streckte sie sich beinahe halbmondförmig auf die andere Uferseite herüber. Auf der Mitte des Bauwerks befand sich eine runde Plattform, über der sich eine zarte Art von Pavillon erhob. Yulivee bedachte das schmückende Geländer an den Seiten der Brücke und wurde erneut neugierig. Dieser Ort lud zum Verweilen ein und war wohl kaum ohne bedeutenden Hintergedanken gefertigt worden.

Tiranu ließ seinen Fuchs halten und glitt elegant vom Rücken des Tiers. Ohne Aufforderung, es ihm nachzutun, folgte Yulivee seinem Beispiel und führte Felbion am Zügel zu der Brücke. Der Albenpfad prickelte erneut unter ihren Fußsohlen und auch drei weitere Stränge des Goldenen Netzes konnte sie mit Leichtigkeit ausmachen. Einer von ihnen schien dem Bachlauf in den Norden zu folgen, nachdem sich alle in der Mitte der Brücke trafen.

„Mein Urgroßvater“, setzte Tiranu an, „schuf diese Wälder für seine Geliebte, einer leidenschaftlichen Jägerin, welche drei Mal sein Werben zurückwies, ehe sie hier endlich in eine Verbindung einwilligte.“

Yulivee erwiderte nichts auf diese Worte, doch wunderte sie es, wie ein solch lieblicher Ort von Tiranus Sippe erschaffen worden sein konnte. Schwarz und Weiß. Es wollte nicht zusammenpassen…

Tiranu hob die Hand, um ihr Felbions Zügel abzunehmen, als sie begleitet vom Klackern der Pferdehufe den Hochbogen der Brücke erreichten. Hier lag der niedere Albenstern, hier begann ihr Herz zu pochen.  

Wenn ihr der Zauber zum Öffnen des Portals misslang, würden sie möglicherweise einen Zeitsprung im Goldenen Netz machen. Dies würde nicht nur in Langollion für Unruhe sorgen, wenn der Fürst für längere Zeit verschwand, sondern könnte auch Obilee und Emerelle in dieser ohnehin heiklen Lage auf den Plan rufen. Die Konsequenzen waren absehbar und versprachen, unangenehm zu werden.

Sie rief sich zur Ordnung und sammelte ihre Konzentration. Entschlossen griff sie nach dem Albenstein an ihrem Gürtel – seine Präsenz sollte ihr als Stütze und Fokus dienen. Diesen Zauber konnte sie aus eigener Macht heraus weben, schließlich war sie keine einfache Novizin mehr und war schon hundertfach über das magische Netz gereist.

Ihre Gedanken allein genügten und die Pfade gehorchten ihrem Willen. Ein funkelndes Tor erhob sich über der mondfarbenen Brücke, dahinter lag der magische Pfad, der sie binnen weniger Herzschläge an den Rosenturm bringen sollte. Yulivee fühlte Stolz in sich aufwallen. Dieser Zauber kam ihr sonst wie eine einfache Fingerübung vor, doch nach dem lähmenden Schrecken der Rosenlabyrinthe war dies endlich das Zeichen, dass sie zu ihrer gewohnten Stärke zurückfand.

Die Magierin trat zurück und übernahm wieder die Zügel ihres Schimmels. Sie überließ Tiranu den Vortritt über die Pfade. Der Fürst würde sie – hoffentlich sicher – in Langollions Zentrum führen.

Yulivee atmete tief durch, um sich der Spannung zu entziehen. Festen Schrittes folgte sie Tiranu durch den Albenstern.

Die Jagd nach Luanas Vergangenheit war vorüber.

Das Erste, was sie wahrnahm, war der salzige Geschmack der Seeluft. Eine frische Brise spielte mit ihrem Haar, während sie lächelnd die Schreie der segelfliegenden Möwen vernahm.

Sie befanden sich inmitten der schroffen Küstengärten, die hingabevoll angelegt vor dem Rosenturm lagen. Über großen, naturbelassenen Stein wucherten Salzkakteen neben tupfenförmig wachsenden Moosen. Über ihnen ragten kunstvolle Kuppellauben und Wasserspiele in den prächtigen, knospenprangenden Rosenbeeten. Obstbäume, über die Jahrzehnte von Salz und Wind knarzig gewachsen, trugen rosa- und perlmuttfarbene Blüten und lehnten sich weit über die angelegten Wege der Palastgärten.

Yulivee war schon einmal hier gewesen. Damals hatte sie Jornowell mit ihrem Besuch überrascht – und sie selbst hatte über das innige Verhältnis zwischen ihm und Morwenna gestaunt. An diesem Tag hatte sie nicht ahnen können, wie falsch sie mit ihrer ersten Vermutung lag und wie weit sie ihr Abenteuer bringen würde.

Tiranu führte sie an die große, der Rundung des Turms folgende Terrasse, die über den Gärten lag. An diesem Frühlingstag waren die Sitzgruppen der inneren Hallen herausgetragen worden. Die bunten Seidenbezüge der Polsterungen leuchteten in der Sonne, ebenso wie die edlen Stoffe, mit denen sich die Albenkinder bei Hofe schmückten. Man fand sich auf der Terrasse zusammen, trank Tee oder Wein, spielte Karten oder eine Partie Falrach, tauschte sich über den Klatsch bei Hofe aus oder las ein dickes Buch für sich allein. Die Stimmung war ruhig und wollte so gar nicht zu Yulivees Innenleben passen.

Die Magierin war sich sicher, dass sie kein Wort über ihre Lippen bringen könnte, sobald Jornowell vor ihr stand. Sie war noch nie gut darin gewesen, sich zu entschuldigen …

Als der Fürst die Treppe zur Terrasse erreichte, verstummten die meisten Gespräche. Aufgeregte Blicke suchten Tiranus Gestalt, während nach und nach leises Flüstern erklang. Es waren nur Wortfetzen, die Yulivee nicht verstehen konnte. Doch die Unruhe wallte über das friedliche Bild, wie eine Welle über den Strand. Etwas stimmte hier nicht!







* * *








Jornowell hatte einige schlimme Momente in seinem Leben verwunden. Er wusste, was es hieß, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustecken, zum ‚Wohl‘ der Familie, das so nie entstanden war. Er wusste, was es hieß, um ein ungeborenes Kind im Leib seiner Schwester zu bangen. Er wusste, was es hieß, beide Eltern viel zu früh zu verlieren. Jedes dieser Ereignisse war von außen an ihn herangetragen worden und man überließ es ihm, damit umzugehen. Nie war er zum Überbringer einer Nachricht solch argen Charakters geworden.

Ihm fehlten die Worte.

Tiranu und Yulivee waren in den Rosenturm zurückgekehrt, hieß es. Bei der Kunde war er benommen vom Arbeitstisch des Fürsten aufgesprungen, nur um wenige Momente später die beiden Elfen durch das Portal in die Räumlichkeiten treten zu sehen. Das Studierzimmer des Fürsten war an diesem Nachmittag belebt gewesen, zwei Sekretäre sortierten angeregt die anstehenden Korrespondenzen, während eine Magd die Silberpokale austauschte, in denen sie Wasser an die Beamten reichte. Sein Neffe Anarion stand vor dem Arbeitstisch, um jene Worte des Muts zu finden, den Jornowell längst für sich aufgegeben hatte. Vor wenigen Tagen war der Sohn seiner Schwester aus Arkadien angereist. Jornowell hatte in einem knappen Brief um die Hilfe des Lehrlings im Hause der Fürstin Valarias gebeten und diese postwendend erhalten. Anarion war eine Stütze für ihn – doch seine Gedanken vermochte er nicht zu beruhigen.

Als der Fürst in das Geschehen des Raumes trat, herrschte dann plötzlich Stille. Jornowells Herz sank, während er den Beamten und der Magd bedeutete, das Studierzimmer zu verlassen. Nur Anarion sollte bleiben.

Wie lange hatte Jornowell auf diesen Moment gewartet und ihn zugleich gefürchtet?

Sein Mund war trocken, wie von Asche gefüllt, während er Yulivee einen doch erleichterten Blick zuwarf. Die Elfe war unversehrt! Wenigstens das …

„Was im Namen der Alben hast du hier zu suchen!?“, durchbrach die ungehaltene Stimme des Fürsten die Stille. „Ich habe dich gewarnt, dich noch einmal hier blicken zu lassen! Wo ist meine Schwester?“

Jornowell wusste, die Worte waren allein an ihn gerichtet. Und doch suchte sein Augenmerk Anarion. Zu gut erinnerte er sich an die Drohung des Kriegers … Sollte Tiranu ihn noch einmal in seinem Arbeitszimmer vorfinden, kannte er keine Gnade mehr. Morwenna sollte die Staatsgeschäfte übernehmen. Sie allein. Doch …

„Wo ist Morwenna?!“, hob der Fürst erneut an. Die Ungeduld stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wirkte ausgezehrt im warmen Schein der Nachmittagssonne. Nicht nur unter seinen Augen hatten sich Schatten eingenistet. Auch Yulivees Gesicht wirkte müde, erschöpft. Ihm entging nicht, wie besorgt die Magierin Tiranu musterte, wie nahe sie bei ihm stand. Was war geschehen während ihrer Abwesenheit?

Jornowell würgte die Beklommenheit herunter: „Vor … vor drei Tagen … Cirinth …“

Anarion blickte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen, Aufforderung und Unverständnis an, doch Jornowell brachte kein Wort mehr heraus. Schließlich seufzte sein Neffe, ehe er selbst das Wort an Tiranu richtete: „Fürst Tiranu, erlaube mir, mich vorzustellen: Ich bin Anarion, Neffe von Jornowell und Enkel des Alvias. Jornowell sandte nach mir, auf dass ich meine Hilfe und Tatkraft in diesen Stunden für Langollion einsetze. Wie mir scheint, ist mein Onkel im Augenblick … etwas gelähmt. Lass mich erklären, was geschah.“

Tiranu wirkte, als würde er nicht übel Lust haben Jornowell samt seines Neffen aus dem geschlossenen Fenster zu werfen. Ein scharfer Blick traf den Weltenwanderer: „Gibt es noch weitere Freunde oder Verwandte, welche du mir zumuten möchtest?! Was tut dieser Jüngling hier?“

Anarion sprach unbeirrt weiter: „Fürst, ich bitte dich, mich anzuhören!“

Tatsächlich schaute Tiranu zu ihm. In seinen Augen glomm Argwohn, doch Anarion ließ sich davon nicht beeindrucken: „In deinen Landen wird der Aufstand geübt.“

In jenen Momenten der Stille, die den Worten folgte, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Jornowell wagte nicht zu atmen, fühlte aber zeitgleich, wie sich eine riesige Anspannung in ihm löste. Er nickte Anarion zu, der das Wort erneut ergriff.

„Eine Gruppe aus Albenkindern, welche offenbar dem niederen Stand Langollions angehört, hat sich in Vascar formatiert und ist ambitioniert, die dort ansässigen Barone zu erpressen. Dein Gesandter, Cirinth, welcher momentan in der zugehörigen Grafschaft weilt, wollte dir schriftlich bereits einmal von den dortigen Unruhen mitteilen, doch offenbar ging sein Brief … verloren. Deine Schwester ist nach dem Bericht eines ihr vertrauten Botschafters aus Vascar aufgebrochen, um sich den Aufständischen anzunehmen.“

Jornowell ließ sich zurück in den Lehnenstuhl sinken und war fassungslos. Wann war Anarion reif genug geworden, solch distanzierte Worte in Anbetracht ihrer momentanen Lage zu finden? Ein klein wenig Bewunderung wallte in ihm auf, gemischt mit Scham und Sorge.

Tiranus Blick sprach von ... da war keine Emotion. Jornowell schluckte. Cirinths Bericht war nicht etwa auf dem Weg in den Rosenturm abhanden gekommen oder dergleichen. Nein, er war zugestellt worden. Jornowell selbst hatte ihn nach Tiranus Abreise auf dessen Sekretär gefunden. Er musste den Brief erhalten haben, sogar im Begriff gewesen sein, ihn zu lesen, denn das Siegel war gebrochen gewesen.

Anarion fuhr fort: „Seit dem Aufbruch von Morwenna kam neue Kunde an deinen Hof. Die aufständischen Albenkinder verfügen wohl über einen Magier in ihren Reihen … seine Macht lässt die Handelsrouten durch Feuerwälle unpassierbar werden. Offenbar planen sie, die gräfliche Familie in ihrer Burg durch eine Belagerung aushungern zu lassen. Uns ist nicht klar, ob Morwenna bereits auf der Nebelburg weilt, oder ob sie sich noch auf dem Seeweg befindet.“

Tiranu war still. Sein Gesicht regungslos.

Anarion wartete einen Augenblick, ehe er wieder ansetzte: „Mittlerweile ist uns allerdings klar, weshalb die Aufständischen ihrem Unmut freien Lauf lassen. Die Frühlingsstürme haben in Vascar für Erdrutsche gesorgt, welche sowohl die hochgelegenen Weiden, als auch die Felder in den Talsohlen unbrauchbar machen. Eine große Herde Vieh wurde von einer Gerölllawine verschluckt, während die beständige Feuchtigkeit im Norden die Keimlinge für Getreide eingehen oder verfaulen lässt. Der Baron und seine Gemahlin sehen sich außer Stande, dem Volk durch Güter oder Gold Beistand zu leisten, während Cirinths Anwesenheit in Vascar – und seine repräsentative Tatenlosigkeit des Adels – als Provokation des Fürstenhauses gegenüber dem Volk angesehen wird. So wird weiterhin vermutet, dass Cirinth nur weiteres Gold aus den Rippen der Arbeiter und Bauern schneiden will, während die Armen unverändert hungern. Eine Korrespondenz mit dem Anführer der Aufsässigen, offenbar ein Großbauer, belegt diese Annahmen …“

Wieder erklang kein Wort von Tiranu.

Anarion setzte erneut zu einer Pause an und brachte seinen Bericht danach zum Abschluss: „Die Tochter der Barone, die neuernannte Baronin von Tamonin, erbittet in drei Briefen den Beistand des Fürstenhauses … Morwenna hinterließ ebenso eine Nachricht für dich, Fürst: Sie bittet dich, Ruhe zu bewahren und ihr die Klärung der Angelegenheit zu überlassen, denn sie fürchtet eine Übersprunghandlung des Volks, wenn du, Fürst, den Konflikt durch deine Anwesenheit zu klären gesuchst. Durch ihren langen Besuch in Vascar im vergangenen Winter und ihren damit einhergehenden gewonnenen Eindrücken rechnet sie sich gute Chancen aus, eine friedliche Lösung zu finden. Eine Vertraute der Fürstin, die Heilerin Naylin, welche nach dem letzten Aufenthalt der Fürstin in Vascar verblieb, soll ihr helfen, eine Verbindung zu den Aufständischen herzustellen … Außerdem sind die beiden Offiziere deiner Einheit, Silvain und Riana, an ihrer Seite, um ihr Bestes zu tun, Morwenna vor Unheil zu bewahren. Wir ordneten bereits die Sendung neuer Hilfspakete mit Nahrung und warmer Kleidung in die Baronie an, doch bisher kam keine Nachricht, ob sie die Dörfer Vascars wirklich erreicht haben.“

Jornowell wagte nicht, den Blick zu heben. Erst als Tiranu endlich die Stimme hob, schnellte sein Kopf in die Höhe: „Schick einen Boten in die Hauptstadt! Man soll meine Karavelle zum Auslaufen klar machen. Ich werde noch heute Abend aufbrechen!“

Anarion suchte ein Zeichen von Jornowells Zustimmung. Doch der Weltenwander begehrte auf: „Das ist der blanke Wahnsinn! Die Situation ist bereits eskaliert, wenn du nun …“

„Ich will nichts hören!“, mahnte Tiranu. „Nicht von dir! Du hast sie alleine gehen lassen, du …“ Der Fürst atmete tief durch, ehe er weitersprach. „Ich werde gehen. Und ich schwöre dir, das letzte Wort zwischen dir und mir ist noch nicht gesprochen! Sorge dafür, dass der Rest des Landes nicht in Unruhe gerät und …“ Jornowell wollte erneut etwas sagen, doch Tiranu kam ihm zuvor: „Und schweig!“

Mit diesem Ausruf wandte der Fürst sich um, wollte zum Portal hinaus. Doch kam er nicht weit. Yulivee trat ihm so bestimmt in den Weg, dass er stockte. Sie hielt die Gestalt gestrafft, den Kopf erhoben.

Jornowell stand auf und umrundete den Schreibtisch. Er hatte nicht vergessen, welchen Vertrauensbruch seine Freundin an ihm begangen hatte, doch eine gewisse Furcht um ihr Wohlergehen keimte in ihm auf. Sie sollte sich besser nicht erneut einmischen und Tiranus Wut auf sich lenken! Der Fürst schien wie ein Pulverfass, das jeden Moment drohte, zu explodieren. Yulivee würde in seine Schusslinie geraten und …

Offensichtlich war Jornowells Schutz nicht nötig, denn Tiranu hielt tatsächlich inne und sah die Magierin abwartend an. Trotz der prekären Situation fragte Jornowell sich erneut, wohin genau die Beiden für so lange Zeit verschwunden waren. Was war zwischen ihnen vorgefallen und warum sahen sie derart mitgenommen aus?

„Ich komme mit dir“, eröffnete Yulivee dann bestimmt. Jornowell wagte nicht, seinen Ohren zu trauen. Wie bitte!?

„Auf keinen Fall!“, schmetterte Tiranu den Einwand der Elfe ab und wollte damit an ihr vorbei.

Doch wieder vertrat Yulivee ihm den Weg: „Ich bin die Erzmagierin der Albenmark! Es ist meine Pflicht und meine Verantwortung, das Volk zu schützen! Ganz egal, ob ich diese hungernden Albenkinder vor dir schützen muss, oder die feinen Barone in ihrer Burg vor ihnen. Ich werde nach Vascar gehen, da kannst du dich noch so sehr winden!“

Der Fürst musterte Yulivee aus dunklen Augen. Seine Maske schien für einen Augenblick ins Wanken zu geraten. Wie gebannt verfolgte Jornowell den Wandel, als Anarion vertraulich zu ihm trat: „Ich werde einen Boten in die Hauptstadt schicken …“

Jornowell erwiderte das Flüstern mit einem mahnenden Ausdruck, doch sein Neffe schüttelte den Kopf: „Ich war von Anfang an gegen die Bitte Morwennas, Tiranu solle hier bleiben und Däumchen drehen. Das Volk braucht seinen Fürsten und er … braucht diese Chance, um sich endlich zu beweisen!“

Morwenna …

Jornowell machte sich Vorwürfe, sie ziehen gelassen zu haben. Lediglich zwei Kämpfer aus der Einheit der Schnitter folgten ihrer Reise. Einer von ihnen hatte ihn und Yulivee tagelang ausspioniert und wirkte in seiner jungenhaften Überheblichkeit kaum vertrauenserweckend, während die Elfe wenig kriegerisch und entschlossen, sondern eher zart anmutete. Die Beiden sollten als Leibwächter der Fürstin fungieren, doch Jornowell traute weder Silvain noch Riana über den Weg. Wenn jemand wirklich etwas an dem Wohlergehen Morwennas lag, so war dies ihr Bruder Tiranu. Wie oft hatte Jornowell diesen Umstand schon selbst zu spüren bekommen?

Der Hofmeister nickte und Anarion eilte aus dem Zimmer, um den Befehl des Fürsten umzusetzen. Selbst wenn der Feuermagier nicht seine schreckliche Barrikade vor der Nebelburg errichtet hätte, wäre der Seeweg nach Vascar die schnellste und klügste Reiseroute, denn im hohen Norden Langollions befand sich kein Albenstern in der Nähe der Baronie. Jornowell blieb zu hoffen, dass Tiranu einen Weg in die Burg fand und Morwenna rechtzeitig zur Seite stehen konnte. Ihre Vernunft und sein Temperament würden es in Zusammenarbeit vielleicht schaffen, eine gewaltlose Lösung zu finden. Wenn Tiranu dazu bereit war…

„Sieh ein, dass du meine Hilfe benötigen wirst!“ Yulivee und Tiranu fochten noch immer ihren innerlichen Disput aus, der allein durch die Härte ihrer Blicke für Jornowell deutlich wurde. Dann änderte sich Yulivees Ton schlagartig: „Du vergisst, dass du noch eine Schuldigkeit an mir zu vollbringen hast und ich werde dich nicht aus den Augen lassen, ehe du sie geleistet hast!“

Was immer Yulivee meinte, es zeigte Wirkung. Tiranu biss sichtlich die Kiefer aufeinander, nickte, schritt an ihr vorbei aus dem Raum und grollte: „Bei Sonnenuntergang lasse ich den Anker lichten, bis dahin solltest du bereit sein.“

Jornowell schaute aus den Fenstern in seinem Rücken. Bis zum Sonnenuntergang waren es nur noch etwa drei Stunden …
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