Weihnachtsmuffel

KurzgeschichteRomanze / P16 Slash
20.12.2015
20.12.2015
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Warum manövriere ich mich eigentlich immer wieder selbst in solche Situationen? Man sollte meinen, ab einem gewissen Alter sei man in der Lage, die Konsequenzen seines Handelns oder seiner Äußerungen abschätzen zu können. Aber wenn man die vollkommen unvorhersehbare Komponente namens »Bennett« mit einrechnet, ist jede Voraussage nutzlos und selbst das Erraten der Lottozahlen deutlich wahrscheinlicher.
Wer Bennett ist? Bennett ist mein Mitbewohner. Und während ich meine Lehre zum Bäcker bereits vor zwei Jahren abgeschlossen habe, hängt Ben noch immer in seinem Studium fest. Mediendesign - ist so gar nicht mein Ding. Dass wir zusammenwohnen, hat sich eher durch Zufall ergeben. Ich wollte damals zu Hause raus, in die Stadt, denn in einem Dorf mit ein paar hundert Einwohnern fällt es einem schwer, jemanden zu treffen, der ebenfalls schwul ist und der einen dazu auch noch einigermaßen anspricht. Schließlich bin ich wählerisch und steige nicht mit jedem männlichen Wesen ins Bett, das nicht vollkommen abgeneigt ist. Da kam die Anzeige nach der Suche eines Mitbewohners gerade recht. Aufgegeben hatte die damals Nathalie. Doch sie zog schon zwei Monate nach meinem Einzug bereits wieder aus und präsentierte mir Bennett, ihren Cousin. Wir erkannten schnell, dass wir beide am gleichen Ufer fischten und ab und an landen wir mal in der Kiste, aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Da muss ich den geneigten Leser leider enttäuschen. Dies wird keine ›eigentlich-bin-ich-ja-in-meinen-besten-Freund-verliebt-und-weiß-es-nur-noch-nicht‹-Geschichte. Und bis eben hätte ich Ben auch noch anstandslos als »besten Freund« betitelt, aber gerade sträube ich mich arg gegen diese Bezeichnung. Er weiß genau, wie sehr ich Weihnachten und alles, was damit zu tun hat, hasse.
Und das nicht erst seit der unschönen Trennung von meinem Ex vor drei Jahren an eben diesem achso tollen Feiertag. Meine Eltern machten sich nie viel aus diesem Feiertag. Gut, als ich noch ein Kind war, wurde ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Geschenke gab es ebenfalls, doch schon früh erkannte ich, dass meine Eltern das nur meinetwegen taten. Deshalb feierten wir Weihnachten seit meiner Jugend nicht mehr. Sie schenkten mir zwar immer noch etwas, aber diese gezwungene gute Laune und das ganze Gold-Lichter-Klimbim ließen wir getrost aus. Stattdessen gingen wir immer gemeinsam Essen und suchten dafür stets ein Restaurant, das möglichst keine oder nur wenig Weihnachtsdekoration aufwies. Eine lieb gewordene Tradition, auf die ich dieses Jahr werde verzichten müssen, denn meine Eltern haben sich endlich ihren lang gehegten Wunsch einer Transatlantikkreuzfahrt erfüllt. Zwanzig Tage Ruhe und Abgeschiedenheit, ausdrücklich ohne Weihnachtsfeier auf dem Schiff.
Mein Exfreund wiederum war der totale Weihnachtsfanatiker. Axel liebte alles, was auch nur im Entferntesten mit diesem Fest zu tun hatte. Tannenzweige, Kerzen, Deko, Glitter, Sternchen, Zimt, Kekse so weit das Auge gucken konnte. Selbst hier in unserer Wohnung machte er nicht Halt. Bennett fand es toll. Und ich? Ich machte gute Miene zum bösen Spiel. Okay, die Idee, mich im Weihnachtsmannmantel zu überraschen und nichts darunter zu tragen, hat mir gefallen. Und die Kekse haben nicht schlecht geschmeckt.
Also ließ ich mich schließlich auf diesen Kram ein, hatte sogar im zweiten Jahr Spaß daran, Geschenke einzupacken und die Plätzchen zu verzieren. Etwas, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nur als nervigen Teil meiner Arbeit angesehen hatte. Ich gab mir große Mühe bei der Auswahl meines Geschenks, wartete ungeduldig auf den ersten Feiertag, den wir gemeinsam verbringen wollten. Ben war extra einen Tag länger bei seinen Eltern geblieben, damit Axel und ich sturmfrei hatten. Ich legte leise Weihnachtsmusik auf und schaute alle fünf Minuten auf die Uhr. Zumindest, wenn ich nicht gerade aus dem Fenster sah.
Tja, und dann sah ich ihn: Axel, wie er aus einem Auto stieg, das nicht seines war und den Typen, der es gefahren hatte. So ein Bodybuilder-Verschnitt, mindestens zwei Meter groß, breitschultrig, kurze blonde Haare und selbst durch die dicke Kleidung konnte man die Muskeln erahnen, die vermutlich bei Anspannung jedes T-Shirt in arge Bedrängnis brachten. Das genaue Gegenteil von mir also, der so klein ist, dass er meist nicht an die obersten Regale im Supermarkt kommt und dazu noch so schmal ist und ein jugendliches Gesicht hat, wie man so schön sagt, dass ich gerne mal zehn Jahre jünger geschätzt werde. Und nein: Das ist kein Segen.
Aber ich war ja bei meinem Arschloch-Ex. Also, der stieg gemeinsam mit dem anderen aus diesem Auto, schmiegte sich vertrauensvoll an ihn, fraß ihn beim Küssen regelrecht auf. Als sich die Hände der beiden auch noch auf den Hintern des jeweils anderen legten, wandte ich mich vom Fenster ab. Mir wurde schlagartig kotzübel, mein Herz raste und mein Kreislauf sackte in sich zusammen. Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, wie zwei Personen recht genervt miteinander sprachen. »Ey, hätte ich gewusst, dass wir hier noch Krankenschwester für deinen bescheuerten Exfreund spielen müssen, hätte ich auch bei mir warten können.«
»Mann, Alter! Ich kann ihn doch nicht so einfach liegen lassen. Außerdem weiß er noch gar nicht …«
»Doch«, warf ich ein und meine Stimme klang leider nicht so fest, wie ich es gerne gehabt hätte. Vielmehr war es ein Flüstern.
»Oh, René! Du bist ja wach!«
»Mhm.« Ich nickte und sah mehrmals von ihm zu dem Hünen. Bei meinem Glück war der es auch, der mich in mein Bett getragen hatte, auf dem ich nun lag. Zumindest hatte mein Exfreund den Anstand, rot zu werden. »Verpiss dich!«, verlangte ich.
Der Muskelprotz drehte sich augenblicklich um und wollte offenbar meiner ›Bitte‹ Folge leisten. Doch mein Ex hockte sich neben mich. »Hey, es tut mir leid. Es ist nicht so, wie es aussieht.«
Echt, ich fand diesen Spruch schon immer dämlich, aber in diesem Moment brachte er mich so dermaßen zum Lachen, dass die beiden mich völlig irritiert ansahen. »Aha«, erwiderte ich, nachdem ich wieder Luft zum Sprechen hatte. »Vor zwei Tagen hast du dich noch irrsinnig darauf gefreut, mit mir Weihnachten zu feiern und heute tauchst du mit dem da auf, legst ne halbe Pornonummer vor dessen Auto hin und ich werde von ihm als dein ›Exfreund‹ tituliert. Für mich sieht das so aus, als wenn du in letzten 48 Stunden entweder einer Gehirnwäsche unterzogen wurdest oder dir alternativ das Hirn rausgevögelt wurde. Egal, was es ist: Verpiss dich!«
Der Bodybuilding-Typ grinste nur und nickte, weshalb ich noch heute von Variante Nummer zwei ausgehe. Zumal es meinem Ex nach einem Vierteljahr bereits leidtat und er mich zurückwollte.
Damals legte Axel mir nur seinen Schlüssel zu meiner Wohnung auf den Tisch. Anschließend verschwanden die beiden wortlos. Ich rief Ben an und er kam postwendend zurück, um mich aufzumuntern. Später gestand er mir, dass er an diesem Tag gar nicht mehr bei seinen Eltern gewesen war, sondern es vielmehr endlich geschafft hatte, einem heißen Flirt näher zu kommen. Einem, hinter dem er schon mehrere Monate her war und den er danach nie wieder gesehen hat. Ich fürchte, er war sogar ein wenig verliebt gewesen.
Aber so läuft es bei uns: Wenn es einem schlecht geht, oder er anderweitige Probleme hat, hilft man. Meistens zumindest, denn es gibt auch Grenzen.
Ben weiß, dass ich seit damals Weihnachtsmärkte strikt meide. Weihnachtsmusik wird konsequent ausgeschaltet oder alternativ mit Hardrock übertönt. Hatten früher meine Freunde immer wieder versucht, mich von der Faszination von Weihnachten zu überzeugen, ließ man mich in den vergangenen drei Jahren seit der Trennung damit glücklicherweise in Ruhe. Bis heute.

»Muss das sein?« Mein letzter, kläglicher Versuch, dem Unausweichlichen zu entgehen. Ben zieht eine Augenbraue hoch und ich verstehe ihn auch so. Ergeben nicke ich. »Okay, okay. Also, wie kann ich dir helfen?«
»Oh, super!« Schwungvoll fällt er mir um den Hals, und verteilt Küsse auf meinem Gesicht, meinem Hals, der Schulter, unabhängig davon, ob er damit nur den Stoff liebkost. »Du bist meine Rettung! Danke! Danke! Danke!« Wieder drückt er mich, was mich ächzen lässt.
»He! Wenn du so weitermachst, kann ich dir nicht mehr helfen.«
Strahlend rückt er ein Stück von mir ab. »Entschuldige.«
»Was genau muss ich eigentlich machen?«
»Ach, nicht viel …« Er senkt den Blick. Ein Zeichen, dass ich gerade einer Sache zugestimmt habe, die mir vermutlich nicht gefallen wird.
»Was, Ben?«
»Na ja, nur jemanden küssen.«
»Äh, du hast von einem Videoprojekt gesprochen.«
»Ja, das ist es ja auch …«
»Aha …«
Ich verschränke die Arme vor meiner Brust. Okay, sieht bei meiner Statur nicht sehr beeindruckend aus, dennoch hoffe ich, er versteht die Geste.
»Es geht um diese Semesterarbeit …«
»Ja, das sagtest du bereits.«
Ben schluckt und nickt. »Ja, wir wollen gewisse Wirkungen dokumentieren.«
»Wirkungen? Ihr dreht aber keinen Porno oder so?«
»Was?!« Lachend schüttelt er den Kopf. »Nein, sicher nicht. Es ist so … es gab doch diese Videos im Internet, in denen sich zwei bisher wildfremde Menschen zum ersten Mal vor laufender Kamera begegnen und sich küssen sollen.«
Ja, davon hatte ich am Rande was mitbekommen. Besonders lustig fand ich die Variante, in der sich irgendwelche Soap-Darsteller geküsst haben. Die haben sich vielleicht angestellt, dabei sollte man meinen, das gehöre zu ihrer täglichen Arbeit.
»Na ja …«, holt Ben mich aus meinen Erinnerungen heraus. »Wir wollen so etwas nachstellen.«
»Auf dem Weihnachtsmarkt?« Meine Fantasie spielt schon jetzt verrückt: die Musik, die Gerüche, die ganze Deko … was für ein Graus!
Er nickt und tritt wieder auf mich zu, nestelt an den Knöpfen meines Hemdes herum. Ich verstehe: Für den Fall, dass ich doch einen Rückzieher mache, will er mir die Sache auf andere Weise schmackhaft machen.
»Ja, da gibt es genug Publikum.«
»Publikum?«
»Mhm. Unsere Idee ist eine gay-Variante mit Leuten, die sich vorher noch nicht kennen. Zusätzlich möchten wir die Reaktionen der Zuschauer dokumentieren und sie hinterher interviewen. Sofern sie dazu bereit sind.«
Seufzend greife ich nach seiner Hand. »Ben, du bist bekloppt.«
»Danke!«
»Äh, das war kein Kompliment!«
»Ich weiß, trotzdem danke!«
»Sag mal, das ist jetzt aber nicht wieder so eine üble Nummer, in der du versuchst, mich zu verkuppeln, oder?«
Wäre schließlich nicht sein erster Versuch in den letzten drei Jahren. Er versteht einfach nicht, dass ich von Beziehungen die Schnauze voll habe. Wenn ich jemanden zum Reden brauche, habe ich Ben, und wenn ich Sex brauche, habe ich ebenfalls Ben oder wahlweise jemand anderes, der mir passenderweise über den Weg läuft.
»Hm? Nein, habe ich dir doch versprochen.« Eben, und auf seine Versprechen ist nicht immer Verlass …
»Wir haben einfach nicht so viele zusammenbekommen, die mitmachen. Dann sind noch welche krank geworden, haben Muffensausen bekommen oder sonst was.«
»Verstehe. Gut, ich werde da sein. Morgen um achtzehn Uhr vor dem Nebeneingang des Rathauses, ja?«
»Genau. Danke!« Ben drückt mir einen Kuss auf und verschwindet dann in seinem Zimmer. Ich sollte auch schlafen gehen. Schließlich klingelt mein Wecker recht früh.

~*~*~


Da unsere Stühle meist mit irgendwelchen Sachen belegt sind, sitze ich am nächsten Morgen wie gewohnt mit meinem Kaffee auf dem Küchentisch. Nackt. Denn zum Schlafen trage ich selten Klamotten. Morgens um drei ist das auch kein Problem. Ben schläft noch recht lange und wird mich somit auch nicht überfallen. Und in unser Küchenfenster können maximal die Nachbarn vom Haus gegenüber schauen, die ebenfalls noch schlafen.
Natürlich ist es hart, so früh aufstehen zu müssen, aber das wusste ich ja bereits, bevor ich mich für diesen Beruf entschieden habe. Ich mache ihn gern und mein Chef ist kein Sklaventreiber. Daher komme ich damit klar.
Eine Bewegung, die ich aus dem Augenwinkel wahrnehme, scheucht mich auf. Im gegenüberliegenden Haus ist Licht angegangen und jemand entfernt sich vom Fenster. Wurde ich beobachtet? Na ja, wenn er oder sie es nötig hat …

»War ja klar!« Ich rupfe das Ticket, das unter dem Scheibenwischer klemmt, heraus. In letzter Zeit bekomme ich ständig Knöllchen. Was ist es denn dieses Mal? Ah, ich parke einen halben Meter zu dicht an der Ecke. Ne, ist klar. Irgendwer hat mich auf dem Kieker. So ein wenig habe ich ja das Gefühl, dass der alte Jansen mich anschwärzt. Der hat es nicht so mit Schwulen, erst recht nicht, seitdem ich, seiner Meinung nach, seinen Enkel ›umgepolt‹ habe. Hier in der Siedlung kennt man sich eben. Zumindest größtenteils. Fluch und Segen zugleich. Im Grunde ist es hier nicht viel anders als in meinem Heimatdorf.
Ich zerknülle das Stück Papier und werfe es zu den anderen in das Handschuhfach. Sollte ich wohl auch mal wieder aufräumen …

Die Arbeit geht mir zum Glück routiniert von der Hand. Dennoch bin ich froh, wenn die Weihnachtszeit endlich vorbei ist und ich keine Stollen oder Lebkuchen mehr backen muss. Auch mein Chef mag Weihnachten nicht sonderlich, doch schließlich zählt, was die Kundschaft möchte. Gegen Mittag kann ich Feierabend machen. Ich werde mich gleich noch zwei Stunden hinlegen, bevor ich mich für den Abend frisch mache. Oh, Mann! Ich hoffe nur, dass der Typ, den ich küssen muss, keinen Mundgeruch hat oder potthässlich ist. Grundsätzlich bin ich nicht oberflächlich, aber ich besitze einen gewissen Stolz. Der Gedanke, dabei gefilmt zu werden, wie ich Quasimodo küsse, bereitet mir Unbehagen.
Kurzer Gruß an meinen Chef und ich mache mich auf den Weg zu meinem Auto. Das, vor dem ein Typ vom Ordnungsamt steht. Das ist doch wohl nicht wahr! »He!«, rufe ich aus einiger Entfernung. »Was soll der Scheiß? Ich stehe nicht im Halteverbot!«
Der Typ zuckt zusammen, dreht sich um, sieht mich mit schreckgeweiteten Augen an, lässt prompt etwas fallen und rennt davon. Was hat der denn? Ob der schon mal schlechte Erfahrungen gemacht hat? Na, so bedrohlich sehe ich ja nun wirklich nicht aus. Ihr erinnert euch - Supermarktregale und so … Außerdem, wenn er mich länger angesehen hätte, wäre mein Ärger sicher ganz schnell verflogen. Der sah schon irgendwie … süß aus. Zumindest soweit ich das auf die Entfernung beurteilen kann.
Kopfschüttelnd gehe ich zu meinem Wagen. Davor liegt ein kleiner, normaler Schreibblock. Lediglich ›Hallo‹ steht auf dem obersten Zettel. Merkwürdig. Wollte er mir eine Nachricht schreiben? Aber warum und warum rennt er weg?
Einen Strafzettel habe ich nicht. Wenigstens etwas. Ich werfe den Block ins Handschuhfach zu dem anderen Kram.

~*~*~


»René? René!« Ben hämmert an meine Tür. Ich öffne ein Auge und schaue auf mein Smartphone: gerade mal sechzehn Uhr.
»Steh auf, Mann! Wir müssen uns beeilen!«
Meine Güte! Wir haben noch zwei Stunden. Okay, wenn ich wirklich noch duschen will, noch eine, wenn man den Weg dahin mit einberechnet.
»René, verdammt!«
»Was?!«, brülle ich durch die Tür.
»Wir kommen zu spät!«
»Wir haben noch Zeit!«, entgegne ich und ziehe die Decke über meinen Kopf. Keine zehn Sekunden später wird sie weggezogen.
»Ey! Erinnerst du dich an Regel Nummer 1?«, frage ich genervt.
»Du meinst: ›Pinkeln nur im Sitzen‹?« Ben hält noch immer meine Decke fest.
»Nein, die andere«, gebe ich grummelnd von mir, zerre an dem Stoff.
»Ach, ›Jeder ist für sein Geschirr selbst verantwortlich‹
Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen und hoffe, dass ich so böse gucke, wie ich es mir vorstelle.
»Ich meine die, die besagt, dass wir nur dann in das Zimmer des anderen ohne Aufforderung gehen, wenn es brennt oder es sonst wie um Leben oder Tod geht.«
»Ach, die …« Ben winkt ab. »Die ist doch überholt. Außerdem …« Er setzt sich auf die Kante meines Bettes. Sein Blick wandert einmal über meinen entblößten Körper, bevor er sich seufzend abwendet und zum Fenster starrt. Erst dann sieht er mich direkt an. »… Wer weiß, wen du da so treffen wirst? Du solltest perfekt vorbereitet sein.«
Er führt also doch etwas im Schilde!
»Ben? Hattest du nicht gesagt, du willst mich nicht verkuppeln?«
»Will ich auch nicht. Ehrenwort. Aber ich hab schon ein paar der anderen Kerle gesehen. Da sind Sahneschnitten bei, sag ich dir …« Er gibt einen genießerischen Laut von sich.
»Na, dann schnapp du dir die doch.«
»Ne, ne. Ich bin ja der Künstler. Das wäre unprofessionell. Und jetzt: auf mit dir!«

Natürlich war die zusätzliche Zeit vollkommen unnötig. Schließlich weiß ich, wie lange ich im Bad brauche. Meine Laune hat diese Aktion nicht unbedingt zusätzlich gehoben.
Außerdem ist mir kalt. Dieses Behelfszelt dient maximal als Sichtschutz. Um den eisigen Wind abzuhalten, ist es vollkommen nutzlos. Überhaupt dachte ich, der Sinn dieser Aktion sei es, dass sich die Kandidaten erst vor der Kamera zum ersten Mal sehen. Momentan befinde ich mich aber mit fünf weiteren Kerlen in diesem »Raum«.
Bennett läuft die ganze Zeit aufgekratzt hin und her. Aus den Lautsprechern dudeln Weihnachtslieder, gesungen von einem grausam klingenden Kinderchor. Der Geruch von Glühwein weht von der Bude nebenan herüber. Ben weiß, dass er mir hinterher dort einige wird ausgeben müssen, um das hier wieder gutzumachen.
Erneut rennt er an mir vorbei. »Sag mal, hast du Tobias irgendwo gesehen?«, fragt er und sieht sich hektisch um.
»Deinen Kommilitonen?« Ben nickt.
»Ne, in den letzten zehn Minuten nicht.«
»Mist!« Er ist bereits wieder im Begriff zu verschwinden, als ich ihn festhalte. »Sag mal, ich dachte, die Beteiligten sollten sich nicht vorher sehen können.«
»Ja, ist auch so.«
»Ähm …« Ich mache eine umfassende Handbewegung auf die anderen Wartenden.
»Ach, so. Wir haben euch in zwei Gruppen eingeteilt.«
»Aha. Nach bestimmten Kriterien?«, frage ich skeptisch.
»Mhm, schon.« Wieder versucht er zu verschwinden. »Bennett!« Abrupt bleibt er stehen und sieht mich schuldbewusst an.
»Welche Kriterien?«
Er kommt näher und schaut sich mehrfach um, bevor er sich zu mir herunter beugt und flüstert: »Sag’s aber nicht weiter, ja?«
Das gefällt mir gar nicht.
»Die Idee kam von Tobias. Ihr seid nach euren Vorlieben eingeteilt …«
»Vorlieben? Aktiv und passiv, oder was?« Also echt. Manchmal spinnen die schon ein wenig.
»Wie bitte?« Für einen kurzen Moment sieht er mich verdutzt an, dann lacht er laut auf. »Du denkst auch immer nur an das Eine. Nein, es geht um Weihnachten«, erklärt er.
Ich kann mir ein Stöhnen nicht verkneifen.
»Ihr seid in Weihnachtsmuffel und -liebhaber eingeteilt.«
»Soll das heißen, du willst mich mit jemandem verkuppeln, der auch so ein Weihnachtsfanatiker ist, wie es Axel damals war?«
»Erstens will ich dich nicht verkuppeln, das sagte ich bereits und zweitens hatte Axels Vorliebe für Weihnachten nichts damit zu tun, dass er sich wie ein Arschloch verhalten hat.«
Ich zucke mit den Schultern. »Vielleicht. Aber ganz ehrlich: Noch so ne Deko-Trine halte ich nicht aus!«
»Meine Güte! Du sollst ihn doch nur küssen!«

Gerade will ich etwas erwidern, als Tobias hereinschaut. »Ach, hier bist du! Komm, wir wollen loslegen.«
»Ja, hast du das mit … dem einen klären können?«, fragt Ben. Sein Blick huscht ganz kurz zu mir, dann wieder zu Tobias.
»Ja, ich habe sehr passenden Ersatz gefunden.«
»Wovon redet ihr?«, will ich wissen.
»Hm? Ach, nichts. Wir waren uns nur noch nicht sicher wegen der Aufteilung.«
Ja, ne, ist klar.
Ben und einer der anderen Kandidaten verlassen den provisorischen Raum.
Es dauert noch über eine halbe Stunde, bis ich endlich dran bin. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass mir eh sämtliche Körperteile abgefroren sind. Auch meine Lippen fühlen sich ganz taub an. Das kann ja was werden!
»So, gleich geht es los. Der andere kommt dazu. Bitte nicht so viel reden. Zeit ist Geld, und wenn ihr möchtet, könnt ihr euch hinterher noch unterhalten.« Ich nicke. Ich will das hier nur noch hinter mich bringen und nach Hause. Am besten in die warme Badewanne.
»Okay, stell dich hierhin. Tobias müsste gleich mit …« Er schaut kurz auf einen Zettel. »… Nils da sein.«
Als nach fünf Minuten immer noch keiner kommt, entschuldigt sich Ben bei mir und geht in das Nebenzelt. Ich höre Stimmen, die alles andere als freundlich klingen. Scheint, als hätte dieser Nils keine Lust auf diesen Quatsch. Kann ich verstehen.
»Du hast es versprochen«, höre ich Tobias. »Meine Güte! Du musst ja nicht mit ihm reden, okay? Rausgehen, küssen, fertig.«
Es folgen einige gemurmelte Worte, dann taucht Ben wieder auf. Meinen fragenden Blick ignoriert er und begibt sich hinter die Kamera. Kurz darauf bewegt sich der Vorhang. Tobias kommt hindurch und dann dieser ominöse Nils. Der geht zwei Schritte, sieht mich an und erstarrt. Augenblicklich wird er kreidebleich und schüttelt hektisch den Kopf. Verzweifelt schaut er zu Tobias.
Na, so schlimm sehe ich ja nun auch nicht aus. Ich versuche mich an einem ungezwungenen Lächeln und nicke ihm zu.
Tobias sieht ihn genervt an. »Was? Was ist dein Problem? Kennt ihr euch?«
»Nein«, antworte ich für ihn. Obwohl ich mir nicht hundertprozentig sicher bin. Er kommt mir vage bekannt vor. Vermutlich sind wir uns in einer der wenigen Schwulenkneipen dieser Kleinstadt schon mal über den Weg gelaufen.
»Also«, erwidert Tobias. »Wo ist das Problem?«
Nils presst die Lippen aufeinander und schüttelt schließlich den Kopf. Entschlossen kommt er auf mich zu. Er ist über einen Kopf größer, dennoch wirkt er, als müsse man ihn beschützen. Zumal er ebenso schmal ist wie ich. Er sieht süß aus, und wenn das der Kandidat ist, mit dem mich Ben verkuppeln möchte, habe ich nicht allzu viel dagegen. Ja, ich weiß, er beteuert, das nicht zu beabsichtigen, aber ich kenne doch meinen besten Freund.
»Hi«, begrüße ich den anderen. Die Situation ist seltsam. Ich fühle mich irgendwie unbeholfen. »Ich bin René.«
Er nickt nur. Na, gesprächig ist er ja nicht.
»Okay. Wollen wir …?«, frage ich dümmlich, während Nils mich noch immer mit leicht schockiertem Gesichtsausdruck mustert. Als er schließlich nickt, lege ich vorsichtig eine Hand in seinen Nacken. Nur langsam nähere ich mich seinem Gesicht. Nicht, dass seine Abneigung zu groß ist und er sich gezwungen fühlt. Doch er wehrt sich nicht. Ich ziehe leicht, stelle mich gleichzeitig auf die Zehenspitzen. Na, die hätten mir ja mal einen in meiner Größe aussuchen können!
Aus irgendeinem Grund muss ich plötzlich kichern. Ich komme mir ein bisschen wie ein Schulmädchen vor. Der erste Kuss mit jemandem sollte eigentlich immer etwas Besonderes sein. Gut, das ist das hier sicher auch, aber trotzdem ist es mehr als merkwürdig.
Ich schaue ihm in die Augen. Hübsch sieht er aus trotz seiner Ängstlichkeit. Endlich überbrückt er den restlichen Abstand. Ganz leicht nur berühren sich unsere Lippen. Meine Augen fallen zu und ich lasse mich auf dieses Spiel ein. Nils’ Lippen sind warm und weich. Nicht so kalt und spröde wie meine. Vielleicht hätte ich vorher eine Lippenpflege auftragen sollen. Na ja, nun ist es wohl zu spät.
Noch immer steht Nils verspannt da. Ich lege meine andere Hand auf seinen Rücken, schmiege mich an ihn, intensiviere den Kuss. Plötzlich kommt Leben in ihn. Seufzend schlingt er seine Arme um mich, zieht mich noch enger an sich. Als hätten wir uns abgesprochen, öffnen wir gleichzeitig unsere Lippen. Unsere Zungen treffen sich, begegnen sich mit genau dem richtigen Gegendruck. Keine Hektik. Nur Genuss. Reines Auskosten des Kribbelns, das die Nerven entwickeln.
Ich stöhne. Meine Güte! Wann hat mich das letzte Mal jemand dermaßen gut geküsst? Unsere Zungen spielen miteinander, liebkosen sich, lieben sich. Mir ist mit einem Mal überhaupt nicht mehr kalt. Vielmehr stehe ich in Flammen, und wenn wir so weiter machen, komme ich gleich nur von diesem Kuss in meine Jeans. Mein Griff in seine Jacke wird stärker. Ich muss mich irgendwo festhalten. Mir ist schon leicht schwindelig. Nils’ Hände legen sich auf meinen Hintern. Genau dort, wo sie hingehören.
Ich reibe mich an ihm, spüre, dass ihn dieser Kuss genauso wenig kalt lässt.
Ein Räuspern lässt uns auseinanderfahren. Ganz kurz lächelt mich Nils an, bevor sein Blick sich von Neuem verfinstert. Plötzlich höre ich ein Klatschen um uns herum. Verwirrt sehe ich mich um. Mist, ich habe das Publikum total vergessen. Nils offenbar ebenfalls. Zumindest wird er gerade knallrot und schaut angestrengt in die andere Richtung.
»Wow«, flüstere ich. »Das war … wiederholungsbedürftig.«
Nils’ Kopf schnellt zu mir herum. Wieder dieser erschrockene Gesichtsausdruck. Okay, er sieht nicht so aus, als stimme er mir zu. Schade eigentlich.
»Danke, Leute!«, höre ich Ben. »Das war klasse! Ihr könnt euch gerne auf meine Kosten einen Glühwein holen!«
Nils’ Blick wechselt hektisch zwischen mir und Tobias. Der nickt ihm zu und widmet sich gleich darauf wieder seinem Equipment. Haben die beiden was miteinander?
»Du musst nicht, wenn du nicht willst«, biete ich ihm an. Will ja niemanden zwingen, Zeit mit mir zu verbringen. Wäre aber durchaus schade, wenn er ablehnen würde.
Erneut mustert er mich. Schließlich seufzt er, zuckt mit den Schultern und geht voran. Das heißt dann wohl ›Ja‹.

Ich halte meine Tasse umklammert. Irre ich mich, oder werden die immer kleiner? Und besser geschmeckt hat der Kram auch schon mal.
»Also, Nils. Erzähl doch mal was von dir.«
Hektisch schüttelt er den Kopf.
»Sag mal …« Ich puste in meine Tasse und nehme vorsichtig einen Schluck. Die warme Flüssigkeit tut gut. »Bist du nur schüchtern oder kannst du nicht sprechen?«
Er wiegt ein wenig seinen Kopf, bevor er ihn schüttelt und mit den Schultern zuckt.
»Oh, okay. Du kannst wirklich nicht sprechen? Das ist hart.«
Irgendwie weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ich meine, ich will ihn ja nicht vollquatschen. Nur weil er nicht reden kann, heißt das ja nicht, dass ich das für uns beide übernehmen muss.
»Hat es dir gefallen?«, frage ich schließlich und komme mir reichlich dämlich vor. Hat so etwas von der klischeebehafteten Frage: ›War es für dich genauso gut wie für mich?‹.
»Entschuldige, war blöd«, setze ich gleich hinterher. Nils schüttelt wieder hektisch den Kopf.
»Oh, dann hat es dir nicht gefallen?«
Nils verdreht die Augen, packt den Kragen meiner Jacke und zieht mich zu sich. Bevor ich dazu komme, irgendwie zu reagieren, küsst er mich erneut.
»He! Passen Sie doch auf!« Verwirrt löse ich mich von Nils, um in das empörte Gesicht einer alten Dame zu schauen, die anklagend auf meine Hand sieht. Ich habe den Glühwein völlig vergessen und die Hand gesenkt, sodass die rote Flüssigkeit herausgelaufen ist und dabei die Schuhe der Leute um mich herum angespritzt hat.
»Entschuldigung«, murmle ich und sehe Nils grinsen. Auch ich kann nicht ernst bleiben. Die Frau schüttelt den Kopf und murmelt etwas von »verdorbener Jugend«.
Auf der anderen Seite sehe ich Ben wild winken und albern die Daumen hoch halten.
»Was hältst du davon, wenn wir irgendwo hingehen, wo wir weniger Zuschauer haben?«, schlage ich vor. Nils nickt und geht voraus.
Ohne ein bestimmtes Ziel laufen wir durch die Straßen. Es ist merkwürdig auf diese Art zu kommunizieren. Ich konzentriere mich darauf, immer Fragen zu stellen, die mit ›ja‹ oder ›nein‹ beantwortet werden können.
»Sag mal, wie machst du das bei anderen? Ich meine, wie … unterhältst du dich mit denen?«
Er deutet die Haltung eines Stiftes an und tut so, als würde er schreiben.
»Ah, verstehe. Kannst du denn keine Gebärdensprache?«
Er wackelt mit der Hand, als wolle er sagen, dass er das nicht so wirklich kann. »Oh, okay. Bist du nicht schon immer stumm gewesen?«
Er schüttelt den Kopf. Ein Gespräch auf diese Weise zu führen ist reichlich mühselig, doch dann holt er sein Smartphone hervor und tippt seine Antworten in die Email-App. So erfahre ich, dass er Tobias’ Halbbruder ist und deswegen mitgemacht hat. Er arbeitet bei der Stadt. Muss ein langweiliger Job sein, denn er will nicht weiter darüber reden. Aber er ist wirklich lustig. Er könnte mir tatsächlich gefallen, abgesehen von einer Sache: »Sag mal, wir wurden doch in zwei Gruppen eingeteilt. Demnach bist du ja wohl ein Weihnachtsfanatiker. Ich muss dir jetzt aber sagen, dass ich damit so gar nichts am Hut habe und das wird sich auch nicht ändern.«
Nils grinst verschmitzt und schüttelt den Kopf. »Ach, meinst du, du könntest mich überzeugen?« Wieder schüttelt er den Kopf und tippt etwas in sein Handy.
›Ich mag Weihnachten auch nicht‹ steht da. Fragend sehe ich ihn an. Sein Grinsen wird breiter und ich verstehe. »Na, du bist mir ja einer! Gibst dich als Weihnachtsfan aus, um nicht selbst an einen zu geraten.« Er nickt heftig.
Schnell ziehe ich ihn zu mir heran, zupfe an seiner Jacke, um ihm zu bedeuten, dass er sich zu mir herunterbeugt. »Du gefällst mir immer mehr«, nuschle ich gegen seine Lippen, bevor wir uns erneut küssen.

~*~*~


Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Ständig schreiben wir uns Nachrichten, lästern dabei über die ganzen Bekloppten, die sich wegen eines blöden Datums so viel Stress machen. Am Wochenende darauf treffen wir uns bei mir. Wir wollen ins Kino gehen. Irgendeinen bedeutungslosen Film angucken. Ist mir auch egal, Hauptsache, wir können dort ungestört kuscheln.
Auf dem Weg plappere ich sinnloses Zeug. Von den Strafzetteln, die ich in der letzten Zeit vermehrt bekommen habe, von meinem ominösen Nachbarn, der nachts um drei immer in meine Küche spannt, um mich nackt zu sehen. Ja, inzwischen bin ich mir recht sicher, dass derjenige tatsächlich auf mich wartet. Doch seit ein paar Tagen schaffe ich es, daran zu denken, mir eine Pants überzuziehen, bevor ich meinen Muntermacher trinke.
Nils wird still bei dieser Unterhaltung. Also, natürlich ist er immer still, aber er reagiert kaum und schreibt auch nichts.
»Hey, alles okay?«
Er zuckt mit den Schultern. »Glaubst du etwa, ich mache das absichtlich?«
Er reißt erschrocken die Augen auf und schüttelt heftig den Kopf. »Gut, tue ich nämlich nicht. Ich bin sicher nicht prüde und lasse mich auch gerne anschauen, aber wenn das jemand so heimlich macht, komme ich mir irgendwie benutzt vor. Ich meine, du kannst dir vielleicht vorstellen, wie das morgens manchmal ist. So mit ner Morgenlatte …«
Schlagartig läuft Nils knallrot an. Ich bleibe stehe und lächle ihn an. »He, kein Grund zum Schämen. Kennen wir doch alle, nicht wahr?«
Ich gebe ihm einen kurzen Kuss, bevor ich ihn weiter mit mir ziehe. »Los, komm. Bevor der Film ohne uns anfängt.«

~*~*~


Okay, den hätte man sich wahrlich sparen können. Dann hätten wir viel gemütlicher in unserer WG auf dem Sofa kuscheln und die x-te Wiederholung von ›Men in Black‹ anschauen können. Dazu kommt, dass es angefangen hat zu schneien. Nils sieht ebenfalls nicht sonderlich begeistert aus.
Dazu friert der Mist auch noch fest, denn stellenweise ist der Bürgersteig arg glatt.
»Wohnst du eigentlich weit weg?« Mir fällt gerade auf, dass er noch gar nicht erzählt hat, wo er wohnt. Er macht eine abwägende Kopfbewegung.
»Kannst sonst auch bei mir schlafen, wenn du magst.« Im gleichen Augenblick fällt mir auf, dass dieses Angebot auch durchaus falsch verstanden werden kann. Wobei … wäre es so falsch? Ich meine, dass wir einander nicht abgeneigt sind, ist mittlerweile recht offensichtlich.
Ich überquere die letzte Querstraße vor meinem Haus. Nils zögert. Das merke ich, als ich mich umdrehe und dabei feststelle, dass er bereits vor einigen Metern stehen geblieben ist.
»Was ist denn? Das war doch nur ein Vorschlag. Du kannst auf dem Sofa schlafen. Wenn dir das zu schnell geht …«
»Vorsicht!«, brüllt Nils plötzlich panisch. Äh, wie bitte? Nils schreit? Noch bevor ich diese Information verarbeiten kann, spüre ich einen Schlag, höre einen lauten Knall. Ein stechender Schmerz zieht durch mein linkes Bein. Mein rechter Arm fühlt sich an, als würde er abgerissen. Es quietscht, scheppert, knirscht. In meinem Mund wird es warm und ein metallischer Geschmack breitet sich aus. Danach folgt nur noch einlullende Schwärze.

~*~*~


Rauschen. Surren. Piepen. Undeutliche Worte. Mehr nehme ich nicht wahr und das nur für kurze Zeit. Dann driftet mein Verstand wieder ab. Dieses Spiel wiederholt sich einige Male. Jedes Mal ein bisschen länger, die Geräusche ein wenig deutlicher. Der Versuch meine Augen zu öffnen, misslingt anfangs. Einmal schaffe ich es. Alles ist verschwommen und es ist so unglaublich hell, dass es in den Augen sticht.
Wieder schlafe ich ein. Stimmen wecken mich.
»Dir muss doch klar gewesen sein, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann! Was hast du dir nur dabei gedacht?«
Ich versuche mich bemerkbar zu machen, will mich bewegen, etwas sagen oder zumindest nachsehen, wer da spricht. Doch nichts davon scheint auch nur im Entferntesten möglich. Allein mich auf die Worte zu konzentrieren, kostet enorm viel Kraft.
Wo zur Hölle bin ich? Wer redet da? Was ist überhaupt passiert?
»Ach, Mensch, Nils. Du weißt, ich unterstütze dich, auch damit es René endlich wieder besser geht, aber das war nun wirklich unnötig. Wieso hast du das nur getan? Ich habe ihn auf dem Silbertablett serviert. René ist ganz sicher kein oberflächlicher Idiot, wie die anderen. Du hättest nur mal den Mund aufmachen müssen.«
Nils … uh, ich erinnere mich … da war etwas. Der Kuss. Das Video. Das Kino. Sein … Schrei.
Urplötzlich bin ich in der Lage die Augen aufzureißen und die Umgebung wahrzunehmen. Ich keuche und sauge gleich darauf hektisch Luft ein. Alles ist weiß und hell. Ich liege und habe das Gefühl, mich kaum bewegen zu können. Neben mir piept es ununterbrochen. Mehrere Leute kommen in den Raum, drängen sich zu mir. »Herr Reinicke? Verstehen Sie mich?« Ein Typ in einem weißen Kittel fuchtelt mit irgendetwas vor meinen Augen herum.
»Blinzeln Sie bitte zwei Mal, wenn Sie mich hören.«
»Warum …?«, bringe ich krächzend hervor. Meine Zunge ist staubtrocken.
»Okay, so geht’s natürlich auch. Willkommen unter den Lebenden, Herr Reinicke. Sie hatten einen Unfall.«
»Hm?«, gebe ich von mir, unfähig zu sprechen mit der Sahara in meinem Mund.
»Ein Autofahrer hat offenbar unterschätzt, wie glatt die Straße war, und konnte nicht bremsen. Sie können von Glück sagen, dass er nur in Schrittgeschwindigkeit fuhr.«
Ein Auto? Warum habe ich das denn nicht gehört?
»Es war ein Elektrowagen. Die sind heutzutage schon sehr leise. In Ihrem Fall kann man sagen: Leider.«
Nils! Er hatte es gesehen. Er wollte mich warnen! Er hat … gesprochen.
Ich drehe schwerfällig meinen Kopf, in der Hoffnung, ihn hier zu entdecken. Doch etwas behindert die Bewegung. Aus dem Augenwinkel sehe ich nur Bennett in der Ecke stehen.
»Wir mussten notoperieren«, erklärt der Arzt weiter, während mir Blut abgenommen und der Blutdruck gemessen wird. »Sie haben zwei angebrochene Rippen, eine starke Gehirnerschütterung, Ihr rechter Arm ist mehrfach gebrochen und ihr linkes Bein ist stark geprellt. Alles in allem sind Sie aber gut weggekommen.«
Gut weggekommen? Na, der ist lustig!

Ungeduldig lasse ich die ganzen Untersuchungen über mich ergehen. Ich bin hundemüde, aber bevor ich wieder einschlafe, will ich Antworten.
Endlich verschwindet das Personal, nicht ohne Bennett zu ermahnen, nicht zu lange zu bleiben. Zögernd kommt er auf mich zu. »Hey …«
Ich krächze zur Antwort.
»Oh, möchtest du etwas trinken?«
Ich nicke. Ja, bitte einen Zehn-Liter-Eimer voll. Ben eilt aus dem Zimmer und kommt mit einem Trinkbecher zurück; so eine Art Schnabeltasse. So weit ist es also schon mit mir.
»Hier, den hab ich von der Schwester. Du sollst nicht zu viel auf einmal trinken.«
Ich versuche nach dem Becher zu greifen, doch ich bin viel zu schwach. Ben setzt sich auf die Bettkante. »Warte, ich helfe dir.« Nachdem er den Becher an meine Lippen geführt hat und ich gierig die ersten Schlucke getrunken habe, verschwindet allmählich das Gefühl, meine Zunge sei mit Sekundenkleber an meinem Gaumen festgeklebt.
»Was …?«, frage ich. Noch immer klingt meine Stimme rau und in meinem Hals befindet sich ein riesiger Schleimklumpen, der mich husten lässt.
»Du willst wissen, was es mit Nils auf sich hat?«, fragt er und ich nicke. Jetzt bin ich der, der nicht oder kaum reden kann.
Ben atmet tief durch und seufzt. »Das ist etwas, das er dir selbst sagen muss. Allerdings hat es der Feigling vorgezogen abzuhauen, als die Ärzte vorhin hereingestürmt sind.«
»Wie bist du überhaupt hier herein …?«
»Deine Eltern. Ich hatte sie, gleich nachdem ich von deinem Unfall erfahren hatte, angeschrieben. Sie befinden sich noch immer mitten auf dem Atlantik und können daher leider nicht herzukommen. Deshalb haben sie mich und Nils auf die Liste setzen lassen.«
Okay, Ben verstehe ich ja noch, aber … »Nils?«
»Ähm, ja.« Er starrt nach unten und spielt mit dem Verschluss des Trinkbechers herum. »Mir ist da wohl herausgerutscht, dass es eventuell so sein könnte, dass er dein neuer Freund ist.«
Frustriert stöhne ich auf. Na, klasse!
»Ich …« Ich räuspere mich. »Ich bin mir da nicht so sicher. Irgendetwas ist doch mit ihm.«
Ben steht auf, stellt den Becher auf den Tisch neben meinem Bett und läuft unruhig hin und her. »Echt, ich kann es dir nicht sagen.«
Aha. Aber ich muss es wissen. War das alles nur ein Spiel? Eine Wette? Oder irgendein anderes perfides Spiel?
Immer wieder sieht Ben mich an. Ich muss es einfach wissen. Mehrfach schlucke ich, bevor ich den Versuch zu sprechen starte. »Nils ist also nicht stumm?«, frage ich schließlich.
Ben schüttelt den Kopf. »Nein, im Gegenteil. Ich kenne ihn schon länger. Der kann einen echt in Grund und Boden quatschen.«
»Aber warum …?«
Ben ringt sichtlich mit sich. »René, bitte, ich habe ihm versprochen …« Die Tür zu meinem Zimmer wird aufgestoßen und eine Schwester kommt herein. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie nicht länger als fünf Minuten bleiben sollen!«
»Bitte …«, flehe ich. Verdammt, ich habe ihn fast so weit, mir zu sagen, was los ist, und jetzt schmeißt die blöde Kuh ihn raus? »Nur noch einen kleinen …«
»Nein!« Beherzt packt sie Ben am Arm und zieht an ihm.
»Schon gut!« Ben hebt beschwichtigend die Hände. »Ich komme ja mit.«
Ich würde am liebsten schreien. Ich soll mich ausruhen? Mich nicht aufregen? Na, so wird das aber nichts! Als sich das nächste Mal die Tür öffnet, stelle ich mich schlafend. Ich habe jetzt keine Lust auf irgendwelche Untersuchungen. Tatsächlich döse ich ein wenig weg.

Am nächsten Tag werde ich auf eine andere Station verlegt. Offenbar befand ich mich auf der Intensivstation. Noch immer werde ich mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Wenn ich mir so ansehe, was alles an meinem Körper kaputt ist, wundert mich das auch nicht. Nur leider macht es mich extrem müde. Mein Zeitgefühl habe ich komplett verloren. Eben war Ben hier. Beim Thema ›Nils‹ schweigt er beharrlich.
Kaum ist er gegangen, schlafe ich erneut ein.

Ein Rascheln weckt mich. Träge öffne ich die Augen.
»Nils?!« Tatsächlich! Er sitzt links neben meinem Bett auf einem Stuhl und sieht mich schuldbewusst an. Ich lächle, bis mir wieder einfällt, was passiert ist.
»Warum hast du mich verarscht?«, frage ich.
Er schüttelt den Kopf.
»Hör auf mit dem Scheiß! Ich weiß, dass du sprechen kannst. Was also sollte das? War das alles nur ein Spiel?«
»Nein!«, kommt es laut von ihm. Okay, er spricht tatsächlich.
»Ich warte …«, erwidere ich kalt.
Seine Hände suchen zittrig nach Halt und finden ihn an der Ecke meiner Decke. Zögernd beugt er sich vor und gibt mir einen Kuss. Sein Blick ist flehend. Dann senkt er den Kopf und erklärt leise: »I-ich d-dachte, d-das wwwwwäre einfa-fa-fa-facher.«
»Wovon sprichst du?« Mein Hirn muss noch reichlich umnebelt sein von den ganzen Medikamenten, denn die Erkenntnis braucht einen Moment, um durchzusickern.
»Du stotterst?«, frage ich. Nils nickt langsam, ohne aufzublicken.
»Das ist alles?«
Überrascht sieht er mich an. Oh, Mann! Kein Spiel, kein Scherz auf meine Kosten, keine Wette.
»Hast bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht, was?« Mit aufeinandergepressten Lippen schüttelt er den Kopf.
»Komm her«, fordere ich leise und strecke meinen gesunden Arm nach ihm aus. Fragend sieht er mich an. »Na, los! Oder willst du nicht?«
Zur Antwort rückt er dicht neben mich und legt seinen Kopf auf meine Schulter. Die Position sieht nicht sonderlich bequem aus, aber das scheint ihm nicht viel auszumachen. Lange Zeit liegen wir nur so da, schweigen und ich drifte ab und zu weg.
»Wurdest du als Kind viel gehänselt?« Ich spüre ihn nicken.
»Ich auch«, erkläre ich.
»Du?«
»Ja, weil ich so klein bin und ich war auch nicht immer so schlank wie heute. Vielmehr wurde ich gerne als ›Bowlingkugel mit Kopf‹ tituliert.«
»Wie gemein«, findet Nils.
»Oh, ja. Nicht nur einmal habe ich versucht, dem ein Ende zu setzen.«
»Ha-hast du ver-versucht, dich um-um-umzubringen?«
»Mhm«, gebe ich bestätigend von mir. »Und du?«
Nils nickt. Das reicht mir als Antwort.
»Stotterst du eigentlich immer?«
Er schüttelt den Kopf. »Ni-nicht, wenn i-ich ssssinge«, erklärt er.
»Hm, aber ob ich möchte, dass du deine Antworten in Zukunft singst …?«, gebe ich neckend von mir und erhalte einen mehr als halbherzigen Klaps gegen die Seite. Dennoch zucke ich zusammen.
»Oh, Gott! Tut mir leid!« Ah, sieh mal einer an! Wenn er nicht großartig darüber nachdenkt, scheint er ebenfalls weniger Probleme zu haben. Ich sage dazu nichts, sondern ziehe es vor, seine Nähe zu genießen.
»Sag mal, wenn du bei der Stadt arbeitest, dann hast du aber sicher einen Job ohne viel Kundenverkehr, oder?«
»Mhm«, kommt es von ihm. »Ord-ordnungsamt.«
Oh, na ganz klasse! Noch so einer! Obwohl, vielleicht kann er ja meine Knöllchen verschwinden lassen.
»Ah, du sag mal … in letzter Zeit habe ich da so ein paar … na ja …«
»Tut m-mir l-leid«, erwidert er. »I-ich wu-wusste nur n-nicht, wie …«
»Ähm, Nils? Was willst du mir gerade sagen? Waren die von dir?« Wieder nickt er. Das darf doch wohl nicht wahr sein!
»I-ich weiß, dass es b-b-b-blöd war, a-aber ich wusste n-nicht, was ich tun s-soll.«
»Wie wäre es mit Ansprechen gewesen? Oder einfach mal eine Nachricht schreiben?«, schlage ich vor, während ich ihm durch die Haare streiche.
»Wo-wollte i-ich ja, a-aber du-du-du wa-warst zu früh.«
Lächelnd kraule ich ihn weiter. Ich bin ihm nicht böse. Schließlich hat sich jetzt alles geklärt und so schlimm war es nun auch nicht.
» I-ich … muss d-d-dir n-noch was ge-ge-gestehen.«
Okay, ich sollte aufhören, mich frühzeitig zu freuen.
»D-der Sp-sp-sp …« Nils gibt einen fluchenden Laut von sich. Ich bin kurz davor, irgendwelche beruhigenden Worte zu flüstern, doch ich besinne mich darauf, einmal gelesen zu haben, dass man das nicht tun soll. Genauso wenig, wie die Sätze zu vervollständigen, obwohl einem das wahrlich nicht leicht fällt.
»Der Sp-sp-spanner, der dich morgens im-m-m-mer …«
»Das bist du?«
Wieder nickt er. Sachen gibt’s! Wobei es mir bei genauer Überlegung besser gefällt, als wenn es irgendein Unbekannter wäre. Dann doch lieber Nils. Ich atme aus. Wann habe ich die Luft angehalten?
»Hat dir gefallen, was du gesehen hast?«, frage ich jetzt amüsiert.
»Ja«, haucht er leise.
»Okay, dann werde ich ab sofort morgens wieder nackt herumlaufen. Unter einer Bedingung.« Nils hebt den Kopf und sieht mich fragend an. »Du gibst mir auch etwas zu sehen.«
Grinsend beugt er sich über mich und küsst mich vorsichtig. Ich werte das mal als Zustimmung.
Seufzend spüre ich dem Kribbeln auf meinen Lippen nach, als Nils sich wieder löst. »Mag sein, dass ich noch unter dem Einfluss der Medikamente stehe, aber ich möchte dir gerne etwas sagen«, erkläre ich. Nils sieht mich fragend an.
»Ich habe mich in dich verliebt.« Ja, tatsächlich. Ich wollte es nicht und dennoch ist es passiert. Oder gerade deswegen?
Nils beginnt zu strahlen. »I-ich m-mich auch«, flüstert er und küsst mich erneut. »In d-dich.«
»Sag mal …«, frage ich, als wir uns wieder lösen. »Welches Datum haben wir heute eigentlich?«
»Heilig Abend«, antwortet er leise.
»Ernsthaft?« Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. »Das nenne ich doch mal Ironie des Schicksals: Zwei Weihnachtsmuffel, die an Heilig Abend zusammenkommen«, erwidere ich und fordere den nächsten Kuss ein. »Na, dann: Frohe Weihnachten!«
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