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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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14.05.2016 4.035
 
Ein Augenblick


Hart schlug er auf den Boden, schrammte entlang an Fels und Geröll und kam schließlich unter einer Woge von Schutt und Erde zum Liegen. Alle Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, während ein dumpfer Schmerz in seinem Kopf jeden Gedanken auffraß. Für einen Moment schien die Welt in ein tiefes Schwarz getaucht.

Ein jämmerlicher Ton holte ihn zurück.

In seinem Arm keuchte Yulivee in leiser Pein. Alarmiert quälte sich Tiranu auf die schmerzenden Unterarme und suchte die Magierin. Ihr Atem ging rasselnd. Der hohle Klang vermischte sich untrennbar mit dem leisen Herabrieseln der leblosen Nachtfalter, die auf ihnen zu liegen kamen.

Der Fürst drehte Yulivees schmales Gesicht in seine Richtung und erstarrte. Ihre Haut war fahl und durchscheinend. Eine dünne Staubschicht bedeckte ihren Körper wie ein durchlöcherter Leichenschleier.

„Yulivee?“

Tiranu rüttelte ihre Schultern, fühlte ihren viel zu schnellen Puls und kniff sie schließlich fest in den Arm.

„Du musst aufwachen, verdammt!“

Er fühlte das leichte Kribbeln der Erleichterung, als sie endlich ihre Augen öffnete. Ein träger Blick streifte ihn – und beinahe musste er auflachen: Keine Feindschaft war darin zu sehen, kein Argwohn, keine Missgunst. Welch gnadenvolles Zugeständnis nach diesem Wahnsinns-Sprint…

Bei dem Gedanken rauschte die Bedeutungsschwere der Situation wieder auf ihn ein. Seine Aufmerksamkeit wanderte nach oben, wo die Rosenranken lange nicht ihr Streben aufgegeben hatten. Nach und nach versperrten ihre schlängelnden Körper das Loch, durch das sie gebrochen waren. Doch augenscheinlich fanden sie ihren Weg nicht zu ihnen herunter. Würde dies also ihr Grab sein?

Yulivee schrak hoch. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, wälzte sie sich aus seiner Umklammerung und sprang auf ihre Beine. Im letzten Licht, das durch die Ranken drang, sah er sie umherwanken, ehe ihre Finger Halt an einer steinernen Wand fanden. Sie keuchte und hustete, während ihre Augen beinahe panisch die Umgebung absuchten.

Die Magierin wirbelte schließlich herum: „Was hast du getan!?“

Auch Tiranu rappelte sich auf, die Stirn kraus ob der Empörung in ihren Worte: „Ich?! Was ich getan habe? Ich habe dir dein verdammtes Leben gerettet!“

„Du hast uns in ein Loch gestürzt! Eine eigenwillige Rettung nenne ich das!“ Ihr Blick änderte sich – und da war das Misstrauen wieder! „Was ist nur passiert?“

„Du hattest einen Traum, dann …“ Tiranu besann sich, sie besser nicht weiter in Unruhe zu versetzen. „Sag mir lieber, was du sahst!“

Die Magierin hob eine Braue: „Dann glaubst du mir also endlich?“

„Nun, entweder bekommt deine Fantasie im wahrsten Sinne des Wortes Flügel, oder aber …“

Während er sprach, wanderte Yulivees Blick langsam nach oben, wo die Rosen ihren Fluchtweg versiegelten: „Wir werden verfolgt! Tiranu, was geschieht hier!?“

Auch der Angesprochene wagte ebenfalls einen schnellen Blick in die Höhe. Seine eigenwillige Ruhe ließ sich nicht erschüttern, auch wenn ihm deutlich bewusst war, wie glimpflich sie der Hetze der Rosenranken entkommen waren.

„Woher auch immer diese Macht herreicht, es … oder er ahnt, was wir vorhaben und möchte uns endgültig los werden, bevor wir ihm schaden können.“ Während er sprach, blickte er sich in ihrem Gefängnis um und war erstaunt. Die Kaverne war großräumiger, als er zunächst angenommen hatte. Wenn sich ihm auch nicht viel mehr im wenigen, schattenspieligen Licht offenbarte.

Waren die Labyrinthe etwa unterhöhlt?

Ein lang vertrautes Wort der Macht glitt stumpf über seine Lippen. Es schwang so lange im feingliedrigen Netz der Magie, bis die Reibung einen kleinen, runden Feuerball in der stickigen Luft erschuf. Tiranu schickte ihn über ihre Köpfe und der warme Schein erhellte den Hohlraum.

Der Lichtkegel gab die kargen Felsblöcke preis, welche die Wände ausschmückten und stabilisierten. Die Höhle verlief länglich – und weit! Nicht nur die feuchte Kühle, sondern auch ein herber Modergeruch verriet ihm, dass einst ein unterirdischer Fluss die Erde gehöhlt haben musste. Doch wer hatte die Kaverne so ausgebaut?

In einem fernen Winkel hing ein großer Schatten über dem Boden und beinahe war ihm, als würde von dort ein Luftzug seine Wange streifen. Ein Durchgang!

Yulivee trat vor ihn und folgte seinem Blick. In ihrer Stimme schwang ein leichtes Zittern, als sie flüsterte: „Ihr schwarzes Wissen, die böse Macht, sie fliegt im Herzen des Labyrinths

Tiranu nickte: „Wir müssen weiter …“

Mit einem Ausdruck des Schocks wirbelte Yulivee erneut herum: „Dort entlang?! Es könnte eine weitere Falle sein … oder eine Sackgasse, aus der wir nie wieder entfliehen können!“

„Wenn du wieder herausklettern möchtest – in die absolute Sicherheit – bitte, tu dir keinen Zwang an.“

Mit langen Schritten machte er sich daran, die Bedenken hinter sich zu lassen und ihrem Ziel endlich näher zu kommen. Sie hatten genug Zeit verschwendet! Diese Macht hatte ja keine Ahnung, mit wem sie es zu tun bekommen hatte. Sie würde ihre Herausforderung bald bereuen!

„Spürt du das? Das magische Netz … hier unten ist es regelmäßiger und nicht so verworren, wie über der Erde“, stellte er fest, erstaunt darüber, wie beständig die Lichtkugel aus seiner Magie strahlte.

„Natürlich spüre ich das!“, rief Yulivee in einem Ton, der den Fürsten an jedem einzelnen Wort zweifeln ließ. „Und du bist dir wirklich sicher, dass dies der richtige Weg ist?“

„Hast du etwa Angst vor der Dunkelheit?“

Yulivee schwieg dazu, beeilte sich aber, zu ihm aufzuholen. Tiranu biss verärgert die Zähne zusammen. Bei den Alben! Dieses Mädchen brachte ihn langsam aber sicher um den Verstand! Wie war sie denn jemals auf die wahnwitzige Idee gekommen, sich ausgerechnet mit ihm im Spiel der Mächte zu messen? Litt sie an einer gravierenden Selbstüberschätzung? Sie war eine Denunziantin, durch und durch! Niemals hätte sie nach Langollion kommen sollen …

Nach einigen Momenten des Schweigens hörte er die Magierin tief Luft holen: „Was diesen … Traum angeht. Ich bin mir nicht sicher, ob du … es wissen möchtest. Was ich gesehen habe, meine ich.“

Tiranu beschleunigte unweigerlich seine Schritte. Er ahnte, was er gleich hören würde. In einem weiteren Versuch, sich über ihn zu stellen, würde Yulivee ungehobelt genug sein, ihn nicht nur auf relevante Fakten, sondern auch auf prekäre Kleinigkeiten anzusprechen.

„Ich weiß, dass meine Schwester sich selbst richtete“, raunte er teilnahmslos.

Tatsächlich besaß sie aber wenigstens nun den Anstand, zu schweigen.

„Enttäuscht?“

„Was meinst du?“ Die Erzmagierin schloss zu ihm auf. Der Schein des Lichtballs malte lange Schatten in ihr sonst feines Gesicht, welches nun streng und unleserlich wirkte. Doch schien sie auch unsagbar traurig, traurig und müde.

Tiranu schaute rasch wieder nach vorn: „Warum solltest du mich darauf ansprechen, wenn nicht, um mich in Verlegenheit oder Kümmernis zu bringen … wolltest du dich daran laben?“

Der Fürst Langollions geriet ins Stocken, als Yulivee ihm energisch den Weg vertrat: „Ich würde nicht … Ich wollte lediglich …“

„Niemand grämt dir hier, Erzmagierin“, unterbrach Tiranu ihr Gestammel. „Im Gegenteil. Du kannst stolz auf dich sein! Das erste Mal seit langem, so scheint es mir, offenbarst du dein wahres Gesicht. Du wirkst schockiert darüber. Aber keine Bange, dein Geheimnis ist sicher bei mir. Wenn du meinen Rat hören willst, so lass es zu. Lass dem Hass auf mich freien Lauf! Es ist ein mächtiges Gefühl. Auch ich musste lernen, es zu kanalisieren, und besaß nicht immer die Kontrolle darüber. Es ist keine Schande.“

Ein wissbegieriges Schimmern lag in ihren Augen. Sie wagte nicht, eine Frage auszusprechen, doch deutlich war ihr anzusehen, dass sie mehr wissen wollte.

„Ich … Ich hielt das Amt des Fürsten erst für knapp vier Monde“, erklärte er. „Als Cirinth, der bessere Wachhund deiner Königin, vor mich trat und mir die Nachricht über Luanas Selbstmord überbrachte.“

Die Augen der Elfe waren dunkel und leer nach diesen Worten, doch senkte sie den Blick nicht.

„Zuvor hatte ich unzählige Male versucht, Kontakt zu ihr aufzubauen. Doch nie reagierte sie auf meine Briefe... Ich hatte die sogenannten Unterstützer im Auftrag der Krone, welche Langollion nach den Schattenkriegen wieder aufbauen sollten, lange im Verdacht gehabt, etwas damit zu tun zu haben. Jeden meiner Schritte kontrollierten sie. Selbst meine privaten Korrespondenzen. So habe ich eines Nachts die Gemächer meines Hofmeisters durchsucht und all meine unbeantworteten Briefe gefunden. Ihre Siegel waren gebrochen, doch Luana haben sie nie erreicht …“

Yulivee öffnete den Mund, scheinbar um etwas zu sagen. Doch schließlich verschränkte sie nur ihre Arme vor ihrer Brust und hielt seinem abwesenden Blick stand.

„Schon am nächsten Tag kam dieser Kriecher zu mir, um mich über das Schicksal meiner Schwester aufzuklären. Das einzige, was ich sagen konnte, war: Warum jetzt? Wochenlang waren die Schattenkriege ausgefochten, unsere Sippe lange gemordet … warum sollte sich Luana nach all der Zeit, die verstrichen war, erhängen? Cirinth antwortete nicht auf meine Frage. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Jemand half bei der vermeintlichen Übersprungshandlung Luanas nach … und Cirinth wusste davon.“

Tiranu atmete tief durch, als die Erinnerungen, die Bilder dieser Zeit ihren Weg in seinen Kopf zurückfanden.

„Etwas in mir … zerriss. Ich sah nicht länger, was vor meinen Augen lag, ich fühlte nicht länger, was um mich herum geschah. Ich habe Cirinth beinahe tot geprügelt ... Er wehrte sich nicht. Ließ es geschehen. Es war wie ein unausgesprochenes Schuldeingeständnis. Und ich hatte meinen Beweis – er sprach und tat seit jeher einzig und allein das, was Emerelle ihm auftrug. Er ließ natürlich alle Indizien verschwinden, jeder noch so kleine Hinweis verlor sich im Sand. Doch seine Augen sagten mir die Wahrheit! Er wusste, was geschehen würde, wenn er an diesem Tage vor mich tritt. Blind und wissend zugleich ließ er jeden Schlag über sich ergehen, folgte seiner Königin bis in den schieren Tod. Und darauf ist er wahrscheinlich auch noch stolz! Natürlich musste er glauben, er habe eine Wahl. Doch hatte er diese wirklich? An Emerelles Hof war er verlacht und wurde mit jedem Tag, den er in Langollion verbrachte, mehr und mehr verunglimpft. Der Wiederaufbau Langollions war zugleich seine letzte Chance, an Ruhm zu gelangen und aus Alvias Schatten zu treten, wie es seine Verbannung war. Die Königin nutzte seine Ängste und Hoffnungen, um ihn auszuspielen.“

Tiranus Lippen formten ein schmales Lächeln, als er die nächsten Worte sprach: „Er war, wie du es heute bist … Du erzählst ihre Lügen, folgst ihrem Ruf, doch noch schlimmer: Du weißt um ihre Falschheit, ihre herrische Denkweise. Dabei könntest du ihren Fängen entkommen, wenn du es wolltest.“

In ihren schattenumhüllten Augen sammelten sich Tränen. Tränen der Wut. „Du bist bösartig!“

„Ich bin mir sicher, das dachten die Ordensritter auf dem Schiff am Tag von Gishilds Entführung auch über dich, als sie ihr Schicksal in Form des brennenden Todes über sich kommen sahen … Offenbar liegt dir nichts daran zu erfahren, wie du die Kontrolle über deine Emotionen erlangen kannst. Oder hast du etwa Angst, anzuerkennen, wie ähnlich du mir bist? Auch du bist letztlich eine Geisel deiner Selbst, wie ich es war … eine Geisel der Königin und ihrer Lügen, zudem. Willst du nicht endlich aus diesen Schatten treten?“

Schon rollten die ersten Tränen über ihre blassen Wangen: „Halt dein Schandmaul!“

„Du willst nicht verstehen, was ich dir sage“, stellte er nonchalant fest. „Deine Ohren sind taub für die unangenehme Wahrheit …“

„Deine Schwester hat sich selbst das Leben genommen! Daran trägt Alathaia die Schuld, nicht die Königin!“

Tiranu setzte einen schnellen Schritt nach vorn: „Sie hängte sich, nachdem deine Königin ihr die blanke Verzweiflung ins Ohr träufeln ließ. Dies ist die Wahrheit in der Lüge, die du dich zu sehen weigerst!“

Die Magierin wich vor ihm zurück, schüttelte das Haupt, während ihr Atem schwer und ungleichmäßig ging: „Nein … ich weiß, was ich sah! Weshalb sollte …“

„Luana war mächtig. Mächtig und jenseits jeder Kontrolle.“ Tiranu wandte sich von Yulivee ab, als er bemerkte, wie auch seine Atmung unstet wurde. „Korrigiere mich, wenn ich falsch liegen sollte. Sie machte dich doch mit ihrem Wesen vertraut, habe ich recht? Emerelle wusste genau, was sie tun musste! Sie spielte mit ihr wie mit einer Marionette … und ebenso spielt sie mit dir. Du machst es ihr so unsagbar leicht … Dein Herz ist schwach und das wird es für immer bleiben, wenn du dich dem verweigerst, was du unter deiner Maske in Wahrheit bist. Luana versagte an diesem Schritt und ich lernte aus ihren Fehlern. Sei nicht so dumm, es ihr nachzutun.“

Wieder schwieg die Magierin in seinem Rücken und wieder schritt er ungehalten voran. Für nun beschloss der Fürst, es auf sich zu beruhen zu lassen. Sie wollte die Wahrheit nicht sehen. Doch es galt mehr denn je, diese Angelegenheit so schnell wie möglich zurück in die Vergangenheit zu verbannen! Auf dass sie ein für alle Mal begraben werden konnte.

Der magische Lichtkegel wurde größer, als sie die Kaverne verließen. Ein Stollen, ausgekleidet mit dunklem Stein, führte sie hinaus. Der Modergeruch wurde intensiver, doch die machtvollen Impulse starben beinahe ab. Was das Netz der Magie hier so schwächte, konnte er nicht ausmachen, aber was es auch war: Sie kamen ihm näher!

An den leisen Geräuschen ihrer Füße erkannte er, wie Yulivee ihm mit einigem Abstand folgte. Sie war erzürnt, auch das konnte er an ihren Schritten erkennen. Dies half nicht eben, den unbekannten Gefahren hier unten zu trotzen. Wäre sie nur im Vollbesitz ihrer Kräfte! Ohne diese blieb ihr nur der Hochmut...

„Es gibt keine Beweise für diese verleumderischen Anschuldigungen!“

… Der Hochmut und die Geschwätzigkeit!

Tiranu wandte sich im Gehen um und gab sich bewusst provokant: „Gibt es die je?“

Die Erzmagierin reagierte anders, als er es erwartet hätte. Sie blieb erstaunlich ruhig und trat in der Enge des Schachts neben ihn. Das Mädchen musste die Dunkelheit noch mehr fürchten, als seine Gesellschaft. Das würden nicht viele von sich behaupten …

„Ich werde Cirinth dazu befragen“, stellte sie fest. „Ich werde herausfinden, was genau damals vorgefallen ist! Sollte sich herausstellen, dass du lügst, werde dich persönlich zur Rechenschaft ziehen!“

Tiranu lächelte: „Ich freue mich auf diesen Tag …“

Natürlich wusste er, dass Cirinth selbst noch dann schweigen würde, wenn ihm die schlimmste aller Strafen angedroht würde. Er blieb seiner Königin treu, auch wenn diese sich nicht um diese – zweifelhafte – Ehre verdient gemacht hatte. Die Erinnerungen an jenen Tag seiner jungen Herrschaft waren dunkel. Nach dem Vorfall hatte er wochenlang mit niemanden gesprochen, nicht einmal mit Morwenna, denn sie war als Gast an Emerelles Hof völlig abgeschottet von ihm gewesen. Zu lange hatte er verdrängt, was geschehen war, nicht anders als Cirinth selbst wahrscheinlich auch. Wenn Tiranu nun nicht hier auf den Spuren seiner ältesten Schwester wäre, hätte er wahrscheinlich in seinem ganzen restlichen Leben nie wieder mehr als einen vagen Gedanken an diese Momente verschwendet.

Für eine lange Zeit war abgesehen von einem hallenden Tröpfeln in der Ferne nichts zu hören. Wie weit reichten diese Höhlen noch? Täuschte er sich, oder verlief der Boden abschüssig? Ehe er sich wundern konnte, weshalb der Luftzug plötzlich stärker wurde, keuchte Yulivee neben ihm auf.

„Das kann nicht wahr sein!“

Auch Tiranu hatte Mühe, seinen Augen zu trauen. Er wusste allerdings sofort, dass dieser nächste Raum merkwürdig vertraut wirkte – und dies auf einer mentalen Ebene, die ihm gar nicht passte.

Das erste, was ihm auffiel, war der stechende Geruch von Verwesung, welcher sich im Nachklang schwer und moosig auf die Zunge legte. Dann war da dieses Glimmen …

Ein recht großer Barinstein musste einst in tausende Splitter zersprengt worden sein. Seine winzigen Scherben lagen zerstreut auf dem grobsteinigen Boden, nächst den leeren Hüllen von Nachtfaltern und dunklen, übelriechenden Pfützen.

In den Ritzen der zerfurchten Wände waren weitere Barinsteine angebracht. Ihr diffuses Licht malte Schatten hinter blasse Felsblöcke, welche in unzähligen Wandnischen ruhten. In die Felsen waren große Kerben gehauen, die eigentümliche, fremdartige Muster bildeten. Kreisrund verlief die Mauer mit den eigenwilligen Ausschmückungen. Alle Felsen in ihren Nischen schienen auf das Zentrum des Saals hin ausgerichtet. Und dort fielen in der Form eines lebendigen Wasserfalls, verworren und gekrümmt, Äste – oder waren es Lianen? – von der Decke. Tiranu trat näher an das eigentümliche Gebilde heran und erkannte im wirren Wuchs der Pflanzen die Kokons der Nachtfalter. Doch diese gaben nicht wie gewohnt das schwache Leuchten von sich, sondern wirkten tot im krummen Turmgebilde.

Hinter Tiranu schepperte es laut. Seinen Instinkten folgend fuhr er hastig herum und seine Hand fand innerhalb eines Herzschlags den Griff seines Dolchs.

Yulivee stand an einer der Nischen. Zu ihren Füßen lag ein zersplitterter Felsstein, der eben noch in ihren Händen geruht haben musste…

Der Fürst trat ein Augenrollen unterdrückend zu ihr. Sein Blick lag fragend auf dem Geröll. Als die Erkenntnis kam, sog er tief die Moderluft in seine Lungen.

Lange Fangzähne, eine gebogene Schnauze und weit getrennte Augen…

„Ein Drachenschädel“, schlussfolgerte Yulivee richtig. „Ich habe sie schon in Jornowells Zeichenkladde gesehen … allerdings waren die viel größer.“

Tiranu nickte: „Ein niederer Drache muss dies einst gewesen sein. Ein Rosendrache womöglich. Sein Schädel ist zu klein für ein ausgewachsenes Exemplar … und verunstaltet. Eine Missgeburt.“

„Woran erkennst du das?“ Yulivee betrachtete den Schädel kritisch, dann wandte sie sich den anderen Schädeln in ihren Gruften zu. „Sie alle sind verkehrt herum aufgestellt. Ihre Mäuler zeigen zur Wand. Woher kommen sie?“

Tiranu griff ein Stück des Knochens und fuhr mit den Fingern über die Kerben, welche regelmäßig in den gelblichen Schädel gehauen worden waren. „Die Schädeldecke ist verbeult und zu dünn für einen Drachen. Eigentlich sind Drachenknochen hart wie Stein, nie würden sie splittern, wenn sie von so geringer Höhe fallen. Siehst du die Kerben? Sie wurden geschlagen, als er noch lebte …“

„Wozu? Um es zu quälen?“

Tiranu hob die Braue: „Ein Drache ist kein Es! Und die Muster sind zu präzise geschlagen, um aus purem Boswillen zugefügt worden zu sein. Es könnte sein, dass sie das Hirn verletzen sollten. Ich habe gehört, dass durch die Schädigung bestimmter Hirnareale die Persönlichkeit eines Wesens verändert werden kann.“

Die Erzmagierin schluckte hörbar bei diesen Worten und zögerte, bevor sie sprach: „Aber … aber das sieht dann eher danach aus, als habe jemand mit ihnen experimentiert, sich an ihnen versucht…“

Langsam sickerte die Erkenntnis in seine Wahrnehmung, dass an diesem Ort etwas fehlte. Schon beim Betreten der großen Kaverne war ihm aufgefallen, dass ein vertrautes Gefühl von den Felswänden ausging …

Die Tatsache, dass hier Drachenschädel aufgebahrt waren, die zahllosen Falter, welche hier ihr Ende gefunden hatten, das Schwingen im magischen Netz, das nun völlig unterbrochen wirkte…

Ein Loch in dieser nicht greifbaren Ebene.

Tiranu kannte diese Herrschaft der Leere. Zu oft hatte er es seinen eigenen Landen ertragen müssen, das Nichts zu spüren. Wo in Langollion keine Magie mehr existierte und alles Leben aus der Erde gesogen worden war, gedieh nichts mehr. Ganze Landstriche waren wie verseucht von einer Krankheit, die einst von seiner eigenen Sippe hervorgerufen worden war.

„Hier wurde ein mächtiger Zauber gewoben“, murmelte er mehr zu sich selbst, ließ das Stück Knochen fallen und wandte seinen Blick zurück zu dem Astwerk, welches von der Decke herunter bis fast zum Grund reichte.

„Ein dunkler Zauber, nehme ich an.“

Yulivee folgte seinem Augenmerk und ging zu der gebogenen Säule herüber, um das verworrene Konstrukt eingehend zu mustern. Schließlich hob sie die Hand, um einen der verdunkelten Kokons zu berühren. Sofort zerfiel die trockene Hülle in staubende Einzelteile.

„Luana wob diesen Zauber! Ich sah es in meinen Träumen … Und dies müssen Samucs Wurzeln sein, mit dessen Hilfe deine Schwester die verzauberten Nachtfalter erschaffen hat. Ist er … tot?“

Wurzeln? Hatte der Baum einst nach einem unterirdischen Strom gegriffen? Wenn der beseelte Baum Luanas Zauber überlebt hatte, so mochte er möglicherweise durch das Versiegen des Flusslaufs umgekommen sein …

Bleiche Schemen im Gestrüpp zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren die vertrockneten Gerippe kleiner Drachen, die sich in den Wurzeln verfangen hatten – oder aber …

Eine Schlinge peitschte unvermittelt durch die stickige Luft und schlug nach der Magierin.

Mit einem laut tönenden „Yulivee!“ und zwei großen Schritten war Tiranu an der Elfe heran und zog sie fort. „Bleib da weg!“

Nur knapp verfehlte sie der Schlag der Wurzel, welche sogleich zum nächsten Hieb ausholte. Doch die Bewegung war träge und wirkte beinahe unwirsch. Beide Elfen befanden sich längst außer Reichweite des Baums. Dreck und Erde fielen auf sie herab … und weitere Insektenhüllen.

Tiranu konnte den Trotz des magischen Wesens fühlen. Taub und weltfremd wirkte die Aura, aber eine Kraft aus der längst vergangenen Vorzeit schwang vibrierend in seinen Bewegungen mit.

Wer … stört meinen … Schlaf?

Tiranu fluchte. Dieses Ding war in seinen Gedanken und bohrte sich tiefer in seinen Verstand, wo es unnachgiebig nach Antworten suchte. Seine geistigen Blockaden schienen stärker als der alte Baum zu sein, doch der Schmerz seiner Wehr brannte hell wie ein Feuer. Starr versuchte er, Yulivee weiter fortzudrängen, doch auch die Magierin war wie gebannt.

Ich kenne … diese Art von … Aura … so vertraut in seiner Dunkelheit … und so schwach in seiner Wehmut … Bist du … bist du ein Sohn von … Luana?

„Nein, Bastard!“, rief Tiranu und fand endlich die Kontrolle über seine Bewegungen wieder. Wer auch immer dieses Wesen war, sein Zorn war wie das Aufbrausen eines Küstensturms: Prägnant aber von kurzer Dauer!

Eine sonderbare Beleidung für … einen so alten Holunder, wie ich einer bin. Sag … du …, der du kein Sohn von Luana bist …, willst du nicht näher zu mir kommen? Ich habe solchen Durst!

Die Stimme klang modrig und morsch wie dieser Ort selbst. Eine schneidende Kälte waberte durch die Worte und ließ Tiranu schaudern. Wenn Samuc so viele Jahrhunderte überlebt hatte, galt es trotz seiner scheinbaren Schwäche, auf der Hut zu bleiben.

„Er spricht mit dir!?“, entfuhr es Yulivee und wand sich aus seinem Klammergriff. „Was sagt er dir?“

„Dass er uns töten will! Bleib weg von ihm!“

Natürlich hörte dieses Gör nicht auf ihn! Mit einem zögerlichen Schritt trat die Magierin nach vorn und hielt ihre Hand weit ausgestreckt. Die Wurzeln schraken auf und wanden sich scheinbar unter der Präsenz der Elfe.

Welch Macht! Sieh, sieh! Dieses Kind! So machtvoll, dass selbst Luana in ihrem Schatten steht! Und was sie bei sich trägt! Ein wertvolles Artefakt … ein Albenstein! Hilf mir, Dunkelelf … hilf mir an diese Macht zu gelangen und ich helfe dir … wie ich es seit Generationen mit … den Schattenwebern zu tun pflegte!

Tiranu horchte unwillkürlich auf.

Ein Albenstein?! Die Magierin trug einen Albenstein?

Schon so oft hatte er sich gefragt, was aus dem Artefakt, welches Nuramon und Farodin zur Rettung Albenmarks aus der Zerbrochenen Welt geborgen hatten, geworden war. Eigentlich war er fest davon ausgegangen, dass Emerelle in ihrem Machthunger keinem anderen Albenkind dieses Geschenk der Alben anvertrauen würde. War dies eine Leihgabe an die Erzmagierin, um ihre intrigante Mission gegen ihn zu unterstützen?!

„Yulivee!“, mahnte Tiranu aber erneut, auch wenn er sich beinahe verraten fühlte. Von wegen machtlos! Mit dem Albenstein hätte sie längst einen entscheidenden Schlag gegen das Labyrinth und dessen treibende Macht vollbringen können!

Doch die Valerin ließ sich nicht von seinem Ruf aus der Ruhe bringen. Auch nicht, als ein weiteres, beflügeltes Insekt aus Samucs Wurzeln fiel und einen taumelhaften Sinkflug auf ihre Hand vollführte. Es lebte! Mit trägen Flügelschlägen kam es näher und näher … und Yulivee verharrte stumm und wehrlos am Fuße der dunklen Wurzeln.

Was flüsterte der Holunder ihr zu?

„Siehst du nicht die Knochen?“, schrie er und erreichte damit keine Reaktion. „Er wird dein Blut trinken und dir deine Macht rauben!“

Nichts dergleichen geschah. Samuc ließ die Magierin gewähren, während seine langen Wurzeln angriffsbereit umherzuckten und lauernd die Gestalt der Elfe umschlangen. Immer fester wurde ihre Mauer um  Yulivee – und der blau schimmernde Nachtfalter hatte sein Ziel erreicht.

Tiranu wagte nicht, nun noch einzugreifen. Wenn er etwas Falsches tat, würde der Baum Yulivee innerhalb eines Augenblicks töten, dessen war er sich sicher.

„Samuc“, hallte die dunkle Stimme der Elfe da durch den Saal. „Zeige mir, was du weißt! Ich sah dich in den Träumen einer Elfe und durch sie bin ich heute hier, um die Wahrheit herauszufinden!“

So viel mutiger als du, dunkles Elflein machst du dir Sorgen um sie? Sag mir …, was bedeutet sie dir?

Nichts, dachte Tiranu und riss im gleichen Atemzug erschrocken die Augen auf, als Yulivee kaum drei Schritt vor ihm in sich zusammenbrach. Sofort umwickelte sie der Griff des Wurzelwerks, bis das dunkle Dickicht sie fest über dem Boden hielt. Aufgeschreckt durch die plötzlichen Bewegungen schwirrten etliche weitere Falter aus dem Pflanzengeflecht und suchten unbeirrt die Nähe der Magierin …

„Yulivee!“, rief Tiranu heiser, unfähig sich zu bewegen. Was geschah dort?

Du lügst!

Tiranu zog seinen Dolch. Wie gut standen wohl seine Chancen, weniger als einen Augenblick zu benötigen, um an den Albenstein zu gelangen…?
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