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Schattenspiele

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Emerelle OC (Own Character) Tiranu Yulivee
20.12.2015
01.12.2016
50
187.715
3
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
20.02.2016 3.479
 
Willkommen zum nächsten Kapitel, ihr Lieben!

Ihr seid super! So viele Zugriffe, neue Favoriteneinträge-Einträge, Kommentare und Mails – ich war überwältigt! Ganz besonders haben mich die beiden Empfehlungen und Form dieser wunderbaren Sternchen gefreut! Vielen, vielen Dank, das ehrt mich soo sehr *im Kreis grins*

Deswegen präsentiere ich das nächste Kapitel etwas früher und ihr dürft euch freuen – bald kommt Tiranu wirklich ins ‚Spiel‘ – aber nun will erst einmal Gut Ding seine Weile haben.

Also texte ich euch mal nicht länger zu und wünsche euch stattdessen großes Lesevergnügen :)









Verrat aus Liebe


Die Regenwolken wollten über dem Knotenpunkt des Holzhandels in Langollion nicht aufreißen. Larion lag tief verborgen im grauen Vorhang des beständigen Niederschlags. Kaum ein Lichtstrahl verirrte sich durch das dichte Bollwerk der Wolkentürme. Auch nicht, als endlich der verspätete Morgen ihres Aufbruchs gekommen war.

Während die Kaufmänner aus Aelburin und Arkadien das Abkommen ihrer Herren in Zahlen und Taten geformt hatten, war es Amana mit der Hilfe von Jornowell gelungen, die Lagerschwierigkeiten auszumerzen und sich konzentriert in ihre Aufgaben einzuarbeiten.

Der Gesandte der Fürsten prüfte zum wiederholten Male den Sitz seiner abgewetzten Satteltaschen und sah zum Anwesen von Amana herüber. Im Regenschleier wirkte das massiv erbaute Haus verschwommen, fast surreal. Eine weitere schlaflose Nacht hatten er und Yulivee darin verbracht, nachdem sich der Schauer überraschend in einen Sturm gewandelt hatte.

Auch dieser Morgen war trüb wie ein Schwarztee, in den zu viel Milch gemengt wurde, und die Wolkenformation am Himmel versprach keine Besserung. Dennoch wollte Jornowell unbedingt noch heute aufbrechen, um  letztlich der ruhelosen Aufregung der Handelsstadt entkommen zu können. Die vage Aussicht, bald wieder in den fernen Rosenturm zurückzukehren, beflügelte seinen ermatteten Geist.

Kopfschüttelnd sah er Yulivee aus dem Haus treten. Einer der Zwerge rief raue und doch zutiefst freundliche Worte des Abschieds hinterher. Sie winkte fröhlich dem bärtigen Gesellen zu und hüllte darauf ihren Kopf unter die wollene Kapuze ihres Umhangs, um sich gegen den Regen zu wappnen.

Als sie ihm Felbions Zügel aus der Hand nahm, lächelte sie ihn verhalten und reumütig, wie es sonst nur Kinder nach einer gehörigen Schelte konnten, an: „Bereit, Weltenwanderer?“

Trotz des Streits erschien ein schiefes Schmunzeln auf seinen Lippen. Er atmete tief aus, den Groll herunterschluckend, und hob spielerisch tadelnd eine Braue: „Wer trödelt denn hier?“

Yulivee schwang sich mit einem empörten Schnauben ungelenk auf den vom Regen durchzogenen Sattel ihres Schimmels und schürzte die Lippen. „Wird dir die Hose eng, oder warum verhältst du dich plötzlich wie ein greiser Kameltreiber?“

Irgendwo unter seiner Kapuze wurden Jornowells Ohren heiß. Räuspernd – und plötzlich verdammt still – tat er es seiner Reisegefährtin nach und saß auf. War es denn wirklich so offensichtlich, dass sehr wohl Morwenna der Grund für den drängenden Aufbruch war?

Ein letztes Mal sah er zurück zum Anwesen, als ihre Pferde den Weg aus der Siedlung heraus in den dichten Wald beschritten. Er nickte Amanas regenverzerrte Gestalt zu, welche sich hinter einem Fenster abzeichnete. Die Elfe reagierte nicht. Vermutlich hatte sie seine Geste gar nicht bemerkt …

Der Weltenwanderer wusste, wie dankbar sie ihm für die Arbeit war, welche er hier verrichtet hatte. Am frühen Morgen hatten sie gemeinsam ihr Resümee gezogen und die Handelsleiterin hatte beinahe jedes ihrer Worte in ein Lob umgemünzt. Die Lagermängel waren behoben, die Kaufmänner zufrieden …

Und dies nicht zuletzt dank Yulivee, welche eine perfekte Unterhalterin für die Gesandten aus Arkadien und mehr noch für die Zwerge aus Aelburin gemimt hatte. Ihr musste es nach allen Begebenheiten unheimlich schwer gefallen sein, trotz seines offenen Unmuts gegen sie so unterstützend für ihre Arbeit zu wirken. Es war selbstlos von ihr gewesen, selbstlos und ohne Hintergedanken.

Trotz ihrer verschiedenen Ansichten, trotz des Streits und seines Verdachts, wallte eine erneute Wärme für die Elfe in ihm auf. Nicht umsonst waren sie seit Jahrhunderten miteinander befreundet, das wurde ihm nach dem sprichwörtlichen Eifer des Gefechts mehr als klar.

Jornowell trieb seinen Schimmel neben Felbion, um auf gleicher Höhe mit seiner Begleitung zu reiten. Der Weg verlief uneben und von Matschpfützen überzogen in den Waldrand hinein, wo der Regen gegen noch nackte Äste und dichtes Tanngrün plätscherte.

„Bei all den … Unruhen der letzten Tage kam ich nie dazu, dich zu fragen, wie es dir erging“, rief Jornowell gegen den Wind und erkannte, dass er vor falscher Unsicherheit viel zu laut gewesen war. Leiser fuhr er fort: „Nach der Trennung der Welten, meine ich.“

Yulivee lugte unter ihrer Kapuze durch und grinste frech: „Sein Name ist Vseslin!“

Der Sohn des Alvias bekam große Augen, klappte den Mund auf, um etwas zu sagen, schloss ihn wieder und holte tief Luft: „Du … du hast einen Geliebten?! Und … und du sagst mir das erst jetzt!?“

Spielerisch zog sie den Kopf zwischen die Schultern, als erwartete sie, eine ernsthafte Standpauke würde über sie einbrechen. Doch diese blieb aus, stattdessen schüttelte Jornowell freudestrahlend den Kopf: „Sonst plapperst du einem fast die Ohren blutig … und bei sowas: Keinen Mucks! Unglaublich …“

„Naja ich …“ Yulivee räusperte sich. „Es gab keinen wirklich guten Augenblick, es dir zu sagen. Außerdem …“ Ihr halb verborgenes Gesicht wurde nach und nach immer dunkler und ihre Wangen wurden von einem zarten Rotton überzogen, der Jornowell schmunzeln ließ: „Du bist das erste Mal verliebt, habe ich Recht? Du wirst mir alles über ihn erzählen müssen! Stammt er aus Valemas?“

Die Magierin nickte, wirkte dabei aber immer noch leicht berührt: „Er ist der jüngste Sohn eines Mitglieds aus dem Rat von Valemas … mit dem festen Vorhaben, selbst zu einem aufzusteigen. Wir lernten uns kurz nach der Trennung der Welten kennen, als ich ihn in der großen Bibliothek von Valemas versehentlich für einen Angestellten hielt …Er hat mich ordentlich an der Nase herumgeführt und … “ Sie lächelte und ihr Antlitz nahm langsam die Farbe reifer Kirschen an: „In seiner Nähe … ich stelle mich noch ungeschickter an als sonst, aber er scheint das gar nicht zu bemerken. Er teilt in so vielen Dingen meine Meinung und hat doch völlig andere Ansichten. Wir können stundenlang über ein unwichtiges Thema diskutieren, nur um es dann wieder zu vergessen. Er ist … einmalig. Ob ich verliebt in ihn bin…ich glaube nicht, dass ich schon so weit gehen würde, das zu sagen…“

„Dafür sagen es deine Augen!“, zwinkerte Jornowell. „Ich würde ihn gerne kennenlernen, diesen geheimnisvollen Bibliothekar!“

Yulivee nickte schwach: „Du würdest ihn mögen.“

Einige Herzschläge lang herrschte Stille zwischen den beiden und nur der fallende Regen war zu hören. Dann erhob die Erzmagierin erneut zögernd die Stimme: „Es tut mir leid, dass ich … Ich konnte auf deine Gefühle nicht so reagieren, wie du auf meine.“ Sie hob die Hand, als Jornowell etwas sagen wollte. „Ich will mich nicht wieder unnötig streiten … nur sagen, dass es mich selbst schmerzt.“

Und tatsächlich war in ihren rehbraunen Augen deutlich so etwas wie Reue zu erkennen. Natürlich loderten die Enttäuschung und auch der Ärger noch unterschwellig in ihm weiter. Doch diese Worte aus ihrem Mund zu hören, gab ihm eine Art Frieden für diesen Belang des Herzens. Statt einer Antwort, erhielt Yulivee ein Lächeln, welches ihr zeigen sollte, dass Freunde auch vergeben konnten.


* * *


Als sie mit dem letzten Halblicht des Tages in der Schenke, welche sie auf ihrer Reise nach Larion bereits aufgesucht hatten, eintrafen, dampften die Pferdeleiber unter dem Regenschleier und die Elfen waren nass bis auf die Knochen. Selbst der geschickt gewobene Zauber der Magierin hatte sie nicht vor dem peitschenden Niederschlag retten können. Letztlich fand die Nässe ihren Weg unter ihre dicke Reisekleidung und setzte den Reisegefährten zu.

Kaum hatten sie sich im beinahe leergefegten Gastraum des Gasthauses betreten, ließen beide angenehm überrascht ihre Schultern sinken. Wärme!

Jornowell zog sie zu einer entlegenen Sitzbank, vor der ein morbider Tisch seinen Platz gefunden hatte und legte seinen Reisemantel über einen Haken an der Wand, ehe er galant den ihren in dessen Gesellschaft brachte. Während sie erfolglos nach etwas Bequemlichkeit auf der Sitzbank suchte, ließ Jornowell ihre Reisetaschen in die Gastzimmer bringen und suchte den Wirt auf. Das Gespräch der beiden Albenkinder dauerte eine gute Weile und die Magierin glaubte, Jornowell das erste Mal seit langem wieder einmal befreit lachen zu hören.

Wie der Elf zurückkam, klaubte er eine längliche Mappe aus seinem nassen Umhang an der Wand. Das Lederetui hatte einiges an Nässe abbekommen, wie Yulivee bemerkte. Doch als Jornowell sich auf die Sitzbank niederließ und mit spitzen Fingern die Umhüllung öffnete, wies der Inhalt keinen Schaden auf: Die zu oft geknickte, von Eselsohren und winzigen Rissen gepeinigte Karte von Langollion musste sich schon seit Ewigkeiten in Jornowells Besitz befinden. Er hatte sie schon das ein oder andere Mal auf ihrem Weg nach Larion zu Rate gezogen, doch Yulivee hatte sich bisher wenig für den schroffen Umriss des Küstenreichs interessiert.

Dies sah nun gänzlich anders aus.

Kaum hatte der Wirt zwei große Krüge duftenden Gewürzweins an den Tisch gebracht, lehnte sich die Magierin weit über die Karte und ignorierte dabei die Tropfen, die aus ihrem Haar auf das dicke Pergament perlten. Mit einem groben Kohlestift waren verschiedene Landstriche eingefärbt, ja gänzlich überzeichnet. Eigentlich hatte die Elfe nach den Rosenlabyrinthen auf der Karte suchen wollen, doch diese Einzeichnungen irritierten sie: „Sind das die Orte, an denen du schon gewesen bist?“

Nun, irgendwie musste ein Weltenwanderer ja den Überblick behalten, oder nicht?

Jornowell sah sie lange an und schüttelte schließlich den Kopf: „Nein, von diesen Orten habe ich nur einen einzigen besucht.“ Er deutete in den Osten der Karte, nur ganz kurz. „Dies sind die Landstriche, welche Alathaias Magie zum Opfer fielen.“

Jornowell hielt seine Stimme gesenkt und doch war jedes Wort wie ein Paukenschlag in Yulivees Ohren. Ihr war sehr wohl klar, was er mit diesen Worten meinte. Die einstige Fürstin Langollions hatte mit ihrer Blutmagie in den langen Schattenkriegen nicht nur dem Herzland und der vereinten Albenmark zugesetzt. Die Natur und die ihr zugrunde liegende Magie in Langollion war schwer verwundet worden von dem Eingriff, den Alathaia mit ihrer Macht vollzogen hatte. Jedwede Magie war von diesen Orten, an denen die Blutzauber wirkten, getilgt worden.

Yulivee fragte sich, wie diese Orte wohl aussahen nach all der Zeit. Wuchs dort ohne das Beisein von Magie etwas oder muteten die Ebenen an wie die großen Steinwüsten im Herzen von Ishemon?

„Lebt dort jemand?“

Jornowell verneinte. „Das Land ist für immer verloren.“

Yulivee fühlte sich beklommen. Sich eine tote Schneise inmitten der alten Wälder Langollions auszumalen, behagte ihr nicht. Langollion war nicht nur ausgeblutet, sondern hatte auch durch eigenes Verschulden einiges an Grund eingebüßt.

„Du hast dir wahrlich kein leichtes Spielfeld für den Beginn deiner politischen Laufbahn gewählt, mein Freund“, seufzte die junge Magierin. „Wie gut, dass du über solch emsige Hände wie die von Amana verfügst.“

Jornowell hob seine Brauen, als der Wirt erneut an ihren Tisch kam und die Speisen servierte. Für Yulivee hatte er einen großen Teller mit Kartoffeln und Rinderbraten zusammengestellt, für Jornowell einen Eintopf mit trüben Gemüsescheiben.

Die Magierin hatte kaum einen Blick für die Speisen, denn kaum packte Jornowell die Karte für die Teller zusammen, fiel ihr ein eigentümliches Gebilde darauf in die Augen. Die Labyrinthe! Ihr entging nicht, wie der Wirt sie bei ihrem erschrockenen Blick verwirrt musterte, und eilig machte sie sich daran, ihr Besteck zu greifen.

„Du … traust ihr nicht?“, ließ der Sohn des Alvias verlauten, als der Kobold außer Hörweite war und er die Karte verstaute.

Die Magierin kaute bereits an drei Stücken Kartoffeln, als die Frage aufkam. Ihr blieb nur, vielsagend mit den Schultern zu zucken und gespannt seine Reaktion zu erwarten. Diese blieb lange Zeit aus. Der Weltenwanderer grübelte, hob seinen Löffel und starrte Löcher in die Rüben seines Eintopfs.

„Sie ist eigenartig, findest du nicht? Etwas reserviert und so … langollisch“, bemerkte sie im pikiert-schwatzhaften Ton, als er keinen Ton von sich geben wollte.

„Nun“, begann Jornowell. „Sie steht unter enormen Druck. Was genau wolltest du überhaupt von ihr wissen?“

Das Messer der Magierin zog quietschend über den Teller, als sie ertappt aufsah: „Also … ich, ich habe sie… eigentlich wollte ich lediglich wissen, ob sie … auf deiner Seite steht oder auf der der Fürsten.“

Jornowell wirkte nicht glücklich, als er ohne Regung ihre Aussage aufnahm: „Und?“

„Leider kamen wir nicht dazu, diesen Umstand zu klären.“ Ein großer Brocken Fleisch fand den Weg in ihren Mund. Sie war fast dankbar dafür, dass es noch zäher zu beißen als zu schneiden war. Sollte Jornowell eine weitere unangenehme Frage an sie stellen, war ihr jeder Herzschlag an Zeit recht, eine passende Antwort zu finden. Doch die unangenehmen Fragen blieben aus. Stattdessen machte sich ihre Begleitung mit vorgeschobener Begeisterung daran, den Eintopf auszulöffeln.

Die Magierin wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Frage, welche ihr seit dem Gespräch mit Amana auf der Zunge brannte, ließ sich nur schwer zurückhalten: „Traust du ihr denn?“

Sie biss sich auf die Lippe. Halb erwartete sie, erneut mit Schweigen abgestraft zu werden, halb erwartete sie ein Donnerwetter, welches das echte vor den Türen der Gaststätte in den Schatten stellte. Doch erneut überraschte sie ihr Freund. Er blickte auf und legte den Kopf schief, prüfend und vorsichtig zugleich: „Gibt es einen Grund, aus dem ich dies nicht tun sollte? Denn ich tue es, voll und ganz!“

Nun war es an Yulivee, innezuhalten. Sie durfte es ihm nicht sagen! Mit angehaltenem Atem schüttelte sie den Kopf und beendete ihr Mahl still. Auch Jornowell machte sich – wohl zufrieden, dieses Thema endlich begraben zu haben – daran, seinen Eintopf zu leeren.

Kaum waren ihre Teller abgeräumt, entschuldigte sich Jornowell auf sein Zimmer. „Ich hänge deinen Mantel in deinen Raum … dasselbe wie beim letzten Mal. Bleib nicht zu lange wach, hörst du?“

Die Elfe nickte.

Doch blieb sie noch lange vor ihrem Gewürzwein sitzen und starrte aus dem geviertem Fenster zu ihrer Seite in die Dunkelheit. Sie fühlte sich ausgelaugt.

Ihre Finger tasteten aus einem Impuls heraus nach Luanas Büchlein, welches sie seit dem Gespräch mit Amana wie einen wertvollen Schatz nahe an ihrem Körper verwahrte. Sie blickte sich unauffällig um und holte es aus den Lagen ihrer Gewänder. Bereits am Tag vor ihrer Abreise hatte sie es studiert und Grausiges herausgefunden. Ihr schauderte beim Gedanken, es wieder zu öffnen.

Die vergilbten Seiten offenbarten eine Zeit im Leben der ältesten Tochter Alathaias, welche vom Schmerz des Verlustes geprägt war. Ihre Mutter sandte sie von ihren Geschwistern fort, in einen einsamen Palast, der ganz in der Nähe der Rosenlabyrinthe lag. Luana fürchtete sich vor diesem Ort und auch davor, wieder Kontakt zu ihren Geschwistern aufzunehmen. Letzteres tat sie aber, nachdem die Sehnsucht zu groß wurde – es bestand also die Chance, durch weitere Aufzeichnungen dieser Elfe an Antworten zu kommen. Antworten, welche sich mit der Rolle der Fürstengeschwister in den Schattenkriegen befassten.

Auch eine Sammlung des ‚schwarzen Wissens‘ erwähnte die Tochter der Fürstin, sogar mehrmals.  Mit dieser scheinbaren Anhäufung der Lehren ihrer Mutter, so vermutete Yulivee, hatte Luana die Leere zu füllen versucht, ihre falsche Reue lindern wollen und ihre Erinnerungen aus der Vergessenheit zurückzwingen. Sie musste begabt gewesen sein im Weben der schwarzen Magie, sonst wäre Alathaias Zorn über ihren vermeintlichen Verrat wohl nicht so groß gewesen.

Yulivee blätterte in dem Büchlein, fand neben den festgehaltenen Gedanken und Emotionen Luanas auch Zeichnungen eines außergewöhnlichen Treibhauses, die Skizzen exotischer Gewächse und Blüten und auch Abbilder sezierter Insekten. Ein großer Falter prangte über die Länge zweier Seiten. Er wies eine daumendicke Vergrößerung an seinem Hinterteil auf und mutete damit etwas wie ein Glühwürmchen an. Auf der nächsten Seite waren mit bunter Pastellkreide die Kokons von Nachtfaltern gemalt und mit verwischten Lettern einige Anmerkungen angefügt, welche Yulivee kaum entziffern konnte.

Die Magierin ließ das Büchlein sinken.

Was würde sie im Labyrinth der Rosen finden, wenn sie es wirklich wagte, dort hinein zu gehen? Wie gefährlich konnte das inoffizielle Wahrzeichen eines Fürstentums schon sein?

Es war nicht nur die Angst davor, was sie in den Irrgärten erwarten könnte, welche sie so zögern ließ … sondern vielmehr die Angst, erfolgreich zu sein und letzten Endes doch handfeste Beweise einer Verschwörung in den Händen zu halten. Hinterrücks die mehr oder minder herzliche Gastfreundschaft von Albenkindern, so unleidig diese auch waren, auszunutzen, um sie anschließend ans Messer zu liefern – war das wirklich ihre Art?

Yulivee dachte an die Erzählung über Marveen und Luana zurück. Dies war kein Komplott, sondern vielmehr eine langbegrabene Tragödie. Warum hatten Tiranu und Morwenna um das Schicksal ihrer Schwester ein Geheimnis gemacht? Um ihr Andenken zu schützen oder gar aus Trauer?

War dies wirklich eine vertrauenswürdige Spur, um eine solche Angelegenheit im Namen der Königin anzugehen?

Die Königin …

Welche Absichten verfolgte sie wirklich?

Ein beunruhigender Gedanke streifte ihren Geist.

Steckte hinter diesem Auftrag etwa tatsächlich eine perfide Lehrstunde? Es erfüllte sie mit Wiederwillen, daran zu denken. Wiederwillen und Ekel. Sollte sie sich etwa selbst beflecken, um nicht länger die Verschmutzungen an den Händen Emerelles verurteilen zu können?

Sie durfte sich über all dem nicht selbst verlieren!

Yulivee biss die Lippen zusammen. Vor allem durfte sie nicht zulassen, dass Jornowell dabei zwischen die Fronten geriet, mahnte sie sich. Er war der Grund, warum sie hier war …

Die Magierin schob den Weinkrug von sich und erhob sich von dem abgeschiedenen Plätzchen, welches Jornowell und sie sich zum Speisen ausgesucht hatten. Der Gastraum wurde nur noch spärlich von den rauchenden Wachskerzen erhellt. Sie waren so heruntergebrannt, dass die anderen Gäste im Halbdunkel kaum zu erkennen waren.

Der erstaunlich große Kobold, der hinter einem wuchtigen Tresen den geschäftigen Wirt mimte, nickte ihr zu, als sie sich ihm näherte. In seinen wulstigen Händen rieb er einen Kupferbecher aus, wobei das Tuch so speckig schien, dass er wohl kaum einen annehmbaren Erfolg haben könnte. Beide Arme auf den Tresen lehnend, schaute sie skeptisch zu ihm auf – stand er allen Ernstes auf einem Schemel, um über den Tresen ragen zu können? „Wie viel nimmt dein Stallbursche dafür, nun mein Pferd zu holen?“

Die von rötlichen Adern durchzogenen Augen des Wirts weiteten sich: „Du willst ausreiten? Bei dem Wetter … zu dieser Stunde!?“

„Wie viel?“, hielt Yulivee dagegen und schepperte anschließend einige Münzen auf das raue Holz vor seinen Augen. „Das dürfte genügen! Ich komme gleich wieder herunter.“

Der Blick des Kobolds blieb trotz des nicht unwesentlichen Betrags skeptisch. Dennoch nickte er und brachte erst einmal die Münzen in die Obhut seiner abgetragenen Schürze.

Die Magierin ging über eine knarrende Treppe hinauf zu den Gastzimmern, welche sie bewohnten. In ihrem verweilte sie nur kurz, holte ihren Mantel vom Kohleofen und warf sich die Satteltasche über die Schulter. Als sie vor Jornowells Zimmer stand, zögerte sie. Schließlich öffnete sie leise die Tür und trat in die verdunkelte Räumlichkeit. Das schlichte Mobiliar bestand wie auch in ihrem Zimmer aus einem kleinen Ofen, einem massiven Schrank und der schmalen Pritsche, auf der sich Jornowells Körper unter der Decke abzeichnete. Die Erschöpfung forderte ihren Tribut. Der neu gewählte Hofmeister vollzog den Schlaf der Gerechten.

Mit steifen Fingern manövrierte sie aus Jornowells Reisetasche am Fuß des Betts die abgegriffene Karte Langollions. Sie steckte es unter ihr Gewand zu dem Büchlein und erhob sich mit angehaltenem Atem. Nach kurzem Zögern beugte sie sich noch einmal herab und klaubte Luanas Tagebuch heraus, um es wie schon ungezählte Male zuvor in den Händen zu wiegen. Schließlich wob sie einen Zauber über das Andenken, welcher alle Lettern und Farbenspiele von den Seiten tilgte. Der Inhalt des Buchs würde so lange ein Geheimnis für den Betrachter bleiben, bis sie den Zauber wieder brach. Wenn sie in dem Labyrinth in Schwierigkeiten geriet, mochte Jornowell die einzige Rettung sein, welche sie erwarten konnte. In dem Buch gab es genügend Hinweise darauf, welcher Spur sie im Begriff war zu folgen. Vorsichtig ließ sie das in den Zauber gehüllte Büchlein in den Untiefen der Tasche verschwinden und erhob sich erneut.

Ein letztes Mal trat sie an Jornowells Bett heran und legte eine Hand auf seinen Arm. Ihre magischen Sinne griffen nach seinen Träumen und formten seine Gedanken, während sie im stummen Abschied durch sein helles Haar fuhr. „Such mich nicht. Ich bin zurück in Valemas.“

Die Magierin schloss leise die Tür hinter sich und begab sich zurück in den Gastraum, wo der Wirt sie abfing: „Dein Pferd erwartet dich, Herrin. Sei vorsichtig, wohin auch immer es dich zu dieser Stunde verschlägt.“

Yulivee dankte ihm und trat aus der stickigen Unterkunft hinaus ins Freie, wo der Regen sie mit prasselnden Wogen empfing. Die Kälte verschaffte ihr einen klaren Kopf. Wenn sie es geschickt anstellte, dann konnte sie in ein paar Tagen tatsächlich schon auf der Reise zurück nach Valemas sein. Zurück bei Vseslin und Obilee. Dann konnte sie dieses dunkle Kapitel vergessen und auch den Verrat an Jornowell, welcher wie sie glaubte, die einzige Chance war, ihn möglichst unbehelligt in dieser Angelegenheit zurück zu lassen.

Dankend nahm sie Felbions Zügel aus den Händen eines muffligen Kobolds und schwang sich zum zweiten Mal an diesem Tag auf einen unangenehm nassen Sattel. Ihr Schimmel schnaubte bei der Aussicht, bei diesem Wetter wieder auszureiten. Sie tätschelte seinen Hals: „Ich weiß, mein Freund, Langollion zeigt sich noch immer von seiner 'strahlenden Seite' … und ich fürchte, es wird nicht angenehmer.“
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