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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.05.2016 3.435
 
Ein Zeichen des guten Willens


„Ein beseelter Baum?“

„Ja …“

„Das ist Unsinn … Ich habe nie gehört, dass ein beseelter Baum in den Labyrinthen existierte …“

„Wie denn auch, wenn er dafür gesorgt hat, dass niemand eine Begegnung mit ihm überlebt?! Luana hat mit seiner Hilfe etwas geschaffen … von etwas Vergleichbarem habe ich noch nicht einmal gehört!“

„Alle beseelten Bäume Albenmarks sind … sie sind fort, Yulivee! Du spinnst dir etwas zusammen, das unmöglich stimmen kann!“

„Siehst du es denn nicht? Die Nachtfalter sind der Schlüssel! Kein Tier lebt innerhalb der Labyrinthe … selbst die Vögel meiden den Flug über diesen Landstrich. Sie sind Geschöpfe aus reiner Magie, geschaffen von Luana. Sie sind ihre Mittler. Durch sie habe ich erst so viel  über Luana erfahren …“

„Dann hast du also gelogen, als du behauptetest, dein Wissen über meine Familie stamme aus Luanas Tagebuch?“

„Die Falter sind ihre Tagebücher! Sie konservieren ihre Erinnerungen und machen sie unvergänglich … berührt man sie, teilen sie ihr wissen. Sie stammen von Samuc ab und …“

„Samuc?“

„Der beseelte Baum!“

„Natürlich…“

„Wenn du es nicht hören willst, bitte!“

„Ich verstehe nur nicht, was du mir sagen möchtest … Sollen wir etwa jeden einzelnen dieser Falter töten, um ihr Wissen zu zerstören? Es sind gewiss hunderte …“

„Wir können sie nicht töten, hörst du mir denn nicht zu!?“

Tiranu atmete tief durch und versuchte, eine Ordnung in ihren Worten zu finden. Seit sie erneut ihr Bewusstsein verloren hatte, schien die Elfe wie von einer Feuertarantel gebissen. Ihre träge Müdigkeit war wie weggezaubert. In ihren Augen brannte stattdessen der stählerne Wille, weiterzugehen. Doch Tiranu zweifelte an ihrem Vorhaben.

„Möglichweise wäre es vernünftig, wenn du dich ausruhst und wir sehen dann weiter …“

Bei diesen Worten baute sich die Magierin vor ihm auf und stemmte beinahe empört die Fäuste in die mädchenhaften Hüften: „Wenn du Angst hast, dann …“

„Ich kenne so etwas wie Angst nicht“, raunte Tiranu nonchalant und hob eine Braue. „Ich habe allerdings schon oft genug gesehen, was passiert, wenn sich schwache Personen überschätzen und zusammenbrechen. Meist stehen sie danach nicht mehr auf.“

„Ich bin nicht schwach!“

Natürlich musste diese Antwort nun kommen! Tiranu riss sich zusammen, um ihr nicht weiterhin den unangenehmen Spiegel vors Gesicht zu halten. So würde er nichts erreichen. Zu gern würde er sie weiter – langsam und Stück für Stück – zur Weißglut treiben, doch seine Erfahrung mit sturen Elfendamen riet ihm, gerade nun sehr einsichtig vorzugehen.

Seine Schwestern waren ein Paradebeispiel der ausdauernden Halsstarrigkeit gewesen und führten ihn einst an eine Geduld heran, von der andere Männer seines Alters nur zu träumen vermochten. Auf der anderen Seite verankerte sich gerade durch sie ein tiefes Unverständnis für das schöne Geschlecht in ihm, welches er noch nie hatte überwinden können.

Sein ältester Bruder riet ihm einmal, nie auf analytischer Ebene mit einer Frau zu diskutieren. Stichhaltige Fakten konnten von ihnen ebenso ignoriert werden, wie schlechtes Wetter, wenn sie einen Ausritt in einem schönen, neuen Kleid unternehmen wollten. ‚Fundamental ist es allerdings, riet ihm Arien weiter, nie, nie, nie eine Frau zu etwas zu drängen. Sie wird einem Reflex gleich das genaue Gegenteil von dem tun, das du von ihr verlangst. Bring sie besser dazu, dir freiwillig zu folgen. Das lieben sie wiederrum bis in den Tod! Frag mich aber bloß nicht, warum …‘

Tiranu sah zum Firmament, wo sich der Mond langsam zurück zog und bereits das erste Rot des nahenden Morgen schimmerte. Es war sicherer, bei Tag zu rasten, als in der Nacht. Der schmale Weg zwischen den Rosenhecken war geschützt vor Wind und bösen Überraschungen.

„Beweise mir, dass du nicht schwach bist. Gestehe dir ein, dass auch du eine Rast benötigst.“ Mit schnellen Handgriffen löste er eine der schweren Spangen seines Mantels und ließ den dunklen Stoff von seinen Schultern gleiten. „Ich brauche dich im Vollbesitz deiner Kräfte … oder wenigstens deinem Verstand.“

Als er ihr mit stummer Entschlossenheit im Blick den Mantel entgegenhielt, rekte sie beinahe augenblicklich die Hand danach. Nur, um dann plötzlich zögerlich aufzuschauen und innezuhalten. Er wusste, wie erbärmlich sie ob der Blockade ihrer magischen Begabung fror, und bisher spielte ihm dieser Umstand in die Karten. Doch nun war in ihm ein tiefes Widerstreben dagegen wach geworden, dessen Ursprung nicht nur darin begründet lag, dass er sie brauchte, um an ihr gemeinsames Ziel zu gelangen.

Nicht zum ersten Mal rang sie ihm echten Respekt ab, seit er sie in den Labyrinthen antraf. Ihr Entgegenkommen verwirrte ihn mehr, als er sich einzugestehen vermochte. Sie besaß Mut. Mut und Entschlossenheit. Er wollte ihr helfen. Möglicherweise war dies jene Geste, welche ihren Disput beseitigte und ihren Pakt besiegelte. Mit viel geschlucktem Stolz, verstand sich.

Als die Magierin aufsah, erkannte er nicht nur Zögern in ihren Tiefen. Sondern auch einen ergriffenen Dank, welcher für einen kurzen Moment so etwas wie Beklommenheit in ihm aufwallen ließ. Wie ein Schwall eiskaltes Wasser schlug es in sein Gesicht und er konnte nicht anders, als den Blick abzuwenden. Einen Moment länger in dieses erschütterte, von feuchten, dunklen Strähnen und bebenden Lippen beherrschte Gesicht zu blicken, erschien ihm unmöglich.

„Verdammt, nimm ihn endlich“, murrte er und hielt ihr den gefütterten Stoff unter die Nase. Ohne so wirklich eine Wahl zu haben, griff sie danach. Ihre kühlen Hände streiften dabei die seinen, was ihn erneut aufschauen ließ. Was er sah, minderte seine Beklommenheit nicht eben: Yulivee lächelte breit, während ihre schlanken Finger durch den schwarzen Fellbesatz des Mantels fuhren. In ihren Augen tanzte der Schalk: „Du kannst also doch ritterlich sein!“

„Gewöhn dich besser nicht daran …“

Beiläufig bemerkte Tiranu, dass es ihm wohl tatsächlich gelungen war, ihren Wagemut etwas zu besänftigen. Ehe aber so etwas wie Triumph in ihm aufglimmen konnte, musste er verwundert beobachten, wie die Valerin sich ungeschickt den Mantel überstreifte – und einfach weiterging!

* * *




Eine überraschend leichte Hand legte sich auf ihre Schulter und hielt sie beharrlich zurück. Yulivee stöhnte auf, als eine resolute Stimme erklang: „Du wirst dich nun ausruhen!“

Die Magierin schauderte. Diese Worte standen einem Befehl im Getümmel einer großen Schlacht in Nichts nach. Beinahe war es vergessen, welchen Großmut er soeben an ihr geübt hatte. Doch das Gewicht des Mantels lag zu warm, zu wohlig auf ihren Schultern, an ihrem Rücken, über ihren Armen. Vielleicht war diese Geste es wert, ihm entgegenzukommen … auch, wenn sie sich heruntergesetzt vorkam, seiner lapidaren Einschätzung nachzukommen, oder ihm gar recht zu geben.

„Du glaubst mir wirklich nicht …“, stellte die Elfe trotzig fest und entzog Tiranu ihre Schulter.

„Das ist irrelevant. Du wirst dich ausruhen!“

Zwischen ihren rehbraunen, schattenuntermalten und seinen nachtschwarzen, tiefschürenden Augen entbrannte ein Duell der Blicke. Während Yulivees Protest Moment für Moment schwächer wurde, wähnte sie Tiranus Triumpf bereits in seinen Tiefen lodern zu sehen. Wie er es letztlich schaffte, sie gänzlich umzustimmen, vermochte sie nicht zu sagen. Schließlich ließ sie sich aber auf den Boden sinken. Allerdings nicht ohne dabei zu grummeln wie ein greiser Kobold.

Beinahe augenblicklich umfing ihre Glieder eine bleierne Träge, welche es ihr beinahe schwer machte, weiterhin finster dreinzuschauen. Stattdessen schlang sie den Mantel enger um ihre Schultern und versuchte, eine bequeme Position für ihre Füße zu finden …

Der Gedanke an einen Zauber, welcher sie wärmen könnte, gipfelte in einem frustrierten Seufzen und der Erkenntnis, dass Tiranu sie wahrlich für eine Närrin halten musste. Sie hatte nicht nur völlig ahnungslos vom verwunschenen Wasser des Labyrinths getrunken, sondern erlag auch hilflos dessen heimtückischer Macht. Plötzlich ging ihr diese Erkenntnis nahe. Seit der Fürst bei ihr aufgetaucht war, grub sich ihr Kampfesgeist wieder mit aller Macht an die Oberfläche ihrer Persönlichkeit und verdrängte dabei so viel ihrer Selbst …

Derart streitlustig zu sein, entsprach eigentlich nicht ihrer friedliebenden Art. Auch wenn es Elfen wie Tiranu seit jeher mit Leichtigkeit gelang, sie in Rage zu treiben…

Jedenfalls musste er es ganz besonders lieben, mit dem unkontrollierbaren Feuer ihrer Seele zu spielen. Seine Provokationen zeugten von wenig Zurückhaltung. Die Kälte auf seinen Gesichtszügen und die asketisch zurückhaltende Gestenführung sprachen da allerdings eine völlig andere Sprache. Seine Annäherung war gerade deshalb unweigerlich verwirrend.

Sie sollte sich nicht zu sehr damit beschäftigen. Es sollte sie gar nicht erst scheren!

Was war nur los mit ihr?

Tiranu ließ sich ohne eine Miene zu verziehen ihr gegenüber auf den moosigen Boden nieder. Ihn schien die Kälte nicht zu berühren, obgleich er nunmehr nur das dunkle Lederwams und das Hemd darunter trug. Sein Blick war unstet und suchte im Schein des nahenden Morgens das Ungewisse. Offensichtlich gedachte er, über ihren Schlaf zu wachen. Doch an Ruhe war für die Elfe nicht zu denken. Ein stetiges Prickeln wanderte über ihre Haut und mahnte sie zu Vorsicht und Wachsamkeit. Einzig die Gewissheit, hier nicht allein zu sein, gab ihr erstmals seit Betreten des Labyrinths eine Ahnung von Sicherheit.

Wenn Tiranu sie nur verstehen würde!

„Bist du nun zufrieden?“, wisperte sie und zog die Beine dabei näher an sich, um auch sie unter dem langen Mantel zu verbergen.

Tiranu hob die Brauen und starrte in den rötlich schimmernden Himmel: „Ich wäre es, wenn du endlich still bist.“

Ein müdes Lächeln huschte über die geschwungenen Lippen der Erzmagierin, als die übermannende Erschöpfung ihre Entgegnung in sich verschlang und ihre Lider zu schwer wurden, um sie noch einmal zu heben …

* * *


Tiranu bog den Kopf zurück, um das kupfernwabernde Schauspiel über ihnen zu beobachten. Die satten Farben reifer Beeren, verregneter Dachziegel und blühender Seerosen tanzten eng umschlungen an einem wolkenfreien Himmel, während die Sonne beständig höher über das Firmament kletterte. Ihr wärmendes Licht schickte helle Schimmer auf die alles überragenden Rosenranken. Zwischen den tropfenförmigen Blättern fingen sich Schatten, doch beständig verloren sie ihre Macht im kalten Schein des Tages.

Yulivee murrte etwas Unverständliches im Halbschlaf und lenkte damit seine Konzentration auf ihre zusammengekauerte Gestalt. Ihr Gesicht war im Schutze der weiten Kapuze seines Mantels kaum auszumachen, all ihre Glieder waren verborgen. Die Zauberweberin war unruhig. Ihr verwirrter Geist ließ sie selbst im Schlaf keine Ruhe finden. Tiranu ahnte, dass sie nicht länger Herrin ihrer Entscheidungen und Taten war. Welches Spiel das Labyrinth auch immer mit ihr übte, über kurz oder lang würde sie ihren Verstand verlieren …

Ein flehentlicher Laut drang über Yulivees Lippen. Tiranu runzelte die Stirn und erhob sich, um sich zu ihr zu begeben. Dieser Tonfall …

Lass …“ Tiranu griff behutsam den Saum des dunklen Mantels von ihren Lippen. Was ging mit ihr vor? Ihre Stimme! „Lass mich gehen!

Der Fürst hielt die Luft an. Das war nicht länger die Stimme der Erzmagierin! Viel vertrauter klang dieser leichte Ton, in dem die Worte so eindringlich schwangen. Suchte eine Vision sie heim? Oder fing das Labyrinth an, seine heimtückische Macht nun an ihm zu erproben?!

Ich … muss gehen!“, raunte Yulivee weiter. „Lass es geschehen, ich bitte dich! Ihre Entscheidung ist …“

Der Klang ihrer Worte war weich und doch kraftvoll wie das Rauschen der See in den goldenen Monaten eines milden Herbsts an den Küsten Langollions. Langsam aber sicher sickerte die Erkenntnis in Tiranus Bewusstsein, wessen Stimme da zu ihm sprach: „Luana?!“

Das … das war doch unmöglich! Und doch … ihm war, als würde eine lang vermisste Aura ihn umgeben, ganz wie die wärmende Berührung einer liebkosenden Hand. Sie war hier!

Yulivee hatte die Wahrheit gesprochen…

Tiranu fuhr erschrocken auf und wandte den Kopf über die Schulter.

Etwas geschah!

In der Ferne erklang ein Tumult von brechendem Geäst, rauschenden Blättern und tosenden Winden. Noch war nichts von einem Zauber zu spüren, der Tiranu erkennen lassen könnte, was genau vor sich ging. Doch eine schiere Unruhe brach über ihnen ein, welche das Verborgene Auge des Fürstens für den Bruchteil eines Wimpernschlags blendete.

Das Raunen in den Untiefen des Labyrinths wurde beständig lauter und noch immer zuckten Yulivees Gliedmaßen unkontrolliert, während ihre Augenlider flatterten als befände sie sich in einem Fieberwahn.

Verdammt!

Einem inneren Impuls folgend, legte Tiranu seine Linke auf Yulivees Arm: „Luana? Kannst du mich hören?!“

Es war verrückt! Völlig verrückt!

Das Rumoren kam näher. Wie ein Schlag traf ihn die Erkenntnis, dieses Geräusch, diese aufpeitschende Macht schon einmal gefühlt zu haben. Die Rosenranken verformten sich, wie sie es kurz vor dem Mosaik zu Beginn dieser Irrgärten getan hatten. Doch dieses  Mal eröffnete sich kein neuer Pfad für ihn – nein, eine Jagd hatte auf sie begonnen und dies mit unstillbarer Gier!

„Luana!“, rief er erneut, als Yulivee ein Raunen entglitt. „Was soll ich tun? Ich bin es … bitte!“

Du bist …“ Yulivee öffnete den Mund, um nach Luft zu schnappen. Ein kehliger Laut entrang sich ihr, tief und verstörend. Doch sie wollte etwas sagen, mit aller Macht versuchte sie, nach außen zu tragen, was in ihr die Visionen zeigten.

Das markerschütternde Knacken kam näher. Zu nahe! Tiranu wollte aufspringen und seinen Instinkten gehorchen. Weg von hier! Doch Yulivees verbitterter Versuch, zu ihm durchzudringen hielt ihn bleiern zurück.

Du bist nun der … Älteste … beschütze die Kleinen!“

Tiranu wandte sich um und riss die dunklen Augen auf. Der Weg verschwand im Licht, gleißender Schein trog seine Sicht. Fast hatte es sie erreicht…

Führe du diesen … Befehl aus, den sie mir gab. Sie … ich habe an ihrem Test versagt. Beweise ihr deine Treue… sie wird sie ohnehin einfordern, wenn ich gehe.“

Über Yulivees kauernder Gestalt ging ein Zittern durch die Rosenhecken. Die Stacheln an den Trieben wuchsen in rasanter Geschwindigkeit und griffen nach der Haut der Magierin. Ein dünner Ast schlängelte sich über ihre Schulter und klammerte sich um ihren Hals. Tiranu riss ihn fort und schüttelte ihren Körper: „Luana!?“  

Ihre Trance schien undurchdringlich …

Töte die Lutin und suche die Steine an meiner Stelle.“

Tiranu umspannte kurzentschlossen den Arm der Magierin und warf sich ihre Gestalt über die Schultern, während sein Blick die Situation, welche sich vor ihnen abspielte, innerhalb eines Wimpernschlags erfasste: Der Pfad zwischen den Hecken verschwand, mit rasender Geschwindigkeit löste sich die Struktur der grünen Ranken auf. Nur um sich Momente später weiter auszubreiten und die Lücke zwischen ihren Ästen wieder zu schließen. Die Ranken wuchsen, verflochten sich ineinander und verschlangen den Weg, das Licht, das Leben in sich.

Arien, bitte … versuche nicht, mich aufzuhalten. Ich habe mich entschieden.“

So schnell er nur konnte, erhob er sich unter der Last der Magierin und entwischte dem Griff der Rosen um ein Haar. Seine Füße trugen sie über die rutschigen Pfade, vorbei an wuchernden Hecken, während in seinem Kopf eine fremde Macht pulsierte und nach seinen Gedanken griff. Ihm blieb kaum die Kraft, sich gegen ihr Eindringen zu wehren.

„Mein ganzes Leben lang hielt ich … mich versteckt. Ich muss … gehen, um endlich ich selbst sein zu können. Vergib mir, Bruder … ich habe an euch allen versagt.“

Yulivee sprach so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. Zu durchdringend war die Melodie des Labyrinths, zu gnadenlos dessen Hetze. Es blieb keine Zeit, an den Kreuzwegen abzuwägen, welchen Pfad sie nehmen sollten. Ganz gleich, wie schnell er rannte, er wusste: Sie konnten nicht entkommen.

Das Pulsieren der fremden Macht wurde indes stärker und stärker …

Pass auf unsere Brüder und Schwestern auf.“

An der nächsten Weggabelung schlug Tiranu blindlinks den linken Pfad ein und wagte einen kurzen Blick zurück: Der Griff der Ranken wallte unerbittlich auf sie zu. Und noch etwas vermochte der Elf zu erkennen. Zwischen den matt schimmernden Blättern krabbelten die kleinen, magiegeborenen Geschöpfe umher, vor denen Yulivee ihn gewarnt hatte. Waren sie es, die mit Yulivees Verstand spielten?

„Leb wohl, mein Bruder … tapferer Herr des Eismeers, Klaue in der Nacht…“

Auch wenn sie aus Magie geschaffen waren, es musste eine Möglichkeit geben, ihnen die Stirn zu bieten. An der nächsten Gabelung wandte er sich noch einmal um und  schleuderte ihnen einen eilig formulierten Zauber der brennenden Macht entgegen. Augenblicklich entfachte ein loderndes Feuer im Grün, doch die Nachtfalter schwirrten ungerührt zwischen den züngelnden Flammen hindurch. Aus ihren sicheren Verstecken zwischen den Ranken getrieben, suchten sie nun den Weg nach vorn – ihnen entgegen!

Tiranu erstarrte, als Yulivee sich unvermittelt heftig in einem Schauder schüttelte, der sie fast aus seinem Halt trieb. Ihre Stimme wandelte sich, wurde schwerfälliger, dumpfer, als sie weitersprach: „Ich suchte nach dem Guten … in dieser Welt und erkannte nach allem das Schlechte in mir. Mein Geist war getrieben, meine Seele flog wie die Motte zum Licht.

Tiranu lief weiter und versuchte vergeblich, ihre Worte nicht an sich heran zu lassen. Jede Silbe ließ sein Herz schreien. Yulivee durchlebte offenbar eine neue Vision und diese zeigte ihr Luana um so viele, verzweifelte Jahre später.

Nun erkenne ich an, was ich bin. Einst ein leeres Blatt und nun voll der fremden Siegel und voll der fremden Worte. Niemals … niemals wieder wird das geschehen.“

Er ahnte, was gleich passieren musste …

Warum ausgerechnet diese Erinnerung?

Wie viele Visionen mehr mochte Yulivee ertragen, ehe sie unter der Macht verging?

Die Ranken kamen näher. Wurden sie schneller?

Die Erste griff nach seinem Bein und brachte ihn beinahe zu Sturz. Mit der Kraft in seinem Sprint gelang es ihm jedoch gerade rechtzeitig, den Ast entzwei zu reißen.

„Ich bin zerrissen … Ich war es immer! Ihr Alben, helft mir!“

Yulivees Murmeln ging in einem Röcheln unter, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie schien gegen etwas zu kämpfen, was er nicht zu erahnen vermochte. Wie lange konnte sie dies noch durchleben?

„Yulivee!“

Die mächtige Elfe aus Valemas reagierte wimmernd wie ein fieberndes Kind auf seinen Ruf. Ihr Körper war dabei eisig, spürbar verkrampft und schüttelte sich in immer länger währenden Schüben. Tiranu verlor seine Kraft. Diese Hetze würde nicht mehr lange dauern …

Er wagte einen Blick in das halb verborgene, bleiche Gesicht der Elfe auf seiner Schulter. Noch immer formten ihre Lippen Worte, welche er nicht zu hören vermochte, während ein dünner Schweißfilm ihre Haut überzog. Diesem Zauber könnte sie nicht mehr lange standhalten, ganz gleich, wie hart sie gegen ihn anfocht.

Die nächste Kreuzung kam näher, als es plötzlich unter seinen Füßen leise raschelte. Als er zu Boden sah, erkannte er etliche bleiche Schemen am Boden. Es mussten Hunderte sein. Die leeren Hüllen der Nachtfalter. Ihre grauen Schwingen waren verblasst und brachen unter dem sanften Wehen des Windes, gleichwohl erbebten sie im Dröhnen der näher kommenden Schlingen.

Was war hier geschehen?

Yulivee sagte doch, dass diese Falter aus der Magie geboren waren …

Oder waren dies möglicherweise erste Versuchszauber gewesen, die misslangen? Luana war eine noch mächtigere Zauberin, als er es je hätte ahnen können. Wie lange musste sie einen solchen Zauber erprobt, wie verbissen ihn verfolgt haben …

Wozu all dies?

Um ihrer Familie ein Andenken zu schaffen, ihr Vermächtnis unsterblich zu machen? Dieser Ort war ein Friedhof, wie er sie aus einigen Kulturen der Menschen kannte. Seine älteste Schwester begrub hier einst ihre Erinnerungen, ihre erlernten Fähigkeiten, gleichwohl wie ihre Pein. Yulivees Visionen, ihre übermittelten Worte, sie waren wie ein Mahnmal.

Als der Fürst der Schnitter die dichte Wand der Rosenhecken vor sich aufkommen sah, war ihm, als würde ein reißender Blitz durch seinen Leib fahren. Kegelförmig wucherten das Gestrüpp zusammen, bis …

Eine Sackgasse!

Wie die Erkenntnis ihn im Klammergriff gefangen hielt, kam das Rumoren in seinem Rücken beständig dichter an ihn heran. Bald war er eingekreist und ihm war so, als könnte er den kalten Atem des Todes in seinem Nacken fühlen. Seltsamerweise ließ ihn das eine Ruhe empfinden, die tief bis in seine Glieder reichte. Die Jagd war beendet.

Die Triebe holten auf, bemerkte er.

Fast hatte Tiranu das Ende des Wegs erreicht, als ein durchdringendes Knarren das Knistern der Falter unter seinen Sohlen übertönte. Auch Yulivee schien dieses markerschütternde Geräusch vernommen zu haben, denn sie wand sich panisch kreischend in seinem Halt. Der Elf versuchte, anzuhalten …

Da griff ein erster Trieb nach seiner Wade und fällte ihn, wie ein Sturm es spielerisch mit einem altersschwachen Baum tun würde.

Yulivees Leib entglitt ihm, noch bevor er am Boden aufprallte. Hilflos musste er mit ansehen, wie die Magierin auf den Grund krachte … und dieser unter ihr nachgab!

Wieder erklang das Knarren, gefolgt von einem tiefen Grollen. Wie eine Gesteinslawine im Hochgebirge polterte der Untergrund zusammen, zog das moosdurchlagene Gras, die Büsche und das gesamte Erdreich im unmittelbaren Umkreis herunter.

Hektisch versuchte der Fürst, sich an irgendetwas festzuklammern, doch der Sog verlangte auch nach ihm. Haltlos schlitterte hinab, im vergeblichen Versuch, noch einen letzten Blick zurück zu werfen. Doch er erkannte nichts als das chaotische Kollabieren des Labyrinths …

Tiranu fiel und schaffte es dabei gerade noch, den Arm von Yulivee zu greifen, sie herumzuwirbeln und ihren Kopf schützend gegen den Aufprall abzuschirmen. Und dieser kam schneller als geglaubt. Der Schlag trieb ihm die Schwärze vor die Augen und die Sinne in den Nebel …


___________
Das Finale des ersten Geschichtszweig rückt näher und ich freue mich, euch mit über 800 Klicks an dieser Story an meiner Seite zu wissen. Danke euch!
Ich hoffe, dieses Kapitel hat euch gefallen und ich darf ein paar unter euch neben meinen fantastischen Stammlesern auch irgendwann kennen lernen!

Liebe Grüße
Riniell
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