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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
28.05.2016 2.737
 
Liebe Elfenfans, es geht weiter mit dem nächsten Kapitel. Dieses Mal gibt es wieder einen Ausflug, der uns aus den Labyrinthen herausführt. Na, wer kann sich noch an den Brief erinnern, den Yulivee für den Fall der Fälle beim „Bauern/Postbeamten ihres Vertrauens“ abgab? Nun, die Frist ist abgelaufen und ihr werdet sehen, welche Wellen das schlägt. Parallel dazu wird der zweite, umfangreichere (und politische *yay*) Handlungsstrang eingeläutet. Es werden einige Elemente aus „Keine Rose ohne Dorn“ aufgegriffen, die einiges zur Komplexität beitragen werden. Ich werde allerdings versuchen, alles Relevante noch einmal aufzugreifen, also keine Sorge, wenn das Gedächtnis "hinken" sollte. Noch 2 Kapitel, dann geht’s mit rasanter Geschwindigkeit los! Ihr dürft gespannt sein.  

Aber zunächst wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen des aktuellen Kapitels:





Briefe






Obilee rieb sich über die müden Augen und lächelte zufrieden wie eine gesättigte Katze. Während sie die angespannten Schultern kreisen ließ, schweifte ihr Blick aus dem Fensterbogen vor ihrem Lesepult.

Die warme Luft waberte stickig und zäh durch die Öffnung im Turmgewölbe und doch war sie wie eine zärtliche Liebkosung auf ihrer Haut. Dieser Tag versprach, noch heißer zu werden, als all jene, welche sie bereits in Valemas verbracht hatte.

Obilee hatte sich schnell daran gewöhnt und erkannt, dass die valische Mode neben der auffälligen, farbenprächtigen Optik einen tieferen Sinn besaß. Die weiten, leichten Stoffe waren herrlich komfortabel und neben des stetigen Kokons ihrer erfrischenden Magie eine angenehme Begleitung auf den hitzespeichernden Straßen der Palaststadt.

Die Elfe lächelte.

Wie wundervoll es war, vollkommen in eine ihr weitgehend fremde Kultur einzutauchen. In der Menge einer aufregenden Stadt zu verschwinden und still zu beobachten, wie das Leben florierte. Der Puls von Valemas hatte es ihr angetan: Die Märkte, der Trubel, die Musik, die Tempelanlagen und über all dem stand die Bibliothek, hochaufragend, strahlend und so vollgepackt mit dem Wissen aller Welten, dass es Obilee jedes Mal die Sprache verschlug, wenn sie diesen Turm betrat.

Sie konnte ganze Tage in ihm verbringen, ohne einen Gedanken an Zeit oder Verpflichtung. Es war so leicht, sich zu verlieren. Jeden Tag kam sie in die Bibliothek und jeden Tag fiel der Abschied schwerer.

Auch nun riss sie sich nur widerwillig von den Pergamentbündeln los, welche ihr von den Dryadentänzen in den seltenen Mondfinsternissen der letzten Jahrtausende zu berichten wussten. Doch die Sonne sank bereits in den zarten Rottönen eines nahenden Abends hinter die fernen Bergketten. Jeden Nachmittag um diese Zeit lud Vseslin sie zum Essen in einen der zahlreichen Paläste der hochangesehenen Stadtherren. Dabei war es sowohl Vseslins Kontakten als Sohn eines Stadtrats, als auch Yulivees Einfluss geschuldet, dass Obilee behandelt wurde, als wäre sie eine leibhaftige, gleichgestellte Valerin.

Zunächst war es ihr befremdlich, neben all diesen einflussreichen Persönlichkeiten zu speisen, ohne diese zu kennen. Doch Vseslin stand ihr stets zur Seite und half ihr aus, wenn ein Name nicht richtig über ihre Zunge kommen wollte. Auch war der Elf an ihrer Seite, wenn es darum ging, sich mit den Sitten an der Festtafel auseinanderzusetzen. Auf den gemütlichen Kissen zu sitzen, dabei würdevoll auszusehen und von einem Tisch zu essen, der kaum an ihre Knie reichte, war bei Weitem nicht so leicht, wie man erst glauben mochte. Doch der Geliebte ihrer engsten Freundin vergab ihr jeden Fehltritt mit einem charmanten Lächeln und bewies die Geduld eines Eseltreibers aus Talsin.

Obilee konnte ein Lächeln bei dem Gedanken an den eigenwilligen Humor des Elfs nicht unterdrücken und machte sich gedankenversunken daran, die Schriften auf ihrem Pult zu sortieren. Ein Helfer der Bibliothek würde sie heute Abend, soweit sie es nicht anders anordnete, an ihren angestammten Platz zurück schaffen.

Als sie sich mit einem beschwingten Schritt daran machen wollte, den Lesepult in der abgelegenen Kammer der Bibliothek zu verlassen, erschrak sie bis ins Mark: Ein hochgewachsener Elf stand wie aus dem Schatten geboren direkt vor ihr und musterte sie aus zornigen, grünen Augen.

„Vseslin!“, stieß sie aus. „Was machst du denn hier?!“

Der Elf verzog keine Miene, hob lediglich die Hand und schwang damit einen ausgefransten Pergamentbogen: „Du wirst mir sofort sagen, was Yulivee in Wirklichkeit in Langollion zu tun gedenkt!“

Obilee schluckte. Diesen Ton war sie ganz und gar nicht von dem Valer gewohnt. Ihr Blick haftete an dem Schriftstück, von dem sechs Lettern in einer geschwungenen Schrift prangten.

Obilee.

Die Magierin kannte diese Schrift nur zu gut.

„Der stammt von Yulivee …“

„Gut erkannt!“, bekräftigte Vseslin und hielt ihr den Brief unter die Nase. „Heute Morgen ist ein Bote aus Langollion gekommen. Er schien wenig vertrauenswürdig und sprach kein Wort mit mir. Nur diesen Brief hielt er für dich.“

„Richtig: Für mich!“, fuhr Obilee auf und konnte kaum fassen, wie schuldbewusst Vseslin plötzlich aussah. Sie ging jede Wette ein, dass der Sohn des Stadtrats einige Überzeugungsarbeit hatte leisten müssen, um an ihrer Stelle an den Brief zu gelangen... „Der Dienstbotenkniff? Schon wieder!?“

„Das tut nichts zur Sache … bitte!“, rief er verzweifelt aus und hielt ihr den Brief hin. „Was hat das zu bedeuten?“

Unwillkürlich begann Obilees Herz, schneller zu pochen. Vseslins Unruhe griff auf sie über. Dabei war sie sich sicher, dass die Erzmagierin wohl kaum irgendwelche prekären Informationen in einem Brief an sie senden würde. Daher mahnte sie sich zur Ruhe. Sie war schon mit ganz anderen Problemen wie einem aufgebrachten Liebhaber fertig geworden!

Skeptisch nahm sie das Pergament entgegen und öffnete den Brief – nur, um laut aufzustöhnen. Das durfte nicht wahr sein! Die Worte, die dort standen, wären für keinen anständigen Elf der Albenmark zu verstehen, fiel es doch schon schwer genug, überhaupt die Lettern zu entziffern…

„Was steht da? Ist das eine Sprache aus der Menschenwelt?“

„Nein“, erwiderte Obilee und seufzte. „Das ist die Fantasiesprache, welche sich Yulivee als kleines Mädchen entsann, als sie keinen Anschluss bei den anderen Kindern finden konnte … sie hat sie mir erklärt – vor Ewigkeiten – doch ich fürchte, ich habe vergessen, wie man sie liest …“

„Ist das dein Ernst?“ Vseslin schien aus allen Wolken zu fallen, als er ihr den Brief wieder abnahm und mit einem Luchsblick die Lettern aufzudröseln versuchte. „Das macht keinen Sinn … warum sollte sie verschlüsseln, was sie dir schickt?“

Obilee zuckte mit den Schultern, obgleich sich eine tiefe Aufgewühltheit in ihr breit machte. Was mochte Yulivee dazu veranlassen, diese wirre, ordnungsbefreite Sprache zu verwenden, um mit ihr zu kommunizieren? Welche Fortschritte hatte die junge Elfe gemacht, die sie mit ihr teilte und nicht mit der Königin? Steckte sie in Gefahr?

Obilee musterte die angestrengten Denkfalten auf Vseslins Stirn, als dieser etwas murrte, das ganz nach dem Versuch klang, die sinnlose Aneinanderreihung der Lettern zu entziffern: „Gibt es ein Labyrinth in Langollion?“

„Wie bitte!?“

„Sieh doch: Fügt man passende Vokale ein und tauscht den letzten Letter jeden Worts mit dem ersten … dann muss man nur noch jeden dritten Letter mit dem vierten wechseln und …“

Obilee schüttelte den Kopf: „Yulivee und du seid wahrlich wie geschaffen füreinander …“

„Das Labyrinth der Rosen. Sechs Tage. Hilfe.“

Vseslin ließ den Brief sinken, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus der Halle. Obilee indes war erstarrt vor Schock.

Was …?

Als wenige Herzschläge später das Leben in sie zurück kehrte, hängte sie sich mit großen Schritten an die Fersen des Valers. „Warte! Bitte …“

Doch stürmte Vseslin nur umso schneller durch die reich bestückten Lesehallen der Bibliotheken, wo jedes anwesende Albenkind sie sehen und hören konnte: „Ich weiß zwar nicht, was genau Yulivee und du vor mir verheimlicht. Aber ich durchschaue ganz genau, dass sie nicht etwa wegen eines Freundschaftsbesuchs in dieses unsägliche Land gereist ist!“

Obilee war sprachlos. Nicht nur die Blicke einiger Bibliothekare und Besucher trieben ihr die Schamesröte ins Gesicht. Bei den Alben, dies war ein höchst prekärer Auftrag im Namen der Königin und Vseslin posaunte hier herum, als gäbe es kein Morgen! „Bitte, sei kein Narr! So beruhige dich doch erst einmal und lass mich erklären …“

„Erklären?“ Vseslin wirbelte herum und stieß dabei beinahe einen Bücherstapel um, der von zwei Kobolden gegen den unvermittelten Angriff abgeschirmt wurde. „Du meinst wohl, mir noch mehr Lügen auftischen! Pah!“

Der Elf eilte aus der Halle ins Treppenhaus und Obilee blieb nur, einige aufrichtige Entschuldigungen in die Runde zu stammeln, ehe sie ihm aufgebracht folgte. „Wohin willst du?“, rief sie, obgleich sie meinte, die Antwort genau zu kennen.

„Nach Langollion!“

„Oh ja?“ Obilee hastete über das Mosaik vor den Toren der Bibliothek und hielt den Ausreißer endlich am weiten Ärmel seines Gewands. „Und was möchtest du dort tun? Yulivee in Verlegenheit bringen?“

„Ich …“ Vseslin stieß ihren Arm von sich. „Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass dieses … Monster …“

Obilee zog irritiert die Stirn kraus. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit. Diese Gedanken waren ihr nicht fremd. Die Furcht, die in Vseslins Worten mitschwang, nährte ihre eigene, welche sie so lange in Büchern und den leuchtenden Eindrücken von Valemas ertränkt hatte. „Monster?“

„Ich habe Geschichten gehört … über diesen Tiranu.“ Der Sohn des Stadtrats schlug die Augen nieder. Er fürchtete sich um seine Geliebte, wie konnte sie ihm da Vorwürfe machen?

„Und du willst zu ihr, um sie aus seinen – vermeintlichen – Fängen zu befreien?“, hakte Obilee nach und zog die Brauen zusammen. „Albenmark bräuchte mehr Ritter wie dich, Vseslin. Aber … du bist kein Kämpfer. Du bist der Sohn eines Diplomaten, auf dem Weg, ein Gelehrter zu werden. Tiranu ist ein Schwertmeister und …“

„Du bist doch eine begabte Kriegerin …“

Obilee fühlte erneut, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Vseslin …“

„Dann ist er also eine Gefahr für sie?!“ Der Valer warf ihr einen empörten  Blick zu und die fahrende Ritterin biss sich ertappt auf die Lippen: ‚Oh nein!

„Sag mir endlich die Wahrheit!“

Obilee wurde mit einem Mal unsäglich heiß. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie war von einem Grünschnabel aufs Glatteis geführt worden …

Sie musste sich etwas einfallen lassen und das schnell! Auf keinen Fall durfte durch ihre Schwäche Yulivees Auftrag gefährdet werden. Sonst war Tiranu womöglich bald wirklich eine Bedrohung für sie.

Was im Namen der Alben hatte diese wahnwitzige Elfe in den Rosenlabyrinthen zu suchen? Ihr blieb zu hoffen, dass Jornowell bei ihr war. Der Weltenwanderer hatte diese Irrgärten immerhin schon einmal überlebt.

Der unerwartete Hilferuf brachte allerdings nicht nur Vseslin aus der Ruhe. Sie musste so schnell sie konnte auf das Inselreich gelangen und ihre Freundin finden …

Aber dazu musste sie erst einmal dieses wildgewordene Jungpferd besänftigen.

Vseslin starrte sie aus großen Augen an. Dieser Blick. Flehentlich, ratlos, hilflos …

„Ich schwöre, wenn dieser Tyrann die Hände an sie legt…“

Obilee brach ein, das konnte sie bereits spüren, als Vseslin die Hände in die Luft warf: „Wir können doch nicht hier sitzen und die Hände in den Schoß legen, während sie allein der Gefahr in Langollion trotzt!“

Obilee öffnete den Mund, schloss ihn wieder, verschränkte die Arme, schickte ein Stoßgebet zu den Alben und sprang ins sprichwörtliche kalte Wasser …

„Wir gehen nach Langollion. Aber versprich mir, nichts zu tun, was sie in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte …“

Entsetzt klappte Vseslin den Mund auf, doch Obilee kam ihm zuvor: „Ja, sie steckt in Schwierigkeiten …“



* * *




Jornowell fluchte innerlich, als sich seine Hand in einem Krampf zusammenzog. Er ließ die Schreibfeder fallen und packte sein Handgelenk, um es gegen den aufwallenden Schmerz zu massieren.

Entnervt ließ er sich in die großzügige Lehne sinken und betrachtete resignierend den Tumult auf dem Arbeitstisch vor sich – dem Arbeitstisch des Fürsten. Ein leichter, rötlicher Schleier hatte sich über Folianten und Briefe gelegt. Die Tintenfässchen schimmerten Bronzefarben im Licht der untergehenden Sonne, welche die frisch gesetzte Schrift auf dem Pergamenten trocknen ließ.

Jornowell würde nie verstehen, wie man einen Arbeitsplatz gerade so stellen konnte, dass die Sonne im Rücken ihren Lauf nahm. Man neigte dazu, die Zeit aus den Augen zu verlieren. Andererseits arbeitete Tiranu meist dann, wenn die Sonne längst untergegangen war und die Schreiber ihre Pflicht getan hatten … und somit nicht ständig mit lästigen Fragen in das Studierzimmer einbrachen.

Jornowell verstand allmählich, dass Fürst-sein gleichbedeutend war mit ‚so-gut-wie-keine-Mußezeit-haben‘. Zumindest dann, wenn man es handhabte wie Tiranu und so gut wie keine auch noch so unbedeutende Aufgabe abgab.

Setzten die meisten Fürsten neben einem Hofmeister weitere Gelehrte, Berater und Sekretäre ein, so bewältigte Jornowell – und vor ihm natürlich Cirinth – all diese dem restlichen Hofstaat zufallenden Aufgaben im Alleingang. Und da dies ohne Frage ein Ding der Unmöglichkeit war, arbeitete Tiranu zusätzlich als sein eigener Angestellter, der Zahlen jagte und Lettern setzte.

Der Fürst besaß kein Vertrauen. Es war ein Jammer und doch konnte Jornowell nach allem, was Morwenna ihm über die frühe Amtszeit des Fürsten zu berichten wusste, verstehen, wie es so weit gekommen war. Nach allem, was die Anhänger der Königin sich nach den Schattenkriegen in Langollion erlaubt hatten, musste es unvergleichlich schwer fallen, die Zügel aus der Hand zu geben.

Nun, all dies wäre für Jornowell zu verkraften gewesen, denn die Arbeit ging ihm mittlerweile ausgesprochen gut von der Hand. Wenn sich besagter Fürst hier wenigstens endlich einmal blicken lassen würde und nicht erneut spurlos verschwunden wäre! Mit jedem Tag, an dem Tiranu fort war, gab es mehr Entschuldigungen und Ausflüchte, die Jornowell für ihn vorbringen musste. Und mehr Arbeit, die sich in dicken Kladden und hohen Türmen auf dem Sekretär stapelte.

Es war Jornowell so, als würde er auf einer ewigen Hetzjagd einem windigen Fuchs hinterherjagen, barfuß, auf steinigem Boden, der untergraben war von tückischen Falllöchern. Es sah kein Land vor Augen und kam er dem Ziel kaum näher!

Jornowell schnaubte. Aufregung hin oder her … Diese Pflicht hatte er sich selbst auferlegt und er wollte sein Bestes tun, um sie zu erfüllen.

Gerade wollte er – erleichtert darüber, dass der Krampf in seiner Hand nachließ – die Feder erneut greifen, als jemand durch die offene Portaltür am anderen Ende des runden Saals trat.

Morwenna kam in das Studierzimmer, flankiert von zwei Wachen und einem fremden Elfen, der die Reisekleidung eines einfachen Reiters trug. Jornowell erhob sich irritiert aus dem Stuhl und fand den Blick seiner Geliebten. In ihren Augen war die Nacht gefangen. Die mondlose Nacht und die Sorge. Sie reichte ihm einen Schrieb und forderte ihn wortlos auf, zu lesen.

Doch Jornowell folgte ihren knappen Anweisungen nicht. Etwas anderes lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Diese beiden Wächter hinter Morwenna waren ganz in Schwarz gekleidet, an ihre Seiten waren edle Rapiere mit aufwendig gezwirbelten Körben gegürtet. Eine Elfe mit honigblondem Haar und gestrafften Schultern erwiderte seinen Blick stolz, ja beinahe abwertend, während ihr hochgewachsener Begleiter eine freche Herausforderung in seinen Augen lodern ließ. Bisher war Jornowell nur wenigen Schnittern im Rosenturm begegnet, denn viele waren nach den Kriegen zu ihren Familien in die Lande Langollions zurückgekehrt und verblieben dort. Die vertrauten Wächter des Turms gingen ihrem Tagwerk dagegen nach, wie sie es vor, während und nach dem Krieg gegen die Ordensritter getan hatten. Was mochte diese beiden Krieger dazu veranlassen, aus den Baracken vor der Stadt, wo die wenig verbliebenen Schnitter lebten, hierherzukommen?

Morwenna verstand wohl seine Verwirrung: „Dieser Bote kam heute Morgen aus der Baronie Vascar zu mir. Ich kenne ihn von meinem langen Aufenthalt im Winter dort … Cirinth … er hat schon einmal versucht, meinen Bruder schriftlich zu erreichen … Es geht um … Lies!“

Jornowell bekam ein flaues Gefühl im Magen. Diese Krieger ihm gegenüber waren keine gewöhnlichen Fußsoldaten und keine einfache Kavallerie. Es mussten Befehlshaber, wenn nicht gar Offiziere in Tiranus Einheit sein. Bei den Alben, Cirinth war doch lediglich im Norden, um dort das Grafenhaus zu unterstützen und es unterschwellig auf Ungereimtheiten zu untersuchen …

Was ging in der kleinen Baronie nur vor sich?

Der hochgewachsene Krieger mit dem Haar in der Farbe von Pech hob eine ungeduldige Braue. Etwas in dieser Geste war vertraut. Zu vertraut! Doch nicht nur das … Diese Haltung, die Selbstverständlichkeit, mit der er sich in Morwennas Nähe aufhielt. Wie ein Schatten. Ein Schatten, dessen kühler Atem auch schon Jornowell im Nacken gefühlt hatte. Dies war der Wachhund, den Tiranu auf ihn angesetzt hatte! Der Spion, welcher ihn und Yulivee vermutlich schon in Larion verfolgt hatte!

„Jornowell?“

Nur schwer konnte sich der Angesprochene von der gerade getroffenen Erkenntnis lösen. Welches Spiel wurde hier gespielt? Warum vermochte er es nur noch immer nicht, das Handeln der Fürsten zu begreifen?!

Der Brief in seiner Hand wog von Herzschlag zu Herzschlag schwerer. Er sah in Morwennas Augen und konnte nur schwer seinen Atem kontrollieren. Als er es nach Momenten des Schweigens immer noch nicht über sich brachte, die Botschaft zu lesen, kam ein Satz aus Morwennas Mund, den er nie zu hören geglaubt hätte:

„Ich brauche deine Hilfe!“

Jornowell öffnete den Brief und las.
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