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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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Dieses Kapitel
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07.01.2016 703
 
Die Ermittlungen zum Anschlag auf den U-Bahn-Schacht waren offiziell eingestellt worden. Eine beruhigende Nachricht, es fiel ihm ein Stein vom Herzen. Nein, eine Tonne Steine fiel ihm vom Herzen...
Er war in den letzten Monaten immer darauf gefasst gewesen, dass irgendwann die Polizei an seiner Tür klingelte und ihn für immer in einem dunklen Loch verschwinden ließe. Aber das war nicht der Fall gewesen und jetzt hatte die Angst ein Ende.
Denn jetzt konnte er es wagen, ein neues Projekt zu beginnen, schließlich hatte er aus seinem ersten Versuch einiges gelernt, das er verbessern könnte. Und die Diskussion über das Thema war ihm zu sehr in die Richtung abgedriftet, in der man sich fragte, ob die Regierung den normalen englischen Bürger überhaupt vor solchen Übergriffen schützen könnte. Die vollkommen falsche Richtung eben.
Vielleicht war es wieder an der Zeit Streams oder sonstige bildliche Übertragungen vorzunehmen, damit die Menschen seine Botschaft wirklich verstanden. Manchmal musste man eben für Deutlichkeit sorgen. Er war definitiv kein Terrorist, der anderen Menschen schaden wollte, nein, er wollte der Regierung schaden. Der Regierung und ihren Regelungen, ihren Maßnahmen, allem was mit ihr zu tun hat.
Während er gedankenverloren um seinen Schreibtisch im Redaktionsbüro schritt, bemerkte er gar nicht, wie es im größeren Mehrparteien-Büro etwas lauter wurde. Ein paar Stimmen drangen durch die geschlossene Tür, dann wurde sie unwirsch aufgestoßen und der Detective, der ihn mal befragt hatte, stand im Rahmen.
Seine Sekretärin versuchte ihn zum Gehen zu bewegen, doch ließ er sie verstehen, dass sie gehen könne.
„Detective Finch, kommen Sie doch herein und schließen Sie die Tür freundlicherweise hinter sich“, begrüßte er den Polizisten und betrachtete ihn von oben bis unten.
Er entdeckte die Polizei-Marke an Finchs Gürtel und zog die Augenbrauen nach oben.
„Oder soll ich lieber Chief Inspector sagen?“
„Freut mich, dass Sie sich an mich erinnern“, bemerkte Finch und trag weiter ins Büro, nachdem er die Tür geschlossen hatte.
„Wie könnte ich Sie auch vergessen? Sie haben einen starken Eindruck hinterlassen“, erwiderte er unweigerlich lächelnd, denn es war ihm bis heute nicht klar, warum er ihn so einfach hatte laufen lassen.
„Was kann ich denn für Sie tun, wenn Sie schon den weiten Weg aus der Stadt in mein Büro nehmen?“
„Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, ich bin allerdings nicht im offiziellen Auftrag hier“, antwortete Finch monoton und sah sich im Büro etwas um. Wahrscheinlich hatte er doch Lunte gerochen und versuchte jetzt etwas Beweiskräftiges zu finden. Als ob er so dumm wäre sich seine Utensilien ins Büro zu stellen.
„Was möchten Sie mich denn fragen, Chief Inspector?“
„Nun, Sie haben sicherlich von der Sprengung des U-Bahn-Schachtes gehört, oder?“
„Wie hätte mir das entgehen können?“ fragte er lachend.
„Dann wissen Sie sicher auch, dass die Untersuchungen heute morgen offiziell eingestellt wurden, nicht wahr?“
„Ja, es ist mein Job immer Bescheid zu wissen, Sir.“ Worauf wollte Finch nur hinaus? Hatte er doch mehr in der Hand als nur eine bloße Vermutung?
„Aber was Sie nicht wissen können, ist dass es einige Polizisten gibt, die eine Vermutung darüber hatten, wer sich hinter der Guy-Fawkes-Maske verbirgt. Derselbe Mann, der im Mai 2021 Flugblätter vom Dach eines Bankgebäudes geworfen hat, ein paar Kameras haben ihn aufgenommen. Aber das wussten Sie sicher schon, oder?“
Finch betrachtete ihn forschend. So lief das Spiel also.
„Ich habe damals einen Artikel darüber geschrieben, aber das wussten Sie sicher schon. Kommen Sie zum Punkt, Chief Inspector.“
Finch drehte sich zu ihm und blickte ihn an.
„Ach, wissen Sie, mich würde interessieren, was Sie so in Ihrer Freizeit machen. Denn auch ich habe eine Vermutung, wer sich hinter der Maske verbirgt.“
„Tatsächlich? Und wer wäre das?“ Finch lachte kurz auf.
„Halten Sie sich bedeckt, Junge. Nicht jeder ist so wohlwollend wie ich. Sie wollen sicher nicht in einem schwarzen Sack landen“, murmelte Finch nun mit einem verheißungsvollen Seitenblick auf ihn hinter seinem Schreibtisch und wandte sich zum Gehen.
Dann fügte er hinzu: „Das nächste Mal sollten Sie nicht direkt in die Kameras schauen, wenn Sie unauffällig bleiben wollen.“
Finch verließ das Büro. Vollkommen regungslos stand er da, immer noch hinter seinem Schreibtisch und starrte auf die Tischplatte. Er hatte gerade unverschämt großes Glück gehabt.
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