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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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Dieses Kapitel
1 Review
 
04.01.2016 755
 
„Well done is better than well said.“
- Benjamin Franklin (1706 – 1790)

Heute war es endlich so weit. Er hatte alles vorbereitet und es konnte beinahe nichts schiefgehen. Zumindest in der Theorie... In den letzten Monaten hatte er sich gefragt, ob es nicht doch besser gewesen wäre das ganze Vorhaben über den Haufen zu schmeißen, schließlich setzte er dabei nicht bloß seine Existenz als angepasster Journalist aufs Spiel, sondern auch seine Existenz als atmender Mensch.
Fingermänner waren unberechenbar und fast überall, man war nirgendwo unbeobachtet. Eine gruselige Vorstellung und deshalb musste etwas dagegen getan werden. Niemand hatte das Recht ihn in seiner Freizeit und in seinem Privatleben auszuspionieren.
Deshalb die brennbaren Chemikalien, die er sich nach und nach in unauffälligen Mengen gekauft hatte, um bloß nicht im Voraus schon gestoppt zu werden. Dann hatte er auch noch groß angekündigt, dass genau am fünften November etwas Großes passieren sollte. In manchen Momenten hielt er sich für einen Idioten.
Nun, bisher war er allerdings ein Idiot mit ziemlich viel Glück. Ob es verdient war oder nicht, darüber wollte er gar nicht nachdenken.
Sein Plan funktionierte bisher ziemlich gut. Es war niemand auf sein Chemikalien-Versteck gestoßen und er brauchte auch keine Verlegung seiner unterirdischen Bombe vornehmen. Wer überprüfte schon einen uralten U-Bahn-Schacht? Niemand, deshalb war es der optimale Ort, um etwas zu verstecken.
Dort wo die Flüssigkeiten in Eimer umgefüllt nun herumstanden, wollte er heute ein Feuer entzünden, das den gesamten Weg der U-Bahn bis zur Towerbridge unbefahrbar machte. Wer wollte sich schon die Wahrzeichen einer Stadt ansehen, die überhaupt nichts mehr mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte?
Es sollte sich auch niemand diese sogenannten Wahrzeichen ansehen, sie bedeuteten gar nichts mehr. Sutler hatte sich neue Zeichen und Symbole geschaffen. Eigentlich nur das Symbol, das auf der Partei-Flagge prangte. Das zeigte seine Geistlosigkeit.
Langsam wurde es draußen dunkler und Mitternacht näherte sich mit großen Schritten. Das war immer eine besondere Zeit, schon in Märchen war es immer Mitternacht, wenn sich etwas Grundlegendes veränderte. Magisch.
Seine Guy-Fawkes-Maske war sicher in seiner Tasche verstaut und er hatte einen Fahrplan in der Hand. Menschen verletzen wollte er nicht, deshalb zündete er zu einer Zeit, in der keine U-Bahn durch den Schacht fuhr, den er sprengen wollte. Mit Verspätungen konnten die wenigen und zumeist betrunkenen Fahrgäste zu dieser Uhrzeit gut leben, da war er sich sicher.
Unauffällig verschwand er neben dem Bahnsteig und schlich sich ins Dunkel, wo nur noch die Schienen waren. Da in London meistens die Bahnsteige durch Plexiglas-Scheiben von den Schienen getrennt waren, hatte er zunächst Probleme gehabt, seinen Plan umzusetzen, aber ein Eingang etwas außerhalb war ihm im letzten Moment aufgefallen.
Und los geht’s... Es war nun 23.55Uhr. Bald war der Moment gekommen, auf den er so lange gewartet hatte. Aber es genügte nicht, einfach nur etwas in die Luft zu sprengen, das Symbol musste erkennbar sein.
Aber dafür hatte er sich auch etwas überlegt. Mit unerträglichem Herzrasen ging er durch den dunklen Schacht, mit nichts weiter als einer Taschenlampe und einem Feuerzeug bewaffnet. Im Ernstfall also nicht wirklich schützend... Egal, weiter.
Er kramte in seiner Tasche und setzte sich die Maske auf. Gleich fühlte er sich besser und auch sehr viel mutiger.
Seine Lunte hatte er extra etwas länger werden lassen, damit er selbst nicht auch noch Feuer fing. Es konnte also nichts schiefgehen. Wie gesagt, in der Theorie nicht...
Gebannt starrte er auf seine Uhr und wartete auf Mitternacht. Endlich. Kurzerhand zündete er die Lunte und betrachtete gebannt, wie der Funke sich durch den U-Bahn-Schacht fraß. Ein Notausgang für das Wartungspersonal diente für seine schnelle Flucht aus dem Schacht.
Draußen in der Nacht wurde er direkt von der eiskalten Luft eingeschlossen und wohlig umarmt. Die Kälte war nicht unangenehm, bloß ein interessantes Gegenteil zu der Hitze, die er nun entfachen würde. Und das nicht nur im wörtlichen Sinne, sondern auch im übertragenen. Die Hitze der Diskussionen, die unweigerlich folgen würden.
Ein Erfolg auf ganzer Linie – hoffte er zumindest. Noch war alles möglich, aber er hatte ein gutes Gefühl.
Nur noch ein paar Sekunden... Seine Berechnungen stimmten und er hörte den lauten Knall des ersten explodierenden Fasses. Milde unter seiner Maske lächelnd sah er dabei zu, wie sich eine Rauchsäule nach der anderen ihren Weg durch die Gulli-Deckel und Notausgänge wand. Das Feuerwerk würde auch gleich gezündet werden.
Und da war es schon. Heitere Farben, alles dabei. Am liebsten war ihm die letzte, sie war rot und bildete eine römische Fünf. V.
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