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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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31.12.2015 390
 
„Wer Zensur erlaubt will Denken verbieten.“
- Unbekannt

Er stand alleine mit der vollen Tasche auf dem Dach des Bankgebäudes. Zwar war er sich nicht sicher, ob seine heutige Aktion etwas bewirken würde, doch ein Versuch konnte nicht schaden. Es war immer noch besser als sich über die Zustände im Land zu beschweren, ohne etwas zu tun.
Er wollte keiner dieser Menschen sein, die in Kneipen gingen, um sich über die Politik aufzuregen, aber ohne auch nur den Hauch einer Idee des Widerstandes zu haben. Das ging ihm gelinde gesagt gegen den Strich.
So schwer war es eigentlich auch gar nicht. Zwar war Sutlers Regierung inklusive aller Institutionen, die die Bevölkerung überwachten, mit dem modernsten Technik-Schnickschnack ausgestattet, aber gegen Masken über dem Gesicht und Handschuhen über den Fingern konnten auch die nichts ausrichten.
Er hätte sich nie träumen lassen, dass seine Guy-Fawkes-Maske jemals zu solchen Zwecken gebraucht würde, aber man konnte ja nie wissen. Das Leben überraschte einen immer.
Seit er die Maske über sein Gesicht gezogen hatte, fühlte er sich deutlich selbstbewusster, wie ein Symbol, dem man nichts anhaben konnte. Und das war auch der Zweck hinter der Maske; niemand brauchte ein Gesicht für eine Bewegung, man benötigte bloß ein Symbol mit genügend Aussagekraft, das die Augen der Leute öffnete, die hinschauen wollten.
Selbständiges Denken gehörte nicht mehr wirklich zu den Hobbies der Leute, aber er würde es wenigstens versuchen wieder anzukurbeln und beliebt zu machen. Man musste nur Glauben in die Menschheit zeigen, auch wenn das am Anfang vielleicht schwerfiel. Es konnte eben nicht alles von Anfang an funktionieren, das war ihm klar. Realismus gehörte zu diesem Projekt nun mal auch dabei.
Er atmete tief ein und sah über die Brüstung hinunter auf die Straße. Es waren eine Menge Menschen hier, die seine Botschaft zu sehen bekommen würden.
Da er nicht mehr schreiben konnte, was er wollte, weil eben sein Name darunter stand, musste er neue Wege gehen. Schnell öffnete er die Tasche und nahm einen ersten Stapel der Flugblätter heraus. Darauf stand eigentlich nichts Weltbewegendes, nur ein einzelner Satz.
„Wer Zensur erlaubt...“ Er war froh, dass er auf dieses Zitat gestoßen war, auch wenn der Verfasser eben anonym geblieben ist. Schade, aber auch das unterstrich die Symbolhaftigkeit seines Tuns. Manchmal brauchte man keine großen Namen, um etwas zu bewirken, manchmal reichte die Masse.
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