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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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Dieses Kapitel
1 Review
 
30.12.2015 459
 
„Nur in einer Demokratie verbreiten die Medien andere Lügen als die Regierung.“
- Unbekannt

Seit zwei Stunden herrschte die „Allgemeine Ausgangsbeschränkung zur Eindämmung von Kriminalität und Prostitution“. Im Grunde nur eine nettere Bezeichnung für Ausgangssperre. Es war ihm ein Rätsel, wie die restliche Bevölkerung einen solchen Gesetzesentwurf hatte akzeptieren können. Aber schließlich hatten sie die Nordfeuer-Partei gewählt und die wollte doch nur das Beste für seine Bevölkerung. Alles für den Schutz seiner treuen Wähler.
Die beschnitten allerdings ihre eigenen Rechte, ein mittlerweile sehr häufiges Phänomen. Unbegreiflich. Eigentlich hatte er vorgehabt, noch zu seiner kleinen Privatgarage zu gehen, doch war der Tag in der Redaktion sehr lang und beschwerlich gewesen, dass er das Risiko nicht eingehen wollte von den Fingermännern aufgegriffen zu werden.
Sutlers Regierung war gerade dabei sich Augen, Ohren und Finger zu erschaffen. Nicht mehr lange, dann hätte sie bald auch eine Zunge, die schmeckte, ob man kritisch war oder nicht. Eine beunruhigende Vorstellung, aber auch gegen diese Ereignisse konnte er alleine mit seiner kleinen Zeitung nichts ausrichten.
Natürlich hatte er es nicht aufgegeben so ehrlich und so neutral wie möglich weiterhin über die Zustände im Land zu berichten. Finch hatte ihn vor ein paar Monaten zwar für den ersten Moment eingeschüchtert, aber er hatte ihn gehen lassen. Womöglich war er nur ein Mitläufer, der am Tag gehorchte und nachts seine eigenen Gedanken dachte, obwohl es ihm nicht erlaubt war.
Es hatte auch niemand mehr angerufen oder an die Tür geklopft, es war einfach gar nichts davon passiert, was die Beamten angedroht hatten, während sie die gesamte Redaktion in Handschellen abgeführt hatten.
Im Grunde war es eine Lachnummer, der schlechte Witz einer Regierung, die keinen Humor hatte. Sie war vertrocknet, obwohl sie noch gar nicht so alt war. Alt und vertrocknet, nach einem Schema errichtet, welches er doch so stolz in seinen Geschichtsbüchern entdeckt hatte.
Mittlerweile waren sogar alle Bücher, die er so sorgfältig aufbewahrte, auf einer Liste gelandet, die die Überschrift „Verbotene Schriften aufgrund von hetzendem Inhalt“ trug. Er war per Gesetz ein illoyaler, terroristisch veranlagter, aufmüpfiger Journalist der Lügenpresse. Interessante Formulierung, er selbst hätte nie gedacht, dass er mal so viele Titel tragen würde ohne jemals eine Universität besucht zu haben...
Er war wütend, so wütend, dass er kaum klar denken konnte. Seine Artikel drohten langsam, aber sicher in die Art von Berichterstattung abzudriften, die nur die schlechten Seiten an der Regierung in den Mittelpunkt kehrten.
Aber es gab eben keine guten Seiten an ihr. Das wäre auch eine Lüge. Eine noch größere Lüge als die, die die Regierung verbreitete. Er verzweifelte an diesem unlösbaren Problem, denn neutral berichten ging bei den Zuständen nicht mehr. Wenn er weiterhin 'neutral' blieb, dann belog er sich selbst.
Doch war das Problem wirklich so unlösbar?
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