Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Crossroads in a Circle

Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft, Suspense / P16 / Gen
Eliot Nightray Oz Vessalius Xerxes Break
17.12.2015
17.12.2015
1
7.162
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
17.12.2015 7.162
 
Herzlich Willkommen bei meiner Pandora Hearts Premiere :)
Diese Geschichte ist Teil einer Fanfiction-Challenge zwischen meiner lieben Chaossis, Namika und mir, bei der wir dem jeweils anderen einen ersten Satz vorgaben und der daraus dann einen Oneshot basteln sollte.
Ihre Vorgabe lautete:

„Das Radio im Taxi versprach eine wolkenlose, windige Nacht mit Tiefsttemperaturen um die fünfzehn Grad.“
~Die Nacht, als Gwen Stacy starb von Sarah Bruni

Eine Grundidee zu Pandora Hearts sprang mich sofort an, aber die Vorgabe zwang mich auch, mich in ein alternatives Universum zu begeben. Da ich kurzgesagt keine Ahnung von AUs habe, haben sich die Vorarbeiten zu dieser Geschichte über Monate gezogen und vermutlich hab ich mir viel zu viele Gedanken gemacht, von denen ¾ schlussendlich nicht einmal hier erwähnt werden. Irgendwie hab ich die Idee aber inzwischen so lieb gewonnen, dass es vielleicht nicht nur bei diesem kleinen Anstoß bleibt, denn Material, um sie ein bisschen auszubauen, hätte ich genug…
Jedenfalls hat es irre viel Spaß gemacht ein paar Fakten zu verdrehen und ich hoffe, ihr findet Gefallen an dem Ergebnis :’)

Alles Liebe
            Frozen




                             .
Crossroads in a Circle
                             .


Das Radio im Taxi versprach eine wolkenlose, windige Nacht mit Tiefsttemperaturen um die fünfzehn Grad. Warm genug, um den Abend im Freien zu verbringen. Ganz so, wie sie es einander versprochen hatten. Oz drückte die Schulterblätter in das Polster der Rückbank, ließ die Hände in die Taschen seines Mantels gleiten und seufzte wohlig. Das Taxi, das ihn kurz hinter der Stadtgrenze aufgelesen hatte, war nicht besonders luxuriös eingerichtet, versprühte dafür aber einen altmodischen Charme, der ihm gefiel. Ein bisschen wie aus einem Fünfzigerjahre Film, aber ein so herrlicher Kontrast zu der belebten Metropole, die dort draußen auf ihn wartete. Hinter der Glasscheibe zogen die Straßenzüge der Hauptstadt Reveille an ihm vorbei, bunt und voll von geschäftigem Treiben. Obwohl sie noch ein ganzes Stück vom Stadtkern entfernt waren, ragten die Gebäude auch hier bereits in beeindruckende Höhe. Stuck und Ornamente verwandelten die Fassaden der Wohnhäuser in detaillierte Kunstwerke und sprachen vom Wohlstand, den Reveille, ganz dem Namen gerecht, neugierigen Augen enthüllte. Oz zählte so viele Fenster, dass es für den Rest seines Lebens reichen mochte. Er schloss die Augen und stellte sich vor, dass hinter jedem davon eine glückliche Familie zu Hause war.
Reveille lag nur wenige Kilometer von Sablier entfernt, doch es war kein Vergleich zu der trostlosen Einöde, die Oz für gewöhnlich sein Zuhause nannte. Die ehemalige Hauptstadt war seit rund einhundert Jahren unbewohnt. Ein katastrophales Erdbeben hatte die Gegend erschüttert, einen gewaltigen Krater in den Stadtkern gerissen und die meisten Häuser mit dem losen Gestein in die Tiefe. Heute krallten sich nur noch einige wenige Gebäude mit stoischem Widerwillen am Rand des Kraters fest wie schiefe Zähne in einer Mundhöhle voller Fäulnis. Eines davon war Fiannas Haus, das Oz mit jedem Meter, den das Taxi zurücklegte weiter hinter sich ließ.
Sie passierten das Einkaufsviertel mit seinen blinkenden Reklametafeln. Schaufenster warfen bizarre Lichtblitze auf den Gehweg und selbst im Innern des Taxis konnte Oz das hektische Gemurmel des Alltags hören, das die leise Musik, die inzwischen wieder aus dem Radio summte, langsam aber sicher in den Hintergrund drängte. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal hier gewesen war? Höchstens ein paar Wochen, doch es kam ihm wie Jahre vor. Die Vorfreude darauf, sich selbst in das Chaos herumwuselnder, lebender Menschen zu stürzen, kribbelte bis in seine Fingerspitzen hinein. Kurz erwog er den Taxifahrer zu bitten anzuhalten, damit er aussteigen und seinen Weg zu Fuß fortsetzen konnte, eintauchen in die Menge und den lockenden Puls der Lichter und Geräusche. Doch seine Beine waren müde von der langen, unwegsamen Strecke, die er heute bereits gelaufen war und Oz wusste, dass er so wesentlich schneller voran kommen würde.
Wie um seine Geduld auf die Probe zu stellen, sprang die Ampel an der Kreuzung vor ihnen auf Rot und zwang das Taxi zum Halten. Oz warf den Kopf in den Nacken. Auf der Suche nach Ablenkung förderte er sein Handy zutage, ein schlankes, silbernes Objekt, das in hochwertigem metallic-violett schillerte, wenn man es gegen das Licht hielt, und das er sich sicher niemals hätte leisten können. Es war nicht mehr das neuste Model, er besaß es mittlerweile immerhin seit fast zwei Jahren, aber es war sein einziger Bezug zur Realität außerhalb von Sablier. Der Taxifahrer gab Gas. Die Bewegung versetzte den Anhänger eines kleinen Plüschhasen, der in der Klappfalz des Telefons an einer Öse baumelte, in sanfte Schwingung. Ob er anrufen und seinen Besuch ankündigen sollte? Unschlüssig betrachtete Oz wie das Plüschtier ein paar Pirouetten drehte. Wahrscheinlich wurde er sowieso erwartet, immerhin wussten sie beide, was heute für ein Tag war.
„Sieht teuer aus.“
Oz hob den Blick in den Rückspiegel, von wo der Fahrer ihm zunickte. Der Ausschnitt seines Gesichtes war gerade groß genug, dass Oz markante Wangenknochen und ein paar Strähnen kurzes braunes Haar erkennen konnte. Die eckigen Gläser seiner Brille ließen die Züge des Mannes noch kantiger wirken, aber die Augen dahinter blickten aufmerksam und ehrlich zu ihm zurück, bevor sie pflichtbewusst wieder zur Straße wanderten. Ein unbegründeter Anflug von Sympathie überkam Oz. „Mein Sohn wünscht sich auch so eins.“
„Es war ein Geschenk“, erwiderte Oz grinsend. So wie der Mantel, den er trug, auch nur geliehen war. Aber er hatte festgestellt, dass es hilfreich war sein Erscheinungsbild ein wenig herauszuputzen. Die Menschen außerhalb von Sablier schienen ihren Augen mehr zu vertrauen als ihrem Instinkt. Ein Sinn, der so leicht zu täuschen war. Ein beiläufiges Zurschaustellen eines offensichtlichen Wertgegenstandes und schon brauchte Oz nicht einmal mehr zu Lächeln, um zu bekommen, was er wollte. Ob der Taxifahrer auch nur zum Straßenrand geblickt hätte, wenn er gewusst hätte, dass er eigentlich nur ein mittelloser Waisenjunge war? Vermutlich nicht.
Das Taxi bog nach links, runter von der Hauptstraße und Oz steckte das Handy weg, um stattdessen einen Blick auf seine Taschenuhr zu werfen. Sie passte sich perfekt in die Innenfläche seiner Hand und der warme Goldton, mit dem sie überzogen war, blitzte im Schein der hereinfallenden Lichter, ganz so, als freue sie sich über seine Berührung. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sein Fahrer skeptisch eine Braue hochzog. Er war nicht der Erste, der sich darüber wunderte. Dass ihn die Uhr so faszinierte, obwohl sie so gar nicht zu ihm zu passen schien, beschäftigte Oz vielleicht sogar mehr als jeden Fremden, der ihn damit hantieren sah. Er erinnerte sich nicht einmal mehr wie sie in seinen Besitz gelangt war. Nur, dass er furchtbar wütend geworden war, als Lotti, eines der Mädchen aus dem Heim, sie ihm abgenommen hatte. Die Kette war gerissen bei ihrem Streit und Oz hatte ihr dafür zwei Finger gebrochen. Dann hatte er sich in die Stadt geschlichen, um sie reparieren zu lassen. Das war sein erster Besuch in Reveille gewesen. Die Goldschmiedin, die er aufgesucht hatte, war eine seltsame Frau gewesen, mit spitzer Nase und engstehenden Augen, die immer ein bisschen unheilvoll zu funkeln schienen, als wäre all der Schmuck, den sie sah, darin zu einer zähflüssigen Masse geschmolzen. Aber nichtsdestotrotz eine hübsche Frau. Sie hatte ihn in ihr Hinterzimmer geführt und eine neue Kette für die Uhr gefertigt, deren einzelne Glieder dick wie Bleistifte waren. ‚Jetzt ist sie so stabil, dass du damit Köpfe abtrennen kannst‘, hatte sie gesagt und Oz hatte nicht lange gebraucht, um ihr Versprechen zu überprüfen. Jetzt schlief jemand Neues in Lottis Bett.
Seit diesem Vorfall hatte es niemand mehr gewagt, ihn nach der Uhr zu fragen und auch der Taxifahrer schien es sich zweimal zu überlegen, bevor er den Blick wieder aus der Windschutzscheibe richtete. Ein Lächeln stahl sich auf Oz‘ Lippen, als er die Finger über das fein gearbeitete Metall gleiten ließ. Inzwischen war ihm jedes Detail so vertraut, als wären es seine eigenen Hände gewesen, die dieses Kunstwerk geschaffen hatten. Den Deckel der Uhr zierte ein stilisiertes Kreuz, das seine Arme wie zwei sichelförmige Flügel auffächerte. Auf der Rückseite dagegen waren feine Linien hineingearbeitet, dünner noch als sein Fingernagel. Längst konnte er darauf verzichten die Uhr zu wenden, um den Text zu rezitieren. Alles, was dir Angst macht. Alles, was dich traurig macht oder dir wehtut. All das werde ich mit meinen eigenen Händen zerstören. Schon oft hatte er nach einem Hinweis gesucht, wer diese Worte verfasst haben konnte oder für wen sie gedacht sein mochten. Doch es gab weder Initialen, die den Besitzer der Uhr identifizieren konnten, noch eine Widmung, wem dieser merkwürdige Schwur galt. Was immer diese Worte bedeuten mochten, Oz fand, dass es durchaus ein sehr liebenswürdiges Versprechen war. Und manchmal, wenn er einsam war und nachts nicht schlafen konnte, weil der Abgrund, dem er so nah war ein bisschen zu finster war, dann ließ er das Mondlicht auf die Inschrift fallen und träumte davon, dass ihm jemand diese Worte zuflüsterte, um ihn zu trösten.
In einer geübten Bewegung ließ Oz den Deckel der Taschenuhr aufschnappen. Im Vergleich zu ihrem aufwändigen Äußeren war das Innere beinahe erschreckend schlicht. Das Ziffernblatt musste einmal weiß gewesen sein. Nun zeugten vergilbte Flecken vom Alter der Uhr. Römische Ziffern verkündeten in kontrastreichem Schwarz die Uhrzeit. 16:24h. Er kam ein bisschen langsamer voran als er angenommen hatte.
Wortlos ließ Oz den Blick aus der getönten Scheibe schweifen, um sich zu orientieren, als ihm etwas ins Auge fiel. Selbst zwischen all den bunten Schaufenstern und den teils reichlich extravaganten Kleidungsstilen der vielen Passanten, die sich zur besten Geschäftszeit davor tummelten, stach Breaks kleiner Süßwarenladen hervor wie eine Bonbontüte im Milchregal. Oz warf sich gegen die Autotür, um Nase und Handflächen gegen das Glas pressen zu können. Wenn er sich konzentrierte, konnte er die vielen sündigen Leckereien fast riechen, die hinter viel Knall und Glitzer auf ihn warteten. Seine Augen funkelten noch begierig, als das Geschäft längst im toten Winkel verschwunden war. Eine Hand tauchte in seine Tasche, um die Münzen zu zählen, die er zur Verfügung hatte und in der dunklen Tiefe, in der seine Finger das wenige Geld betasteten, kam die Ernüchterung. Den Schein musste er sich für die Buchhandlung aufsparen, das stand außer Frage! Die restlichen sieben Münzen – er zählte lieber noch einmal nach, doch der Betrag änderte sich zu seinem Leidwesen nicht – waren für das Taxi. Unglücklich sank Oz in die Polster zurück. Seine Fingerspitzen trommelten nachdenklich über das Gehäuse der Uhr. Schokolade und Fruchtgummi oder Taxi? Der Duft nach Zucker und Sahne hing ihm noch immer in der Nase. Oz warf einen prüfenden Blick durch den Spiegel auf seinen Fahrer, diesmal bewusst so, dass er mehr als nur sein Gesicht erkennen konnte. Ein hagerer Mann von durchschnittlicher Größe und seiner Statur nach zu urteilen, konnte er diesen Job noch nicht allzu lange ausüben oder er hatte eine zweite Beschäftigung, der er nicht hauptsächlich im Sitzen nachging. So oder so war er vermutlich fit genug, dass Oz schon jede Menge Glück benötigte, um ihn abzuhängen.
Hm.
Sein Chauffeur zuckte überrascht zusammen, als Oz sich nach vorne beugte und einen Arm auf die Lehne des Fahrersitzes stützte. Mit dem rechten deutete er zwischen dem schmalen Spalt der beiden Vordersitze hindurch.
„Ist das Ihr Sohn?“
Am Armaturenbrett klemmte ein Foto, das klassische Abbild einer perfekten kleinen Familie. Mit Sicherheit keine professionelle Aufnahme, denn die Farben wirkten blass und in der unteren rechten Ecke prangte ein dunkler Kaffeefleck. Es war wohl erst nachträglich eingeschweißt worden, um es vor weiterem Schaden zu bewahren. Dennoch betrachtete Oz das Foto mit aufrichtiger Neugier. Der Mann darauf war zweifelsohne derselbe wie hinter dem Steuer. Er hatte einen Arm um seine Frau gelegt und aus seiner Körperhaltung sprachen Stolz und Zuneigung. In ihrer Mitte strahlte ein Junge von vielleicht sieben oder acht Jahren in die Kamera, dessen Haare denselben rotbraunen Farbton wie die seines Vaters hatten. Er sah glücklich aus.
Der Fahrer nickte.
„Sein Name ist Phillip. Er wird diesen Herbst schon elf.“
Oz ließ das Kinn auf den Unterarm sinken und lächelte versonnen. Die Zuwendung, mit der dieser Mann über seinen Sohn sprach, war nicht zu überhören. Für einen Moment schloss Oz die Augen, um das Gefühl friedlicher Wärme ganz für sich zu behalten. Seltsamerweise verspürte er keinerlei Eifersucht. Dann nickte er in Richtung Straßenrand.
„Da vorne rechts bitte. Ich geh den Rest zu Fuß.“
Der Mann lenkte den Wagen aus dem Verkehr und bevor er gänzlich zum Stehen gekommen war, hatte Oz ihm bereits die Kette seiner Taschenuhr um den Hals gelegt. Noch ehe der Mann schreien konnte, hatte das Metall seinen Kehlkopf zerquetscht. Er brauchte nicht viel Kraft. Der Großteil war bloß eine Frage des richtigen Winkels. Und der Erfahrung. In der Stille der eintretenden Verzweiflung war alles, was Oz tun musste, zu warten.
Als er die Arme wieder sinken ließ, fing das Foto seinen Blick ein. Der Junge darauf lächelte noch immer. Also lächelte Oz zurück.

Die Straßen waren brechend voll, die Leute genervt vom Gedränge und der allgemeinen Hektik einer Gesellschaft, die nur schnellstmöglich von einem Ziel zum nächsten hetzte, ohne dem Weg dorthin die geringste Beachtung zu schenken. Oz hatte für die verstimmten Mienen, die ihm begegneten, nur ein verschmitztes Grinsen übrig, während er selbst ebenso flink wie vergnügt durch die Menge schlüpfte. Wie herrlich launenhaft und vielschichtig die Menschen hier waren und wie unglaublich wichtig sie sich nahmen. In Fiannas Haus war das ganz anders. Egal, aus welchen Gründen man dort landete, irgendwann wurden sie alle seltsam.
Es war nicht weit bis zu Breaks Laden, nur noch auf die andere Straßenseite.
Die Türglocke hieß ihn mit einem gackernden Lachen willkommen und leerte sogleich einen Eimer verklumpter und entsprechend harter Eisbonbons über seinem Kopf.
„Aua“, stöhnte Oz unwillig, ehe er einen halbherzig finsteren Blick zur Decke warf. Der Eimer pendelte betont unschuldig hin und her, nur die Puppe, die ihn in ihren unförmigen Händen hielt, griente spöttisch wie eh und je.
„Ah, willkommen junger Herr! Nur hereinspaziert ins Knusperhaus, die Hexe ist heut nicht da“, flötete prompt Breaks immer fröhliche Stimme irgendwo aus dem hinteren Bereich des Ladens. Oz starrte angestrengt zwischen die vielen Regale, die voll waren mit polierten Döschen, glänzenden Tüten und den Verheißungen süßen Genusses und furchtbarer Zahnschmerzen. Obwohl er ein so geübtes Auge besaß, sah er Break erst, als dieser durch die Tür zum Hinterzimmer getänzelt kam. Wie er ihn von dort aus hatte beobachten können, war ein Rätsel, über das er es lieber gleich aufgab, sich den Kopf zu zerbrechen.
Als Oz das erste Mal hierhergekommen war, hatte er sich unter dem Besitzer einen gutmütigen, rundlichen Mann mittleren Alters vorgestellt, der gerne einmal Kostproben seiner neuesten Kreationen anbot. Aber Xerxes Break war grundsätzlich nie das, was man von ihm zu sein erwartete.
Mit dem kinnlangen schlohweißen Haar mochte man ihn auf den ersten Blick für einen alten Mann halten, doch er bewegte sich so grazil zwischen den Tischen hindurch, dass der Eindruck fast augenblicklich Lügen gestraft wurde. Break trug eine schlichte schwarze Hose und hatte, obwohl er sich im wohl temperierten Innern eines Hauses befand, den dazugehörigen Mantel angelegt. Darunter sah Oz violetten Samt aufblitzen und um seinen Hals bauschte sich ein weißes Tuch mit einer Brosche wie einem eigenen Herz in der Mitte. Unter der Krempe eines altmodischen Zylinders funkelte ein sichtbares rotes Auge. Mit dieser Aufmachung wirkte Break inmitten all der bunten Süßwaren so fehl am Platz wie ein Totengräber auf einer Geburtstagsfeier.
Oz deutete zu dem Eimer über der Eingangstür.
„Was ist das für eine Begrüßung? Laufen dir damit nicht die Kunden weg?“
Break kicherte, eine Geste, die eigentümlich falsch und doch schauderhaft passend an ihm wirkte, während er sich an der Schokoladenabteilung vorbei schob.
„Oh, aber Emily besteht darauf persönlich Hallo zu sagen“, flötete er unbekümmert. Emily, das war die Puppe, auch, wenn sie es gar nicht leiden konnte so bezeichnet zu werden. „Früher haben wir den Eimer mit Eiswasser gefüllt, aber das kam wirklich nicht besonders gut an, darum nehmen wir jetzt das Nächstbeste. Passt auch viel besser zum Geschäft, da weiß man gleich, wo man ist.“
Break stand nun direkt vor ihm. Obwohl er Oz nur um knapp einen Kopf überragte, hatte er etwas Einschüchterndes an sich. Musste an dem Hut liegen. Als er sich zu ihm herabbeugte, nah genug, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten, lag eine ungewohnte Ernsthaftigkeit in seiner Stimme. Das einzelne rote Auge schien ihn zu durchdringen als blicke es auf den Grund eines Teiches.
„Aber sag mal, Oz, wo bist du denn nur?“
Was war das für eine seltsame Frage? Oz blinzelte verdutzt.
Da schnellte Breaks Arm hervor, um ein Eisbonbon von seinem Mantel zu pflücken, das nach der unfreiwilligen Dusche von vorhin an ihm kleben geblieben war. Genüsslich schob er es sich in den Mund und setzte dann wesentlich heiterer hinzu. „Hast du dich wieder davongeschlichen?“
Oz setzte ein Grinsen auf. „Hab’s nicht mehr ausgehalten im Abyss.“
Abyss, so lautete der inoffizielle Name für Fiannas Haus, denn das war genau, was das Waisenhaus war. Ein Abgrund, von dem aus man unmöglich noch tiefer sinken konnte. Oz selbst war inzwischen schon so lange dort, dass er aufgehört hatte die Tage zu zählen. Seine Mutter sei bei seiner Geburt gestorben, hatte man ihm erzählt, und sein Vater habe ihn nicht gewollt. Mehr Erklärungen gab es nicht. Oz war es egal. Er konnte sich nicht daran erinnern wie es war ein Zuhause zu haben, aber er wusste mit Sicherheit, dass der Abyss keines war. Niemand scherte sich darum, wenn er ab und an einfach verschwand, vermutlich fiel es nicht einmal jemandem auf.
Break schnalzte auf seine Antwort missbilligend mit der Zunge, doch aus den Augenwinkeln sah Oz ihn feixen. Break wusste genau wovon er sprach und genau das mochte Oz an ihm.
„Serviert die alte Fianna immer noch dieses widerliche schwarze Gebräu, das sie Tee schimpft?“, wollte er wissen und schüttelte sich, als Oz nickte. „Na dann wird es aber Zeit, dass du etwas Vernünftiges vorgesetzt bekommst!“ Mit drei raschen Schritten war Break zur Theke gehüpft, um eine Kanne und zwei Tassen dahinter hervor zu zaubern. Ohne von dem Zuckerdöschen aufzusehen, das sich zu dem Service auf der Tischplatte gesellte, wedelte ihm Break mit der freien Hand zu. „Zu einer ordentlichen Teezeit gehört auch etwas Gebäck. Such was aus.“
Darum ließ sich Oz nicht lange bitten. An der Wand zu seiner Rechten befand sich eine Kühltheke. Nachdenklich ließ Oz den Blick über die Auswahl schweifen, ehe er sich für zwei Desserttörtchen entschied. Viel Creme, viel Sahne und eine Kirsche obendrauf. Perfekt.
„Drei“, trällerte Breaks Stimme von der Theke. „Wir dürfen Emily nicht vergessen!“
Oz beschloss lieber nicht nachzufragen, nahm stattdessen noch einen dritten Teller heraus und balancierte alles zum Tisch herüber. Es gab keine Stühle, darum folgte er Breaks Beispiel und ließ sich kurzerhand ihm gegenüber ebenfalls auf der Tischplatte nieder. Break goss ihm Tee ein. Er dampfte noch, was eigentlich auch kein Wunder war. Break hatte immer eine frische Kanne Tee parat, egal wie unmöglich die Situation auch scheinen mochte. Dankbar schob Oz ihm einen der Teller hin, als unter Breaks flinken Fingern prompt auch das zweite Törtchen auf die gegenüberliegende Tischseite wechselte.
„Ich denke die Portion ist für Emily?“
Auf seinen fragenden Blick hin schnaubte Break bloß. „Sie nascht mir ohnehin schon alles weg! Außerdem schwellen ihre Füße an, wenn sie zu viel Süßes ist und dann liegt sie mir den ganzen Tag damit in den Ohren.“ Er zerkaute die Reste des Bonbons, das er sich eben erst in den Mund gesteckt hatte und schob gleich darauf eine Fingerspitze Tortencreme hinterher, um seufzend die Augen zu schließen. Dann begann er damit Zucker in seine Tasse zu schütten, zwei Löffel, drei, vier…während er eher beiläufig wieder das Wort an Oz richtete. „Also, was führt dich hierher?“
Oz zählte noch zwei weitere Löffel Zucker, die sich in der kleinen Tasse gefährlich auftürmten. Bunte Kleckse dekorierten das weiße Porzellan. Sie bissen sich ziemlich heftig mit Breaks Kleidung, wie er fand. „Eigentlich bin ich auf dem Weg zur Buchhandlung nur hier vorbeigekommen.“
Break schnitt eine Grimasse, ehe er das Döschen zu ihm herüber schob. Bedächtig griff Oz danach. Zucker war ein Luxus, den er sich nur selten gönnte. In Fiannas Haus war der Tee vorschriftsmäßig bitter. Es gab nur eines, was schlimmer war, als eine Horde verwaister Kinder unter Kontrolle zu halten. Eine Horde aufgekratzter Kinder.
Das Foto des lachenden Phillip aus dem Taxi schob sich unvermittelt in seine Gedanken.
Du hast seinen Vater getötet, rief sich Oz ins Gedächtnis. Aber da war noch eine Frau auf dem Bild zu sehen gewesen.
Wenn der Junge Glück hatte, würden ihm Fiannas Haus und ihr ungezuckerter Tee erspart bleiben.
„Bücher“, schmollte Break unterdessen. „Ist es nicht schrecklich, dass sie am Ende immer logisch sein müssen. Warum kann man nicht mal eines nach der letzten Seite zuklappen wie das Leben und sagen hab ich nicht verstanden, war aber witzig.“
„He, sag sowas nicht“, warf Oz dazwischen. „Es muss eine logische Erklärung geben, warum Sir Edwins Brief verloren ging! Ich wette ja, dass Zekred in irgendwelche fiesen Machenschaften verwickelt ist!“
Break stützte das Kinn auf die Handfläche. „Ah, liest du immer noch diese Reihe? Holy Knight, richtig?“
Oz nickte eifrig zur Bestätigung auf beides. Begeisterung glühte in seiner Brust, wann immer er die Gelegenheit bekam über seine liebste Buchreihe zu schwärmen. „Der neue Band ist heute erschienen und ich hab Eliot versprochen ihn sofort zu besorgen. Wir müssen unbedingt wissen wie es weiter geht. Das Ende des letzten Bandes war fies. Sir Edwin steckt mächtig in der Klemme, aber sein treuer Diener Edgar wird sicher rechtzeitig eintreffen, um ihn zu retten!“
„Eliot?“, wiederholte Break, trank einen Schluck und stellte die Tasse dann wieder ab, ohne dabei das Kinn von der Handfläche zu nehmen. „Der Nightray Junge? Ich hab ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“
Oz verzog betrübt die Mundwinkel. Sein gerade noch so heiteres Lächeln verwelkte zu einem schweren Seufzen. „Seine Familie lässt ihn nicht mehr ohne Aufsicht aus dem Haus seit dem…Vorfall. Und ich bezweifle stark, dass sein Vater ihn hierher begleiten würde.“
„Hmm“, machte Break gedehnt, was vielleicht ein Zeichen seiner Zustimmung sein mochte, und viel mehr wusste Oz auch nicht dazu zu sagen. Er bezweifelte, dass irgendjemand tatsächlich wusste, was damals geschehen war. Die Familie Nightray hatte das Thema unter den Teppich gekehrt, sofern es möglich gewesen war, rasch ein paar schwere Möbelstücke darauf geschoben und schwieg nun beharrlich. Und Eliot selbst? Dem waren von jener Erinnerung nur Alpträume geblieben. Nichts, wovon es Oz zugestanden hätte darüber zu sprechen.
Um sich abzulenken, aber auch um ein wenig Trost gegen das klamme Unbehagen in seiner Brust zu finden, legte Oz die Hände um seine Tasse, genoss die Hitze, die in seine Haut drang. Der warme Dampf, der ihm entgegenschlug, vertrieb den kalten Hauch der Sorge. Dankbar trommelten seine Finger gegen das Porzellan, strichen abwesend über die Konturen des abgebildeten pausbäckigen Pinguins darauf. Wie albern, dachte Oz. Ein Pinguin auf einer Tasse mit heißem Tee. Trotzdem musste er grinsen. Das Teeservice, fand er, war ein bisschen wie Break selbst. Wild zusammengewürfelt, aber dennoch liebenswert.
Er schielte zu seinem Kuchenstück. Es war noch unberührt, was sehr für Breaks Selbstbeherrschung sprach, wenn er denn wollte. Plötzlich misstrauisch zog er eine Augenbraue in die Höhe.
„Muss ich das eigentlich bezahlen?“
Mit Unbehagen dachte Oz an die Münzen, die noch in seiner Jackentasche klirrten. Er hatte das Geld für das Taxi gespart. Aber er wusste auch, dass er hier nicht herausspazieren würde, ohne sich die Taschen mit allerhand Leckereien für die nächsten Tage vollzustopfen.
„Papperlapapp!“, tönte Break mit Nachdruck. „Seit wann muss man denn für etwas bezahlen, was man gar nicht bekommt!“ Dann schnappte er ihm den Teller unter der Nase weg. Oz stieß beleidigt die Zunge gegen die Backe.
„Es ist ein Wunder, dass du mir wenigstens den Tee gelassen hast“, sagte er lahm.
Break führte ein Stück Kuchen zum Mund und fuchtelte dann belehrend mit seinem Löffel. „Was wäre ich denn für ein mieser Gastgeber, wenn ich dir gar nichts anbieten würde? Außerdem sagte ich vorhin absichtlich, such etwas aus, und nicht, such dir etwas aus. Du musst eben richtig zuhören.“
„Ich muss mich vor allen Dingen beeilen!“, stieß Oz hervor, während er von der Tischplatte sprang. Bleich und mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Zeiger der Taschenuhr, die er hervorgeholt hatte. Der Buchladen hatte nur bis sechs geöffnet und es war bereits nach fünf! Leise verfluchte er Break und den betörenden Duft nach Süßem, der ihm stets den Kopf verdrehte, während er in Richtung Tür hastete. Break schob sich träge den Teelöffel in den Mund und hob eine Augenbraue.
„Du willst hoffentlich nicht einfach verschwinden ohne vorher mein Geschäft anzukurbeln, wenn du dich schon bei mir durchschnorrst.“ Dann, mit einem Mal offensichtlich ganz in seinem Element, schwang er sich ebenfalls vom Tisch und machte ein paar lange Schritte zwischen die Regale. Oz ließ die Hand von der Türklinke gleiten. Emily kommentiert es mit einem verhaltenen Kichern und Oz hatte das unbestimmte Gefühl blindlings in eine teuflische Falle getappt zu sein. Er hatte doch gewusst, dass er unmöglich einfach so davonkommen würde. Neugierig was Break trieb, stapfte Oz zu ihm zurück.
Als er um die Ecke bog, hangelte sich Break gerade geschickt vom untersten Regalbrett in die Höhe, um eine weitere bunte Verpackung aus dem Regal zu pflücken. Behände wirbelte er herum, die verheißungsvoll knisternde Tüte mit einem breiten Grinsen vor Oz‘ Nase schwenkend, während er ihm seine bisherige Ausbeute kurzerhand auf die Arme lud.
„Das ist meine neuste Kreation“, verkündete er in feierlichem Tonfall. „Zimtzitrone! Probier sie und sag mir, was du davon hältst.“
Oz warf einen Blick auf die zitronengelben Bonbons, die im Innern des durchscheinenden Plastiks raschelten, und wusste, dass er heute Abend Zahnschmerzen haben würde, die es wert waren.
Zielstrebig führte ihn Break noch durch einige weitere Gänge voller Versuchungen, wohl wissend, dass er Oz mit so ziemlich allem ködern konnte, was auch nur annähernd nach Zuckerschock aussah. Zurück bei der Kasse schob Break die leeren Kuchenteller beiseite, während Oz seine Manteltaschen leerte. Missmutig betrachtete er wie die Münzen auf die Tischplatte kullerten, konnte sich aber nicht ganz dazu durchringen ein schlechtes Gewissen zu haben. Als er den mittelschweren Karton mit seinen Einkäufen entgegennahm, beugte sich Break über die Theke, um ihm noch etwas zuzustecken. Oz warf einen irritierten Blick zu dem neuen Gewicht in seiner Tasche.
„Ich hab kein Geld me-“, setzte er an, doch Break schnitt seinen Protest mit einer beiläufigen Bewegung und einem Grinsen ab.
„Für den Nightray Bengel“, erklärte er lapidar und etwas in seinem Auge blitzte verdächtig. „Früher hatte er die am liebsten.“ Oz war nicht sicher, ob er Breaks geheimnisvollem Grinsen trauen konnte, doch bevor er sich entschließen konnte das Angebot abzulehnen, hatte der Ladenbesitzer ihn bereits zur Tür geschoben.
„Und jetzt hopp hopp. Ich wette ja, der gute Reim macht ohnehin wieder Überstunden, aber kein Grund ihn länger als nötig zwischen seinen staubigen Bücherregalen schuften zu lassen, nicht wahr.“
Die Buchhandlung, richtig! Ein wenig unbeholfen stolperte Oz auf den Gehweg. Als er einen Blick zurück warf, sah er noch wie Break eine Leiter heranzog, um Emilys Eimer mit neuer Munition für den nächsten unglückseligen Gast zu bestücken.

Zur Buchhandlung ging es nach links, ein paar Querstraßen aus dem Zentrum heraus. Oz wandte sich nach rechts, klemmte sich den Karton unter die Arme, steckte die Hände in die Manteltaschen und schlug ein gemächliches Tempo an. Er würde sich beeilen, sobald er das hier erledigt hatte.
Das Taxi stand noch genauso da, wie er es verlassen hatte. Doch inzwischen hatte sich eine Traube Schaulustiger darum versammelt. Zwei Männer unterhielten sich mit gedämpften Stimmen und verhärmten Mienen. Eine Frau, etwas weiter vorn, hatte die Hand vor den Mund geschlagen. Sie war blass, machte aber keine Anstalten sich von dem verstörenden Anblick abzuwenden. Oz schüttelte leicht den Kopf. Wie widersinnig die Menschen sich manchmal verhielten. Er selbst heuchelte kindliche Neugier, während er sich zwischen den Passanten in die erste Reihe vor schob, wo ein uniformierter Polizist mit hektischen Handbewegungen und beruhigenden Worten versuchte die Gaffer auf Distanz zu halten. Sein Kollege stand etwas abseits der Motorhaube und befragte die ersten Zeugen.
„Was ist denn passiert?“
Es dauerte zehn Sekunden bis der Beamte ihn bemerkte. Er trat einen autoritären Schritt auf ihn zu, suchte einen Moment lang in der Menge nach einem Elternteil oder einer anderen Aufsichtsperson, ehe er Oz die Handballen auf die Schultern legte, um ihn nicht unsanft aber bestimmt zurückzuschieben.
„Das ist nichts, was du sehen solltest, Junge.“
Genau, worauf Oz spekuliert hatte. Das war nicht sein erster Tatort und es war immer klüger sich von anderen darum bitten zu lassen zu gehen, als dabei gesehen zu werden wie man wegrannte. Es war immerhin möglich, dass ihn vorhin jemand aus Richtung des Taxis hatte kommen sehen, der sich an ihn erinnerte. Er zog empört die Nase kraus, der Gesichtsausdruck, den der Mann sehen wollte, murmelte etwas von ‚Gemeinheit‘ und drückte sich dann schmollend durch die Menschentraube zurück auf den Gehweg.
Erst zwei Straßen und einen raschen Blick auf die Uhr später sprintete er.

Es dämmerte als Oz am anderen Ende der Stadt angelangt war, den Karton mit Breaks Süßigkeiten nach wie vor unter den Arm geklemmt und den Holy Knight Band wie einen kostbaren Schatz in der Innentasche des Mantels verstaut, von dem er jetzt froh war, dass er ihm ein wenig zu groß war. So stachen ihm die Kanten des Buches nicht unangenehm in die Seiten, wenn er sich bewegte. Er legte den Kopf in den Nacken und spähte an der Fassade des eindrucksvollen Herrenhauses empor. Blätter und Geäst versperrten den direkten Blick in das Fenster im zweiten Stock, doch die Lücken im nicht mehr ganz so dichten Laub genügten, um zu erkennen, dass dahinter kein Licht brannte. Ob Eliot schon schlief? Sicher nicht.
Oz trat an den Baum heran, der bei Tag angenehm kühlen Schatten auf die Flanke der Villa warf, legte den Karton ins Gras und schlang die Arme um den breiten Stamm. Klettern, hatte er früh festgestellt, war nicht so einfach wie es aussah. Doch der Baum war alt und seine Finger und Fußspitzen fanden guten Halt an der rauen Rinde, die er jedes Mal erklomm, wenn er hierher kam. Als sich die ersten Äste abspalteten, war es einfacher sich daran in die Höhe zu hieven. Dennoch waren seine Hände bald klamm vom Schweiß. Bevor Oz nah genug war, um an die Scheibe zu klopfen, glitt seine Rechte ins Leere. Schreck fuhr in seine Fingerspitzen, betäubte das Gefühl darin mit kribbelnder Kälte. Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, warf er sich der Länge nach auf den Ast, den anderen Arm krampfhaft darum geschlungen. Ein Ächzen entwich zwischen seinen Lippen, als sein Kiefer schmerzhaft gegen das Holz prallte und ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Benommen blieb er liegen und zwang sich nicht nach unten zu sehen oder daran zu denken, dass seine Beine haltlos in die Tiefe baumelten. Dann ging das Fenster auf.
Eliots sandpapierblondes Haar hob sich matt leuchtend von der Dunkelheit im Zimmer hinter ihm ab, als er an die Öffnung trat, eine Hand auf den Rahmen gestützt. Aus der leichten Schrägneigung seines Kopfes sprach Skepsis. Er hatte die Nase kraus gezogen und die harte Linie seiner Brauen zuckte bedrohlich Richtung Missbilligung. Ein Gesichtsausdruck, der so typisch für ihn war, dass Oz seine missliche Lage ganz vergaß.
„Sag mal, musst du hier so einen Heidenlärm veranstalten?“, fuhr ihn Eliot nur mit mühsam beherrschter Stimme an. Er schien seine eigene Warnung selbst nicht ganz befolgen zu können. „Was, wenn meine Schwester dich hier findet? Es gibt einen Grund wieso wir uns darauf geeinigt haben, dass du nicht durch die Tür spazierst, Dummkopf.“ Dann stutzte er. Oz beobachtete interessiert wie sich die steile Falte auf seiner Stirn etwas glättete, um Verwirrung Platz zu machen. „Was machst du da überhaupt?“ Er gestikulierte vage in Oz‘ Richtung. „Man könnte meinen nach so vielen Versuchen stellst du dich etwas geschickter an beim Klettern.“
Oz überlegte kurz, verzichtete dann aber darauf ihm die Zunge herauszustrecken. Stattdessen stemmte er sich hoch. „Hey Eliot“, grüßte er, nachdem er endlich zu Wort kam. Das Grinsen musste wohl aus seiner Stimme geklungen haben, denn Eliot schnaubte resigniert und streckte ihm dann den Arm entgegen, um ihm über das Fensterbrett zu helfen.
Oz war froh von dem unbequemen Geäst herunter zu sein und wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erleichtert betastete er sein Kinn. Die Haut war ein wenig aufgeschürft und seine Zähne schmerzten noch von dem harten Aufprall, doch sonst schien nichts weiter passiert zu sein. Im Grunde hatte Eliot ja Recht damit ihn auszuschimpfen. Er war schon mehr als einmal kurz davor gewesen herunterzufallen, von den anderen Malen, in denen er tatsächlich Bekanntschaft mit dem Boden gemacht hatte, ganz zu schweigen. Dass er noch nicht aufgeflogen war, war meist Eliots schnellen Ablenkungsmanövern zu verdanken. Doch irgendwie gehörte das dazu. Seine miserablen Kletterkünste und Eliots Gekeife danach waren so wohlig vertraut, an diesem Ort, an dem ihn sonst niemand haben wollte. Es fühlte sich auf jeden Fall mehr an wie nach Hause zu kommen als Fiannas Haus.
Neugierig blickte sich Oz im Halbdunkel des Zimmers um, ehe er sich wieder Eliot zuwandte, der noch am Fenster stand und keine Anstalten machte die angenehme Abendluft auszusperren. Der Wind, der durch die ausladende Baumkrone strich, spielte mit seinem Haar.
„Warum hast du kein Licht an?“, wollte er wissen, ahnte zugleich aber die Antwort.
Eliot zuckte mit den Schultern. „Macht sowieso keinen Unterschied“, brummte er, durchquerte dann allerdings doch den Raum. Er fand den Lichtschalter sofort. Helligkeit flammte auf und Oz ließ sich dankbar auf das frisch zurechtgemachte Bett fallen, während eine sanfte Wärme in alle Winkel des Zimmers kroch. Im Abyss war es finster genug. Wenn er bei Eliot war, wollte er ein bisschen von dem Licht abhaben, das ihn nur so schwer erreichte. Als Eliot energisch neben ihm auf die Matratze sank, federten ihre Füße einen Augenblick lang in der Luft. Eliot stemmte die Hände hinter dem Rücken auf die Decke und als er seinen Blick einfing, brach ein Anflug vorfreudiger Erwartung unter der sonst so finsteren Miene hervor, der Oz lachen ließ.
„Hast du den Band dabei, Knirps?“
Oz nickte beschwingt, bevor ihm wieder einfiel, dass Eliot ihn nicht sehen konnte. „Ja, und deinen Mantel.“ Er hatte eine Schulter bereits aus dem Ärmel gewunden, als Eliot die Hände hinter dem Kopf verschränkte, sich rücklings fallen ließ und meinte: „Behalt ihn noch, wir brauchen ihn nachher sowieso.“
Gehorsam rückte Oz die Jacke wieder zurecht, da fiel ihm der Inhalt der anderen Tasche ein.
„Ich hab noch was für dich. Soll ich dir von Break geben“, erklärte er und kramte die Tüte hervor, die Break ihm zugesteckt hatte. Neben ihm schoss Eliot in die Höhe. Vorsichtiges Misstrauen verdunkelte bei der Erwähnung von Breaks Namen seine Züge.
„Nichts Explosives oder Giftiges will ich hoffen.“
„Keine Ahnung, ich hab vergessen reinzusehen.“
„Mach es nicht hier auf!“, schnappte Eliot, der ein Gesicht zog, als überlege er unter das Bett in Deckung zu hechten. Oz spähte rasch auf das Päckchen in seinem Schoß.
„Entwarnung“, scherzte er dann, „nur ein Gefahrstoff für Diabetiker.“
Eliot stieß schnaubend den Atem aus der Nase und langte dann nach der Tüte, um ein Fruchtgummi herauszunehmen und in der Hand zu drehen. Während er die Konturen mit den Fingern nachfuhr, betrachtete Oz fasziniert wie die feinen Muskeln in seinem Gesicht zu arbeiten begannen, die Linien, die er spürte, in seinem Kopf zu  einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügten. Erkennen huschte über sein Gesicht, dann schnitt er eine Grimasse.
„Ist das…?“
Oz grinste und machte dem Namen auf der Plastikpackung damit alle Ehre. Grinsekatze-Fruchtgummis stand in geschwungenen schwarzen Lettern darauf zu lesen und daneben ein rundes Katzengesicht mit rot blitzenden Augen. Es war ein offenes Geheimnis zwischen ihnen beiden, dass Eliot eine Schwäche für Katzen hatte und nur eine Frage der Zeit gewesen bis Break ebenfalls Lunte gerochen hatte.
„Break weiß eben immer genau, was man am liebsten mag.“
„Dieser Mistkerl!“ Eliot fluchte herzhaft, schnupperte dann zaghaft an dem Naschwerk als erwarte er immer noch es könne ihn jeden Moment anspringen, nur um es sich schlussendlich doch mit einer resoluten Geste in den Mund zu schieben.
Amüsement zuckte um Oz‘ Lippen.
„Ich glaube, das ist seine Art zu sagen, dass er dich vermisst.“
Hitze schoss in Eliots Wangen, zog eine Spur hektischer roter Flecke seinen Hals hinab, wie jedes Mal, wenn ihm etwas peinlich war. Um seine Verlegenheit zu überspielen, verdrehte er die Augen. Seit sie einander kannten, überlief Oz ein Schaudern wenn er das tat, wenn das trübe Blassblau seiner Iris kaum zu unterscheiden war von dem Weiß, in das sie eingebettet war. Dabei mochte er Eliots Augen eigentlich, auch, wenn sie nur noch ins Dunkel blicken konnten.
„Kennt der Clown denn keine anderen Leute, denen er auf den Geist gehen könnte.“
„Er hat nach dir gefragt.“
Obwohl er es vermied Eliot dabei direkt anzusehen, stattdessen seinen Blick über die Gegenstände auf dem Schreibtisch schräg gegenüber tasten ließ, spürte Oz welches Unbehagen die Worte in seinem Freund auslösten. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Eliot sich über die Brust rieb, an der Stelle, wo das Mal seine Haut verätzt hatte, als könne er es mit dieser Geste einfach wegwischen. Ob es ihm Schmerzen bereitete? Oz wusste nicht, wie oft er diese Frage schon gedacht, jedoch nie gestellt hatte. Eliot wollte nicht darüber reden und immer wenn Oz die Bilder in seinen eigenen Erinnerungen an die Oberfläche zerrte, wollte auch er am liebsten nur vergessen, was er gesehen hatte. Noch ein Grund mehr Sablier zu hassen, den Ort, wo Eliots Blut in den Staub geflossen war. Weil er zu spät gekommen war. Weil, als er endlich angekommen war, Eliot schon dagelegen hatte, mit leerem Blick, und die Fetzen seines Oberteils nicht mehr genug verborgen hatten. Das war das erste und einzige Mal gewesen, dass Oz das Zeichen gesehen hatte, das ihn vergiftete und dass ihm Eliot irgendwann wegnehmen würde.
„Hör auf.“ Eliot stieß ihm unsanft den Ellbogen in die Seite und die unliebsamen Bilder in seinem Kopf sanken in Nebel gekleidet zurück auf den Grund, aus dem sie aufgewirbelt waren. Oz löste die kalten Finger seiner Faust, die er unbewusst um die Uhr in seiner Tasche geballt hatte. Während er zu Eliot aufsah, dessen Mundwinkel im Profil irgendwo zwischen unsicher und genervt zuckte, glitten die Konturen des unbekannten Schwures unter seinen Fingerkuppen hinweg.
Alles, was dir Angst macht. Alles, was dich traurig macht oder dir wehtut. All das werde ich mit meinen eigenen Händen zerstören.
Er war noch immer nicht schlauer, was die Worte bedeuten mochten, fand sie aber plötzlich sehr passend. Schließlich war er hier, um genau das zu tun. Ihn vor den Dingen zu retten, die ihn unglücklich machten. Dieses Zimmer, dieses Anwesen, in das ihn seine Familie seit Sablier einsperrte. Zu seinem Schutz.
Ich kann dich beschützen. Ich konnte es damals nicht, aber ich kann es jetzt.
Mit neuem Elan schwang sich Oz von der Bettkante.
„Ich bin dein Edgar“, verkündete er laut, woraufhin Eliot mürrisch die Lippen verzog.
„Aber ich kann Edgar nicht ausstehen.“
Oz überhörte seinen frevelhaften Protest einfach. „Komm, hoch mit dir. Wir haben eine Intrige aufzudecken!“ Die Aussicht auf die versprochene Lektüre schmolz Eliots Widerstand in Sekundenschnelle. Er ließ sich ebenfalls auf die Beine ziehen, herüber zum anderen Ende des Zimmers, zögerte dann aber, als Oz ihn losließ, um aus dem Fenster zu schlüpfen. Das Laub des dicken Astes raschelte, als er sein Gewicht trug. Sie hatten das schon oft getan, weil es der einzige Weg war unbemerkt aus Eliots Zimmer zu schleichen. Dennoch war der eine Schritt vom Fensterbrett nach draußen für Eliot jedes Mal auch ein Schritt ins Leere. Oz konnte nur spekulieren, wie es sein musste blind ins Nichts zu treten.
Mit Zuversicht in der Stimme drehte er sich zu seinem Freund herum.
„Wenn du fällst, dann fang ich dich.“
Das kitzelte ein neckisches Lachen aus Eliots Kehle. „Dein Talent bringt es noch fertig, dass wir uns beide dabei den Hals brechen.“
„Nur fürs Protokoll, ich habe mir noch nie etwas gebrochen.“
„Gefallen bist du aber schon ziemlich oft“, schoss Eliot zurück.
„Aber du noch nicht.“
Eliot krallte eine Hand in den Fensterrahmen, während er vorsichtig nach dem Ast darunter tastete. Oz dirigierte seinen Fuß beiläufig ein Stück nach links. „Klar“, schnaubte er stolz, „weil ich besser darin bin als du, Edgar-Knirps.“
Die Sticheleien vereinfachten den Abstieg ungemein. Eliot brauchte nur Oz‘ Stimme zu folgen, die ihm im Spiel ihres Hin und Her Kontra gab, ohne sich zwischen den ständigen Richtungsanweisungen, die sonst nötig gewesen wären, hilflos zu fühlen. Während Oz sich den letzten halben Meter ins Gras plumpsen ließ, streckte Eliot die Zehenspitzen zum Boden.
„Mir graut es jetzt schon, wenn ich daran denke, dass ich da nachher wieder hoch muss.“
Oz klaubte derweil den Karton mit Breaks restlichen Süßigkeiten auf, den er am Fuß des Baumstammes liegen gelassen hatte.
„Was musst du auch im zweiten Stock wohnen.“
„Da ist die Aussicht so toll.“
Oz warf ihm eine Tüte Kaubonbons an den Kopf, musste sich dann aber selbst bücken um sie wieder aufzuheben, weil Eliot unschuldig die Schultern hob.
„Ich kann leider nicht sehen, wo es hingefallen ist.“
„Blödmann.“
Eliot wischte sich sichtlich zufrieden die Handflächen an der Hose ab und nickte dann mit dem Kopf, weg vom Herrenhaus, in das Zwielicht der Dämmerung, wo der Duft des Gartens und der noch ungeöffneten Buchseiten auf sie wartete.
Sie schlenderten nebeneinander über die sanfte Kurve, die der grasbewachsene Hügel beschrieb, fort von den vorgezeichneten Wegen. Dort, wo der Lichtschein der Lampen, der den hellen Kies zwischen den Rosenhecken bestrahlte, gerade noch bis zu ihnen heran kroch, breitete Oz den Mantel über den Rasen. Der Abendwind war so warm, wie es das Radio im Taxi versprochen hatte, nur das Gras würde feucht werden, sobald die Sonne gänzlich untergegangen war und so rasch wollte Oz nicht wieder zurückkehren müssen.
Mit einem entspannten Seufzen sank er auf die provisorische Decke. Er verstreute die mitgebrachten Süßigkeiten in ihrer Mitte, räusperte sich und wollte das Buch aufschlagen, als Eliot es ihm mit einer flinken Bewegung zielsicher aus der Hand schnappte.
„He?!“
Oz’ verdutzter Einwand erstarb auf halber Strecke, sobald Eliot den Kopf in seinen Schoß gebettet hatte und ihm den Band mit einem selbstgefälligen Grinsen wieder unter die Nase hielt.
„Hab dich nicht so, Kleiner. Ich will nur verhindern, dass du mich hier draußen einfach aussetzt.“
Als ob, dachte Oz. Ich möchte genauso wenig alleine im Dunkeln gelassen werden wie du.
Eliot wandte sein Gesicht zum Himmel. Ein blasser Schatten huschte über die feinen Muskeln unter seiner Haut, als er die Stirn kraus zog.
„Wenn ich einschlafe“, sagte er langsam und Oz fühlte das Zittern in seinen Schultern, eine Angst, die er verstand. „Wenn ich träume, dann will ich, dass du mich aufweckst.“
Alles, was dir Angst macht. Alles, was dich traurig macht oder dir wehtut. All das werde ich mit meinen eigenen Händen zerstören.
„Das werde ich“, versprach er. Aber fürs Erste griffen seine Hände nur nach Holy Knight und der gedämpfte Tonfall seiner Stimme trug eine Geschichte, die sie beide verband, über den Garten, während er Eliot vorlas.


                             .
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast