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Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
V
17.12.2015
17.01.2016
30
19.425
5
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25.12.2015 820
 
Bei seinen Recherchen über den Verbleib seiner Psychologin war er irgendwann in einem Krankenhaus eines Londoner Vorortes gelandet.
Es war nicht einfach gewesen, denn einige Behörden hatten ihm absichtlich einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch ließ er sich nicht einfach unterkriegen. Er war hartnäckig geblieben und schließlich hier gelandet.
Hier in diesem Dorf musste seine so aufgeweckte Vertraute eigentlich versauern – und er wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Lebenswandel eine Konsequenz ihres wachen Geistes war. Sie war wahrscheinlich genau so wie die Hammonds von irgendwem angeschwärzt worden.
Davon ging er stark aus, denn anders konnte er es sich nicht erklären. Es war beinahe unmöglich gewesen einen Termin mit ihr zu vereinbaren, denn da saß wie immer die schlechtgelaunte Sekretärin zwischen, die anscheinend mit der Psychologin umgezogen war.
Es war ihm ein Rätsel, warum die beiden so unzertrennlich waren, immerhin arbeitete die eine pausenlos und die andere lackierte sich die Fingernägel vor den Augen der wartenden Patienten. Schulterzuckend nahm er im Wartesaal platz, er wunderte sich, warum so viele Menschen eines Krankenhauses sich hier hinsetzten und warteten, statt auf die angebotene Visite zu bestehen.
Menschen waren seltsam, allesamt. Er bildete da keine Ausnahme.
Eine halbe Stunde später wurde er aufgerufen und zur Ärztin ins Zimmer gebeten. Er hatte sie seit bestimmt zwei Jahren nicht mehr gesehen und hatte sich hier auch nur mit dem Namen seiner Zeitung angemeldet und um ein Gespräch gebeten.
Sie blickte gerade konzentriert in eine Akte vor sich auf dem Tisch und dies änderte sich auch nicht bis er direkt vor ihr saß und sie beobachtete.
Der erste Blick war ein kurzer, doch dann sah sie direkt wieder zu ihm auf und begann breit zu grinsen.
„So, mein Lieblings-Patient. Warum hast du dich nicht mit deinem Namen angemeldet?“ fragte sie direkt zur Begrüßung und lehnte sich sichtlich entspannter in ihrem Stuhl zurück.
„Ich wollte die Überraschung nicht verderben“, sagte er mit einem Augenzwinkern und faltete seine Hände.
„Die ist dir auf jeden Fall gelungen. Was kann ich für dich und deine Zeitung tun? Ich bin übrigens beeindruckt, ein Journalist“, fügte sie hinzu und lächelte wohlwollend.
„Ach, es klingt atemberaubender als es ist“, behauptete er bescheiden und blickte sein Gegenüber an. Sie sah besorgt aus, irgendwie sehr müde.
„Das würde ich nicht so sagen, ich habe deine Artikel bei der Times gelesen. Die haben mir gefallen, waren sehr ehrlich. Doch irgendwann kamen keine Artikel mehr in deinem Namen. Was ist passiert?“
„Dasselbe wie Ihnen, würde ich behaupten.“
Sie zog die Augenbrauen hoch und presste die Lippen aufeinander.
Er fuhr fort: „Ich will ganz offen mit Ihnen sein. Die Nordfeuer-Partei ist nicht das, was sie zu sein vorgibt, das wissen Sie und ich besser als alle anderen. Kaum waren die an der Macht, hatte ich meinen Redakteur im Nacken sitzen, der meine Artikel auseinander nahm und mich knebelte wo es nur ging. Nicht nur mich, auch den Rest der gesamten Belegschaft. Ich wurde gekündigt und bin jetzt bei diesem kleinen Magazin, das wenigstens noch nicht den Verstand verloren hat. Um Sie vor denen zu warnen bin ich zu der Praxis gefahren. Sie waren nicht dort. Und ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um Sie hier draußen in der Provinz zu finden. Wozu aber die Vorsicht, wenn Sie nichts zu befürchten hätten? Ich glaubte sofort, dass Ihnen dasselbe wie mir widerfahren sein musste. Warum sonst die Mühe zu verschwinden?“
Sie nickte anerkennend und legte ihren Stift auf den Tisch, auf dessen Ende sie während seines Monolog immer wieder herumgekaut hatte.
„Du bist schlau, vielleicht zu schlau. Besonders in diesen Zeiten. Das wird dir irgendwann zum Verhängnis werden. Mir ist das schon geschehen.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte er erwartungsvoll.
„Eine frühere Kommilitonin hat dafür gesorgt, dass ich hier lande. Delia war schon immer neidisch gewesen... Sie hat es mir ins Gesicht gesagt, dass Sie mich als 'verhaltensauffällig' angezeigt hat. Da ich nicht für nichts in Sutlers Untersuchungshaft bei den Fingermännern will, habe ich klein bei gegeben und mir einen Job in der Provinz gesucht. Das war vielleicht feige, aber ich bin zu alt, um noch zum Revolutionär zu werden. Das verstehst du doch?“ Ihr Tonfall war bedauernd, so als würde sie sich über ihr Handeln ärgern.
„Hm“, war alles, was ihm dazu einfiel. Unvermittelt erhob er sich und hielt ihr eine seiner Visitenkarten hin.
„Es ist nie zu spät, zum Revolutionär zu werden. Das haben Sie mir beigebracht. Wenn Sie Ihre Geschichte erzählen wollen, ich werde ein offenes Ohr für Sie haben und es publik machen. Die Nordfeuer-Partei wird nicht mit ihren Verbrechen durchkommen. Dafür werde ich persönlich Sorge tragen. Beteiligen Sie sich daran. Ich zähle auf Sie.“
Sie nahm seine Karte entgegen und er konnte Reue auf ihrem Gesicht erkennen. Es war noch nicht zu spät, die Sache zu bereinigen.
Niemand würde ihn davon abhalten, der Gerechtigkeit zur Vollendung zu verhelfen. Und wenn es ewig dauerte.
Irgendwo musste man ja anfangen.
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