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KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
14.12.2015
14.12.2015
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»Vertraust du mir?« Worte, die meine Skepsis schüren. Hinzu kommt, dass es darauf keine eindeutige Antwort gibt.
Nein‹ ist grundsätzlich indiskutabel. ›Ja‹ wäre nur mit einem ›aber‹ wirklich ehrlich. Aber wer ist schon immer ehrlich in einer Beziehung, die seit über zwanzig Jahren besteht? Ohne eine kleine Notlüge hier und da läuft so etwas nicht.
»Das weißt du doch.« Ganz kurz freue ich mich über meinen grandiosen Einfall, eine echte Antwort zu umgehen. Ein Knurren folgt als Erwiderung. Scheint ihm nicht zu reichen.
»Okay. Ähm ... ja …?«, versuche ich es nochmals.
»Ist das eine Frage oder eine Antwort?« Ralfs Blick ist ernst und zeugt nicht von sonderlich viel Geduld.
»Kommt darauf an ...« Ich wackle ein wenig hin und her, während ich von einem Bein aufs andere trete.
»Worauf?« Der Unterton ist lauernd.
»Ob das hier dein Ernst ist?« Ich mache eine ausschweifende Handbewegung.
»Ja, warum denn nicht?«, erwidert Ralf in seiner naiv-verletzlichen Art.
»Und ich dachte, wir wollten etwas für unser Liebesleben tun!« Schließlich haben wir deswegen diesen Kurzurlaub an der Ostsee gebucht. Von Samstag bis Mittwoch. In einem Wellness-Hotel. Mit allem Drum und Dran. Doch bisher war das Erotischste, das wir seit unserer Ankunft vorgestern getan haben, das Kerzenziehen gestern. Zusammen mit einem Haufen Kindern, denen die Bedeutung eines Phallus hoffentlich noch lange verborgen bleibt.
»Aber das tun wir doch!«
»Mit Minigolf?«
»Du sagst das so abwertend. Wir müssen natürlich die Regeln ein wenig abändern.«
Ich hebe eine Augenbraue und sehe Ralf abwartend an. »Inwiefern?«
»Vertrau mir.«
Lachend hakt er sich bei mir ein und zerrt mich zum Ausgabehäuschen für die Schläger und Bälle. »Es ist so schönes Wetter heute. Da wollen wir doch nicht drinnen herumhocken.«
Nun, mir wäre auch noch etwas anderes eingefallen, als stupide herumzusitzen.
So motiviert, wie es mir möglich ist, folge ich meinem Freund zur ersten Bahn. Wir sind die Einzigen hier. Kann ich auch niemandem verdenken. Erstens ist es jetzt im Herbst nicht mehr gerade warm und zweitens kann man ganz klar sagen, dass diese Minigolfanlage definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat; und die waren sicher bevor wir beide geboren wurden.
»Clemens? Du fängst an!« Mit diesem strahlenden Lächeln, das mich schon damals vor zweiundzwanzig Jahren vom Fleck weg umgehauen hat, sieht er mich an. Er weiß genau, dass ich ihm nicht widerstehen kann. Also nehme ich den Schläger, den er mir hinhält, und einen der Bälle.
»Regel Nummer eins!«, beginnt er zu erklären, bevor ich mich in Bewegung setze. »Wenn der Ball von der Bahn abkommt, hat der andere einen Kuss frei.«
Ich nicke. Damit kann ich leben. Ich positioniere den Ball auf den Startpunkt und überlege, wie ich am besten schlage. Aber im Grunde genommen kann ich mir das auch sparen. Das ganze Laub und der verwitterte Beton ergeben eine unvorhersehbare Kombination.
Meine Güte! Wann habe ich das letzte Mal Minigolf gespielt? Ich glaube, das war auf einem Kindergeburtstag. Das ist demnach mindestens 35 Jahre her.
Ich titsche den Ball an. Er rollt. Ziemlich schnell; stößt gegen die Bande, rollt über ein paar Blätter und hüpft auf den Rasen.
Grinsend kommt Ralf auf mich zu. Ich beuge mich ein wenig zu ihm herunter, um ihn zu küssen, doch er dreht seinen Kopf weg.
»Hm?«
»Der Gewinner darf sich aussuchen, wohin er geküsst wird«, erklärt er.
»Ähm … okay. Und wohin hättest du gerne …?« Der glaubt doch wohl hoffentlich nicht, dass ich ihm hier mitten in der Öffentlichkeit seinen Schwanz küsse. Etwas, das ich grundsätzlich gerne tue, aber doch lieber in einem privateren Rahmen.
»Was du wieder denkst!«, beschwert er sich in einem amüsierten Tonfall, als er mich beobachtet. »Nein, ich habe vielmehr an hier gedacht.« Ralf deutet auf die Stelle hinter seinem linken Ohr. Dort ist er sehr empfindlich und verfällt üblicherweise in ein Schnurren, wenn ich ihn dort leicht streichle.
Er streckt seinen Hals, um mir besseren Zugang zu gewähren. Lächelnd beuge ich mich vor und berühre seine Haut ganz leicht mit meinen Lippen. Ralf seufzt, als ich mich löse, und lächelt mich an. »Na, schauen wir doch mal, wie weit wir kommen.«
Ich sammle meinen Ball wieder ein und lege ihn erneut auf den Anfang der Bahn.
»Regel Nummer zwei«, verkündet Ralf. Na, da bin ich ja mal gespannt. »Wer mehr als fünf Schläge braucht, macht einmal den Abwasch.«
Ich stutze. »Und was soll daran erotisch sein?«
»Nackt, versteht sich«, erklärt er zwinkernd.
Uh, okay. Wir waschen beide nicht gerne ab, dennoch haben wir uns bisher keine Spülmaschine zugelegt. Zum einen produzieren wir nicht so viel schmutziges Geschirr, da wir unter der Woche nicht zu Hause essen, zum anderen gibt es dafür in unserer Küche keinen Platz.
»Darf ich auch Regeln aufstellen?«, frage ich.
»Natürlich. Nur zu«, fordert er mich auf. Ich überlege einen Moment. Schließlich sind wir hier, weil unser Liebesleben in der letzten Zeit ziemlich eingeschlafen ist. Zu viel Arbeit, zu wenig Erholung und irgendwann schleift es sich ein. Und wenn wir dann mal in der Kiste landen, ist es meistens das Standardprogramm: Kurze Einigung darüber, wer oben und wer unten liegt, küssen, manchmal blasen, rein, fertig, raus. Okay, hört sich schlimmer an, als es ist. Jedenfalls kommen wir beide auf unsere Kosten und mitunter hat man schlicht nicht die Zeit - oder Kraft - für ein fünfstündiges Liebesspiel. Wenn ich daran zurückdenke, wie es war, als wir uns kennenlernten. Da sind wir gefühlt wochenlang kaum aus dem Bett gekommen. Regenerationszeit kannten wir nicht.
Tja, nur wird man leider nicht jünger, der Alltag beansprucht einen stärker und man verspricht einander, dass man sich irgendwann ganz viel Zeit nimmt.
Genau das haben wir dieses Wochenende vor. Okay, als wir vorgestern ankamen, bestand unser Abendprogramm aus einem kurzen Saunagang, bevor wir schnell ins Bett gegangen sind. Ohne sportliche Betätigung. Stattdessen haben wir beide gelesen. Wie eigentlich jeden Abend. Dafür hätten wir nicht wegfahren müssen. Aber wenn sich solch eine Routine eingeschlichen hat, fällt es eben schwer, daraus auszubrechen. Gestern haben wir einen langen Spaziergang gemacht. Das war schön, ohne Zweifel, aber nicht sexuell anregend. Diese Kerzen schon eher, aber ich hatte mich lieber eines Kommentars diesbezüglich enthalten. Die ganzen Mütter hatten uns sowieso schon argwöhnisch beobachtet. Zwei kinderlose, erwachsene Männer in solch einer Umgebung waren denen offenbar suspekt.
»Also?«, fragt Ralf, weil ich noch immer nicht geantwortet habe.
»Ich überlege noch.«
»Ach, sag einfach, was dir in den Sinn kommt. Ist doch egal.«
»Okay. Also, wie wäre es damit: Immer wenn einer eine Bahn mit einem Schlag schafft, hat er eine Massage beim anderen frei.«
Ralfs Blick huscht einmal über den Platz. »Äh, okay. Ich bezweifle zwar, dass das passieren wird, aber gut. Einverstanden.«
Sobald Ralf an der Reihe ist, darf ich meinen ersten Kuss einfordern. Ich wähle die klassische Variante, denn das ist in letzter Zeit ebenfalls viel zu kurz gekommen: Küssen, den anderen necken, mit der Zunge verwöhnen. Ich hoffe, die weiteren Bahnen sind in ähnlich schlechtem Zustand.

Als wir bei der Nummer zehn ankommen, haben wir uns bereits so viel geküsst wie schon lange nicht mehr. Außerdem ist der Abwasch für die nächsten Wochen gerecht zwischen uns aufgeteilt. Im Grunde werden wir uns beide abwechseln. Eine Vorstellung, die mir durchaus gefällt.
Ja, wir sind keine zwanzig mehr und unsere Haut ist demnach nicht mehr so straff, aber selbst mit beinahe fünfzig Jahren sieht Ralf immer noch unbeschreiblich sexy aus.

Zwar kann man bei dem, was wir hier tun, kaum von Sport sprechen, dennoch kommen wir allmählich ins Schwitzen. Mag auch daran liegen, dass wir ständig den Bällen hinterherlaufen müssen und wir länger fürs Küssen als fürs Abschlagen brauchen. Dass Ralf mich immer wieder zufällig berührt, trägt sicher auch dazu bei. Trotzdem ist es sehr kühl um uns herum. Ich hoffe nur, wir holen uns keine Erkältung. Da hilft wohl nachher nur ein schönes heißes Bad in dieser riesigen Badewanne auf unserem Zimmer. Hm, die Vorstellung gefällt mir. Wir beide nackt, nebeneinander oder übereinander. Wir küssen uns lange, nehmen uns Zeit, den anderen zu verwöhnen. Ja, das könnte mir gefallen.

Ich stelle mich neben die Bahn zu meinem Ball und wäge ab, wie viel Schwung ich ihm geben muss, damit er hineinrollt. Gerade als ich ausholen will, drängt sich Ralf von hinten dicht an mich.
»Ey!«, beschwere ich mich lachend. »Das ist unfair!«
Er küsst meinen Nacken, während er sich enger an mich drückt. »Nein«, flüstert er. »Das ist laut den Regeln erlaubt«, behauptet er und saugt leicht an der Haut, die er zuvor noch geküsst hat.
Mit geschlossenen Augen genieße ich die Liebkosung. »Mir gefallen die Regeln immer besser«, erwidere ich rau.
»Mhm. Weiterspielen.«
»Wie soll ich mich denn so konzentrieren?«
»Tja, das nennt man dann: erschwerte Bedingungen.« Seine Hände wandern um mich herum und streicheln meinen Bauch. Natürlich verfehlt das nicht seine Wirkung. Ein Kribbeln breitet sich in meinem Körper aus und in meiner Hose beginnt es eng zu werden. Soll er mich doch ablenken. Darf er ruhig noch ein wenig steigern.
»Wer seinen Schlag absichtlich hinauszögert, muss neben dem Abwaschen auch noch staubsaugen.«
Okay, damit hat er mich. Ich hasse staubsaugen. »Das ist aber ziemlich ungerecht.«
»Nein, behauptet ja niemand, dass du dich nicht revanchieren darfst.«

Ich atme tief durch und bemühe mich, diesen vertrauten und vor allem verführerischen Körper hinter mir zu ignorieren und schlage den Ball. Zu stark. Er rollt erneut vorbei. Beim nächsten Versuch ist er drin.
Jetzt ist Ralf dran. Na, warte. Ablenken kann ich auch. Ich stelle mich neben ihn und streiche über seinen Hintern. Zusätzlich küsse ich ihn hinter seinem Ohr. Ralf zittert. Seufzend schmiegt er sich meiner Hand entgegen. »Nicht verzögern, Schatz!«, necke ich ihn. Er schlägt blind, verfehlt den Ball.
Lachend verstärke ich meinen Griff. »Ich finde, dafür sollte es auch eine Regel geben. Wer daneben schlägt, gibt dem anderen einen morgendlichen Blowjob.«
Ralfs Augen funkeln erregt. Mir gefällt dieses Spiel immer mehr.
»Und der, der das Spiel verliert, wird den Rest dieses Wochenendes das tun, was der Gewinner möchte«, erwidert er.
»Ist das jetzt nur sexuell gemeint oder allgemein?«, hake ich nach.
»Was wäre dir lieber?«
Hm, gute Frage. Wir waren beide noch nie Fan von diesem Dom-/Sub-Kram. Auf so etwas würde es demnach wohl kaum hinauslaufen, aber wenn ich daran denke, dass ich ihm sagen könnte, dass er nur eine viertel Stunde Zeit hat, um sich morgens fertigzumachen - das hätte schon was. Andererseits besteht ja auch die Möglichkeit, dass ich verliere. Wer weiß, was er sich dann ausdenkt? Dann muss ich vermutlich noch mehr unsinniges Zeug machen, wie dieses Minigolf-Spielen hier oder das Kerzenziehen gestern. Obwohl das ja gar nicht so schlimm war. Eigentlich war es sogar ziemlich lustig. Gut, bin ich doch mal mutig.
»Okay, wenn schon, denn schon. Einigen wir uns auf ›allgemein‹.«
Ralf nickt und konzentriert sich wieder auf seinen Schlag. Zumindest soweit ich ihn lasse.

Als wir bei der letzten Bahn ankommen, können wir uns beide kaum noch richtig konzentrieren. Wir liegen fast gleich auf. Ralf hat in Summe lediglich einen Schlag weniger benötigt bisher. Es geht also um alles jetzt. Ich habe sogar eine Massage gewonnen, als ich bei der sechzehnten Bahn auf Anhieb eingelocht habe. Okay, war mehr Glück und auch nur, weil ich gezuckt habe, als Ralf mir während des Abschlags ungeniert in den Schritt gegriffen hat. Tja, selbst Schuld.
»Du zuerst!« Ralf deutet zur Bahn. Als ich mich aufstelle, stellt er sich wieder hinter mich, doch er berührt mich nicht, was mich ziemlich verwirrt. »Was denn?«, fragt er scheinheilig.
Ich ziehe lediglich skeptisch eine Augenbraue hoch.
»Keine Angst, kein Überraschungsangriff. Nicht, dass du noch mal so einen Glückstreffer landest.«
Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm glauben kann.
»Nein, ich stelle mir gerade viel lieber vor, wie wir gleich ein schönes entspannendes Bad nehmen. Wusstest du eigentlich, dass die Wanne eine Whirlpool-Funktion hat?«, flüstert er dicht an meinem Ohr. »Kennst du dieses Gefühl, wenn solch ein Strahl deinen Schwanz massiert?« Er gibt ein genießerisches Geräusch von sich. »Außerdem sind da Sitze auf der einen Seite angebracht und Haltegriffe. Die kann man bestimmt gut verwenden … Warum spielst du nicht?«
Ich atme zittrig durch. Mit drei Schlägen bin ich fertig.
»Was passiert eigentlich bei einem Unentschieden?«, frage ich, denn unmöglich ist es nicht. Mit maximal drei Schlägen gewinnt Ralf, bei vier keiner von uns.
»Hm, gute Frage, aber da wir noch zwei volle Tage da sind, würde ich sagen, gewinnt jeder einen Tag.«
Ich nicke, hole meinen Ball aus dem Loch und lasse Ralf sich hinstellen.
»Deine Idee von eben gefällt mir. Vielleicht werde ich dich an die Haltegriffe fesseln und dich verwöhnen.« Ich schließe die Augen, stelle mir die Szene vor. »Oh, ja. Ich werde dich betrachten und bewundern, wenn du dich windest, weil die Strahlen des Whirlpools dich reizen. Und dann werde ich dich nehmen. Ganz langsam.«
Ralf keucht, schlägt und der Ball landet im Gebüsch.
Grinsend gehe ich auf ihn zu. »Ich hätte gerne einen Kuss, der mir all deine Gefühle für mich zeigt.«
Schnell zerrt er mich hinter ein paar Bäume. Der Kuss beginnt zögernd, doch dann schmiegt Ralf sich an mich, legt eine Hand in meinen Nacken, dringt mit seiner Zunge tief in meinen Mund. Die andere Hand wandert auf meinen Rücken, zieht mich an ihn. Er reibt sich an mir und umspielt im gleichen Takt meine Zunge, immer fordernder, heißer. Ich packe seinen Hintern, stöhne in unseren Kuss. Keuchend löst er sich von mir, schluckt, leckt sich über seine Lippen. »Clemens …«
Lächelnd lasse ich ihn los. »So, jetzt spiel endlich mal. Ich möchte in die Badewanne.«
Natürlich geschieht das nicht ohne weitere Ablenkung von mir. Ergebnis: Gleichstand.
Na, das gefällt mir.
»Wer darf anfangen?«, frage ich, als wir uns auf dem Rückweg befinden. Ralf zuckt mit den Schultern. »Lass uns eine Münze werfen, okay?«
»Einverstanden.«

Wir brauchen reichlich lange zurück. Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Laternen, die den schmalen Weg säumen, sind spärlich gesät und leuchten zudem nicht sonderlich hell. Immer wieder bleiben wir stehen, um uns zu küssen. Klar denken kann ich schon seit diesem atemberaubenden Kuss nicht mehr, dafür befindet sich bereits zu viel Blut in südlicheren Gefilden.
Als wir es endlich auf unser Zimmer geschafft haben, verschwindet Ralf sofort ins Bad. »Ich lass schon mal das Wasser ein!«
Grinsend setze ich mich auf das Bett, um meine Schuhe auszuziehen. Routiniert greife ich in meine Jackentasche, um mein Handy herauszuholen, bevor ich sie ausziehe. Ich hatte es zuvor auf ›lautlos‹ gestellt und die Vibration deaktiviert, denn eigentlich hatte ich Ralf versprochen, es nicht mitzunehmen. Es blinkt. Kurz zögere ich, doch dann gebe ich den PIN-Code ein. Hätte ich besser nicht getan. Es ist eine Nachricht von meinem Chef, die er mir bereits heute Vormittag geschickt hatte. Was sage ich: eine? Er hat mir dutzende geschickt, aber in jeder steht in etwa das Gleiche. Außerdem hat er diverse Male versucht, mich anzurufen, doch ohne Vibration hab ich das nicht mitbekommen. Ich soll umgehend zurückkommen. Mein Kollege Frederick, mit dem ich in den letzten Wochen gemeinsam an einer Werbekampagne gesessen habe, hatte einen Unfall. Es war geplant, dass er heute die Präsentation, die für morgen anberaumt ist, alleine fertigstellt und auch den Vortrag morgen alleine hält, damit ich in Ruhe meinen Urlaub genießen kann. Schließlich fehlten nur noch ein paar Kleinigkeiten, um dem Ganzen den letzten Schliff zu geben.
Ich höre Geräusche aus dem Bad. Offenbar hat sich Ralf bereits ins Wasser gelegt. Schnell rufe ich meinen Chef an. Vielleicht kann man das Ganze anders regeln.
»Clemens, Sie wissen, wie wichtig dieser Auftrag für uns ist.« Bei uns ist es üblich, sich beim Vornamen zu nennen und zu siezen. Soll das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken oder etwas in der Art. Habe ich noch nie verstanden. »Wenn die abspringen, ziehen die ihre gesamten Werbeaufträge bei uns ab. Ich brauche Ihnen wohl nicht erklären, was das bedeutet.« Keine Frage, eine Feststellung. Unsere Werbeagentur lebt überwiegend von einem großen Auftraggeber. Eben jenem, der morgen eine perfekte Präsentation erwartet.
»Aber wenn man denen die Umstände erklärt … Was ist überhaupt passiert?«
»Ach, der Idiot ist gestern mit dem Fahrrad einen Abhang heruntergerutscht. Arm gebrochen und ein Schädel-Hirn-Trauma. Seine Frau rief heute Vormittag an.«
»Ach, du meine Güte!«
»Ja, ich sag ja: Idiot!« Mein Chef schnaubt. »Echt, wie kann der das machen, wo er doch weiß, wie wichtig dieser Termin ist?«
»Ich bezweifle, dass das Absicht war«, entgegne ich ihm.
»Wie auch immer.«
Ich laufe ein paar Mal hin und her. »Aber das ist doch sicher etwas, was der Kunde versteht, wenn man ihm die Umstände erklärt.«
»Nein, das ist zu riskant.«
»Kann denn nicht Yvonne …?«
Mein Chef lacht kurz trocken auf. »Sie meinen die Kaugummi kauende Barbie-Puppe? Hallo? Die weiß ja nicht einmal, wie man den Beamer anschließt, geschweige denn, dass sie einen ordentlichen Vortrag halten könnte.«
Ja, mein Chef ist ätzend. Bereits im Alltag, doch unter Stress entwickelt er sich zu einem gehässigen Monster.
»Und … was ist mit irgendjemand anderem?«
»Es gibt sonst keinen, der so weit in dem Thema drin ist. Da Frederick heute ausgefallen ist, sind Sie jetzt der Einzige, der die Präsentation fertigstellen kann. Außerdem wird niemand tiefer gehende Fragen des Mandanten beantworten können. Ich erwarte Sie in spätestens zwei Stunden hier.«
Ich keuche. Das ist zeitlich überhaupt nicht zu schaffen. Drei Stunden sind Minimum. »Wie bitte? Sie wissen schon, dass ich nicht zu Hause bin?«
»Ja, natürlich. Sonst hätte ich Ihnen wohl kaum so viel Zeit eingeräumt. Also, steigen Sie in Ihr Auto und fahren Sie los, wenn Ihnen Ihr Job lieb ist.« Bevor ich noch etwas erwidern kann, hat er bereits aufgelegt. »Shit!«
Ich starre noch kurz auf mein Handy und streiche mir mehrfach durch die Haare. Das kann doch nicht wahr sein! Ralf wird ausrasten. Zu Recht.
Warum ich das überhaupt mitmache? Ich liebe diesen Job. Es war schon immer mein Traum, in genau dieser Werbeagentur zu arbeiten. Und wenn Herr Krieger nicht gerade derart unter Druck steht, ist er auch ein akzeptabler Chef. Zumindest solange man ihm keinen Grund gibt, einen zu tyrannisieren.

»Schatz? Wo bleibst du denn? Das Wasser ist herrlich!«, ruft Ralf aus dem Badezimmer. Ich schlucke und atme einmal tief durch. Nützt ja nichts.
Ich halte noch immer mein Handy in der Hand, als ich das Bad betrete.
»Was ist los?«, fragt er sofort alarmiert und wirft einen skeptischen Blick auf mein Handy. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sieht er mich an. »Das ist jetzt nicht dein Ernst!«
»Ralf … ich …«, beginne ich. »Es tut mir leid!«
»Ach, einen Scheiß tut es dir! Wieso hast du das Mistding überhaupt mitgenommen? Du hast mir versprochen, es zu Hause zu lassen.«
»Du weißt doch, was los ist bei uns. Wir … Frederick hatte einen Unfall.«
Kurz werden seine Gesichtszüge sanfter. »Geht es ihm gut?«
»Ich weiß es nicht. Laut meinem Chef ist es nicht so dramatisch, aber er soll wohl ein Schädel-Hirn-Trauma haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das eine Lappalie ist.«
Ralf schnappt nach Luft. »Ne, ich auch nicht.« Er starrt mich einige Momente an, doch dann verfinstert sich sein Blick erneut. »Das heißt, du musst arbeiten? Sag bloß, du hast deinen Laptop auch dabei und tippst wieder die halbe Nacht auf dem Teil rum. Du weißt genau, dass ich dabei nicht schlafen kann!«
Ich schüttle den Kopf. Natürlich habe ich den dabei. Ich habe ihn in meinem Rucksack versteckt, obwohl ich Ralf versprochen habe, den ebenfalls zu Hause zu lassen, aber das ist jetzt sowieso zweitrangig. »Ich muss zurückfahren. Ich …«
»Wie bitte?!« Abrupt setzt er sich auf, wodurch ein Teil des Wassers über den Rand schwappt.
»Morgen ist eine wichtige Präsentation. Vermutlich die wichtigste, die unsere Agentur bisher hatte. Wenn wir die nicht halten, sind wir so gut wie ruiniert.«
»Übertreibst du nicht ein bisschen?«
Ich seufze. »Leider nicht.«
»Und warum gerade du? Ich dachte, bei euch arbeiten ein paar Leute mehr.«
»Schon, aber Frederick und ich haben das Konzept zusammen erstellt. Außer uns ist niemand tief genug in der Materie.«
Ralf lehnt sich wieder zurück und verschränkt die Arme vor seinem Brustkorb. »Na, wie praktisch.«
»Was willst du damit sagen?«
»Na, dass du schließlich von Anfang an keinen Bock auf diesen Urlaub hattest. Stimmt’s oder hab ich recht?« Er sieht mich prüfend an. Unrecht hat er nicht. Als er mit der Idee ankam, war ich alles andere als begeistert.
»Na, welch ein Glück, dass du mich nicht länger ertragen musst. Geh schon. Verpiss dich!«
»Ralf …« Ich hocke mich neben die Wanne.
»Sag mal, hörst du schlecht? Du sollst gehen. Musst dich sicher beeilen, um zu deinem heiß geliebten Job zu kommen.«
»Du wirst unfair«, werfe ich ein.
»Vielleicht. Aber beantworte mir nur eine Frage: Wann hast du es das letzte Mal mehrere Tage mit mir am Stück alleine ausgehalten?« Er hebt herausfordernd eine Augenbraue.
»Das hat doch nichts mit ›aushalten‹ zu tun«, versuche ich zu erklären.
»Nein? Kommt mir aber so vor. Immer schön Verabredungen fürs Wochenende treffen, damit wir ja nicht alleine sind und hinterher sind wir so müde, dass auch nichts mehr im Bett läuft.«
»Na, so ist das doch auch nicht.«
»Ich weiß nicht. Wenn ich mir einen runterhole, bin ich nur geringfügig schneller fertig. Ganz abgesehen davon, dass der Sex mit uns in letzter Zeit kaum befriedigender ist. Echt, vorhin dachte ich wirklich, du empfindest noch das Gleiche für mich wie ich für dich. Aber offenbar holst du dir deine Befriedigung inzwischen woanders her.«
»Was?! Ich betrüge dich nicht! Wie kommst du denn darauf?!« Mein Atem geht hektisch und mein Herz rast. Warum unterstellt er mir so etwas?
»Vielleicht nicht sexuell, aber deine Arbeit scheint dir ja mehr zu geben, als es ein Kurzurlaub mit mir könnte.« Er klingt regelrecht verbittert, aber ich habe doch keine Wahl!
»Ralf, bitte! Wenn ich nicht zurückfahre, verliere ich meinen Job!«
»So schnell geht das nicht! Und er wird dich kaum deswegen feuern können!«
»Nicht deswegen, das stimmt. Aber der findet einen Weg. Denk nur mal an Marion. Ich hab dir doch erzählt, wie er ihr das Leben zur Hölle gemacht hat, sodass ihr ein Fehler nach dem anderen unterlaufen ist. Und die Frau hatte Haare auf den Zähnen. Der konnte so leicht niemand das Wasser reichen«, erkläre ich aufgebracht. Er muss doch verstehen, weshalb ich dazu gezwungen bin.
»Ich frage mich sowieso, wieso du noch dort arbeitest. Aber offensichtlich ist dir selbst ein Job mit einem beschissenen Chef wichtiger als dein eigener Mann.«
»So ist das doch gar nicht! Der Job macht mir Spaß. Das weißt du. Und es ist ja nicht so, dass freie Arbeitsstellen in dem Bereich derzeit auf Bäumen wachsen. Und natürlich bist du mir viel wichtiger.«
»Das merke ich gerade.« Stur starrt er die gegenüberliegende Wand an. »Brauchst auch hinterher nicht mehr wiederkommen. Ich nehme mir einen Mietwagen zurück.«
»Aber ich kann doch morgen Abend …«
»Nein! Hörst du schlecht? Ich möchte nicht, dass du wiederkommst!«

Langsam stehe ich auf. »Es tut mir leid«, sage ich leise, werde allerdings ignoriert. Für einen kurzen Moment gönne ich mir noch den Anblick von Ralf im Wasser. Er sieht wirklich heiß aus und ich hätte liebend gern die restlichen Tage mit ihm verbracht. Elendiger Mist!
Schnell raffe ich meine Sachen zusammen. Bevor ich gehe, schaue ich noch einmal ins Bad. Ralf liegt noch immer in der Wanne. Die Augen hat er geschlossen.
»Ich liebe dich!« Mit diesen Worten gehe ich hinaus und zum Fahrstuhl. An der Rezeption gebe ich meinen Schlüssel ab. Ralf wird wohl kaum zwei benötigen.
Ich fühle mich wie ferngesteuert, als ich mich in mein Auto setze und die Rückfahrt antrete. In meinem Kopf kreisen die Gedanken. So ein verdammter Mist! Warum gerade heute? Warum habe ich mein Handy nicht wirklich zu Hause gelassen? Ich hatte vorsorglich niemandem erzählt, wohin genau wir fahren, damit keiner im Hotel anruft. Außerdem bin ich davon ausgegangen, dass alle genügend Respekt vor meinem Privatleben haben, sodass niemand mich auf meinem Handy anruft. Ich bin so ein Idiot. Hätte ich doch einfach nicht auf die Nachricht meines Chefs reagiert. Schließlich hatte ich angekündigt, nicht erreichbar zu sein. Aber er kennt mich zu gut in dieser Hinsicht. Er weiß, dass ich nicht ohne mein Handy wegfahre.
Ich habe Ralf enttäuscht. Nicht nur, dass ich mein Versprechen gebrochen habe, jetzt fahre ich auch noch von ihm weg, obwohl alles in mir nach ihm schreit. Was für ein verdammter Riesenmist! Und ich kenne ihn. Wenn er so sauer ist wie jetzt, sollte ich ihn tatsächlich in Ruhe lassen. Sonst sagen wir beide irgendwann Dinge, die wir hinterher bereuen und nicht mehr zurücknehmen können. Hatten wir schon. Ist zum Glück schon über zehn Jahre her, hat uns aber eine Beziehungspause von einem halben Jahr eingebrockt. Die schlimmsten sechs Monate meines Lebens.
»Scheiße!«, brülle ich so laut ich kann. Dieser Frust muss aus mir raus. Ich schlage mit der rechten Hand gegen das Lenkrad.
Es ist stockdunkel draußen. Die Autobahn ist relativ leer. Nur ab und an überhole ich ein anderes Auto.
Immer und immer wieder hallen Ralfs Worte in meinem Kopf nach. Ist mir mein Job wirklich wichtiger? Nein, so ist es nicht, aber zurzeit muss ich eben mehr arbeiten. So ist das nun mal und wir können einfach froh um jeden Auftrag sein. Schließlich ist die Werbebranche kein Ort von Wohltätigkeiten.
Oh, Mann! Ich hoffe nur, ich bekomme das mit Ralf wieder eingerenkt! Vermutlich sollte ich das Treffen mit unseren Freunden für das nächste Wochenende absagen und mich ganz Ralf widmen. Ja, das ist eine gute Idee. Das wird ihn hoffentlich milde stimmen.
Schnell kopple ich mein Handy an die Freisprecheinrichtung und wähle Patricks Nummer. Mein bester Freund wird mich auf jeden Fall verstehen.
»He! Was ist los? Ich dachte, ihr seid gerade in der Sauna oder bei einer Schlammpackung oder was auch immer«, begrüßt er mich lachend.
»Schön wär’s. Ne, hör zu. Ich muss kurzfristig nach Hause. Ein Kollege ist krank und ich muss ne Nachtschicht einlegen.«
»Oh, oh!«, kommt es von ihm. »Lass mich raten: Ralf ist nicht sonderlich begeistert.«
»Milde ausgedrückt«, erwidere ich und blinke links, um den lahmen Fahrer vor mir zu überholen.
»Deshalb wäre es wohl besser, wenn wir das Treffen nächste Woche ausfallen lassen, damit ich ihn besänftigen kann.«
Patrick lacht leise. »Verstehe. Und du dachtest, ich könnte das den anderen beibringen.«
»Na ja …«
»Schon klar. Ja, mach dir keinen Kopf. Ich erklär denen das schon.«
Rechts von mir blendet jemand auf, hupt mich an und überholt mich plötzlich. »Idiot!«, rufe ich, auch wenn ich weiß, dass er es nicht hören kann.
»Äh, danke! Das ist genau die Reaktion, die ich erwartet habe«, erwidert Patrick ironisch.
»Du warst doch nicht gemeint, sondern der Trottel neben mir.«
»Bist du noch auf der Autobahn?«
»Hm, ja. Wird auch noch etwa eine Stunde dauern.«
»Okay, fahr vorsichtig, ja?«
»Ja, Mama!«
»Ich mein das ernst. Nicht, dass in der Hektik noch was passiert.«
Oh, Mann! Es ist ja nett, dass mein bester Freund besorgt ist, aber das ist nun wirklich übertrieben.
»Ja, natürlich. Okay, danke dir, ja? Ich melde mich!«
»Okay. Machs gut. Bis …«
»Ah, scheiße!« Abrupt steige ich auf die Bremse und reiße das Lenkrad nach rechts. Vor mir gerät plötzlich ein Lkw ins Schleudern, rutscht ungebremst weiter und versperrt alle Fahrbahnen. Meine Reifen quietschen, der Gurt zerrt an mir, drückt in meine Schulter. Das schaffe ich nie! Verdammte Scheiße! Ich kann nichts tun, außer zu bremsen und zu hoffen. Ganz viel zu hoffen. Ich kneife die Augen zusammen und zerre das Lenkrad zu mir, als könnte ich mein Auto dadurch zusätzlich verlangsamen. Der Motor stottert und als ich schließlich anhalte, wird mir bewusst, dass ich nirgends eingeschlagen bin. Vorsichtig öffne ich erst ein Auge, dann das zweite: Ich stehe unmittelbar vor dem Lkw! Vermutlich würde nicht mal mehr meine Hand zwischen uns passen.
»Clemens?! CLEMENS?!«, brüllt Patrick durch das Telefon. »Was ist da los bei dir?«
Erst das Ziehen in meiner Brust macht mir bewusst, dass ich seit Beginn des Bremsmanövers die Luft angehalten habe. Mein Herz rast ungesund.
»Clemens?! Sag was! Was ist los?!«
Ich atme mehrfach durch, bis ich registriere, dass ich tatsächlich mit einem Schrecken davon gekommen bin. »Alles gut«, gebe ich matt von mir. Das Stechen lässt langsam nach. »Ein Lkw, quer über der Autobahn«, erkläre ich knapp.
»Bist du in Ordnung?«
»Ja, ja. Ich stehe direkt vor dem Monstrum.«
»Okay, gut.«
Nun, gut ist das nicht, denn so ist unklar, wann ich zu Hause ankomme. Mist!
Schnell schalte ich die Warnblinkanlage an. Nicht, dass mir noch jemand reinfährt.
»Patrick? Ich muss Schluss machen, damit ich die Polizei anrufen kann.« Ohne auf eine Antwort zu warten, beende ich das Gespräch und brauche einen Moment, um mich zu orientieren. Hm, der Standstreifen ist noch frei. Hinter mir sehe ich zwar in der Ferne ein paar Autos, aber wenn ich mich beeile, könnte ich an dem Lkw vorbeifahren. Ich lege den Rückwärtsgang ein und umrunde den Laster. Schnell komme ich von der Stelle weg. Erst dann wähle ich den Notruf und erkläre, wo das eben passiert ist. Auf die Nachfrage, ob ich vor Ort sei, gebe ich an, dass ich es im Rückspiegel direkt hinter mir gesehen hätte.
Mein Herz rast immer noch. Nicht auszudenken, wenn ich in den reingefahren wäre oder jemand anderes in mich und mich unter den Lkw geschoben hätte. Das Teil hätte mich womöglich geköpft.
Ich bin so dermaßen durcheinander, dass ich am nächsten Rasthof rausfahre. Ein paar Minuten, um zur Ruhe zu kommen, können vermutlich nicht schaden. Als ich den Motor nach dem Einparken ausschalte, spüre ich eine ungeheure Erleichterung. Vor meinem inneren Auge spielen sich die unterschiedlichsten Horrorszenarien ab: Ich eingequetscht in meinem Auto, irgendwer, der in mich hineinfährt, ich, der alternativ sofort oder erst später qualvoll stirbt. Und über allem schwebt ein Gedanke: Ich hätte da eben sterben können! Und das ohne mich mit Ralf versöhnt zu haben, ohne ihm bewiesen zu haben, dass er mir wichtiger ist als dieser beschissene Job!
Wie dämlich bin ich eigentlich?

Bevor ich den Wagen wieder starte, rufe ich meinen Chef an. »Clemens! Wo zur Hölle bleiben Sie?!«
»Ich werde nicht kommen«, erkläre ich ihm knapp.
»Wie bitte?! Ich habe mich doch hoffentlich verhört!«
»Nein, es gab einen Unfall auf der Autobahn. Ich stehe mittendrin. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Das wird laut Polizei noch ein paar Stunden dauern, bis wir hier wegkommen.«
Ja, eine Lüge. Aber eine, die zumindest relativ nah an der Wahrheit ist.
»Das kann doch nicht wahr sein! Konnten Sie das nicht vorhersehen? Wie dämlich sind Sie denn?«
Sehr dämlich, aber nicht auf die Art, die er meint.
»Sie müssen denen die Dringlichkeit verdeutlichen, dass Sie umgehend weiterfahren müssen.«
Ich verkneife mir mühsam ein Lachen. »Ich schätze, das interessiert die gerade weniger.«
»Verdammte Scheiße! Es ist mir völlig egal, wie Sie das anstellen, aber Sie bewegen jetzt Ihren Arsch hierher!«
Ungläubig schüttle ich den Kopf.
»Und wie soll das bitteschön funktionieren? Fliegen kann ich noch nicht.«
»Dann müssen wir das doch anders machen. Sie haben doch sicher die angefangene Präsentation auf ihrem Rechner. Ansonsten schicke ich sie Ihnen zu. Sie werden diese dann jetzt finalisieren und schicken sie mir per E-Mail; mit allen nötigen Notizen. Und morgen stehen Sie dann während des Termins in telefonischem Kontakt mit den Kunden. Das ist zwar keine optimale Lösung, aber etwas Besseres fällt selbst mir gerade nicht ein.«
»Nein«, erwidere ich bestimmt.
»Wie bitte?«
»Nein, wir machen das nicht so. Ich habe meinen Laptop auch gar nicht dabei.« Noch eine Lüge. Dieses Mal eine, die mir richtig Spaß macht, denn so hätte es ursprünglich aussehen sollen.
»Wie können Sie denn …?«
»Weil dieses Wochenende nicht zum Arbeiten gedacht war.«
»Dann besorgen Sie sich von irgendwoher einen. Ein cleverer Bursche wie Sie sollte das doch hinbekommen.«
»Herr Krieger«, unterbreche ich ihn. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, aber ich werde Ihnen leider nicht helfen können.«
Schnell lege ich auf. Als mein Chef gleich darauf wieder anruft, drücke ich ihn weg und schalte mein Handy komplett aus.
Jetzt gibt es für mich nur noch ein Ziel: zurück zu Ralf.

Als ich auf der Gegenfahrbahn an der Unfallstelle vorbeifahre, sehe ich viel Blaulicht. Der Lkw steht noch immer quer und der Stau ist kilometerlang. Bin ich froh, da nicht mehr zu stehen! Okay, war sicher nicht die feine englische Art, aber ich habe Hilfe gerufen und niemanden gefährdet durch meine Aktion.
Es ist bereits nach Mitternacht, als ich wieder am Hotel ankomme. Hinter der Rezeption befindet sich die gleiche Dame wie vorhin. Sie mustert mich zwar ein wenig fragend, weil ich meinen Schlüssel zurückhaben möchte, doch zum Glück stellt sie keine weiteren Fragen.
Von einem Bein aufs andere tretend warte ich auf den Fahrstuhl. Warum dauert das denn so lange? Ich starre die Anzeige an, doch die will mich offenbar ärgern. Die Zahlen springen nur langsam um.
Endlich bin ich in dem Aufzug. Rasch drücke ich den Knopf für den vierten Stock, doch es dauert ewig, bis sich die Türen schließen. Immer wieder drücke ich auf den Knopf, in der Hoffnung, der Fahrstuhl wird dadurch schneller. Doch das Gegenteil scheint der Fall.
»Los! Mach schon!«, bitte ich ihn ungeduldig. Kaum hat er angehalten, stürme ich hinaus, vorbei an einem älteren Herrn, der mich verdutzt ansieht. Ich eile um die Ecke und erkenne erst jetzt, dass ich im falschen Stockwerk bin. Im dritten. Mist! Ich renne zurück, drücke wieder den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Doch der befindet sich mittlerweile in der achten Etage. Das dauert mir zu lange! Ich öffne die Tür zum Treppenhaus und laufe hoch, und stehe schließlich vor unserer Tür. Meine Atmung geht hektisch. Ich werde definitiv zu alt für so etwas!
Im Zimmer ist es ruhig und dunkel. Schläft er etwa schon? Hm, seine Karte steckt nicht in dieser Vorrichtung, damit sich der Strom einschaltet.
»Ralf?«, frage ich vorsichtig, doch erhalte keine Antwort. Ich stecke meine Karte in den Schlitz und schalte das Licht an. Er ist tatsächlich nicht da. Doch seine Klamotten sind es noch. Er ist also nicht abgereist. Ich stelle meine Tasche schnell ab.
Vielleicht ist er ja in der Bar.

Die hoteleigene Bar ist relativ leer und Ralf nicht zu finden. Ich bin im Begriff wieder nach oben zu laufen, um zu schauen, ob ich irgendwelche Hinweise finden kann, als mich die Rezeptionistin abfängt.
»Entschuldigen Sie? Suchen Sie Ihren Lebensgefährten?«
»Äh … ja? Wissen Sie, wo er sich aufhält?«
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, aber ich weiß, wo er sich nicht aufhält.«
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und will ihr gerade einen Kommentar à la ›Geht’s auch noch kryptischer?‹ entgegenschleudern, als sie erklärt: »Er hat vor einer guten Stunde seine Zimmerkarte abgegeben und sich ein Taxi rufen lassen.«
Ein Taxi? Ich verstehe gar nichts mehr.
»Wissen Sie, wohin er gefahren ist?«
»Nein, tut mir leid, aber er wirkte sehr aufgewühlt.«
Ich nicke. »Okay, danke Ihnen!«
Warum steigt der nachts hier im Nirgendwo in ein Taxi?
Ich hole mein Handy hervor, um ihn anzurufen. Ach, verdammt! Das habe ich ja ganz vergessen. Ich hatte es ausgeschaltet, um Ruhe zu haben. Kaum ist die Startsequenz beendet, werden mir eine unendliche Zahl an Nachrichten angezeigt. Fast ausschließlich von meinem Chef. Dazu kommen etliche Anrufe. Offenbar hat auch Ralf versucht mich anzurufen. Ebenso wie Patrick. Das sagt mir zumindest meine Mailbox, die ich jetzt abhöre, während ich mich wieder zu unserem Zimmer begebe.
Die Sprachnachrichten meines Chefs breche ich sofort ab. Dann kommt eine von Patrick: »Hey! Entschuldige, ich glaube, ich habe was nicht so Schlaues getan. Ich hab Ralf angerufen nach deinem Beinaheunfall. Der ist ziemlich ausgerastet. Tut mir leid.«
Die nächste ist von Ralf: »Wozu hast du dein Scheißteil eigentlich dabei, wenn es ausgeschaltet ist? Wo zur Hölle steckst du? Patrick hat mich angerufen und etwas von einem Unfall erzählt. Bitte melde dich bei mir!«
Danach folgt eine weitere Nachricht von Ralf: »Ich hoffe, du bist bei dem Unfall draufgegangen und kannst mich deswegen nicht zurückrufen! Denn wenn du gerade in deinem verfickten Büro sitzt, während ich hier nur widersprüchliche Nachrichten erhalte und beinahe durchdrehe, dann schwöre ich dir: Du kannst gleich morgen aus unserer Wohnung ausziehen!«
Ich schlucke. Oje! Dass Ralf sich solche Sorgen machen könnte, habe ich nicht bedacht. Meine Mailbox spielt mir noch eine Nachricht von Ralf ab: »Okay, das war natürlich nicht ernst gemeint, dass ich hoffe, dass du gestorben bist. Aber den Rest meine ich todernst!«
Es folgt eine weitere Nachricht von Patrick: »Bitte Clemens! Bitte ruf an, irgendwen, aber bitte sag, dass es dir gut geht! Bitte!« So ganz verstehe ich diese Sorge nicht. Oder hat Ralf ihn ständig angerufen und angeschrien?
Es gibt keine weiteren Nachrichten, nur weitere verpasste Anrufe von Ralf und Patrick.
Gerade will ich Ralf anrufen, als mein Handy klingelt. Patrick.
»Sag mal, wo, zur Hölle, steckst du?«
»Im Hotel«, erwidere ich knapp.
»In welchem Hotel?«
»Na, in dem, in das Ralf und ich gefahren sind.«
»Aber wie …? Okay, okay. Du lebst! Oh, Mann! Hast du schon mit Ralf gesprochen?«
»Nein, weißt du, wo er ist?« Ich verstehe diese Aufregung immer noch nicht.
»Ja, er wollte zur Unfallstelle.«
»Wieso das denn?«
»Na, weil er denkt, dass du da halb tot herumliegst oder Schlimmeres. Wir konnten dich nicht mehr erreichen und da sind bei ihm alle Sicherungen durchgebrannt. Erst recht, nachdem im Radio berichtet wurde, dass ein Pkw bei dem Unfall unter den Lkw geschoben wurde und es mehrere Schwerverletzte gibt.«
Deshalb habe ich so viel Blaulicht gesehen! Jetzt verstehe ich auch diese Panik!
»Oh, Gott! Patrick! Das tut mir leid, dass ihr solche Angst um mich hattet. Ich bin schnell weitergefahren, nachdem ich realisiert hatte, dass mir nichts passiert ist. Ich habe dann meinen Chef angerufen und der ist völlig ausgetickt. Deshalb hab ich das Handy ausgeschaltet, weil er ständig wieder anrief«, erkläre ich. »Ich konnte doch nicht wissen …« Kopfschüttelnd breche ich ab.
»Verstehe«, erklärt Patrick. »Moment, da kommt ein weiterer Anruf. Warte kurz, ja?«
Etwa eine halbe Minute lang höre ich eine seltsame Warteschleifenmusik.
»Okay, Clemens?«
»Ja?«
»Bleib, wo du bist. Ralf ist auf dem Rückweg.«
Erleichtert atme ich aus.
»Gut. Ich rufe ihn gleich an.«
»Oh, mach das besser nicht. Er ist reichlich sauer. Nicht, dass der Taxifahrer ihn wegen seiner Flucherei noch rauswirft.«
»Okay«, erwidere ich und schlucke. Dann heißt es jetzt wohl: abwarten.

Etwa eine halbe Stunde später öffnet sich die Tür zu unserem Zimmer. Ralf stürmt auf mich zu und drückt mich an sich. »Clemens! Ein Glück! Ich hatte solche Angst!«
Ich schlinge meine Arme um ihn. Endlich! Ich spüre, wie sein Herz rast. »Alles ist gut«, flüstere ich.
Ralf löst sich ein Stück von mir. »Gut? Hast du sie noch alle? Ich bin fast umgekommen vor Sorge!«
»Ich liebe dich auch«, erwidere ich lächelnd.
»Ne, ne. So nicht, mein Lieber! Erst haust du ab wegen deiner blöden Arbeit, dann ruft mich Patrick an, weil du einen Unfall hattest und erreichen konnte ich dich auch nicht.«
»Ich weiß. Es tut mir leid. Mein Chef hat mich terrorisiert. Deswegen habe ich mein Handy ausgeschaltet. Und ich hatte keinen Unfall. Nur beinahe.«
Ich ziehe ihn erneut in meine Arme. Allmählich entspannt er sich. Ich kann mir vorstellen, welch einen Schreck er bekommen haben muss. Ich gebe ihm einen Kuss auf seine Schläfe und atme seinen Duft ein.
»Wieso bist du eigentlich wieder hier?«, fragt er leise. »Ich meine, wenn du keinen Unfall hattest, warum bist du nicht nach Hause gefahren?«
»Bin ich doch.«
»Hm?«
»Zu Hause ist da, wo du bist«, erkläre ich. Ralf zuckt und ich höre, wie er leise lacht.
»Uh, heute sind wir aber schnulzig drauf«, erwidert er sarkastisch.
»Kann sein. Aber ich hab echt Glück gehabt. Hätte ich nur zwei Sekunden später reagiert, stände ich jetzt vermutlich nicht hier. Das hat mir etwas klar gemacht.«
Ralf löst sich von mir und sieht mich fragend an.
»Nichts, rein gar nichts kann wichtiger sein, als so viel Zeit wie möglich mit dem Menschen zu verbringen, den ich liebe«, erkläre ich.
»Nicht mal dein heiß geliebter Job?«, fragt er skeptisch.
»Der am allerwenigsten.«
»Aber riskierst du dadurch nicht deinen Arbeitsplatz?«
»Weißt du, ich hatte eben auf der Rückfahrt ein wenig Zeit, mir Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Sollte Herr Krieger mich deshalb hinauswerfen oder mich derart schikanieren, dass ich selbst kündige, dann soll es eben so sein.« Ich zucke mit den Schultern. »Das Leben ist zu kurz, um es mit solchen Idioten zu verbringen.«
Ralf küsst mich kurz und boxt mir dann in die Seite.
»Uff!«
»Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein, hörst du?! Ich dachte wirklich, ich müsste die nächsten Tage deine vom Asphalt gekratzte Leiche identifizieren.« Trotz des tadelnden Untertons überwiegt die Erleichterung in Ralfs Stimme.
Lächelnd streichle ich über seine Wange, beuge mich vor und küsse ihn. »Nie wieder, versprochen. Und jetzt gehöre ich ganz dir«, raune ich.
Ralf grinst und zwinkert. »Wir müssen noch eine Münze werfen.«
»Ne, lass mal. In Anbetracht der Umstände ist es vermutlich nur fair, wenn ich meinen Gewinn an dich abtrete.«
»Da kann ich dir nur zustimmen. Hm, du wirst es nicht bereuen«, raunt er und zerrt bereits an meinem Pullover. »Zieh dich aus und dann ab in die Badewanne. Wir werden damit anfangen, deine Fantasie bezüglich der Haltegriffe umzusetzen; mit dir in der Hauptrolle.«

Was soll ich sagen? Ralf ist perfekt darin, wenn es darum geht, meine Fantasien zu realisieren. Ein Aspekt, den ich mir für die Zukunft merken werde, doch gerade wird meine Aufmerksamkeit durch andere Dinge beansprucht. Ralf hatte recht, was die Strahlen des Whirlpools angeht - sie sind sehr ... anregend.
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