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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
13.01.2016 851
 
„Wie er sein Scheitern erfährt, das begründet, wozu der Mensch wird.“
- aus 'Einführung in die Philosophie', Karl Jaspers

Es war der fünfte November und es war alles vorbereitet. Iustitia musste heute leider weichen, das stand fest für ihn. Betty war heute genau elf Jahre tot und er dachte immer noch jeden Tag an sie und an das, was sie sich für ihn gewünscht hätte. Leider hatte er fast nichts davon tatsächlich erreicht, aber er hatte es zumindest versucht.
Diese Welt ließ ihm eben keine andere Wahl als ein sogenannter Terrorist zu werden. Ein geistiger Brandstifter. Ein verhaltensauffälliger Spinner. Zumindest in den Augen der Öffentlichkeit. Er stand unter Druck, denn sie erwarteten dieses Mal einiges mehr von ihm als nur die Sprengung eines U-Bahn-Schachtes.
Das konnte er ihnen zwar bieten, doch musste sein Plan zuerst zur Ausführung gelangen. Die Fingermänner waren überall und wenn er Finchs Aussage trauen konnte, dann waren überall noch zusätzliche Überwachungskameras versteckt, die die offiziellen um Längen an Effizienz schlugen.
Das Verbotene war meistens das, was mit mehr Effizienz durchgeführt wurde, da die Erbauer sich mehr an der Herstellung erfreuten. Das Verbotene war eben auch das reizvollste. So war es schon immer gewesen und so würde es auch immer bleiben. Er selbst spürte es gerade am eigenen Leib.
Nervös setzte er sich die Maske auf und schlug den hohen Kragen seiner schwarzen Jacke hoch. Er war zur Vorsicht schon seit fünf Blocks in Tarnung unterwegs, sodass kein Kamerawinkel sein Gesicht erfassen konnte. Es war einfach unmöglich und so konnte er sich auf die eigentliche Durchführung seines Vorhabens konzentrieren.
Er schlich sich in den unteren Teil des Gebäudes, hier waren die Sprengsätze angebracht und leider auch die Zündungsvorrichtung. Zwar nicht direkt am Sprengsatz, das wäre idiotisch gewesen, doch in der Nähe, um genau zu sein, im selben Gebäude.
Da er kein Experte war was Elektrik anging, hatte er auf diese Methode zurückgreifen müssen, auch wenn er sich eine idealere Version des Verlaufs dieses Abends definitiv hätte ausmalen können. Aber nun war es so und es war nicht mehr zu ändern.
Und wenn er weiter Zeit verlor, dann würde seine Botschaft nicht mehr absenden können. Dabei war eine pünktliche Zustellung der Nachrichten immer wichtig für den Ausgang. Die Diskussion konnte er sich schon jetzt vorstellen, es würde einfach unvergleichlich werden im Vergleich zum letzten Mal.
Morgen würde er einen weiteren Stream schalten, um seine Botschaft visuell und auch intellektuell zu untermalen. Wenn er es erklärte, warum er eben so vorging, dann würde er sicher nicht missverstanden werden.
Gerade schlich er lautlos in das Gebäude und wollte noch einmal überprüfen, ob noch alles an seinem Platz stand. Und er wurde nicht enttäuscht – alles wie hinterlassen. Liebevoll strich er über einen Sprengsatz, den er sich mit Mühe und Not selbst zusammengebaut hatte. Er hatte viel dazugelernt seit dem letzten Mal, das stimmte schon, aber es war noch einiges zu lernen und auch noch einiges zu tun.
Man musste trotz des erstmaligen Erfolgs immer realistisch bleiben. Immer am Boden bleiben, sonst wurde man unvorsichtig. Dann hörte er ein Geräusch, fast als hätte er es mit seinen Gedanken heraufbeschworen.
Er sah sich nach allen Seiten um und hörte Schritte. Es war nur eine Person, das konnte er immerhin feststellen. Der Strahl einer Taschenlampe war zu sehen. Wie konnte derjenige ihn überhaupt bemerkt haben? Er war durch keinen der offiziellen Eingänge reingekommen. War es etwa ein außerplanmäßiger Routinegang der Sicherheitskraft hier? Das durfte doch nicht wahr sein...
Seufzend ging er langsam rückwärts und verließ den Kellerraum durch den Hintereingang, der offiziell nicht mehr benutzt wurde.

Die Nachrichten des nächsten Morgens überraschten ihn nicht. Sutler machte sich die gefundenen Sprengsätze natürlich zu nutze, indem er behaupten ließ, dass sichere Quellen bestätigt hätten, dass das Gebäude am Tag gesprengt werden sollte, gerade wenn sich Touristen und unschuldige, englische Bürger darin befunden hätten.
Na sicher. Das machte es noch einfacher für ihn die Überwachung zu verschärfen und sogar die unbegründeten Verhaftungen weiter durchziehen zu können. Niemand fragte mehr, wohin denn der Nachbar verschwunden war, denn schließlich hätte er der Terrorist sein können.
Jeder konnte jetzt der Terrorist sein und das machte die Feindschaft gegenüber den anderen Mitmenschen deutlich spürbarer. Jeder war verdächtig und jeder hatte plötzlich 'schon immer seltsame Seiten an sich gehabt' oder 'so auffällig oft über dieses eine bestimmte Thema gesprochen'. Dumme Menschen waren eben unberechenbar und ehe man sich versehen konnte, saß man mit Handschellen in einem Streifenwagen oder verschwand eben auf diese unerklärliche Art und Weise.
Und er selbst musste sich wahrscheinlich auch beeilen, denn irgendwann würde auch er abgeholt werden, da war er sich sicher. Sicherer als eben bei der Tatsache, dass Sutlers Regierung mehr Dreck am Stecken hatte, als er auf den ersten Blick vermuten würde.
Sofern ein 'Noch-Mehr' überhaupt noch möglich war. Es war einfach nicht zu erfassen, das ganze Ausmaß der Machenschaften zu durchblicken und eigentlich ging es schon gar nicht mehr darum. Es war nicht seine Aufgabe die Verbrechen der Nordfeuer-Partei aufzuklären, das würden die offiziellen Behörden schon übernehmen müssen.
Aber wer würde dies schon?
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