D&D: LOST IN FAERÛN

von Lilinn
GeschichteFantasy / P16 Slash
OC (Own Character)
10.12.2015
10.12.2015
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Arvel schnarchte neben ihr. Er hatte sich mal wieder so richtig die Kante gegeben.
Seit Ygor ihn angeschleppt hatte, tat er exakt drei Dinge: hervorragende Pläne schmieden, mit Khelvi flirten und sich volllaufen lassen.
Wenn seine eindeutigen Anspielungen ihren abendlichen Höhepunkt erreicht hatten, schlug der Alkohol zu und knockte den durchaus gut aussehenden Schurken aus.
Schon das fünfte Mal in Folge hatte Khelvi ihn, unter den spöttischen und anzüglichen Rufen der anderen Tavernengäste, hoch auf ihr Zimmer geschleppt.
Arvels Saufgelage und Khelvis anschließende Anstrengungen erfreuten sich einer seltsamen Beliebtheit bei ihren zwielichtigen Mittrinkern.
Sie betrachtete ihn still im trüben Licht der Vordämmerung.
Khelvi traute Arvel nicht. Aber sie begann ihn zu mögen.
Vorsichtig richtete sie sich auf. Als sie aufstehen wollte, griff seine große Hand nach ihrem schmalen Handgelenk. „War es für dich auch so gut, wie für mich?”, murmelte er noch schlaftrunken.
Sie konnte sich problemlos von ihm lösen und schnaubte nur kurz: „Klar. Du warst umwerfend, Arvel. Ganz genau wie in den vier Nächten davor...”
„Warum lügst du, Khel?”
Die junge Halbelfe ging in Richtung des schmucklosen Paravent in der Ecke neben der Tür. Dahinter befand sich der schlichte Waschtisch, bestehend aus einem einfachen Holzgestell und einer darin eingelassenen Emailleschüssel.
„Warum sollte ich dich anlügen, Arvel?”
„Man sieht es an deinem Gang!”
„Was?”, sie war sich nicht sicher, was an seiner Aussage sie mehr irritierte: seine Annahme, dass zwischen ihnen irgendwas gelaufen war oder die Selbstsicherheit, mit der er diese vortrug.
„Man kann es Frauen ansehen, ob sie Spaß hatten...”
„Ach ja?”
„Ich habe da eine gewisse Expertise”, seine Stimme nahm wieder diesen tiefen, sanften Klang an, von dem er glaubte, dass es ihn besonders anziehend erscheinen ließ. Leider konnte sie diese gewisse Wirkung nicht ganz abstreiten.
„Klar...”, sie zog hinter dem Sichtschutz Hemdchen und Hose aus, die sie nachts zu tragen pflegte, tauchte den Schwamm, der auf dem Rand der Waschschüssel lag, in das kalte Wasser ein und begann mit ihrer Morgentoilette.
Arvel erhob sich leise vom Bett und folgte ihr durch den Raum. Er war groß genug, um ohne weitere Anstrengungen über die kleine Trennwand spähen und sie beobachten zu können. „Ich finde es sehr bedauerlich, dass du dir so viel Mühe gibst, so zu tun, als hättest du kein Interesse daran, es selbst herauszufinden...”
Er konnte der vollen Wasserschüssel, sie die nach ihm schleuderte, als sie bemerkte, dass er ihr zusah - sie nackt sah - nur knapp ausweichen.
„Ich muss sagen, ich finde durchaus Gefallen an dieser Vorstellung...”, lachte er.
Khelvi riss wütend eines der Handtücher, die über dem Paravent hingen, herunter und wickelte sich darin ein. „RAUS!”
„Ich verstehe gar nicht, warum du jetzt so wütend bist.”
Sie ging zu dem Stuhl, auf dem sie am Abend ihre Kleidung fein säuberlich zusammengefaltet abgelegt hatte und griff nach ihrem Dolch, der unter dem Textilstapel verborgen lag. „VERLASS SOFORT DIESES ZIMMER, ARVEL!”
„Es gibt keinen Grund, sich zu schämen, Khel. Du kannst dich wirklich sehen lassen”, er grinste noch immer breit, wich aber langsam in Richtung Tür vor ihr zurück, „Aber ich sehe schon, dass du noch ein bisschen mehr Zeit brauchst, um aufzutauen...”

Als die junge Halbelfe in den Schankraum der Spelunke kam, steckten Ygor und Arvel bereits ihre Köpfe über einem kleinen Stapel mit Dokumenten zusammen.
„Ah, die Dame gibt uns die Ehre”, begrüßte ihr Lehrmeister sie mit unverhohlenem Sarkasmus.
Sie erwiderte seinen Kommentar mit einer schiefen Grimasse, setzte sich den beiden gegenüber und gab der Schankmaid ein Zeichen, dass sie Frühstück bringen sollte. Sie hieß Marthe und war Arvel bereits auf den Leim gegangen, so viel konnte die Halbelfe aus den Blicken herleiten, die die junge Frau der Gruppe immer wieder zuwarf.
Khelvi beugte sich in Richtung der beiden Herren über den Tisch und betrachtete das ausgerollte Pergament in ihrer Mitte: „Also?”
Ygor schob den Plan zu ihr hinüber. „Es ist ziemlich simpel. Im Keller des Waisenhauses ist der Zugang. Unterhalb der Stadt gibt es ein Tunnelsystem.”
„Auch Kanalisation genannt”, fiel Khelvi ihm ins Wort.
„Kein offizieller Teil, aber ja, so könnte man es nennen”, erwiderte Arvel und musterte sie mit einem viel sagenden Grinsen.
Der alte Schurke räusperte sich ungeduldig. Es missfiel ihm sichtlich, wie die beiden jüngeren sich ansahen und miteinander sprachen. Vor allem seiner Schülerin warf er einen strafenden Blick zu, bevor er zu dozieren fort fuhr. „Diese Gänge sind weitestgehend unbekannt. Sie verbinden alle wichtigen Häuser in Niewinter miteinander. Ursprünglich waren sie als geheime Fluchtwege für die Adligen und die Elite angelegt, sind aber mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Ich hatte schon Gerüchte darüber gehört. Unserem geschätzten Freund hier ist es gelungen Pläne dieser alten Tunnel aufzutreiben.”
Arvel nickte zufrieden.
Marthe kam mit einem großen Holzbrett und tischte ein herzhaftes Frühstück auf, bestehend aus reichlich Brot, gebratenem Ei und Speck sowie einer Wurst- und Käseplatte. Dazu gab es für jeden der drei einen Becher mit einem herrlich duftenden dunkelbraunen Heißgetränk.
Khelvi liebte dieses teeähnliche Gemisch. Für sie war es an diesem Morgen der einzige Trost, wenn sie schon hier mit diesem Aufreißer sitzen musste.
Während die Schankmaid die Teller und Becher von ihrem Tablett auf den Tisch lud, herrschte Schweigen. Die junge Frau warf Arvel immer wieder verstohlene Blicke zu, die dieser mit einem vieldeutigen Grinsen erwiderte.
„Nehmt euch ein Zimmer...”, murmelte Khelvi, als Marthe außer Hörweite war und sah ihn grimmig an.
„Vielleicht machen wir das auch - später”, antwortete Arvel und unternahm keinerlei Anstrengungen, seine Genugtuung zu verbergen.
„Dann bleib am besten dort, damit ich dein Geschnarche nicht mehr ertragen muss...”
Ygor räusperte sich erneut und musterte Khelvi streng. „Wir betreten das Grundstück des Waisenhauses über die Nordseite. Es gibt nur drei Wachleute. Sie machen stündlich ihre Runde. Das Grundstück ist so groß, dass  zwischen dem Passieren des ersten und des zweiten Wachmanns genug Zeit bleibt, um die Mauer zu überwinden und zur Hauswand zu gelangen. An der Giebelwand nach Norden gibt es einen kleinen Anbau. Dort können uns die Wächter nicht sehen. Wenn der Zweite an uns vorbei ist, bewegen wir uns weiter zu einem der Kellerfenster hier”, er tippte mit einem seiner dicken kleinen Finger auf den Plan, „Khel, du wirst es öffnen. Durch den Keller gelangen wir zu dem Tunnelsystem, bevor der dritte Posten auch nur ahnt, dass wir dort sind.”
„Und dann?”, es fiel Khelvi schwer, Interesse oder Begeisterung vorzutäuschen, also gab sie sich auch keine besondere Mühe.
„Dann”, Arvel beugte sich leicht über den Tisch, seine Augen blitzten belustigt auf, „gelangen wir über diese Gänge in ein Haus.”
„Klingt aufregend”, sie schob sie unbeeindruckt eine Gabel mit Rührei und Speck in den Mund.
„Nicht irgendein Haus. Das Haus eines bedeutenden Kunstsammlers”, ergänzte Ygor.
„Toll... Und wie gedenkt ihr die Kunstwerke zu Goldmünzen zu machen, wenn er so berühmt ist, ihr Genies?”
„Müssen wir gar nicht”, fuhr Arvel fort, „Wir nehmen exakt ein Gemälde mit!”
„Für das es schon einen Interessenten gibt, der bereit ist, einen unverschämt überhöhten Preis zu zahlen?”
„Auch nicht...”, er grinste triumphierend.
„Es handelt sich bei besagtem Gemälde um einen Akt. Und wir sind uns ziemlich sicher, dass die betreffende Persönlichkeit ein überaus großes Interesse daran hat, dass diese Jugendsünde nicht in die falschen Hände gerät...”
„Und welchen hochwohlgeborenen Kerl kann man da so bewundern, wie die Götter ihn schufen?”, Khelvi aß unbeirrt weiter.
„Kein Mann... sondern eine Frau und zwar keine andere, als die Gräfin von Rabenfels”, erwiderte Arvel nun selbstzufrieden flüsternd.
Die Halbelfe ließ ihre Gabel sinken: „Gut, ich gebe zu, das beeindruckt mich schon ein wenig - wenn es stimmt. Gibt es Beweise dafür, oder ist es nur ein Gerücht?”
Ygor beugte sich nun ebenfalls vor und verzog die Mundwinkel verschwörerisch: „Es heißt, die Gräfin hatte eine geheime Liaison mit besagtem Kunstsammler. Und als sie dieses Verhältnis beenden musste, ließ sie diesen delikaten Akt für ihren Liebsten anfertigen.”
Khelvi rollte mit den Augen. „War ja klar, dass euch so eine Geschichte als Beleg reicht - je schlüpfriger, desto wahrer muss sie sein.”
„Keine Sorge”, Arvels Ton war nun ungewohnt scharf, „ich weiß, dass es dieses Gemälde gibt.”
„Du weißt es also? Und das reicht uns?”, sie sah Ygor fragend an.
Ihr Lehrmeister nickte nur.
„Na gut. Hoffen wir, dass dein Plan”, sie warf dem jungen Schurken einen ernsten Blick zu, „aufgeht und wir nicht alle im Kerker landen” Sie seufzte und sagte mehr zu sich selbst: „Die Gräfin erpressen, tolle Idee. Öfter mal was Neues...”
„Dann ist der Plan klar. Übermorgen Abend legen wir los. Arvel wird herausfinden, wo genau im Zielgebäude sich das Bild befindet und du kümmerst dich darum, dass du die Schlösser an den Türen und Fenstern aufkriegst!”, sagte der Älteste in der Runde und sein Unterton gab seiner Schülerin zu verstehen, dass er keinerlei Widerrede von ihr duldete.

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Es war Neumond. Deswegen hatte Ygor sich diese Nacht für die Durchführung ausgesucht.
Oder war alles Arvels Plan?
Nach der Besprechung hatte der junge Schurke sich abends nicht mehr besoffen und sie hatte ihn auch nicht mehr mit auf ihr Zimmer nehmen müssen.
Khelvi vermutete, dass er es sich tatsächlich bei der Schankmaid bequem gemacht hatte.
Der Gedanke daran, dass es Marthes kleines Herz brechen würde, wenn sie nach dem Bruch verschwanden und Arvel sich nie mehr bei ihr melden würde, sorgte für ein wenig Genugtuung.
Ihre Dolche saßen exakt da, wo sie hingehörten. Sie hatte sich einen Satz neuer Dietriche besorgt und ein paar Pfeilspitzen mit einem nicht tödlichen aber durchschlagenden Gift präpariert.
Im Sichtschatten einer Gaupe wartete sie auf einem Dach darauf, dass ihre Komplizen am vereinbarten Treffpunkt auftauchten.
Von diesem Posten aus konnte sie auch über die Mauer auf das Grundstück des Waisenhauses sehen. Sie hatte diese Stellung etwas früher bezogen, um sich davon zu überzeugen, dass die Wachmänner tatsächlich ihre Runden machten, wie Ygor es beschrieben hatte.
Nachdem sie die Einzelheiten des Coups kannte, hatte sie ein mulmiges Gefühl.
Diese Geschichte war zu groß für ihren Lehrmeister. Unterirdische Geheimgänge, ein delikates Aktgemälde der Gräfin... Erpressung - dieser Plan konnte nur von Arvel stammen. Und sie traute ihm noch immer nicht.
Sie hatte keinen Schimmer, wo der Alte ihn aufgegabelt hatte, geschweige denn, woher er kam. In all den Jahren, die sie sich im Untergrund von Niewinter herumschlug, war sein Name kein einziges Mal gefallen und keiner ihrer Freunde hatte je von ihm gehört.
Ein Fremder, der so viel über die Geheimnisse der Stadt wusste, konnte es nicht ehrlich mit ihr und ihrem Lehrmeister meinen.
Etwas war faul, aber sie hatte noch nicht herausgefunden, was. Deswegen musste sie umso aufmerksamer und vorsichtiger sein.

„Studierst du die komplexen Bewegungsmuster der Wachen?”, fragte er spöttisch. Sie versuchte sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen, als Arvel plötzlich neben ihr auf dem Dach auftauchte.
„Wollte nur sichergehen, dass du uns keine Lügen aufgetischt hast”, presste sie zwischen ihren Lippen hervor und musterte ihn aufmerksam.
Er zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Meister Schattenblick ist spät...”
Es missfiel ihr, wie viel Herablassung in Arvels Stimme lag. „Wenn du versuchst uns in die Pfanne zu hauen, schlitze ich dir persönlich die Kehle auf...”
Arvel zog kurz eine Braue hoch, bevor seine Augen verrieten, dass ihre Drohung ihn vor allem amüsierte: „Das will ich sehen...”
Noch bevor seine letzte Silbe in der Stille der Nacht verklungen war, hatte Khelvi sich in eine strategisch vorteilhafte Position zu ihm gebracht, einen ihrer Dolche gezogen und an seine Kehle gelegt. Die Klinge schnitt in seine Haut, etwas Blut rann an seinem Hals hinab. „Glaub mir, nichts täte ich lieber”, hauchte sie in sein Ohr, dann steckte sie ihre Waffe wieder weg und versetzte ihm einen Stoß, so dass er leicht ins Straucheln geriet, sich aber wieder fangen konnte und nicht vom Dachvorsprung fiel.
Ihr Blick lag hart und ernst auf ihm, als er sich nach ihr umsah. Seine Miene war ohne jeden Ausdruck.
„Aber leider brauchen Meister Schattenblick und ich dich noch...”
„Verrat mir eins, Khel: Was hat er gegen dich in der Hand?”, nun lag wieder der Anflug eines spöttischen Grinsens auf seinem Gesicht, „Es ist zu offensichtlich, dass du nicht viel für den alten Sack übrig hast.”
„Das geht dich nichts an...”
„Schade. Falsche Antwort. Ich hätte dir helfen können.”
„Was kümmerts dich!”
Arvel zog die Brauen theatralisch zusammen und zuckte mit den Schultern: „Ich weiß nicht... eine junge Schurkin in den Fängen eines fiesen Alten - wer möchte nicht eine Jungfrau in Nöten retten?”
„Wie edelmütig. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut...”, erwiderte die junge Halbelfe zynisch.
„Genau das ist das Problem. Du hattest von Anfang an nur Misstrauen und Verachtung für mich übrig. Dabei habe ich mir wirklich große Mühe mit dir gegeben. Oder stehst du etwa auf seinen hässlichen, faltigen Arsch und versuchst das unter einer Maske aus Verachtung und Zynismus zu kaschieren?”
Khelvi lachte kurz leise auf. Als sie zu einer Antwort ausholen wollte, tauchte endlich ihr Lehrmeister am Treffpunkt auf.
„Du bist spät!”, murrte Arvel.
„Scheint ja nicht so schlimm zu sein, so hattet ihr Zeit, euch ein wenig zu unterhalten”, war alles, was Ygor darauf entgegnete und gab den beiden mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie zu ihm herunterkommen sollten, bevor er in Richtung Mauer weiterging.
Khelvi war unwohl. Sie wusste nicht, wie lange der Alte schon da war, was von ihrem Gespräch er mitbekommen hatte.

An den Wachmännern vorbei zu kommen und das Schloss am Fenster zu öffnen, war kein Problem gewesen. Aber dieser Keller war so dunkel, dass Khelvi ihre eigene Hand vor Augen kaum sehen konnte.
„Das gefällt mir nicht”, wisperte sie und kassierte prompt einen Schlag gegen die Rippen, von Arvel, vermutete sie.
„Jammer nicht rum und geh weiter!”, zischte er und drängte sie unsanft weiter ins Innere des Kellers.
Zu ihrem Glück schien der Raum leer zu sein, bis auf ein paar Regale, die an den Wänden standen, so dass sie ohne Gestolper oder Gepolter die Tür des Raumes erreichten.
Auch diese war verriegelt. Allerdings mit einem Vorhängeschloss - auf der anderen Seite der Tür.
„Großartiger Plan”, stellte sie trocken fest.
„Halt einfach den Mund, sieh zu und staune!”, herrschte Arvel sie an, dann begann er etwas Unverständliches zu murmeln. Die Luft wurde merklich kühler. Es schien Khelvi, als entzöge er, mit was auch immer da gerade tat, allem im Raum einen Teil der Energie. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste wirklich nicht, wer er war und spätestens jetzt hätte sie allen Grund gehabt, ihm zu misstrauen.
Das Schloss fiel mit einem metallischen Klirren auf den Boden und ein leises Klicken verriet, dass die Tür nun entriegelt war.
„Nach dir, Khel”, flüsterte er und sie konnte seine diebische Freude nur zu deutlich hören.
Die junge Schurkin trat langsam an die Tür öffnete sie vorsichtig einen Spalt breit, um in den Gang dahinter zu spähen.
Dort war es genau so dunkel, wie in dem Kellerabteil, also schob sie die Tür noch weiter auf und schlich hinaus.
Arvel und Ygor folgten ihr mit einigem Abstand.
Sie hielt sich dicht an der Wand, ihre Dolche griffbereit. Aber das war unnötig. Es war absolut still. Nichts deutete darauf hin, dass in diesem Teil des Waisenhauses weitere Wächter patrouillierten.
Der jüngere ihrer Komplizen holte sie ein und übernahm schließlich die Führung durch die Kellergewölbe, bis sie eine weitere Tür im Südflügel erreicht hatten. Er deutete auf das Vorhängeschloss: „Das wirst du wohl hinkriegen.”
Hinter der Tür befand sich nur ein kleiner Raum, dessen Wände mit Regalen zugestellt waren.
„Wo ist jetzt euer geheimer Eingang zu diesen geheimen Tunneln?”, flüsterte Khelvi. Doch statt einer Antwort hörte sie Arvel nur wieder seltsam murmeln und eines der Regale verschob sich wie von Geisterhand. Zum Vorschein kam eine Luke am Boden.
„Hier!”, Ygor ging hinüber und öffnete die Falltür.
Sie stiegen hinab und tatsächlich erschloss sich ihnen ein alter Gang, in dem das Wasser etwa kniehoch stand. Am Mauerwerk wucherte ein Pilz, der ein schwaches Leuchten ausstrahlte, wodurch es nicht ganz dunkel war.
Arvel schloss die Klappe und ein Schleifgeräusch über ihren Köpfen ließ die junge Halbelfe vermuten, dass er das Regal wieder darüber geschoben hatten.
„Was tust du da?”
Er lachte kurz leise auf. „Wir nehmen einen anderen Ausgang... hatte ich das nicht erzählt?”, etwas Bedrohliches lag in seiner Stimme, dass sich ihre Nackenhaare sträubten.
Zielstrebig führte er sie durch das unterirdische Labyrinth zu einer weiteren Falltür.
„Wir sind da!”

Dieser Keller war weniger puritanisch, als der im Waisenhaus.
Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Sandelholz und Myrrhe. Die Halbelfe kannte diesen Duft nur aus den Tempeln.
„Das Bild ist in der Bibliothek”, bemerkte Arvel und deutete auf den Durchgang, der den Blick auf eine Treppe freigab, die in den Wohnbereich des imposanten Hauses führte.
Lautlos schlichen die drei Schurken hinauf und fanden sich in der Eingangshalle wieder, die vor wertvollen Antiquitäten geradezu überquoll.
„Der Herr dieses Hauses muss sich absolut geschützt fühlen...”, murmelte Khelvi, „Er weiß von dem Geheimgang und hat nicht einmal eine Tür, die den Zugang zum Keller sichert.”
Arvel grinste, doch er sagte nichts und führte sie die riesige Treppe hinauf bis zu einer Tür. „Deine Talente sind wieder gefragt, Frau Meisterdiebin”, bemerkte er spitz.
Als sie sich mit gezücktem Dietrich vor das Schloss kniete, konnte sie noch aus dem Augenwinkel sehen, wie er Ygor mit einem gezielten Schlag außer Gefecht setzte, bevor er sie hart im Nacken traf und auch sie das Bewusstsein verlor.

Als sie wieder zu sich kam, dröhnte ihr Schädel, aber sie konnte die Rufe der Stadtwache hören, die sich dem Haus näherten.
Ygor lag noch immer besinnungslos auf dem Boden. Die Tür, die sie hatte knacken wollen, stand sperrangelweit offen. Von dem jungen Schurken, der ihnen so in den Rücken gefallen war, keine Spur. Und der Raum, in den sie nun einblicken konnte, sah nicht nach einer Bibliothek aus.
Khelvi rappelte sich mühsam auf. Ihr ganzer Körper war eine einzige, pochende Schmerzquelle.
Sie stolperte die Treppe mehr hinab, als dass sie rannte und erreichte schließlich den Kellerraum. Die Falltür war noch offen. Sie konnte von unten Schritte im Wasser hören, die sich rasch entfernten.
Aus der Eingangshalle hörte sie die schweren Schritte gepanzerter Stiefel. Die Stadtwache war da und sie stürmten bereits die Treppe zum Keller hinunter. Es gab nur diesen einen Ausweg und sie musste den Verräter schnappen, bevor die Handlanger der Justiz ihn in die Finger kriegten und sie ihn nicht mehr selbst für seine Tat zur Rechenschaft ziehen konnte. Sie atmete entschlossen ein und aus und folgte ihm.
Trotz ihrer Verletzung schien sie schneller zu sein, als Arvel erwartet hatte. Sie holte ihn tatsächlich ein und bekam ihn am Arm zu fassen.
Er drehte sich zu ihr um und grinste sie hämisch an.
„Du hinterhältiger Mistkerl!”
Sein Hohnlächeln erstarb: „Tu nicht so, als wärst du überrascht!”
Sie hielt ihren Dolch fest umklammert und holte zum Hieb gegen ihn aus, aber er wehrte sie ohne große Mühe ab.
„Du verdammter...”, weiter kam sie nicht, denn er packte sie, hielt ihr eine Hand vor den Mund und drückte sie gegen die Wand des Tunnels.
Durch den Gang hallten nun die Schritte der Soldaten. Das Licht ihrer Fackeln malte zuckende Schatten an die alten Mauern. „Sachte, Khel! Du willst doch nicht, dass die uns einkassieren...”, flüsterte er.
Sie war versucht, ihn zu beißen, aber er hatte Recht.
Arvel hatte sie beide in eine Nische bugsiert, so dass die Wächter sie nicht sehen konnten.
Als er merkte, dass sie ihm keinen Gegenwehr leistete, ließ er seine Hand langsam sinken. „Kluge kleine Meisterdiebin.”
Die Halbelfe schnaubte verächtlich.
Die Schritte und das Fackellicht entfernten sich.
„Du hast das von Anfang an so geplant!”
Er löste sich von ihr. „Du tust immer noch so, als hättest du es dir nicht an deinen entzückenden kleinen Fingern abzählen können...” Er klopfte etwas Dreck von seiner Hose und wollte dann unbeirrt weitergehen.
Doch sie sprang hinter ihm her, stürzte sich auf ihn, einen Arm von hinten um seinen Hals geschlungen, den Dolch nun wieder dicht an seiner Kehle. „Ich werde dich töten!”
„Du meinst es wirklich ernst...”, damit griff er ihre Hand, die den Dolch hielt und drückte fest zu. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihr Handgelenk, den Arm hinauf, über die Schulter bis in ihre Wirbelsäule.
„Aber sieh es mal positiv: Jetzt, da der berüchtigte Ygor Schattenblick in den Kerker wandert, steht dir die Welt offen. Du kannst gehen, wohin du willst. Das kommt dir doch eigentlich ganz gelegen...”, er erhöhte den Druck, so dass sie den Dolch fallen lassen musste. Dann befreite er sich ohne weitere Anstrengungen aus ihrer Umklammerung und schubste sie wieder gegen die Wand. „Ich frage mich allerdings wirklich, was dich so lange bei diesem alten Versager gehalten hat. Seine erotische Ausstrahlung kann es wohl kaum gewesen sein. Und seine Qualitäten als Lehrer eher auch nicht...”
Der harte Zusammenstoß mit der groben Steinmauer ließ Khelvi kurz nach Luft schnappen.
„Jemand mit deinen Fähigkeiten verschwendet unter so einem Meister nur wertvolle Lebenszeit.”
„Du weißt gar nichts über mich, Arvel!”
„Und stell dir vor: Ich lege auch keinen Wert darauf, das zu ändern”, er wandte sich wieder zum Gehen von ihr ab.
Die Halbelfe versuchte erneut, sich auf ihn zu stürzen, doch diesmal wich er ihr einfach aus, so dass sie stolperte und mit einem lauten Platschen im Wasser landete.
„Es fängt an langweilig zu werden...”
Die Stadtwache schien wieder auf dem Weg zurück durch die Tunnel zu sein oder war durch die Geräusche, die der Kampf verursacht hatte, auf die beiden aufmerksam geworden. Ihre Schritte näherten sich schnell.
Arvel fluchte leise, dann packte er die noch immer perplexe Khelvi, zog sie aus der Brühe und drückte sie erneut in der Nische gegen die Wand.
Sein Gesicht war ihrem nun ganz nah. Sie konnte direkt in seine Augen sehen und erkannte, dass seine Iris tatsächlich rot war, nicht braun, wie sie es hatte glauben wollen. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut.
Die Lichter kamen näher.
Khelvis Herz begann zu rasen. Sie hörte das Rauschen ihres eigenen Blutes.
Arvels Gesicht war ausdruckslos, hart. Es war eiskalt mit den durchnässten Sachen in diesem Tunnel.
Aber er war warm. Sein Atem ging gleichmäßig und ruhig. Er hielt sie mit ganzer Kraft gegen das Mauerwerk gepresst.
Kurz flackerte in ihr der Gedanke auf, ob ihr Zusammentreffen an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, unter anderen Umständen einen besseren Ausgang hätte nehmen können.
Dann hatten die Fackelträger sie passiert und Arvel löste sich von ihr, griff aber sogleich nach ihrem Handgelenk und zerrte sie hinter sich her durch die Gänge, bis sie einen Ausgang erreicht hatten, der in ein Waldstück außerhalb der Stadt führte. Dort ließ er sie los.
Als er ihr den Rücken zudrehte, griff sie ihren Bogen und richtete einen der vergifteten Pfeile auf ihn.
„Und Ygor?”
„Vergiss den alten Sack!”, er hob langsam beide Hände und wandte seinen Kopf in ihre Richtung, so dass sie sein selbstsicheres Grinsen im Halbprofil erkennen konnte, „Wir wissen beide, dass du nicht auf mich schießen wirst... Wenn du es aber doch tust, muss ich dich leider töten. Nachdem ich dich gerettet habe, wäre das eine ganz schöne Verschwendung.”
„Du hattest alles so geplant. Von Anfang an. Warum?”
Sein Grinsen wurde noch breiter und höhnischer: „Nicht ganz. Ursprünglich wollte ich dich auch der Stadtwache überlassen.”
„Dann sollte ich dir wohl dankbar sein!”
„Wenn du willst...”
„Du ekelst mich an.”
„Ein einfaches Danke hätte gereicht. Aber das ist natürlich auch eine legitime Haltung.”
„Warum hast du es dir anders überlegt?”
Arvel zuckte mit den Schultern: „Mir war danach... vielleicht mag ich dich sogar...” Dann ließ er seine Hände wieder sinken und setzte seinen Weg in aller Seelenruhe fort.
Khelvi zitterte vor Wut und Kälte. Sie hielt den Bogen so lange gespannt und auf ihn gerichtet, bis er vollständig in den Schatten des nächtlichen Waldes verschwunden war.
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