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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.06.2016 4.256
 


Flammenspiel




Ein dunkles Grollen tönte bedrohlich durch das Plätschern des Regenschleiers. Für die Dauer eines Atemzugs war die milchig scheinende Welt in ein unwirkliches, zuckendes Licht getaucht. Steinerne Drachenfratzen spien gleißende Rinnsale auf die aufgepeitschte Erde hinab. Über ihnen wackelten gusseiserne Laternen im böigen Wind, doch ihr hohles Knattern war im Tumult des Sturms kaum auszumachen. Stattdessen klangen fliegende Schritte platschend in den Pfützen.

Yulivee beeilte sich, die letzten Treppenstufen zur Terrasse hinauf zu überwinden. Ein dunkles Muster war auf den Steinplatten angebracht, doch der Starkregen verzerrte jedes Bild, welches sich ihr bot. Lediglich zwei riesige Schatten zeichneten sich unweit von ihr deutlich und hochaufragend im Regenschleier ab.

Luanas Palast!

Als sie die schweren Flügeltüren des Haupthauses erreichte, bedachte sie der Verzweiflung nahe die eisernen Beschläge an den Doppeltüren. Zwischen silbern schimmernden Schlossplatten war ein Riegel, so dick wie ihr Unterarm, zu erkennen. Eine magische Schutzaura schlug ihr entgegen, ganz so, als erkenne sie ihre Absicht genau.

Ein weiterer Blitz zuckte am eisenfarbenen Himmel. Das Donnergrollen ließ keinen Herzschlag lang auf sich warten und bebte bis auf ihre Knochen hinab. Fluchend wandte sich Yulivee um und ließ ihren Blick über den weiten Hof schweifen. Kurzerhand beschloss sie, ihr Glück am Nebengebäude zu versuchen. Hauptsache, sie kam endlich ins Trockene!

Die ungezählten, hastigen Schritte zum überdachten Absatz des Gesindehauses überwand sie beinahe schlitternd, ehe sie – natürlich – erfolgslos an dem schweren Türgriff rüttelte. Dieses Mal hatte sie es spürbar mit einem kleineren Riegel zu tun, welcher seine besten Zeiten gewiss schon hinter sich hatte. Sie stemmte und drückte sich gegen die Tür, doch all ihre Kraft wollte nicht reichen, um die Tür zum Nachgeben zu bewegen.

Schließlich fasste sie eine Art Mut der Verzweiflung und griff nach der magischen Essenz im Holz und in den winzigen Metallstreben, welche den Riegel zurückhielten. Sie tat das bei weitem nicht zum ersten Mal – wie viele unbedarfte Streiche nur hatten genau so begonnen? Doch dieses Mal war es anders, ihre Sinne täuschten sie. Was ihr sonst einer Fingerübung gleich gelang, kam ihr nun wie der linkische Versuch eines Mädchens vor. Der Riegel knatterte in seinem Gefängnis, doch nichts geschah. Ihre Kräfte reichten nicht einmal aus, die kleinsten Dinge zu bewegen!

Wütend schlug sie mit flachen Händen gegen die Tür und jaulte im nächsten Moment gepeinigt auf. Der Schmerz ihrer klammen Finger stieg stechend und schnell über ihre Arme und betäubte für einen Moment jedes andere Gefühl. Verdammt!

Die Magierin fühlte sich ausgebrannt. Erschöpft  und zutiefst vom Empfinden einer völlig fremden, inneren Ohnmacht ergriffen, lehnte sie ihre Stirn gegen das glatt geschliffene Holz der Tür. Nein, der Albenstein hatte ihr keine Macht geschenkt, keine trostspendende Wärme … es war nichts als eine geliehene Stärke. Nichts war gut gegangen, gar nichts! Beinahe – wie viel hatte wirklich gefehlt? – hatte sie in den Labyrinthen ihr Leben verloren. Und nicht nur das. Schlimmer noch zerrten die groben, angsterfüllten Gedanken und die innerliche Distanz zu ihr selbst an ihrer Substanz.

Yulivee fühlte sich einsam.

Ein unvermitteltes Gedankenspiel streifte sie, in dem ein völlig verschlafener Vseslin aus dem Bett taumelte, um eine tatenfreudige Obilee über die bunten Basare von Valemas zu führen. Wie es den Beiden wohl erging? Machte sich Obilee Sorgen um sie? Was gäbe sie nur dafür, sich gerade nun den lindernden Rat ihrer Freundin einzuholen!

Sie war solch eine Närrin! Welch Wahnsinn hatte sie nur geritten? Wie hatte sie Amana nur je mit dieser aberwitzigen Spur trauen können? Das gesamte Risiko, welches sich mit dem Einzug in die Rosenlabyrinth verband, auf die eigenen Schultern zu nehmen…

Erst jetzt offenbarte sich ihr, was es bedeutet hätte, wenn … sie wahrhaftig völlig auf sich allein gestellt gewesen wäre.

‚Du dummes Ding! Zuletzt stellst du dich auch noch eine Ewigkeit in den Schauer eines Unwetters, um darauf zu warten, dass … er dir folgt. Du dummes, dummes Ding!‘

Er war nicht gekommen. Natürlich nicht! Wahrscheinlich befand sich dieser törichte Sturkopf längst auf dem Weg zurück in seinen Herrschaftssitz …

Ein lautes Knacken riss sie aus ihren unsteten Gedanken. Verwundert trat sie einen Schritt zurück und starrte mit großen Augen auf die Tür – einen Spalt weit geöffnet war sie nun und zeigte so das milchige Zwielicht, welches aus dem Innern zu ihr waberte.

Hatte sie … war sie … ihre Magie hatte … aber wie?

Oh nein!

Yulivee betrachtete mit einem jäh aufkommenden, drückenden Bauchschmerz die kleine Pfütze zu ihren Füßen. Silbern schimmernd lag sie da und zog sich langsam zu einer dicken Masse zusammen. Was immer sie in ihrem Zauber verdusselt hatte: Sie hatte den Riegel geschmolzen!

Unglaubend legte sie mit sanftem Druck ihre Hand gegen das Holz, um sich davon zu überzeugen, nicht wieder irgendwelchen Illusionen anheim zu fallen. Tatsächlich, die Tür schwang noch ein ganzes Stück weiter auf…

Die Entscheidung zwischen einem ausgedehnten Trauern um den Türriegel und dem Eintreten in das Herrenhaus fiel ihr denkbar leicht. Noch einmal warf sie einen Blick zurück, wo sich der Niederschlag dunkel über die Ebene legte. Niemand kam.

Verdrossen schritt die Elfe ins Innere des Hauses, schloss die Tür hinter sich, um den Wind hinauszubeschwören – und fand sich in der Abgeschiedenheit eines langen, schmalen Flurs wieder. Ein dunkler Teppich lag zusammengerollt auf der Seite, die heruntergebrannten Kerzen in den Leuchtern an den hohen Wänden waren kaum noch als solche zu erkennen. Sie war völlig allein.

Ein tiefes Schluchzen schlich sich aus ihrer eng gewordenen Kehle, während sich brennende Tränen über ihre eisigen Wangen stahlen. Ihre Knie wurden verräterisch weich, als sie mit bebenden Fingern versuchte, den Tränen Einhalt zu gebieten. Ein Zittern überzog ihren gesamten Leib, als sie in sich zusammensank, die Beine eng an sich zog und den Kopf an die Tür legte. Es zog entsetzlich durch den Schlitz über dem Boden; der Wind strich mit harten Fingern über ihren Rücken und peinigte ihre nackten Füße, doch viel schlimmer als das war die Kälte, welche in ihrem Herzen aufwallte. Sie weinte, weinte bitterlich und wusste nicht richtig zu benennen, weshalb.

Ihr war, als würde ein fernes Echo in ihrem Herzen widerhallen, das dort schon seit Jahrhunderten klang. Nie war ihr bewusst gewesen, wie betäubt es war, oder wie sehr es schmerzte und aufrührte. Die letzten Tage, die letzten Erlebnisse hatten diesen dumpfen Schmerz erwachen lassen und mit Bildern untermalt, die in ihr die verblassten, eigentlich nicht existierenden Szenen längst vergangener Epochen und Welten wachriefen. Für sie gab es keine realen Momente, keine Ruhestätten, die sie im Herzen oder gar in Albenmark besuchen könnte. Es gab kein Erinnern.

Wie lange sie hier saß und gegen ihre Tränen ankämpfte, wusste sie nicht. Alles, was sie fühlte, war eine tiefe Leere und eine stetig wachsende Müdigkeit. Es verging eine schiere Ewigkeit, ehe ihre Tränen versiegten und sie sich so ermattet fühlte wie selten zuvor. Ihr war klar, sie empfand kein Neid auf die wirklichen Erinnerungen, welche er besaß, sondern eine Anteilnahme, die sie völlig zu überfordern schien. War es möglich, dass er so fühlte wie sie? War es Segen oder Fluch, dass sie ihre Sippe nie gekannt hatte? Warum nur war es ihr dann so schwer gefallen, an dieser Birke zu stehen?

Sie erhob sich gegen die Stille räuspernd auf wacklige Knie und taumelte den Gang entlang, ehe sie an einen großen Durchgang geriet. Das matte Licht des frischen Regentages drang zu ihr. Einige Staubkörner schwirrten in diesem Schein über einen weitläufigen Lehmboden. Sie war an einen großen, aufregend duftenden Raum gelangt, der etwas tiefer im Boden lag als die Flure.

Yulivee ließ vor Erleichterung die Schultern sinken, als sie die steinerne Feuerstelle, den gewaltigen Rundofen, die lange Speisetafel, hochaufragende Regale und einen massiven Zugbrunnen entdeckte. Über den abgearbeiteten Arbeitsplatten an den Wänden hingen ganze Paletten von Töpfen, Messern, langen Löffeln und bunten Bündeln von getrockneten Gewürzen. Ein würzig-schwerer Geruch stieg in ihre Nase. Eine Küche! Sie war ausgerechnet in einer Küche gelandet. Ein heftiges Grummeln ertönte von ihrer Magengegend und zugleich traf sie die harte Erkenntnis, dass in diesem Anwesen schon wochenlang keine Seele mehr geweilt hatte. Wie hoch stand da ihre Chance, tatsächlich etwas Essbares zu finden?

Sie durchmaß den Raum mit einigen großen Schritten und setzte noch einen schnellen nach, ehe sie den Rand des Brunnens erreichte. Ihre Finger fanden zitternd den Eimer, der auf dem gehauenen Stein lag, und ließen ihn eilig in die Senke gleiten, wo er hart das angestiegene Grundwasser traf. Kaum hatte sie ihn wieder nach oben gezogen, tauchte sie ihre Hände in das kühle Nass und schöpfte es begierig an ihre Lippen. Wasser, in seiner reinsten und ungetrübten Form, hatte noch nie besser geschmeckt.

Kaum hatte sie ihren Durst gestillt, setzte sie sich an den Brunnenrand und wusch ihre mitgenommenen Hände in dem Eiswasser. Auch ihr Gesicht, ihre Arme und ihre Füße folgten in der Behandlung. Das Wasser trug Stück für Stück die unliebsamen Erinnerungen in die beinahe Vergessenheit. Schmutz glitt von Elfenhaut zwar ab, wie der schmelzende Schnee auf einem Gebirgspass, aber dennoch fühlte sie, wie endlich der Dreck der Rosenlabyrinthe fortgespült wurde.

Als sie einigermaßen zufrieden mit ihrem Ergebnis war, erhob sie sich auf gerötete Füße und ließ ihren hungernden Blick durch den Raum schweifen. An den Regalen neben dem Ofen fanden sich einige vielversprechende Tiegel und Töpfchen – letzten Endes fielen ihr etliche Löffel Honig und einige Tassen Salbeitee zum Opfer, ehe sie einen harten Kanten Schwarzbrot verschlang und eingeweckte Bohnen in Essig mit gepökeltem Fleischstreifen verspeiste. Sie wurde das Gefühl nicht los, einem emsigen Verwalter die Vorräte wegzuessen. Doch das schlechte Gewissen nistete sich nicht für lange in ihre Gedanken. Dazu war ihr Appetit zu unstillbar.

Als ihr Weg sie schließlich aus der Küche hinaus führte, wählte sie die Treppe in die oberen Stockwerke des Hauses. Hier lagen die Zimmer der Bediensteten, welche selbstverständlich auch nur hier weilten, wenn ihre Fürsten zugegen waren. Die Räumlichkeiten waren alle einheitlich ausgestattet: Ein schmales Bett mit dicken Federdecken, ein kleiner Nachttisch und eine Kommode für die Garderobe.

Yulivee fand sich schnell auf einem der Betten wieder und vergrub sich unter der dicken Decke, ehe sie von der Erschöpfung in einen tiefen Schlummer gebannt wurde.



* * *





Ein süßer, voller Geruch weckte sie. Die Nacht war über das Land gekommen, das Zimmer lag im vollkommenen Dunkel. Eine Weile lang starrte sie auf die schwarze Decke über sich und versuchte vergeblich, die drückenden Gedanken an das Kommende niederzuringen. Als jedoch ein brennender Durst ihre Kehle hinaufstieg, quälte sie sich mit steifen Gliedern aus dem warmen Bettzeug und streckte sich so gewissenhaft und genüsslich wie eine Katze es vor dem morgendlichen Streifzug tun würde.

Wie weit war die Nacht wohl schon vorangeschritten?

Beinahe unwillig erhob sie sich und stellte fest, dass ihre Knie noch immer wachsweich und kaum vertrauenswürdig waren. Sie machte einen zögerlichen, verspannten Schritt und –

Stieß mit der Fußspitze gegen einen leichten Gegenstand, der sofort polternd von ihr weg ins Dunkel schlitterte …Instinktiv bückte sie sich nach dem Krachverursacher und fand nicht nur einen, sondern gleich drei Dinge auf dem Boden vor. Irritiert packte sie die Sachen zusammen und verließ das Zimmer auf den Gang. Eine Ahnung, um was es sich bei den überraschenden Besuchern handeln könnte, beschlich sie beim Heruntergehen der knarrenden Treppenstufen.

Der überraschend süße Geruch, die pelzig-raue Oberfläche, die eigenwillige Form …

In der zwielichtigen Küche enthüllte sich das Geheimnis: Sie hielt zwei perfekt geformte Birnen und einen kleinen Holzteller in der Hand. Unwillkürlich zupfte ein breites Lächeln an ihren Lippen, als sie genüsslich in das Obst biss. Zu verschlafen war sie, um sich zu fragen, woher die Birnen um diese Jahreszeit kamen, und zu verzückt von dem intensiven Geschmack, um sich zu wundern, wer sie an ihr Bett gebracht hatte.

Die rötliche Farbe des Fruchtfleischs dagegen fiel ihr direkt ins Auge. Eine Blutbirne? Die Elfe hatte von diesen Früchten gehört. Auch von dem angeblichen Liebeszauber, den man mit ihnen zu weben vermochte. Glaubte sie nur zweifelbehaftet an diese Fähigkeit, aß sie die süße Frucht umso lieber, ohne jeden Hintergedanken.

Erst als beide Birnen verzehrt und ihr neuerlicher Durst gelöscht waren, ging ihr ein Licht auf – im wahrsten Sinne des Wortes, denn durch die milchigen Küchenfenster drang ein kleiner goldener Schimmer in die Räumlichkeit und traf direkt ihr Augenmerk.

Für einen sehr langen Moment hielt Yulivee die Luft an und starrte hinaus. Der Regen prasste noch immer hart auf den Hof hinab, doch das Licht war deutlich hinter seinem durchbrochenen Schleier auszumachen, während ein schwaches Grollen über den Himmel rollte.

In ihren Händen drehte sich der hölzerne Teller – unruhig, gespannt, erwartend. Was sollte sie tun?



* * *




Die Tür des Haupthauses war unverschlossen; der Zauber, welcher vormals das Schloss zurückhielt, gebrochen. Natürlich kannte der Herr dieser Gefilde den Kniff, der ihn löste …

Yulivee schluckte und sammelte ihre Gedanken, während das Regenwasser in ihren Haaren den Weg über ihren frierenden Körper suchte. Ein Teil von ihr genoss das sanfte Tropfen und die Beständigkeit des weichen Geräuschs, welches ihre Ohren angenehm kitzelte. Oder war es etwa das Gefühl der unsicheren Angespanntheit, das unter ihrer Haut prickelte? Es steckte kein Wohlgefallen in diesen Empfindungen, vielmehr eine Nervosität, die von ihren Fasern aufgesogen wurde, wie der süße Nektar frisch gepflückten Obstes.

Die Blutbirnen …

Diese waren bestimmt nicht durch einen Zauber an ihr Bett geraten. Einen verdammten Heuchler schimpfte sie den Fürsten. Wenn er sie nicht um sich haben wollte, dann sollte er ihr gefälligst von sich aus fern sein! Einen Dank war sie ihm nun schuldig, ob er wollte oder nicht!

Yulivee öffnete die Tür und war überrascht, eine milde Wärme zu fühlen, kaum dass sie über die Schwelle getreten war. Doch war es dunkel auf dem weiten Korridor, dunkel und hallend. Jeden ihrer Schritte konnte sie doppelt wahrnehmen, als sie die ungefähre Richtung, aus der sie zuvor den Lichtschein wahrgenommen hatte, einschlug.

Eine Halle, wusste Yulivee, lag hinter den großen, geflügelten Portaltüren, die dem Korridor folgten. In ihren Träumen war sie bereits hier gewesen. Amana hatte ihr berichtet, dass hier vor wenigen Wochen ein opulentes Ballfest stattgefunden hatte. Der Tanzsaal in Luanas Palast erschien ihr in den Erinnerungen edel mit seinen Marmorböden, dem Stuck an den Decken, den langen Fenstern, der atemberaubenden Aussicht und den auslandenden Kaminen zu beiden Seiten.

Als Yulivee ihn nun jedoch wahrhaftig betrat, fiel ihr als erstes ein warmes Gefühl der heimeligen Ländlichkeit ins Auge. Das dunkle Holz, aus dem die herangeschafften Sitzmöbel vor den beheizten Kaminen gefertigt waren, die bestickten Brokatvorhänge an den Scheiben, die aufwendigen Wandteppiche, die einladende Ruhe … Es war kein Vergleich zu den prunkvollen Ballsälen in Elfenlicht, doch Luanas Palast besaß den Charme einer entrückten Vergangenheit, welcher Yulivee zu gerne auf den Grund gehen würde.

Und der Schlüssel zu diesen Geheimnissen stand vor den gevierten Fenstern, unweit der Sitzgruppe an einer der hochaufragenden Feuerstellen. Dort, wo einst Luana mit Marveen gesessen hatte … in ihren Träumen, vor nicht allzu langer Zeit. Doch war ihr so, als sei seither eine wahre Ewigkeit vergangen.

Yulivee schloss leise die Flügeltür in ihrem Rücken und war sich dabei bewusst, dass Tiranu sie trotz ihrer Vorsicht hören musste. Doch der Schnitterfürst ignorierte sie geflissentlich. Sein Blick hing gefangen in dem Regenfall vor den Fenstern. Den Rücken hatte er ihr zugewandt.

Die Elfe näherte sich ihm, auch wenn ihr die abweisende Haltung bewusst war, und stellte fest, dass auch er sich am Brunnen in den Küchen gereinigt haben musste. Seine schwarzen, schulterlangen Strähnen wiesen den Glanz einer lange angelaufenen Silberklinge auf, während die feingewebte Kleidung getrocknet und sauber anmutete. Er wirkte in sich gekehrt, ja beinahe verloren vor der Kulisse des Sturms, auch wenn seine Haltung aufrecht und gerade wie stets erschien.

Die Erzmagierin wollte keine Silbe über ihre Lippen bringen. Auch nicht, als sie direkt neben der Sitzgruppe zu stehen kam, bei der Tiranu so apathisch ausharrte. Ein weiteres Donnern erklang in der Ferne, doch fühlte sie keine Bedrohung mehr durch den Sturm. Stattdessen stieg ein süßlicher, wohl vertrauter Geruch ganz sacht in ihre Nase. Gerade hatte dieser Duft sie noch geweckt …

Birnen im nahenden Frühling, dies war selbst für sie ein Rätsel. Dass dieser Geruch ausgerechnet von Tiranu ausging, machte ihren heimlichen Verdacht allerdings zur unbestreitbaren Wahrheit. Es war der Krieger gewesen, der die Blutbirnen vor ihr Bett gelegt hatte.

Nach allem war Tiranu ihr gefolgt, hatte seinen Stolz abgelegt, um für ihren Weg Vertrauen zu gewinnen. Dass er trotz all seiner Abneigung und Missgunst – aus seiner Sicht bestimmt berechtigt – noch die Sorge um sie wahrgenommen hatte, ließ Yulivee allerdings mit dieser unangenehmen Berührtheit zurück, welche sie nicht einzuordnen vermochte.

Ausgerechnet dieser steife, arrogante Elfenfürst hatte ihr etwas zu Essen ans Bett gebracht, nach ihr gesehen … im Schlaf! Das hatte nichts damit zu tun, dass ihr Überleben in seinem politischen Interesse lag. Oder doch?

Das Feuer knackte und brach den Bann ihrer schweren Gedanken. Das Prasseln der Flammen holte sie aus ihrer Lethargie und brachte eine wärmende Erinnerung mit sich: Die erste Nacht in Albenmark, im großen, aufregenden Elfenlicht, wo alles so viel interessanter gewesen war, als einen erholsamen Schlaf zu finden. Die Elfen Nuramon, Farodin und der Mensch Mandred hatten sie in die Heimat ihrer Vorväter gebracht, wo sie von so vielen Eindrücken und Albenkindern wie selten zuvor umgeben gewesen war. Doch einsam hatte sie sich in jener fernen Nacht gefühlt, verlassen. Es war der kühle Alvias gewesen, welcher um die Mitternacht noch einmal in ihr Zimmer auf Elfenlicht gekommen war, um nach ihr zu sehen. Als er das Mädchen wohl wider Erwarten hellwach und grüblerisch auf ihrem zerwühlten Bett vorgefunden hatte, setzte er sich schweigend zu ihr und spendete ihr den ruhigen Trost der Zweisamkeit. Seine Lippen formten einen stummen Zauber in die Nacht und mit einem Male tanzten in ihrem Kaminfeuerchen kleine Dryaden in den Flammen, bewegt von einer Magie, welche sie später im Norden der Albenmark noch einmal besser kennen lernen sollte. Die Normirga waren ein begabtes Volk von Magiern. Der Haushofmeister der Königin war zwar nicht so herausragend talentiert wie seine Verwandten gewesen, dennoch war es ihm in dieser Nacht gelungen, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Für einen Moment war vergessen, dass sie die einzige Elfe aus Valemas war, die noch lebte. Und als die Dryaden begannen, ein kleines, brennendes Böckchen zu jagen, war sie hin und weg gewesen von diesem Feuerzauber. Und nicht länger hatte sie sich verloren im großen Albenmark gefühlt.

Ihr Blick ging zum ausladenden Kamin, dessen aufwendige Holzintarsien Drachen und wildblühende Rosenmuster zeigten. Das Holz war dunkel angelaufen, fast schwarz, und doch war die Machart so edel, dass sie dem Wandel der Jahrhunderte trotzte.

Wenn sie nun nur im Vollbesitz ihrer Kräfte wäre …

Dieser Gedanke genügte und ein Zittern fuhr durch das Feuer, das Yulivee erschrocken die Augen aufreißen ließ. Sie dachte an den geschmolzenen Türriegel und schluckte. ‚Bleib ruhig, mahnte sie sich, ‚die Magie ist dein Element!

Sie besann sich auf ihre Stärke, raffte ihre flatternden Gedanken, sammelte ihre Nerven, ehe sie die Worte für den Flammenzauber klar und deutlich in ihren Gedanken formte. Nur ein leises Murmeln folgte ihren Anstrengungen und erneut lechzten die Flammen auf. Ihr Ehrgeiz war entfacht und das Spiel begann von vorn.

Dieses Mal folgte dem Zittern ein lautes Knacken und der Kamin gehorchte ihren geraunten Befehlen. Der Tanz des Feuers begann zögernd, verhalten, doch bald fanden sich nachvollziehbare Formen und Bewegungen darin. Yulivee fühlte einen heißen Triumpf in sich aufsteigen, der sie neuen Mut empfinden ließ. Ihr Flammenspiel wurde wagemutiger und die Schatten um sie herum größer, wilder.

Eine kleine Fee entstand im roten Schein. Schwirrend teilte sie die Flammen, flog im Feuer ihre Kreise. Ihre Bewegungen wurden begleitet von einem leisen Sirren, welches nur entfernt an eine Melodie erinnerte. Ein innerer Impuls ließ eine größere Gestalt im Flammenschein entstehen. Eine lange, schlanke Erscheinung mit durscheinenden Flügeln, einem gezackten Schweif und einer keilförmigen Schnauze. Die Kreatur wirbelte das Feuer auf, riss mit ihren Schwingen Löcher in den Schein und spie eine dunkelorangene Fontäne in den steinernen Ausbau des Kamins. Die Fee schwang sich dem neugewonnenen Kontrahenten entgegen, zog einen flammengeborenen Speer hervor und stellte sich dem Feuerdrachen im Kampf der edlen Magie.

Yulivee verlor sich im Flammenspiel. Eine Leichtigkeit schien durch ihre Adern zu strömen, welche sie lange vermisst hatte. Sie lächelte und fühlte sich befreit. Ihre Einsamkeit war vergessen. Endlich fand sie den Zugang zu ihren Zaubern zurück!

Als die Feuerfee auf den Rücken des leuchtenden Drachens fand, wandelte sich ihr kleiner Speer in eine Querflöte. Die Magiegestalt stimmte ein Lied an, welches so gar nicht zu Yulivees euphorischer Stimmung passen wollte. Es lag schwer in der Luft. Dunkle, langgezogene Töne hallten in Yulivees Ohren wieder.

Eine Weile verging, in der die Erzmagierin keinen willentlichen Einfluss auf das Geschehen im Feuer nahm. Zu ergriffen war sie von der Melodie, welche ihre wahren Empfindungen zu spiegeln schien. Ihr wurde klar, dass ihr eine distanzierte Kontrolle über ihre Macht noch immer nicht zu gelingen schien.

Der herbe Schlag versetzte sie in neuerliche Unruhe. Sie ließ die Schultern sinken und bemerkte erst in diesem Moment, wie feucht die Innenflächen ihrer Hände waren. Weshalb war sie nur so durch den Wind? Sie wusste, die Gefahr war vorüber … doch die Anspannung wich einfach nicht von ihr!

Die Melodie klang weiter in ihren Ohren. Yulivee versuchte, den Zauber zu lösen, doch gelingen wollte es ihr nicht. Wie im Wirrwarr eines dicken Knotens, fand sie die Anfänge ihrer Veränderungen im Netz der Magie nicht mehr.

Erst als Schritte neben ihr ertönten, fand sie einen Weg, die Magie aufzuheben – wie genau sie dies bewerkstelligte, konnte sie allerdings nicht ausmachen. Auch nicht, wie lange Tiranu sie schon beobachtet haben musste. Als sie aufsah, stand der Fürst direkt bei ihr. Sein Blick streifte die verrauchende Szene im Kamin nur beiläufig, ehe er den ihren suchte. Dunkel und verhangen waren seine Augen, wie stets. Schwarze Moore, deren Oberfläche unmöglich verriet, wie tief der Grund wirklich verborgen lag. Kalt, unberechenbar und so fern …

Yulivee wartete, ob er etwas sagen wollte. Doch kein Wort rang sich aus seinem Mund. Die Stille war erdrückend. Nur das Trommeln des Regens an die Fenster und das Knacken des Feuers war wahrnehmbar… es untermalte die Ruhe. Die Ruhe und ihre Aufgewühltheit.

„Danke“, sagte sie dann und erschrak unter dem rauen Klang ihrer Stimme. Wo sie sich eigentlich für eine Geste hatte bedanken wollen, besann sie sich nun auf den Druck der aufwallenden Empfindung und fand die nächsten Worte ganz ohne das Zutun ihres klaren Verstands: „Danke, dass du … gekommen bist. Ich … ich lag so falsch.“ Sie hob eine zitternde Hand, verdrängte jeden Zweifel und berührte die Wange ihres Gegenübers mit den kühlen Fingerspitzen. Einhundert Gedanken, tausend Worte und nur ein Gefühl wallten in ihr auf: Spannung. Eine Wärme, welche sie bog und forderte. Wie das dünne Stück Eisen eines Schlüssels, das man in den Händen krümmte. Beinahe zu bereitwillig hastete sie dem Gefühl entgegen, willigte ein, der Unsicherheit frei ins Angesicht zu blicken…

Tiranu packte unvermittelt ihr Handgelenk und schob ihre Berührung von sich. Zu schnell und zu fest war diese abweisende Geste, als dass Yulivee realisierte, was geschehen war. Wie vor einem Schlag getroffen wollte sie zurückweichen, sich der Situation entziehen. Doch Tiranus Griff hielt sie an Ort und Stelle. Kaum, dass sie wagte in sein Gesicht zu sehen, zuckte sie erneut zusammen. In den schwarzen Augen des Elfen war ein Flackern zu erkennen, welches sie wegschrecken ließ. Sie war zu weit gegangen! Sie hatte die Situation verschätzt, ihre Dankbarkeit wurde keinesfalls so aufgenommen, wie sie gemeint war. Ihre Nähe war nicht gewollt. Sie schalt sich eine Närrin und fühlte sich gleichzeitig fortgestoßen. Langsam kroch die Einsamkeit zurück in ihre Knochen. Sie spürte sie, obgleich Tiranu noch fest ihre Hand umklammert hielt.

Sein Blick hielt ihren aufrecht, gefangen. Sie konnte ihn nicht lesen, stellte sie zum wiederholten Male fest und war erstarrt, als sie begriff, wie nah der Elf ihr trotz seiner Abweisung war. Kein ganzer Atemzug verstrich nach dieser Erkenntnis und sie fühlte seine warmen Finger nunmehr an ihren, der Griff leicht, beinahe zugetan. Es blieb kein Raum mehr für einen besonderen Gedanken oder ein greifbares, erklärbares Gefühl. Tiranu war auf seine Weise zu forsch, als dass sie angemessen hätte reagieren können. Er lehnte sich zu ihr, zog sie in derselben Bewegung an sich. Erschrocken und überrascht öffnete sie den Mund, um etwas zu sagen. Doch schon schloss Tiranu die letzte nennenswerte Distanz und ließ ihr keine Chance für einen Protest. Yulivee fühlte seinen Kuss an ihrer Unterlippe, ehe sie begreifen konnte, was geschah. Seine Wärme umhüllte sie und ließ sie ahnen, dass er ihre Geste tatsächlich missverstanden hatte. Nur anders, als sie zunächst hätte annehmen können.

Yulivee ließ es rauschergriffen geschehen, fasste vorsichtig seine Hand und wurde sich bewusst, dass er nun nichts mehr unternahm, um sie bei sich zu halten. Nur sie war es, die seinen Kuss in bewussten Gesten erwiderte. Nur sie, die sich auf Zehenspitzen stellte, um endlich auf Augenhöhe mit ihm zu sein. Nur sie war es, die sich im Moment vergaß.

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Ich duck‘ mich jetzt mal weg und deute dabei dezent auf das Rating bzw. die Einordung des Genres der Fanfiction. Keine Romanze? Richtig. Keine Romanze. Ihr dürft gespannt sein, aber Kitsch is‘ hier leider nüscht ;)

Ich freue mich auf Kommentare und natürlich auch Kritik für dieses Kapitel. Wie immer hatte ich viel Spaß beim Schreiben und glaubt mir, wenn Tiranu ahnen würde, was … naja, was da gerade eben andernorts im Gange ist, dann wäre er nicht so gut drauf. Ich bin selbst so gespannt auf die kommenden Kapitel. Wie ein kleines Kind, das die Adventssonntage zählt.

Noch eine kurze Anmerkung, weil es im letzten Kapitel angemerkt wurde: Ihr werdet erst im nächsten Kapitel erfahren, was mit den Nachtfaltern geschehen ist, die in Luanas Gewächshäusern leben. Ich musste das Kapitel einfach teilen, sonst wäre es ungefähr 20 Seiten lang geworden.
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