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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.03.2016 2.872
 
Willkommen zum nächsten Kapitel!

Heute halte ich es mal kurz, bedanke mich bei all meinen Lesern für die lieben Kommentare und Mails und wünsche euch viel Spaß beim nächsten Kapitel! Ich hoffe, ihr musstet nicht zu lange warten :)









Ein heikles Unterfangen






Jornowell war erleichtert, den äußeren Hof des Rosenturms zu erreichen. Endlich schnitt der Wind des langen Unwetters nicht mehr in sein Gesicht und den unbequemen Sattel konnte er auch verlassen. Etwas ungelenk ließ er sich vom Rücken des Schimmels gleiten und fluchte, als seine Knie drohten, unter seinem vollen Gewicht nachzugeben. Bei den Alben, wann war er das letzte Mal derart erschöpft gewesen?! Allmählich bekam er ein Gefühl dafür, weshalb sein Vater stets steif wie ein Stock durch die Hallen Elfenlichts geschritten war. Hofmeister zu sein, konnte sich als noch anstrengender erweisen, als ein Abstieg in die Vulkane von Ishemon!

Jornowell tätschelte sein Pferd am langen Hals: „Gleich bist du mich los, mein Freund. Und ich verspreche, so schnell wirst du mich nicht wieder sehen!“ Er könnte schwören, ein schelmisches Funkeln erschien bei diesen Worten in den großen runden Augen seines Gefährten. „Mein eigenes Pferd spottet über mich … hervorragend!“

Der Weltenwanderer überreichte die Zügel an den feixenden Stallmeister und ordnete eine extra Portion Rüben für seinen ‚Frechdachs‘ an, ehe er sich tief durchatmend die Handschuhe von den klammen Fingern strich. Wie hatte er nur glauben können, der Frühling wäre im grimmigen Langollion eingekehrt?! Die Sippe seines Vaters stammte aus dem Norden der Snaiwamark, doch diese Sturmzeiten, welche die Insel in den Frühjahrsmonaten im Griff hielten, waren ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Ein feiner Vormittagsfrost zog sich an der ungleichmäßigen Fassade des Rosenturms hinauf, während dessen Spitze im Nebel verborgen lag. Wenigstens die kühle Sonne wanderte stets höher den Himmel hinauf und gab ihr Bestes, die feinen Nebelschwaden zu vertreiben. Der Schrei einer Möwe hallte beinahe entrückt durch die Geisterkulisse … ganz so, als wollte sie ihn neckend willkommen heißen.

Weshalb befiel ihn neben all der Erleichterung, diese Reise endlich hinter sich gebracht zu haben, auch ein unbestreitbares Gefühl, nach Hause zu kommen? Ausgerechnet hier, wo er doch ahnte, dass seine dringend benötigte Ruhe noch lange zurückstehen würde … Tiranu würde nicht aufhören, ihn zu triezen, und selbstverständlich würde er weiterhin stoisch nach einem Grund suchen, Jornowell aus dem Fürstensitz zu werfen. Dem vorübergehende Hofmeister blieb nur zu hoffen, dass wenigstens Morwenna sich wieder gefangen hatte und sie bei seiner Rückkehr ihren kühlen Mantel der Distanz abstreifen würde. Noch immer verstand er nicht ganz, weshalb die Fürstin so launisch auf Yulivees Besuch regiert hatte...

Yulivee…

Diese unmögliche Elfe! Erst war sie wie üblich laut polternd nach Langollion gekommen, nur um sich dann ganz untypisch ausgerechnet bei einer politischen Mission an seine Fersen zu heften … Wäre ihr das Missgeschick im Sägewerk nicht passiert, hätte er wahrscheinlich bis heute nicht herausgefunden,  dass sie ihn keinesfalls aus einer plötzlich aufkommenden Sehnsucht heraus besuchte. Noch immer blieb es ihm ein Rätsel, weshalb sie nach diesen dubiosen Geheimnissen der Fürsten forschte. Aus welchem Grund gerade jetzt? Tiranu und Morwenna hatten nichts Unrechtes getan … zumindest nicht, seit er hier war.

Als er gestern Früh dann allein im Gasthaus erwacht war und ihm der Schenkenherr nur verdutzt erklären konnte, dass die Magierin schon gestern Nacht klammheimlich im schwersten Regensturm aufgebrochen war, verschlug es Jornowell endgültig die Sprache.

Er verstand ihre Sorgen, ihre Ängste, auch dass sie Emerelles Befehlen folgte – so gerne sie auch vorgab, sich gegen die steifen Zeremonien der Königin zu sträuben. Dass sie sich aber gegen das stellte, was ihm wichtig war, seinen Worten, seinem Urteil nicht zu trauen … es schmerzte ihn. Und dann verschwand sie wieder, ohne ein Wort oder Zeichen des Abschieds, zurück nach Valemas. Es fühlte sich an, als hätte sich ein Abgrund zwischen ihnen aufgetan. Dabei hatte er sich aufrichtig bereit gezeigt, sich trotz Yulivees zweifelhaften Ambitionen in Langollion nicht gänzlich vor ihr zu verschließen. Nun aber war ihm, als hätte seine Freundin ihn doppelt verraten.

Jornowell schüttelte sein Haupt und versuchte zu verdrängen, was geschehen war. Er brauchte seine Nerven im Hier und Jetzt! Schweigend und nachdenklich machte sich daran, eine der gebogenen Treppen hinauf zum überdachten Säulengang zu erklimmen. Die Banner Langollions hingen schlaff in der Windstille, als er unter ihnen immer weiter der Wärme entgegenschritt. Die Farben waren blass an diesem Morgen, blasser noch als er sie in Erinnerung trug.

Als die Tore ins Innere des Turms aufschwangen, hielt Jornowell kurzzeitig den Atem an. Eine schwarzhaarige Gestalt schritt mit erhobenem Haupt durch das Tor. Etwas in dieser Mimik war ihm unvergleichbar vertraut. Doch nicht Morwenna, sondern ihr Bruder kam ihm schnellen Schrittes entgegen.

Jornowell seufzte. Kein noch so kleiner Moment der Ruhe!

Der Fürst war in ein schlichtes Wams in der Farbe nassen Schiefers gekleidet, welches abgestimmt zu den schwarzen Hosen und dunkelledrigen Stiefeln gut mit seinen schulterlangen, etwas wilden Strähnen harmonierte. Die Indizien, welche auf seinen Stand hinwiesen, fand man lediglich an der aufwendig gefertigten Gürtelschnalle mit ihren gezwirbelten Silberornamenten und dem Siegelring an seinem linken Zeigefinger. Tiranus scharf geschnittenes Gesicht würde nie eine positive Regung zeigen, wenn Jornowell in seiner Nähe war. Doch heute wirkte es noch eine Spur verkniffener als sonst, was der Hofmeister irritiert bemerkte.

Da keine Wachen in ihre Richtung blickten, verzichtete Jornowell auf eine Verbeugung und nickte ihm lediglich respektvoll zu. Tiranu überging die mindere Geste und hielt wie stets nicht lange hinterm Berg: „Wo ist sie!?“

Jornowell war überrascht: „Wer?“ Als Tiranu allerdings die Lippen so verächtlich verzog, wurde ihm klar, worauf er hinaus wollte. „Yulivee!? Sie … sie ist zurück nach Valemas...“

Der Fürst kam näher, bedrohlich näher. „Hat sie dir das gesagt?“

Gesagt? Nun, eigentlich nicht, aber es war doch offensichtlich … oder?

Tiranu wölbte eine dunkle Braue: „Hast du sie auf ein Schiff steigen sehen, oder trat sie durch einen Albenstern?“

Jornowell blieb nur, sein Haupt zu schütteln. Was war das Problem? Ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf. War Tiranu etwa dahinter gekommen, dass Yulivee schlecht über seine Schwester gesprochen hatte? Dass sie offen seine Herrschaft anzweifelte? Aber wie sollte er das wissen? Hatte Amana ihren Fürsten informiert?

Jornowell entschied sich, nicht an das Mitwissen des Fürsten zu glauben: „Yulivee hat nichts getan, um dein Misstrauen zu verdienen. Sie ist zurück in Valemas!“

„Du bist ein schlechter Lügner“,  zischte Tiranu im unterschwelligen Ton der Verachtung. Jornowell glaubte auch, Zorn hinter der maskenhaften Miene des Fürsten zu sehen. „Aber ein Lügner bleibst du! Oh, es erstaunt mich immer wieder, wie schnell Elfen wie Yulivee und du mit einem Urteil über Meinesgleichen bei der Hand sind und sich gleichzeitig so gerne unseren Methoden bedienen…“

Jornowell wollte aufbegehren, wohl wissend, dass seine Unsicherheit ihn verraten hatte. Tiranu fuhr ihm aber unwirsch dazwischen. „Ich will nichts hören über die Pflichten einer Freundschaft oder von sonstigen Ausflüchten!“ Er deutete mit seinem beringten Finger auf ihn, in seinen Augen loderte nun die unverhohlene Wut. „Glaube nicht, dass ausgerechnet dieses Mädchen dich vor meinem Zorn bewahren könnte. Ganz gleich, was geschieht, ich werde dich zur Rechenschaft ziehen! Verabschiede dich von meiner Schwester, solange du noch die Zeit dafür findest, denn sobald ich zurückkehre, sorge ich persönlich dafür, dass du sie nie wieder auch nur ansehen kannst!“

Bei dem Charisma, welches ihm plötzlich entgegenschlug – weshalb setzte er diese Anlage nicht in seiner Herrschaft ein?! – blieb Jornowell plötzlich der Atmen im Halse stecken. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. In was hatte Yulivee sich nur geritten, dass es selbst Tiranu in Unruhe versetzte? Hatte tatsächlich Emerelle ihre Finger im Spiel?

„Noch entbinde ich dich deiner Pflichten nicht!“, fuhr der Fürst fort. „Während meiner Abwesenheit wirst du die Staatsgeschäfte weiterführen – Morwenna wird von alldem nichts erfahren! Und ich schwöre dir: Sollte ich herausfinden, dass du  den Pakt von Emerelle und Yulivee unterstützt oder unterstützen wirst, wirst du nie wieder das Glück auf dieser Welt finden!“

Überrumpelt von dem Umschwung dieses ruhigen Morgens, verfiel Jornowell in ein abgestumpftes Raster, welches er zu gut aus den Schlachten gegen die Ordensritter kannte: Er willigte befehlsdevot ein, obgleich er die Situation nicht einzuschätzen vermochte. Zum ersten Mal, seit er dem jungen Fürsten begegnet war, hatte er das Gefühl, wirklich einem Anführer gegenüber zu stehen. Die Schmähungen zählten nichts in diesem Moment, die Drohungen wogen leicht wie eine Feder und zugleich schwer wie ein Barren Blei. Was immer hier vor sich ging, musste wahrhaftig von niederschmetternder Bedeutung sein. Und eine innere Stimme riet ihm, sich an Tiranus rigorosem Verhalten zu orientieren, um etwas Schlimmes zu verhindern.

„Du willst gehen?“, erlaubte er sich dann doch zu fragen. Immerhin war er innerlich Morwenna verschrieben, nicht ihrem Bruder. Eine blinde Folgsamkeit würde er dem Fürsten inoffiziell nie schuldig sein. „Wohin? Woher willst du wissen, wo Yulivee steckt …?“

„Wann trennte sie sich von dir?“, stellte Tiranu kurzerhand die Gegenfrage. „Nachdem sie dich letztlich doch auf ihre Seite zog? Oder hast du deine lachhafte Loyalitätscharade bis zum Ende hin aufrecht erhalten?“

Jornowell riss die Augen auf: „Worauf willst du hinaus? Ich habe nie gesagt, dass ...Woher…?“ Dann traf ihn die Erkenntnis, hart und … etwas beinahe zu Erwartendes lag darin. Tiranu hatte sehr wohl eine Ahnung von den Geschehnissen in Larion. Mehr als das. Er wusste es. Alles. Das Gespräch, der Streit, Yulivees Ambitionen. Und offenbar wollte Tiranu, dass er es spürte … Er, Jornowell, sollte wissen, dass der Fürst weder etwas auf seinen angeblichen Verrat, noch auf seinen Beistand gab. Für Tiranu war er lediglich ein Heuchler. Ganz egal, was er tat …

Und so war es auch nicht verwunderlich, dass der Schnitterfürst gar nicht erst auf seine Fragen einging. „Wann ist sie aufgebrochen?!“

„Gestern Morgen … Nein, in der Nacht davor.“

Verächtlich war der Blick, mit dem der Fürst ihn bei diesen Worten maß: „Sie bricht bei einem Unwetter mitten in der Nacht auf und du wirst nicht misstrauisch?!“

Plötzlich erkannte auch Jornowell, dass hier etwas nicht zusammenpasste. Er hatte doch geschlafen, als Yulivee gegangen war … und … sie hatte ihm wirklich nicht gesagt, dass …

Der Hofmeister spürte, wie etwas in ihm brach. Nein, etwas, das über ihm lag – etwas, das ihn umhüllte wie eine Decke. Eine magische Aura. Nur fünf einfache Worte, welche einen Bann auf ihn ausgeübt hatten: ‚Ich bin zurück in Valemas!‘

Sein Mund stand weit offen, während seine Augen sich zu misstrauischen Schlitzen verengten. Diese …!

„Sie hat einen Zauber über mich gewoben!“, stellte er hauchend fest, schockiert, getroffen, verwundert und enttäuscht zugleich. Er sah zu Tiranu, doch dieser war gerade dabei, wieder durch das Portal zu verschwinden, aus dem er gekommen war. „Warte! Wohin ist sie gegangen?“, rief er ihm noch hinterher, um wie erwartet, erneut keine Antwort zu erhalten.

Bei den Alben, was hatte die starrsinnige Magierin nur vor? Und was wusste Tiranu davon? Jornowell vergaß seine Müdigkeit, seinen Groll – er musste etwas unternehmen!


* * *



Ein Ächzen im Wind. Das Knarren der Natur. Eine Geistergestalt, die aus den seichten Nebelschwaden zu erwachsen schien. Wildes, trockenes Rascheln machte es deutlich: Vor ihr lag eine andere Welt.

Ihr Blick ging hinauf in das kahle Astwerk einer alten Birke. Von unzähligen Stürmen schien sie gepeitscht worden zu sein, so krumm und bucklig war das hagere Knochengerüst des Baums. Er markierte den Eingang in die tiefgrünen Gärten, welche bis in die Unendlichkeit reichen wollten. Verwachsenes Gestrüpp, wuchernde Moose, hochaufragende Mauern aus stachelbewehrten Rosenranken und den Irrpfaden, welche in ihrer Gier schon so manches Leben genommen hatten.

Yulivee spürte, wie eine unbekannte Kälte sich in ihr ausbreitete, und versuchte wiederholt, sich den Trotz zum Mut zu machen.

Wenn Jornowell es einst bewerkstelligt hatte, aus dem Labyrinth der Rosen zurückzukehren, dann konnte sie es auch schaffen!

Die Elfe warf einen langen Blick zurück.

In dem Dorf nahe dem Palast von Luana hatte sie Felbion in die Obhut einer Bauernfamilie gegeben. Ebenso hinterließ sie einen magisch versiegelten Brief bei der Familie. Er war für Obilee bestimmt. Allerdings würde er nur dann von den Dorfbewohnern abgeschickt werden, wenn sie am Abend des siebten Tages nach ihrer Abreise nicht wieder auftauchte. Wenn ihr ein Unglück geschah und Jornowell nicht schnell genug reagieren konnte, so war Obilee ihre letzte Hoffnung.

Yulivee wusste allerdings, dass diese Vorbereitungen weitab von der Vorstellung einer wirklich guten Vorbereitung lagen.

Eine Amsel erschien vor ihr im Geäst der Birke und pfiff dem tristen Wetter zum Trotz einige Takte in den Nebel. Der Mittag nahte, doch die Welt war so finster wie eine mondlose Nacht.

Yulivee schauderte.

Ihr Blick versuchte zu erfassen, wie weit die Rosen sie führen würden. Doch das Dickicht in ihrem Blickfeld war so eng verwoben, dass sie das Gefühl beschlich, vor einer unüberwindbaren Wand zu stehen. Nur der schmale Durchgang ließ etwas Licht in die Pflanzenwelt sickern, ehe die erste Biegung jede Helligkeit in sich verschlang.

Die Erzmagierin versuchte, sich zu sammeln. Es gab keinen Grund für sie, unruhig zu sein!

Bereits vor anderthalb Tagen war sie aus der Schenke aufgebrochen, wo sie Jornowell zurückließ. Sie war ein Stück über die Albenpfade gereist, ehe sie das Dorf erreichte, bei dem das berüchtigte Labyrinth der Rosen lag. Eine sacht verlaufende Hügelkette führte sie schließlich vorbei an Luanas Palast hierher, an den unscheinbaren Eingang in die Irrgärten. Vom höchsten Punkt der Hügelkette, zwischen wilden, hochwachsenden Wiesen, Felsfindlingen und knorrigen Steineichen, hatte sie das erste Mal das Labyrinth erblickt. Wie erstarrt nahm sie wahr, worauf sie sich eingelassen hatte. Soweit ihr Blick reichte, bis weit über die verschwommenen Horizonte zu jeder Seite, zu welcher sie sich wandte, erstreckten sich die hochaufragenden Rosenbüsche, welche die irreführenden Pfade begrenzten.

Auf nackten Füßen war sie die feuchten Wiesen heruntergewatet, ihr Blick wie paralysiert an den prächtigen Blüten, denen die Kälte nichts anzuhaben schien. Vor einem zerfallenen Säulengang fand sie die Überreste eines Wegsteins, über dessen Markierungen eine Warnung gekritzelt wurde. Kaum hatte sie die beinahe unleserlichen Worte in sich aufgenommen, kam es ihr unweigerlich so vor, als sei es noch kühler geworden.

Nur sechs Lettern standen dort: „Kehr um!“

Die Worte brannten sich in ihren Geist und mehr noch: Sie fühlte, sie war nicht allein. Eine magische Aura, ihr unvertraut und kaum zu erfassen, schien mit groben, unliebsamen Fingern nach ihr zu tasten. Ganz so, als wollte sie etwas tief in ihrer Seele offenbaren. Für einen Moment war dieses Gefühl stark, fast übermächtig, im nächsten Moment schien es sich mit dem Nebel zu verflüchtigen.

Die Valerin wappnete sich und strich trotz der Kälte den grauwollenen Mantel hinter ihre Schultern. Darunter trug sie die leichten Stoffe ihrer Heimat – eine weite, tiefblaue Hose und eine dazu passende, mit Goldfäden eingefasste kurze Bluse. Auch einige filigrane Schutzamulette baumelten um ihren Hals, während feine Kettchen an ihren Knöcheln klirrten, als sie den ersten Schritt in diese andere Welt hinein tat. Yulivee vergewisserte sich über den Sitz ihrer einzigen Flöte, welche sich wie ein Dolch an ihre Wade schmiegte. Auch ihr Albenstein lag nahe an ihrem Körper. Auf jedwedes Reisegepäck hatte sie verzichtet, die Karte Langollions brauchte sie bis zu ihrem Rückweg nicht mehr und alle anderen Annehmlichkeiten wären ihr nur im Weg. Selbst auf Wasser oder Wegzehrung musste sie verzichten. Von Nutzen wäre es ohnehin nicht gewesen, denn die Genießbarkeit der Nahrung verging mit dem ersten Schritt in die Labyrinthe und auch das Wasser verdarb …

Die Magierin hatte sich in dem Dorf umgehört. Nicht nur über das Labyrinth, sondern auch über die Herren ihres Reiches. Über  ihre Ambition, die verfluchten Irrgärten zu betreten, zeigten sich die Bewohner der schlicht gehauenen Steinhäuser erst schockiert, dann verschwiegen. Und auch über die Politik Langollions verloren die abgeschiedenen Albenkinder kein Wort zu viel.  Dabei war noch in den größeren Dörfern vor der Siedlung in aller Munde gewesen, welch herrliches Fest vor kurzem auf der sonst verwaisten Burg über der Talsohle gefeiert wurde. Jornowells Anwesenheit am Hof der Fürsten schlug durchaus seine Wellen und ein klein wenig Hoffnung für einen Umschwung keimte in der Bevölkerung auf. Sobald Yulivee jedoch tiefer mit ihren Fragen grub, so erfuhr sie die bitteren Töne einer langen Hungersnot, welche seit dem Spätherbst über das Land wallte und nun mit dem nahenden Frühling wenigstens etwas abgemildert werden sollte. Ausdrücklich eine Meinung zu den Fürsten kam auch hier nicht ans Licht. Die Magierin wusste nicht, ob dies nicht sogar schlimmer war, als vom Volk gefürchtet oder gehasst zu werden.

Yulivee rief sich bei den Gedanken ins Hier und Jetzt zurück. Sie brauchte ihre Kraft!

Ein eisernes, rostiges Tor führte zu einem schmalen Moospfad, der von Farben und Matschpfützen gespickt war. Yulivee fühlte den Frost unter ihren nackten Füßen brechen, während sie staunend die Hecken, welche gut und gerne über ihre doppelte Körperhöhe hinaus wucherten, bedachte. Durch die Fesseln der Jahreszeiten hindurch trugen die stachelbewehrten Äste tausende Knospen. Ein Schimmer im zarten Ton eines Sonnenaufgangs, der Glanz teuren Brokats, das Leuchten eines Rubins …. Wenn hinter all dem Prunk nicht die Gefahr liegen würde, so könnte sie diesen Anblick vielleicht genießen. So blieb ihr, den Blick auf die Stacheln zu wenden, welche ihr so unnatürlich lang vorkamen. Gegen jede Klinge und jede Schere waren diese  Hecken mit einem machtvollen, alten Zauber gefeit und auch Feuer, Parasiten oder Gift konnten ihnen angeblich nichts anhaben. Nicht einmal die Zeit war ein Feind der Rosen.

Als die erste Biegung kam, wandte sie sich noch einmal dem Eingang, dem letzten Licht zu und schüttelte den Kopf. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen und würde nicht mehr umkehren. Was immer Luana hier verbarg, sie würde – sie musste – es finden!
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