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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
03.06.2016 4.745
 
Trauerlied


Ein Lied schwang in der Luft. Eine Melodie, so zerbrechlich wie die letzte Eisschicht über einem Waldweiher, bevor die Frühlingswärme über das Land kommt. Sie drang brüchig zu Yulivee, ehe sie beinahe völlig verklang. Ein monotoner Singsang führte sich fort. Schaurig und düster.

Die Magierin trat aus dem Schatten ihres Unterbewusstseins. Da war eine Kraft, die nach ihr rief und nach und nach schenkte sie ihr helles Leben. So vertraut und warm war diese Vitalität, dass sie im starken Kontrast zu der Kulisse stand, welcher sich Yulivee gegenüber sah.

Ein lichter Hain leuchtete in den satten Farben eines frühen Herbstes. Das Zwielicht der Abenddämmerung zog über junge Birnen- und Apfelbäume hinweg, welche ihren Platz auf dem weichen Moosbett einer verwaisten Waldlichtung fanden. Das Bild schien friedlich. Und doch lag die stumme Präsenz einer aufgewühlten Trauer alles einnehmend über dem Obsthain.

Yulivee sah Luana an einem Armdicken Stamm einer Birne lehnen. Das Abbild der Tochter Alathaias war ihr mittlerweile so vertraut wie das Gesicht einer guten Freundin, und doch ahnte sie, dass dies das letzte Mal sein würde, dass sie ihr begegnete.

Ein ebenso vertrautes Mantra schlich sich von den Lippen der Blutmagierin. Immer und immer wieder: „Arien, Selin, Tiranu, Morwenna, Avenir …“

Der Valerin wurde klar, dass diese Bilder aus der Vergangenheit kurz nach den Schattenkriegen ihre Wurzeln fanden. Luana wähnte all ihre Geschwister für tot. Und wie auch während der Begegnung hoch auf den Klippen Langollions, über dem wild brausenden Meer, hielt Luana an ihrer Trauer fest.

Die Erzmagierin fühlte noch immer das Pochen der vertrauten Macht an ihr zupfen, entschied sich aber dagegen, ihr zu folgen. Stattdessen gesellte sie sich zu der Blutmagierin und ließ sich ihr gegenüber in das Moos sinken.

Luana sah ihren Geschwistern nur bedingt ähnlich. Ihre grünen Augen erbte sie anders als Morwenna und Tiranu von ihrer Mutter. Auch war sie ungemein schöner anzusehen, als ihre jüngeren Geschwister. Sie wirkte nicht so streng oder verhärmt. Doch jener Zug der Trauer lag noch tiefer in ihrem Gesicht, als es je zuvor der Fall gewesen war. Sie machte sich augenscheinlich Vorwürfe…

„Arien, Selin, Tiranu, Morwenna, Avenir …“

Yulivee schluckte. Dass ausgerechnet der Elf, der sie angeblich verehrt hatte – Marveen – ihr die fälschliche Nachricht über die Hinrichtung der Zwillinge in Elfenlicht überbracht hatte…

Die Blutmagierin musste in eine unheilbare Unruhe verfallen sein nach der wirkungsvollen Abreise von ihrem Vetter. Mit drei Tagen hatte Marveen ihr gedroht. Drei Tage der stummen Trauer, der Einsamkeit … Sie hatten sie das Leben gekostet. Auch dies hatte Yulivee erlebt. Doch bis heute mochte die Erzmagierin nicht daran glauben, dass die Königin tatsächlich ihre Finger im Spiel hatte. Auch wenn sie nunmehr wusste, wie sehr Luana jeder Kontrolle, jeder Vernunft trotzte.

Weshalb nur hatte Emerelle ausgerechnet sie, Yulivee, auf diese Mission nach Langollion geschickt? War dies eine eigenwillige Lehrstunde? Wollte Emerelle ihr zeigen, welche Opfer die Schwanenkrone forderte? Oder suchte die Elfenkönigin am Ende gar eine Absolution für ihre eigenen Taten?

Neuerliche Tränen zogen tiefe Furchen auf Luanas Wangen. Sie keuchte laut auf, als sie ihren Kopf in den Nacken legte und  ihren Blick in das Astwerk hob: „Ich war die Älteste … ich … ich hätte euch beschützen müssen! Ich hätte euch bekehren können, doch ich kämpfte nur für mich! Nur für mich… ich hätte …hätte…

Yulivee stach es ins Herz, sie so zu sehen. Doch wollte sie nicht gehen. Dieses letzte Andenken der Blutmagierin, welche ihr so ein komplett anderes Bild von der Sippe der Alathaia geschenkt hatte, wollte sie in Ehren halten.

„Verzeiht mir!“, murmelte die Elfe weiter. „Verzeiht mir meine Schwäche … Ich kannte eure Herzen, die ihr hinter Stahl und Schwärze versteckt hieltet, aus Angst, das in ihnen zu erkennen, was ihr euer Leben lang zu bekämpfen lerntet. Ich hätte euch zeigen müssen, dass es noch mehr gibt, wofür es sich zu leben lohnt. Hätte ich es doch nur selbst gewusst …“

Yulivee hielt den Atem an. Das war nicht gerecht!

Eine Weile saßen die beiden Elfen in der eigenwilligen Traumkulisse zusammen und lauschten der Stille. Als Luana erneut anfing, in leisen Weisen zu singen, erwachte Yulivee aus ihrer Starre. Etwas zerrte noch immer mit bleierner Beharrlichkeit an ihr. Sie glaubte, eine Präsenz weitab von dieser Welt zu fühlen. Jemand rief ihren Namen …

Sie musste zurück …

Als ein rauchiger Geruch ihre Sinne streifte, verzog sich das Bild von Tiranus ältester Schwester langsam. Ein neuer Eindruck überlagerte das Bild…


Feuer!?

Yulivee hielt ihre Augen einen Spalt weit geöffnet und sah doch genug, um erschrocken zusammen zu zucken. Flammen lechzten wild empor, ein helles Gold brannte sich züngelnd in den nächtlichen Himmel. Yulivee erkannte das tote Holz dunkel gewordener Birken als unstet flackernde Schatten in der Feuerwand. Von ihrer Mitte ging dieses große Feuermeer aus. Hunderte brennende Falter stoben auseinander und trugen die Hitze auf ihren winzigen Flügelchen. Der Holunder …

Yulivee riss sich los. Ihr Atem ging unnatürlich schwer. Ihr war, als würde ein riesiges Gewicht auf ihrer Brust liegen. Oder war dies der Rauch, der ihre Lungen füllte? Als sie versuchte, sich aufzurappeln, merkte sie erst wirklich, dass sie wieder im Freien war. Lang ausgestreckt lag sie im feuchten Moos vor den toten Birken und …

„Tiranu?“

Der Fürst kniete sich augenblicklich an ihre Seite und starrte auf sie nieder. In seinen dunklen Augen reflektierten sich die lodernden Flammen, welche immer höher und höher zu steigen gesuchten. Ihre Hitze brannte sich in ihre Seite.

„Wir müssen gehen!“, raunte Tiranu befehlsgewohnt und machte schon Anstalten, sich wieder zu erheben.

Yulivee zog die Brauen zusammen und hielt ihn am Arm zurück: „Der … der Albenstein?“

Eine überraschend kühle Hand griff nach ihrer und führte sie an ihre Brust. Das Gewicht, das sie dort vermutet hatte, fand sich in einem handtellergroßen Stein. „Er … er rief nach mir …“

Tiranu nickte. Ein beinahe nahbares Lächeln erschien auf seinen Zügen: „Das tut er noch immer!“

Eigenartig, dachte die Magierin, ‚dies ist nicht das erste Mal, dass ich ihn lächeln sehe … doch das erste Mal, dass ich seine Augen lachen sehe Wie kann man in einem solchen Moment nur fröhlich sein!?

Erschöpft glitt Yulivee zurück in die willkommenheißende Schwärze ihres Unterbewusstseins und sank in einen tiefen Schlaf. Fast glaubte sie, dieses Lächeln hätte sie sich lediglich eingebildet.



* * *



Tiranu stellte erleichtert fest, dass Yulivee augenscheinlich stark genug war, aus der Macht des Albensteins zu kosten. Ihr Gesicht gewann im Licht des nahen Flammenscheins etwas an Farbe und leuchtete beinahe bronzen unter einem dünnen Schweißfilm. Unablässig murmelte sie etwas, das Tiranu kaum verstehen konnte. War da ein Zischlaut?

Der Krieger wandte sich ein letztes Mal dem brennenden Holunder zu und stellte fest, außer der unvergleichlich brennenden Hitze nichts zu fühlen. Keine Genugtuung, kein Frieden, keinen Schmerz. War die Rache für Luana am Ende vergebens gewesen? Wenn er nun keinen Vorteil gewonnen hatte, so war es vielleicht ein Fehler gewesen, Samuc zu töten. Sein Wissen wäre möglicherweise von  unheimlichem Wert gewesen …

Nein, schalt er sich selbst. Er musste das allein, aus eigener Kraft bewerkstelligen. Die Historie seiner Familie war seine Bürde. Aus dem verbrannten Land wieder eine Oase zu schaffen, seine Aufgabe. Niemand könnte ihm das je abnehmen oder gar erleichtern.

Schweigend hob er Yulivee auf die Arme und machte sich schwermütig daran, die Lichtung zu verlassen. Die Wege um sie herum lagen im Dunkeln und doch war Tiranu erleichtert, ihnen entgegen zu schreiten. All dies hätte auch weniger glimpflich ausgehen können. Die Macht des Albensteins hatte jenen Brennzauber, den er schon dutzende Male gewoben hatte, unvergleichlich wütender gemacht. Um ein Haar hätte er die Kontrolle verloren. Doch für einen kleinen Moment, da hatte er geglaubt, eine Stimme, nein ein Gefühl, wiese ihm den Weg, den Zauber zu beherrschen. Hatte der Albenstein mit ihm kommuniziert, um seine Herrin zu beschützen?

Yulivee war nur knapp und mit einem gewissen Quäntchen Glück einem unrühmlichen Ende entkommen. Glück …

Wenn so etwas wie Glück tatsächlich existierte, dann würde sich Yulivee möglicherweise tatsächlich an ihren Handel halten und Emerelle nicht die komplette Wahrheit jener Entdeckungen offenbaren, welche das Labyrinth ihr geboten hatten. Doch an so etwas wie Glück glaubte er nicht und noch immer mahnte er sich davor, Vertrauen in sie zu haben. Am Ende war sie das sprunghafte Mädchen, das ihren Namen lediglich einer berühmten Inkarnation zu verdanken hatte. Ihr Weg war ihr durch dieses Erbe vorherbestimmt gewesen – eine aufmüpfige Elfe, mit der Macht, ganze Völker zu bewegen und dem Tod ins Angesicht zu spucken.

Seine Schritte klangen dumpf auf dem feuchten Moos und langsam fragte er sich, wann die nächste Biegung kommen würde.

Er konnte nicht einschätzen, welche Richtung er einschlagen musste, um wieder an einen vertrauten Punkt zu gelangen. Im Bestreben, so schnell wie möglich die einsturzgefährdete Kaverne zu verlassen, hatte er Yulivee durch das Erdloch gehievt, welches die Feuerwalze durch Samucs Wurzeln in die Decke der Kaverne gebrannt hatte.  Bis sie den Ausgang des Labyrinths erreichten, mochte es noch Tage dauern …

Wie die Klinge eines Schwerts verlief der Weg gerade … weiter und weiter, bis Tiranu verstand: ‚Das Labyrinth entlässt uns!

Wie bei jenem Zauberkniff, bei dem sich die Rosenhecken zurückzogen, um einen neuen Weg zu schaffen, so änderte sich auch nun die Oberfläche des Irrgartens. Doch dieses Mal war kein Zauber zu spüren und keine einzige Rosenranke bewegte sich. Tiranu beschleunigte seine Schritte und glaubte beinahe, die frische Luft bereits riechen zu können.



* * *




Als Yulivee erneut die Augen aufschlug, prickelte ihre Haut wie nach einem langen, warmen Bad. Eine angenehme Müdigkeit hatte von ihr Besitz ergriffen, ließ ihre Glieder schwer werden. Aber von der Erschöpfung war nichts mehr zu fühlen. Sie spürte vielmehr eine tiefgreifende Leichtigkeit in sich aufsteigen. Es erinnerte sie an die wenigen Meditationsstunden, welche sie in Valemas nach allen Regeln der Kunst genossen hatte. In einer Mischung aus Spannung und Entspannung mochte eine Kontrolle über den Körper erreicht werden, welche die Meditationsmeister zu wahren Geschöpfen der perfekten Ausgeglichenheit werden ließ.

Ein frisches Gefühl schmiegte sich an ihr Gesicht – Wind?

Mit der vagen Kraft eines tollpatschigen Frischlings sprang die Elfe unvermittelt auf und jauchzte erfreut auf. Luft! Endlich frische Luft! Der Wind war ihr so willkommen, obgleich kühl und aufbrausend, als würde sie einen lang vermissten Freund in die Arme schließen. Wie konnte eine Welt nur so gut riechen!? Das auskeimende Gras, der im Grün gefangene Regen, die gelockerte Erde …

Als sie ihren Blick schweifen ließ, konnte sie das pochende, sprühende Glück in ihrem Herzen kaum fassen. Da waren keine Hecken und keine Rosen, kein Labyrinth und kein Feuer! Nur eine satte Ebene, die sich im dunklen Grün weit in die Nacht streckte.

„Frei … wir sind frei!“

Wir?!

Oh, richtig …

Da war ja …

Als sie sich umwandte, entdeckte sie Tiranus Gestalt. Mit etwas Abstand beobachtete er sie, seine Arme verschränkt, die Haltung gerade. Seine Züge waren ihr ebenso verborgen wie seine Gedanken. Alles was sie wusste war, dass sie ihr Überleben allein ihm zu verdanken hatte.

Wie war ihm die Flucht gelungen? Wie lange hatte sie geschlafen, während er ihren Weg zurück in die Freiheit bahnte? Wo genau waren sie nur? Am Eingang des Labyrinths befanden sie sich jedenfalls nicht, so viel konnte sie auch in der Nacht erkennen. Wie waren sie hierhergelangt?

„Samuc?“, fragte sie, dem Wirrwarr ihrer einschießenden Gedanken folgend. „Wie …?“

Yulivee begriff, dass Tiranu mit der geliehen Macht des Relikts, das Geschenk der Alben, einen Zauber gewebt gewoben hatte, der das urmächtige Feuer in Samuc ausgelöst haben musste. Es hatte so heiß gebrannt, dass die Magierin es nun noch auf ihrer Haut zu spüren vermochte. Tiranu schüttelte das Haupt und gab zu verstehen, dass eine weitere Erklärung auf sich warten lassen würde. Er war ein mächtigerer Magier als sie ahnte … mächtiger, als er es zugeben mochte. Ein solcher Zauber verlangte Geschick, besonders wenn ein so kraftsprühendes Artefakt wie ein Albenstein verwendet wurde. Wenn Tiranu ihn leichtfertig eingesetzt hätte, wäre die Feuerwalze vermutlich ebenso verheerend über sie beide gekommen …

Der Fürst schien ihre Gedanken zu lesen trat endlich näher. Noch immer hielt er seine Gedanken aus den Zügen seines Gesichts, doch sie glaubte fast, dass auch er froh sein musste, endlich dem Unheil entkommen zu sein.

Da ging ihr auf, dass nach allem Zweifeln ihr Vorhaben tatsächlich gelungen war. Die schwarze Macht war aus den Rosenlabyrinthen gebannt und ein weiterer Wissender der dunklen Kunst von Albenmark getilgt. Doch die Aufzeichnungen von Luana … waren auch sie zerstört?

„Die Nachtfalter?“

Wieder ein Kopfschütteln. Und dieses Mal verspürte Yulivee keine Erleichterung, sondern ehrliches Bedauern. Luana hatte nicht nur ihr Wissen um die Blutmagie mithilfe ihres Zaubers unsterblich werden lassen, sondern vielmehr die Erinnerungen an ihr Leben. Erinnerungen, welche Yulivee gerne an Tiranu weitergegeben hätte. In ihrer reinen Form … Diese Chance war nun verspielt und die Elfe glaubte kaum, dass Tiranu ihren Nacherzählungen lauschen könnte. Allein der Gedanke war absurd.

Doch ihr Ziel war erreicht. Sie sollte erleichtert sein, froh, überglücklich …

Warum nur fühlte es sich nicht gut an? Warum nur fühlte es sich nicht nach einem Verdienst an, auf den sie stolz sein könnte? Warum fühlte es sich nicht nach einem Sieg an?

Verlegen griff Yulivee nach ihrem Haar: „Wir hatten wohl ziemliches Glück.“

Tiranu hob eine Braue: „Der Albenstein hat auch geholfen.“

Unvermittelt glitt ihre Hand in die Tasche des Mantels, wo sie den warmen Stein fühlte. Tiranu hatte offenbar dafür gesorgt, dass er ihr nicht wieder abhandenkam. Seine Kraft lieh ihr die Stärke zum Stehen und Sprechen. Es war gestohlene Stärke.

„Danke“, flüsterte Yulivee, ohne sicher zu sein, dass er sie überhaupt hörte Yulivee wusste, ohne Tiranu wäre ihr all das niemals gelungen.

Seine Nichtbeachtung sprach jedoch Bände …

„Siehst du die Hügelkette?“ Der Fürst deutete über einen kleinen Wald, der aus der weitläufigen Wildwiese erwuchs. Daraus machte sich eine gleichmäßige Gesteinsformation auf, welche Yulivee sehr wohl bekannt vorkam. „Dahinter liegt …“

„Der Palast von Luana!“, rief Yulivee aus und Tiranu blieb es, sie verwirrt zu mustern.

„Eigentlich wollte ich auf die Siedlung, welche darunter liegt, hinaus… aber ja, der Palast meiner Schwester befindet sich auf dem Hochplateau der Hügelkette.“

Yulivee konnte sich des flüchtigen Gedankens an ein warmes Bett nicht erwehren. Wie viele mochte es davon in dem Palast geben? Erst vor kurzem war dort ein Fest gefeiert worden, wie sie von Amana erfahren hatte. Wenn nur die Möglichkeit bestünde, dort noch etwas Essbares zu finden … oder frisches Wasser!

„Ich weiß, was du nun denkst“, schlussfolgerte Tiranu wohl an ihrem sehnsuchtsvollen Blicken. „Wir werden auf keinen Fall …“

„Aber …“

„Nein!“, schnitt er ihr das Wort ab. „Sieh dich um! All das … du bist soeben dem sicheren Tod entronnen und denkst nun an die bequemen Vorzüge eines Palasts … du bist nicht nur sprunghaft, sondern irr…ational!“

Yulivee vermied es, Tiranus anklagendem Fingerzeig auf die ausufernden Heckenwälle in seinem Rücken zu folgen. Stattdessen hob sie das Kinn: „Ein wenig Schlaf würde dir auch bekommen. Die Schatten unter deinen Augen sind schon fast so dunkel wie deine Augen selbst!“

Tiranu ging nicht auf ihre Worte ein, sondern verschränkte nur wieder seine Arme, um stur ihrem Blick auszuweichen. Fast so, als könnte er es nicht ertragen, wenn sie Recht hatte!

„Wir gehen doch ohnehin daran vorbei … Ein paar Stunden der Ruhe, frisches Wasser …“

„Nein!“

Yulivee beobachtete wutschluckend, wie Tiranu an ihr vorbeiging und keine Anstalten machte, auf sie zu warten. Für ihn schien das letzte Wort gesprochen … eitler Fatzke! Nur weil er es gewohnt war, lange entbehrlich und körperlich beansprucht zu leben, hieß das nicht, dass er auf ihre Schwäche keine Rücksicht nehmen könnte.

Aber was erwartete sie von einem Fürstensohn der Albenmark!?

Yulivee seufzte und setzte wiederwillig einen Schritt vor den anderen. Beinahe kam es ihr so vor, als hätte sie die Labyrinthe gar nicht verlassen. Tiranu hatte sich durch die jüngsten Ereignisse nicht geändert, nein.

Von diesen Gedanken verärgert, musste sie es zuletzt doch wagen, einen Blick zurück zu werfen: Hoch ragten sie im ersten Schein der aufgehenden Sonne auf, die verwinkelten, wilden Hecken der Rosenlabyrinthe Langollions. Von diesem Tag an durfte sie sich zu einer der wenigen Personen zählen, welche sie überlebt hatten. Jornowell würde ihr das nie und nimmer glauben!

Alles, was dort passiert war, kam ihr nun wie ein langer Albtraum vor. Ein fernes Echo, wie die Erinnerung an den Kopfschmerz, der einem am Vortag quälte.

War das alles der Sache wert gewesen? Sie hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, es beinahe eingebüßt, doch für was? Tagelang hatte sie geglaubt, dem üblen Wesen der Sippe Alathaias endlich auf den Grund gehen zu können. Wenn sie Beweise für Kriegsverbrechen der Zwillinge gefunden hätte …

Tief im Innern hatte sie wirklich geglaubt, Tiranu selbst trug die Schuld für die Verderbtheit seines Reichs. Wo die Armen litten und die Reichen zu profitieren schienen. Wenn Tiranu das Regiment entzogen worden wäre, Jornowell erkannt hätte, worum es ihr ging… Sie hätte alles zum Guten wenden können. Welche Konsequenzen würde nun aber sie tragen müssen? Was sollte sie nur Emerelle erzählen? Sie hatte Tiranu geschworen, die Geheimnisse der Rosenlabyrinthe zu wahren. Sollte sie der Königin auftischen, dass sie lediglich einigen Gespenstern hinterhergejagt war?

Es wäre ein Fragment der Wahrheit.

Während sie Tiranu folgte, warf sie immer und immer wieder einen Blick zurück. Das Labyrinth wurde kleiner, aber ihre schlechten Gedanken häuften sich mit jedem Schritt.

Ein neuer Tag begann. Doch schien es ihr, als sei sie lange nicht bereit, ihn zu beginnen. Noch war sie gefangen in der Finsternis, welche das Labyrinth ihr bereitet hatte.

Mit der aufgehenden Sonne fielen die ersten Wassertropfen vom Himmel. Dicke Wolken zogen sich aus der restlichen Dunkelheit der Nacht zusammen und wurden vom Wind über das Tal geschickt. Yulivee hieß den Regen auf ihrer Haut willkommen und streckte ihre Zunge heraus, um das kostbare Nass damit aufzufangen. Kichernd schloss sie zu dem Fürsten auf: „Dein Land ist auf meiner Seite, Tiranu. Sieht beinahe nach einem Unwetter aus … Wir sollten uns Schutz suchen.“

„Du verwechselst einen Schauer mit einem Orkan, Erzmagierin…“, grollte Tiranu und schenkte ihr nicht einmal die Gunst eines Seitenblicks.

„Hör auf, mich so zu nennen, Fürst!“ Yulivee genoss die Ablenkung der Worte, mehr als sie sollte. „Du hast mir das Leben gerettet, da…“

Tiranu setzte sich weiter nach vorn ab: „Wie du schon sagtest, verlierst du in Langollion dein Leben, verliere ich gleichwohl das meine …“

„Du kannst dich so abweisend und fies geben, wie du möchtest!“, schloss Yulivee auf. „Ich bleibe dir dennoch dankbar!“ Ihre Stimme sank auf eine eigentümlich leise Ebene, als ihr ein Gedanke entfleuchte: „Für einen Moment … in den Katakomben, also… für einen Moment habe ich geglaubt, du würdest …“ Sie schluckte und warf ihrem Begleiter einen unbeachteten Blick zu. „Ich bin jedenfalls froh, dass du es nicht getan hast.“

Tiranu schwieg sich beharrlich über ihre Worte aus und hielt das Augenmerk stur geradeaus. Die Magierin bedachte diese Unart ohne Groll und brachte sogar ein kleines Lächeln zustande. Unverbesserlich!

„Egal, was Samuc dir versprochen hat … sein Gift war es nicht wert, auf ihn zu hören! Du hast das Richtige getan … auch wenn es mir schwerfällt, das einzugestehen…“

Wohl oder übel wurde Yulivee klar, dass sie plapperte. Die Angst saß unweigerlich noch in ihren Knochen. Tiranu reagierte anders als sie auf den Schock. Sollte er überhaupt etwas dabei fühlen.

Rührte ihn die Konfrontation mit Luanas Vergangenheit denn gar nicht?

Vertieft in diesen Gedanken gab auch sie sich dem Schweigen hin und stellte fest, dass es leicht war, sich darin zu verlieren. Ihre Schritte fielen federnd auf das feuchte Gras, welches stetig in einen helleren Ton gekleidet wurde, während die Sonne in ihrem Rücken den Himmel hinaufkletterte.

Es wäre ein schöner Morgen geworden, wenn sich die Wolken nur endlich verflüchtigen würden. Doch stattdessen zogen sie dichter zusammen und sandten ihren eisigen Schauer auf das Land herab. Yulivee fröstelte bald und selbst der wärmende Mantel, den Tiranu ihr geliehen hatte, vermochte die Kälte nicht fernzuhalten. Doch je verbissener sie einen Fuß vor den anderen setzte, desto schneller kamen sie endlich dem lichten Wäldchen entgegen, dass am Hang von Luanas Palast wuchs.

Tannen und Steineichen bildeten ein eigentümliches Gefolge inmitten der Gebirgsausläufe, doch der Schutz des Astwerks war Yulivee willkommen. Kleine Sträuße von blühenden Schneeglöckchen fanden sich an den äußeren Höhen wieder, ehe der Hang stetig zu steigen begann. Ihr Pfad war mit Rindenmulch ausgelegt, in dem sich Pfützen gebildet hatten. An den Unkrautbüscheln war leicht zu erkennen, dass niemand mehr diesen Pfad benutzte. Bald kamen sie an eine gebogene Kreuzung und zur Irritation der Elfe wählte Tiranu den Pfad, der sie weiter hinauf in den Wald brachte, statt den, welcher um den Hügelkamm herum führte.

Bald kamen sie im stetigen Prasseln der Regentropfen an eine moosgrüne Lichtung, der noch ganz schwach anzusehen war, dass sie einst durch die Hand von Albenkindern geformt worden war. Bucklige Apfelbäume, eine knorrige, windschiefe Birne und … eine sanft getupfte, edelschlanke Birke standen einsam auf der verregneten Wildwiese. Die fünf Obstbäume waren längst zu alt, um Früchte oder Blüten in dieser Jahreszeit zu tragen. Selbst die Blätter waren kümmerlich und eindeutig zu erkennen waren die angefressenen Stummel der Jungtriebe. Lang würden sie nicht mehr leben. Die Birke zeigte ihr Alter stolz. Sie trug ein weiß schimmerndes Borkenkleid und trieb stark aus.

An diesem einsamen Ort lagen lang vergessene Erinnerungen unter einem fragilen Zauber begraben.

Im Astwerk der Birke tanzten kleine Amulette im aufkommenden Wind, während sich ein kleines Glitzern im ersten Licht des Tages vom Stamm der Birke zurückwarf. Die rötlichen Strahlen der Morgensonne gaben das kostbare Geheimnis dieser Lichtung preis: ein faustgroßer Mondstein war in die magisch veränderte Rinde der Birke eingelassen, als sollte es das Herz des Baumes, das Herz des Orts repräsentieren.

Yulivee stiegen Tränen in die Augen, als sie zu verstehen glaubte.

Luana.

Dies war ihr Grabmal.

Tiranu ging die wenigen Schritte zu dem zarten Baum hinüber und strich mit der Hand über den Stein. Sie fühlte sich nicht gut, ihn so zu sehen. Mehr noch fühlte sie sich fehl am Platze, ein Störenfried. Sie gehörte nicht an diesen Ort.

Erst mit diesen Worten fiel Yulivee der kleine Gegenstand auf, den der Fürst in seiner Hand trug. Er bettete ihn behutsam auf das Moos am Fuß der Rinde. Ein bleicher Drachenfang.

Yulivee hob den Blick auf die Amulette im Geäst und begriff, dass Tiranu Luana nur ein weiteres Geschenk bereitete, welches sie nie erreichen würde. War Tiranu womöglich sogar derjenige, der dieses Andenken für seine älteste Schwester schuf?

Er allein war aus dem engen Familienkreis von Alathaia übrig geblieben, um die älteste Tochter der Fürstin nach den Schattenkriegen zu bestatten. Morwenna war weit fort im Herzland gewesen, während Marveen wahnsinnig vor Trauer geworden war. Tiranu dagegen lebte im Rosenturm, wo er viel zu jung und unvorbereitet unter der Anweisung von Emerelles Gesandten das Regierungsgeschäft übernahm.

So war es an dem Elfen geblieben, die letzte Ruhestätte für Luana zu wählen. Weit entfernt vom Rosenturm, weitab von den Küsten, über die ihre Feinde einst in Langollion eingedrungen waren. Dies war ein stiller, entrückter Ort. Ein Ort, den sie bereits in ihren Träumen von Luana gesehen hatte. Die Blutmagierin war einst hierhergekommen, um ihrerseits ihre vermeintlich toten Geschwister zu betrauern. Fünf Bäume für die Erinnerung an fünf verlorene Geschwister.

Yulivee bückte sich, um eine der Silberkettchen von ihrem Knöcheln zu lösen. Sie reichte das feine Gespinst der Metallglieder an den Fürsten: „Häng ihn zu den anderen.“

Sie fühlte einen Zauber in der Luft schwingen, als der Fürst wortlos die Kette nahm, den Zahn daran befestigte und schließlich an einen niedrig hängenden Ast einwob.

Der kleine Fang verband sich beinahe ohne Kontrast mit der hellen Rinde der Birke. Nun hatte der Wind ein neues Relikt für sein ewig währendes Spiel.

Yulivee löste sich von dem starr gewordenen Anblick und wählte den Pfad hinauf. Ihr war klar, dass Tiranu nicht zum ersten Mal das Grab seiner Schwester besuchte. Dutzende Amulette klangen wie die Windspiele in den Gebirgen ihrer Heimat. Ihr Takt begleitete sie auf ihrem von Wurzelwerk durchdrungenen Weg, während ihre Gedanken träge wurden.

Ob Tiranu ihr wohl folgte, nachdem er sich die Zeit genommen hatte, die er brauchte? Zwar konnte sie nicht genau festmachen, woran es lag, doch der Gedanke daran, er könnte entgegen ihrer eingeschlagenen Richtung, den Pfad zurück ins Tal wählen, bereitete ihr Unbehagen.

Der Sturm gipfelte sich urplötzlich in einem tosenden Donner, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Lange und dröhnend hallte er in ihren Ohren. Nun noch einmal über die offene Ebene zu gehen, um ins Dorf zu Felbion zu gelangen, das würde selbst sie nicht wagen.

Auch Tiranu musste dies einsehen und endlich Vernunft walten lassen! Yulivee zweifelte aber daran, dass er dies tatsächlich tun würde. Sie seufzte. Er würde wohl seinem Stolz folgen …

Dass dies unmöglich der offizielle Pfad hinauf zum Palast sein konnte, wurde ihr spätestens dann klar, als einige abschüssige Stufen über eine Waldterrasse weiter hinauf führten. Sie waren nicht aus Stein gefertigt, sondern lediglich aus festen Wurzeln gebildet. Sie fand nur schwer Halt auf dem rutschigen Holz.

Doch sobald dieses Hindernis überwunden war, versetzte ein beinahe magischer Anblick Yulivee ins Staunen.

Durch die Stämme des Tannwalds hindurch schimmerte eine marmorne Statue wie eine Perle im dichten Wald. Es war ein kleiner Fuchs, der die Nase reckte, wohl um seine Beute zu wittern oder den süßen Geruch des nahenden Frühlings einzufangen. Um seinen massiven Sockel hatten sich Efeu und Moos geschlagen. Es brachte sie zum Lächeln.

Und als sie den Blick hob, sah sie über den dunklen Wipfeln der Bäume die ersten Türmchen aufragen. Der Palast, den dieser kleine Fuchs bewachte, war einst das Haus Luanas gewesen. Ein Exil und eine Zuflucht zugleich. Auffallend dunkle Giebel hoben sich von der glatt geschlagenen Felsfassade ab, welche die Farbe vom Wüstensand vor den Gebirgstoren von Valemas besaß. In den Stein waren die Muster von großen Blüten eingehauen worden, doch die Witterung hatte die Prägung beinahe zerstört. Je näher sie dem Palast kam, desto deutlicher zeichnete sich eine beeindruckende Steinmetzarbeit heraus.

Noch weitere prächtige Statuen wiesen den Weg zum entrückten Refugium. Kleine Waldbewohner, tanzende Dryaden, lachende Elfen, feuerspeiende Drachen …

Sie alle vermochten ihr keine Gesellschaft zu leisten.

Kaum von der Kulisse sattgesehen, wandte sie sich noch einmal um. Doch auf dem Waldpfad war keine dunkle Gestalt zu sehen, die sich ihr mit grimmigem Ausdruck im Gesicht näherte. Keine dunkle Gestalt, welche mit großen, festen Schritten den Wald durchmaß, als befände sie sich in den Baracken der berüchtigten Schnitter. Keine dunkle Gestalt, in deren Augen die stumme Herausforderung lebte. Keine dunkle Gestalt, welche sie auf verwinkelte Art und Weise genau zu durchschauen schien …

Nein, der Pfad blieb leer und Yulivee fragte sich, ob sie sich lediglich als zu ungeduldig erwies, oder ob der Fürst tatsächlich stur genug war, dem Sturm trotzen zu wollen. Zitternd warte sie auf ein Lebenszeichen, doch wagte gleichsam nicht, auch nur einen Schritt zurück in den Wald hinein zu tun. Tiranu würde kommen, wenn die Zeit gekommen war, ganz sicher!

Um die Nässe und die Einsamkeit fortzudrängen, schlang sie ihre Arme um sich und lauschte dem Prasseln des Regens. Der Wind wurde stärker und pfiff durch das Unterholz zu ihren Füßen. Eine Dunkelheit, welche nichts mit einem Morgen im beginnenden März gemein hatte, griff nach dem Wäldchen. Der Sturm zog bald mit voller Härte über den Landstrich, dessen war sich Yulivee klar.

‚Verdammt! Komm schon!‘, dachte sie, als das nächste Donnergrollen wie das martialische Gebrüll eines Drachen über die Baumwipfel klang.

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Danke an Xijoria, Phaemonae und Flammendo für das Feedback fürs letzte Kapitel *drück*

Ich hoffe, euch hat dieses Kapitel gefallen! Meldet euch und sagt mir eure Meinung (ich finde es immer so extrem schade, die ganzen Klicks zu sehen, gleichzeitig aber nicht zu wissen, wer alles mitliest. Ein paar Worte der Anerkennung, Kritik, gerade mal ein „ich lese mit“, ist herrlich für dieses brotlose Hobby. Ich sehe das nicht nur bei mir – und bei mir weiß ich, wie viel Herzblut und Zeit in jedem Satz drin steckt – sondern bei vielen Storys im Elfen-Fandom(vermutlich der Hauptgrund, warum hier so viele abgebrochen sind. Ich habe versucht und versuche noch immer, zu allen gelesenen Texten was zu sagen, denn ich weiß wie frustrierend das ist, allein mit seinen Texten dazustehen) Das ist eigentlich echt schade. Also hier ein Appell: Traut euch, ganz egal wem oder wann auch immer die Story geschrieben wurde, zu sagen, was ihr davon haltet, wir beißen nicht, sondern sind angewiesen auf Feedback und Meinungen ;) niemand verlangt eine lange, ausführliche Review, aber gerne könnt ihr auch anonym (ohne Anmeldung) ein paar Worte mit wenigen Klicks hier hinterlassen *auf den Review-Button deut*) DANKE jedenfalls fürs Lesen an alle, die hier sind! Ich freue mich so sehr, wenn ich sehe, dass schon über 1000 Klicks auf dem Counter sind *.*

Liuvar,

Riniell
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