Iktsuarpok

von Tatjana
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 Slash
12.12.2015
26.12.2015
3
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Dieses Kapitel
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Nach längerer Zeit mal wieder eine kurze, aus drei Kapiteln bestehende Fanfiktion!
Zum ersten Mal habe ich die Du-Sicht ausprobiert, inspiriert durch die englische Fanfiktion „A Most Precious Thing“ von Dream_edge; ich bin recht stolz auf das Ergebnis :3
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen des ersten Kapitels!
Liebe Grüße,
Tatjana
P.S.: Der Titel der FF ist Inuit und unübersetzbar, bedeutet aber in etwa ungeduldiges Warten, das sich dadurch zeigt, ständig nachzuschauen, ob der Betreffende schon angekommen ist.

Kapitel 1: Zeit des Wartens

Fye wird nicht zurückkehren.

Du wagst noch nicht, es auszusprechen, doch der Gedanke hat sich in deinem Kopf festgesetzt und begleitet dich Tag für Tag. Sakura bemerkt es, wie sie alles bemerkt, sie legt ihre Hand auf deine, gibt dir Unterstützung. Auch in ihren Augen spiegelt sich die Sorge, doch sie schweigt und lässt ihre Gesten sprechen, lehnt sich an deine Schulter und spendet dir Trost. Du wüsstest nicht, was du ohne sie tun würdest.

Kurogane ist so schweigsam wie nie zuvor. Er isst mit euch und trinkt mit euch, doch du merkst, dass seine Gedanken bei Fye sind, du merkst es an seinen fahrigen Bewegungen und an seinem abwesenden Blick. Es sind solche Momente, in denen du am liebsten Watanuki rufen und alles – fast alles, korrigierst du dich, als Sakuras Arm den deinen streift – dafür eintauschen würdest, Fye den Weg zurück zu zeigen, doch es geht nicht.

Seit seinem Aufbruch ist Mokona nicht mehr aufgewacht. Es ist der Preis, den sie zu zahlen hat, damit ihr Ohrring nicht aufleuchtet und sie in die nächste Welt bringt, wo Fye sie nicht mehr finden kann, doch seitdem hat keiner von euch Kontakt zu Watanuki aufbauen können. Zuerst machte es dir nichts aus, weil du hofftest, ihm in deinen Träumen zu begegnen, doch du hast seit Monaten nicht mehr von ihm geträumt und Sakura ebensowenig. Jetzt fragst du dich, ob auch das der Teil eines Preises ist, den du noch nicht kennst.

Die Tage vergehen. Deine Verzweiflung wächst. Monate ist es her, seit Fye in die Vergangenheit Valerias reiste, Monate, in denen keiner von euch es wagte, richtig zu leben. Du erträgst es nicht mehr, im Schloss zu sein, immerzu dieselben Wände anzustarren in der Hoffnung, auf ihnen die Antworten auf deine unausgesprochenen Fragen zu finden.

Deshalb besuchst du zum ersten Mal, seit du anfingst, deinen Preis zu bezahlen, den Aussichtsturm, auf dem du Sakura deine Liebe gestanden hast. Du gehst alleine, obwohl alles in dir danach brennt, sie mitzunehmen, doch sie schläft und du redest dir ein, die Gesellschaft der Vögel wäre genug.

Sie ist es nicht.

Es ist Nacht und du frierst. Nur wenige Tauben tapsen auf dem kalten Stein herum und kommen nicht in deine Nähe. Du schaust zu den Sternen und denkst an deine Eltern, die hier damals nach Sternschnuppen Ausschau hielten, an die Begeisterung in den Augen deiner Mutter, wann immer sie eine erblickte.

Du denkst an Fye.

Ein Zittern durchläuft deinen Körper. Mehr als jeder andere verstehst du, wie groß die Versuchung ist, die Vergangenheit zu ändern, wie qualvoll es ist, schweigen zu müssen, obwohl nur ein paar Worte genügen würden, um alles umzuwerfen, zum Guten und zum Schlechten – aber du kannst dir nicht vorstellen, dass Fye ihr nachgeben könnte. Er hat seine Lektion gelernt. Er kennt die Gefahren, das Gewicht eines einzigen Wortes. Er würde seine Zukunft nicht für die vage Vorstellung einer besseren Vergangenheit aufs Spiel setzen.

Doch dann muss ihn etwas anderes aufhalten, etwas, das nichts mit seinen eigenen Wünschen zu tun hat. Ein unvernünftiger Teil von dir hofft noch immer, dass Fye bloß die Zeitunterschiede zwischen Valeria und Clow Country nicht richtig einschätzte, aber natürlich weißt du, dass er solch einen Fehler niemals begehen würde. Nein, es gibt einen anderen Grund. Du kennst Valerias Grausamkeit und ihr wirksamstes Mittel, um Unerwünschte für immer vom Rest der Welt abzuschneiden, erst heute hast du es dir in Erinnerung gerufen und dann ungläubig beiseite geschoben, so unwahrscheinlich erschien es dir unter einem sonnigen Tag.

Jetzt, wo die Nacht dir jeglichen Schutz raubt, ist es nicht mehr so einfach, den Gedanken zu verdrängen. Mühsam versuchst du, deinen Blick nicht auf die Tauben zu lenken, ihr ständiges Nicken beunruhigt dich mehr, als es sollte. Eine Bestätigung deines Verdachts.

Fye ist im Tal der Sünder.

---

Kurogane will nichts davon hören. „Ich vertraue ihm“, sagt er schlicht, als du deine Ängste vorbringst. „Er wäre nicht so dumm, sich in Schwierigkeiten zu bringen.“ Du nickst unglücklich, dich an deine Mutter erinnernd, die er damals auf die gleiche Weise gehen ließ. Damals folgtest du ihr nicht, weil du wusstest, wie viele Schmerzen es ihr bereiten würde, euch verletzt zu sehen, doch jetzt willst du nicht mehr warten, viel zu lange hast du schon ausgeharrt, viel zu lange, viel zu lange …

„Hey.“ Kurogane rüttelt unsanft deine Schulter. „Glaubst du, ich mache mir keine Sorgen? Glaubst du, ich habe nicht selbst schon daran gedacht? Aber wir können nichts tun, also warte ich.“ Du weißt: Wenn es auch nur die kleinste, unwahrscheinlichste Möglichkeit gäbe, Fye zu retten, würde Kurogane sie ohne zu zögern ergreifen. Deshalb stellte Fye sicher, dass es sie nicht geben würde. Lieber riskierte er, für immer in Valeria gefangen zu sein, als ein weiteres Opfer Kuroganes zuzulassen.

Es gefällt dir nicht, obwohl du dasselbe getan hättest.

„Vielleicht ...“, beginnst du langsam, dein Blick schweift zu der in Sakuras Bett schlafenden Mokona, „Vielleicht gibt es doch etwas, das wir tun können.“ Kuroganes Hand zuckt zu seinem Schwert, doch du bemerkst es kaum. Abwesend streichelst du Mokonas Fell, deine Gedanken stolpern übereinander, ein angemessener Preis …

Yukito.

Was Kurogane dir hinterher ruft, hörst du schon gar nicht mehr, du hastest durch die Gänge, zu Toyas Zimmer. Sakuras Bruder gibt ein missbilligendes Brummen von sich, lässt dich allerdings an Yukitos Bettstatt Platz nehmen. Die Augen des Priesters sind geschlossen, doch er schläft nicht. Träume flattern hinter seinen Augenlidern, Visionen von der Zukunft, die von ihm Besitz ergreifen und seine Seele verzehren.

„Er ist kein Mensch, oder?“

Toya zuckt zusammen und starrt dich ungläubig an. Du lächelst gequält und fragst dich, ob du es warst, der Yukito seiner Menschlichkeit beraubte, ob du es warst, der den frühen Tod von Sakuras Mutter herbeiführte – es wäre nicht das erste Mal, dass deine Wünsche schreckliche Schicksalsschläge auslösen.

„Nicht mehr“, antwortet Toya kurz angebunden. „Warum fragst du?“

„Ich möchte, dass er mich in eine andere Welt schickt.“

„Schlafend?“, schnaubt Toya. „Yuki mag fähig sein, aber selbst er kann dich nicht einfach –“

„Er schläft nicht.“ Eindringlich fixierst du Yukitos Gesicht, versuchst, dort etwas zu entdecken, das deine Theorie bestätigt. Bisher dachtest du nie daran, dass auch er Geheimnisse haben könnte, dass auch er jemand ist, der nicht existieren darf, doch die langen Wochen und Monate des Wartens haben dich empfänglich für diese Art von Mysterium gemacht.

„Und wenn er kein Mensch ist, kann er mich zu Watanuki bringen.“

Es ist deine letzte Hoffnung. Die Wandlung geschah erst vor wenigen Tagen, Fye konnte zum Zeitpunkt seines Aufbruchs nicht gewusst haben, dass sie sich vollziehen und Yukito in seinem derzeitigen Zustand in der Lage sein würde, dich in eine andere Welt zu schicken. Zumindest hoffst du, dass er keine Vorsichtsmaßnahmen dagegen errichtet hat.

„Und – wie?“, fragt Toya skeptisch. „Willst du ihm seinen Stab in die Hand drücken und darauf vertrauen, dass Yuki weiß, was er tun soll?“

„Nein“, antwortest du ernst. „Ich werde versuchen, ihn im Traum zu treffen.“

---

„Tu das nicht.“ Sakuras flehender Blick scheint dein Herz zu verbrennen, du willst sie in die Arme schließen, den Duft ihres Haares einatmen und ihr versprechen, dass alles gut wird, aber du machst keine Versprechen, die du nicht halten kannst. „Ich hatte heute einen Traum“, fährt sie unruhig fort, verflechtet eure Finger und legt ihre Stirn auf deine. „Lass mich ihn dir zeigen“, flüstert sie mit geschlossenen Augen.

Mit einem Mal sprudeln Bilder in deinen Geist, zusammenhanglos und verschwommen, als würdest du sie unter Wasser betrachten, ein ungezügelter Sandsturm aus Zukunftssplittern:

Schneeflocken auf blondem Haar,

Ein Kimono mit Schmetterlingsmuster,

Kirschblüten in der Dunkelheit,

Asche eines Scheiterhaufens,

Indigoblaue Rosen auf einem Grab.


Du öffnest deine Augen, von denen du nicht einmal merktest, dass sie geschlossen waren, und blickst Sakura bestürzt an.

„Fye?“, fragst du leise. „Oder ich?“ Sie antwortet dir nicht, weicht deinem Blick aus und löst eure Berührung. Du ahnst, dass du es nicht wissen darfst, dass es die Zukunft irreparabel verändern würde, aber allein der Gedanke, dass einer von euch in wenigen Tagen, Wochen, Monaten sterben könnte, lässt dich über Wege nachdenken, es zu verhindern. Ein Scheiterhaufen? Blaue Rosen? Hängen sie überhaupt miteinander zusammen? Du weißt es nicht, doch wirst du sie sicher nicht vergessen.

„Du wirst trotzdem gehen, nicht wahr?“, fragt Sakura mit einem traurigen Lächeln. Du nickst und küsst sie, voller Furcht, sie niemals wiederzusehen, voller Furcht, dein eigenes Leben zu verlieren.

„Ich liebe dich“, wisperst du, siehst ihr direkt in die Augen und versuchst, all deine Zärtlichkeit in diese drei Worte zu legen, all das, was sie dir bedeutet – es ist mehr, als du ausdrücken kannst, doch Sakura versteht es, sie legt ihre Arme um dich und sagt: „Ich liebe dich auch.“ Sie ist deine Heimat, die Quelle deiner Hoffnung, deines Lebens. Und du schwörst dir: Du wirst zu ihr zurückkehren, koste es, was es wolle.

---

Kirschblüten in der Dunkelheit.

Du hattest nicht erwartet, sie jetzt schon zu sehen, mitten im Traum, und ihr Anblick lässt dich schwer schlucken. Manchmal ist die Zukunft näher, als man es erwartet. Jetzt fragst du dich, wie lange es noch dauern wird, bis auch die anderen Visionen sich bewahrheiten werden.

Du atmest tief durch und schaust dich um. In der Ferne erkennst du einen Kirschbaum. Eigentlich sollte Yukito unter ihm stehen, auf dich wartend, doch niemand befindet sich dort. Du gehst trotzdem hin, Kirschblüten fallen auf deine Schultern und dein Haar, eine Berührung Sakuras. Im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen nimmst du am Rand des Baumes Platz, wartest. Darin hast du einige Übung.

Es dauert nicht lange, da hörst du seine Schritte, sachte auf unsichtbarem Grund. Ein Lächeln entkommt deinen Lippen, du schlägst die Augen auf und er steht mit einem besorgten Gesichtsausdruck vor dir, seinen Stab in der Hand.

„Shaolan-kun“, beginnt Yukito, „ist etwas passiert? Geht es allen gut?“ Du schüttelst den Kopf und Yukito erstarrt. „Toya?“, haucht er.

„Nein“, beeilst du dich, zu sagen und sofort entspannt sich der Priester. „Aber Fye ist immer noch nicht zurückgekehrt, deshalb wollte ich Euch fragen, ob Ihr mich zu Watanuki schicken könnt.“ Yukito runzelt die Stirn und setzt sich neben dich.

„Das kann ich nur, wenn ich aufwache“, antwortet er nach einer Weile. „Und ich weiß nicht, wie lange mein Traum noch dauern wird.“ Du hattest es erwartet, doch die Enttäuschung schmerzt nichtsdestotrotz. Mit Yukitos Worten ist deine letzte Hoffnung, Fye helfen zu können, verschwunden. Weder mit deinem Körper noch mit deiner Seele wirst du zu Watanukis Geschäft reisen können, Yukito ist einfach noch nicht stark genug – und du selbst hast nicht genug Magie.

„Ich danke Euch trotzdem“, sagst du tonlos. „Dann bleibt mir wohl nichts Anderes übrig, als zu warten.“

Du hasst das Warten. Es macht dich hilflos, es macht dich verrückt und vor allem lässt es dich verzweifeln. Du erträgst es nicht mehr, nichts tun zu können, du musst endlich handeln, jetzt. Und im Traum wirst du nichts erreichen.

Doch als Yukito entschwindet, ein entschuldigendes Lächeln im Gesicht, stellst du erschrocken fest, dass du nicht aufwachen kannst. Das Blut in deinen Armen und Beinen scheint eingefroren zu sein, du kannst dich nicht bewegen; es ist fast wie damals, als Feiwan dich gefangen hielt für sieben lange Jahre, als sich dimensionenschwere Tätowierungen auf deinen Körper legten und jede Bewegung zu einer Qual werden ließen.

Du kannst kaum atmen. Du kannst kaum denken. Panik verhaftet deinen Geist, legt ihn in Ketten und erstickt alle anderen Gefühle. Vergeblich versuchst du, Ruhe zu bewahren, nach einem Ausweg zu suchen, doch zu schwer wiegt die Last der Angst, zu sehr fürchtest du dich davor, ausgerechnet jetzt der Gefangene eines fremden Zauberers zu werden.

Schon einmal warst du so hilflos in einem Traum gefangen, damals in Japan, als dein anderes Ich dir eine von Sakuras Federn stahl. Im Gegensatz zu damals gelingt es dir nicht, aufzuwachen und dich gegen dein Schicksal zu wehren, doch aufgeben kommt für dich nicht in Frage, niemals. Dein Körper mag zittern und dein Herz mag trommeln, doch dein Willen bleibt fest und unnachgiebig, eine immerwährende Flamme.

Eine Flamme, die zu verlöschen droht.

Die Kirschblüten sinken immer langsamer zu Boden, bis sie in der Luft erstarren, deine Atemzüge stocken, deine Gedanken erlahmen. Hier im Traum stolziert die Zeit nicht mit eiligen Schritten, sondern gönnt sich eine Ruhepause und zwingt deine Seele, den Preis zu bezahlen.

Du schließt die Augen.

Wartest. Betest.

Stirbst.
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