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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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Dieses Kapitel
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17.01.2016 1.401
 
„Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen? Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden. Seht, ich lehre euch den Übermenschen, in ihm kann eure große Verachtung untergehn. Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der großen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso die Vernunft und eure Tugend.“
- aus 'Also sprach Zarathustra', Friedrich Nietzsche

Es war Bettys dreizehnter Todestag. Er konnte nicht fassen, dass es tatsächlich schon so lange her sein sollte. Er erinnerte sich noch ziemlich genau daran wie er sie ein letztes Mal besucht hatte, er hatte ein Geburtstagsgeschenk ausgepackt und dann war sie gestorben.
Nicht, dass es nicht abzusehen gewesen wäre, doch war er dennoch geschockt gewesen, als es tatsächlich passiert war. Man konnte noch so sehr mit dem Tod eines Menschen rechnen, man würde doch immer überfordert und überrascht sein. Man würde immer verärgert sein, dass man nicht doch einen Tag mehr mit dem Verstorbenen hatte verbringen können.
Der Mensch war generell mit allem unzufrieden. Auch er, das war ihm bewusst, er wollte sich gar nicht davon freisprechen. Besonders in den letzten Jahren war er es nicht gewesen.
Nun gehörte er zu den Geächteten, den Wertlosen. Er war arbeitslos, hatte zwar noch seine Wohnung gehabt, aber es reichte den meisten zu wissen, dass er seinen Lebensunterhalt nicht auf die herkömmliche Weise verdiente, deshalb auch die ständigen Besuche der Fingermänner, die ihn 'mal untersuchen sollten', wie sie es formuliert hatten.
Er war mittlerweile knapp zehn Mal wegen 'Verhaltensauffälligkeit' angezeigt worden und er hatte geduldig auf den Tag gewartet, an dem er endlich verhaftet wurde. Doch er hatte sehr viel länger gewartet als zunächst gedacht. Auch die neuen Regierungsorgane arbeiteten nicht schneller, nur weil sie bösartiger waren gegen jede Art von Mensch, die nicht in ihr Weltbild passte.
Letztendlich hatten sie ihn doch geholt, am vierten November des Jahres 2028. Er hatte einen sehr kurzen Prozess bekommen, den man eigentlich kaum als solchen bezeichnen konnte, aber er wollte ihnen wenigstens das zugestehen.
Immerhin war er kein Jurist, der das Gegenteil schlüssig beweisen konnte. Einen Anwalt hatte er auch nicht, also war Gegenwehr hinfällig. Jetzt saß er in einem Transportwagen, zusammen mit fünfzehn anderen verhafteten Menschen und sie wurden irgendwo hingebracht, niemand wusste wohin.
Es war ohnehin egal, denn höchstwahrscheinlich gingen sie in den Tod und das stand jedem einzelnen von ihnen ins Gesicht geschrieben, nein, beinahe gemeißelt. Er kam sich vor wie ein roher Marmorstein, der nur noch von Sutler und Creedy bearbeitet werden sollte. Sie meißelten ihnen allen ein Gesicht der Angst ein, eine verzerrte Fratze.
Das immer lächelnde Gesicht Guy Fawkes' fiel ihm unwillkürlich bei diesem Gedanken ein, denn er strahlte immer den gleichen Mut aus, hatte niemals Angst und war tatsächlich für seine Sache in den Tod gegangen. Eine Tatsache, die er jetzt beneidete, denn augenblicklich wünschte er sich, dass er vielleicht die Zeit zurückdrehen konnte, um alle gescheiterten Versuche zu wiederholen und seine Anfängerfehler korrigieren zu können.
Leider bekäme er die Chance nicht mehr, wahrscheinlich sogar nie wieder, aber das war schon in Ordnung, immerhin hatte er es versucht...
Regentropfen liefen unaufhörlich an der beschlagenen Scheibe des Transporters nach unten und er konnte nicht viel erkennen. Sie fuhren auf jeden Fall aus London raus, aber die Schilder an den Straßen waren abmontiert worden, um ihnen die Orientierung zu nehmen, wie er vermutete. Clever, so konnte niemand verraten wo sie waren, falls jemand jemals die Flucht schaffen sollte.
Er ging trotzdem nicht davon aus, dass es so weit kommen konnte, denn die Menschen waren sorgfältig und organisiert, das sah man schon daran wie der Gefangenentransport vonstatten gegangen war. Einfach wie ein Schweizer Uhrwerk, präzise und perfekt.
Sie fuhren noch etwa eine halbe Stunde durch den unaufhörlichen Regen, der passte zum Datum, denn Betty war – wie gesagt – schon dreizehn Jahre lang tot. Sie wäre sicher daran interessiert gewesen wie er sich entwickelt hatte, doch wäre sie enttäuscht. Mit Sicherheit.
Er hatte seine Psychologin auch seit einer Ewigkeit nicht mehr besucht, das war aber auch der Tatsache geschuldet, dass sie unter ihrer Telefonnummer im Provinzkrankenhaus nicht mehr zu erreichen gewesen war. Mit etwas mehr Mühe hätte er sie sicher finden können, doch hatte er die Befürchtung gehabt, selbst wieder enttäuscht zu werden, so wie bei ihrem letzten Treffen.
Unter Umständen war sie aber auch schon längst verhaftet und irgendwo verscharrt worden, das war die näherliegende Erklärung. So hart es klang, aber es war eben so, dass einem in dieser Welt nichts geschenkt wurde.
Ihm selbst ja auch nicht, also würde es ihn nicht verwundern, wenn alle, die er je gekannt hatte, ebenfalls in einem von innen beschlagenen Transporter im Regen aus London heraus gekarrt worden wären.
In diesem Moment fühlte er sich ein wenig so wie ein Zuchtschwein, das in einem LKW, eng zusammengepfercht mit anderen Leidensgenossen, zum Schlächter gebracht wurde. Fressen oder gefressen werden... Er hätte sich fürs Fressen entscheiden sollen, aber es war nun einmal zu spät sich jetzt noch über Entscheidungen zu ärgern. Er würde das hier wahrscheinlich eh nicht überleben. Wenn doch, dann würde er sicherlich seine zweite Chance zu nutzen wissen, da war er sich sicher.
Falls er also – durch welche Umstände auch immer hervorgerufen – eine zweite Chance bekommen sollte, was doch so selten vorkam, so würde er sie effektiv nutzen und England aufrütteln, und wenn es mehrere Dekaden dauern sollte, das war ihm egal. Nochmal würde ihm das sicher nicht passieren.
Sie fuhren gerade auf ein eingezäuntes und streng bewachtes Gelände. Interessiert sah er sich um, auch wenn sein Herz raste wie nach einem längeren Lauf. Innerlich wappnete er sich dafür, dass es von allem das letzte sein könnte, was er machte. Ein letztes Mal atmen, ein letzter Herzschlag, ein letztes Mal Angst vor den Konsequenzen. Ein letztes Mal verstecken.
Sie würden nichts aus ihm herausbekommen, ganz egal wie viele Fragen sie ihm stellen würden. Er würde nicht antworten. Wenn sie ihm überhaupt Fragen stellen wollten, denn bei der Massenabfertigung, die er im Hof vor einem Gebäude erkennen konnte, ahnte er, dass hier aus einer ganz anderen Motivation gehandelt wurde.
Mehrere Transporter standen bereits vor dem Gebäude im Regen und er sah sich die Menschenmengen an, die gerade in das Gebäude geführt wurden. Einige Pseudo-Soldaten führten die Gruppen an und er musste unwillkürlich an die Konzentrationslager der Nationalsozialisten denken, von denen er immer wieder Bilder in seinen Geschichtsbüchern gefunden hatte.
Seine Garage konnten sie ihm auch nicht nehmen, er hatte keinen Hinweis bei sich in der Wohnung hinterlassen, immer alles direkt vor Ort geregelt und der Vermieter selbst war auch vor ein paar Wochen verschwunden, der würde ihn also auch nicht verraten. Seine Gedanken und sein wertvollster Besitz waren also geschützt.
Der Transporter hielt an und sie bekamen den Befehl aufzustehen und aus dem Wagen herauszugehen, in Zweiergruppen aufgestellt. Es wurde ja immer besser. Was auch immer hier vorging, es hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit...
„Willkommen in Larkhill“, dröhnte gerade die Stimme eines Mannes in Uniform zu ihnen herüber, während sie im strömenden Regen standen.
„Sie wissen sicher alle, weshalb sie hier sind“, behauptete er danach und er hätte beinahe laut aufgelacht, wenn nicht mehrere Maschinengewehre auf sie gerichtet gewesen wären. Die Szenerie war grotesk, einfach verzerrt und auf eine absurde Art und Weise entbehrte sie auch nicht der Prise Komik, die man beinahe erwarten würde.
„Sie werden jetzt ihrer Kleidung entledigt und dann werden Sie zu Ihren Zellen gebracht“, verkündete der Uniformierte und dann geschah auch direkt das Angekündigte. Sie hatten es also eilig. Während er mit den anderen in das Gebäude geführt wurde, schlug ihm der ekelhafte Geruch von Verwesung entgegen, sie hatten wahrscheinlich hier draußen im Hof ein Massengrab.
Es war also doch definitiv vergleichbar mit...
„Hey, bist du taub?“ wurde sein Gedanke unterbrochen und er wurde unsanft am Arm gepackt. Dann wurde er auf einen Stuhl gedrückt, hinter ihm ertönte ein summendes Geräusch, ein Rasierer. Sein Kopf wurde innerhalb von ein paar Minuten kahlgeschoren und direkt darauf führte man ihn schon in eine nummerierte Zelle.
Auf seiner Tür war eine römische Fünf. An diesem verregneten fünften November betrat er die Zelle mit der Nummer Fünf. V.

Der Rest ist Geschichte.
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