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Helpless Orphans

von See you
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Thriller / P16 / Gen
Beyond Birthday L Matt Mello Near Sayu Yagami
16.12.2015
27.04.2018
52
163.611
8
Alle Kapitel
72 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
16.12.2015 2.950
 
Hey!
Herzlich willkommen zu dem Sequel zu „Helpless Search“, das ich ja bereits angedroht hatte und das von der lieben Ririchiyo wieder gegengelesen wird.
Da es sich hier um ein Sequel handelt, wäre es gut, wenn ihr die vorige Story ebenfalls gelesen habt (http://www.fanfiktion.de/s/53331d3700010531b5f2dba/1/Helpless-Search). Die Charaktere haben teilweise anderes erlebt und handeln demensprechend auch anders (siehe Sayu!). Es wird ein Wiedersehen mit allen Charakteren geben (zumindest versuche ich das, aber ein Teil ist einfach im Gefängnis gelandet...), sowie auch neuen, bei denen ich gespannt bin, wie ihr sie finden werdet. ^^
Genug der langen Worte, hier kommt „Helpless Orphans“!
lg, see you

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„B, du sollst zu Roger!“, brüllte einer der Jungs hinter der Tür und Beyond seufzte nur genervt auf. Trotzdem bewegte er sich nicht, sondern blieb auf dem Bett liegen, die Füße gegen die Wand gestemmt und auf die Zimmerdecke starrend. Hoffend, dass man ihn in Ruhe ließ. Was leider nicht der Fall war. „B!“
„Hat einer von euch den Knirpsen verraten, dass ich hier bin?“, grummelte er und sah wütend zu den Jungs, die auf dem Boden saßen und Schach spielten.
„Dafür muss man kein Genie sein“, antwortete Matt, während er seinen Turm um zwei Felder versetzte. Er warf einen Blick auf Near. „Schach.“
Der Junge überlegte kurz, dann setzte er seine Figur und vereitelte so eine vorzeitige Niederlage. „Die Kinder sind aufgeregt“, murmelte er dabei. „Besuch von L? Oder ein Neuer?“
„Im letzteren Fall soll B also wieder Babysitter spielen“, schlussfolgerte Matt.
„Als ob ich mich mit euch Zweien nicht schon genug langweile“, bemerkte Beyond und setzte sich mürrisch auf. „Jetzt kriege ich noch einen Versager.“
„Viel Spaß“, sagte Near gedankenverloren.
„Ich habe dich gerade beleidigt, du Trottel.“
„Oh. Du sagst das so häufig, ich dachte, es wäre freundlich gemeint.“ Near setzte seine Figur. „Schach.“
„Vergiss es“, meinte Matt zu ihm und drehte sich dann zu Beyond um. „Verschwinde schon. Die werden jetzt so oft kommen und nerven, bist du endlich gehst. Ich kann Near nicht schlagen, wenn wir ständig gestört werden.“
„Vergiss es“, wiederholte Near Matts Worte, klang aber dabei so mechanisch wie ein Aufnahmegerät.
„Sehr schön, jetzt wirkst du fast menschlich“, lobte ihn Beyond sarkastisch.
„Danke.“
„Dir ist auch nicht zu helfen“, sagte er beinahe resigniert. „Mach ihn fertig, Mattie.“
„B!“, brüllte wieder der Junge und hämmerte gegen die Tür. „B, Roger sagt, du-“
Beyond riss die Tür auf und funkelte den Jungen wütend an. „Ich komme schon und wenn du nicht sofort die Klappe hältst, werfe ich dich aus dem Fenster!“
Der Junge erbleichte, während Near fragend zu Matt sah.
„Er hat das jetzt ernst gemeint, nicht wahr? Oder war das Sarkasmus?“
„Ja, Near, das war mein voller Ernst“, knurrte Beyond.
„Aber bist du dir denn sicher, dass du es schaffen würdest, ihn aus dem Fenster zu werfen? Du musst sein Gewicht beachten, sowie deine eigene Kraft und dann den Abstand vom Boden zum Fenster, den Schwung des Wurfes und -“
„Near, halt einfach die Klappe...“ Er seufzte, dann warf er die Tür hinter sich zu und warf dem Jungen, der ihn holen sollte, einen bösen Blick zu. „Ist noch was? Denn wenn nicht, solltest du lieber verschwinden. Ansonsten fresse ich dich auf.“ Beyond tat, als würde er sich auf den Jungen stürzen wollen, der daraufhin entsetzt zurückwich.
„Backup!“, bellte eine Stimme und als Beyond aufsah, sah er Roger, der zornig auf sie zu stampfte. „Wie oft habe ich dir bereits gesagt, dass du die jüngeren Kinder in Ruhe lassen sollst?“
„Als ob ich da mitzählen würde“, antwortete Beyond und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie der kleine Junge hastig den Flur hinunterrannte. „Was willst du?“
Roger wirkte, als ob er noch etwas sagen wollte, aber er überlegte es sich anscheinend anders und wechselte das Thema. „Komm, L und Watari sind da. Es gibt einen Neuzugang.“
Beyond wurde bei der Ankündigung schlecht. „Bitte sag mir, dass es nicht das ist, was ich denke“, sagte er, während er Roger folgte, der Richtung Eingangshalle eilte. „Ich flehe dich an, ich habe doch schon zwei Quälgeister!“
„Und damit bist du derjenige mit den wenigsten Kindern. Alle anderen in deinem Alter kümmern sich um vier bis fünf.“
„Ja, aber die haben auch keinen Autisten und keinen... Matt.“ Beyond warf die Hände in die Luft. „Ach komm schon, ich bin total mit den beiden ausgelastet.“
„Dann ist ja alles in Ordnung, ich glaube nämlich nicht, dass er dir irgendwelche Schwierigkeiten bereiten wird“, sagte Roger und dann waren sie an der Treppe angelangt, von der sie hinunter in die Halle gucken konnten. Watari und L standen dort, gemeinsam mit einem kleinen blonden Jungen, der Beyond beinahe schon feindselig ansah. „Backup, das ist Mello.“



Zehn Jahre später.


„Wie geht es ihm?“, fragte Sayu Yagami als sie in das Krankenzimmer ihres Bruders eintrat.
„Gut“, antwortete ihr ihre Mutter und strich Light zärtlich eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe ihm aus der Zeitung vorgelesen und ihm Beethoven vorgespielt. Er hört ihn so gerne...“
Sayu zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, stimmt.“
Sachiko Yagami war in den letzten Wochen sichtlich gealtert. In ihren Haaren hatten sich einige graue Strähnen geschlichen und in ihrem Gesicht Falten. Sie sah unglaublich müde aus, genauso wie ihr Mann.
Mit einem unbehaglichen Gefühl setzte sie sich an das Bett und sah ihren Bruder an. Ihre Eltern und die Krankenschwestern des `Good Samaritan´-Hospital pflegten ihn jeden Tag, sodass es wirkte, als wäre Light erst vor wenigen Minuten ins Koma gefallen und nicht vor drei Monaten. Als hätte es diese Monate nie gegeben.
Ihre Eltern wussten noch immer nicht, dass Light die Mafia benutzen wollte, um die Yotsuba-Group und die korrupten Mitglieder der Polizei zu töten. Statt ihm war der Anwalt Teru Mikami ins Gefängnis gekommen, ebenso wie die Moderatorin Kiyomi Takada und Sayus ehemalige beste Freundin Misa Amane. Die letzteren hatten Glück im Unglück gehabt und nur wenige Monate wegen Körperverletzung erhalten. Diese Monate hatten sie vor allem durch den Detektiven L erhalten; normalerweise wären beide nur auf der Bewährung, aber L hatte bewiesen, dass sie Mikamis Komplizinnen gewesen und man ihnen auch noch versuchten Totschlag anklagen könnte. Mikami selbst hatte L dabei geholfen und sowohl Kiyomi als auch Misa belastet, aber das hatte Sayu nicht sonderlich gewundert. Ihr war bereits vorher aufgefallen, dass dieser die zwei Frauen nicht leiden mochte und dass er möglicherweise als einziger jahrelang in das Gefängnis kam, während die beiden frei waren, hatte wohl das Fass zum Überlaufen gebracht und er hatte angefangen zu plaudern. Nur nicht über Light. Und auch Misa und Kiyomi hatten nicht ein Wort über Light verloren. Als wäre nicht alles seine Idee gewesen.
„Ich muss noch einkaufen“, sagte ihre Mutter und riss Sayu aus ihren Gedanken. „Erzähl ihm doch etwas von deinem Tag. Du bist so selten hier.“
„Aber natürlich“, sagte Sayu hastig und griff nach Lights Hand. Kurz dachte sie daran, wie er ihre Hand ergriffen hatte, um ihr wie ein Gentleman aus dem Auto zu helfen. Es war dieselbe Hand. Nur fühlte sie sich ganz anders an. Nicht mehr so vertraut. Aber das war vermutlich normal. Schließlich lag Light im Koma. Und er hatte versucht Menschen zu töten.
Aus den Augenwinkel beobachtete sie, wie ihre Mutter Light noch einmal auf die Stirn küsste und sich dann verabschiedete. Sobald sie das Zimmer verließ, seufzte Sayu erleichtert aus.
Es war schwierig gewesen zu behaupten, sie wüsste nicht, was passiert war. Dass Light ganz anders war als sie es sich je hätte vorstellen können. Und dass sie vor drei Monaten einige Male fast gestorben wäre. Dass das nicht passiert war, hatte sie eigentlich nur Near, Mello und Matt zu verdanken, die sie seit jenen Ereignissen nicht mehr gesehen hatte.
L hatte sie einmal angerufen, um ihr zu sagen, dass Sayu in Sicherheit war und dass weder Kiyomi noch Misa oder Mikami sie erwähnt hatten. Aber da war seine Stimme verzerrt und die Nummer nicht sichtbar gewesen.
Wie es wohl allen ging? Mello und Matt, Near und seinen SPK-Mitgliedern? Natürlich verstand sie, dass es besser war so zu tun, als würden sie sich nicht kennen, trotzdem hatte Sayu schon mehrmals überlegt, ob sie nicht einfach zu dem Hauptquartier des SPKs oder auch zu Mellos und Matts Wohnung gehen sollte. Einfach nur, um zu reden. Sie waren die einzigen, die wussten, was Light vorgehabt hatte, die einzigen, die vielleicht erahnen konnten, wie Sayu sich fühlte.
„Ich besuche wieder alle meine Veranstaltungen“, murmelte Sayu und drückte Lights Hand, wünschte sich, dass diese Hand den Druck erwiderte und es nicht leblos geschehen ließ. „Ich lerne fleißig, treffe mich mit einigen Freunden, die ich nicht sonderlich gut kenne, aber vielleicht ändert sich das noch. Es ist alles in Ordnung und genauso, wie es vorher war. Nur...“ Sie beendete nicht den Satz, weil sie auch nicht wusste wie. Irgendetwas fehlte, irgendetwas fühlte sich falsch an. Weil sie ihr Leben weiterlebte, als wenn die letzten drei Monate nie geschehen wären? Aber hatte sie denn überhaupt die Wahl? Sie war nicht so intelligent wie Ls Nachfolger, sie war ihnen noch nicht einmal nützlich. Eigentlich war sie ihnen sogar vielmehr ein Klotz am Bein.
Es klopfte leise und Sayu antwortete ohne hinzusehen: „Herein.“
Ein dunkelhaariger Mann in einem Arztkittel beugte sich über Light und prüfte geschickt die Angaben der Maschinen. „Nun, wie geht es uns denn heute?“, fragte er fröhlich. „Besser?“
„Ähm, ich glaube schon“, murmelte Sayu und verfluchte sich, dass sie sich, anders als ihre Eltern, die Namen der Ärzte und Schwestern des Krankenhauses nicht eingeprägt hatte. Jeder Mitarbeiter grüßte sie, aber sie erkannte nicht einen. Ihre Mutter hätte gewusst, wie der Arzt hieß und ob er eine Operation für ihren Bruder für eine gute Idee hielt. Trotzdem gab Sayu sich Mühe und versuchte den Mann einzuordnen. War es der Anästhesist? Der Neurologe? Der Oberarzt? „Es wäre wirklich leichter, das Fachgebiet des Arztes zu erraten, wenn dieser nicht die ganze Zeit mit dem Rücken zu mir stehen würde“, dachte Sayu beinahe schon entnervt.
„Ach, wie schön“, entgegnete der Arzt locker und schnippte gegen den Tropf, ehe er die Schubladen aufriss und eine Spritze herausholte. „Und wie geht es Ihnen, meine Liebe? Oder darf ich `du´ sagen?“
„Äh, ja, warum nicht?“, antwortete Sayu verwirrt. Soweit sie wusste, hatte noch kein Arzt ihr das Duzen angeboten.
„Sehr schön. Du siehst nicht gut aus. Etwas blass. Aber das ist auch kein Wunder, nicht wahr? Es muss ziemlich schwierig sein, den eigenen Eltern vorzulügen, dass ihr Sohn nicht der brave Junge ist, für den sie ihn halten. Ich frage mich, was passieren würde, wenn herauskommen würde, dass er das Mastermind hinter dem Plan war, der die Yotsuba-Group vernichten sollte.“
Sayu blinzelte, während sie zusah, wie der Arzt die Spritze mit einer Flüssigkeit aufzog. Dann erst realisierte sie, was er ihr soeben gesagt hatte. „Moment, wie bitte?“
„Du weißt schon, was ich meine.“ Der Arzt drehte sich um und grinste sie breit und erwartungsvoll an, als würde er erwarten, dass sie aufschreien würde. Aber sie kannte das Gesicht nicht. Schwarze Haare, blasse Haut, schwarze Augen und zu dunkle Augenringe. Der Arzt lachte gackernd. „Na so was, dann bist du ihm noch nicht begegnet. Wie schade, das ist immer das Beste bei meinem Auftritt.“
„Was?“, fragte sie irritiert. „Sollte ich Sie kennen?“
„Na, na, wir duzen uns doch jetzt. Macht viel mehr Spaß. Und nein, du kennst mich nicht.“ Der Mann griff nach der Krankenakte ihres Bruders und blätterte interessiert. „Aber du kannst mir trotzdem helfen. Denn weißt du, ich muss jemanden treffen und der darf mich nicht verraten. Und dafür brauche ich dich.“
Langsam stand Sayu von ihrem Platz auf. Sie wusste nicht warum, aber sie hatte ein furchtbares Gefühl. Wer war der Mann? Was wollte er von ihr? Und warum wünschte sie sich im Moment nichts sehnlicher als Halles Waffe, die ihr Mello wieder genommen hatte, damit ihren Eltern nichts auffiel? „Was willst du von mir?“, fragte sie und hoffte, dass man das Zittern in ihrer Stimme nicht heraushörte.
Der Mann schwenkte die Spritze vor ihrem Gesicht. „Nichts besonders. Ich brauche einfach nur ein Foto von dir, meine Liebe. Denn weißt du, du bist meine Garantie.“ Und dann hielt er ihr den Mund zu, als sie zu einem Schrei ansetzen wollte. Entsetzt versuchte Sayu ihn zu schlagen, aber da hatte er ihr die Spritze bereits in den Arm gejagt und sie merkte, wie langsam ihr Bewusstsein verschwand. Der Mann fing sie auf, als sie zusammensackte und drückte sie an seine Brust. „Auf, auf“, murmelte er leise, während Sayu immer müder wurde. „Auf zum großen Familientreffen...“

Anthony Rester betrachtete misstrauisch das Paket, das vor ihm stand. Es war ohne die Post gekommen und es standen weder ein Absender noch die Adresse des SPK-Hauptquartiers drauf. Dennoch hatte es vor der Eingangstür gestanden. Rester hatte das Paket gescannt, aber er hatte den Inhalt nicht erkennen können. Durch die Röntgenstrahlen waren allerdings Buchstaben auf dem Paket aufgetaucht, bei denen Rester nicht wusste, ob sie ernst gemeint waren oder nicht.
`Bombensicher Bombenlos.´
Wenn die Worte ein Witz waren, konnte Rester nicht darüber lachen.
Rester griff nach seinem Handy und wählte Halle Lidners Nummer, die gerade bei Near sein musste. „Ich habe hier ein Paket ohne Adresse oder Absender. Ich kann nicht genau sagen, was drin ist, aber auf dem Paket steht: `Bombensicher Bombenlos´.“
Es war einen Moment still. „Soll das ein Witz sein?“
„Ich weiß es nicht. Frag Near, was wir tun sollen.“
„Du sollst das Paket herbringen“, sagte Lidner schließlich. „Near sagt, dass es höchstwahrscheinlich ein Scherz ist.“
„Ha, ha“, machte Rester trocken, legte auf und hob das Paket hoch. Es war ziemlich leicht und klapperte, als er es bewegte und zum Fahrstuhl trug.
Near, Lidner und Stephen Gevanni sahen ihn neugierig an, obwohl die letzteren beiden auch einen leichten Argwohn im Gesicht hatten.
„Öffnen Sie das Paket“, wies ihn Near an und drehte nachdenklich einen Würfel in seiner Hand.
Rester stellte das Paket auf den Boden, griff nach seinem Taschenmesser und schnitt vorsichtig das Paketband auf. Er warf einen Blick auf Near, wartete auf dessen Nicken und klappte dann das Paket auf. Und zog verwirrt eine Augenbraue hoch. „Äh...“
Near stand auf und schlurfte zu ihm, sah ebenfalls in das Paket. Langsam ließ er seine Hand hinein sinken und holte einen Pinsel heraus.
„Ein... Pinsel?“, fragte Lidner verblüfft. „Das ist alles?“
„Nein“, antwortete Rester. „Hier sind noch... Schokoladenzigaretten. Ein Puzzle. Eine Tafel Schokolade. Ein Glas Marmelade. Und...Haare?“
Near hob das Haarbüschel hoch, sah die Kette, die die Haare zusammenband. Und sah niemanden bestimmtes an, als er sagte: „Rufen Sie Mello, Matt und Linda an. Sie müssen sofort herkommen.“

Das erste, was Sayu wahrnahm, war, dass sie auf einer weichen Unterlage lag.
Zu mehr war ihr schläfriger Verstand nicht imstande, der zunächst erst einmal langsam erwachen musste. Erst dann bemerkte sie, dass sie gefesselt war und sie öffnete entsetzt die Augen.
Über ihr war eine verputzte Decke und soweit sie es sehen konnte, waren auch die Wände untapeziert. Wirklich bewegen konnte sie sich nicht- breite Gurte an ihrer Stirn, Schultern, Bauch und den Beine hielten sie fest auf der Matratze.
Sayu brach der Schweiß aus. Sie hörte ihr Herz laut schlagen und ihre Stimme zitterte, als sie rief: „Ist da jemand? Bitte, wenn da jemand ist... bitte lass mich gehen.“ Ihre Augen tränten, aber sie zwang sich, nicht zu weinen. Ihr schossen alle Filme in den Kopf, in denen verrückte Killer Leute fesselten und sie dann langsam zerstückelten, verbrannten, aufschnitten-
„Ah, du bist wach“, hörte sie die Stimme des vermeintlichen Arztes und sein Kopf schob sich in ihr Sichtfeld. „Na, gut geschlafen?“
Sie starrte ihn an, nicht in der Lage zu antworten.
„Hm, ich dachte irgendwie, dass du höflicher wärst... Oh, ich musste übrigens Friseur spielen, ich hoffe, du verzeihst es mir. Ich habe auch extra eine Stelle genommen, an der man es nicht so häufig sieht. Aber wenn du willst, kannst du mir auch gerne sagen, wie du gerne deine Haare hättest, ich versuche dann, es nachzuschneiden.“ Er lachte gackernd. „Ich muss allerdings gestehen, dass ich beim Schneiden nicht sonderlich talentiert bin. Feinmotorisches liegt mir eher nicht. Wenn ich die Wahl zwischen Schere und Axt habe, nehme ich die Axt. Keine Sorge“, beeilte er sich zu sagen, als Sayu wimmerte. „Ich bin kein Sadist. Na ja, eigentlich schon, aber das sagt man nicht unbedingt zu einer Frau, die man gerade an das Bett gefesselt hat. Übrigens, ist es bequem? Ich war mir wegen dem Härtegrad der Matratze nicht ganz sicher.“ Er sah sie erwartungsvoll an.
Sayu schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als sie glaubte, dass ihre Stimme nicht mehr ganz so zitterte. „Ich weiß nicht, was du willst“, sagte sie langsam. „Aber ich habe kein Geld. Bitte, lass mich wieder frei, man wird mich suchen und du wirst ins Gefängnis kommen. Wenn du mich aber gehen lässt, verspreche ich, dass ich dein Gesicht vergessen werde und ich niemandem sagen werde, dass-“
„Shhh“, machte der Mann und legte ihr einen Zeigefinger an den Mund, um sie am Sprechen zu hindern. „Ich will gar nicht, dass du mich vergisst, Liebes. Wie gesagt, ich brauch deine Hilfe. Und das kannst du nur, wenn du weißt, wer dich hierher gebracht hat. Keine Angst, du musst nichts schweres machen. Die liebliche Prinzessin muss nur in ihrem Bett liegen und darauf warten, dass ihr Ritter auf dem weißen Ross kommt, um sie zu retten.“ Er brach wieder in Gelächter aus. „Ich bin mir sicher, dass das gut aussehen wird. Aber wie gesagt, du sollst nur hier liegen und mein Gesicht nicht vergessen. Und auch nicht, wer ich bin. Wer derjenige ist, der dich entführt und gefesselt hat.“ Der Mann beugte sich noch tiefer über sie. „Denn weißt du“, flüsterte er. „Ich bin L.“
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