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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
08.04.2016 2.807
 
Mein Dank geht an der Stelle an Fay, Xijoria, Flammendo und Nenduiel für die lieben und hilfreichen Kommentare und Mails in der letzten Woche! Lasst euch drücken!

Ich freue mich, euch etwas früher als gewohnt das nächste Kapitel zu präsentieren. Yulivee bekommt endlich Gesellschaft – nur freuen kann sie sich darüber wohl nicht. Ich freue mich über Reviews! Viel Spaß:





Das Spiel beginnt


Der Nachmittag war trüb und schleierhaft. Ein Nebel, so dicht, dass es schien, die Wolken seien vom Himmel herabgefallen, lag wie ein weißes Tuch zwischen klammen Boden und erhaben wirkenden Rosenranken. Die Szenerie wirkte realitätsfern, beinahe entrückt und doch fand sie sich mitten darin vor. Keine Geräusche drangen an ihr Ohr, was nach ihrem aufregenden Traum beinahe wieder so fremd wie zu Anfang ihrer gewaltigen Odyssee wirkte.

Traumwandelte sie?

Die hitzige Diskussion der beiden dunkelhaarigen Elfen wollte nicht aus ihrem Kopf verschwinden. So real und eindringend waren die Worte gewesen, dass der Streit sie noch bei jedem Schritt verfolgte. Nicht nur die Heftigkeit des Disputs nagte an ihr, sondern vor allem der Inhalt. Luana sprach davon, dass Alathaia ihren jüngsten Sohn viel zu früh in etwas einweisen wollte und auch die Zwillinge seien durch diese Einweihung zu schnell ihrer Kindheit beraubt worden. In was diese Einweisung stattfinden sollte, konnte Yulivee sich denken, wenn es um Alathaias Kinder ging…

Die schwarze Kunst.

Yulivee schauderte. Der Streit wühlte sie mehr auf, als es sollte. Nein, kein realer, wahrhafter Streit. Ein Traum! Nur ein Traum!

Nur um welchen der Abkommen Alathaias sich genau dieser Traumstreit gedreht hatte, konnte sie nicht sagen. Den Namen Avenir hatte sie noch nie zuvor gehört, doch glaubte sie einmal erfahren zu haben, dass Tiranu und Morwenna zu den jüngeren Sprösslingen der Fürstin zählten. Aber Zwillinge? Von einem genauen Altersunterschied wusste sie jedenfalls nichts, auch wenn es mit einer extraordinären Ähnlichkeit der beiden nicht weit her war…

Zwillinge … natürlich. Beide waren sie so warm und lieblich wie ein toter Fisch!

Diese Gedanken lenkten sie immer wieder von ihrem wiederwillig gewählten Weg durch das Labyrinth ab. Vier Pfade hatte sie am Morgen zur Auswahl gehabt und einen hatte sie nach langem Zögern gewählt. Wenn der Haselnussbusch nur nicht gewesen wäre …

Zunächst hoffte sie, etwas Vertrautes auf ihrem Weg ausmachen zu können. Dann würde sich mit Sicherheit sagen lassen, ob sie nicht gar den Pfad aus den vieren gewählt hatte, der sie wieder zurück zum Beginn des Labyrinths führen würde...

Allerdings sah sich im dichten Nebel alles so ähnlich, dass sie es bald aufgab und schlicht entschied, dass der Weg ein fremder war.

Es musste so sein!

Yulivee hielt erstaunt inne, als etwas in ihr Gesichtsfeld taumelte, das ganz und gar nicht an diesen Ort gehören wollte. Ein Schatten, groß wie die Fläche ihres Handtellers, schwebte durch den Nebel und riss kleine, lebendig anmutende Löcher in sein dichtes Treiben. Schwarze Flügel, die sich an einen länglichen Körper spannten, eine wulstige Verdickung am hinteren Ende der raupenartigen Form, kurze Fühler, die träge im Taumel des Flugs tanzten…

Ein Falter!

Die Magierin hätte nicht geglaubt, ein Lebewesen im Labyrinth zu finden, nachdem sie tagelang nichts als das wilde Wuchern der Rosenhecken und einige abgelebte Sträucher zu Gesicht bekommen hatte. Umso faszinierter war sie davon, ausgerechnet einem so filigranen Geschöpf zu begegnen, welches sie in gewisser Weise für seine ausdauernde Härte, hier zu überleben, bewunderte.

Gebannt setzte sie einen Fuß vor den anderen, tiefer in den Nebel hinein, um den Torkelflug des Falters nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie beinahe unbeteiligt bemerkte, wie eine schwere Last von ihrem Herzen fiel. Etwas Lebendiges zu sehen bereitete ihr Mut, ganz so, als hob man endlich das schwere Tuch von ihrem Herzen, welches schon viel zu lange für Dunkelheit und Einsamkeit in ihrer Seele sorgte.

„He, kleiner Freund, nicht so schnell!“, rief sie in den Nebel und folgte dem Schemen hinter dem grauen Schleier. „Du scheinst dich wohl nicht so sehr an Gesellschaft zu erfreuen, wie ich es gerade tue, habe ich recht?!“

Je näher sie dem Falter kam, desto deutlicher wurde im trüben Zwielicht das schwache Schimmern an der Verdickung des winzigen Körpers. Ein Leuchten ging von diesem Knubbel aus, bei jedem Schatten, der auf den Falter traf. Als hätte das Insekt ihre Worte verstanden, hielt es in seinem Fluge inne und wog kurz darauf mit sachten, unbeirrten Flügelschlägen in ihre Richtung. Irritiert über die Furchtlosigkeit des Falters schritt sie ein Stück zurück und wich damit seinem tollkühnen Flug aus. Als sei nichts geschehen ließ sich der Falter schließlich auf dem Blatt einer herausragenden Rose nieder und klappte beinahe paralysierend langsam die Flügel auf und zusammen.

Ein Bild brach den Damm in Yulivee.

Das Notizbuch Luanas!

In diesem waren diese Falter genauestens beschrieben und abgebildet gewesen. Bunte Kreide hatte nicht nur die Insekten, sondern auch die Kokons dargestellt, denen sie bereits begegnet war. Anscheinend war dieser Abkomme seiner Art bei weitem nicht der einzige, welcher in den Labyrinthen seine Behausung gefunden hatte. Und auch Luana waren sie vor so vielen Jahren vertraut gewesen…

Ein Zeichen! Endlich ein Zeichen!

„Du schaust aus, als seist du zur Hälfte ein Glühwürmchen … ich wette, du erhieltst deine Gestalt in einem strahlend leuchtenden Kokon, nicht wahr, kleiner Freund?“

Yulivee hob einen Finger, um über den samtschwarzen Flügel des Insekts zu streichen. Dieser Ton … sie fühlte sich an etwas erinnert, doch … zu benennen vermochte sie es nicht…

Unmittelbar war da eine mächtige Aura. Reißend, bitterlich kalt und tief wie ein Loch in der Eiswüste des Carandamon. Ein Pulsieren glitt durch ihren Finger, das sich zu einem wahren Blitzen wandelte, als es bis zu ihrem Herzen hinauf fuhr.

Erstaunt riss sie Augen und Mund auf: „Du bestehst ganz und gar aus Magie!“

Yulivee ließ den Arm sinken und verstand. Dieses Wesen lebte nicht, es existierte! Das Labyrinth duldete kein Leben, auch kein noch so kleines Insekt. Ihre neu gewonnene Hoffnung schmolz dahin bei dieser vernichtenden Erkenntnis.

In einer unwirschen Geste schreckte sie das magische Wesen auf: „Verschwinde, du Heuchler! Scher dich gefälligst davon!“

Wie ein echtes Insekt es getan hätte, suchte auch dieses Wesen sein Heil in der Flucht. Kaum blinzelte sie, war es in dem Gestrüpp der Büsche verschwunden. Die Magierin fluchte laut und setzte ihren Weg fort. Sie durfte dem keinen Raum geben, sonst würde sie verzweifeln!

‚Jedes Blatt und jede Blüte, alles besteht aus Magie‘, fuhr ihr durch den Kopf. ‚Etwas Lebendes wird hier nicht geduldet...‘

Ihre nackten Füße stapften einen dumpfen Takt auf die taubeschlagenen Wiese, während ihre Gedanken dunkle Kapriolen der Verbitterung schlugen.

So bemerkte sie erst gar nicht, wohin sie gekommen war, bis ein leises Murmeln sie aus ihren Gedanken lockte. Ihr verdunkelter Blick richtete sich langsam auf und wurde weit, als sie den Ursprung des einnehmenden Geräuschs ausmachte.

Kaum zehn Schritt von ihr entfernt ragten dunkle Felsblöcke aus den Nebelschwaden, ganz wie die kleine Nachbildung eines massiv anmutenden Burgwalls. Die beinahe perfekte Rundform wurde durch den dichten Niederschlag unterbrochen, doch deutlich war in der Mitte des Steinkreises, hochthronend, eine schlanke Gestalt zu erkennen. Heller Marmor, bewuchert von Pilzäderchen und dichten Moosspuren, bildete das Abbild einer riesigen Nymphe. Das Steinbild trug kurzes, gewelltes Haar und besaß sinnlich geschwungenen Lippen. In den flach ausgestreckten Händen hielt die Statue ein wulstiges Füllhorn, aus dem sich ein schmaler Wasserstrahl in das Becken darunter ergoss.

Der Brunnen wirkte unwirklich. War er eine Täuschung, ein Zauber, so wie die Brücke am Hang?!

Als hätte sie eine ganze Hand voll Asche gegessen, breitete sich jäh eine zähe Trockenheit in ihrem Mund aus. Sie rang ihr Zögern nieder und hastete – als fürchtete sie, der Brunnen könnte sich wahrhaftig zusammen mit dem Nebel verflüchtigen – dem Gebilde entgegen. Gerade als sie sich vor dem Rand zum Stehen kommen wollte, rutsche sie ungelenk auf dem feuchten Gras aus. Wild mit den Armen rudernd kippte sie vorn über und schrammte mit den Ellenbogen auf die steinerne Fassung des Beckens. Ein lautes Fauchen entrang sich ihrer Kehle, als der lodernde Schmerz durch ihre Arme fuhr.

Wäre nicht der verheißende Blick in das Wasser vor ihr gewesen, hätte sie wohl wirklich derbe fluchend geheult, doch so blieb es nur bei ersteren und verräterisch brennenden Augen, als sie ihre zitternden Hände ins Wasser sinken ließ. Eine kühle Erlösung. Das Wasser war herrlich klar. Die vereinzelten Seerosen, die im Becken trieben, störten sie nicht weiter …

Einen ganzen Schwall des kostbaren Nass schlug sie an ihr vor Schmerz gerötetes Gesicht. Lange Zeit genoss sie nur ihre feuchten Finger an den geschlossenen Augenlidern und kauerte vor dem Becken, den Alben für diesen unverhofften Segen dankend. Endlich hatte ihre enge Verbindung zu taubehafteten Blättern des Morgens ihr Ende gefunden … wenn auch nur für eine Zeit.

Beflügelt von diesen Gedanken beugte sie sich über die glitzernde Wasseroberfläche – und tauchte kurzentschlossen ihren Kopf hinein. Die Augen fest verschlossen trank und trank sie, bis ihr die Luft auszugehen drohte. Nichts könnte schöner sein!

Keuchend kam sie zurück an die Oberfläche und wischte sich das tropfende Kinn ab, ehe sie sich die an ihrer Schläfe klebenden, dunkel gewordenen Haarsträhnen aus dem Gesicht klaubte. Schwer atmend und unendlich erleichtert fiel sie zurück auf ihre Fersen und legte den Kopf in den Nacken. Die Nymphe war so schön! Vermutlich das einzig Schöne, das in diesem Labyrinth anzutreffen war… Der Bildhauer musste ein wahrer Meister seines Fachs gewesen sein.

Ein verträumtes Lächeln erschien auf ihren Lippen, ehe ein äußerst undamenhaftes Geräusch ihre Kehle verließ – die verirrte Luft unter den Mengen an Wasser musste eben ihren Weg hinausfinden und da …

„Wie anmutig!“

Yulivee war sofort auf ihren wackeligen Beinen. Ihr gehetzter Blick durchdrang den Nebel und fand einen tiefsitzenden Schrecken. Dort, wo sie gerade noch gestanden und den Brunnen das erste Mal erblickt hatte, ragte nun eine schlanke Gestalt aus dem Nebel. Ein einnehmendes Auftreten – welches von einer zwar kultivierten aber durchaus provokanten Haltung der selbstgefälligen Lässigkeit über das knappe Gestikulieren von angedeuteter Härte reichte – täuschte über das kaum stattlich erscheinende Körpermaß hinweg. Auch der Körperbau schlug in die Kerbe dieses ersten Eindrucks der Unterschätzung, war er doch knabenhaft und eher zartgliedrig gehalten. Einzig die Schultern waren breit geformt und verrieten die Hingabe, mit welcher ihr Gegenüber den Schwertkampf meisterte. Edle Stoffe schmiegten sich über diese athletisch wirkende Gestalt und schufen einen entrückten Eindruck der schattenbehafteten Macht. Ein Lederwams wurde von dem auslandenden Stoff eines gefütterten Mantels bedeckt, der von zwei silbern stilisierten Broschen gehalten wurde. Der Umhang fand seinen Konterpart in den etwas wirren Strähnen ihres Gegenübers, welche in der Farbe der mondlosen Nacht knapp bis zur Schulter reichten. Die Züge des schmalen Gesichts wurden beherrscht von durchscheinend blasser Haut, welche eine eigentümliche Tiefe in den Augen beschwor und knapp darüber einen Kontrast zu den finster verzogenen Brauen malte. Markante Wangenknochen und ein gerecktes Kinn verliehen ihm etwas Kühnes, Verschlagenes. Dieses Antlitz war im Reich der Albenmark vergleichbar kaum außergewöhnlich hübsch anzusehen, aber bemerkenswert eigen. Mit einem Blick der warnenden Unerschütterlichkeit brannte es sich unweigerlich in den Geist. Einzig der herausfordernd spöttische Zug um die Lippen verriet die schiere Jugend ihres Gegenübers – und dessen Überheblichkeit.

„Du!“, presste Yulivee hervor und spürte Hitze in sich hochsteigen. Keinesfalls aus Scham, sondern aus unermesslicher Wut. „Wie lange folgst du mir schon?“

Eine sonore, befehlsgewohnte Stimme vibrierte unter dem Hohn seiner Worte: „Ich bin eben erst in den Genuss deiner Gesellschaft gekommen … Wie ich feststellen darf, zeigst du dich wie stets von deiner besten Seite …“

Sein durchbohrender Blick taxierte sie von oben bis unten, was in ihr den Impuls wachrief, ihren grauwollenen Mantel enger um sich zu ziehen. Stattdessen warf sie jedoch ihr feuchtes Haar hinter die Schultern – was er mit einem süffisant-skeptischen Ausdruck quittierte – und schüttelte das Haupt: „Du hast mich und Jornowell ausspionieren lassen, habe ich recht?!“

„Das Maultier nennt sich fürwahr stets zuerst!“, sinnierte er und ließ mit betont gleichgültigem Ausdruck keinen Rückschluss auf eine Bestätigung ihrer Vermutung zu. Eitler Fatzke!

„Verschone mich mit diesem aufgesetzten Gehabe, das deine Verderbtheit nicht im Mindesten verbirgt!“ Bei diesen Worten änderte sich sein Blick – nicht schlagartig oder gar schnell – sondern warnend, Stück für Stück, als würde eine Schicht nach der anderen abgetragen werden, um eine gefährliche Wahrheit zu offenbaren. Vor ihr stand Tiranu, der Fürst Langollions. In seinem Reich war sie nun und – in Anbetracht dessen, dass sie ihrer magischen Fähigkeit nicht mehr trauen konnte und ihr Geist ihr perfide Streiche spielte – seiner Willkür ausgeliefert. Nach Ollowains Tod war dieser Elf der begabteste Kämpfer in den verbliebenen Gefilden und wenn sie auch kein Schwert an seiner Seite sah, so wusste sie instinktiv um die verborgene Klinge, welche er mit sich führen musste.

Ihrem Unmut zum Trotz legte sie sich einen Zauber zurecht, als der sonst so distanzierte Fürst unverhofft näher an sie trat. Seine Hand fing ihren Arm ab, welcher drauf und dran gewesen war, nach ihrer Flöte an der Wade zu greifen, während sein wacher Blick sie gefangen hielt. Zu spät ging ihr auf, dass sie die Flöte nicht mehr besaß. Verdammt!

Tiranus Erscheinung war kaum größer als die ihre, doch fühlte sie sich ungemein in die Enge getrieben, als seine nächsten Worte einen warmen Hauch auf ihrer Wange hervorriefen: „Du wirst nun mit mir kommen!“

Statt ihm einen Zauber entgegen zu schleudern, spuckte sie ihm verächtlich in das Gesicht und wand sich unter dem eisernen Griff seiner Hand: „Nimm die Hände von mir! Als ob ich einen Befehl von dir annehmen würde, ganz gleich, wie er klingt! Ich bin eine freie Elfe und springe nicht, wenn ein dahergelaufener Hund ohne Erziehung oder Wissen um seinen Rang das Maul aufreißt, um zu kläffen! Ich will wissen, warum du mir gefolgt bist! Sofort!“

Tiranus Blick blieb hart, als er ihren Arm freigab, um den Speichel von seiner Wange zu wischen. Er wusste natürlich nicht, dass ihr Verborgenes Auge durch irgendeine Macht wie geblendet war. Das sollte auch besser so bleiben!

Seine Mimik war unergründlich verschlossen: „Ich bin hier, um dich aus diesem Labyrinth hinauszugeleiten und ich rate dir, mir zu folgen.“

Warum war er allein gekommen? Ein Fürst ohne Eskorte? Was hatte er mit ihr vor? Sollte es etwa keine Zeugen geben, wenn er sich Ihrer entledigte?

„Dann kennst du den Ausweg?“, fragte sie nonchalant.

Ein Zögern: „Natürlich.“

„Gut“, befand sie, wenig überzeugt von der Wahrheit dieser Worte. „Dann warte hier auf mich. Ich werde dir bald gestatten, wenigstens ein einziges Mal ritterlich zu sein, und mich aus diesem Irrgarten hinauszugeleiten … Fürst.“

Yulivee hatte sich bereits halb umgewandt, immer noch gefangen von Überraschung und ihren Grübeleien darüber, wie sie dieses lästige Insekt am besten und schnellsten loswerden konnte, als in ihrem Rücken ein entsetzliches Knacken ertönte.

Benommen vor Schreck ruckte ihr Kopf herum, ohne dass sie wirklich sehen wollte, was dort vor sich ging. Die Nymphe auf dem Sockel des Brunnens war von Rissen und tiefen Furchen durchzogen, welche unter aufwühlenden Geräuschen stetig größer wurden.

Der Stein regte sich!

Abgehackte Bewegungen, brechender Stein und knirschende Schreie beherrschten Yulivees Sinne, als sie benommen vor Schreck zurücktaumelte.

‚Nur ein Traum!‘, flehte sie. ‚Wach schon auf!‘

Natürlich prallte sie dabei gegen einen sehr realen Tiranu, welcher sie unwirsch zur Seite schob. Ihr entging nicht, dass seine Hand sie unmittelbar hinter seine Gestalt drängen wollte, doch auch er schien für einen Moment in der Starre des Entsetzens gefangen zu sein. So wich er langsam zurück, packte erneut ihren Arm und zerrte sie vorsichtig mit sich.

Yulivee wurde kalt, so kalt als würde ihr Innerstes zu Eis erstarren. Was ging hier vor sich?  Welchen Schrecken hatten sie nur geweckt?

Noch herrschte eine eigenwillige Ruhe in der Landschaft, während das  Krachen und Knacken beinahe entrückt und gedämpft von irgendwoher an ihr Bewusstsein reichte – Solange, bis der Brunnen unter dem entsetzlich lauten Aufprall der sich windenden Kreatur zerbarst.  Ein Schrei erklang, der wie das Heulen des Nordwinds in einem licht gewachsenen Wald klang. Das kalte Wasser ergoss sich in einer wallenden Flut über die Wiese und strich wie die Hand des Todes über ihre nackten Füße, während Steinsplitter und die Fetzen von Seerosenblättern durch die Luft wirbelten.

Yulivees Körper erbete, während ihr Mund zum stummen Schrei der Panik aufklappte. Die steinerne Nymphe erhob sich wankend aus den Trümmern des Beckens und maß die beiden Elfen aus dunklen, leblosen Augen. In ihren gewaltigen Händen befand sich noch immer das Horn, welches erst ganz langsam und knackend empor gehoben wurde – und dann rasend schnell zum Schlag herabfuhr.

„Lauf!“ Tiranu stieß Yulivee gerade rechtzeitig zur Seite und sie ging hart zu Boden, was ihr nicht nur schmerzhaft die kalte Luft aus den Lungen trieb, sondern vermutlich auch das Leben rettete. Benommen rappelte sie sich auf und konnte soeben noch beobachten, wie der Fürst elegant einem weiteren Schlag entging, sich abrollte und nach einem Dolch an seiner Hüfte griff.

Während er weiteren Abstand zwischen sich und die Kreatur brachte, deutete sein Kinn auf dem Heckenpfad neben ihr und sein unmissverständlicher Befehlsschrei drang durch den seichter werdenden Nebel: „Lauf schon, verdammt!“
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