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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.05.2016 4.880
 
Hallo, ihr lieben!
heute präsentiere ich euch das nächste, spannungsreiche Kapitel. Ich habe solchen Spaß gehabt es zu schreiben - auch wenn der Inhalt alles andere als spaßig ist -, dass ich wirklich sehr hoffe, ihr findet Gefallen daran. Lasst mich eure Meinung wissen!
Danke, liebe Phae für dein tolles Review und Flammendo, dir vielen Dank für deine Mails.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Ohnmacht


Yulivee ließ sich fallen. Der Klammergriff der Ranken drang kaum noch in ihr Bewusstsein, obgleich ihr Halt stark genug schien, um sie weit über der Erde zu tragen …

Endlich … endlich bist du hier! Ich habe dich bereits gesehen, als du meine Gefilde betratst! Du musst wissen … dies ist mein Reich … Dein Begleiter mag sich noch … so sehr als Fürst auftun, in den Labyrinthen bin ich allein König!

Yulivee erschauerte, als sich Samucs Stimme kratzig und rostig in ihre Gedanken bohrte.

Der kleine Falter in ihren Händen begann zu zappeln, doch sie zwang sich, nun eisern zu bleiben. Wenn sie Schwäche zeigte, wäre alles umsonst gewesen! Sie fühlte aber hilflos, wie Samuc sich ihrer bemächtigte, von ihrer Macht trank, bis ihr langsam die Sinne schwanden…

„Was … was willst du von mir?“

Deine Hilfe! Ich kontrollierte einst jede Rose, jedes Blatt und jeden Trieb. Ich brachte Tod und Verderb über alles und jeden! Bis diese Hexe kam. Luana! Sie missbrauchte meine Macht und mein Wissen für ihre Zwecke und verriet mich schließlich … sie hat mich fast all … meiner Stärke beraubt. Ich … ich friste seither ausgehungert und schwach mein Leben, kaum mehr als eine Hülle meiner einstigen Stärke! Nun werde ich mich deiner Macht bedienen …, um erneut zu wachsen, erneut zu herrschen!

„Weshalb ließ Luana dich am Leben?“

Ich, kleine Elfe, sollte … helfen, ihre Geheimnisse zu wahren und ihr Wissen zu hüten … auf dass jene, die würdig sind … es finden und nutzen können. Meine Macht nährt noch heute diese unsäglich lästigen Kreaturen.

„Wie ist ihr ein solcher Zauber gelungen?“

Oh, einst züchteten Luana und ich noch andere magische Wesen und veränderten sie zu unserem Wohlgefallen. Lehecker, diese Drachen! Doch zu nichts zu gebrauchen! Nie reichten sie an jene Geschöpfe Alathaias heran!

„Du hast Luana gelehrt?“

Oh, ja! Luana war eine gelehrige Schülerin … jedenfalls bis dieser Elf kam! Ein Vetter von ihr oder so…

„Marveen?“

Pah!

„Er wollte dir Luana entziehen?“

Er tat es und sie ließ es zu, diese NatterSie erkannte wohl letztlich, dass sie zu schwach war, um das zu vollbringen, was ihre Mutter begann! Bevor sie ging, hat sie mich geschwächt, um ihr Wissen zu konservieren und meiner Rache für ihren Verrat zu entgehen. Doch du … wir zusammen könnten es ermöglichen. Ich werde dich lehren, was meine Ahnherrin Matha Naht mich einst lehrte und gemeinsam schaffen wir ein Werk, das Albenmark so bisher nie zu Gesicht bekommen hat! Zu lange musste mein Land leiden und ich sah machtlos dabei zu! Doch nun ist meine Zeit gekommen. Jawohl … ich kann es spüren. Lass es zu, kleine Elfe, lass es zu…

Yulivee war überrascht, wie schnell der Holunder an Stärke gewann. Aus dem scheinbar unbedarft schwatzhaften Baum war eine bedrohlich grollende, alte Seele geworden.

Eine seltsame Schwere ergriff die Magierin und nur schwer konnte sie gegen den Drang, ihre Augen zu schließen, ankämpfen. Etwas streifte ihre Wange …

Ein besonders kleiner und kümmerlicher Falter schwirrte um ihren Kopf. Über ihm kroch ein ganzes Schwadron aus gut einem Dutzend weiterer Insekten aus dem Wurzelwerk des Holunders und machte sich daran, ihr entgegenzutorkeln.

Lass es zu …

Sie hörte einen Ruf, dumpf und fern … Ihr Name?

Lass es zu …

Yulivee schloss die Augen.



Die Welt war dunkel. In ihrem Augenmerk tanzten wirre Schatten umher, während sich ein schwerer Geschmack, ölig und widerlich süß auf ihre Zunge legte.

Sie befand sich in den Kavernen unter den Rosenlabyrinthen, bemerkte sie. Doch dieses Mal war etwas anders. Sie wurde von etlichen schwarzen Augen gemustert. Tote Augen …

Die zahllosen Schädel der Drachen lagen aufgebahrt in ihren Nischen, die Schnauzen zum Zentrum des Raums hin ausgerichtet. Diese Tiere waren noch nicht lange tot …

Die Magierin schauderte.

Das Gefühl, in eine der geheimen Botschaften von Luana zu einzutauchen, war nicht länger fremd für sie. Im Gegenteil erschien es viel zu leicht, sich darauf einzulassen …

In dieser Traumwelt fand die Erzmagierin Luana kauernd an den Wurzeln von Samuc vor, wo sie gerade dabei war, einen ausgedörrten Tierkörper fortzuschleifen. Ihren Anstrengungen folgte der dumpfe Takt ihres Keuchens, das von den hohen Wänden wider hallte. Über der Elfe peitschten Samucs Stränge, welche voller und weniger holzig als in der fernen Zukunft wirkten.

„Du bist wieder hier“, erhob Luana ihre trockene Stimme. Zuerst glaubte Yulivee, die Blutmagierin könnte das erste Mal wahrhaftigen Kontakt zu ihr aufbauen. Doch dann trat ein Elf aus den Schattenwinkeln der Halle zu Luana. Seine Züge wirkten finster und ausgezehrt. Fast erinnerte dieses Gesicht sie an das von Tiranu. Oder lag das vielleicht an der fernen Verzweiflung, welche in den Augen des Fremden glomm?

„Du musst fort von hier!“, rief er. „Das Labyrinth vergiftet deinen Verstand, Cousine!“

„Schickt dich meine Mutter?“ Luana wirkte nicht sonderlich interessiert, sondern abweisend, ja beinahe garstig. Die Elfe besaß zwei Seiten, welche sich unaufhörlich einen Kampf um die Vorherrschaft ihres Charakters lieferten. „Wenn sie meine Hilfe ersucht, dann …“

„Ich bin hier, um dir die Nachricht von Selins Tod zu übermitteln“, führte der Fremde mit wohldosierter Härte in der Stimme fort. „Arien hingegen ist noch immer verschwunden. Man vermutet, dass auch er fiel. Alathaia verliert den Krieg.“

Die Blutmagierin wandte sich dem Elfen zu und verharrte stumm. Ihre Hände begannen zu zittern, doch kein Wort wollte über die blassen Lippen kommen. Luana war wie ausgewechselt.

Der Fremde trat vor: „Was tust du hier nur? Das bist nicht du! Ich erinnere mich an eine starke Elfe, ein rechtschaffendes Herz … keine verkümmerte Rose, die dem Licht entgegenlechzt und sich dabei in die Hände der Schatten begibt. Was ist aus dir geworden?“

„Ich lerne!“ Luana sah auf. „Ich kann es schaffen! Mutter mag gescheitert sein, aber möglicherweise folgte sie einem falschen Weg! Ich kann helfen. Noch können wir !“

„Du hast Alathaia für Jahre nicht gesehen! Wenn du deiner Sippe wirklich helfen willst, dann tritt aus dem Schatten, der deine Seele verdunkelt!“

„Was ist mit den Kleinen?“ Luanas Ton hatte sich geändert. Ihre Stimme zitterte nicht minder als ihre Finger. „Die Zwillinge und Avenir?“

„Alathaia wird nicht zögern, auch sie zu schicken, wenn ihr keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Alle drei genießen ihre Lehrstunden … Wenn du nichts unternimmst, werden auch sie fallen!“

Du … Scher dich davon, Marveen!“ Luana taumelte. Nur dem flinken Griff des Wurzelwerks war es zu verdanken, dass die älteste Tochter Alathaias nicht auf den Boden krachte. „Ich … kann, ich kann es schaffen! Mit Samucs Hilfe kann ich die Drachen zähmen … ich kann alles noch zum Guten wenden!“

„Du bist verrückt! Alles, was du erreichst, ist dein eigener Tod! Dieser Baum zerstört dich!“

„Du irrst dich! In ihm habe ich nach all der Zeit endlich jemanden gefunden, der sich meiner annehmen möchte und meine Macht erkennt. Du bist es, der mich zerstört sehen will!“ Luanas Augen wurden finster, ihre Stimme grell: „Verschwinde endlich!“

Marveen griff sichtlich erzürnt nach einem der Barinsteine und warf ihn gegen die nächstliegende Wand. Seine Splitter verteilen sich über den gesamten Boden und streiften auch Luanas Füße. „Du musst fliehen, verdammt! Der Krieg ist bereits verloren! Komm mit mir!“

Luana sah traurig auf die kleinen Leuchtflecken der restlichen Barinsteine in den Felsplatten: „Was würde das ändern? Du bist nicht anders als all die anderen auch …“

Die Szenerie entzog sich jäh Yulivees Blick

Ganz so, als würde sich die Seite eines Buchs umblättern, sah sie nun ein anderes Bild vor sich.

Ein großzügig bemessener Saal, weite Fensterfronten und hell leuchtende Kerzen erfüllten ihr Bewusstsein. Sie fand sich benommen neben Luanas regungslosem Abbild wieder. Die Blutmagierin stand bei den reflektierenden Scheiben und starrte ins nächtliche Freie. Yulivee sammelte, den jäh aufkommenden Schwindel niederringend, ihre Gedanken und folgte dem apathischen Blick.

Ein Gefühl der Kälte breitete sich unweigerlich in ihrem Magen aus.

Es erschien ein Reiter auf der weitläufigen Terrasse vor den Räumlichkeiten. Ein strenger Wind peitschte durch sein langes, blondes Haar und zerrte mit unnachgiebigen Fingern an seinem Mantel. In seiner Hand flatterte das Rosenbanner Alathaias – es hing in Fetzen.

Luana löste sich aus ihrer Starre. Ohne ein Zögern eilte sie aus dem Saal hinaus. Doch Yulivee war wie versteinert. Unabwendbar ging ihr Blick hinaus, wo einige Nachtfalter aufgeregt im Licht einer Lampe tanzten. Die Magierin brauchte Luana nicht ins Freie zu folgen, um zu verstehen, was geschehen war

Denn kaum erschien die Blutmagierin auf der Terrasse, sprang der Reiter von seinem Ross und ging ihr mit großen, gemessenen Schritten entgegen. Es lag keine Eile in seinen Bewegungen. Was er zu berichten hatte schien bereits in Marmor gemeißelt, unveränderbar. Keine Hast hätte etwas an den Gegebenheiten gerüttelt.

Vor Luana angekommen, ließ er sich auf ein Knie fallen und bot ihr das zerschlissene Banner dar. Yulivee wusste instinktiv, was dies zu bedeuten hatte. Doch nichts in allen Welten hätte sie auf den schmerzverzerrten Schrei vorbereiten können, der ihr Herz im nächsten Moment zum Klingen brachte. Luana ging in die Knie, griff den dunklen Stoff und drückte ihn fest an sich. Sie wog sich, das Banner an ihre Wange gepresst, als hielte sie ein Kind in den Armen und weinte, als hätte sie dieses soeben für immer verloren.

Die Erzmagierin wandte sich ab, Tränen des Schocks verschleierten ihre Sicht. Sie hatte viel gesehen und erlebt in ihrem noch kurzen, aber aufregenden Leben, doch diese Familie sprengte den Rahmen des ihr Erträglichen.

Kaum hob sie aber den verschleierten Blick in die Halle, begegnete sie Luana zusammen mit Marveen kaum fünf Schritt von sich entfernt. Die beiden ungleichen Elfen befanden sich vor dem ausladenden Kamin, welcher bis eben noch Yulivees Rücken gewärmt hatte. Die Tochter Alathaias wirkte entrückt, nicht anwesend. Sie saß in einem großen Sessel und starrte ins Nichts. Ihre grünen Augen waren matt und glanzlos, ganz wie jenes abgestumpfte Glas, das man an wellenumspülten Stränden fand.

Marveen hatte sich zu ihren Füßen niedergelassen. Auch der Gatte Amanas war von Spuren aus dem Krieg gezeichnet. Er war abgemagert und tiefe Schatten lagen in seinen spitz anmutenden Zügen. Er murmelte etwas, das Yulivee erst verstehen konnte, als sie näher trat: „Sieben Monate währte meine Gefangenschaft, ehe ich aus Elfenlicht entkommen konnte. Doch zu welchem Preis …“

„Wie ist es geschehen?“, unterbrach Luana und erhaschte damit einen verwirrten Ausdruck von Marveen: „Was meinst du?“

„Wie starb meine Mutter?“

„Es war ein Hinterhalt. Mehr weiß ich darüber nicht.“

„Und … wie … Morwenna und Tiranu, sie haben die Kämpfe doch überlebt. Meine Späher sagten, dass … – wohl haben auch sie mich verraten! Alle kämpfen sie nunmehr auf der Seite von Emerelle! Feiglinge! Ich verstehe nicht … Die Zwillinge waren jung,  aber klug und ... Wie konnte die Königin … wie?“ Tränen verschleierten die grünen Augen der Elfe. „Ich kann nicht glauben, dass sie das tat!“

„Aber so ist es, Luana. Ich sah es mit meinen eigenen Augen!“, beschwor Marveen und Yulivee hielt die Luft an. „Ich wurde kaum aus der Gefangenschaft entlassen und man berichtete mir, das Urteil über Morwenna und Tiranu sei getroffen. Noch am selben Tag ließ die Königin deine Geschwister auf dem Schafott richten. Sie trugen es mit Fassung, mit Stolz … Ihr Tod war nicht umsonst, Luana. In Langollion werden sie alle unvergessen sein! Aber … wir können nicht länger hier bleiben. Emerelle sucht bereits nach dir. Wir müssen gehen, fort von hier. Wir fliehen … nach Ishemon, Tanthalia in die Welt der Menschen, die Zerbrochene Welt… wohin auch immer uns der Wind verschlägt! Ganz egal, nur weg von hier. Fort von den Häschern der Königin!

Luanas Ausdruck war so fassungslos, wie Yulivee sich fühlte. Die Zwillinge nach den Schattenkriegen auf Elfenlicht gerichtet? Bei den Alben! Hatte Tiranu Recht behalten mit seiner Vermutung? War diese bittere Lüge Emerelles Werk?

Hatte Marveen diese Lügen im Auftrag der Königin in Luanas Ohr geträufelt, um sie verzweifeln zu lassen? Oder Marveen selbst hatte sich diese grausige Täuschung ausgedacht, um Luana für seine Pläne zu gewinnen. Er wollte ihr die Hoffnung nehmen, um sie ihres Kampfeswillens beraubt in Sicherheit zu bringen. Es musste so sein!

Yulivee wollte nicht glauben, dass Emerelle ihre Finger im Spiel hatte. Doch wie man es auch drehte und wendete: Luana musste nach dieser Täuschung denken, auch ihr Leben sei in unmittelbarer Gefahr und ihr Lebensinhalt – ihre Familie – war ausgelöscht. Dies mochte sie angstblind in die Arme des Tods getrieben haben, ohne zu hinterfragen, was wirklich in diesen Tagen nach den Schattenkriegen geschehen war.

Luana sprang auf: „Fliehen? Niemals! Ich werde mich Emerelle stellen und …“

„Nein! Das darfst du nicht! Luana, ich beschwöre dich … hör wenigstens dieses eine Mal auf mich und flieh!“

Luana ließ sich nicht überzeugen. Ihre Mimik blieb starr: „Verschwinde aus meinen Hallen, Marveen!


Der Elf blieb, wo er war. Doch war ihm bereits anzusehen, dass er nachgab: „Du bist verwirrt. Verwirrt und in Trauer Ich komme in drei Tagen, um dich zu holen. Ich hoffe, bis dahin bist du zur Vernunft gekommen!“

Was auch immer die Silberschale Emerelle offenbart hatteund in wie weit sie dieses Szenario in die Wege geleitet hatte – das Schicksal wandte sich zum Vorteil der Königin. Ihr vermeintlicher Schachzug trug Früchte. Ganz gleich, ob Luana sich nun unwissend über das Überleben ihrer Geschwister dem Urteil der Krone stellen würde, oder ihrer sprunghaften Seele erlag: Die Elfe war am Boden.

Marveen verließ mit wehendem Umhang die Halle.




Yulivee keuchte schmerzerfüllt, als der Klammergriff der Ranken sie freigab. Der Aufprall war hart – der abrupte Riss aus der fremden Gedankenwelt tausend Mal härter. Sie war benommen. Ein explosionsartiger Schmerz breitete sich in atemberaubenden Druckwellen in ihrem Kopf aus, die sie gepeinigt aufschreien ließen.

In ihren Augenwinkeln sah sie eine Gestalt herumwirbeln. Flink surrte ein Dolch durch die Luft, ein silberner Schweif gegen das Schwarz …

Samucs Wurzeln schlugen neben ihr auf die Erde. In ihren Gedanken hörte sie den alten Baum gellend jaulen. Yulivee fühlte seinen Schmerz und glaubte, darin zu vergehen.

Ein schwarzer Schleier legte sich wie ein Leichentuch über sie. Würde sie sterben?

Hart kämpfte Yulivee gegen den Drang, die Augen fest zu verschließen. Nur ein Spalt weit gedämpftes Licht schlug ihr entgegen wie ein Fausthieb. Ihre Augen tränten. Panisch und orientierungslos suchte sie nach Tiranu. Doch sie fand den Elf nicht. Stattdessen nahm sie eine leise Stimme in ihrem Kopf wahr. Samuc!

Der Holunder sprach jedoch nicht zu ihr.

„Tiranu!“, flüsterte sie heiser. „Mach nicht denselben Fehler, wie Luana ihn tat!“

Der Elfenfürst stand plötzlich direkt neben ihr. Stumm und nunmehr völlig bewegungslos lauschte er den Verführungen des beseelten Baums, welche Yulivee gar nicht erst an sich heran ließ. Warum unternahm er denn nichts mehr?

„Tiranu! Mach dem ein Ende!“ Die Magierin schrie verzweifelt gegen die säuselnde Stimme an und rappelte sich auf taube Arme, um ihre letzte Kraft zusammen zu klauben: „Er hat sich meiner Macht bedient! Siehst du denn nicht, dass er auch dich nur benutzen will? Ganz egal, was er verspricht … er lügt!“

Endlich wandte sich Tiranu zu ihr, die Augen verhangen und leer. Doch das war es nicht, was Yulivee verstummen ließ. In des Fürsten linker Hand ruhte ein golden schimmernder Stein. Von fünf bräunlichen Adern war er durchzogen und funkelte aufregend im Licht der Barinsteine. Die Magierin glaubte, ihr Herz setzte einen viel zu langen Schlag lang aus –

Tiranu hatte sich des Albensteins bemächtigt! Jenes wertvolle Artefakt, welches erst seit kurzem unter ihrem Schutz stand und einst durch Nuramon und Farodin zurück in seine Heimat, die Albenmark, gebracht worden war. Sie war seine einzige Wächterin und nun war er durch ihre Unaufmerksamkeit ausgerechnet in die Hände dieses unkontrollierten Elfs geraten. Sie hätte ihm niemals ihr Vertrauen schenken dürfen! Nie!

Yulivee hatte dem Schnitterfürsten die Kraft zugespielt, welche ihm zum Triumpf über Emerelle gereichen könnte – und einen Gespielen im Kampf um diese Macht dazu! Luanas konserviertes Wissen trug den bitteren Rest bei, um ihre Mission wahrlich als gescheitert anzusehen.

Einen letzten Blick fing Yulivee auf, ehe sie  verzweifelt den Kopf senkte. Sie hatte versagt!



* * *




Tiranu sah die Verzweiflung in den Augen der Magierin und stockte.

Sie wusste, du würdest sie verraten. Nichts Anderes hat sie von dir erwartet …

Das Flüstern von Samuc bohrte sich wie ein Nagel in sein Gehör. Diese Worte waren wie ein lähmendes Gift! Wie er versuchte, sich bei ihm anzubiedern, die verheißenden Versprechungen…

Warum geben wir ihr nicht, was sie möchte? Ohne ihren Albenstein ist sie wertlos, auch für die Elfenkönigin … Du dagegen könntest so viel mit dieser Macht erreichen. Beenden wir, was deiner Mutter und auch Schwester nicht gelang. Ich kann dir helfen, das Wesen der Albenkinder zu verändern. Siehst du die Drachen? Beinahe gelang es mir vor Jahrhunderten, sie zu zähmen. Und die Nachtfalter sind der Schlüssel zu noch so viel mehr Wissen, an dem ich dich teilhaben lassen kann. Die Schwarze Kunst ist dir nicht unvertraut, habe ich recht? Ich kann dich an eine Macht heranführen, von der du nur zu träumen wagst. Gib deinem Land endlich den Aufschwung, das es so dringend braucht. Tritt endlich aus dem Schatten Alathaias!

Samucs Kraft schien mit dem Kontakt zu Yulivee gewachsen sein. Hatte er von ihrer Magie getrunken? Die Erzmagierin schien jedenfalls am Ende ihrer Kräfte zu sein.

Etliche Nachtfalter schwirrten noch immer um die Gestalt der Elfe herum. Noch keines von diesen magischen Erinnerungsstücken hatte sich in seinen Verstand gegraben. Doch gerade Yulivee schien anfällig für ihre Botschaften. Sie wand sich unter ihrem Einfluss, ihren Bildern.

Tiranus nachdenklicher Blick fand den zersplitterten Drachenschädel am anderen Ende der Halle. Yulivee hatte den Schädel fallen gelassen, doch die Verstümmelungen, die sich auf dem Knochen abzeichneten, waren uralt. Was hatte Luana nur bewegt, so weit zu gehen? Wie konnte eine Verzweiflung so weit reichen, dass man sich derart in einer Wahnvorstellung vergrub?

Denk nicht zu lange nach, Elflein!

Die Falter stoben auf, als Yulivee nach ihnen schlug. Einige hasteten mit ihren krummen Flügelchen in seine Richtung und streifen dabei sein Gesicht. Doch ihre Magie war für ihn so fern wie ein Blitzen am Himmel über dem Meer. Unbedeutend und klein.

Der Albenstein in seiner Hand dagegen wog schwer, schwer wie die Last seiner Bürde. Er war eines der jüngsten Kinder Alathaias gewesen, nie hätte er in seiner Jugend geglaubt, tatsächlich einmal an die Fürstenkrone zu gelangen. Nun, nach all den Jahren, der Niederlage in den Schattenkriegen, dem beinahen Ruin seines Reichs, erschien es ihm wie blanker Hohn, an diesem Kreuzweg angelangt zu sein. Was hätte seine Mutter einst für die Macht eines Albensteins geopfert? Welchen Preis hätte sie gezahlt? Wie hätte sie auf dieses Angebot reagiert?

„Tiranu!

Der Fürst horchte auf. Das war nicht Yulivees Stimme und ganz gewiss nicht die von Samuc! Ein buntes Blitzen zog durch sein Sichtfeld. Das war doch …! Eine Einbildung?

„Komm schon, Bruder! Mit den Händen voran!“

Die Szenerie vor seinen Augen verschwamm. Samucs peitschende Wurzeln, die aufgeregten Nachtfalter, Yulivee zusammengekauert auf dem Boden …

Alles zog sich in rasanter Schnelle  zurück.

Stattdessen …

Du musst endlich gegen deine Angst ankämpfen … Er spürt genau, was du fühlst, kleiner Bruder!“

Selin!?

Tiranu befand sich auf einer sattgrünen, großläufigen Aue, die sich weit bis zum Horizont zog. Der Geruch wilder Gräser und würziger Heublumen zog in seine Nase der Geruch des späten Sommers in Langollion. Auf der Ebene fanden sich kleine Haine zusammen, die in der nachmittäglichen Hitze genug Schatten spendeten, um zwei Elfen eine Erfrischung zu bieten.

Tiranu sah in ihre Rücken und erkannte sie ohne ein Zögern. Selin, die silberhaarige Kriegerin mit dem Temperament einer wilden, hungrigen Bache und Arien, sein verschlagener Bruder, der nichts mehr liebte als die Seefahrt und die hübschen Maiden am Hof ihrer Mutter.

Hatte Samuc die Kontrolle über seine Gedanken gewonnen? Schickte er ihm diese Bilder?

Seine Geschwister sahen scheinbar amüsiert auf die Weide hinaus, wo sich ein Pferd aufgeregt gegen den Griff eines Jünglings wehrte. Hin und her tänzelte der Schimmel und schlug seinem Reiter dabei das ein oder andere Mal ein Schnippchen. Der Jüngling mit dem langen, schwarzen Haar versuchte dabei verzweifelt, den Zügeln des Rosses habhaft zu werden. Doch jedes Mal, wenn es so schien, als könnte er sie greifen, unterbrach ein kurzes Zögern seinen Versuch und das Pferd stob davon.

Die Hektik in den Bewegungen des jungen Elfs schien dem Pferd gar nicht zu schmecken. Es schien nicht gewillt, sich gnadenvoll auf diese Mätzchen einzulassen.

Arien seufzte und warf sein blondes Haar in den Nacken, als er zum Himmel blickte: „Die Schande unserer Familie! Das siebte Ross, vor dem er buckelt … ganz gleich ob Hengst, Stute oder Kastrat … das darf einfach nicht wahr sein!“

Tiranu trat an den beiden Gestalten am Rand der Aue vorbei und zog ein verächtliches Gesicht. Natürlich kannte er den Jungen, der sich hier am Fuße des Rosenturms zum Narren machte. Er konnte sich noch sehr gut an diese sogenannten Lehrstunden seiner Geschwister erinnern.

Alle zwei Wochen waren sie auf den großen Wiesen im Schatten des Herrensitzes ihrer Mutter zusammengekommen. Dort, wo in den sanften Hügeln mit den saftigen Weiden die prächtigen Paläste des Adels verstreut lagen, trainierten die beiden kampferprobten Elfen stundenlang mit ihm. Doch ganz gleich, mit welcher körperlichen Herausforderung sie ihn malträtierten, Tiranu fand keinen Gefallen daran.

Selin lachte laut, als sich sein jüngeres Ich ungeschickt auf den Hosenboden manövrierte: „Das ist ein Stockwerk zu tief, kleiner Bruder!“ Ihr Finger stach durch die Luft: „Da oben musst du sitzen!“

Wie um ihre Worte zu verdeutlichen, schnaubte das helle Ross laut auf und schaffte ein gutes Stück Platz zwischen sich und die Elfen. Kaum, dass es sich in Sicherheit zu wähnen schien, kaute es genüsslich am sattgrünen Gras und ließ dabei argwöhnisch die Ohren kreisen.

Tiranu war irritiert. Woher kamen diese Trugbilder …?

„Seid still, ihr Pappnasen!“, erklang es da erzürnt in seinem Rücken.

Auch Arien und Selin wandten sich der piepsigen Stimme zu und schmunzelten amüsiert, als Morwenna erschien. Sie mochte gerade einmal fünf oder sechs Sommer zählen. Ein geflochtener Kranz aus Wildblumen saß leicht verrutscht auf ihrem Haupt, ebenso wie ihre Mundwinkel es waren. In ihrem Schlepptau führte sie Luana an der Hand, die gebückt gehen musste, um im Griff des Kindes Schritt halten zu können.

Morwenna zerrte ihre älteste Schwester jedoch gnadenlos vor Arien und Selin und verschränkte dort angekommen ihre schmächtigen Ärmchen: „Ihr Beiden seid gemein! Ihr wisst ganz genau, dass er Angst hat!“

In bockiger Manier stapfte der kleine Derwisch auf den Boden, was den drei Ältesten nur ein Schmunzeln auf die Lippen zauberte. „Er ist doch viel zu klein, um da hoch zu kommen …“, setzte sie nach und schaute betrübt zu dem Pferd hinüber, welches gemächlich das Weite vor dem jungen Tiranu suchte.

Das musst du ihm sagen, Kleine“, lenkte Arien ein. „Er will mich nächste Woche auf das Jagdfest des Barons von Manawa begleiten, der Wicht! Er lässt sich nicht von dieser wahnwitzigen Idee abbringen … Nun, bis dahin sollte er sich wenigstens im Schritttempo auf einem Sattel halten können, oder er wird uns zum Gespött der gesamten Albenmark machen!“

Luana trat vor und verschränkte die Arme in gespielt pikierter Manier, ganz wie ihre kleine Schwester es tat: „Ich erinnere mich an unsere letzte Jagd in Manawa, Bruder. Allzu gewandt im Sattel erwiesest du dich an diesem Tag ebenfalls nicht, wenn mich mein Gedächtnis nicht trübt. Mir schien es vielmehr ganz so, als hättest du dich in der Nacht zuvor bei einem ganz anderen Ritt wund gescheuert …“ Ein heimtückisches Lächeln erschien auf ihren Zügen. Jedenfalls können wir es einzig und allein meiner Redegewandtheit verdanken, dass der Baron seinem Verdacht, du hättest sein Weib bestiegen, nicht weiter nachgegangen ist. Das, mein lieber Bruder, wäre ein Ritt in den Sumpf des Gespötts gewesen!“

Selin lachte laut auf und Tiranu war verwundert. Eine solche Zote hätte er bei Luana nicht erwartet. Allerdings hatte er sie nur als Jüngling gekannt, für den sie sorgte wie eine zweite Mutter …

„Aber … was … du … was!?“, stammelte Arien und feixte dann. „Vielleicht wäre es dann besser, ich wähle doch lieber wieder dich als Begleitung.“

Luana hob eine Braue: „Knickst du vor der Herausforderung ein, Tiranu die Angst vor Pferden zu nehmen? Eine Woche, sagtest du? Ich schaffe es in vier Tagen!“

Arien verschränkte nun seinerseits die Arme und wagte einen Blick aufs Feld, wo der Elfenjunge erneut dem Pferd hinterherhechtete – und die Zügel um zwei Armeslängen verfehlte. „Das schaffst du nie!“

„Sieh‘ mir zu … Wenn es mir gelingt, nimmst du ihn mit!“

Arien wog offenbar seine Chancen ab. Das stetige Lächeln auf seinen Lippen keinen Moment verlierend: „Einverstanden!“

„Und du ihr beide werdet ihn im Gegenzug für den ganzen Spaß, den ihr mit ihm habt, das Kämpfen lehren!“, setzte Luana nach. „Ganz gleich, wie dämlich er sich dabei anstellt. Es wird ihm gut tun, sich auch außerhalb der Fittiche unserer Mutter verwirklichen zu können…“

„Jetzt übertreibst du …“, kam es gleichzeitig aus Ariens und Selins Mund geschossen.

Beide waren als ausgezeichnete Kämpfer bekannt. Wo Selin sich mehr auf Taktik verstand, genoss Arien die natürliche Autorität eines Anführers, ganz gleich ob er ein Schiff befehligte oder ein Heer. Selin mochte ebenso die bessere Fechterin sein, doch wenn es darum ging, einen Dolch im Dunklen zu führen, so besaß Arien das Geschick eines gewieften Assassinen. Die Mischung machte die beiden zu einem gefährlichen Duo, das sich nicht nur prächtig verstand, sondern auch berüchtigt für ihre gnadenlosen Übungsstunden in den Baracken vor dem Rosenturm war.

„Tue ich das? Wie wäre es, wenn ich dich, Arien, tatsächlich auf diese Jagd begleite … vielleicht hat der Baron von Manawa noch immer ein offenes Ohr für mich und lauscht meinen Geschichten. Welche könnte ich ihm nur erzählen?“

„Luana!?“ Arien war außer sich, was Selin nur noch lauter lachen ließ. Morwenna hatte derweil ein Gesichtchen aufgesetzt, als verstünde sie kein Wort und Tiranu … ihm wurde die Kehle eng.

„Du solltest nicht so sehr in Spottgelächter ausbrechen, Selin!“, beanstandete Luana weiter. „Wenn Mutter je erfahren sollte, wer ihr geliebtes, rubinbesetztes Kleid zerstörte … – ja, du weißt, von welchem ich spreche –, dann wäre das ein sehr finsterer Tag für dich!“

„Aber … das … das war nicht einmal ich! Ich …“ Selin wurde von einer erhobenen, schlanken Hand zum Schweigen verdonnert.

„Nehmt ihr die Wette nun an, oder nicht?“

Arien und Selin nickten – synchron, wie sie es im Herzen stets gewesen waren.

Tiranu schluckte. Er wusste, wie diese Wette ausging. Voller Geduld und Verständnis für seine irrationale Angst, sich einem Pferd zu nähern, hatte Luana ihm das Reiten auf einem richtigen Pferd gelehrt. Nur eine Woche später hatte er Arien auf die Jagd in den Wäldern um Manawa begleitet. Zwar war er nur Begleiter der Hofelfen am Ende des Jagdtross gewesen, wo er den Damen beim Kokettieren und den Herren beim Geschichtenerzählen lauschte, doch war er nie stolzer auf sich gewesen.

Das alles war schon so lange her …




Als der Fürst die Augen öffnete, brannte der Albenstein wie gleißende Kohle in seiner Hand. Wie lange war er fort gewesen? Das … waren dies etwa die Träume gewesen, von denen Yulivee sprach? Die Sinneswahrnehmungen, welche durch die magische Essenz der Nachtfalter übertragen wurden und neu in den Gedanken ihrer ‚Opfer‘ auflebten? Bei den Alben, was hatte Luana nur alles auf diese Weise konserviert?

Luana.

Der Frieden in dieser aufgezeigten Erinnerung seiner ältesten Schwester quälte ihn.

„Was hast du mit ihr getan?!“, schrie er, getrieben vom Stechen in seinem Herzen. Samuc hielt sich ruhig. Er schien nur darauf zu warten, einen schwachen Moment zu erwischen. Der beseelte Baum fürchtete die Macht des Artefakts in seinen Händen! „Was hast du mit Luana getan?“

Ich habe ihr die Chance gegeben, erneut zu leben, nachdem deine Mutter ihr alle Freude entsagte.

„Du lügst!“ Tiranu griff den Stein fester. „Du hast sie zugrunde gerichtet!“

Die Macht des Steins flutete seine Sinne, floss durch seine Finger hinauf in seinen Arm. Jeder Muskelstrang seines Leibs war angespannt. Sein Herz pochte im Rhythmus der magischen Ströme…

Wenn du mich zerstörst, dann wird auch Luanas Wissen vergehen. Du tilgst ihre Erinnerung aus der Welt!

„Ihre Erinnerung liegt nicht in diesem Gemäuer begraben!“

Samuc lachte und stach in seine Gedanken: Wo sonst? Du hast kein Herz, Elf! Sieh Yulivee dort liegen. Auch sie ist ein Opfer deiner Selbstsucht.

Tiranu wandte sich der Magierin zu. Regungslos lag sie zu seinen Füßen, blass und durscheinend. Was war mit ihr? Gerade noch …

Sie hat dich angefleht, nicht auf mich zu hören. Dein Zögern kostete ihr Leben … Ihre Kraft ist nun mein!

Tiranu hob die Linke: „Dies war deine letzte Lüge!“



_______________________________

Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen. Es war der kleine Höhepunkt des ersten Handlungsstrangs, der nun langsam dabei ist, auszuklingen. Doch keine Bange, wir befinden uns beinahe schon in den ersten Zügen des nächsten Handlungsstrangs, in dem es nochmal richtig spannend und politisch gehaltvoll wird.

Ich freue mich über eure Meinung und natürlich über Reviews!
Liebe Grüße
Riniell
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