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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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Dieses Kapitel
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02.01.2016 808
 
„Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, daß es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.“
- aus 'Das siebte Kreuz', Anna Seghers

Einen Stream zu schalten war vielleicht nicht die optimale Vorgehensweise, um unauffällig zu bleiben, aber das war ihm egal. Wer wollte schon in einer Welt wie dieser leben? Er nicht, also machte er das, was er für richtig hielt. Ganz einfach. Das konnte ihm keiner nehmen.
Sein Wille war alles, was er noch an Besitz hatte. Der Rest war mehr oder weniger Ballast. Belastender Tand, den er nicht brauchte. Und das Internet war der ideale Ort, um seinen Willen zu erproben. Klar, Sutlers Schergen hatten auch hier ihre Finger im Spiel, aber im Darknet gab es noch genügend Plattformen, auf denen man ungehindert politisch gefärbte Aussagen treffen konnte, ohne kurz darauf Regierungsbeamte vor der Tür stehen zu haben.
YouTube, Twitch und soziale Netzwerke wie Facebook waren in England schon lange nicht mehr zugelassen, seit genau eineinhalb Jahren nicht mehr, um genau zu sein. Dennoch konnte er über die Website, die heute seinen Stream beherbergen sollte, eine große Menge der Menschen erreichen, wenn er alles richtig machte.
Sollten sie doch versuchen, ihn aufzuhalten. Bis sie ihn hatten, konnte er noch genügend Menschen auf seine Bedenken aufmerksam machen und Zuspruch erhalten. Wenn jemand nachdachte, dann war schon das Ziel erreicht.
Er wollte nicht, dass sie wie er dachten, er wolle einfach nur, dass sie dachten. Und heute war der erste Versuch sie dazu zu bringen. Menschen waren nicht so dumm, sie mussten nur in die richtige Richtung geschubst werden. Ein kleiner Anreiz und der Stein kam ins Rollen. Zumindest hoffte er das.
Er setzte sich seine Guy-Fawkes-Maske auf und aktivierte die kleine Webcam an seinem Laptop. Dann atmete er tief ein und setzte sich aufrecht hin. Los geht’s. Für diesen Tag hatte er knapp zwei Wochen an einer Rede herum geschrieben, die er heute verkünden wollte.
Ein kleines Symbol im Fenster der Website zeigte ihm, dass er gerade live auf Sendung war. Aufregend. Normalerweise schrieb er nur seine Artikel, aber niemand konnte ihn dabei beobachten, also hatte er genügend Zeit seine Aussagen zu verfeinern. Hier war das nicht der Fall, er würde es bis zum Ende durchziehen müssen.
Gebannt beobachtete er, wie die Zuschauerzahlen stetig stiegen, obwohl er noch nicht ein Wort gesagt hatte.
„Remember, remember! The fifth of November, the Gunpowder treason and plot; I know of no reason why the Gunpowder treason should ever been forgot. Das ist ein alter Reim, den sicherlich jeder schon einmal gehört hat, sei es in der Schule oder bei sonstigen traditionellen Zusammenkünften, die es vor Jahren mal gegeben hat. Seit Sutlers sogenanntem Wahlsieg hat sich einiges verändert, aber das dürfte nicht nur mir aufgefallen sein. Nein, es ist jedem aufgefallen, aber wer hat etwas gegen die maßgeblichen Veränderungen getan? Niemand. Natürlich hätte nicht jeder direkt durchschauen können, was genau der gute Sutler vorhatte, doch ist es mittlerweile zu offensichtlich, als dass man davor die Augen verschließen könnte. Eine faschistische Regierung, die durch Terror und gezielter Propaganda ihr Volk zum Schweigen bringen will. Doch das wird es nur, wenn es sich solche Methoden gefallen lässt. Ohne Widerstand brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir Angst vor Fingermännern und schwarzen Säcken haben müssen. Es ist beinahe noch eine verdiente Konsequenz unserer Resignation und unserer großzügigen Akzeptanz der Zustände und Heucheleien, die uns täglich aufgetischt werden. Eine ekelhafte Vorstellung, dass wir solche Lügen auch noch abnicken und nichts auslassen, um zu der dummen Masse zu werden, als die man uns in Regierungskreisen wahrscheinlich ohnehin schon bezeichnet. Wenn also der fünfte November des Jahres 2022 kommt, dann steht an meiner Seite und beweist, dass wir keine taube Masse sind, die ohne Würgereiz schlucken kann was ihr zwanghaft eingeflößt wird. Seid an meiner Seite, wenn die Pulververschwörung ein weiteres Jubiläum feiert und macht der Unterdrückung ein Ende!“
Er war völlig außer Atem und beendete die Übertragung. Gegen Ende war er ziemlich pathetisch und auch ein wenig theatralisch geworden, aber die Zuschauerzahlen zeigten, dass er auf sich aufmerksam gemacht hatte. Seine Übertragung hatte sich wie ein Lauffeuer in die Büros und Wohnzimmer dieses Landes verbreitet.
Knapp einhunderttausend Menschen hatten ihm zugesehen, bis zum Ende waren es sogar noch ein paar mehr geworden. Er war sich sicher, dass es noch mehr geworden wären, aber er wollte nicht zu lange zu sehen sein, falls jemand auf die Idee käme ihn anzuzeigen und eine Ermittlung in Gang zu setzen.
Für den Anfang war das nicht schlecht. Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wie er seinen Plan für November umsetzte. Hoffentlich hatten die Leute seinen Aufruf ernst genommen und würden auf diesen Tag warten.
Das sähe er dann, wenn es so weit wäre.
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