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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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12.01.2016 724
 
Mittlerweile arbeiteten sie nur noch zu dritt in der Redaktion. Sofern man diesen Zustand noch als 'arbeiten' bezeichnen konnte, vielmehr verkrochen sie sich im Büro und hofften, dass die Fingermänner bei ihrer nächsten Verhaftung nicht herkamen.
Die restlichen Mitarbeiter waren vom Redakteur bis zum Hausmeister nach und nach auf unerklärliche Weise entweder verschwunden oder offiziell als 'verhaltensauffällig' bezeichnet und verhaftet worden.
Einen Prozess bekam niemand von ihnen, das war eben so. Aber wohin sie verschwanden, das wusste niemand. Es gab nicht einmal Gerüchte oder eine Erklärung der Regierung. Die Angst, die in der Bevölkerung herrschte, war nun weniger die vor Sutler, sondern vielmehr die vor einem atomaren Holocaust.
Der Dritte Weltkrieg stand schon wieder mit größter Gefahr vor der Tür und die USA hatten eine neue Krise. Dürren und Hunger plagten die einstige Großmacht und der Terror, der sich nun fern hinter dem Teich breitmachte, drohte importiert zu werden.
Sutler nutzte die Gunst der Stunde natürlich aus und stellte sich und seine Partei wieder in ein besseres Licht, indem er wieder vor die Tür trat, Reden hielt und hochoffizielle Prozeduren feierte. Es war eine ekelhafte Maskerade, ein schamloses Puppentheater und die Menschen jubelten diesem auch noch wie begeisterte Kinder entgegen.
Dass dabei immer mehr regierungskritische oder eben angeblich auffällige Menschen ohne ordentliche Begründung verschwanden und in Regierungsgewahrsam genommen wurden, interessierte keinen. Hauptsache, England war sicher vor solchen Parasiten und Unruhestiftern.
Die erste Kollegin, die aus der Redaktion verhaftet worden war, hatte eigentlich nichts Unrechtes getan, aber schnell kamen die Übriggebliebenen auf die Idee, dass es etwas mit ihrer Ehe zu tun haben müsste. Sie war blond und blauäugig, ihr Mann stammte ursprünglich aus Somalia und lebte seit seinem dritten Lebensjahr in London. Auch er war auf unerklärliche Weise verschwunden.
Immer mehr wurden die Praktiken und Vorgehensweisen der Nationalsozialisten in die Tat umgesetzt und niemand schien es zu bemerken. Oder nicht bemerken zu wollen, das war wohl eher der Fall.
Also hatten die drei restlichen Journalisten beschlossen, dass sie trotz ihrer Angst vor dem gleichen Schicksal alles versuchten, um die Menschen aufmerksam zu machen. Ihre Artikel quollen beinahe über vor Menschen, die Ähnliches zu berichten hatten und die Beweiskraft lag einfach in der Häufigkeit der Vorfälle. Das konnte niemand ignorieren, auch die treusten Anhänger Sutlers nicht.
Doch blieb die erhoffte Reaktion der Menschen Englands immer noch aus. Zumindest die Mehrheit schien weiterhin die Augen vor dem Problem zu verschließen, schließlich hielt Sutler ihnen in ihren Augen die Amerikaner vom Hals.
Er dachte darüber nach, noch einmal ein Zeichen zu setzen, ein Symbol zu erschaffen, doch war das mit der bisherigen Entwicklung der Überwachungssysteme nicht vereinbar. Er musste sich dringend etwas überlegen, denn so konnte es doch nicht weitergehen!?
Der Verzweiflung nahe hatte er auch mal kurz daran gedacht alles hinzuschmeißen und sich zu fügen, aber das war auch nicht die Lösung. Nein, es konnte keine Lösung sein, durfte keine Lösung sein. Ganz einfach. Dabei war es in keinster Weise einfach. Es war unglaublich kompliziert und ein Einzelner konnte nichts ausrichten.
Nicht, wenn er sich nicht der richtigen Mittel bediente und den richtigen Weg einschlug. Aber manchmal konnte man aus der bloßen Betrachtung der Umstände nicht den richtigen Weg herausfinden, die Situation verlangte etwas mehr... Kreativität.
Welches Symbol konnte eben in dieser Lage am ehesten verstanden werden? Er dachte scharf nach und kam zu dem Ergebnis, dass es etwas ziemlich altehrwürdiges sein musste, dass auch jeder mitbekam, dass irgendwas nicht stimmte.
Da die Gerechtigkeit in England zusammen mit der alten Monarchie untergegangen zu sein schien, musste auch das Symbol für die Gerechtigkeit ausgemerzt werden. Sutlers Regierung stützte sich auf völlig eigene Überzeugungen und möchte das alte England hinter sich lassen. Dabei stehen noch so viele Wahrzeichen in der Stadt herum, die im Sinne der Nordfeuer-Partei eigentlich hätten abgerissen werden müssen, wenn sie denn bei all ihrer Radikalität wenigstens konsequent wären.
Das war nicht der Fall, also konnte er nach Herzenslust ein Ziel auswählen, ohne dabei auf besondere Sicherheitsmaßnahmen der Fingermänner zu stoßen. Ein großer Gefallen, den sie ihm da taten.
Und wenn er schon einmal dabei wäre, dann könnte er auch direkt mit dem Symbol schlechthin für die Gerechtigkeit anfangen. Iustitia. Gülden stand sie da, mitten in London und ist von dem Stück Stoff über ihren Augen geblendet.
Die blinde Gerechtigkeit... Ja, das würde sicher einige Menschen zum Nachdenken bewegen.
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