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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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14.01.2016 480
 
„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“
- Mahatma Gandhi (1869 – 1948)

Seit er im November frühzeitig entdeckt worden war, hatte sich keine zweite Gelegenheit geboten Iustitia von ihrem Leid zu erlösen. Er fand keine zweite Möglichkeit, denn der Moment wäre einfach perfekt gewesen. Feuerwerk, Sprengung, Tschaikowski... Es war alles geplant gewesen, aber eben nicht zur Ausführung gelangt.
Gerade saß er in seinem Arbeitszimmer in seiner kleinen Wohnung und dachte weiter darüber nach. Er war immer noch nicht verhaftet worden. Eigentlich hätte das schon längst geschehen müssen. Nicht, dass er darauf hoffte, doch war es bei allen anderen geschehen, nur bei ihm nicht. Seltsamerweise. Oder glücklicherweise, er wollte das noch entscheiden.
Die Zeitung war mittlerweile verboten und aufgelöst, seine restlichen Mitarbeiter waren ebenfalls verschwunden. Also – wie gesagt – er wartete förmlich auf seinen Transport ins ewige Nichts. In die Vergessenheit.
Am Nachmittag war er nochmal in seine kleine Mietgarage gefahren und hatte in seinen alten Büchern umher geblättert. Und dabei war ihm wieder diese Ironie aufgefallen, nämlich dass die Menschen der heutigen Zeit eigentlich wussten wie es zu Diktaturen wie der Sutlers kommen konnte und wie diese Diktaturen eben vorgingen.
Erst 'offizieller Wahlsieg', dann Etablierung von neuen 'Ausnahme-' oder 'Notstandsgesetzen', dann Überwachung und Angst als Einschüchterungsmittel und letztendlich die willkürliche Dezimierung ungeliebter Bevölkerungsgruppen; sei dies religiös, rassistisch, sexistisch oder sonst wie motiviert. Aber es funktionierte erstaunlicherweise immer. Immer wieder.
Das machte ihn krank vor Wut und Verzweiflung. Demonstrieren durfte man auch nicht mehr und das machte es schwierig eben Menschen für die gute Sache zu mobilisieren, denn sie hatten schlicht und einfach Angst. Angst vor dem Tod, Angst vor dem Verlust von Arbeit und Heimat. Existentielle Angst eben. Diese Art von Angst, die die Schlimmste war.
Und das wussten Menschen wie Creedy, Sutler und ihre Konsorten eben auszunutzen. Erschreckend. Sie hatten nur Eines aus der Geschichte gelernt – wie man es richtig anzustellen hatte. Der Rest der Menschen hatte nichts aus ihr gelernt. Denn wenn sie gewusst hätten, wie man es verhindert, dann hätten sie es tun können.
Aber sie taten es nicht. In Zeiten der Krise war es für viele unabdingbar einen Menschen an der Spitze zu haben, der die schwierigen Entscheidungen bereitwillig auf sich nahm. Den hatten sie jetzt, doch waren seine Entscheidungen keineswegs im Interesse aller.
Es war immer nur das Interesse der kleinsten Bevölkerungsgruppe, nämlich der, die Reichtum und Macht zu verlieren hatten.
Es war aber auch an der Zeit, sie derer verlustig zu machen. Diese Gesellschaft hatte sich überlebt, sie waren keine lebendige Gemeinschaft mehr, nur noch eine Mischung aus leeren Köpfen, die sich anleiten ließen.
Das war das Fundament, auf dem Menschen wie Sutler oder Franco, oder Mussolini, oder Hitler, oder Stalin hatten aufbauen können. Er musste erneut versuchen Brüche ins Fundament zu schlagen. Und wenn er selbst dabei verlorenging, es musste dringend geschehen.
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