Verhaltensauffällig

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
V
17.12.2015
17.01.2016
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„Stellst du bitte diese scheußliche Musik etwas leiser? Da haben wir schon mal drüber gesprochen“, rief Betty gerade von unten.
Er seufzte und drehte die Anlage etwas leiser. Warum nur hatte sie nichts für Tschaikowski übrig? Er würde niemals verstehen können, wie jemand diese hohe Kunst tatsächlich als 'scheußlich' bezeichnen konnte... Aber sie hatte es wirklich schon häufiger erwähnt und da wollte er sie nicht verärgern.
Jetzt hatte er den Gedankengang vergessen, der ihm gerade noch im Kopf herumgeschwirrt war. Vielleicht würde er sich später daran erinnern.
Stirnrunzelnd drehte er sich mit seinem Stuhl um und sah sich in seinem kleinen Zimmer um. Er musste dringend aufräumen, das war unausweichlich. Seine ganzen Bücher bildeten schon Gänge und er hatte nur wenige Stellen im Zimmer, die nicht zugestellt waren.
Das war zum einen direkt vor seinem Kleiderschrank, eine Stelle vor seinem Bett und eben sein Schreibtisch.
Betty wurde immer wütend, wenn sie hereinkam und das Chaos sah, doch war er nicht bereit es als 'Chaos' zu akzeptieren und seine Denk-Zone zu verunstalten. Es gehörte dazu und war notwendig für sein Wohlbefinden. Auch das konnte er nicht verstehen. Wie konnte Ordnung oder Unordnung in irgendeiner Weise das Denkvermögen eines Menschen beeinflussen?
Betty behauptete immer, dass sie sich schon nicht mehr konzentrieren konnte, nur weil sie wusste, dass es in seinem Zimmer aussah wie es eben aussah.
Gedankenverloren betrachtete er gerade den Stapel Bücher zu seiner linken. Ganz oben lag ein Geschichtsbuch. Das war immer sein liebstes Buch gewesen. Die Geschichte anderer Länder und Völker war so viel interessanter als die von England. Aber vermutlich dachte jeder Mensch so über sein eigenes Land. Bis auf die Deutschen, die konnten definitiv nicht behaupten, dass ihre Geschichte langweilig wäre. Und das war nicht positiv zu verstehen.
Es war für ihn unbegreiflich wie Menschen so blind hatten sein können, dass sie nicht mitbekommen haben wollen, dass tausende Menschen einfach verschwanden und nicht wieder auftauchten. Oder dass sie angeblich nichts davon gewusst haben, dass die nationalsozialistische Regierung eben die Bevölkerung anlog.
Die meisten Politiker logen permanent und waren ziemlich geübt darin keine Miene zu verziehen, doch konnte man immer ein wenig davon entdecken wenn man nur genauer hinsah.
„Kommst du runter? Ich brauche deine Hilfe“, rief Betty wieder von unten und er kratzte sich am Kopf. Seufzend erhob er sich und bahnte sich seinen Weg durch seine kleinen Wege und Nischen im Bücherwald.
Polternd lief er die Treppe herunter in den kleinen Flur. Englische Reihenhäuser entsprachen tatsächlich immer noch dem Klischee. Kitschige Tapeten, winzige Flure und verregnete Fenster. Betty war quasi das lebende Pendant dazu. Ein lebendiges Klischee eben.
Zaghaft klopfte er an den Türrahmen, um ihr zu signalisieren, dass er da war. Darauf hatte sie immer bestanden, auch wenn man deutlich hatte hören können, dass er die Treppen herunterlief. „Komm rein. Ich brauche diese verfluchte Küchenmaschine, die ganz oben im Schrank liegt und ich finde die Trittleiter nicht“, verkündete sie und er meinte zu hören, dass ihre Stimme etwas belegt war. Sie trug diesen Husten schon seit Wochen mit sich herum und das beunruhigte ihn. Betty nicht, aber sie blieb bei allem immer guter Dinge.
Kopfschüttelnd trat er an den geöffneten Küchenschrank und streckte sich nach oben, um das Küchengerät zu greifen.
„Das hier?“ fragte er und hielt ihr eine Brotschneidemaschine vor die Nase.
„Nein, das größere Teil da, es ist weiß“, murmelte sie nachdenklich und betrachtete die Brotschneidemaschine in seiner Hand. „Ich wusste gar nicht, dass ich die noch habe“, meinte sie dann lächelnd und er legte das Gerät zurück in den Schrank.
„Aber das ist es“, stellte er fest und sah sie fragend an.
„Ja, danke!“ Sie sah fröhlich aus, so als wäre etwas Wichtiges passiert, auch wenn es sich nur um so etwas Banales wie ein Haushaltsgerät handelte.
Dann verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht und sie blickte ihn besorgt an.
„Was machst du eigentlich den ganzen Tag da oben?“
Er stutzte.
„Ich mache mir Sorgen um dich, hörst du? Mrs. Savage hat gerade angerufen und nach deinem Verhalten hier zu Hause gefragt“, fügte sie dann noch hinzu während sie das Gerät in ihrer Hand drehte.
„Und was hast du ihr gesagt?“ fragte er und ertappte sich dabei wie er überlegte, dass er nicht mehr zur Schule gehen sollte. Die unangenehme Fragerei seiner Lehrer ging ihm ziemlich auf den Geist.
„Nun ja, dass du dich ziemlich verschließt und eigentlich nur in deinem Zimmer bist. Die Wahrheit eben. Es wäre deutlich einfacher, wenn du mit mir reden würdest, statt dich da oben zu verstecken. Wenn man etwas immer nur mit sich herumträgt, dann frisst es einen auf, verstehst du?“
Er nickte wohlwollend, sagte aber nichts. Er trug nichts mit sich herum, höchstens das Unverständnis für die meisten Menschen und ihre Entscheidungen und Aussagen. Das meiste, was er bei seinen Mitmenschen beobachten konnte, kam ihm immer irgendwie ziemlich dämlich vor und manches Mal hatte er das sogar laut ausgesprochen.
Seine Klassenkameraden hielten ihn für einen Freak, dabei vermutete er, dass er einfach nur einen anderen Blick auf diese Welt hatte.
„Was schaust du denn so? Gibt es etwas, über das du mit mir sprechen möchtest?“ fragte Betty nun und er sah ehrliche Verzweiflung in ihrem Gesicht.
Sie riss ihn aus seinen Gedanken und er schüttelte einfach den Kopf. „Nein, es ist alles in Ordnung.“
Betty hustete und setzte sich angestrengt an den Küchentisch. „Mrs. Savage macht sich aus Sorgen um dich. Sie hat vorgeschlagen, dass du mal mit jemand Unabhängigem sprechen solltest.“
„Du meinst ein Psychologe?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Sag das nicht so abfällig, vielleicht solltest du es einfach ausprobieren. Wenn es dir nichts bringt, kannst du immer noch die Therapie abbrechen.“
„Es geht mir gut, Betty. Wirklich“, sagte er ernst und blickte sie an. Ihr standen Schweißperlen auf der Stirn und sie war ziemlich blass. „Geht es dir gut?“ fragte er aufgebracht und hockte sich vor ihren Stuhl.
Sie begann wieder zu husten und sah ihn mit einem gequälten Lächeln an.
„Nein, geht es dir nicht, wir gehen jetzt sofort zu einem Arzt“, sagte er und Betty versuchte zu widersprechen, doch überhörte er das Gesagte einfach.
Er erhob sich und schnappte sich das Telefon auf der Arbeitsfläche, um bei ihrem Arzt anzurufen. Hinter sich vernahm er einen dumpfen Knall und er drehte sich panisch um. Betty war vom Stuhl gekippt und lag röchelnd am Boden.
Er drückte das Gespräch weg und lief auf sie zu. Behutsam legte er ihren Kopf auf seine Knie und murmelte immer wieder: „Ich hole Hilfe, keine Angst. Es kommt gleich Hilfe...“
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