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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
30.04.2016 3.427
 
Liuvar!
Es freut mich, euch zum nächsten Kapitel zu begrüßen. Ich denke, ich kann behaupten, dass es einige Überraschungen für euch gibt. Ein neuer Charakter betriff das Feld und mischt die Situation ordentlich auf. Ich freue mich wie immer über eure Meinung und bedanke mich sehr für die Review von Phae und die Mails von Flammendo :)

Viel Spaß beim Lesen!




Die böse Macht




Tiranu hielt die Luft an. Fassungslos beobachtete er die Erzmagierin dabei, wie sie sich Stück für Stück von ihm entfernte. Ihr Gang war nunmehr aufrecht, federnd und so stolz wie der eines jungen Vollbluts. Doch jeder Schritt schien von einem gewaltsam unterdrückten Krampf des Schmerzes begleitet zu werden.

Sie war kühn, gestand er ihr ein. Tollkühn! Yulivee von Valemas. Diese Elfe würde niemals ihren Kopf neigen, hieß es – nicht vor dem Schicksal, nicht vor dem Tod, nicht einmal vor ihrer eigenen Angst!

„Warte!“

Die Elfe hielt nach einem ausgedehnten Zögern tatsächlich inne und wandte sich ihm zu. Der Blick aus ihren verengten Augen streifte ihn durch die Dunkelheit der Nacht. Ihr Zustand war jämmerlich. Der Regen hatte ihr Haar zerzaust und ließ es strähnig um ihre Schultern fallen. Ihre sonst leicht gebräunte Haut nahm im Schein der magischen Lichtkokons einen beinahe kränklich-blassen Zug an, der sie nicht nur ausgezehrt sondern auch entrückt wirken ließ. Ihre für gewöhnlich alles überstrahlende, nach außen getragene Selbstsicherheit war verschwunden.

Tiranu schluckte seinen Groll herunter. Er benötigte einen kühlen Kopf, denn dieser Elfe traute er so ziemlich jede heimtückische Tücke zu. Ihr Angebot klang noch in seinen Gedanken nach, als er die Stimme hob: „Was verlangst du von mir, damit du bereit bist, deine Herrin zu verraten?“

Yulivee kniff die Lippen zusammen und verschränkte aufmüpfig die Arme wie ein schmollendes Kind es tun würde. „Ich sah mich stets als meine eigene Herrin an!“, schnaubte sie. „Emerelle ließ mir freie Hand, was dein Schicksal angeht. Sofern keine prekären Beweise gegen dich ans Licht kommen, versteht sich…“

Tiranu erspürte die Unsicherheit in ihrer Stimme nur zu gut. Welch Possenspiel! Ihm hielt sie vor, verräterisch zu sein, stellte sich im selben Atemzug aber gegen ihre eigene Königin…

War dieses unreife Kind am Ende wirklich fähig, dieses wagemutige Versprechen auch einzulösen?

„Wie entwaffnend ehrlich von dir, Erzmagierin!“ Ein spöttischer Zug umspielte seine Lippen. „Aber ist es wirklich weise von dir, mir all das zu sagen?“

„Du kannst mir nichts anhaben, Fürst!“, spie sie scheinbar unbefangen aus. „Ich bin erhaben über deine tückischen Ränkeschmiede!“

Tiranu durchschaute aber ihre Angst. Dieses Mädchen kämpfte und kämpfte und schien nicht zu ahnen, wie offen ihr Spiel für ihn war …

„Erhaben? Das sagt der Stolz stets … ebenso hält er beständig den Blick in die Höhe und übersieht dabei die Schlangen im Gras zu seinen Füßen. Du wirst fallen, Erzmagierin, wenn du dich gegen mich wendest, das verspreche ich dir.“

„Das Gleiche gilt für dich!“ In ihren Augen loderte es kämpferisch auf. Für sie schien es mehr als eindeutig, dass allein sie das Heft in der Hand hielt. Für sie existierte kein Zweifel an ihrem Weg …

Tiranu knirschte mit den Zähnen, während er langsam aber sicher die Kontrolle über seine Gesichtszüge verlor. Nur schwerlich gelang es ihm, Contenance zu wahren. Nie würde er zulassen, dass sie ihn mit diesem Possenspiel in der Hand hielt. Doch ihre Provokation fruchtete, bemerkte er unwillig.

Ein Gedanke streifte ihn wie der Hauch eines Luftzugs. Yulivee spielte ihn aus! Die unbedarft jungendliche Art, ihre verzweifelte Unsicherheit. Waren dies die Werkzeuge für den Trug, den sie zu planen schien? Wollte sie ihn damit in Sicherheit wähnen?

All dieses blasierte Gerede, ihre aufgesetzte Heiterkeit – auch sie trug eine Maske auf ihrem Gesicht im Wirken der Politik. Nur unterschied sich die ihre erheblich von der seinen. Bislang hatte er sie unterschätzt, bemerkte er. Gewaltig unterschätzt.

„Das beantwortet nicht meine Frage, Erzmagierin!“ Sein Gesicht ließ durch keine Regung einen Gedanken oder gar ein Gefühl erkennen. Nur seine ablehnende Haltung – die Arme fest verschränkt, das Kinn von ihr abgewandt, der seitliche Blick stechend scharf – zeigte, wie dünn der Faden seiner Geduld doch war. „Was verlangst du im Gegenzug für deine … Hilfe?“

Die Valerin schwieg lange. Zu lange! Es verriet sie. Nie würde sie sich gegen Emerelle stellen. Ihre eigenen Ziele und Ideale hin oder her! Auch sie war nur eine Speichelleckerin, welche niemals selbstbestimmt aus dem Schatten Emerelles treten könnte!

„Wenn wir die Aufzeichnungen Luanas zerstören können – ein für allemal“, raunte Yulivee dann und blickte ihm starr in die Augen, ehe sie die Hand an ihr Herz legte, „dann … wird Emerelle nie etwas von all dem hier erfahren. Ich schwöre es bei meiner unsterblichen Seele und meiner zerbrechlichen Ehre! Nur eines verlange ich im Gegenzug von dir…“

Tiranu horchte auf. Wer würde schon diesem Schwur trauen? Sie war als Spionin in sein Land gekommen! „Was sollte das sein? Sprich endlich!“

„Auch du wirst einen Schwur ablegen!“ Sie nahm die Hand herunter und hob ihr Kinn, als gälte es, an Größe vor ihm zu gewinnen. „Du wirst schwören, der Blutmagie zu entsagen. Weder wirst du dein Wissen je wieder anwenden noch weitergeben! Schwöre mir dies und ich sehe mich gewillt, den Mantel des Vergessens über die Ereignisse hier auszubreiten.“

Tiranu hob seine Brauen: „Ich habe der Magie längst abgeschworen …“

„Aber nicht vor mir“, hielt Yulivee dagegen und bot ihm ihre Hand dar. Abfällig musterte der Fürst ihre Finger, ehe er finster aufsah: „Einverstanden.“



* * *




Die Magierin zog die Stirn kraus und hielt noch immer ihren Arm zum Handschlag aufrecht: „Wirklich?“

Tiranu blieb still und ihre Irritation wuchs, als er nicht auf ihre Geste einging und ohne die Gunst einer Antwort an ihr vorüberging.

„He!“, rief sie in seinen Rücken. „Was ist mit deinem Versprechen?“

Yulivee würde darauf wetten, dass er die Augen verdrehte, ehe er endlich antwortete: „Ich werde keinen Schwur auf irgendetwas ablegen, wenn auch nur die kleinste Chance darauf besteht, dass alles, was du gesagt hast, lediglich der Fantasie einer verschmähten Frau entspringt!“

Während er sprach, ging er mit festen Schritten weiter und ließ die kleine Lichtung bald zurück. Erst vor der Abzweigung mit den drei Pfaden verharrte er einen Moment und Yulivee kniff die Lippen zusammen, als er ohne lange zu zögern den mittigen Pfad wählte und weiterging.

Wie selbstverständlich hatte der Sohn Alathaias die Führung übernommen, um ihren Weg durch die Labyrinthe zu bestimmen. Ihr sollte es recht sein, denn ihren Instinkten war offenbar tatsächlich nicht mehr zu trauen. Sie hatte soeben dem Fürsten Langollions eine Art Narrenfreiheit für sein Handeln angeboten und was noch schlimmer war …

Er hatte sich tatsächlich auf ihren Handel eingelassen! Damit war es nicht mehr zu leugnen. Sie hatte ihre Königin hintergangen. Ein Kloß so groß wie eine Faust bildete sich in ihrem Rachen bei den Gedanken an die möglichen Konsequenzen ihres unbedachten Verhaltens. Doch war ihr eine Wahl geblieben? Wenn der Fürst ihr bereitwillig bei dieser Suche half und zusammen mit ihr den Kernpunkt ihrer leidlichen Anwesenheit in den Labyrinthen zerstörte, so wäre das Problem auf ewig getilgt. So lange er sich nur an seinen Schwur hielt…

Sollte er ihn jemals ablegen, verstand sich.

Ihre klammen Füße fanden zunächst schwer in ihr altes Tempo zurück und schon bald bemerkte sie, dass sie nicht mit Tiranu Schritt halten könnte. Gehetzt verfiel sie in einen Sprint, um Tiranu nicht aus den Augen zu verlieren. Furcht griff mit kalten Fingern nach ihrem Herz. Ihr fehlte die Kraft, eine solche Geschwindigkeit lange aushalten zu können. Doch auf Rücksicht durfte sie nicht hoffen.

Fluchend stieß sie zu Tiranu und machte ihrem Unmut Luft: „Weshalb … hast du es plötzlich… so eilig? Ich dachte stets, verkopfte … Personen wie du … wägen ihre Möglichkeiten ab, ehe … sie handeln!“

Ihr Keuchen gipfelte in kleinen weißen Wolken, die ihr vor dem Mund standen. Tiranu bedachte sie kaum, als er entgegnete: „Schon, doch wenn ich meinen Abwägungen trauen kann, so bedeutet ein Zögern auf Kurz oder Lang den Tod!“

Ein vielsagender Blick traf sie mit aller Härte, zu der seine durch und durch schwarzen Augen fähig waren. Zu spät bemerkte sie, wie seine Hand nach etwas an seiner Seite griff. Panisch wich sie zurück: Ein Dolch?!

Ihrem trommelnden Herzschlag folgte die Erkenntnis, dass dieser längliche Gegenstand in seiner Linken ihr sehr wohl vertraut war.

„Meine Flöte!“, rief sie erstaunt und blieb unweigerlich stehen. „Woher …?“

Der Fürst hielt ebenfalls inne und sah sie lange stumm an. Dann reichte er ihr die Flöte aus gemasertem Kirschholz und schüttelte das Haupt: „Das ist nicht wichtig.“

Der schmerzende Gedanke an die Schlucht kam in ihr auf. Die Brücke, welche so plötzlich verschwunden war, das tosende Wasser. Mittlerweile ahnte sie längst, dass diese Szenerie ein Trugbild des Labyrinths gewesen war. Eine Illusion, so perfekt, dass sie zur schieren Wahrheit wurde. Auch Tiranu musste dort entlang gekommen sein.

Wortlos nahm Yulivee das schmale Instrument entgegen und wog es in ihren Händen. Tiranu verblüffte sie ein weiteres Mal. Er war in den Tjuredkriegen Augenzeuge ihrer Macht geworden, welche sie durch eine Flöte wie dieses zu entfesseln vermochte. Dieses Stück Holz war wie der Stahl seines Schwerts – tödlich. Und er überließ es ihr aus freien Stücken. Natürlich wusste Tiranu, wie es um ihr magisches Geschick im Moment bestellt war. Doch diese Geste allein brachte ihr ein wenig Wärme ins Herz zurück.

Yulivee blickte mit einem schiefen Lächeln auf: „Danke!“

Da wurde ihr klar, dass der letzte überlebende Sohn der Alathaia längst weiter gegangen sein musste. Der Mut in ihrem Herz verlosch wie ein Funke im Starkregen, als sie Tiranus Gestalt nicht mehr zwischen den dicht wuchernden Rosenhecken ausmachen konnte. Einzig die blaugrauen Nachtfalter schwirrten schimmernd zwischen den zierlichen Knospen der Rosen umher und leisteten ihr kühle Gesellschaft. Er war fort!

Panik ergriff sie.

„Tiranu!?“

Das Wogen der fremden Magieaura wurde jäh stärker. Es durchdrang ihren Verstand, klopfte und pochte so stark, dass es ihre Sinne betäubte. Für einige Momente waren die Rosen alles, was sie wahrnehmen konnte. Das Abbild ihrer stacheligen Ranken im Mondschein pulsierte vor ihren getrübten Augen wie der ureigene Herzschlag des Labyrinths selbst.

„Warte“, keuchte sie schwankend. Wohin sollte sie gehen? Ihre Sicht war verwischt und wurde stetig schattiger, während in ihrem Ohr ein schriller Ton klang, der sie benommen werden ließ. „Nein!“

Als sie sich für einen Augenblick wieder Herrin ihrer Sinne wähnte, fand sie sich auf dem kalten Boden wieder. Ihre Knie gruben sich fest in den schlammigen Untergrund, während ihre Hände den hilflosen Versuch unternahmen, sich von der Wiese aufzustemmen. Vor ihrem Sichtfeld zogen undefinierbare Schemen umher, bis sie glaubte, lachende Gesichter ausmachen zu können. Ihre kühlen Finger streiften ihre Schläfe, als sie glaubte, in wahrhaft vertraute Züge zu blicken. Im Strudel aus Erinnerungen und Trugbildern sah sie Vseslins trauriges Gesicht. Wieder und wieder rief er ihr etwas zu, was sie im Wirbel der fremdgesteuerten Eindrücke kaum verstand. Gepeinigt schrie sie seinen Namen, doch kein Ton wollte ihre Lippen verlassen.

Gerade, als ihr Kopf unsanft auf dem Untergrund aufkam, hörte sie eine Stimme zu ihr durchdringen. Doch das Gesicht, welches plötzlich statt Vseslins vor ihrem inneren Auge erschien, wollte nicht so recht zu den Worten passen…

„Luana“, murmelte sie, als die grünen Augen in ihrem Wahrtraum blass zu funkeln begannen. Wieder erschien ihr diese Elfe!

Eine dunkle Stimme rief streng nach ihr und forderte ihr Erwachen. Doch die seltsam vertraute Präsenz der Langollin verlangte etwas Außergewöhnliches von ihr, dass sie so zum ersten Mal spürte. Wie weit war es gekommen, dass sie schon im beinahe wachen Zustand diese Fantasien durchlebte!?

Yulivee folgte dem Geheiß der Präsenz, ganz bewusst. Sie musste wissen, was Luana ihr zu zeigen vermochte!

Die Erzmagierin schloss die Augen und ließ die Fremde ihre Gedanken und Eindrücke formen.

Nach einem letzten Zögern fand sie sich über einer windverrissenen Landschaft. Salzige Luft erfüllte ihre Lungen. Die Frische des Meers. Mit wackelnden Knien stand sie hoch über der Küste vor Langollion. Die Erzmagierin wusste instinktiv, wo sie sich befand. Obwohl sie nie wirklich hier gewesen war. Unter ihren Füßen spürte sie die unbegreifliche Macht der tosenden Brandung noch durch den unermesslich dicken Stein der Klippen hinweg. Am verdunkelten Himmel stand der Vollmond und sandte sein silbrig schimmerndes Licht auf den wilden Gang der Wellen hinab.

Am Rande der Schlucht stand die junge Elfe, welche Yulivee bereits zwei Mal in ihren Träumen heimsuchte. Noch immer wirkte es surreal, nie mit ihr gesprochen zu haben – und wohl nie mit ihr sprechen zu können..

„Luana!“, rief sie durch das Peitschen des Windes hindurch, ohne eine Reaktion der Fremden erreichen zu können. So schritt Yulivee langsam über den rauen Stein zu ihr heran, um in ihr halb verborgenes Gesicht zu blicken. Die Magierin erschrak, als sie den Schleier der Tränen über den geröteten Augen Luanas sah. Das schwarze Haar umspielte ihre Züge im Takt des forschen Winds, welcher die kaum wahrnehmbaren Worte von ihren blassen Lippen wehte: „Arien, Selin, Morwenna, Tiranu, Avenir …“

Wieder und wieder erklangen diese Namen und Yulivee erschauerte, als sie zu erkennen vermochte, dass Luanas Tränen die des schmerzlichen Verlusts waren. Im Rauschen des Winds und im Toben der Brandung klang dieses Mantra finster wie die dunkelste Stunde einer mondlosen Nacht.

Luana wähnte ihre Geschwister für tot. Sie alle. Niemand musste sich nach den Schattenkriegen darum gekümmert haben, was aus ihr geworden war und welche Kunden zu ihr gelangten … Wie lange mochte dieser scheinbar vollkommene Verlust sie verfolgt haben?

Bis in den eigenen Tod, verstand Yulivee. Einen Tod, den sie selbst gewählt hatte…

Luanas Lippen bewegten sich noch immer im endlosen Klagelied für ihre Familie, während sie sich vom Meer abwandte. Yulivee verfolgte starr, wie sich das Bild der Küste vor ihren Augen zurückzog und einer anderen Szenerie Platz machte, welche ihr vertraut und gleichwohl völlig fremd erschien.

Die Elfe führte sie zurück in die Rosenlabyrinthe, an einen Ort, der das Zwielicht der Dämmerung gefangen hielt. Ein wild verwachsener Hain erstreckte sich vor ihr, Modergeruch presste sich  in ihre Nase.

Yulivee konnte Luanas kauernde Silhouette unter dem Halblicht des grünspieligen Blattwerks drei junger Birken ausmachen. Die Fürstentochter saß auf ihren Waden, ihr Gesicht war von einem nachtschwarzen Schleier verhüllt. Auf ihrem Schoß lag ein Büchlein, über dessen Seiten sie beinahe zärtlich ihre Fingerspitzen tanzen ließ. Über ihr, im zarten Geäst der Birken, funkelten neben den vertrauten Kokons aus magischem Schein auch zahlreiche Amulette aus Kristall. Inmitten der schwarz-weiß gezeichneten Stämme wucherte ein ausladender Holunderbusch über das Moos. Seine Blätter waren groß und dunkel, seine Blüten hell strahlend.

Yulivee ging gebannt näher zu Luana heran und schaute auf das bemalte Pergament in ihren Händen. Ein stilisierter Falter mit riesigen Flügeln, sacht geschwungenen Fühlern und einer daumengroßen Verdickung am hinteren Leibesende prangte darauf. Die Magierin staunte darüber. Nicht nur darüber, dieses Buch bereits in weiter Zukunft in den Händen gehalten und die aufwendige Zeichnung betrachtet zu haben. Diese Tiere hatte sie auch selbst mehrmals in den Rosenlabyrinthen angetroffen. Ihr war, als könnte sie die sanfte Berührung der winzigen Beinchen noch auf ihrer Haut spüren

Auf der nächsten Seite des Büchleins war der schlicht anmutende Kokon der Falter abgebildet. Yulivee blickte von den Seiten auf in das Blätterdach der Birken und erkannte die seidenen, sanft schimmernden Gebilde wieder. Zum ersten Mal fragte sie sich, was genau diese Magiegeschöpfe dazu bewog, ihr Leben in dieser unwirtlichen Einöde zu fristen. Sie schienen sich jedenfalls nicht von den aggressiven, magischen Strömen beeinflussen zu lassen.

Luana flüsterte etwas in den Schutz ihres Schleiers, das im Nebel der verworrenen Kulisse zwischen vergangenem Schmerz und dunklem Schaffenswillen beinahe verloren ging. Yulivee ließ sich langsam zu der Traumgestalt herunter und hob die Hand, um ihre Schulter zu berühren, doch glitten ihre Finger durch sie, als befände sich die wabernde Textur eines Lichtstrahls vor ihr. Ein Lichtstrahl geschaffen aus den Erinnerungen vergangener Ereignisse, gekleidet in matten Farben. „Weshalb sehe ich dich? Was willst du mir sagen?“

Statt einer Antwort rang sich nur das gedämpfte Flüstern über Luanas Lippen. Sie sprach in einer fremden Zunge, welche Yulivee  nicht zuzuordnen vermochte. Doch konnte sie eine eigenwillige Macht spüren, welche von der Elfe ausging. Wob sie einen Zauber? Weshalb ergriff sie dieses Gefühl der aufkommenden Dunkelheit in dieser Illusion, dieser Erscheinung der Vergangenheit? Ein Schauder durchfuhr die Erzmagierin, als sie begriff, welche Sprache die älteste Tochter Alathaias sprach. Es waren finstere Worte, die einzig und allein dazu verwandt wurden, Böses zu erschaffen.

Yulivee wollte einem Instinkt gehorchend vor Luana zurückweichen, welche noch immer in starrer Haltung über dem Buch kauerte und die tückischen Weisen der Magie beschwor. Doch als ein Rascheln im Geäst über ihnen erklang, hielt die Erzmagierin erschrocken inne. Ihr Blick glitt zu den drei Birken und dem mächtigen Holunder – und da wurde ihr klar, dass einer dieser Bäume eine Seele in sich trug. Eine schwarze Seele, tief und dunkel wie das Meer in einer mondlosen Nacht. Die Magie des Baums, seine Lebensstärke vibrierte durch die kühle Luft und spendete Luana Kraft für einen Zauber, der das Netz der magischen Sphäre zu verändern gesuchte.

Yulivee schrie entsetzt auf, doch Luana wollte sie nicht hören. Während die Macht des Holunders langsam versiegte, die Blätter der Birken sich verschwärzten und das moosige Gras unter ihren Füßen braun wurde, drang ein Zittern durch die Lüfte, als würde sich ein aufkommender Sturm ankündigen. Etwas wallte durch den Boden und ergriff Yulivee. Es zerrte an ihr und ließ das Blut in ihren Adern kalt und träge werden – war dies ein Traum oder doch Realität?!

In den Ästen der Birken knackte es erneut. Das Holz barst und etliche der vertrockneten Zweige fielen mitsamt ihrer schweren Amulette auf den siechenden Grund. Auch die Kokons lösten sich von den unbewegten Gerippen der Bäume und glitten in leuchtenden Bögen herab. Am Boden krachten sie auf und gaben die winzigen Körperchen der Nachtfalter frei, welche sich zögerlich in die unheilgeschwängerte Luft erhoben. Ihr Torkelflug war erst träge, bis sie beständig an Höhe gewannen und eilig das Weite suchten.

Yulivee hätte es ihnen am liebsten nachgetan. Doch ihr blieb nur, ohnmächtig zu verfolgen, wie Luana sich langsam aus ihrer Starre erhob, das Buch vor Yulivees kauernde Gestalt fallen ließ und zu den Bäumen herüber ging. Beinahe behutsam streiften ihre Finger den Stamm einer Birke. Ihre Borke war gänzlich dunkel geworden, alles Leben schien aus ihr gewichen zu sein. Doch Yulivee war so, als würde sie noch ein schwaches Echo der einstigen Kraft von den Bäumen wahrnehmen können.

Die verschleierte Elfe griff nach etwas unter ihren Gewändern. Ein Dolch, dessen Klinge im Mondschein silbern aufleuchtete, erschien neben einem gläsernen Gefäß, von dem Luana den Korken entfernte. Ein Schritt und Luana befand sich in der Mitte der beinahe toten Bäume.

Was hatte sie nur vor?!

Ihre Klinge schnitt in die Rinde des Holunders und entlockte ihm sein kostbares Leben: Zähflüssiges Harz quoll über den Stahl, durch den ausgehölten Griff und wurde in der Flasche aufgefangen.

Luanas Stimme wurde im Wind der Zeit laut: „Samuc!“, rief sie den Baum an. „Gemeinsam schufen wir Leben aus der reinsten Magie dieser Welt und gemeinsam werden wir nun diesem Leben einen wahrhaftigen Sinn verleihen. An den Küsten meiner Jugend sammelte ich Bernstein, der selbst den kleinsten Lebewesen eine ewige Gestalt zu schenken vermochte. Dein Harz wird nunmehr dieses Leben für die Ewigkeit konservieren, so wie deine Macht die Labyrinthe fortbestehen lässt – gib mir deine Kraft und unser Wissen wird niemals vergehen!“

Yulivee starrte erschrocken auf das Büchlein vor sich und verstand. Der Falter auf der Pergamentseite, die geheimnisvolle Macht, Luanas Wissen, die Schriftstücke, welche hier im Labyrinth verborgen sein sollten …

Erneut riss etwas Forderndes so vehement an ihr, bis die Stimme aus einer anderen Welt wieder laut wurde. Die Magierin versuchte erst, sich zu wehren, doch irre wirren Gedanken ließen sich kaum kontrollieren. Langsam entglitt ihr die fremde Szenerie, bis ihre Augen die Wachheit empfangend zu flattern begannen.




„Yulivee!“

Tiranu war an ihrer Seite, realisierte sie mit einer eigenwilligen Erleichterung in ihrem Herzen. In einem letzten Anflug des Wachtraums entrang sich ein Raunen ihren Lippen: ‚Ihr schwarzes Wissen … die böse Macht sie fliegt im Herzen des Labyrinths.‘

Die Valerin öffnete ihre Augen und sah den Fürsten über sich beugen. Sein schwarzes Haar fiel ihm wild in das fragende Gesicht, als er sie eingehend musterte: „Was hast du da gesagt?!“

Ihr wurde klar, dass sie wieder im Moos auf einem Pfad des Labyrinths lag und dem dämmrigen Himmel entgegensah. Der Morgen kam in großen Zügen auf das Land herab. Doch Yulivee hatte keine Augen für die Schönheit aus kupfernen und honiggoldenen Schemen am fernen Gewölbe der Welt. Ihr Blick suchte die Schwärze in Tiranus Augen: „Ich weiß, wohin wir gehen müssen!“
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