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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
18.06.2016 4.177
 






Ein erlaubter Kuss ist niemals so viel wert wie ein gestohlener


Der Regen klatschte an die Scheiben und trommelte einen schnellen Takt auf die Welt. Ein dunkler Schleier lag auf dem Waldkamm über den Rosenlabyrinthen und so schnell würde er sich nicht für frühlingshelles Sonnenlicht teilen. Auf Langollion fand man in diesen Frühjahrstagen nur wenig Blühendes. Dafür hielten unzählbare Regenschauer, dichte Graupelfälle, dicke Frostteppiche über Bergwiesen und schillernde Raureifdecken auf dichten Tannwäldern das Land in eisiger Faust umklammert. Wilde Stürme tanzten über die Insel und gaben kaum etwas Liebliches preis.

Tiranu verengte seine Augen und versuchte die Gedanken, welche in ihm aufwallten, zu bekämpfen. Ein Sturm war nichts Besonderes in dieser Jahreszeit, nicht für langollische Verhältnisse. Doch die Situation, in der sich sein Fürstentum befand, vertrug diese Art der Wetterschwankungen nicht. Bald würden die ersten Pflüge auf die Felder gebracht, das Vieh in die Hochebenen getrieben, die Saat unter die Erde gesetzt und der Fischfang in den Flachufern der Nordküste ausgedehnt werden. Eine hungernde Bevölkerung könnte diese Arbeit nicht verrichten; nicht wenn sie durch die Frühlingsstürme zusätzlich an Stärke beraubt würde. Und wie sollten seine Untertanen wieder an Stärke gewinnen, wenn sich die Felder nicht bestellen, das Vieh nicht ernähren und die Fangnetze nicht auswerfen ließen? Die Setzlinge und Keimlinge vertrugen keine grobe Feuchtigkeit, die Hänge in den Bergen waren durch den Schneefall in den höheren Regionen unpassierbar und der Wellengang des Flachmeers unkontrollierbar. Kein Gold der Albenmark würde etwas an dieser zerrütteten Situation ändern können. Auch nicht dann, wenn es von fetten Zwergen oder unmäßigen, arkadischen Fürstinnen kam.

Seine Gedanken wurden von leisen Schritten in seinem Rücken unterbrochen. Tiranu hörte, wie Yulivee in den Saal trat und die Portaltür mit einem lauten Knacken hinter sich schloss. Sie war also endlich erwacht. Er hätte erwartet, dass sie weiterhin versuchte, ein unsinniges Gespräch mit ihm zu führen, doch die Magierin blieb still. Er war dankbar dafür.

Wenigstens ließ sie ihm nun endlich seinen Frieden.

Nachdem er für eine schiere Ewigkeit dem Sturm unter Luanas Birke getrotzt hatte, wählte er den Weg der Vernunft und folgte Yulivee in den nahegelegenen Palast über dem Waldkamm. Sein Herz war schwer, seine Gedanken marternd. Es wiederstrebte ihm zutiefst, den Gläsernen Palast zu betreten, in dem so viele Erinnerungen lebten. Doch ein Ritt über die Feldraine wäre bei diesem Unwetter zu gewagt. Selbst für ihn. Und so wählte er den Waldpfad hinauf auf das Hochplateau, auf dem seine älteste Schwester einst residierte.

Noch immer schien Yulivee keinen Zugang zu ihren magischen Fähigkeiten gefunden zu haben, denn das magische Siegel an der Tür zu Luanas Refugium blieb unangetastet, während die minder geschützte Tür zum Gesindehaus weit offen stand. Dieses zu betreten stand ihm jedoch nicht im Sinn. Die tief verborgene Sonne musste hinter den Wolken noch hoch stehen, als er die entrückte Welt der Gewächshäuser im Rücken der Palastfassade betrat. Doch die Nacht war über das Land gekommen, als er die bunten Gärten des steten Sommers wieder verließ. Er hatte dort keine Ruhe gefunden, weniger noch einen Gedanken, der eines guten Ursprungs war.

Die Blütenfeen hatten ihn nicht willkommen geheißen in ihrer kleinen, abgetrennten Welt. Sie waren damit beschäftigt gewesen, dutzende Falter in der gelockerten Erde zwischen Bachlauf und Palmblatt zu bestatten. Als sie ihren Fürsten erblickten, schienen sie zu ahnen, was geschehen war. Sie machten ihn verantwortlich. Tiranu hatte seine Wut und das Verlangen, die lästigen Feen zwischen den Fingern zu zerdrücken, niedergekämpft. Was genau wussten sie? Und wie lange wohl schon?

Dass auch die Nachtfalter aus den Gewächshäusern verendet waren, wunderte ihn dagegen nicht. Samucs Magie nährte sie nicht länger und ihr Lebenslicht war gemeinsam mit ihm verloschen. Sie, die hier so entrückt von den Labyrinthen lebten, waren anders gewesen. Im Gegensatz zu ihren Brüdern und Schwestern in den Irrgärten bargen sie keine Erinnerungen, kein Wissen. Sie waren unbespielt, magisch verändert zwar, aber doch trugen sie nicht die Last der Vergangenheit in sich. So würde jeder sie mit einem Zauber belegen können, der eigene Erinnerungen barg. Diese Gefahr war nun auf immer gebannt. Es gab keine Träume mehr und es schien so, als wären selbst die letzten Beweise für die Geheimnisse des Rosenlabyrinths vernichtet.

Er fühlte keine Genugtuung bei diesem Gedanken.

Wenigstens hatte er einige Früchte und frisches Wasser in dem Gewächshaus finden können, ehe er sich doch bereit zeigte, nach der auffällig zurückhaltenden Magierin zu sehen. Unter einem dicken Federbett, leise schnarchend und verrenkt wie ein Kleinkind fand er sie in der Kammer einer Magd vor. Er stand eine kleine Weile an ihrem Bett, verwundert darüber, wie schnell die Erschöpfung sie alles um sich herum vergessen ließ. Sie war zu vertrauensselig.

Schließlich verschlug es ihn in die große Halle des Haupthauses, in der vor wenigen Wochen noch das Abschiedsfest für die Anwesenden der langwierigen Krisenunterredungen gefeiert worden war. Er erinnerte sich an eine angespannte, lautstarke Stimmung, viele Tänze, prächtige Farben und ein wenig Hoffnung für das Reich. Nun war es hier so leise, dass er beinahe seinen eigenen Herzschlag hören konnte.

Tiranu wandte sich nicht zu Yulivee, als sie die Stille im Saal weiter klingen ließ. Doch er bemerkte, dass sie sich der Feuerstelle in seinem Rücken näherte. Dort verharrte sie schweigend, ungewohnt schweigend. Das Knacken im Holz und das Prasseln der Flammen schienen dagegen lauter zu werden. Fast klang es so, als würde ein Rosendrache über dem Kamin fauchen.

Erst nun wagte Tiranu einen fragenden Blick über die Schulter.

Die Erzmagierin stand tatsächlich vor dem ausladenden Kamin, dessen Holztäfelungen sie weit überragten. Ihr Blick hing am Spiel der Flammen, während sich ihre Lippen leicht im Beschwören eines Zaubers bewegten.

Sie lächelte.

Yulivee, die Lachende. Dies war einer der Beinamen, welche im elfischen Volk für die Erzmagierin existierten. In den letzten Tagen hatte er geglaubt, abseits dieser entrückten Phantastin eine ernsthaftere, wahrere Seite an ihr gesehen zu haben. Doch mit diesem Zug in ihrem Gesicht gewann sie wieder etwas von der Fremden, der Unerreichbaren. Der Getreuen der Königin.

Im Feuer leuchtete ihr gereinigtes, leicht gewelltes Haar in einem Kupferton auf, der Tiranu auf eigentümliche Weise daran erinnerte, wie mutig sie gewesen war. Die Elfe war weitaus schlimmer von den Strapazen des Labyrinths gebeutelt worden als er selbst. Und nun stand sie hier und lächelte, während sie die Flammen tanzen ließ! Eine gewisse Naivität war ihr nach all ihren Muterprobungen der letzten Tage nicht abzusprechen.

Eine unbedarfte Kriegerin in flammender, bronzener Rüstung. Sie schien diese Wehrkleidung nicht zu tragen, um unbeschadet einen Schlag abzufangen, sondern lediglich, um einen Schlag schon zu vereiteln, bevor er vollführt wurde. Gern umgab sie sich mit dem Schutzmantel einer starken, fröhlichen, kindlichen, halsstarrigen Persönlichkeit, die keine Befehle annahm – ganz egal, von wem sie stammten. Doch trotz dieses fremden Zugs auf ihrem Gesicht, trotz der aufpolierten Abwehr erkannte Tiranu das aufgewühlte Seelenkleid der Magierin. Eine schlechte Maskerade.

Er wollte sie herausfordern, diese Farce zu durchbrechen.

Geräuschlos fand er den Weg an ihre Seite und wunderte sich darüber, wie schwer es Yulivee plötzlich fiel, den Zauber zu brechen, der im Kamin loderte. Nur nach und nach lösten sich die Schemen in den Flammen. Er hatte kaum mehr als einen Blick für das Schauspiel. Tiranu suchte die Aufmerksamkeit der Valerin und fand sie in ihrem unmittelbaren Augenmerk.

Dunkle Schatten prangten auf ihren Lidern, doch ihr Blick war klar, ungebrochen. Braun und durchmasert wie das hingabevoll polierte Holz einer Schwarzeiche waren die Farben ihrer Iriden. Und ein Funke war in ihnen, den er erst zu erkennen glaubte, als sie sprach: „Danke … danke, dass du gekommen bist. Ich … ich lag so falsch.“

Tiranu war überrascht. Ihre Stimme klang ungewohnt hohl und kratzend. Doch mehr überraschte ihn, ihre Hand an seiner Wange zu fühlen. Die Berührung war weich und einnehmend und doch unangenehm. Was bezweckte sie? Er griff ihre Hand und entzog sich damit ihrer Nähe. Hatte er zugelassen, dass sie den Spies umdrehte und nun ihn herausfordern wollte?

Doch ihr Blick war zu … offen, unbedarft. Er glaubte, sie zittern zu fühlen. Und für einen Moment war ihm, als hörte er die Stimme des alten Samucs in seinen Ohren widerklingen: ‚Sag mir, was bedeutet sie dir?‘

‚Nichts!‘, war die Antwort auf jene heimtückisch gestellte Frage des beseelten Baums gewesen. Tiranu war überzeugt von seiner Haltung gewesen, war es noch, doch …

Da erklang die Stimme des Holunders stechend klar in seinen Gedanken: ‚Du lügst!‘

Lachhaft!

Ein Ausloten dieser Fehlbehauptung würde beweisen, wie intrigant das Spiel des beseelten Baums gewesen war und wie weit Yulivee sich erneut aus ihrem Kokon locken lassen würde …

Er beugte sich vor, nur ein Stück, und küsste sie. Wo er eben noch die Distanz zu ihr gespürt hatte, fühlte er nun ihre Nähe, ihre zugewandte Präsenz. Ein Teil von ihm hätte erwartet, dass sie zurückwich, sich ihm entzog. Doch bereitwillig reckte sie ihren Nacken durch, griff seinen Arm und erwiderte den Kuss in einer zurückgenommenen Leidenschaft der zarten Berührtheit.

Ihr Atem war heiß auf seinem Gesicht, heißer noch als das prassende Feuer zu seiner Seite. Auf ihren Lippen lag das Versprechen, welches kein Wort in allen Welten auszudrücken vermochte. Viel zu sehr betörte ihn der Zauber des Moments, als dass er der Stimme seines Verstands lauschte, welche ihm riet, gerade diese Elfe nicht als ein selbstverständliches Mädchen für eine Nacht anzusehen. Schlimmer noch: Er verlor das eigentliche Ziel aus den Augen!

Die Stimme und ihre Warnungen verklangen augenblicklich, als er Yulivee näher an sich zog. Seine Herzschläge verstrichen schneller – und mit einem Mal, schien die Zeit stehen zu bleiben.

Yulivee löste den Kuss, entzog ihm ihre Hände: „Nicht …“

Es war nur ein Hauchen, das gegen das beständige Trippeln des Regens kaum wahrzunehmen war. Und doch klang dieses Wort lauter als selbst der Donner. Unumwunden löste er sich von ihr, gab sie frei. Als er in ihr Gesicht sah, erkannte er Überraschung – oder war es Schock? – darin. Ihre Augen waren weit geöffnet, während ihre Hand bebend über die leicht geröteten Lippen strich. Sie schien in Trance, verunsichert. Was auch immer in diesem Moment in ihr vorging, die Magie des Moments war vergangen. Gänzlich vergangen.

Der Fürst schaute in den Kamin. Das Feuer darin war verloschen.


* * *



Yulivee folgte Tiranus Blick und schauderte. Die Holzscheite in der Feuerstelle glommen noch schwach in einem Ton von Zimt, doch die Flammen waren erstickt. Hatte ihre noch immer unkontrollierte Magie es gelöscht?

Bei den Alben! Was war nur in sie gefahren?!

Verlor sie nun endgültig den Verstand, sich von diesem Elfen küssen zu lassen!? Hastig wich sie einen Schritt von der Gestalt des Fürsten zurück und hielt die Hand über ihren Lippen, als galt es, ein Geheimnis zu wahren. Das durfte nicht wahr sein! Das durfte sie nicht wirklich gewollt haben!

Vseslin. Immer wieder kreuzte Vseslins Gesicht ihre Gedanken, sein Namen ihren Geist. Niemals würde sie ihn hintergehen …

Aber gerade …

Tiranu streckte seinen Rücken durch und ließ eine Lichtkugel über ihren Köpfen entstehen. Ein mattes, grünliches Licht strahlte auf ihn herab. Schweigend blickte er aus seinen schattenverhangenen Augen zu ihr. Ihn schienen die letzten Momente kaum zu rühren… Oh, wie sicher sie sich war, dass diese Lippen schon sehr viele Elfendamen geküsst hatten. Er hatte etwas im Schilde geführt mit diesem Kuss … diesem Überfall! Dessen war sie sich bewusst. Und doch fragte sie sich, ob dieser Moment nicht doch von ihr ausgegangen sein könnte.

Nein, niemals!

Dieser … dieser eitle Fatzke! Dieser Frauenheld, Verführer, Schwerenöter!

Gewollt? Dieser Kuss? Von ihr!? Nie und nimmer!

Gerade wollte sie den Mund aufmachen, um etwas zu sagen. Manchmal half es, wenn man etwas laut aussprach, um es wirklich glauben zu können. Aus ihrer Tirade wurde ein leises Ächzen, das kaum den Titel einer Standpauke verdiente. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

Verflucht! Sie war doch keine Jungfer mehr …

Tiranu wandte sich zu ihr und legte den Kopf schief. Natürlich musste er sehen, dass ihr Gesicht nicht nur heiß, sondern unumgänglich auch die Farbe eines reifen Apfels angenommen hatte. Er räusperte sich: „Du wirkst unausgeglichen, um nicht zu sagen: unkontrolliert. Du solltest besser schlafen, ehe du versehentlich das Anwesen in Schutt und Asche legst. Wir brechen morgen Früh auf.“

Die Erzmagierin vermochte nicht, ihren Ohren zu trauen. Empört stand ihr der Mund offen, doch kein Wort wollte ihm entweichen. So blieb es ihr, Tiranu dabei zu beobachten, wie er den Saal verließ. Ganz so, als sei nie etwas geschehen.

Fassungslos sah Yulivee zu den Flügeltüren herüber, welche nunmehr geöffnet in die dunklen Gänge des Palasts verwiesen. Tiranu war verschwunden. Nur seine Lichtkugel war an ihrer Seite geblieben, sie und die Wärme der Kohlen.



* * *



Yulivee erinnerte sich an eine harte Nacht, ehe der Schlaf sich ihrer erbarmt hatte. Erst weit nach Mitternacht, als der Sturm endlich verklungen war, fand sie noch einmal Ruhe. Es war eine traumlose, schwarze Ruhe gewesen und der Morgen kam viel zu früh.

Ein hellperlendes Licht traf sie durch die regennassen Fenster. Yulivee hob den dröhnenden Kopf und blickte hinaus. Die Wolken vor dem Anwesen waren verschwunden. Endlich.

Die Magierin hatte sich auf dem Diwan vor dem Kamin zusammengerollt. Zwei grünbespannte Kissen waren auf ihren Füßen zu einem schlechten Deckenersatz geworden. Doch nach den Ereignissen der letzten Nacht hatte sie wenig Lust verspürt, zurück zu dem warmen Federbett in den Gesindekammern zurückzukehren. So blieb sie, die letzte Glut verlöschen sehend, auf der Polsterung liegen, während die Lichtkugel über ihrem Kopf langsam und stetig blasser wurde.

Steif ließ sie nun ihre Beine über die Polsterung gleiten, um sich zu erheben. Und natürlich beförderte sie in dieser wenig anmutigen Bewegung die beiden Seidenkissen auf den abgekühlten Boden zu ihren Füßen. Gerade wollte sie die Kissen greifen, als ein leises Geräusch an ihre Ohren drang. Es wehte von draußen zu ihr herein … auf dem Hof erklang das vertraute, dunkle Wiehern eines Pferdes.

Felbion!?

Hastig und plötzlich verdammt wach, sprang die Magierin auf und hastete aus dem Saal. In den Korridoren erwartete sie die finstere, frostige Kälte eines langollischen Frühlings. Umso erleichterter war sie, vor dem großen Eingangsportal gleißendem Sonnenlicht und einer angenehme Windstille entgegenzutreten.

Auf dem Hof bot sich ihr ein Bild, welches sie so nie und nimmer erwartet hätte. Halb glaubte sie, noch immer zu schlafen …

Felbion, ihr großer Schimmelhengst, hielt sich dicht an einen braunroten, schlanken Begleiter, dessen kastanienfarbene Mähne im Morgenlicht glänzte. Die beiden Pferde waren gesattelt und offensichtlich wohlig aufgedreht. Tiranu stand bei dem Fuchs und prüfte den Sitz der Trense unter den großen, runden Augen des Pferds. Es war aus schlichtem, braunem Leder gefertigt, das keinen Hinweis auf den Stand von Ross und Reiter gewährte.

Felbion scharrte über die Steinplatten, als er sie zu bemerken schien. Tiranu ließ seine Zügel fahren und der Schimmel tänzelte auf sie zu. Über Yulivees Gesicht huschte ein Lächeln, als sie den Kopf ihres Gefährten in eine warme Umarmung schloss: „Ich habe dich auch vermisst, mein Freund!“

Wie um alles in den Welten hatte Tiranu herausgefunden, wo Felbion untergebracht war…? Vermutlich war ein solch stattlicher Schimmel, wie er einer war, schwer auf den Koppeln der nahen Siedlung zu übersehen gewesen.

Schmunzelnd strich sie über die samtene Haut von Felbions unruhigen Nüstern. Offenbar stand ihm der Sinn nach Abenteuern …

Der Fuchs hatte sie längst mit einem neugierig-interessierten Blick fixiert, bemerkte sie dann. Doch sein Herr übte sich in einem undefinierbaren Gleichmut, der sie keines Blickes würdigte. Sie biss sich auf die Lippe, als sie den Drang verspürte, die unangenehme Stille mit einem knappen Morgengruß zu durchbrechen. Nein, dieser Mistkerl hatte keine Freundlichkeit verdient! So verkniff sie sich auch jede Frage, die ihr zu dem plötzlichen Erscheinen von Felbion in den Sinn kam.

Stattdessen nahm sie ihre Konzentration zusammen, um sich mit einem möglichst geschickt wirkenden Schwung auf Felbions Sattel zu … hieven. Doch ihrer Hand entglitt das morgenfeuchte Sattelhorn mitten in der Bewegung, was sie dazu zwang, den Fuß erneut auf den Boden zu setzten, während der andere verkrampft im Steigbügel hin und her rutschte.

Verdammt!

Argwöhnisch warf sie einen Blick zu Tiranu – der ihr Missgeschick ganz unverhohlen zu beobachten schien. Der Fürst hob eine Braue: „Benötigst du Hilfe, Erzmagierin?“

Yulivee kroch es eiskalt den Rücken herunter – vor Wut! Sie hasste es, wenn er sie so nannte! Dieser Ton in seiner Stimme, dieser herablassende Spott!

„Ich komme sehr gut allein zurecht, Fürst!“, grollte sie betont ruhig, ohne wirklich sicher zu sein, ob er sie auch verstand. Erneut stieß sie sich vom Boden ab und die Wut gab ihr die Kraft, endlich in den Sattel zu kommen. Erleichtert atmete sie aus. Sich von Tiranu in den Sattel helfen lassen, pah! Als sei nichts geschehen, tätschelte sie Felbions Hals und zwitscherte betont lässig: „Können wir aufbrechen, oder hast du vor, hier festzuwachsen?!“

Eigentlich hatte die Elfe es nicht eilig gehabt. Der Schlaf saß ihr noch immer in den Augenwinkeln und die Kälte stach heimtückisch in ihre nackte Haut. Doch das klare Bild der Palastfassade, ausgestrahlt von der Frühlingssonne, weckte die unangenehmen Erinnerungen an die letzte Nacht. Und nicht nur das …

Das Traumbild von Luanas Zusammenbruch auf dem Hof flackerte in ihren Gedanken auf. Hier hatte Luana von Marveen erfahren, wie das Ende über die Rebellion ihrer Sippe gekommen war. Sie hatte diese Erfahrung mit ihr geteilt, wenn auch unfreiwillig. Umso deutlicher war der abneigende Schmerz, der sich in ihr auftat. Wenn man jemanden liebte, wie Marveen Luana geliebt hatte … das war keine aufrichtige Liebe! Ein Konstrukt der heimtückischen Begierde und verräterischen Gier!

Yulivee wollte fort von hier.

Auch Tiranu war aufgesessen. Er sah sie lange an, ehe er die Stimme hob: „Westwärts, über die Feldraine, einen Tagesritt von hier, liegt ein großer Albenstern, der dich ins umgehend Herzland oder nach Valemas bringen kann.“ Der Fürst machte eine bedeutungsschwere Pause, ehe er fortfuhr: „Südwärts, in den Schattenwäldern, kreuzen sich vier Albenpfade, über die wir in den Rosenturm gelangen.“

Yulivee straffte ihre Gestalt. In seinen Worten schwang nicht nur die unausgesprochene Frage nach ihren nächsten Schritten mit. Tiranu wollte wissen, ob sie sich im Stande sah, den niederen Albenstern zu öffnen.

Sie hatte sich in den letzten Tagen ein Bild von Tiranus Magiebegabung gemacht. Von einem besonderen Talent konnte man bei ihm nicht sprechen, allerdings würde es ihm vermutlich mit Leichtigkeit gelingen, einen großen Albenstern zu passieren. Niedere Portale allerdings waren tückisch. Er brauchte sie, um schneller in den Rosenturm zurückzukehren.

Yulivee griff nach dem Chrysoberyll an ihrer Hüfte und dachte an Jornowell. Ihm war sie alle reuevollen Worte schuldig, die in Albenmark existierten. Doch mehr noch brannte es in ihrem Herzen danach, sich ihm endlich zu erklären.

„Ich möchte mit Jornowell sprechen“, entschied die Magierin.

Tiranu verzog die Lippen: „Ich erinnere dich an den Schwur der Verschwiegenheit, den du vor mir in den Labyrinthen geleistet hast.“

„Dieser Schwur bezog sich auf mein Schweigen Emerelle gegenüber“, wandte sie kopfschüttelnd ein. „Dies auch nur dann, wenn du mir endlich deinen Schwur geleistet hast.“

Der Fürst wollte etwas sagen. Der Widerwille war ihm deutlich anzusehen, wenigstens dieses eine Mal. Doch er hielt sich zurück und schnalzte stattdessen mit der Zunge. Der Fuchs verstand das Zeichen auf Anhieb und führte seine lebendigen Schritte den Hof entlang, bis die weit angelegte Treppe zum Tal hinab folgte. Yulivee und Felbion setzten ihren Gefährten nach.

Beinahe war es so, als wäre gestern Nacht nichts geschehen. Beinahe.


* * *



Der Nachmittag brachte eine milde Wärme mit seinen vereinzelten Sonnenstrahlen. Über der weiten Ebene, die zwischen den schneebedeckten Bergkämmen verlief, hatten sich rauchartige Wolken gesammelt. Sie waren weiß wie das Puder der Damen an Emerelles Hof und versprachen damit einen regenfreien Tag.

Felbion genoss den leichten Galopp, den sie über der Flussfuhrt diktierte. Ein Schotterbett führte in leichter Steigung aus dem trägen Eiswasser heraus, das sie vor wenigen Momenten noch so unerbittlich umschlossen hielt. Yulivee sah die großen Wassertropfen, die von Felbions Fell auf die Steinbank perlten. Vor ihr hatte Tiranus Fuchs eine Spur aus grauen, unförmigen Flecken hinterlassen.

Die Luft war herrlich! Frisch und würzig. Kein Vergleich zu dem stickigen, nebelvergangenen  Odem der Labyrinthe. Die Erzmagierin musste sich eingestehen, trotz der bleiernen Müdigkeit in ihren Gliedern, den Ritt über Wildwiesen und durch Tannenhaine so sehr zu genießen, wie Felbion es tat. Das Gefühl des Winds auf ihrem Gesicht war angenehm. Vor allem, nachdem ihr aufgegangen war, dass sich in ihren Satteltaschen noch immer ihre zusammengefasste Reisegarderobe befand. Nach kurzem Zögern befand sie, dass ein gefütterter Überwurf aus valerischer Seide kein Eingeständnis von Schwäche war, und wickelte sich den dottergelben Stoff eng um die Schultern. Zu gerne hätte sie sich ausgiebig im Fluss gewaschen und ihre restliche Kleidung gewechselt, doch Tiranu erwies sich als ausgezeichneter Sklaventreiber.

Ein breiter Feldweg führte sie nun weiter ins Landesinnere und Yulivee fühlte sich geneigt, das Tempo nach der Schotterpassage wieder anzuziehen. Ein sachter Tritt in die Flanke von Felbion und das Tier stob an Tiranus Fuchs vorbei. Ein Wirbel aus schlammiger Erde und nassen Gräsern wehte hinter ihnen auf. Das Lachen, welches sich ihr entrang, kribbelte beinahe schmerzhaft in ihrem Bauch. Halsbrecherisch war die Geschwindigkeit, welche Felbion und sie suchten: Ein falscher Tritt, ein Erdloch, ein größerer Stein …

An Yulivees Wangen perlten Tränen hinab, die dem Wind zum Opfer fielen. Endlich war sie wieder Herrin ihres Schicksals, auch wenn ihr sehr wohl bewusst war, dass die nächsten Tage noch zur wahren Zerreißprobe werden könnten. Doch das Grauen der Labyrinthe verzog sich Stück für Stück aus ihrer Seele.



* * *


Tiranu sah dem Farbwirbel aus safrangelber und azurblauer Seide, ebenholzdunklem Haar, schneeweißem Schimmelfell und den karmesinroten Bändern in der silbernen Mähne hinterher. Yulivees Tempo war wagemutig, ihr Lachen wie Spott für die gewollte Gefahr.

Der Fürst brauchte seinen Fuchs nicht erst anzuleiten, um dem Schimmel nachzueifern. Sein Galopp war leicht wie der Flug einer Schwalbe und kraftvoll wie die Jagd eines Panthers. Und doch fiel es ihm nicht leicht, zu seinem Gefährten aufzuschließen. Die Magierin hielt sich geschickt im Sattel und war weitaus vertrauter mit ihrem Reittier, als er es mit seinem war. Sein Fuchs hatte aber offenbar keinen Hang dazu, allzu schnell kleinbeizugeben.

Schon am frühen Morgen, als der Raureif noch über den Feldern lag und er den einsamen Weg in die Siedlung an Luanas Palast antrat, war ihm aufgefallen, dass die beiden Pferde in der Obhut des Bauern ein Band der Freundschaft zu einander geknüpft hatten. Sobald Tiranu den Fuchs aus den Stallungen geführt hatte, folgte ihm Yulivees Schimmel ohne Zögern. So vertrauensselig wie seine Herrin …

Yulivee bewies nun einmal mehr ihren Wankelmut. Die gelöste Stimmung wollte nicht recht zu ihrem Gebärden der letzten Stunden passen. Oder aber dies hier war die echte Yulivee, die ihre betonte Leichtigkeit wie einen Schleier vor dem Gesicht trug? Dabei hatte er geglaubt, dieser Schleier sei nach den Ereignissen in den Rosenlabyrinthen von ihrem Antlitz gefallen. Offenbar war dies ein Irrtum.

Tiranu  dachte unweigerlich an den Kuss zurück. Bisher hatten ihn nicht viele Elfendamen abgewiesen…

Seine Provokation war ganz und gar anders verlaufen, als er zunächst erwartet hatte. Zumindest, was ihn betraf. Einen einzigen Moment lang hatte er geglaubt, sich für diese Idee gewinnen zu können. Beinahe war er sogar versucht, den albernen Gerüchten um Blutbirnen und ihren anrüchigen Liebeszaubern Glauben zu schenken. Wenn Yulivee nicht plötzlich doch zu Sinnen gekommen wäre, hätte er die Sache möglicherweise zu weit getrieben. Viel zu weit.

Trotz ihrer Sinneswandlung hatte sich klar herauskristallisiert, dass Yulivee weder abgeklärt, noch beherrscht oder gar erfahren war. Die Momente vor ihrem hastigen Rückzug waren von einer unschuldigen Leidenschaft geprägt gewesen, die er bisher selten zu schätzen wusste. Die Damen in seinen Kreisen waren … souveräner, was das betraf. Wenn es ihn allerdings schon gewundert hatte, dass Yulivee ihn erst so nahe an sich heranließ, dann war der plötzliche, kalte Umschwenk eine kleine Überraschung gewesen. Und doch war noch immer die hitzige Reaktion von Yulivee ausgeblieben, welche er anfänglich heraufbeschwören wollte.

Statt also endlich ihre vorlaute Zunge zu finden, um ihn zurechtzuweisen, hatte sie puterrote Wangen bekommen und war verdammt zaghaft, ja sprachlos geworden. Dabei hätte er sich gewünscht, endlich eine offene, ehrliche Meinung von ihr zu erfahren. Keine bröckelnde Maskerade, auswendig gelernte Phrasen, nachgeplapperte Meinungen oder gar einen aufgesetzten Schwenk ihrer angeblichen unbeeinflussbaren Selbstbestimmtheit! Er wollte ihre Fehler finden. Ihre Fehler waren das Reizvollste an ihr.

Yulivees Lachen verstummte. Vor ihnen erstreckten sich Schatten in den Tälern. Tiranu lächelte knapp. Bald wären diese unseligen Tage endlich gezählt und er könnte sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

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Naja, Romantik geht dann wohl doch anders, Tiranu :D

Der werte Titel des Kapitels ist ein Zitat aus „Die Beichte einer Frau“ von Guy de Maupassant. Was die Aussage angeht, da dürften sich die Geister scheiden, allerdings passt es perfekt  zum Inhalt. Durchaus mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Mit dem Liebeszauber habe ich wohl nicht nur einen beinahe rangekriegt. Ich habe mich entschlossen, da mal die Kirche im Dorf zu lassen. Einen Liebeszauber gibt es noch nicht mal vom Dschinni in Aladdin, also wird er in meiner bescheidenen Story Bezug auf die Blutbirnen so auch nur in als Gerücht-Wahrheit existieren. Den Birnen wird es also nachgesagt, aber es stimmt nicht so wirklich. Ich hoffe, das kam im Text auch so an?

Also danke nochmal an der Stelle an Phae, Xijoria (du bekommst deine Reviewantwort gleich sofort, aber ich wollte dir nicht die Spannung vorm Kapitel nehmen) und Flammendo für die tollen Kommentare. Ich liebe es, eure Meinung zu hören. Tausend Küsse!
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