Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
Alle Kapitel
35 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.01.2016 582
 
Die Sache mit der Krankheit in St. Mary's war einfach unfassbar. Die Amerikaner sollen doch tatsächlich das Wasser vergiftet haben, um hier Menschen zu töten. Ein unvorstellbarer Akt der Grausamkeit, einfach schrecklich.
Er hatte es aus den Nachrichten erfahren und das nicht mal bei sich vor dem privaten Fernseher, sondern in einem Geschäft, das Fernsehgeräte verkaufte und deren Bildschirmqualität jeden Tag im Schaufenster demonstriert wurde.
Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet und kurz darauf – sogar sehr kurz darauf – hatte Sutler eine Rede ans Volk gehalten, die den Frieden versprach und die Verantwortlichen sehr schnell zur Rechenschaft ziehen wollte.
Irgendetwas war nicht in Ordnung an der Sache, es war einfach zu... glatt. Einen anderen Begriff dafür fand er nicht, es war nicht wirklich in Worte zu fassen. Es wirkte einfach wie ein abgekartetes Spiel.
Er ging, nachdem er sich irgendwann von den Bildschirmen hatte lösen können, weiter durch die Straßen und versuchte klar zu denken. Es war nicht möglich, nicht jetzt. Abgelenkt lief er beinahe durch die Straßen Londons und versuchte irgendwie ruhig zu bleiben.
Es war denkbar, dass das ein Anschlag auf die englische Bevölkerung war. Aber es war genau so gut denkbar, dass das alles eine einzige Farce war. Eine Inszenierung auf höchstem Niveau. Würde aber Sutler und seine Anhängerschaft wirklich so etwas tun?
Das traute er selbst denen nicht zu... Dazu war diese Regierung doch wohl nicht in der Lage, oder? Oder doch? Er könnte sich auch einfach nur in den Hass gegen die Politik in diesem Lande verlaufen haben, dass er schon anfing Gespenster zu sehen. Das war wahrscheinlich der Grund, er sah nicht mehr klar, sondern verschwommen.
Es vermischte sich alles zu einem einzigen Bösen, das das Gesicht Sutlers trug. Kein Wunder, das Gesicht passte auch hervorragend zum personifizierten Unangenehmen... Aber er würde sicher keine Kinder vergiften. Nein, für so skrupellos hielt er diesen Mann nun auch nicht.
Er ging ein Stück weiter und lief aus Versehen in eine Frau rein, die ein kleines Mädchen an ihrer Hand hatte. Beide sahen sie ziemlich bedrückt aus.
„Entschuldigen Sie, ich habe nicht aufgepasst“, sagte er aufrichtig empört über sein eigenes Benehmen und sah die Frau genauer an. Er kannte sie, sie war die Frau, die er in seinem allerersten Interview für die eingestampfte Zeitung befragt hatte.
Das kleine Baby, das sie damals im Arm gehalten hatte, das war nun wohl das Mädchen, das neben ihr ging.
„Nein, nein, ich muss mich entschuldigen, ich stehe etwas neben mir“, sagte sie mit zitternder Stimme und sah zu ihm auf.
„Sie sind doch...?“ begann sie irritiert und deutete auf ihn.
„Ja, Ma'am, bin ich. Wie ist es Ihnen ergangen seit dem Vorfall? Haben Ihre Nachbarn sich damit abgefunden, dass nicht jeder der Lüge verfällt?“
Sie sah sehr verhärmt aus, irgendwie kränklich und ziemlich müde. Die Tochter, Evey wie er sich erinnerte, schien verängstigt.
„Na ja, sie haben uns irgendwann in Ruhe gelassen. Aber das ist ohnehin nicht mehr das größte Problem... Unser Sohn ist... Er ging auf die St. Mary's Schule und mein Mann ist gerade bei ihm. Ach, Verzeihung, ich sollte Sie nicht mit meinen Problemen belästigen“, sagte sie aufgebracht und ziemlich durcheinander.
Dann sah sie ihn noch einmal an und ging dann mit ihrer Tochter weiter. Sie drehte sich ein letztes Mal um und rief eine Verabschiedung, dann verschmolzen die beiden Gestalten mit der Menge der Fußgänger.
Fassungslos stand er einfach da und sah ihnen nach. Dazu fiel ihm einfach nichts ein.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast