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Gezeichnet - Teil 5

GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
10.12.2015
11.10.2017
35
98.739
1
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10.12.2015 4.907
 
Dies ist der fünfte Teil meines Shadowrun-Romans Gezeichnet. Er enthält wieder ganz normale Kapitel. Und ich gebe mir Mühe, dass dies jetzt auch bis zum Ende so bleibt ^^
Wer ganz vorne anfangen möchte, findet hier Kapitel 1: Gezeichnet – Teil 1
Hier ist: Gezeichnet – Teil 2. Dieser Abschnitt enthält allerdings gleich mehrere Horror-Kapitel, welche explizite Gewaltdarstellungen beinhalten. Wer so was nicht lesen mag, kann diesen Teil auch überspringen, und stattdessen hier weiterlesen: Gezeichnet – Teil 3
Hier ist Gezeichnet – Teil 4, was vorerst das letzte meiner Horror-Kapitel darstellt.
Die Handlung des Romans lässt sich auch verstehen, wenn man diese Horror-Kapitel nicht gelesen hat. Schließlich wird auf die hier geschilderten Ereignisse später noch mehrmals Bezug genommen, sodass man sich alles Wichtige zusammenreimen kann, ohne die Kapitel direkt lesen zu müssen.

Kapitel 18:

Wie viel Zeit verging, wusste Akitsu nicht. Sie verlor jegliches Gefühl dafür in dem dunklen Kellerverlies. Mal war sie wach, mal schlief oder döste sie. Ihre Wunden verheilten langsam, aber es blieben überall hässliche, weiße Narben zurück, die sich deutlich von ihrer Haut abhoben.

Bald begann sie, sich in ihrem kleinen Gefängnis jenseits aller zeitlichen Orientierung seltsam sicher zu fühlen, denn sie wusste, dass ihr hier nichts Schlimmes widerfahren würde. Einmal am Tag, wie sie vermutete, kamen lediglich zwei Sektenmitglieder, die ihr neue Nahrung brachten und ihre Verletzungen versorgten.

Manchmal schlief sie sogar so fest, dass sie nichts davon bemerkte und auch nicht erwachte, wenn sich die Männer behutsam um ihre Wunden kümmerten. Sie erkannte dann nur an der neuen Nahrung, dass jemand da gewesen war. Allerdings war sie meistens wach, wenn jemand kam.

Bald gewöhnte sie sich so sehr an die behandschuhten Hände, die ihre Verletzungen immer sehr vorsichtig abtasteten und behandelten, dass ihr Körper nicht mehr zuckte und auch kein schwaches Gift mehr ausschied. Obwohl immer noch heiße Schamesröte in ihr Gesicht kroch, wenn die Männer sie unangenehmen im Intimbereich berührten, wehrte sie sich nicht mehr. Sie ließ alles mit sich geschehen, denn sie war sich sicher, dass ihr keine Vergewaltigung drohte.

„Hm … kein Sekret mehr …“, murmelte der Arzt eines Tages, zog aber dennoch seine Gummihandschuhe nicht aus. Als wäre sie noch immer giftig, wagte es niemand auch nur darüber nachzudenken, dass man sie nun problemlos mit bloßen Händen berühren konnte.

~


Die junge Elfe dachte viel über das nach, was sie erlebt hatte. Mal wünschte sie sich, mit ihren Chummern gestorben zu sein, dann wiederum war sie froh, noch zu leben. Manchmal schrie sie verzweifelt die kahlen Wände an, und dann wieder weinte sie nur stumm.

Nacht für Nacht wurde sie von Alpträumen geplagt. Wieder und wieder sah sie ihr Runnerteam grausam sterben, und sie wachte oft schreiend auf. Danach brauchte sie jedes Mal eine ganze Weile, um die grausamen Erinnerungen abzuschütteln und um zu erkennen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war.

Und sie machte sich für all das verantwortlich, was geschehen war. Sie gab sich ganz allein die Schuld, denn sie hatte den verhängnisvollen Alarm ausgelöst, der schließlich die Aufmerksamkeit der Wachen auf sie gelenkt hatte. In ihrer tiefen Verzweiflung kam sie nicht auf die Idee, dass irgendetwas an der Gesamtsituation von Anfang an falsch gewesen sein könnte. Sie fragte sich nicht, woher die Sektenmitglieder gekommen waren, sollte das Gebäude an diesem schicksalhaften Abend doch laut Mr. Johnson fast verlassen gewesen sein.

Irgendwann sah sie ein, dass sie die Vergangenheit nicht ändern konnte, so sehr sie sich dies auch wünschte. Sie hörte auf, sich bittere Vorwürfe zu machen und fragte sich stattdessen ängstlich, welche Schrecken noch auf sie zukommen würden.

Eines Tages fühlte sie sich so kräftig, dass sie sich vorsichtig aufsetzte. Als dies gut ging, stand sie langsam auf und versuchte, ein paar Schritte zu gehen. Sie bemerkte bald, dass sie trotz ihrer Fußfesseln kleine, trippelnde Schritte machen konnte. Zuerst traute sie sich nicht, sich weit von der Decke zu entfernen, auf der sie ungezählte Tage bäuchlings gelegen hatte, doch als sie weder einen Schwächeanfall, noch plötzlichen Schwindel erlitt, ging sie langsam bis zur Tür.

Sie zerrte an der Klinke, stellte aber fest, dass diese, wie erwartet, gut verschlossen war. Ein Magschloss gab es nicht. Stattdessen sah sie unter der Klinke eines dieser altmodischen Schlösser, welches man manuell mit einem Schlüssel öffnen musste. Sie fragte sich, ob die Tür vielleicht von außen mit einem Magschloss gesichert war, setzte sich aber bald wieder auf die Decke, als sie so nichts ausrichten konnte.

Von da an ging sie öfters in ihrem kleinen Verließ auf und ab, oder hockte am Boden, denn die ganze Zeit auf der kahlen Betonfläche zu liegen war ungemütlich und hart, und sie erwachte oft mit schmerzenden Gliedern. Daran konnte auch das dünne Tuch nichts ändern, auf dem sie zu schlafen pflegte.

~


Nach langen, ungezählten Tagen kamen drei Sektenmitglieder in schwarzen Uniformen, die für einen privaten Sicherheitsdienst passend waren. Zwei von ihnen waren schwer bewaffnet, und trugen neben Pistolen und Schlagstöcken auch jeweils ein Sturmgewehr. Der leichter bewaffnete Mann kniete sich neben das liegende Mädchen, drehte sie so, dass er ihre mittlerweile verheilten Verletzungen betrachten konnte und meinte:

„Sieht gut aus, alles ist schön wieder verheilt. Dann kann’s ja jetzt losgehen!“

Was passiert jetzt mit mir? überlegte Akitsu eingeschüchtert, und sah mit einem Anflug leichter Panik auf die Sektenmitglieder.

Wie einer plötzlichen Eingebung folgend, strich der Mann auf einmal mit seinen Fingern leicht ihre Seite entlang; er konnte mühelos ihre Rippen zählen, die sich deutlich unter ihrer dünnen Haut abzeichneten.

„Hm ... du hast doch immer schön brav aufgegessen …“, murmelte er nachdenklich und betrachtete den Körper, der ursprünglich schlank gewesen war, und jetzt auf eine ungesunde Weise dürr und mager vor ihm lag.

„Du weißt doch, Bruder, solcher Abschaum kriegt nur das zu fressen, was sie verdient. Das Futter macht satt, aber mehr auch nicht. Das ist ja auch schon völlig ausreichend“, bemerkte einer seiner beiden Kollegen, und reichte ihm einen großen, dunklen Kanister, den er mitgebracht hatte.

Der Wachmann löste daraufhin die Fußfesseln der Gefangenen und befahl: „Los, setzt dich hin!“

Sie gehorchte wortlos, und beäugte ihn argwöhnisch. Was wird das? Was haben sie jetzt mit mir vor? fragte sie sich ängstlich, und beobachtete misstrauisch, wie der Mann den Deckel des Kanisters abschraubte, und dann abrupt seinen Inhalt über ihr ausgoss.

Sie schrie entsetzt auf, als das kalte Wasser auf sie herabfiel, kauerte sich zusammen und versuchte, sich eilig in die alte Decke einzuwickeln, auf der sie hockte. Doch es half nichts, sie konnte dem eisigen Nass nicht entkommen. Als der Kanister einen Moment später, der ihr wie eine Ewigkeit vor kam, leer war, hockte sie zitternd unter der dünnen Decke, und starrte die Männer verstört aus ihren schwarzen Mandelaugen an.

„So, wie du riechst und aussiehst, können wir dich doch nicht zur Polizei bringen, Löwenzahnfresser. Schließlich willst du da ordentlich aussehen, deshalb die Katzenwäsche. Los jetzt! Komm aus der Decke raus und trockne dich ab!“, befahl ihr eine der gepanzerten Wachen barsch, und reichte ihr ein kleines Handtuch, das vielleicht die doppelte Größe eines Geschirrhandtuches maß.

Vor Kälte zitternd, griff die erschrockene Elfe zaghaft danach und begann, sich langsam abzutrocknen. Als sie fertig war, reichte ihr derselbe Mann einen Stapel alter Kleidung und bellte:

„Zieh das an!“

Sie legte die Wäsche auf den Boden, und begutachtete für einen Augenblick, was sie bekommen hatte: Da waren ein graues T-Shirt, ein schwarzer Pullover, ein paar dunkle Socken, eine dünne Unterhose, eine ausgewaschene Jeans und ein paar alte, ausgelatschte Turnschuhe. Wortlos zog sie die sauberen Sachen an und stellte fest, dass die Hose zu lang und der Pullover etwas zu weit waren, aber ansonsten passten sie ihr einigermaßen.

     „Lass dich mal ansehen“, sagte einer der Wachleute leicht belustigt und drehte sie so, dass er sie von allen Seiten betrachten konnte.

„Sieht doch gut aus“, meinte der zweite.

„Ja? Also ich finde, es passt nicht zu ihren schrecklichen, gelben Haaren mit den grauen und blauen Strähnen“, bemerkte der dritte.

„Nichts passt zu ihren abartigen, mutierten Haaren!“, befand der erste und befahl barsch: „Los, komm her jetzt!“

Akitsu gehorchte zögernd, machte vorsichtig wenige Schritte, und stand dann vor ihm. Sie blickte ihn fragend und verängstigt an.

„Bitte, tu mir nichts …. ja?“, flehte sie leise, erntete aber nur ein bitteres Lachen.

„Zeig mal deine Hände!“, bellte er, und sie streckte ihm langsam und zaudernd ihre Handflächen entgegen.

„So ist schön brav …“, murmelte er zufrieden, holte ein paar Kabelbinder aus seiner Tasche und fesselte ihre Handgelenke vor ihrem Oberkörper zusammen. Sorgfältig achtete er darauf, dass die Fesseln zwar fest waren, aber nicht in ihr Fleisch schnitten und sie verletzten.

„Bitte … tu mir nichts, ja …?“, flüsterte sie abermals ängstlich und verschüchtert.

Er lachte nur boshaft, und grinste sie breit an.  

„Und jetzt schön mitkommen, verdammter Löwenzahnfresser!“, sagte er drohend, und wollte sie aus der Kammer führen.

„Halt, ich habe noch was vergessen“, meinte die zweite, schwer gepanzerte Wache, zog daraufhin ihre schwarze Pistole aus dem Holster, und schlug die Waffe der jungen Elfe hart an die Stirn.

Sie zuckte leicht zusammen, biss sich aber auf die Zunge, und schaffte es, keinen Laut von sich zu geben.

„So, die Schramme am rechten Auge fehlte noch. Sieht so doch schon viel besser aus“, nickte das Sektenmitglied zufrieden.

Und dann wurde sie aus der Kammer, die für einen unbestimmten, aber langen Zeitraum ihr Gefängnis gewesen war, ins Parkhaus hinausgeführt.

Die beiden schwer gepanzerten Wachen stießen sie dort auf den Rücksitz eines schwarzen Mercedes, und setzten sich dann rechts und links neben sie. Der dritte Mann stieg vorne ein, und dann ging die Fahrt auch schon los.

„So, wie du dir vielleicht schon zusammengereimt hast, werden wir dich jetzt zur Polizei bringen. Aber ich sag‘ dir eins: Wehe, du verplapperst dich dort gleich! Am besten hältst du die Schnauze und sagst gar nichts! Du kannst natürlich auch einfach alles bestätigen, was wir sagen werden, aber es ist sicherer für dich, einfach den Mund zu halten. Verstehst du mich?“. Der Wachmann sprach laut und deutlich um sicher zu gehen, dass sie ihn auch wirklich verstand.

Sie blickte ihn aufmerksam und verängstigt aus ihren schwarzen Mandelaugen an, und nickte nur stumm.

„Also …“, fuhr er fort. „Du bist eingebrochen, wurdest von uns erwischt, und jetzt kommst du dafür in den Knast. Das ist auch schon die ganze Story. Kapierst du das?“

Wieder nickte die Technomancerin nur lautlos, doch diesmal schien es der Wache nicht Antwort genug zu sein. Er zog sein Kampfmesser aus dem Gürtel, packte sie hart an den Haaren und zwang sie, ihn direkt anzublicken, während er mit der Klinge vorsichtig, ja fast schon zärtlich, über ihre linke Wange strich. Dabei kam er mit der Spitze des Messers ihrem Auge bedrohlich nahe.

Kalte Angst fiel wie ein hungriges Raubtier über sie her. Ein leichtes, unkontrolliertes Zittern lief durch ihren Körper, und mit schreckgeweiteten Augen sah sie das Sektenmitglied schon zustechen.

Sie schluckte heftig, und flüsterte mit erstickter Stimme: „Bitte, tu mir nichts …“

Doch der Wachmann ignorierte ihr verängstigtes Flehen, und fuhr mit harter Stimme fort: „Kein Wort über die Bruderschaft und das, was hier geschehen ist! Wir kriegen mit, wenn du dich verplapperst, und dann werden wir ein paar hübsche Überraschungen für dich bereithalten. Also besser, du sagst gar nichts, oder beschränkst dich auf die kurze Story: Du bist eingebrochen, wurdest von uns erwischt und fertig. Hast du verstanden?“

„Hai … ja …“, wimmerte sie leise, und blickte ihn verstört an.

„Dann ist ja gut“, meinte der Wachmann zufrieden, und steckte sein Messer wieder weg.

Erleichtert atmete Akitsu auf, lehnte sich im Sitz zurück, und schloss ergeben die Augen. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend, und es war ihr nur Recht so.

Ich komme endlich von dieser irren Sekte weg. Oh, wie schön …, dachte sie, und eine dünne, zarte Hoffnung keimte in ihr auf, dass sich die Dinge vielleicht doch noch zum Guten für sie wenden würden. Die Polizei hier, HanSec, soll sogar einigermaßen human mit Runnern umgehen …, fiel ihr wieder ein, und sie konnte ein paar Tränen nicht zurückhalten. Ob es sich bei ihnen um Freudentränen handelte, wusste sie selber nicht genau. Aber jetzt war sie mit einem Mal unendlich dankbar, noch am Leben zu sein.

~


Nach langer Fahrt hielt der Wagen schließlich an, und die Wachen zerrten das Mädchen hinaus in die Nacht. Die Luft war ungewöhnlich kühl, und es war relativ dunkel, verglichen mit den letzten Sommernächten, die sie draußen erlebt hatte.

Welches Datum haben wir? Wie lange habe ich in dem dunklen Kellerloch verbracht? fragte sie sich, war aber zu scheu, ihre Frage laut auszusprechen.

Bevor sie sich orientieren konnte, wurde sie von den Sektenmitgliedern über den kleinen, zugemüllten Parkplatz geführt, auf dem sie ausgestiegen waren, und durch eine stählerne Hintertür in ein Gebäude aus roten Backsteinen geschubst. Im Innern angekommen sah sie, dass sie sich nun in einer Polizeistation befand.

Die schwer gepanzerten Wachen packten sie nun jeder an einer Schulter, der dritte Mann ging vorne weg. So wurde sie durch einen kurzen, spärlich erhellten Flur in ein kleines Büro geführt. Hier saß ein feister Mensch mittleren Alters hinter einem Schreibtisch, auf dem sich diverse Datenchips und Seiten elektronischen Papieres zwischen leeren Kaffeetassen stapelten. Er hatte kurze, braune Haare und blaugraue Augen. Ein kurzer Bart zierte sein Kinn. Das kleine Schild verkündete in blauer, digitaler Neonschrift: Kommissar Manfred Wickel. An einem zweiten, kleineren Tisch saß ein weiterer, ernst dreinblickender Mann, der geschätzt vielleicht Mitte 20 war. Auf seinem Tisch stand kein Schild, das seinen Namen oder seine Position verriet, und er war aufgeräumter.

„Guten Abend“, begrüßte der Kommissar die Ankömmlinge freundlich. „Was kann ich für Sie tun?“

Er kennt sie nicht. Oh, Gott sei Dank, er hat nichts mit der Sekte zu tun! Er ist einfach nur ein ganz normaler Polizist! durchfuhr es Akitsu plötzlich, und eine Welle der Erleichterung erfasste sie. Doch sie biss sich schnell auf die Zunge, und gab keinen Laut von sich.

Der weniger gepanzerte Wachmann grüßte zurück, und reichte dem Kommissar einen Datenchip mit folgenden Worten: „Einbrecher. Aber wir haben sie geschnappt. Sie können Sich gar nicht vorstellen, wie verlockend diese reichen Villen sind, da hat man als privater Sicherheitsdienst manchmal alle Hände voll zu tun. Aber alles weitere steht hier drauf.“ Er lächelte, und dann führte einer seiner beiden Kollege den Bericht fort:

„Seien Sie vorsichtig mit ihr, sie ist eine verdammte Hackerin. Wir haben ihren Körper gefunden, als sie gerade dabei war, die Haussysteme zu knacken. War wahrscheinlich heiß in der VR, sind diese Biester doch immer. Aber der Eigentümer hat gutes Aufspür-IC, so hatten wir sie zum Glück schnell gefunden, bevor sie irgendwelchen größeren Schaden anrichten konnte. Ich rate Ihnen, verpassen Sie ihr einen guten Headjammer, denn wir müssen unseren natürlich wieder mitnehmen.“

Der Kommissar nickte. „Einen Moment, gleich wieder da“, antwortete er, und verließ den Raum.

Als er wenig später wieder kam, hielt er einen silbernen Headjammer in Händen, auf dem das Logo von HanSec prangte.

„So, wie machen wir das jetzt, ohne ihr eine Chance zu geben, online zu gehen? Sekunden reichen ja für sie aus“, überlegte er laut.

„Wenn Sie den Headjammer aktivieren, und ihr im gleichen Moment umlegen, in dem wir unseren abnehmen, müsste es eigentlich gehen. Die Signale beider Geräte sollten ihr praktisch keine Chance lassen, irgendwie online zu gehen“, erwiderte eines der Sektenmitglieder.

Ich hoffe, sie haben Unrecht, und ich kriege meinen Sekundenbruchteil …, dachte die Elfe nun hellwach, und lauerte angespannt auf den Moment, in dem sie sich zwischen den Signalen beider Jammer befinden würde.

„Also gut, gleichzeitig“, der Kommissar und der dritte Wachmann nickten sich zu.

Der Polizist aktivierte den Jammer, legte ihn ohne zu schließen, an den Hals der vermeintlichen Einbrecherin und wartete, bis der Wachmann das andere Gerät öffnete und langsam entfernte.

Da, jetzt …, durchfuhr es die Technomancerin, und sie spannte sich an, strengte sich an, und griff nach den nächsten WiFi-Signalen, doch sie merkte enttäuscht, dass sie nur den Störsender der Sekte für einen Sekundenbruchteil erreichte. Dann machte er auch schon dem neuen Jammer Platz, den der Kommissar sofort unangenehm eng um ihren Hals schloss, und ein neuer Regen verwirrender Störsignale prasselte auf sie herab, trennte sie wieder unbarmherzig von der Matrix, und verursachte leichte Kopfschmerzen.

„Wir müssen noch die Fotos von ihr machen“, meldete sich nun der jüngere Mann zu Wort, der bisher stumm hinter seinem Schreibtisch neben dem des Kommissars gesessen und das Geschehen beobachtet hatte.

Mit einer kleinen Kamera in der Hand erhob er sich, und ging auf die junge Elfe und die vermeintlichen Sicherheitsleute zu.

„Oh ja, gut, dass Du daran gedacht hast. Das können wir heute noch schnell machen, selbst wenn es schon spät ist“, stimmte ihm sein Vorgesetzter zu.

Er nahm die Kamera aus den Händen seines Gehilfen, stellte sich vor das Mädchen und verlangte bestimmt, aber dennoch nicht unfreundlich: „So, jetzt guck mich mal schön gerade an.“

Neugierig legte sie ihren Kopf leicht schräg, und sah ihn interessiert an. Dabei fiel auf, dass ihre orangenen, von grauen, blauen und roten Strähnen durchzogenen Haare langsam ihre Farbe wechselten. Sie wurden heller, das Orange wurde gelblicher und ein grünlicher Schimmer kam hinzu. Die farbigen Strähnen wurden blasser und ein paar neue, lila Strähnen begannen sich langsam durch ihr Haar zu ziehen. In ihren schwarzen, aufmerksam auf ihn gerichteten Augen war eine sonderbare Mischung aus tiefem Leid und Trauer zu lesen, aber auch schwache Hoffnung lag in ihrem Blick. Er wunderte sich einen Sekundenbruchteil über ihre Haare und ihren Gesichtsausdruck, dann wandte er sich wieder dem Foto zu, welches er machen wollte.

„Halt den Kopf nicht so schräg, guck mich gerade an“, sagte er.

Sie gehorchte wortlos, ohne dass der Ausdruck aus ihrem Gesicht verschwand. Also machte er ein paar Fotos von ihr, und war mit dem Ergebnis recht zufrieden, denn ihr Gesicht war gut zu erkennen. Anhand dieser Aufnahmen werde ich sie sicherlich leicht in der Datenbank finden, falls sie schon wegen irgendwelcher Verbrechen bekannt, ist und wir dementsprechende Aufzeichnungen über sie haben, dachte er.

Dann forderte er sie auf: „Jetzt dreh dich zur Seite, für die Profilaufnahmen.“

Wieder befolgte sie stumm seine Anweisung. Sie drehte ihr Gesicht soweit zur Seite, wie sie konnte. Er brauchte lediglich einen kleinen Schritt zu machen, um sie gut im Profil zu erwischen. Auch mit diesen Fotos war er zufrieden.

„So, das war’s schon. Ich bin fertig mit den Fotos“, sagte er, und nickte ihr und den vermeintlichen, privaten Sicherheitsleuten zu, bevor er sich wieder hinter seinen Schreibtisch setzte.

Dort angekommen, tippte er schnell ein paar Dinge in sein Terminal ein und fragte dann: „Wie heißt du denn?“

Für einen Moment sah Akitsu ihn überrascht an, denn sie hatte nicht damit gerechnet, nach ihrem Namen gefragt zu werden. Sie wusste nicht genau, was sie antworten sollte. Sollte sie ihren wahren Namen nennen, oder den ihrer momentanen, falschen SIN? Für ihren Straßennamen würde er sich wohl kaum interessieren, da sie darüber nicht wirklich zu identifizieren war. Außerdem wollte sie ihm nicht diesen Namen preisgeben, über den sie mit den Schatten, und für sie persönlich so wichtigen Leuten wie Dax, in Verbindung stand. Sie überlegte einen Moment, und entschied sich dann ihm zögerlich ihre falsche SIN zu nennen.

„Koyama Setsuko“, murmelte sie leise, und blickte ihn unsicher an, als er weitere Dinge eintippte.

Als sich der Griff der Sektenmitglieder leicht verstärkte, welche sie die ganze Zeit über an den Oberarmen festhielten, wurde ihre schwache Hoffnung stückweise zurückgedrängt und machte einer neuen Welle kalter Angst Platz.

Hoffentlich ist meine falsche SIN gut genug, und er findet keine Spuren, die auf meine wahre Identität schließen lassen, flehte sie im Stillen.

„Dein Name. Du musst etwas lauter sprechen, vorhin habe ich dich nicht verstanden.“

Die ruhig fordernde, aber immer noch freundliche Stimme des Polizisten, riss sie aus ihren Gedanken.

„Koyama Setsuko“, wiederholte sie zögernd, aber nun etwas kräftiger.

„Hm … kannst du es buchstabieren?“, fragte der Mann hinter dem Schreibtisch und sah sie auffordernd an.

„K-O-Y-A-M-A  S-E-T-S-U-K-O“, buchstabierte sie gehorsam ihren Namen.

Leicht verängstigt, weil die beiden Sektenmitglieder ihre Griffe abermals etwas verstärkten, wünschte sie sich, dass alles schnell vorbeigehen möge, der Kommissar sie bald in eine Zelle bringen, und sie ihre Peiniger dann nicht mehr sehen würde.

Doch der Mann schien ihr diesen Wunsch noch nicht erfüllen zu wollen. Nachdenklich schaute er die junge Elfe an, die ihm eher wie ein verwahrlostes Straßenkind, als eine Hackerin vorkam. Dies lag vor allem daran, dass sie recht mager wirkte, und die Kleidung etwas zu groß war, auch wenn sie für ein Straßenkind relativ sauber schien.

„Du stehst hier wegen Einbruch. Was hast du dazu zu sagen?“, fragte er sie und erwartete gespannt ihre Antwort.

Die vermeintliche Einbrecherin zögerte einen kurzen Moment, kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum. Da wurde der harte Griff ihrer beiden Peiniger plötzlich so stark, dass es schmerzte. Sie unterdrückte gerade noch rechtzeitig einen erschrockenen Aufschrei. Doch ihre Haare leuchteten kurz kräftig rot auf, bevor sie in dunkles, graues Blau getränkt wurden. Sie blickte ihn unverwandt an, schüttelte kaum merklich den Kopf, und zuckte nur leicht mit den Schultern. Ein Ausdruck tiefer Hoffnungslosigkeit und Trauer schlich sich in ihr junges Gesicht, doch sie blieb stumm wie ein Fisch.

„Hm … wir werden dich hier behalten und überprüfen, was es mit dem angeblichen Einbruch auf sich hat, Koyama“, meinte der Kommissar.

Hm … sie macht wirklich nicht den Eindruck, als wäre sie eine Diebin oder Einbrecherin. Auch seltsam, wie sie mich bisher angeschaut hat. Naja, wird wohl Zeit, dass ich den Datenchip lese, dort finde ich sicherlich die Erklärung für Vieles, überlegte Herr Wickel, und  bedeutete den Sicherheitsleuten, dass sie nun gehen konnten, und er ab hier die Sache übernehmen würde.

Zufrieden betrachteten die Sektenmitglieder ein letztes Mal die gefangene Technomancerin, warfen ihr drohende Blicke zu, und verabschiedeten sich dann von den Polizisten. Sie schluckte nur, sagte aber nichts.

Der Gehilfe des Kommissars trat nun auf sie zu, packte sie fest, aber nicht schmerzhaft, am Arm und führte sie auf die Tür zu, durch die ein weiterer, relativ junger, blonder Polizist das Büro betrat. Diese beiden Männer, die jeweils mit einer schweren Pistole und einem Betäubungsschlagstock bewaffnet waren, wie sie sehen konnte, führten sie bald darauf durch einen anderen Korridor.

An seinen Wänden waren einige stählerne, fensterlose Türen. Sie öffneten eine dieser Türen, und brachten sie in die dahinterliegende Zelle. Der kleine Raum war leer bis auf eine alte Matratze und eine Decke, die in einer Ecke lagen. Daneben stand eine umgedrehte Plastikbox, die als kleiner Tisch fungierte, und auf der ein Teller mit Nahrung und eine kleine Flasche mit Wasser bereit standen.

Während der Gehilfe des Kommissars das Mädchen weiterhin mit einer Hand fest hielt und mit der anderen seinen Schlagstock zog, nur für den Fall, dass sie eine verdächtige Bewegung machen oder ihm und seinem Kollegen gefährlich werden konnte, kramte der andere Polizist ein Tuch aus seiner Hosentasche hervor. Er wischte ihr damit vorsichtig das mittlerweile angetrocknete Blut von der Stirn, und betrachtete die Wunde.

„Sieht nicht sehr schlimm aus, nur ein Kratzer. Einen Arzt brauchst du nicht“, kommentierte er seine Beobachtung, und beließ es dabei.

Dann zog er mit einem Mal ein kleines Messer hervor und sagte: „Zeig mal deine Hände.“

Die Elfe blickte ihn plötzlich angsterfüllt an, und er war sich ganz sicher, sie hätte versucht wegzulaufen, wäre die Zellentür nicht verschlossen gewesen und hätte sein Kollege sie nicht am Arm festgehalten.

„Nein …“, flüsterte sie tonlos, und presste ihre Hände nur noch fester an ihren Körper.

Verwundert über ihre Reaktion, sagte er ruhig: „Hör mal, ich will nur deine Fesseln durchschneiden, die brauchst du jetzt nicht mehr. Wie willst du denn so essen?“

Mit einem leichten Nicken deutete er auf den Teller mit Nahrung, der neben der Matratze stand.

Der Blick in ihren Augen änderte sich daraufhin langsam, sie legte ihren Kopf leicht schief, und sah ihn nachdenklich an. Im weißen, kalten Neonlicht konnte er deutlich sehen, wie ihre Haare die Farbe wechselten. Sie liefen von grau und rot in eine Mischung aus Orange und Türkis über. Bevor er sich darüber wundern konnte, fragte sie flüsternd:

„Ja, wirklich …?“

Mit ruhiger Stimme antwortete er: „Ja, wirklich. Ich will nur deine Handfesseln zerschneiden, mehr nicht.“

Er verstand ihr ängstliches Zögern nicht und versuchte, sie behutsam dazu zu bewegen, ihre Hände auszustrecken.

Doch anstatt ihm zu vertrauen, fragte sie abermals mit kaum hörbarem Flüstern misstrauisch nach: „Versprochen, ja?“

Wieder antwortete er ruhig und geduldig: „Ja, ich verspreche dir, dass ich nur deine Fesseln zerschneiden will.“

Sie blickte ihn einen weiteren langen Moment mit einer Mischung aus Furcht und schwacher Hoffnung an, dann streckte die junge Elfe zögerlich langsam ihre Hände aus, sah ihn verstört aus ihren schwarzen Augen an, und flüsterte leise:

„Du tust mir aber nichts, ja …?“

Er sah sie ruhig an und bekräftigte abermals: „Nein, ich will nur deine Fesseln zerschneiden, ehrlich“, bevor er mühelos die Kabelbinder durchtrennte, und so ihre Hände befreite.

Er bemerkte, wie ein feines Zittern mit einem Mal ihren Körper durchlief.

„Siehst du, das war’s schon“, sagte er beruhigend.

Doch die junge Frau reagierte nicht, stand wie eine Statue im Raum, und starrte auf ihre ausgestreckten Hände. Langsam führte sie ihre Handflächen vor ihr Gesicht, betrachtete sie stumm einen kurzen Moment.

Dann murmelte sie kaum hörbar: „Kein Blut … keine Schmerzen …“

Nach all der schrecklichen Folter, die sie erleben musste, konnte sie kaum glauben, dass die beiden Polizisten sie nicht mit dem Messer verletzt hatten. Als diese Erkenntnis bis in ihr Bewusstsein vorgedrungen war, presste sie ihren linken, verletzten Arm fest an den Körper, und hielt ihn schützend mit ihrem rechten fest. Sie senkte leicht den Kopf, und schaute den Polizisten aus ihrer geduckten Haltung verstört und verängstigt an. Angespannt und stumm wartete sie auf das, was als nächstes kommen würde.

Irgendetwas ist nicht richtig mit ihr, sie guckt so geschlagen. Ob sie wirklich eine Einbrecherin ist? Vielleicht … Ich wüsste gerne, was mit ihr los ist, ich würde sie gerne fragen. Aber was soll ich sagen? überlegte der junge Mann, und betrachtete die blutjunge Elfe, die er auf höchstens 15 bis 18 Jahre schätzte. Da der zu weite Pullover alle ihre weiblichen Rundungen verbarg, war sie somit nicht eindeutig als erwachsene Frau zu erkennen.

Statt sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, versuchte er freundlich zu wirken und sagte erklärend: „In circa einer Stunde wird das Licht gedimmt, denn es ist schon spät. Ich würde dir also raten, vorher noch zu essen. Morgen wirst du übrigens verhört werden, wegen deinem Einbruch. Aber heute Abend hat da keiner mehr Lust zu.“

Sie blickte ihn aufmerksam, aber stumm aus ihrer geduckten Haltung an und rührte sich nicht.

Der Gehilfe des Kommissars ließ sie nun los, hielt seinen Schlagstock aber noch weiter bereit. Sein Kollege rief ihr noch ein freundliches „Gute Nacht“ zu, bevor sie die Zelle verließen.

~


„Hm … seltsames Verhalten, findest Du nicht auch? Mir kommt sie ja eher wie ein verängstigtes Straßenkind und nicht wie eine Einbrecherin vor. Halb verhungert sieht sie auch aus, so mager, wie sie ist“, bemerkte der Gehilfe zu seinem Kollegen.

Dieser nickte zustimmend und überlegte laut: „Vielleicht ist sie ja zu Hause geschlagen worden, was eine Erklärung für ihr seltsames Verhalten sein kann. Also älter als 18 Jahre ist sie sicher auf keinen Fall. Auffällig ist auch ihre Kleidung, sie ist zwar alt und ausgewaschen, aber sauber. Das spricht meiner Meinung nach eindeutig gegen das Straßenkind.“

„Du hast Recht. Vielleicht ist sie einfach nur aus einem schlechten Elternhaus weggelaufen. Lass uns beobachten, wie sie sich in den nächsten Tagen verhält. Normal ist das jedenfalls nicht“, meinte der erste, und mit diesen Worten gingen sie jeder wieder in ihre Büros zurück.

~


In geduckter Haltung stehend wartete Akitsu darauf, dass die beiden Polizisten aus der Zelle gingen und sie alleine ließen. Dabei hielt sie ihren linken Arm verkrampft vor ihrem Oberkörper. Verschüchtert schaute sie den beiden Männern nach und erst, als die stählerne Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, nachdem beide noch einen letzten, kurzen und prüfenden Blick zurückgeworfen hatten, regte sie sich wieder.  

Langsam ging sie auf die Matratze zu, setzte sich und beäugte misstrauisch das Essen. Sie sind nett zu mir gewesen. Sie haben meine Fesseln zerschnitten. Sie wollten mir nichts antun …, dachte sie verschüchtert und war froh, sich wieder in der Gesellschaft normaler Leute zu befinden, auch wenn sie jetzt in einer kleinen Zelle in einer Polizeistation hockte.

Dann probierte sie schließlich die Nahrung und stellte fest, dass die billigen Soy-Nudeln zwar viel zu viel Geschmacksverstärker enthielten, aber tausendmal besser waren als der eklige, weiße Pudding, den sie bei der Sekte bekommen hatte.

Nach dem Essen legte sie sich unter die Decke und starrte ins Leere. Sie bemerkte, wie langsam und vorsichtig ein paar Tränen aus ihren Augen zu tropfen begannen. Auf der einen Seite war sie erleichtert, sich nicht mehr in der Gewalt der Sekte zu befinden und neue Hoffnung stieg in ihr auf, dass sich die Dinge wieder zum Guten für sie wenden konnten. Auf der anderen Seite hatte sie Angst, denn sie wusste nicht, was die Polizisten ihr hier alles antun würden, während sie hilflos in der Zelle saß.

Der Gedanke, dass HanSec sogar relativ human mit Shadowrunnern umging, war nur ein kleiner Trost für sie im Angesicht ihrer momentanen Situation. Hinzu kam der neue Headjammer, der ihr mit seiner Fülle an Störsignalen leichte Kopfschmerzen bereitete und sie unbarmherzig von der Matrix und der Resonanz trennte.

Als irgendwann das kalte, weiße Neonlicht gedimmt, aber nicht ganz ausgeschaltet wurde, kuschelte sie sich unter die Decke, so als wolle sie sich verstecken. Bald darauf schlief sie fest ein.
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