Star's Rebirth

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Balto Dixie Jenna Star Steele Sylvie
19.12.2015
19.12.2015
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19.12.2015 4.983
 
Sieben Monate. Genau sieben Monate waren vergangen, seit ich das letzte Mal hier gewesen war. Hier in unserem kleinen Paradies, in dem wir so viele glückliche Stunden zusammen verbracht hatten. Hier, wo unser Glück mir stets so perfekt schien, dass ich dachte, es würde niemals im Leben vorübergehen. Hier in dieser Hütte, wo alles einmal angefangen hatte. Noch bis vor kurzem war dies für mich der einzige Ort gewesen, an dem ich mich wirklich sicher und geborgen gefühlt hatte. Weil ich wusste, dass ich nicht allein war. Dass jemand da war, der auf mich wartete. Jemand, der mich nachts in den Arm nahm, wenn ich nicht schlafen konnte. Jemand, der mir besänftigende Worte zuflüsterte, wenn sich Angst in mir breitmachte. Der mich auffing und festhielt, wenn ich Halt und Trost brauchte. Damals war ich stets mit einem sicheren Gefühl hierhergekommen und hatte so gut wie jede freie Minute hier verbracht. Hier in meinem Zuhause. Meinem heißgeliebten, sicheren Zuhause.
Doch jetzt, sieben Monate später, hatte sich alles komplett verändert. Mein gesamtes Leben war von einer Sekunde auf die andere völlig auf den Kopf gestellt worden. All die Träume und Hoffnungen, die ich früher mit diesem Ort verbunden hatte, waren wie ausradiert. Wenn ich früher hier gewesen war, waren mit einem Schlag sämtliche Angst und alle unschönen Gedanken von mir abgefallen. Aber jetzt war das anders. Ich blickte zu der hölzernen Hütte hinüber, auf deren Dach eine dicke Schneedecke lag. Die beiden Fensterläden waren zugeklappt und ließen es so wirken, als würde die Hütte schlafen. Ein langen, tiefen Schlaf. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken, während ich krampfhaft versuchte, all die Erinnerungen, die mit einem Schlag in mir hochkamen, zu verdrängen. Ich ging ein paar Schritte darauf zu und spürte, dass mein Herz anfing, laut zu klopfen. Es kam mir ziemlich merkwürdig vor, denn schließlich war das hier mein Zuhause gewesen. So lange Zeit hatte ich hier unbeschwerte und wunderschöne Stunden verbringen dürfen. Aber obwohl ich mich in mir nur allzu vertrauter Umgebung befand, wirkte alles so fremd und kalt auf mich. Als wäre ich vorher noch niemals hier gewesen. Als würde ich zum ersten Mal bisher unbekanntes Land erkunden. Mehrmals schüttelte ich meinen Kopf, so als könnte ich damit all die Erinnerungen aus meinem Gedächtnis verbannen. Aber es ging nicht. Es ging einfach nicht. Ich wusste genau, was mich mit diesem Ort verband und wahrscheinlich für immer verbinden würde. Ich konnte unsere gemeinsame Zeit nicht einfach so löschen, als wäre zwischen uns niemals irgendetwas gewesen. Ich konnte nicht so tun, als ließen mich die glücklichen Momente, die ich hier mit ihm verlebt hatte, einfach kalt. Ich konnte nicht behaupten, dass die Rückkehr zu unserer gemeinsamen Hütte rein gar nichts in mir auslöste. Verzweifelt versuchte ich, gegen die in mir aufsteigenden Tränen anzukämpfen und unterdrückte ein Winseln. Es tat weh. Es tat verflucht nochmal weh. Die glücklichen Erinnerungen, die ich mit diesem Ort verband. Und die Gewissheit, dass diese Zeit niemals wieder zurückkommen würde. Die Zeit mit ihm – die endlos schöne Zeit – war ein für alle Mal vorbei. Zwischen uns war nichts mehr. Da war rein gar nichts mehr. All die Liebe zu ihm, die einmal so hell in mir gebrannt hatte, war wie zu Eis gefroren. Auch wenn es inzwischen sieben Monate her war, schmerzte es mich noch immer. Es schmerzte, an die letzte Begegnung mit ihm zu denken. Vor meinem geistigen Auge zu sehen, wie unsere Liebe zerbrochen war. An dieser Sache. An dieser bescheuerten Affäre. Eiskalte Tränen liefen über meine Wangen und ich spürte eine sanfte Pfote auf meiner Schulter. „Star“. Meine Lebensgefährtin Jenna beugte sich zu mir herab und streichelte mir sacht über den Rücken. „Ich weiß, dass es wehtut“, flüsterte sie mir zu. „Ich weiß, dass es noch immer wehtut“. Diese Worte ließen mich in lautes Schluchzen ausbrechen und Jenna nahm mich fest in den Arm, um mich zu trösten. „Meine Kleine“, flüsterte sie leise und klopfte mir ein paar Mal auf den Rücken. Ich antwortete ihr nicht, sondern klammerte mich stattdessen eng an ihr fest. „Ist gut“, wisperte sie mir ins Ohr. „Ist ja gut“. „Hier war unser Zuhause“, wimmerte ich unter Tränen, während sie mir sanft über den Kopf streichelte. „Ich weiß“, wiederholte sie und wischte mir vorsichtig die Tränen aus dem Gesicht. „Aber es ist vorbei. Ich weiß, dass es dir noch immer sehr wehtut, aber du musst versuchen, es zu vergessen“. „Ich kann nicht!“, winselte ich und riss mich los. „Das hier – das war unser Reich. Hier war der Ort, an dem ich erfahren durfte, was es bedeutet, geliebt zu werden. Hier liegen so viele Erinnerungen. Hier waren wir doch so glücklich und...“. Ich brach ab und stieß ein weiteres Wimmern aus. „Meine Kleine“, wisperte Jenna, bemüht, nicht ebenfalls im Tränenmeer zu versinken und streichelte mich. „Ich weiß, dass du noch an ihn denkst. Aber das Leben geht weiter. Du musst versuchen, nach vorne zu schauen“. „Ich weiß doch“, schniefte ich aufgelöst. „Meine Kleine“, wiederholte sie und nahm meine Pfote in ihre. „Komm jetzt. Lass uns deine Sachen holen, okay?“. „Okay“, antwortete ich und wischte mir die Tränen weg. Dann machten wir uns zusammen auf den Weg zur Tür. Mein Herzschlag beschleunigte sich, je näher wir der Eingangstür kamen. Mit pochendem Herzen blieb ich davor stehen und atmete tief durch. „Bereit?“, fragte Jenna und sah zu mir herunter. Ich nickte zögernd, nahm einen weiteren tiefen Atemzug und stieß dann schließlich die Tür auf. Ein Schwall kühler Luft schlug uns entgegen, als wir eintraten. Die ganze Wärme, die diese Hütte einmal ausgefüllt hatte, war verschwunden. Alles war eisig und kalt. Genauso kalt wie unsere Liebe. Mit zögerndem Blick sah ich mich im Raum um. Alles war unverändert und noch genau so, wie ich es zuletzt verlassen hatte. Das Sofa mit der weißen Samtdecke darauf – das, auf dem er und ich so oft gekuschelt hatten – stand noch in der Mitte des Raumes. Davor das Holztischchen, in dessen Mitte das Foto thronte. Das in Holz gerahmte Foto von ihm und mir. Auf dem wir zärtlich aneinandergeschmust in einer Ecke lagen. Wieder kamen tausend Erinnerungen in mir hoch, als ich es erblickte. Doch ich musste stark bleiben. Ich durfte mich nicht schon wieder von meinen Gefühlen überrumpeln lassen. Jenna hatte vollkommen Recht. Ich musste endlich darüber hinwegkommen. Wieder atmete ich tief durch und ging dann mit langsamen Schritten zum Sofa hinüber. Wie in Trance ließ ich mich darauf fallen und blickte mich erneut im Zimmer um. Alles war mit einem Mal wieder so vertraut. So vertraut, wie es früher gewesen war. Alles in diesem Zimmer erinnerte mich an ihn. In jeder Ritze des Raumes steckten Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit. Es war, als wäre er noch hier. Ich konnte ihn vor mir sehen. Wie er zur Tür hereinkam. Mir ein Lächeln zuwarf. Sich neben mich aufs Sofa setzte und mich in den Arm nahm. Für einen kurzen Moment konnte ich seine Nähe spüren. Seine Wärme. Sein sanftes, weiches Fell auf meinem. Ich spürte seine Pfote, die zärtlich über meinen Kopf streichelte. Sah seine leuchtenden Augen vor mir, aus denen er mich stets mit Euphorie angeschaut hatte. Ich konnte ihn riechen. Den süßlich-milden Duft seines glatten Fells. Er war noch hier. Er lebte noch hier. Unsere Zeit lebte noch hier. Für einen kurzen Augenblick war er mir wieder nah, genauso wie früher. Heißkalte Tränen flossen mir über die Wangen, während ich darüber nachdachte. Mit zitternden Pfoten griff ich nach dem Foto auf dem Holztischchen. Mit Tränen in den Augen warf ich einen Blick darauf und schluchzte. „Warum, Balto?“, winselte ich leise. „Warum hast du unsere Zeit aufgegeben? Warum hast du uns aufgegeben?“. „Star“. Jenna riss mich aus meinen Gedanken und setzte sich neben mich. „Komm her, Süße“, flüsterte sie und schloss mich in die Arme. Ich stieß ein lautes Schluchzen aus und legte meinen Kopf auf ihre Schulter. „Es geht nicht!“, stieß ich tränenblind hervor. „Es geht einfach nicht! Ich kann das hier nicht zurücklassen. Ich gehöre hierher“. „Ach Star“, wisperte Jenna und ich bemerkte, dass sie ebenfalls mit Tränen kämpfte. „Er ist noch hier“, winselte ich. „Er ist hier und wartet darauf, dass ich heimkomme“. Ich stieß einen verzweifelten Schrei aus und krallte mich an Jenna fest. „Au“, rief sie und schob meine Pfoten sanft von ihren Schultern. „Star, er ist fort“, erwiderte sie, während ich mich eng an sie schmiegte. „Er ist aus Nome fortgegangen. Er kommt nicht mehr zurück“. „Nein!“, protestierte ich tränenblind. „Er ist hier. Er wartet auf mich. Er wartet darauf, dass ich zu ihm komme. Er...“. Ich unterbrach mich durch ein lautes Wimmern, da ich selbst genau wusste, dass das, was ich sagte, kompletter Schwachsinn war. Balto war fortgegangen. Er war für immer aus Nome fortgegangen. Er hatte mir einen letzten Gruß hinterlassen und war gegangen. Für immer. Er würde niemals wieder zurückkommen. Aber das war vermutlich das Beste für uns beide. Es war besser, wenn wir einander nicht wiedersahen. Zu tief saß der Schmerz, den er mir zugefügt hatte. Zu groß war der Schock über das, was er getan hatte. Zu bitter die Enttäuschung über sein Verhalten. Ich konnte ihm das nicht verzeihen. Ich konnte ihm nicht verzeihen, dass er unsere Liebe wegen einer billigen Affäre weggeworfen hatte. Dass er mein inniges Vertrauen zu ihm aufs Spiel gesetzt und eiskalt missbraucht hatte. Für ihn war es vielleicht nur ein Seitensprung gewesen. Doch für mich bedeutete diese Affäre ganz klar das Ende. Das Ende des größten und schönsten Glücks, das ich jemals erfahren durfte. Aber auch wenn der Schmerz noch immer tief saß und ich noch immer bitter enttäuscht von ihm war: Ich konnte es nicht vergessen. Ich konnte unsere gemeinsame Zeit nicht vergessen. Konnte ihn nicht vergessen. Auch wenn ich mir fest vorgenommen hatte, nach vorn zu blicken und ein neues Leben anzufangen. Auch wenn ich mich inzwischen wieder verliebt hatte und Jenna und ich nun schon lange ein glückliches Paar waren. Trotzdem dachte ich noch an ihn. Fragte mich, was er wohl gerade machte. Ob er auch noch an mich dachte. Vor allem in klaren Nächten, in denen man einen guten Ausblick auf das weite Sternenmeer hatte, lag ich oft lange wach und dachte an ihn. Fragte mich, wo er wohl gerade war. Ob er schlief. Oder ob er ebenfalls wach lag und an mich dachte. Ich fragte mich, ob er noch von mir träumte. Genauso wie ich manchmal noch von ihm träumte. Oder ob er mich längst vergessen und eine neue Liebe gefunden hatte. Jedes Mal, wenn ich dann zum Himmel schaute, formte ich aus den unzähligen Sternen sein Gesicht.
Rief mir all die schönen Erinnerungen an uns wieder ins Gedächtnis. Und ich weinte. Ich weinte jedes Mal ganze Bäche. Ich war noch nicht bereit, ihn zu vergessen. Er war immer noch bei mir. Ich konnte ihn noch nicht loslassen, dazu war ich noch nicht in der Lage. Vermutlich aus Angst, dass ich die schönen Erinnerungen, die ich mit ihm verband, dann ebenfalls vergessen könnte. Auch wenn es vielleicht albern war, aber diese Erinnerungen gaben mir Kraft. Sie milderten den Schmerz und die Enttäuschung, weil ich mir bewusst machen konnte, dass Balto und ich auch schöne Zeiten gehabt hatten. Endlos schöne Zeiten.
Nachdem Balto und ich auseinandergegangen waren, hatte ich geglaubt, dass ich nie mehr in der Lage sein würde, einen Mann auf die Art zu lieben wie ich ihn geliebt hatte. Zwischen uns waren so viele Gefühle gewesen. Gefühle, die sich nicht in Worte fassen ließen. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese jemals wieder für einen anderen Mann empfinden konnte. Mit der Zeit stellte sich dann ganz klar heraus, dass ich das nicht konnte. Bei keinem würde ich das fühlen, was ich bei Balto gefühlt hatte, das wurde mir eindeutig klar. Trotzdem wusste ich, dass es jemanden gab, mit dem ich mich tief verbunden fühlte. Jemanden, der mich so liebte wie ich war. Und dieser Jemand war Jenna. Jenna war die einzige, mit der ich mir ernsthaft eine Zukunft vorstellen und bei der ich mir sicher war, dass ich sie heiß und innig lieben konnte. Genau so, wie ich Balto einmal geliebt hatte. Nur durch einen Zufall habe ich herausgefunden, dass sie in mich verliebt ist und gespürt, dass ich dasselbe für sie empfinde. Ich fühlte nicht mehr nur die schwesterliche Zuneigung, die ich bisher für sie empfunden hatte. Ich hatte mich richtig in sie verliebt. Zwar musste ich mir selbst erst einmal bewusst machen, dass ich allem Anschein nach lesbisch war, doch das war kein großes Hindernis für mich. Ich wusste genau, dass Jenna mich genauso sehnsüchtig begehrte wie ich sie. Und als wir an jenem Abend zusammen in ihrer Hütte gesessen und uns angesehen hatten, war es mit einem Schlag passiert. Ich hatte mich total in sie verliebt. Ohne lange zu hinterfragen, wie und warum. Es war ganz einfach so. Sie und ich spürten, dass sich zwischen uns mehr entwickelt hatte und dass wir bereit waren, den nächsten Schritt zu gehen. Ohne zu zögern habe ich meinen Mut zusammengenommen und es getan. Ich habe sie geküsst. Heiß und leidenschaftlich geküsst. In ihrer Nähe fühlte ich mich sicher und verstanden. Sie gab mir den Halt und den Trost, den ich damals so dringend brauchte. Und in dieser Nacht, in dieser einen Nacht, funkte es heftig zwischen uns. Wir wussten beide nicht, warum wir so füreinander empfanden. Aber wir wussten, dass wir es wollten. Dass wir beide es wollten. Aus zwei engen Freundinnen war mit einem einzigen Schlag ein Liebespaar geworden. Und es tat gut. Es tat so endlos gut, mit ihr zusammen zu sein. Jeden Tag neben ihr zu erwachen und jede Nacht mit ihr einzuschlafen. Bei ihr hatte ich endlich wieder die intensiven Gefühle, die ich bei Balto gehabt hatte. In ihrer Nähe fühlte ich mich sicher und verstanden. Ich liebte sie. Ich liebte sie von ganzem Herzen. In dem Moment, als wir uns das erste Mal geküsst hatten, war alles andere um mich herum plötzlich vergessen. Der ganze Schmerz. Die angestaute Wut, die ich Balto gegenüber hatte. Die Angst vor dem Alleinsein. Alles war wie weggeblasen. Sie hatte es mit nur einem einzigen Blick geschafft, mir all diese Ängste zu nehmen. Denn in diesem Moment spürte ich, dass ich nicht allein war. Dass es da noch jemanden gab, der mich liebte. Wirklich liebte. Und diese Gewissheit gab mir mit einem Schlag meinen Lebensmut zurück. Ich war bereit, ein neues Leben anzufangen. Ich war bereit, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und nach vorne zu blicken.
In der darauffolgenden Zeit führten Jenna und ich oft lange Gespräche über das, was geschehen war. Es tat sehr weh, daran zu denken und noch viel mehr, darüber zu sprechen. Aber gleichzeitig war es auch eine Befreiung. Ein Ausbruch aus dem Schmerz der Vergangenheit. Durch Jenna fühlte ich mich endlich wieder stark. Stark genug, um mit dem, was gewesen war, ein für alle Mal abzuschließen. Balto zu vergessen. Mich auf ein neues Leben einzulassen. Ich war eine starke, junge Frau, die endlich dazu bereit war, den Schmerz zu besiegen und ein neues Glück zu beginnen. Ein neues Glück mit Jenna.
Deshalb hatten wir auch beschlossen, hierherzukommen und meine restlichen Sachen abzuholen. Ich wollte diesen Ort – mein ehemaliges Zuhause – für immer hinter mir lassen. Der Vergangenheit den Rücken zukehren und optimistisch in die Zukunft blicken. Ich wollte mich nicht von meinen Gefühlen übermannen lassen. Wollte stark und selbstbewusst sein. Doch jetzt, wo ich tatsächlich in diesem Zimmer stand, schaffte ich es nicht. Ich schaffte es nicht, meine Tränen zurückzuhalten und so zu tun, als ließe mich die Rückkehr zu dieser Hütte vollkommen kalt. Denn egal wohin ich auch blickte, überall kam mir Baltos Bild entgegen. Erinnerungen, die ich eigentlich für immer wegsperren wollte, kamen wieder in mir hoch. In jeder Ecke dieser Hütte sah ich ihn stehen und mir zulächeln. Überall konnte ich seinen sanften Duft wahrnehmen. An jedem Fleck bildete ich mir ein, seine Wärme zu spüren. Doch das Zimmer war kalt. Es war eiskalt und leer. Die Einrichtungsgegenstände waren das einzige, das noch übriggeblieben war. Und das Bild. Unser Bild, das wir am Anfang unserer Beziehung aufgenommen hatten. Noch einmal nahm ich es in die Hand und warf einen Blick darauf, während mir die Tränen die Wangen hinunterkullerten. „Schwein!“, brüllte ich aufgelöst und warf das Foto quer durch das Zimmer. Es landete mit einem Knall auf dem Boden und zersprang in hunderttausend Scherben. „Star, mein Engel“. Jenna legte mir ihre Pfote auf die Schulter und streichelte mich sanft. Wieder fiel ich ihr schluchzend um den Hals. „Es tut weh“, flüsterte ich unter Tränen und schniefte. „Ich weiß“, erwiderte sie und sah mir kurz in die Augen. „Lass uns jetzt deine Sachen zusammensuchen. Dann gehen wir. Ich kann nicht länger mitansehen, wie du leidest“. Ich antwortete ihr nicht. Die Bilder in meinem Kopf ließen mich einfach nicht los. „Star“, rief sie etwas lauter. „Hast du verstanden, was ich gesagt habe?“. „Was?“, fragte ich gedankenversunken nach. „Lass uns nach Hause gehen“, wiederholte sie und streichelte mir über die Wange. „Okay?“. „Okay“, stimmte ich ihr zögernd zu und wir machten uns gemeinsam daran, meine restlichen Sachen einzupacken.

Ein paar Tage später hatten Jenna und ich beschlossen, uns mit Dixie und Sylvie in der Stadt zu treffen. Wir hatten die beiden schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich konnte mich gar nicht mehr richtig erinnern, wann wir vier das letzte Mal zusammen gewesen waren. Es schien mir, als wäre es schon mindestens fünf Jahre her. Zugegeben, zum Großteil lag es an mir. Ich hatte die letzte Zeit nicht die geringste Lust dazu gehabt, irgendetwas zu unternehmen, geschweige denn in die Stadt zu gehen. Zwar hatte ich mit Balto abgeschlossen – endgültig abgeschlossen – doch ich war noch nicht dazu bereit gewesen, in den Alltag zurückzukehren und so zu tun, als wäre nie etwas gewesen. Dafür hatte es mir immer noch zu weh getan. Aber nun war ich dazu bereit. Ich wollte nicht länger mit Jenna zu Hause herumsitzen und vor mich hin vegetieren bis ans Ende meiner Tage. Ich wollte wieder glücklich sein. Feiern gehen. Die unbeschwerte Seite des Lebens genießen. Ich wollte der Welt beweisen, dass ich stark genug war, mit einem solchen Schlag umzugehen. Vor allem aber, glaube ich, wollte ich mir das selbst beweisen. Ich wollte mir selbst zeigen, dass ich die Trennung endlich überwunden hatte. Und ich wusste genau: Das hatte ich. Ich machte mich fertig und warf rasch einen Blick in den Badezimmerspiegel. Ich betrachtete mich für einen kurzen Augenblick. Ich trug ein dunkelblaues Kleid und zwei Rubinohrringe. Um meinen Hals baumelte ein goldenes Collier mit einem Anhänger, der die Form eines Sterns hatte. Mein Zeichen. Ein selbstbewusstes Lächeln legte sich auf mein Gesicht, während ich mein Spiegelbild betrachtete. „Du bist stark“, sagte ich zu mir selbst. „Du bist eine starke Frau. Du schaffst das“. „Star?“. Jenna rief nach mir und kam vorsichtig zu mir ins Badezimmer. „Wow“, stieß sie hervor und riss verblüfft die Augen auf. „Du siehst einfach umwerfend aus“. „Danke, danke“, erwiderte ich geschmeichelt. „Du auch, meine Prinzessin“. Jenna trug einen roten Glitzerschal um den Hals und ebenfalls ein Paar rubinbesetzter Ohrringe. „Lange nicht so umwerfend wie du“, erwiderte sie mit einem Lächeln. „Ach Jenna, meine Süße“, entgegnete ich und küsste sie sanft auf die Wange. Wir blickten uns kurz in die Augen und überrumpelten uns dann gegenseitig mit einem langen, intensiven Kuss. Dabei schloss ich meine Augen und drückte Jenna so nah an mich heran, dass nicht einmal mehr ein hauchdünnes Blatt Papier zwischen uns gepasst hätte. Nach einigen Augenblicken löste sie den Kuss schließlich und räusperte sich. „Äh... du, Star“, begann sie zögernd. „Ja?“, wollte ich wissen und nahm ihre Pfote in meine. Ich streichelte vorsichtig darüber, da ich erkannte, dass sie leicht nervös wurde. „Also, wegen Dixie und Sylvie“, setzte sie schließlich fort und schluckte. „Was glaubst du, werden sie sagen?“. „Weswegen?“, erwiderte ich ihre Frage und blickte sie verwirrt an. „Naja, wegen uns“, antwortete Jenna. „Meinst du, es ist gut, sie gleich heute damit zu überfallen? Hältst du es nicht für besser, wenn wir noch warten, bis wir ihnen von uns erzählen?“. „Wozu?“, erwiderte ich verständnislos. „Naja, ich bin unsicher, wie sie darauf reagieren“, antwortete sie. „Damit rechnen sie bestimmt nicht“. „Genau das ist der Plan“, antwortete ich und kicherte leise, verstummte jedoch, als Jenna nach wie vor ernst blieb. „Ach Jenna“, sagte ich und streichelte sie. „Wir werden nur herausfinden, wie sie reagieren, wenn wir ehrlich sind. Mit Sicherheit werden sie überrascht sein, aber ich bin ganz sicher, dass sie sich für uns freuen“. „Meinst du wirklich?“, fragte sie noch einmal nach und versuchte zu lächeln. „Ganz bestimmt, Prinzessin“, antwortete ich. „Jenna, ich liebe dich. Ich bin so unbeschreiblich glücklich mit dir. Und deshalb will ich, dass alle es erfahren. Dass alle wissen, welches Glück ich habe, dich als Freundin zu haben. Du bist etwas ganz besonderes für mich, Jenna. Du warst es, die in dieser Zeit zu mir gestanden hat und für mich da war. Du warst es, die mir Mut gemacht und Hoffnung gegeben hat. Und deshalb möchte ich dieses Glück, das ich mit dir erleben darf, mit der ganzen Welt teilen. Ich möchte, dass jeder weiß, wie einmalig du bist“. In Jennas Augen schimmerten Tränen, als ich meine kleine Ansprache beendet hatte. „Star“, heulte sie glücklich und fiel mir um den Hals. „Ich liebe dich, Jenna“, wiederholte ich und streichelte sie. „Du und ich, wir gehören zusammen. Und ich möchte, dass jeder das weiß“. „Danke Star“, erwiderte sie immer noch überwältigt und versuchte, sich wieder etwas zu beruhigen. „Nichts zu danken“, erwiderte ich lächelnd. „Ich sage dir nur die Wahrheit“. „Können wir dann?“, fragte sie, nachdem sie sich wieder gefasst hatte. „Ja“, antwortete ich und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Ich schaffe das, dachte ich für mich. Ich bin stark. Stark und selbstbewusst.
Kurze Zeit später standen wir vor der großen Scheune im Stadtzentrum. Unser gemeinsamer Treffpunkt. Von drinnen vernahm ich Dixies aufgeregte Stimme. Vermutlich erzählte sie wieder eine ihrer amourösen Geschichten. Jenna trat neben mich und warf mir einen kurzen Blick zu. „Alles klar?“, fragte sie mit einem Lächeln, was ich mit einem Nicken bejahte. Sie klopfte mit ihrer Pfote dreimal gegen die große Holztür. Unser Erkennungszeichen. Nach wenigen Augenblicken schwang sie schließlich auf und Dixie trat heraus. Mit einem teils begeisterten und teils verblüfften Blick starrte sie uns für einen Moment an. „Sylvie!“, rief sie aufgeregt. „Sylvie, schau mal, wer da ist“. Sylvie erschien neben ihr im Türrahmen und legte ein Lächeln auf. „Hey ihr zwei“, begrüßte sie uns und fiel uns um den Hals. „Wir haben euch schon so vermisst“. „Wir euch auch“, sagte ich, ihre Umarmung erwidernd. „Kommt rein, kommt rein“, rief Dixie euphorisch und rannte voraus. „Mensch Mädels, ihr habt uns ja so gefehlt“. Sie schloss zuerst mich, dann Jenna in die Arme und bat uns danach, Platz zu nehmen. Noch ehe wir dazu kamen, irgendetwas zu sagen, überfielen uns die beiden mit unzähligen Fragen. „Wie geht es euch?“, wollte Dixie wissen. „Was habt ihr in letzter Zeit denn so gemacht?“. Dann wandte sie sich mir zu. „Und vor allem: Wie geht es dir, Star?“. „Ganz gut“, antwortete ich und schluckte. „Ich bin mittlerweile wieder auf den Beinen“. Die beiden legten einen besorgten und zugleich fürsorglichen Blick auf. „Mensch, Star“, rief Dixie nach kurzem Zögern. „Es tut uns Leid, aber wir... wir wissen gar nicht, was wir sagen sollen“. „Schon okay, Mädels“, entgegnete ich verständnisvoll. „Ihr braucht euch nicht zu entschuldigen. Es geht mir inzwischen wieder gut. Jenna und ich waren vor kurzem in der Hütte und haben meine restlichen Sachen geholt. Ich habe jetzt damit abgeschlossen“. Dixie stieß ein bekümmertes Seufzen aus. „Ich weiß, dass er so ziemlich das letzte ist, worüber du sprechen willst“, sagte sie zögernd. „Aber denkst du noch an... äh... an...“. „Du darfst seinen Namen ruhig aussprechen“, entgegnete ich ruhig. „Und ja, hin und wieder denke ich noch an Balto. Er war meine erste große Liebe und das wird er auch immer bleiben. Die schöne Zeit mit ihm werde ich nicht vergessen. Aber das zwischen uns ist vorbei. Für immer“. Sylvie und Dixie blickten mich nach wie vor besorgt an. Vermutlich wussten sie nicht Recht, was sie als nächstes sagen sollten. Aber ich nahm ihnen das nicht übel, im Gegenteil: Ich verstand sie nur zu gut. „Kommt schon, Mädels“, sagte ich, während die beiden mich unsicher und betroffen anblickten. „Ihr müsst mich nicht bemitleiden. Ich habe mit der Sache abgeschlossen. Dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei. Ich werde nach vorne schauen und mich mit einem guten Gefühl auf die Zukunft einlassen. Ich bin stark genug dafür“. „Oh Star“, rief Sylvie überrascht und lächelte. „Lasst uns jetzt bitte das Thema wechseln, okay?“, erwiderte ich. „Die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Ich kann sie nur hinter mir lassen. Und genau das werde ich auch tun“. Die beiden klatschten, als ich mit dem Satz zu Ende war. „Du bist ein starkes Mädchen“, stellte Dixie fest und lächelte. „Das bin ich“, stimmte ich ihr zu und erwiderte ihr Lächeln. Dann wandte ich mich Jenna zu und griff nach ihrer Pfote. Ich blickte kurz zu ihr auf und bemerkte, dass sie mit einem Schlag ziemlich nervös wurde. Sie wusste genau, was ich als nächstes vorhatte. Ich wollte Dixie und Sylvie die Wahrheit über uns erzählen. Klipp und klar, ohne großartige Erklärungen oder Ausführungen. „Ähm, Mädels“, setzte ich schließlich an. „Es gibt da noch etwas, das wir euch gerne sagen würden“. „Nur raus damit“, meinte Dixie und sah uns gespannt an. „Was gibt's?“. „Möchtest du oder soll ich?“, fragte ich Jenna und sah zu ihr auf. „Ähm, du kannst, wenn du magst“, antwortete sie nervös. „Was ist denn los?“, wollte Sylvie neugierig wissen. „Wisst ihr“, begann ich und wandte mich wieder den beiden zu. „Jenna und ich sind uns in letzter Zeit sehr nahe gekommen. Verdammt nahe“. „Wie meinst du das?“, fragte Dixie nach, da sie anscheinend nicht verstanden hatte, wie ich das meinte. „Wir sind zusammen“, antwortete ich, während ich Jennas zitternde Pfote streichelte. „Wir haben uns verliebt“. „Was?“, riefen Sylvie und Dixie wie aus einem Mund und starrten uns überrascht an. „Star und ich...“, setzte Jenna an und atmete tief durch. „Star und ich lieben uns. Wir haben uns total ineinander verguckt“. Sylvie lächelte uns zu, während Dixie ein aufgeregtes Quieken ausstieß und anfing, wie ein Gummiball auf- und abzuhüpfen. „Das ist so süß“, rief sie und rannte zu uns herüber. Abermals knuddelte sie mich fest und streichelte mir kurz über den Kopf. „Ich freue mich so für euch“, meinte Sylvie mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. „Nein, ist das süß“, rief Dixie noch einmal mit hoher, quiekender Stimme. Jenna lächelte scheu und wurde rot. „Findet ihr das wirklich?“, wollte sie wissen, nachdem sie die Umarmung mit Dixie gelöst hatte. „Und wie!“, rief diese mit einem breiten Grinsen. „Ihr findet es nicht merkwürdig?“, wollte Jenna wissen. „Ich meine, Star und ich waren immer nur Freundinnen. Und jetzt...“. „Ach was“, wehrte Sylvie ab. „Was ist daran denn merkwürdig? Ihr beide hattet doch immer schon so ein enges Verhältnis zueinander. Irgendwann musste ja mal der Zeitpunkt kommen, an dem ihr euch verliebt“. „Außerdem passt ihr zwei doch super zusammen“, setzte Dixie hinzu. „Schaut euch doch mal an. Ihr seid so ein süßes Paar“. „Findet ihr?“, fragte ich geschmeichelt und spürte, dass ich ebenfalls rot wurde. „Natürlich“, antwortete Dixie lächelnd. „Zwei starke Frauen, die genau wissen, was sie wollen“. Ich blickte verlegen zu Jenna auf und diese lächelte mich schüchtern an. „Was sagst du denn dazu, Prinzessin?“, wollte ich wissen und streichelte über ihre Pfote. „Prinzessin“, rief Dixie mit quiekender Stimme und strahlte. „Ich kann dazu nur noch eines sagen“, antwortete Jenna und beugte sich zu mir herab. „Das“. Mit diesen Worten drückte sie mir einen sanften Kuss auf die Lippen, welchen ich natürlich erwiderte. Sylvie lächelte entzückt und Dixie quiekte sich die Seele aus dem Leib. „Das ist so süß. So süß!“, stieß sie hervor. Jenna und ich schauen uns verlegen an. Wir wussten beide nicht so recht, was wir als darauf erwidern sollten. „Oh Mädels, wir freuen uns so für euch zwei“, sagte Sylvie, nachdem sie bemerkte, dass wir ein bisschen unsicher wurden. „Danke“, entgegnete Jenna und streichelte mir über die Schulter. „Aber jetzt mal ganz auf Anfang“, meinte Dixie und blickte gespannt zu uns herüber. „Wie hat das mit euch denn überhaupt angefangen? Ihr müsst uns alles bis ins kleinste Detail erzählen“.

Nachdem Jenna und ich den beiden die gesamte Geschichte berichtet hatten – wie wir an jenen Abend gekuschelt, uns angesehen und schließlich ineinander verliebt hatten – hatten wir uns noch über dies und jenes unterhalten. Was in Nome gerade vor sich ging, welche neuen Gerüchte es gab, welche gesellschaftlichen Ereignisse in nächster Zeit anstanden – der übliche Klatsch eben. Außerdem hatten wir beschlossen, Sylvie und Dixie zeitnah zu uns einzuladen und eine kleine Party zu machen. Es gab schließlich einiges zu feiern. Nicht nur unser frisch erblühtes Glück, sondern auch die Tatsache, dass ich es endlich überwunden hatte. Meinen Schmerz. Meinen ganzen seelischen Schmerz. Ich war endlich darüber hinweg, was Balto getan hatte. Zwar geisterte mir hin und wieder ein Bild von ihm und unserer gemeinsamen Zeit durch den Kopf, aber ich konnte jetzt besser damit umgehen. Sicher musste ich mir bewusst machen, dass die Zeit mit ihm für immer ein Teil von mir sein und bleiben würde. Aber ich hatte jetzt den Mut und die Kraft dazu gefunden, es hinter mir zu lassen und nach vorne zu schauen. Endlich war ich dazu bereit, mich auf meine neue Beziehung mit Jenna einzulassen. Hatte wieder das Bedürfnis, bis spät in die Nacht durch die Straßen zu ziehen und ausgelassen zu feiern. Ich war wieder da. Und ich nahm mir fest vor, meinen wiedergewonnenen Optimismus von nichts und niemandem mehr zerstören zu lassen.
Natürlich konnte ich nicht ahnen, dass ich bereits wenige Tage später eine Begegnung machen würde, mit der all diese guten Vorsätze über Bord segelten. Eine Begegnung, die ich so schnell nicht mehr vergessen würde.
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