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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.12.2015 2.954
 
Willkommen zum nächsten Kapitel, ihr Lieben!

Wie jeden Sonntag, folgt heute die Fortführung und ich darf euch sagen: zwar ist es noch eher ruhig in Albenmark, ihr werdet aber eine Idee davon bekommen, wohin die sprichwörtliche Reise in dieser Story führt. Ich freue mich auf eure Meinung und sage an der Stelle herzlichen Dank an die Reviews von Emilayana und Chrisantiss! Die Reviewantwort findet ihr direkt unter euren Kommentaren. Natürlich geht der Dank auch an die vielen Leser, welche auch einen Favoriteneintrag für mich dagelassen haben! Ich freue mich, dass der Einstieg gleich so gut ankam! Tiranu scheint wohl echt ausschlaggebender Faktor zu sein, dass die Clicks dieses Mal so hoch ausgefallen sind! Ich muss euch aber leider sagen, dass sein Charakter noch eine Weile braucht, um aufzutreten... Dieses Kapitel und nächstes müsst ihr also ohne ihn auskommen, aber die 'Bühne' muss ja gut vorbereitet sein für ihn, nicht wahr? *lach*

Nun wünsche ich euch aber viel Spaß mit folgendem Kapitel:

Die Stadt der tausend Farben


Im Gebirgswind lag die Macht des Vergessens. Mit reißenden, unnachgiebigen Fingern brachte er die Welt zum Klingen und die Emotionen zum Erstarren. Ein Pfad, geschlagen durch den rauen Sandstein am Pass der hundert Windspiele, führte über die steilsten Höhenmeter, die zerklüftetsten Schluchten, atemberaubende Wasserfälle und tiefe, azurfarbene Seen.

Der pfeifende Wind wirbelte die Windspiele auf, welche an beinahe jeder Biegung des Passes angebracht waren. Bunte Perlenketten, Schmucksteinchen und Seidentücher wiesen mit sanfter Melodie den Weg über das Gebirge hinweg. In der Enge der Sandsteinklippen fanden nur sehr wenige Dinge ihren Platz. Umso verwunderlicher war es, dass dies die offizielle Handelsroute an eine Metropole ohne vergleichbaren Nebenbuhler war.

Obilee fühlte sich seit Wochen, Monaten, Jahren, Jahrhunderten das erste Mal wieder in einem Zustand der Freiheit, fast so als wäre sie wieder jung und frei von marternden Gedanken. Nein, das stimmte nicht ganz. Immer wieder gab es diese Momente des Vergessens, nur waren diese so rar und ohne jede Emotion, dass auch diese sich alsbald verflüchtigten und die vertraute Wehmut in ihr Herz zurückkehrte. Die einstige fahrende Ritterin im Dienste der Königin hörte in diesen Momenten auf zu hoffen. Hörte auf, auf eine Rückkehr zu hoffen, welche nun endgültig unmöglich schien. War dies also der wahrhaftige Moment ihres beginnenden Friedens?

Die blonde Elfe tätschelte den Hals ihres Schecken, welcher der Stallmeister Ejedin für ihre Reise aus den Stallungen der Elfenkönigin gewählt hatte. Noch immer fühlte sich der Faun verbunden mit den Reittieren der königlichen Zucht. Seine Wahl war vortrefflich gewesen. Das Pferd fand sich auf den steilen Gebirgspässen zurecht, als wäre es hier geboren.

Obilee genoss diesen Ausflug viel zu sehr. Sie rief sich ins Bewusstsein, dass ihre Freude nicht lang währen würde …

Die Elfenkönigin Emerelle hatte sich mehr als klar ausgedrückt. Jene hundertfach ausgesprochene Einladung in die Gefilde des reichen Wissens würde nicht aus freundschaftlichen Gründen nachgekommen werden.

Der Pfad führte an ein Hochplateau, über dessen  Ränder sie von ihrer Position aus nur die leuchtende Morgensonne im Höhenflug über das Gebirge sah. Geblendet führte sie ihren Schecken aus der Umarmung der Klippen hinaus auf den hervorstehenden Fels und das Tal unter seinen Hufen tat sich mehr und mehr im Morgenrot auf.

Obilee betrachtete mit Ehrfurcht die tiefliegende Ebene, gezeichnet von wilden Wiesen, Obsthainen und unzähligen, verschnörkelten Bachläufen, welche sich wie blaue Lebensadern an Schilfwäldern und weiten Furten vorbeischlängelten. In der Ferne, nur als blase Schemen erkennbar, zogen die Arme des Gebirges weiter in ihrem unergründbaren Lauf auf dem Angesicht von Albenmark. So groß war die Talmulde, dass Obilees Augen ein Ende nicht ausmachen konnten.

Am klaren Februarhimmel zogen zwei Falken ihre Runden und schrien ihre melancholische Weise, ganz so als würden sie dem Schmuckstücks in diesem Hort der Lebendigkeit ihren Tribut zollen: Eine sagenumwobene Stadt des Altertums, deren Schicksal erst vor wenigen Jahrzehnten wieder zu blühen begonnen hatte.

In einer keilförmigen Formation schossen unzählbare Paläste, gefertigt aus weißem Marmor, aus der Talsohle. Mit ihren bunt belegten Schindeldächern funkelten sie wie die Edelsteine auf einem Kriegsherrenschild im Rot der Morgensonne. Erhaben und zeitlos schön reihten sich die Paläste in eine wilde Ordnung, zwischen ihnen die belebten Straßen und Gassen, in ihrer Vollkommenheit anmutend wie ein Spinnennetz, belegt von schimmerndem Raureif. Unter den spitzen Turmdächlein, den großläufigen Terrassen und den aufwendigen Giebeln hingen Seidenplanen über den Straßen hinweg. Der farbenprächtige Sonnenschutz flatterte aufgeregt im Wind, ganz so als würde er der Beobachterin einen gestenreichen Gruß entbieten. Die Straßen quollen über vor umherwuselnden Albenkindern, Marketendern und Tänzern. Es wirkte irrational, so deutlich einige der Schemen und Bewegungen der würdevoll gewandeten Stadtbewohner ausmachen zu können und dennoch keinen Ton von ihnen zu vernehmen. Die Magierin genoss das Bild des aufgeregten Treibens aus schwingenden Farben, wehender Seide und die darüber wachenden, stoisch wirkenden Palastfassaden.

Kein Wall und kein Graben umzog die Stadt, einen Angriff hatte sie nicht zu befürchten. Die einzig wehrhaft anmutende Befestigung lag im Rücken der Paläste, auf einem höheren Niveau der Talsohle. Ein kantiger Turm, gehauen aus dem Sandstein des Gebirges, zeichnete sich massiv gegen die Sonne ab. Seine Form erinnerte an einen Obelisken mit spitz zulaufendem Dach über einer fensterlosen Fassade. Obilee lächelte stolz. Dieser Ort hatte seine Existenz einer ganz bestimmten Elfe zu verdanken, deren Lebensweg sie lange Zeit begleiten durfte. Bald mochte sie selbst in diesen Hallen wandeln…

Endlich gab es für sie ein Licht, welches ihr von Entbehrung und Krieg getrübtes Herz wieder schneller pochen ließ.

In Gedanken war sie bei ihrem Auftrag, als sie ihrem Schecken den freien Lauf auf dem Weg über die sandigen Flachstufen hinunter ins Tal gewährte. Emerelle hatte sich möglichweise bei der Wahl für ihren Auftrag verschätzt. Ein kleiner Teil von Obilee hoffte das zumindest. Schon sie hätte sich nicht darauf einlassen dürfen. Diese untergründigen Intrigen waren nicht ihre Art. Womöglich konnte doch noch eine andere Lösung gefunden werden?

Obilee stützte sich im Sattel hoch, als sie über dem von Schwertlilien und Dattelpalmen gesäumten Plattenweg das Portal zur Stadt erblickte. Die Tore in den Angeln waren aus schwerem Messing gefertigt und reichten mit ihrer zackig zulaufenden Bauweise nicht an den Abschluss der steinernen Fassung heran. Stattdessen befanden sich zu beiden Seiten filigran gefertigte Türme aus Marmor zum Schutz der Stadt. Wachmänner mit Spitzhelmen und schimmernd güldenen Rüstungen spähten in die Ferne, während der Bodentrupp die Handelskarawanen kontrollierte, welche Einlass in die Stadt forderten.

Die Elfe staunte, dass sich statt einer Wehranlage idyllisch anmutende Gärten Plateau über Plateau die Hänge rings um den Stadtverlauf bewucherten. Ihre Früchte und Blüten woben eine süße Note unter die oftmals streng riechenden Karawanenführer und ihre Maulesel, welche Obilee auf ihrem Weg begleiteten. Trotz deren geschäftigen Treibens, ihrer Schimpferei und ihren schiefen Gesängen lag ein eigenwilliger Frieden über der Menge, den Obilee langsam aber mit steter Sicherheit in ihr Herz aufnahm.

Als sie am Stadttor ankam wurde sie von einer elfischen Wache hindurch gewunken. Obilee saß allerdings ab und fragte die junge Elfe nach einem bestimmten Palast. Sofort bekam ihr Gegenüber große Augen und verneigte sich sogar knapp vor ihr. Ihre Wegweisung folgte in hastigen Ausführungen, welche mit den Informationen übereinstimmten, welche sie ihr einst beiläufig bei einer der zahllosen Einladungen in diesen Palast erhalten hatte. Mit einem zufriedenen Dank führte die Magierin in Emerelles Diensten ihren Schecken in die Stadt der tausend Farben.

Zuerst konnte sie sich nicht entscheiden, wohin ihr Blick wandern sollte. Unter hochaufragenden Tempelanlagen tummelten sich etliche Fensterhändler mit Seidentuchwaren, edlen Erzerzeugnissen, Teppichen, Kräutern, Blütensträuchern und exotischen Lebensmitteln. Fliegende Händler boten lauthals Obst, geknüpfte Schmuckbänder und Dienstleistungen aller Art feil, während in den Tempeln über ihnen pulsierender Gongschlag laut wurde. Die Elfe wusste, dass diese Stadt einer der letzten Orte in Albenmark war, an dem die Meditation noch praktiziert wurde. Neugierig reckte sie den Hals zu den runden Kuppelgebilden, wurde aber sogleich von einem wenig zurückhaltenden Marketender abgelenkt.

Je tiefer sie in die Stadt kam, desto prächtiger wurden die Fassaden der angesiedelten Paläste. Die eigenwillige Baukunst, welche abgerundete mit spitzen Stilelementen wirkungsvoll verband, wirkte erst befremdlich auf Obilee, doch mit der Zeit fand sie aufrichtigen Gefallen daran. Auch die großen Buntglasfenster, die aufwendigen Erker und die bestickten Hauswappen den Wänden beeindruckten sie zutiefst. Nach Jahrhunderten des Zerfalls war es unwahrscheinlich schnell gelungen, diese Metropole zum Glanz der Vorzeit zurückzuführen.

In jeder breiteren Gasse und nahe der vielzähligen Brunnenplätzen wurden öffentliche Gärten gezogen, in denen Parkbänke und farbenfrohe Sitzkissen zum Verweilen luden. In keinem Winkel war es wirklich ruhig, empfand die Urenkelin der Danee, welche immerhin ihr gesamtes Leben in der größten Burg Albenmarks verbracht hatte. Das Treiben hier unterschied sich aber wesentlich von dem an einem Adelshof. Es war aufrichtig, freudig – ganz ohne Spannungen oder Zwänge. So bemerkte sie bald, dass ihre Lippen in ein stetes Lächeln verzogen waren.

Valemas florierte aus jeder Pore.

* * *


Im Innern des Palasts war es angenehm kühl und vor allem ruhig. Überraschend ruhig. Es sollte Obilee nicht wundern, dass Yulivee keine Diener angestellt hatte oder gar einen Haushalt führte. Dennoch war es sonderbar für die blonde Elfe, völlig unbehelligt durch das Portal in den inneren Hof – wo sie ihr Pferd zurückließ – und schließlich auf die Galerie im ersten Stockwerk zu gelangen.

Der Palast war fast schlicht gestaltet im direkten Vergleich zu den Prunkbauten, die ihn fast höhnisch umgaben. Eine dünne Schicht von grünem Malachit überzog den Boden auf der Galerie, welche von hellen Säulen eingespannt war. Zur Außenseite hin gab sie über eine eiserne, gezwirbelte Brüstung den Blick auf den mächtigen Obelisken im hinteren Teil der Stadt frei. Obilee versetzte es in einen Zustand der Ehrfurcht dieses Gebilde so nahe vor sich zu wissen. Die Bibliothek zu Valemas!

Die Wissenshüter der einstigen Bibliothek von Iskendria hatten nach ihrer Wiedergeburt durch Yulivee, der obersten Magierin in Albenmark, ihren neuen Platz im Schutze der Stadt Valemas gefunden. In diesem Turm, welcher unscheinbar und architektonisch wenig reizvoll wirkte, verbarg sich das lange verloren geglaubte Wissen von Jahrtausenden. Diese Sammlung war nicht vergleichbar mit denen anderer Bibliotheken und Obilee war sich sicher, dass sie unter Yulivees Obhut zu der früheren Größe in Iskendria heranwachsen und möglicherweise diese auch übertreffen würde.

Die fahrende Ritterin stellte sich wehmütig an die Brüstung und schaute auf die lebendige Kulisse der Stadt, welche sie vom ersten Moment an zu berühren schien. Nun reute sie es wirklich, sich nicht eher zu einem Besuch hatte bringen können. Dabei war es ihre engste Vertraute, die hier in diesem Palast lebte und Valemas wie ihr eigenes Kind umsorgte.

Yulivee von Valemas, welch Klang dieser Name hatte. Nicht ohne Stolz lächelte Obilee bei diesem Gedanken.

Yulivee war als Kind nach Elfenlicht gekommen und es war lange Obilees freiwillige Pflicht gewesen, über sie zu wachen und den Wildfang zu einer aufrichtigen Persönlichkeit heranzuziehen. Die junge Valerin war ein Schelm und ein wahrhafter Exot unter den Elfen. Es gab manche Situation, in der Obilee kein Verständnis für ihre Taten aufbringen konnte, und dann gab es wiederrum Momente, wie diesen, in denen sie geradezu euphorisch war, mit ihr befreundet zu sein.

Yulivee hatte diese Stadt, welche einst aus Stolz und Niedertracht verlassen worden war, wieder zum Leben erweckt. Die Elfen des alten Valemas wählten vor langer Zeit das Exil, statt sich Emerelles Herrschaft in Albenmark zu unterwerfen. Nachdem ihre Heimat in der Fremde von den Tjuredanhängern zerstört worden war, fassten sie sich Mut aus der Verzweiflung und kamen mit der Königin überein. Die ‚kleine‘ Yulivee war es gewesen, welche nicht nur die Überlebenden der zerstörten Oasenstadt in ihre alte Heimat zurückbrachte, sondern auch die Hüter des Wissens, nachdem die große Bibliothek vom Orden des Aschebaums angegriffen worden war.  Hier erstrahlte die lange verlassene Stadt im neuen Licht und die Jahre des Wiederaufbaus ließen keinen Zweifel, wie begnadet die Herren dieser Stadt waren.

Schon oft hatte die von Emerelle ausgebildete und schließlich zur Erzmagierin ernannte Elfe Obilee aufgefordert, sie in ihrer Heimat zu besuchen. Fast schämte sie sich, dass es einen solchen fremdbestimmten Anlass geben musste, dass sie es endlich hierher, in die legendäre Stadt der Wiederauferblühung, verschlug.

„Du stammst nicht von hier“, erklang es ungewohnt kantig in ihrem Rücken. Mit den Reflexen einer Kriegerin wirbelte sie herum und erkannte im selben Augenblick, dass keine Gefahr drohte. Ein Elf, kaum größer als sie selbst, stand unweit von ihr. Er war in den für Valemas üblichen Gewändern angetan – eine weite, grünliche Pumphose verschwand in leichten Stiefeln, welche dieselbe Sandfarbe wie das lange Obergewand besaßen. Lang und an den Seiten geschlitzt fiel dieses bis auf die Oberschenkel, an der Taille wurde es von einem Wickelgürtel gehalten, der Obilee merkwürdig vertraut vorkam. Die Kleidung war wenig farbenfroh, sein Haar dafür schimmerte in einem Ton den Kastanien kurz nach ihrem Fall auf den Herbstboden annahmen. Rot und wild fiel es in sein weiches Gesicht, bis über die schmalen Schultern. Seine Augen schauten sie misstrauisch an. Jedoch die Wärme dieses Grüns … verfehlte seine Wirkung, seine starre Haltung. Er wollte bedrohlich wirken, machte aber durchaus Anstalten, ihr zu gefallen.

„Nein“, erwiderte Obilee mit einem Grinsen. „Ich bin nur eine Bewunderin.“

„Eine Bewunderin ohne Manieren!“, stellte der Fremde fest. „Dein Gaul hat seine Äpfel im Hof verteilt, während du hier rumlungerst … und Dinge bewunderst.“

Wieder ließen seine Worte trotz der kantigen Härte in ihnen Obilee lächeln: „Ich entschuldige mich für meinen Schecken.“ Ein lässiges Zucken ihrer Schulter unterstrich die Lüge ihrer Äußerung. „Jedes Mal, wenn er auf Marmor steht, will er sich gleich darauf verewigen.“ Behände griff sie nach dem Lederbeutel an ihrer Seite und ließ die Münzen darin klirren. „Seine Eitelkeit kostet mich irgendwann noch Kopf und Kragen.“

„Ich verlange zehn Münzen von dir, den Mist wegzumachen!“ Der Elf war offensichtlich nicht in der Laune zu feilschen und Obilee wunderte sich über den kauzigen … Angestellten?

Ohne zu murren zählte sie die Münzen aus ihrem Beutel und bemerkte dabei beiläufig: „Ist deine Herrin zu sprechen? Ich suche Yulivee in freundschaftlicher Angelegenheit auf.“

In seinen Anstalten, ihr das Geld aus den Händen zu nehmen, hob er eine rötliche Braue: „Wie ist dein Name?“

Obilee ahmte unweigerlich seine Mimik nach. Vorstellen wollte er sich wohl nicht. „Höflich bist du also auch noch … Nun, mein Name ist Obilee von Alvemer.“

Missmutig ließ der Angestellte die Schultern und seine Hand sinken. Sein Ton änderte sich: „Oh nein … ich hatte mich bereits auf einen ruhigen Tag gefreut! Und das Gold kann ich nun auch nicht mehr annehmen… bitte, folge mir!“

Irritiert ließ Obilee die Münzen wieder verschwinden und folgte dem Elfen durch die Arkaden, welche bald an einem flachen Wasserbecken entlang weiter ins Innere des Palasts führten. Durch den Säulengang fiel noch immer das Licht des Vormittags und wob auf dem grünlichen Stein eine heimelige Atmosphäre, welche die Pracht der offen gestalteten Empfangshalle aber in nichts schmälerte.

Die Wasserbecken nahmen die durch den nahen Mittag aufkommende Hitze in sich auf und boten mit der Schönheit der violetten Blüten auf ihrer Oberfläche ein Schmeicheln für jeden Blick.

„Obilee?“ Die Angesprochene sah auf und ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie in das lächelnde Gesicht jener Elfe sah, die ihr teuer wie eine Schwester war. Auf dem Treppenabsatz zu den inneren Räumlichkeiten stand die Erzmagierin Albenmarks und grinste verschmitzt wie ein kleines Mädchen. Sie strahlte, ohne ihre warme Nahbarkeit zu überblenden. Obilee wusste aber, dass der friedliche Eindruck täuschen konnte. Wenn sich die Elfe etwas in den Kopf setzte, wog selbst die Macht der Gezeiten gering im Angesicht ihres Willens.

Wie stets war das Auftreten der Valerin eigentümlich.  Eine kurz geschnittene Bluse aus durchscheinendem Seidenstoff verdeckte nur knapp ihren Bauch, bis der reich verzierte, hohe Bund einer weiten Hose ihre mädchenhafte Taille bedeckte. Ihr braunes Haar fiel in sanften Wellen bis zu den in breite Reife gefassten Armen hinab. Silberne Kettchen klirrten aufgeregt an ihren Fesseln, als die Erzmagierin mehr hastig als elegant die Treppe herunterkam. Obilee fühlte sich unmittelbar in eine feste Umarmung geschlossen. „Endlich! Endlich hast du es geschafft!“

Die fahrende Ritterin löste sich ein gutes Stück aus der Umarmung, um eine Hand auf die Wange ihrer Freundin zu legen. Deren warme Augen glitzerten unter ausdrucksstarken dunklen Brauen, welche halb in einem breiten Kopfschmuck aus ovalen Kupferblättchen verschwanden. Ein breites Lächeln zierte ihre geschwungenen Lippen: „Was führt dich hierher?“

Obilee räusperte sich: „Ich habe es in Elfenlicht nicht mehr ausgehalten … und bin endlich deinen Einladungen nachkommen!“ Ein misstrauischer Zug erschien auf den zarten Zügen der Erzmagierin, welcher nicht recht zu ihrer Art passen wollte.

Ihre Freundin hatte sich verändert seit dem Krieg, das war ihr sehr wohl bewusst. Ihre selbstbestimmten Taten und auch ihre eigenwillige Haltung während der Schlachten gegen die Ordensritter waren noch immer in aller Munde. Von vielen wurde sie noch weitaus mehr verehrt als es bereits zuvor der Fall war. Yulivee hatte sich einen festen Platz in der Hierarchie der Elfen erkämpft, einige Albenkinder waren sogar der festen Überzeugung, dass die Elfe einst Emerelles Platz auf dem Thron einnehmen würde. Obilee blieb da skeptisch, denn sie kannte das sprunghafte Wesen ihrer Vertrauten und wusste, dass diese nie die Schwanenkrone freiwillig annehmen würde. Doch nicht zuletzt die Tatsache, dass Yulivee nun die Wächterin des lange verschollenen Albensteins von Rajeemil war, ließ Obilee neben der schwesterlichen Liebe auch großen Respekt vor dem einstigen Derwisch, welcher wohl immer noch nicht ganz erwachsen war, empfinden.

„Ich hoffe, mein Besuch kommt nicht ungelegen“, fügte die fahrende Ritterin schließlich hinzu und erntete ein weiteres keckes Lächeln ihrer Freundin. Ihre braunen Augen suchten den Elf, welcher – noch immer!? – neben Obilee stand. Ungefragt ging er auf Yulivee zu und legte einen Arm um ihre Taille, was Obilee verwirrt zurückließ. Offenbar hatte sie den Elfen falsch eingeschätzt. Ganz und gar falsch! Sein Auftreten, die saloppe Art, seine Kleidung … Die Wangen der Elfe wurden unangenehm heiß, als ihr klar wurde, dass sie auf den Arm genommen wurde.

Yulivee schien ihren entsetzten Blick zu bemerken und legte den Kopf in fast schüchterner Geste schief: „Du scheinst Vseslin wohl bereits kennen gelernt zu haben!?“
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