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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
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24.04.2016 3.367
 
Lügenmasche




Das Nachtgestirn prangte hell am Himmel. Silbernes Licht sickerte träge bis unter die stachelbewehrten Rosenranken. Zwischen den dichten Hecken tanzten Schatten in jeder Schneise, jedem Winkel und unter jedem gezackten Blatt. Wo die Nacht nicht vorherrschte, regierte die vollkommene Stille.

Der Regenfall war über den Abend hinweg schwächer geworden. Selbst das verhuschte Plätschern, so schien es, wurde von der Dunkelheit verschluckt. Einzig die Kälte des Himmelswassers drang bis auf die Erde hinab.

Fürst Tiranu von Langollion bemerkte nicht ohne Wohlgefallen, dass die karge Witterung der verhätschelten Magierin aus Valemas zusetzte. Schon bald würde sie unter ihrem Stolz zusammenbrechen ganz wie ein Kartenhaus im stürmischen Wind.  

Der Krieger hielt sich gut vier Schritt hinter Yulivee und musterte mit erwartender Miene, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte. Anders als sonst ging die sture Elfe nicht aufrecht, sondern zog die Schultern schützend an ihren Kopf, während ihre Hände unentwegt über ihre Arme rieben, als würde das irgendetwas bezwecken. Es war offensichtlich, dass sie litt. Ihr Hochmut würde schon bald ihr Ende sein.

Es brannte ihn unter den Fingern, diese unselige Sache so schnell wie möglich zu beenden – wenn nötig mit handfester Überzeugungskraft. Er hatte keine Zeit für diesen grenzdebilen Nonsens! Sein Reich brauchte ihn mehr denn je. Keinesfalls wollte er Emerelle – oder irgendeinem ihrer verdammten Speichellecker – auch einen noch so kleinen Triumph gönnen, der sie einmal mehr dazu veranlassen könnte, auf ihn herabzusehen. Und dies würde geschehen, wenn sich die Lage in Langollion nicht bald bessern würde. Es könnte durch die schweren Regenfälle erneut zu einer Hungerkatastrophe kommen, oder schlimmer: zu Aufständen innerhalb seines ausgebluteten Volks. Er musste zurück in den Rosenturm!

Allerdings …

Es bereitete ihm geradezu manisches Vergnügen, Yulivee mit jedem Schritt der Erkenntnis entgegenlaufen zu sehen, dass auch sie weder allmächtig, noch erhaben über ihn war. Über kurz oder lang, ihr Scheitern kam beständig und unabwendbar näher.

Und doch konnte er nicht abstreiten, dass ein winziger Teil seines Selbst ihr halsstarriges Durchhaltevermögen bewunderte. So pathetisch ihr Vorhaben auch schien, ihr Wille war eisern. Natürlich würde sich davon keine unhaltbare Phantasterei bestätigen lassen …

Als sich der nächste Kreuzweg  vor ihnen auftat, hielt Yulivee so plötzlich inne, dass er beinahe gegen sie gelaufen wäre. Tiranu schaute verwundert über ihre Schulter und erkannte, dass sich gleich drei Wege auf dem kleinen Stück der Wiese gabelten. Ein Haselnussbusch ragte halb unter dem wilden Gestrüpp der Rosenhecken in die Höhe und fing die Schatten in seinen knotigen Ästen. Kleine Lichttropfen hingen im Geäst der Büsche. Ihr Leuchten waberte gülden auf den moosigen Boden herab und brach sich in den sprühenden Regenfällen. Was für ein Zauber war das?

Die Szenerie wirkte beinahe friedlich und entrückt, doch die andersartige Magie pulsierte hier stärker und wilder, als selbst an dem Mosaik der stilisierten Schlucht.

„Das darf nicht wahr sein!“, hauchte Yulivee in die vollkommene Stille. Ihre Stimme war hohl vor Entsetzen.

Tiranu trat mit fragender Miene an ihr vorbei auf die kleine Lichtung und sah sich aufmerksam um. Doch nichts Ungewöhnliches war für ihn zu erkennen. Schockte sie die Präsenz der fremden Magie? Ihre Sinne mochten feiner sein, was dies anbelangte, als seine eigenen. Doch ihr Blick haftete leer und zugleich mit ergriffener Tiefe an dem Haselnussstrauch. Er berührte die weichen Blätter und hob eine Braue: „Siehst du Gespenster?“

Die Magierin maß ihn mit einem bitteren Zug der Ablehnung in den Augen, während sie die Arme fester um ihren schmalen Körper schlang. Auf ihrer Haut zeichneten sich Spuren eines Schauders ab, welcher vermutlich wenig mit der Kälte der Nacht zu tun hatte. Ihre Worte klangen rau, als sie ihn ungehalten anfuhr: „Nur eines … totenblass und böse bis auf die Knochen!“

Ein überhebliches Lächeln schlich sich auf die Züge des Fürsten, wohl wissend: Diese Geste brachte sie zum Rasen. „Fürchtest du mich?“

„Nicht mehr als einen zerdrückten Käfer unter meinen Füßen!“, spie sie aus, während ihr Blick erneut zum Haselnussstrauch wanderte. Augenblicklich änderte sich dabei ihre Mimik: sie glitt zurück in die Fesseln der Beklommenheit. „Hier habe ich letzte Nacht geschlafen“, erklärte sie, der Ton brüchig und plötzlich verdächtig kleinlaut. „Das Gras unter dem Strauch ist noch flachgedrückt …“

Tiranu wölbte eine dunkle Braue: „Du bist im Kreis gegangen?“ Mit Mühe unterdrückte er mehr schlecht als recht ein Lachen, als er eine Verbeugung andeutete. „Einmal mehr lässt mich dein besonnenes Kalkül wahre Demut empfinden, Erzmagierin! Sag mir, wo entlang sollten wir gehen, um unsere nächste ‚Runde‘ zu ziehen?“

In ihren rehbraunen Augen begann es, mörderisch zu funkeln, und Tiranu bemerkte nicht ohne Wohlgefallen, sie endlich dort zu haben, wo er sie wollte. Diese Wut galt nicht nur seinen Worten. Sondern vielmehr ihren unbeholfenen Ambitionen, das Labyrinth auf eigene Faust zu durchkämmen, welche so offensichtlich gescheitert waren. Die Fassade der Magierin bröckelte Stück für Stück, bis sie eine Ruine der Selbstaufgabe darstellte. Tränen glitzerten in ihrem Blick.

Wohl an‘, dachte Tiranu. ‚Das ging schneller, als selbst ich hoffen konnte …‘

Doch machte er die Rechnung ohne ihr aufbrausendes Gemüt. Kaum wallte der Triumph in Tiranu auf, stählte die Magierin ihre Haltung und baute sich vor ihm auf: „Wer hat hier irgendetwas von ‚wir‘ gesagt? Ich brauche keinen großmäuligen Aufpasser an meiner Seite! Du hältst mich nur auf mit deiner verdorbenen Aura! Warum scherst du dich nicht endlich davon!?“

„Ich habe dir bereits erklärt, dass diese Option nicht in Frage kommt, Erzmagierin“, stellte er fest und verschränkte dabei seine Arme. „Du kommst mit mir oder wir werden beide noch ein wenig unsere Zeit hier verschwenden und du kommst dann mit mir …“

Die Elfe fuhr auf: „Du hast doch selbst keine Ahnung, wie wir hier wieder herauskommen!“

„Wenigstens jage ich keinen Hirngespinsten hinterher!“ Der Fürst zog eine finstere Miene, als müsste er ein störrisches Kind maßregeln. Dabei straffte auch er seine Gestalt: „Was glaubst du, wirst du finden? Amana hat gelogen, ist dir das denn immer noch nicht klar? Sie wollte sich deiner entledigen und dabei war ihr jedes Mittel…“

„Sie hat mir Beweise geliefert, welche dich den Kopf kosten werden!“, brodelte Yulivee und kam einen Schritt näher. Sie ließ sich augenscheinlich weder von seinen Worten noch von dem unausgeglichenen Machtverhältnis, welches nunmehr zwischen ihnen herrschte, beeindrucken. In ihren Augen brannte das Feuer ihres Willens, der ungebrochen war. Zu gern würde er sich eines Tages, wenn sie wieder uneingeschränkt die Herrin ihrer uferlosen Mächte war, mit ihr duellieren. Ein Kampf der Gegensätze. Stahl und Magie, Kalkül und Emotion, Kälte und Hitze …

Dieser Kampf würde in die Annalen der Albenmark eingehen!

Doch Tiranu blieb vorerst ruhig: „So? Weshalb bist du dann hier und nicht längst zurück in Elfenlicht, um dir meinen Kopf als Trophäe zu holen, während du dir in den stillsten Stunden der Nacht selbst zuraunst, keine Mörderin zu sein … so wie ich einer bin?!“

„Du … bist es nicht wert“, zischte sie. „Jeder Gedanke an dich wäre vergeudet!“

„Rede es dir ein, Erzmagierin … doch wir beide kennen die Wahrheit!“

Auf diese Worte schwieg Yulivee. Sie zitterte erbärmlich. Ob vor brennender Wut, unterdrückter Angst, schneidender Kälte oder finaler Selbstaufgabe, vermochte der Fürst nicht zu sagen. Doch hätte er einiges dafür gegeben, in diesem Moment ihre unberechenbaren Gedanken lesen zu können.

So unberechenbar wie das Wesen Luanas …

Mochte es am Ende doch einen Wissenshort geben, der hier von ihr verborgen lag? Wenn dem so war, dann war Yulivee die letzte, die ihn jemals in ihre Hände bekommen sollte.

„Von welchen Beweisen hast du gesprochen?“, fuhr er kälter als zuvor fort, in der Hoffnung, genau diesen schwachen Moment von ihr für sich nutzen zu können. Doch …

„Glaubst du wirklich, ich würde dir das einfach so beantworten?“

Tiranu spannte seinen Kiefer an. Er hatte wahrlich genug von diesem Geschwätz! Seine Geduld war zum Zerreißen gespannt und mit seiner Selbstbeherrschung war es in ihrer Nähe noch nie weit her gewesen …

„Glaubst du wirklich, ich würde dir eine Wahl lassen?“



* * *




Yulivee kniff angespannt die Lippen zusammen. Die Schwärze in Tiranus Augen nahm einen Zug an, der ihr ganz und gar nicht geheuer war. Dass er mit jedem dieser eiskalten Worte ein bedrohliches Stück näher kam, minderte ihre Beklommenheit nicht im Geringsten. Er überragte sie zwar nur um eine halbe Haupteslänge, doch sein Körperbau, der sich unter dem feinen Lederwams andeutete, machte eines klar: Sie war ihm hoffnungslos unterlegen!

„Das vierte Mal traust du dich nun schon mir zu drohen, Fürst!“, rief sie aus, die Stimme erhoben, ungeachtet ihrer aufkeimenden Furcht. „Einmal im Angesicht der Königin in Vahan Calyd, einmal innerhalb deiner eigenen Mauern und nun in diesem Irrgarten bereits das zweite Mal!“ Ein anmaßendes Lächeln krümmte ihre Lippen: „Langsam frage ich mich, was hinter all dem steht, Herr der großen Worte!?“

Das Spiel seiner Mimik blieb starr wie das einer Statue. Doch in ihr schlug die Euphorie Kapriolen. Angriff war die beste Verteidigung und wenn sie etwas dringend benötigte, so war das ein Sieg! Mochte er sich an ihr die Zähne ausbeißen, sie würde nicht einknicken!

Leider trübten seine nächsten Worte dieses überschäumende Gefühl des Triumphs mit einem Schlag: „Weshalb sollte ich mir die Hände an einer ohnehin Verdammten schmutzig machen? Sieh dich an: Deine eitle Überheblichkeit bringt dich dem Tode näher, je sturer du dich gibst! Mich nennst du anmaßend, doch bin ich mit mir im Reinen … Du bist diejenige, welche sich selbst zum Leid zwingt. Beende es und ich sehe mich gewillt, über diesen Affront hinweg zu sehen!“

Es war allzu offensichtlich, welche Karten er ausspielte. Seine Verbündeten waren die Kälte, mit der er beinahe eine untrennbare Einheit zu bilden schien, und die Zeit, welche haltlos gegen sie arbeitete. So fürchtete sie die Nacht, welche bereits mit langen Fingern unter die stachelbeschlagenen Rosenranken griff und sich wie ein Tuch über die Labyrinthe legte.

Tiranus Präsenz pulsierte wie Gift in ihren Adern. Dabei sagte er kein Wort, das nicht der Wahrheit entsprach …

Nein‘, schalt sie sich. ‚Falle nicht auf ihn herein. Er biegt und malt die Wahrheit doch, wie es ihm gefällt. Er ist ein Fürst der Albenmark. Das Talent zum Trügen wurde ihm bereits in die Wiege gelegt! Er will mich scheitern sehen, das ist alles!‘

Sein Erfolg war absehbar. Ihre Grübeleien kosteten Unmengen an Kraft, dabei musste sie ihre letzte Konzentration dafür aufbrauchen, ihre magische Macht für Wärme zusammenzuraufen. Doch scheiterte sie immer wieder in daran, sich dem Eisstachel der Witterung zu entziehen. Wie ein Kind, dem es einfach nicht gelingen wollte, ein Wort – hundert Mal gehört – richtig auszusprechen. Es zehrte nicht nur an ihrer Substanz, sondern auch an ihrem Geist.

Dass ihre Nerven beinahe blank lagen, dafür sorgte ein bestimmter Elf in seiner typisch gewissenhaften Manier. Das Labyrinth schien dem Fürsten weder Streiche zu spielen, noch mit finsteren Tücken sein Verborgenes Auge zu blenden. Für ihn stand es gut, für sie dagegen verheerend schlecht…

„Du zögerst, Erzmagierin!“, mahnte Tiranu und klang dabei nicht einmal überheblich, sondern maßregelnd.

Yulivee seufzte auf. Sie hatte von Belagerungstaktiken der Trolle gehört, in denen sie Burgen umstellten und deren Bewohner so lange mit willkürlich gesetzten Hornstößen der Ruhe und des Schlafs beraubten, bis diese – dem Wahnsinn nahe – freiwillig kapitulierten und die Burg räumten. Soweit mochte er sie niemals treiben!

Ihr Blick glitt abermals zu dem Haselnussstrauch, der im Lichtschein der magischen Kokons weltfremd wirkte. Sie war im Kreis gegangen! Tiranu hatte möglicherweise doch Recht, musste sie wiederwillig eingestehen. Das Labyrinth würde sie in den Wahnsinn treiben und schließlich ihr Leben fordern. Genauso wie das jenen Elfs, den sie vor einigen Tagen unter dem Birnenbaum gefunden hatte.

Ein kalter Schauder überlief sie, während sie schweigend Tiranu bedachte. Wenn sie ihn nur überzeugen konnte, sie ziehen zu lassen! Oder aber …

„Von welchen Beweisen ich gesprochen habe? Nun …“, murmelte sie einem Impuls folgend. Dabei schlug sie die Gedanken an die möglichen Konsequenzen ihres Vorhabens in den Wind. „Amana gab mir ein altes Tagebuch von Luana. Marveen hielt es in seinen Händen, als er sich selbst richtete. In diesem Buch … werden Morwenna und auch du erwähnt… und ein Bruder namens Avenir. Luana berichtete sehr ausführlich von einem … Disput mit eurer Mutter. Sie sträubte sich offenbar gegen das Vorhaben Alathaias, Avenir in seinen jungen Kindesjahren bereits Lektionen über die … Dunkle Kunst zu erteilen. Sie schrieb weiter, dass auch Morwenna und du viel zu jung solche Lehrstunden …“

Yulivee wollte weitersprechen, doch Tiranu fuhr dazwischen: „Das spinnst du dir zusammen!“

Alles auf eine Karte setzend, legte sie prüfend den Kopf schief: „Woher sollte ich den Namen deines jüngeren Bruders kennen? Oder etwa wissen, dass Morwenna und du Zwillinge seid?“

Endlich zeigte sich eine Regung, welche Yulivee Mut für ihren kleinen Schwindel bereitete. Tiranu verzog die Lippen, während sein Blick das Leere suchte. „Das könntest du in jeder beliebigen Bibliothek nachgeschlagen haben! Was hat Luana – laut dir – noch geschrieben?“

Yulivee wog ab, wie weit sie gehen konnte, ohne ihren Trug versehentlich auffliegen zu lassen. Natürlich entstammten diese Wahrheiten nicht etwa Luanas Tagebuch – welches zu einem viel späteren Zeitpunkt ihres Lebens verfasst worden war –, sondern den eigensinnigen Träumen der letzten Tage. Die Kunst, Lügennetze zu stricken, zählte nicht unbedingt zu Yulivees Stärken. Sie glaubte halb, ihr Plan müsse scheitern, wenn sie sich daran versuchte, ausgerechnet Tiranu täuschen zu wollen. Doch wie bei einem der unzähligen Streiche ihrer Jugendtage, trieb sie eine leise Stimme unablässig an, nun ihrem gewählten Pfad weiter zu folgen. Ihr Plan könnte funktionieren, wenn sie nur wagemutig genug war!

„Ihr Lehrmeister Kandar vermittelte Luana das Wissen über Drachen und die frühe Historie Albenmarks … allerdings schien ihm mehr an ihr zu liegen als an einem gewöhnlichen Schüler. Ich denke, er ließ sie wissen, dass es auch andere Möglichkeiten für ihr Leben gab als unter der Knute Alathaias zu leben … und auch sie war irgendwann wohl von diesem Gedanken überzeugt, nicht wahr?“

Die Elfe war erschrocken, wie plötzlich Tiranus Gesicht finster wie ein See in der Nacht wurde. Die Augen tiefschwarz wie die Schluchten in den Gebirgen vor Valemas. Er setzte einen Schritt in ihre Richtung, die Stimme kalt wie Stahl: „Woher weißt du das!?“

Yulivee wich zurück, hob die Hände und stammelte: „Bist du etwa taub? Aus ihrem Tagebuch! Wie oft soll ich es dir noch sagen?“

Der Elfenfürst hielt inne: „Es macht keinen Unterschied … nichts davon hat Bestand oder könnte gar als Beweis für irgendetwas herhalten!“

„Oh doch! Verstehst du es denn nicht?“ Bebend richtete sich die Elfe zu ihrer vollen Größe auf. „Luana brachte mich hierher! Sie hielt alles fest, was ich brauche, um dich vor das Gericht Albenmarks zu zerren! Ich weiß, dass hier noch mehr verborgen liegt … und werde nicht innehalten, ehe ich es finde. Du kannst mich nicht aufhalten, es sei denn, ich sterbe hier! So oder so, Emerelle bekommt, was sie möchte!“

Yulivee schluckte als sie bemerkte, wie Tiranu die Fäuste ballte. Sie stand auf äußerst dünnem Eis, doch sie musste weiter gehen! „Ich habe kein übermäßiges Interesse daran, Emerelle in diesen Intrigen in die Karten zu spielen. Allerdings werde ich nicht zulassen, dass irgendwelches Wissen über die Blutmagie in diesem Labyrinth weiter existiert! Ich werde Luanas Aufzeichnungen finden und zerstören. Hilf mir dabei oder ersticke an deinem eigenen Stolz, mir ist es einerlei!“

Tatsächlich zeigte sich so etwas wie eine Anwandlung der Betroffenheit in seiner Mimik. Die markanten Brauen zuckten, fuhren zusammen, während in seinen Augen ein dunkler Nebel waberte. Begriff er, was sie ihm bot?

„Was willst du damit andeuten?“

Yulivee schluckte ihren eigenen Stolz: „Hilf mir, das zu finden, was Luana hier verbarg! Ich will diese Aufzeichnungen zerstört wissen …“

Tiranu schüttelte das Haupt: „Du wirst dieses Wissen nie aus Albenmark tilgen können.“

Es war eine Feststellung, welche Yulivee ruhiger auffasste, als sie erwartet hätte. Gestand Tiranu ihr etwa wirklich ein, ein Blutmagier zu sein? Bisher hatte sie diesen … Umstand aus ihren Gedanken fernhalten können, zu orientiert war sie gewesen. Was brachte es, die Aufzeichnungen von Luana zu zerstören, wenn Tiranu es jederzeit erneuern oder an andere vermitteln könnte? Was war mit Morwenna? Bei den Alben, sie stand bis in den Kniekehlen im Sumpf der Verdorbenheit und war drauf und dran, sich darin zu verlieren…

„Ich kann es … binden, kontrollieren“, hauchte sie und war sich bewusst, dass die Bedeutung ihrer Worte verrauchte wie Nebel im Schein der Sommersonne.

„Du glaubst das wirklich, oder?“ Tiranu hob eine Braue. „Ich weiß nicht, ob ich dich bedauern oder belächeln soll.“

„Lustig!“ Yulivee verschränkte die Arme. „Genauso geht es mir, wenn ich dich sehe.“

Für einen Moment war um seine Lippen eine Spur von Heiterkeit auszumachen, doch diese war ebenso schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Beinahe glaubte sie, sich getäuscht zu haben. Er fing sich wieder in den glatten Attitüden seines Stands, das Gesicht emotionslos, der Blick herausfordernd-herablassend. „Wenn mein Schicksal bereits in Stein gemeißelt scheint … weshalb sollte ich dir dann helfen?“

Die Magierin hielt den Atem an und rief sich ins Gedächtnis, dass sie nicht nur dem Befehl der Königin, sondern dem ihres Herzens gefolgt war, als sie nach Langollion gekommen war. Obilee und sie waren um Jornowell besorgt gewesen – doch alles, was sie auf dieser verdammten Insel erreicht hatte, war ihren Freund so tief zu verletzen, dass sie ernsthaft daran zweifelte, ihn je wieder besänftigen zu können. Die Meinung des Weltenwanderers, was diese Fürsten anging, klaffte mit der ihren gehörig auseinander. Wenn ihn irgendetwas wahrhaftig dazu bewog, Tiranu und Morwenna derart ergeben zu dienen, sie immer wieder zu verteidigen, sich ihrer ausweglosen Probleme anzunehmen und selbst die Meinung der Königin ihnen gegenüber in den Wind zu schlagen – dann mochte dieses Etwas eine Chance verdienen, sich zu beweisen…

Yulivee glaubte nicht an der Fürsten Unschuld. Doch fest daran, Jornowells Herz zu brechen, wenn sie jenen Stein der Intrigen tatsächlich ins Rollen brachte.

Welcher Pflicht war sie wahrhaftig verschrieben? Der bedingungslosen Ergebenheit gegenüber der Elfenkönigin oder der liebenden Fürsorge der Freundschaft? Tat sie Jornowell wirklich einen Gefallen, wenn sie ihm Morwenna – ob durch Verlust des Vertrauens oder Entzweiung einer Strafe – entriss? Wie sehr sie doch aus eigener Erfahrung wusste, dass manche Albenkinder schlicht nicht zu ihrem eigenen Glück gezwungen werden konnten. Jornowell würde ihr niemals verzeihen. Ganz gleich, für welch hohes Recht sie einstand. Yulivee würde ihn verlieren. Seine Liebe und seinen Respekt. Doch wenn dies zum Wohle Albenmarks gereichte, so sollte sie Emerelles Geheiß doch folgen, oder?

Wenn sie nun aber einen Weg einschlug, der die beiden Aspekte vereinte? Wenn sie sowohl im Interesse der Krone als auch in dem Jornowells handelte?

„Es wird in meinem Ermessen liegen“, raunte Yulivee schließlich gefasst, „was Emerelle erfährt und was in diesem Labyrinth auf ewig verborgen bleibt.“

Ihre eigenen Worte klangen befremdlich und unverständlich. Hatte dieser Irrgarten ihren Verstand endgültig vergiftet? Auch der Elfenfürst wirkte perplex – und vor allem misstrauisch. Wohl musste er denken, sie führte ihn in eine Falle. Dass er ihr dies zutraute, mochte ihr schmeicheln, wenn die Situation nicht so bitterernst gewesen wäre. Unter seinem forschenden Blick fiel es ihr zunehmend schwerer, an ihrem eingeschlagenen Kurs festzuhalten. Tiranu würde ihr impliziertes Angebot ausnutzen, wo es nur ging, und ihre Feindschaft würde alsbald einen neuen Gipfel finden, dessen war sie sich sicher.

Tiranu ließ sich mit einem ablehnenden Schimmer in den Augen auf das Gesagte ein. „Das ist sehr großmütig von dir, Erzmagierin.“ Die stechende Art, ihren Titel auszusprechen, missfiel ihr. Beinahe kam es ihr so vor, als würde in seinem Ton die aberwitzige Drohung mitschwingen, ihr diesen Posten streitig machen zu wollen.  Auch seine nächsten Worte zeugten von einer abgeneigten Haltung ihrer Person gegenüber: „Wo ist der Haken an diesem … Angebot?“

Nun war es an der Magierin, die Braue zu heben: „Mehr eine Bedingung als ein Haken … Fürst.“

Ein verächtliches Lächeln erschien auf seinen glatten Zügen: „Natürlich… was auch sonst.“

Er schien ganz und gar nicht geneigt, auf ihr Angebot einzugehen…

Yulivee drehte sich beinahe der Magen um. Ihr Spiel war nicht nur waghalsig, sondern beinahe wahnsinnig. Die Essenz ihres Wissens beruhte auf Träumen. Weder kannte sie den Ursprung dieser nächtlichen Fantastereien, noch war sie sich sicher, wie viele dieser Gedanken tatsächlich einer vergangenen Realität entsprachen. Wenn Tiranu hinter ihren Schwindel kam, würde sie dies möglicherweise nicht überleben.

War es bereits zu spät? War dies in Wahrheit das Spiel des Fürstens, in dessen Gnade sie sich nun befand? Wenn er durchschaut hatte, dass ihre Worte nicht mit dem Wissen aus Luanas Tagebuch untermauert waren…

Sie durfte nicht aufgeben!

Yulivee schnaubte, wandte sich um und machte sich – ihre Angst vertreibend – daran, weiter zu gehen: „So wird dein Stolz also mein Leben kosten … unser beider Leben.“
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