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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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05.01.2016 522
 
Die Hitze brachte ihn irgendwann noch um. Eric Finch betrachtete angespannt seine neue Dienstmarke. Er war zum Chief Inspector befördert worden. Aber nicht, weil er besondere Arbeit geleistet hatte, sondern weil er immer schön die Klappe hielt und den Anweisungen folgte, die ihm von oben aufgebürdet wurden.
Denn etwas anderes war es nicht – eine Bürde. Seinen Willen für das große Ganze unterdrücken. Irgendwann würde sein Schädel vor angestauter Energie platzen, da war er sich sicher. Er dachte nämlich eigentlich sehr gerne nach. Besonders über die Ereignisse seit Sutlers Wahlsieg. Aber er konnte ohnehin nichts ändern.
Nein, das stimmte nicht ganz. Er alleine konnte nichts ändern. Obwohl das auch eine gewagte Behauptung war, denn ein einziger Mann – das wusste er aus zuverlässigen Quellen – war dazu in der Lage gewesen im November des vergangenen Jahres die größte Diskussion über die Regierung anzufachen, die sie je erlebt hatte.
Die Sprengung eines alten U-Bahn-Schachtes konnte also doch so viel bewirken. Die Überwachungskameras, die ohne das Wissen der Bevölkerung überall nach und nach installiert worden waren, hatten ihn aufgenommen. Natürlich war er maskiert gewesen. Er hatte sich das Gesicht von Guy Fawkes gegeben. Sehr symbolisch...
Irgendwie kam er nicht umhin, diesen Mann zu bewundern. Für sein Engagement und den Mut. Zwar war er eigentlich derjenige, der diesen 'Terroristen' dingfest machen sollte, doch hatte er kein wirkliches Interesse daran.
Sollten doch die anderen ihre Kapazitäten und Energie für diesen Fall verschwenden, er würde sich nicht mehr daran beteiligen als nötig. Er war froh, dass überhaupt noch jemand den Mut besaß den Mund aufzumachen. Sei es eben wortwörtlich oder durch solche Taten. Immerhin war niemand zu Schaden gekommen, das war der ausschlaggebende Grund für Finchs Zurückhaltung.
Selbstverständlich durfte er das nicht anmerken, er hatte ohnehin schon keinen guten Stand mehr bei der staatlichen Überwachungsinstitution für sonstige Institutionen. Ja, die Polizei wurde von einer weiteren Quasi-Polizei überwacht. Finch musste beinahe jedes Mal lachen, wenn er daran dachte, so unwirklich kam ihm das vor.
Bei der Ankündigung dieser Maßnahme war er beinahe in ein lautes Prusten ausgebrochen, doch hatte er es erfolgreich unterdrücken können, da Sutler persönlich anwesend gewesen war. Als er noch persönlich zu solchen Staatsakten und -entschlüssen erschien. Mittlerweile war er so um seine eigene Sicherheit besorgt, dass er seine geheime Unterkunft gar nicht mehr verließ.
Gut so, denn Finch konnte diesen kleinen alten Mann manchmal nicht ausstehen und wäre ihm sicher des Öfteren über den Mund gefahren, da er sich trotz der ihm fehlenden Macht überlegen gefühlt hätte.
Ein infantiler Gedanke, das musste Finch zugeben. Er drehte sich von seinem verregneten Fenster im Büro zu seinem Schreibtisch um und starrte das Überwachungsfoto des Attentäters an. Meinungsmache gegen Meinungsfreiheit. Offene und ehrliche Kundgebung von Überzeugungen. Der Kerl hatte mit Flugblättern angefangen, aber da hatte man ihn noch als harmlosen Spinner abgetan. Ein großer Fehler, denn jetzt beliefen sich die Schäden auf ein paar hunderttausende Pfund.
Meinungsfreiheit... Finch runzelte die Stirn und betrachtete das Foto genauer. Wenn das nicht der Journalist war, den er mal aufgrund von 'Verhaltensauffälligkeit' hatte vernehmen müssen...
„Hab ich dich“, murmelte er und zog einen Mundwinkel nach oben.
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