One late night

OneshotFantasy, Freundschaft / P12
Krampus OC (Own Character)
14.12.2015
14.12.2015
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One late night


You're not as bad as everyone says you are.

The Wolf Among Us


Für seven devils.




Einsam flog der Herr der Julzeit in seinem grünen Schlitten durch den sternenbehangenen Nachthimmel, der von zwei mächtigen Julböcken gezogen wurde, welche auf die Namen Tanngrisnir und Tanngnost hörten.
Der eisige Fahrtwind zerzauste seine tiefschwarze Mähne, während unter ihm die triste Landschaft von Boone County vorbeizog. Karge Felder wurden von ärmlichen Wohnwagensiedlungen und Häuseransammlungen abgelöst, schmale Flüsse glänzten silbern im seichten Schein des Mondes und verliehen dem Anblick etwas geradezu Magisches.
Krampus hatte in dieser Nacht bereits einige Jungen und Mädchen mit einem Besuch beehrt und ihnen die Wunder der Julzeit nähergebracht, während sie mit glänzenden Augen und offenen Mündern seinen Erzählungen gelauscht hatten. Ein paar Häuser lagen noch vor ihm und mit einem erwartungsvollem Lächeln auf den Lippen, zog der Julherr die Zügel an und lenkte den Schlitten in Richtung der nächsten Ortschaft.

Ein hell erleuchtetes Dachfenster ragte aus der Dunkelheit hervor, erregte Krampus Aufmerksamkeit und ließ ihn innehalten. Dahinter erspähte er eine hellblonde Frau, welche zusammen mit zwei Katzen auf ihrer Couch saß und eifrig ein dunkelgrünes Wollknäuel bearbeitete. Ein überquellender Aschenbecher sowie ein halbleeres Glas mit einer rubinroten Flüssigkeit darin standen vor der Frau auf dem niedrigen Tisch, leise Musik erklang im Hintergrund und der Herr der Julzeit wollte sich bereits schon wieder abwenden, als die Blonde ihren Blick wie zufällig gen Fenster richtete.
Ihre grünbraunen Augen weiteten sich ungläubig und entlockten dem Teufel ein breites Grinsen. Er hob seine Klauenhand zum Gruß und deutete eine leichte Verbeugung an. Die Frau sah ihn an, als wäre er eine nächtliche Erscheinung und schien vor Schreck wie versteinert, bevor sich langsam auch auf ihrem Gesicht die Andeutung eines Lächelns abzeichnete. Sie stand auf, das Wollknäuel rollte vergessen zu Boden und veranlasste die Katzen dazu, dem Garn hinterher zu jagen.

Krampus konnte die Magie spüren, welche die Frau umgab und normalerweise nur Kindern vorbehalten war. Womöglich hatte sie sich einen Hauch ihrer Fantasie bewahrt und glaubte noch immer an all die Wesen, die sich nur allzu gerne den Menschen zeigten, die nicht den Blick für das Wesentliche verloren hatten. Und da war noch etwas anderes, was Krampus Interesse geweckt hatte – sie erinnerte ihn an jemanden, den sein Großvater Loki einst erwähnt hatte.


Unschlüssig stand Tina in ihrem Wohnzimmer, ehe sie sich schließlich ein Herz fasste und das Fenster öffnete. Ein leises Lachen entwich ihr, während sich ihre Gedanken überschlugen. „Entweder habe ich ein Glas Wein zu viel getrunken oder ich werde langsam tatsächlich verrückt.“

Durch das schräge Dachfenster schlüpfte ein grinsender Teufel in ihre Wohnung, in dessem pechschwarzem Fell winzige Schneeflocken hingen und eine dunkle Pfütze auf ihrem hellen Teppich bildeten. Zwei gewundene Hörner schmückten sein Haupt und stießen fast gegen die niedrige Decke, als sich der Teufel neugierig in ihrem Heim umsah.
„Du tropfst meinen Teppich voll“, ließ Tina ihn wissen und winkte lachend ab, als der Angesprochene sie mit einem irritierten Blick aus den glühenden Augen musterte. „Und ich dachte immer, dass Krampus nur unartige Kinder besuchen kommt.“


Krampus erwiderte ihr Lachen erheitert. „Ich fühle mich geschmeichelt. Es ist sehr lange her, dass sich jemand an meinen Namen erinnert und mich in sein Heim eingeladen hat, ohne mir die Pest an den Hals zu wünschen. Mit wem habe ich das Vergnügen, Frau?“
„Tina“, stellte die kleine Frau sich vor und ahmte seine Verbeugung spöttisch nach. „Stets zu Diensten.“
„Ich bin neugierig“, begann der Julherr und ließ seinen Teufelsschwanz aufgeregt durch die Luft peitschen. „Woher kennst du meinen Namen?“
Sie zuckte gleichgültig mit den schmalen Schultern. „Man schnappt hier oder dort etwas auf – von einem gehörnten Wesen, das zusammen mit Santa Claus durch die Winternächte zieht und die Drecksarbeit für ihn erledigt.“
Krampus glaubte, seinen eigenen Ohren nicht zu trauen und stieß ein verärgertes Schnauben aus. „So etwas erzählt man sich also über mich?“
Zu seiner Überraschung fing die kleine Frau namens Tina abermals an zu lachen. „Ich nehme dich nur auf den Arm. Meine Familie kommt ursprünglich aus Deutschland und dort hast du einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Du hättest dein Gesicht sehen müssen.“
Der Herr der Julzeit zwang sich zu einem Lächeln, welches eher an eine Grimasse erinnerte und ließ mit einem Ächzen den schwarzen Samtsack von seiner Schulter gleiten. „Wie auch immer. Da du offensichtlich weißt, wer ich bin, kann ich mir die üblichen Höflichkeiten wohl sparen.“
„Und jetzt? Willst du mich in Lokis Sack stecken?“ Tina nickte amüsiert in Richtung des Stofffetzens. „Die Nummer zieht bei mir nicht, Krampus. Ich bin keine zwölf Jahre mehr alt.“
Krampus dichte Augenbrauen wanderten verwundert in die Höhe, bevor sein Grinsen zurückkehrte. „Du kennst ihn.“

Der Herr der Julzeit war sich ziemlich sicher, dass dieser Abend noch voller interessanter Wendungen stecken würde und ließ sich ungefragt zwischen der getigerten und gefleckten Katze auf der Couch nieder.


Für den Bruchteil einer Sekunde blieb Tina wie angewurzelt vor Krampus stehen, welcher es sich zwischen ihren Katzen gemütlich gemacht hatte und scheinbar auf eine Erklärung oder Anwort von ihr wartete.
Bittersüße Erinnerungen an einen blassen Gott mit den faszinierendsten Augen, die sie jemals gesehen hatte, holten sie ein. Silberne Worte und gebrochene Versprechen. Loki. Dieser wunderbare Mistkerl, der ihr einst das Herz gestohlen hatte, und nun sein elendiges Darsein in der Verbannung fristete.
Wie lange war es her? Drei Jahre? Vier Jahre? Sie konnte es nicht mit Sicherheit sagen, denn ihr Verstand hatte damals beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen und einen Neustart zu wagen – fernab ihrer Heimat und all den Dingen, welche sie an den Trickster erinnerten.

Mit einem Seufzer zwängte sie sich zu Krampus auf das Sofa, nahm einen großzügigen Schluck des Weines und beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen. Wenn dieser Teufel auch nur halb so viel Scharfsinn wie Loki besaß, würde er es mit größter Wahrscheinlichkeit sowieso merken, wenn sie ihn anlügen sollte. Außerdem war sie verdammt neugierig, was dieser Teufel mit Loki zu schaffen hatte. „Ja, ich kenne ihn.“
„Woher?“
Seine Frage ließ Tina mit den Augen rollen. „Lange Geschichte. Wir haben uns im Kerker von Asgard kennengelernt - ich habe ihm ein Buch an den Kopf geworfen.“
Neben ihr erschütterte ein raues Lachen Krampus Körper. „Wie reizend! Ich denke, dass sich das vorher noch nie eine Sterbliche gewagt hat.“

Es war leicht, sich mit Krampus zu unterhalten und sein tiefes Lachen war ansteckend. Tina erzählte ihm ihre Geschichte, wie sie einst dem Gott des Unheils Zuflucht in eben jener Wohnung gewährt hatte, ließ dabei allzu schlüpfrige Details aus und machte sich gemeinsam mit dem Herrn der Julzeit über den Donnergott Thor lustig. Ihre Katzen schienen ebenso Gefallen an Krampus gefunden zu haben wie sie selbst. Chili döste schnurrend auf seinem Schoß, während Peppa versuchte mit ihren Pfoten nach seinem Teufelsschweif zu schnappen.
Wann immer sie ihm eine Frage stellen wollte, antwortete er prompt mit einer Gegenfrage und als sowohl der Wein als auch der Abend sich langsam dem Ende zuneigte, verspürte sie eine wohlige Wärme in ihrem Herzen und eine angenehme Müdigkeit in ihrem Kopf.


Krampus erhob sich schwerfällig und schwang sich den Samtsack über die rechte Schulter, ehe er sich an die imaginäre Hutkrempe tippte. „Es war mir eine Ehre, Tina. Die Sonne wird bald aufgehen und es liegen noch einige Häuser vor mir. Vielleicht komme ich dich im nächsten Jahr wieder besuchen.“
„Ich bestehe darauf.“ Die blonde Frau schenkte ihm ein Lachen. „Weißt du was? Du bist gar nicht so schrecklich, wie du in den ganzen Märchen und Mythen dargestellt wirst, Krampus.“
Der Gehörnte kletterte auf den Fenstersims und drehte sich ein allerletztes Mal zu ihr um. Ein wissendes Lächeln erhellte seine Züge. „Ich glaube, ich verstehe nun, was mein Großvater an dir gefunden hat.“
Mit diesen Worten sprang er in den Schlitten, ergriff die Zügel und lotste die Julböcke durch die kalte Dezembernacht.


Tina stürmte zum Fenster und beugte sich hinaus, doch von Krampus fehlte bereits jegliche Spur.
„Großvater?“, wiederholte sie leise und schüttelte den Kopf. „Was für ein Abend.“
Hinter ihr erklang das zustimmende Mauzen von Chili und Peppa.
Noch immer schwirrten tausend unbeanwortete Fragen in ihrem Kopf herum, während sie die halbleere Weinflasche zurück in den Kühlschrank stellte und sich anschließend ins Bett legte. Ein paar Minuten später fiel Tina in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


In dieser Nacht schlich sich noch ein weiterer Besucher in ihre Wohnung - eine hochgewachsene Männergestalt lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen ihres Zimmers und musterte die Schlafende mit einem unergründlichen Ausdruck in den tiefgrünen Augen.
„Du fehlst mir, Tina“, flüsterte er, holte etwas aus seiner Manteltasche hervor und legte es auf den Nachttisch - es war eine filigran gearbeitete Eisskulptur in Form einer eingerollten Schlange.

Der Mann beugte sich über Tina, hauchte einen Kuss auf ihre Lippen und verschwand ungesehen in einem Wirbel aus Eis und Schnee.






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Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, Tina ♥
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