Asexualität

GeschichteAllgemein / P12
09.12.2015
09.12.2015
8
29045
25
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
B) Worum geht es hier überhaupt?



Bevor wir uns in den eigentlichen Hauptteil stürzen, in dem ich die typischen Reaktionen auf Asexualität auseinandernehme, versuchen wir erst einmal, Asexualität abstrakt zu definieren. Das ist gar nicht so einfach…



I) Was ist Asexualität?



Es gibt natürlich eine feste offizielle Definition – und dann gleich mehrere Unterkategorien sowie die Feststellung, dass eine Definition eigentlich nur bedingt möglich ist. Aber Menschen mögen Definitionen. Einige glauben, ein Thema „auf seinen Kern zu reduzieren“ wäre ein ganz wesentlicher Schritt, um es zu verstehen. Allerdings ist eine Kurzvariante nicht notwendig treffender als eine ausführliche Beschreibung und der Kern sagt gar nichts über die konkrete Frucht. Im Gegenteil: Es kann sehr fatale Folgen haben, wenn man versucht, die Frucht über den Kern zu definieren. Ich habe meine Leben lang Pfirsiche und Nektarinen geliebt und viel gegessen, und ich kann trotzdem manches Mal ihre Steine (= Kerne) nicht einmal der richtigen Fruchtsorte zuordnen. Und wie viele Heterosexuelle kennt ihr, die abgesehen von ihrer Heterosexualität völlig unterschiedlich sind – aber wie viele Heterosexuelle und Homosexuelle, die einige Gemeinsamkeiten aufweisen? Könnt ihr aufgrund eurer eigenen Sexualität andere Sexualitäten immer zweifelsfrei erkennen?

Definitionen und feste Begriffe sind gefährlich. Einen Begriff genannt zu bekommen suggeriert nämlich, dass der Andere von Einem erwartet, bereits Bescheid zu wissen. Und Menschen hassen nichts mehr, als keine Ahnung zu haben und das zugegeben zu müssen, weswegen sie in diesem Fall dann auch nicht nachfragen (und Unbekanntes gern totzureden versuchen). Sie glauben also schnell, alles schon zu wissen, was zu folgenreichen Irrtümern und Missverständnissen führen kann.

Ich werde euch jetzt also hier eine Definition geben, aber bitte behaltet dabei im Hinterkopf, dass sie niemals abschließend und endgültig sein kann und es Asexualität in mindestens so vielen Varianten gibt wie Asexuelle. Die AVEN-Devise lautete daher: Wer sich als asexuell definiert und identifiziert, ist es zu diesem Zeitpunkt auch.



1. Definition



Asexualität bedeutet laut AVEN die Abwesenheit von Verlangen nach sexueller Interaktion. AVEN ist das Asexuality Visibility and Education Network, das erste und bis heute größte und wichtigste Internetforum zum Thema Asexualität. Ich will mich hier nicht mit Details über AVEN aufhalten, das könnt ihr ganz prima auf der Homepage nachlesen. AVEN jedenfalls ist ziemlich tonangebend und die wichtigste und zuverlässigste Quelle zum Thema Asexualität, weswegen kein Artikel über Asexualität möglich ist, ohne AVEN zu zitieren.

Zurück zur Definition. Kein Verlangen nach sexueller Interaktion, das ist wörtlich zu nehmen, sprich: Interaktion beinhaltet mindestens eine weitere Person. Asexuelle können also sehr wohl einen Trieb haben und masturbieren oder eben nicht. Asexualität ist im Viereck der hauptsächlichen (auf menschliche Geschlechter bezogenen) sexuellen Orientierungen das Gegenstück zu Bisexualität, so wie auch Hetero- und Homosexualität Gegenstücke bilden. Vor diesem Hintergrund wird Asexualität vielleicht etwas klarer: Es ist also sexuelles Interesse an den Vertretern weder des eigenen noch des anderen biologischen menschlichen Geschlechts.

Und wenn ich das hier so formuliere, seht ihr auch schon das erste Problem: Diese Definition funktioniert natürlich so nur, wenn man davon ausgeht, dass sexuelles Verlangen sich nur auf lebendige physisch-real existierende Menschen richtet. Wir wissen aber natürlich alle, dass das so nicht ganz stimmt. Es gibt Dinge wie Objektophilie, Fiktophilie oder Nekrophilie (und dem tut es keinen Abbruch, dass das Ausleben Letzterer als moralisch verwerflich gilt – es gibt sie dennoch). Grundsätzlich bleibt es Jedem selbst überlassen, ob er sich als asexuell definiert, und so gibt es eben Objektophile, Fiktophile etc., die sich asexuell nennen, weil sie sich nicht sexuell für Menschen interessieren, und solche, die es nicht tun, weil sie grundsätzlich sexuelles Interesse verspüren.

Hauptsächlich bezieht sich der Begriff aber, wie gesagt, auf das Viereck der biologischen Geschlechter der Menschen. Ich persönlich habe für mich dazu eine bildliche Erklärung entwickelt, die sich buchstäblich an den Fingern abzählen lässt: Haltet einmal eine Hand nach oben, sodass die Lücke zwischen dem Daumen und den übrigen Fingern deutlich sichtbar ist, die anderen Finger aber näher beieinander stehen. Jetzt zählt ihr ab: „das Eine“, „das Andere“, „alles“ und „nichts“ an den vier Fingern, Oberkategorie: Klar definiert. Dazu wiederum bildet der Daumen das Gegenstück. Das Gegenteil der klaren Definition ist immer das, was ich gern „wurschtegal“ nenne. „Wurschtegal“ heißt bei sexuellen und romantischen Orientierungen (übrigens auch beim Gender) immer pan. Das heißt, dass man sich keine konkreten Gedanken darüber macht, es Einem egal ist. Als Unterscheidung zu Bisexualität wird oft darauf hingewiesen, dass pan sich z. B. auch nicht um das Gender des sexuell interessanten Gegenübers schert, man kommt also leichter z. B. mit einem transidenten Partner zurecht. Jetzt zu den Fingern: „Das Eine“ ist einfacherweise das eigene biologische Geschlecht. Das heißt bei der sexuellen und romantischen Orientierung homo (beim Gender übrigens cis). „Das Andere“ ist natürlich das entgegengesetzte Geschlecht, das heißt hetero (beim Gender trans). Dann gibt es noch „alles“, also beide Geschlechter zusammen, das heißt bi (auch beim Gender). Und das Gegenteil dazu ist dann natürlich „nichts“, und da haben wir a (beim Gender non). Übrigens kehren Menschen, die sich als Transgender definieren, die Bezeichnungen hetero und homo oft um, denn diese Begriffe beziehen sich streng genommen auf das eigene Gender. Daher kommen übrigens auch die Begriffe Girlfag und Guydyke, falls die jemand kennt, denn die beziehen sich auf etwas Ähnliches wie die Genderperspektive.

Und jetzt seht ihr auch, wie unlogisch es ist, zu behaupten, Asexualität könne es gar nicht geben. Wenn etwas vorhanden sein kann, muss es nämlich auch nicht vorhanden sein können, und das gilt auch für sexuelles Verlangen. Alles hat immer ein Gegenteil. Auch eine Mitte kann es nur auf einer Skala zwischen zwei Extremen geben. Allerdings muss auch die Mitte immer ein Gegenstück haben, denn die Mitte zwischen zwei Extremen kann man auf zwei verschiedene Arten bilden: Entweder durch die Summe der positiven Kriterien oder durch die Summe der negativen Kriterien. Machen wir mal: Das positive Kriterium von Hetero- und Homosexualität ist das Vorhandensein eines sexuellen Verlangens, nämlich für je eines der beiden Geschlechter. Summiert man das, erhält man Bisexualität. Das negative Kriterium ist die Abwesenheit eines sexuellen Verlangens, nämlich für das jeweils andere biologische Geschlecht. Die Summe daraus ist dann – genau – Asexualität.

Ich denke, hiermit ist Asexualität erstmal hinreichend eingeordnet und auch so weit wie möglich definiert. Sehen wir uns noch ein paar Details an.



2. AVEN-Typen



AVEN ist, wie gesagt, die wichtigste Informationsquelle. Darum will ich hier die sogenannten AVEN-Typen nicht außer Acht lassen, da man auf sie unweigerlich bei der Recherche stößt, obwohl sie inzwischen von AVEN selbst nicht mehr gebräuchlich sind. Sie stehen aber sogar noch im Wikipedia-Artikel und werden gern in (älteren) Zeitschriftenartikeln u. ä. zitiert. Wichtig ist aber, dass das nur grobe „Sortierhilfen“ sind, keine wissenschaftlichen Kategorien!

Typ A umfasst dabei Diejenigen, die zwar einen sexuellen Trieb verspüren und z. B. masturbieren, die aber nie auf den Einfall kämen, diesen sexuellen Trieb mit anderen Menschen in Verbindung zu bringen.

Typ B beschreibt Menschen, die absolut keinen Trieb verspüren, aber dennoch gegenüber zwischenkörperlicher Interaktion nichtsexueller Natur (wie Kuscheln oder Küssen) nicht abgeneigt sind.

Typ C beinhaltet Leute, die sowohl einen Trieb haben als auch mit anderen Menschen körperlich interagieren wollen, aber nicht sexuell (also Typ A und Typ B zusammen).

Typ D schließlich ist die vierte Kategorie Derjenigen, die weder einen Trieb haben noch Interesse an Körperlichkeiten mit anderen Menschen (also weder Typ A noch Typ B).

Seht ihr, wie sich hier wieder ein Viereck bildet? Wir haben wieder zwei Elemente: Reiner Sexualtrieb (also das körperliche Gefühl, aber eben nicht das auf andere Menschen gerichtete Interesse) einerseits und der Wunsch nach Körperkontakt zu anderen Menschen (auch nicht sexuell konnotiert) andererseits. Wir haben das Eine, das Andere, alles und nichts. Genau wie bei den sexuellen und romantischen Orientierungen sind das aber auch nur grobe Kategorien. Ein einzelner Asexueller wird sich vielleicht irgendwo zwischen zwei Typen befinden, vielleicht genau in der Mitte, vielleicht mit Tendenz in eine Richtung. Und wahrscheinlich gibt es noch ganz andere Arten von Empfinden, die hier in diesem Raster nicht aufgeführt sind.



II) Abgrenzung gegenüber Ähnlichem



Nachdem wir jetzt ungefähr wissen, was Asexualität ist, sehen wir uns als Nächstes an, was Asexualität nicht ist. Wie ihr sicher schon erkennen konntet, ist es nicht ganz unproblematisch, Asexualität überhaupt zu definieren. Das führt teilweise natürlich zu Überschneidungen mit anderen Begrifflichkeiten, auf die ich hier eingehen möchte, denn gerade hier lauern die meisten und tiefsten, aber auch vermeidbarsten Missverständnisse.



1. Libidolosigkeit



Am häufigsten wird Asexualität mit Libidolosigkeit verwechselt. Es ist auch auf den ersten Blick schwer auseinanderzuhalten. Es sieht so aus: Libidolosigkeit bedeutet, keinen Sexualtrieb zu haben, also gar kein körperliches Verlangen zu spüren, dem man bspw. mit Selbstbefriedigung begegnen müsste. Asexualität heißt, dass man kein Interesse an sexueller Interaktion mit Anderen hat, also einen evtl. vorhandenen sexuellen Trieb nicht mit Anderen zusammen ausleben möchte. Es gibt also durchaus Asexuelle, die masturbieren, und solche, die es nicht tun.

Das führt oft zu Unverständnis à la „Wenn jemand masturbiert, kann er doch auch Sex haben!“ Führt euch vor Augen, dass Selbstbefriedigung „Sex mit sich selbst“ und Interaktion eben Sex mit Anderen ist. Es gibt Leute, die sehen sich gern Filme an, aber lieber allein; und es gibt Leute, die machen gern Filmabende mit Freunden oder gehen ins Kino. Es gibt Leute, die hören gern allein Musik; und es gibt Leute, die gehen gern auf Popkonzerte. Es gibt Leute, die basteln gern allein; und es gibt Leute, die gehen gern in einen Bastel- oder Handarbeitszirkel. Und so gibt es auch Leute, die verspüren einen rein körperlichen Sexualtrieb, den sie aber lieber allein befriedigen; und es gibt Leute, die verspüren einen auf andere Menschen gerichteten Sexualtrieb, den sie gern mit anderen Menschen zusammen befriedigen.

Gut erkennbar ist der Unterschied übrigens, wenn man die AVEN-Threads liest, in denen nichtasexuelle Beziehungspartner erzählen, dass es ihnen nicht reicht, sich selbst zu befriedigen, sondern ihnen Sex mit ihrem asexuellen Partner fehlt. Offenbar ist Selbstbefriedigung kein adäquater Ersatz für Sex mit Anderen. Das liegt daran, dass Selbstbefriedigung auf emotionaler Ebene etwas völlig Anderes ist als Sex, also sexuelle Interaktion. Es gibt eben Leute, die wollen Beides (soweit ich weiß, ist das die Mehrheit); es gibt Leute, die wollen nur eins von Beidem (Asexuelle mit Libido wollen keinen Sex; manche Nichtasexuellen können mit Selbstbefriedigung schlicht nichts anfangen); und es gibt Leute, die wollen Beides nicht (Asexuelle ohne Libido).



2. Aromantik



Die zweitwichtigste unter den Asexualität ähnlichen Dingen ist die aromantische Orientierung. Sie ist genau das Gegenstück zu Asexualität: Während „asexuell“ nur die Abwesenheit sexuellen Verlangens gegenüber Anderen beschreibt, ohne dabei Aussagen über romantische Gefühle zu machen, bezieht sich „aromantisch“ auf die Abwesenheit romantischer Gefühle unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Es kann sein, dass Viele von euch jetzt sehr verwirrt sind: Für die meisten Menschen gehören sexuelle und romantische Orientierung zusammen und sind im Grunde das Gleiche. Dass dem nicht so ist, dürfte spätestens dann auffallen, wenn eins von beiden A ist. Denn man ist nicht notwendig sowohl asexuell (kein Sex, aber Beziehung) als auch aromantisch (Sex, aber keine Beziehung). (Seht ihr? Es ergibt sich wieder ein Viereck!)

Eine Menge Menschen halten das, was man letztendlich als Ausleben einer aromantischen Orientierung bezeichnen könnte, für moralisch verwerflich. Sie vertreten die Ansicht, dass Sex immer mit romantischen Gefühlen einhergehen müsste. Das ist nicht richtig, denn sexuelle und romantische Gefühle sind voneinander unabhängig. Sehr häufig fallen sie ungefähr miteinander zusammen, aber eben nur ungefähr und nicht immer. Außerdem ändert welche Meinung auch immer für gewöhnlich nichts an der Existenz eines Wollens und Wünschens: Selbst wenn jemand glaubt, Sex außerhalb einer Beziehung wäre zu verurteilen, ändert das nichts daran, dass manche Menschen eben nur Sex wollen, aber keine Beziehung führen möchten. Im Übrigen ist das auch gar nicht grundsätzlich verwerflich, solange alle Beteiligten miteinander einig und ehrlich zueinander sind – und einander auch glauben: Wenn jemand ankündigt, am nächsten Morgen verschwunden zu sein, darf man auch nicht enttäuscht sein, wenn es tatsächlich dazu kommt. Ein gemeinsames Frühstück zu versprechen und dann zu verschwinden, bevor der Andere aufwacht, ist unanständig – und zu versprechen, gleich nach dem Aufwachen zu gehen, aber dann plötzlich à la Hollywood doch noch eine Romanze zu wollen, ist ebenfalls unanständig.

Zurück zum Thema. Es gibt natürlich eine Menge Leute, die sowohl asexuell als auch aromantisch sind. Viele Asexuelle führen allerdings Beziehungen oder möchten gerne welche führen, und auch Kinderwünsche sind recht verbreitet, wobei die Methoden zur Umsetzung dieses Wunsches recht unterschiedlich ausfallen. Asexualität und Aromantik sind also miteinander „verwandt“, aber nicht das Gleiche, und können auch zusammen auftreten, müssen das aber nicht.



3. Demisexualität



Sehr eng mit Asexualität verbunden ist Demisexualität, oft auch als Grey-A (Grauzone der Asexualität) bezeichnet. Es ist im Grunde genommen ein Zwischending zwischen asexuell und nichtasexuell: Sexuelles Verlangen ist nicht grundsätzlich vorhanden, sondern stellt sich erst ein, wenn man die betreffende Person sehr liebt, meist erst nach längerem (Beziehungs-) Zeitraum.

Demisexuelle sind im normalen Alltag also so gut wie asexuell. Um das Ganze mal an einem Beispiel zu verdeutlichen, stellt euch vor, ihr seht Brad Pitt bzw. Angelina Jolie. Die meisten Leute könnten jetzt sagen: „Find ich sexy!“/„Find ich unsexy!“ Asexuelle sagen immer: „Find ich unsexy!“ bzw. „Will ich nicht mit schlafen!“ Demisexuelle dagegen sagen gar nichts, sondern lernen Brad bzw. Angelina erstmal kennen und stellen dann vielleicht fest: „Könnte ich mit schlafen wollen!“ Oder eben nicht, je nachdem.

Wichtig ist, dass es sich bei Demisexualität nicht um die bewusste Entscheidung, mit Fremden bzw. Nichtbeziehungspartnern nicht zu schlafen, handelt. Man wartet also nicht aus moralischen Gründen, bis man mit dem Anderen eine Beziehung führt. Sondern das sexuelle Verlangen stellt sich gar nicht erst ein, wenn man eine Person überhaupt nicht kennt. Es gewissermaßen ein Fall von „wenn der Richtige kommt“. Wie ausgeprägt das sexuelle Verlangen dann ist, ist natürlich individuell und auch abhängig von der Libido. Wichtig ist aber, dass Demisexualität nicht bedeutet, dass man, wenn man den „Richtigen“ kennengelernt hat, plötzlich im Allgemeinen Sex will, sondern man will den Sex dann auch nur mit Demjenigen.

Wie man erkennt, ob man asexuell oder demisexuell ist? Nun ja, da gilt das berühmte „man weiß es einfach“. Ich würde sagen: Ein „Normalsexueller“ könnte, wenn man ihn fragt, beschreiben, wie jemand sein/aussehen muss, damit er ihn sexy findet. Für einen Asexuellen gibt es so jemanden gar nicht, der antwortet: „Man kann nichts machen, um von mir sexy gefunden zu werden.“ Ein Demisexueller würde eher sagen: „Ich muss ihn sehr lieben (und dazu wahrscheinlich auch länger kennen und im Idealfall eine (lange) Beziehung mit ihm führen).“



4. Zölibat



Ganz, ganz viele verwechseln Asexualität mit freiwilliger sexueller Enthaltsamkeit. Tatsächlich ist sie das gerade nicht. Enthaltsamkeit ist, wie der Name schon sagt, selbstgewählt, und zwar gerade dann, wenn man eigentlich sehr wohl an Sex interessiert wäre, sonst müsste und könnte man sich ja gar nicht erst explizit dafür entscheiden. Man verzichtet also auf etwas, das man eigentlich möchte. Asexualität dagegen ist eine sexuelle Orientierung, gegen die man nichts ausrichten könnte, selbst wenn man wollte. Man muss sich nicht dazu zwingen, auf Sex zu verzichten, man will ihn einfach nicht. Hetero- und Homosexuelle müssen sich auch nicht dazu zwingen, auf eine bisexuelle Lebensweise zu verzichten oder jeweils auf die homo- bzw. heterosexuelle. Genauso geht es Asexuellen grundsätzlich mit Sex.



5. Antisexualität



Antisexualität ist der Begriff, den man für die grundsätzliche Ablehnung von Sex gebildet hat. Es geht hierbei darum, Sex an sich für schlecht oder sogar für verwerflich und falsch zu halten, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern allgemein und grundsätzlich, also auch bei Anderen. AVEN spricht sich ausdrücklich gegen Antisexualität aus. Trotzdem gibt es natürlich Asexuelle, die für sich privat antisexuell eingestellt sind.

Zu unterscheiden ist hierbei allerdings von der Abneigung, die gewöhnlich aus dem Desinteresse heraus einfach entsteht: Sex, den man nicht will, steht man naturgemäß nicht eben positiv gegenüber, und nicht wenige Asexuelle hegen oder entwickeln eine Abneigung gegenüber dem Sex, den SIE haben sollen. Grundsätzlich haben die meisten Asexuellen aber nichts dagegen, dass Nichtasexuelle Sex haben und mögen – solange es sie selbst nicht involviert. Zu vergleichen ist das sehr gut mit Homophobie: Heterosexuelle sind nicht automatisch homophob, nur weil sie heterosexuell sind. Aber wenn sie auch nicht homophob sind, stehen sie der Vorstellung von homosexuellem Sex für sich selbst ablehnend gegenüber. Ihr kennt das von den Slash-Geschichten hier: So beliebt sie auch sind, gibt es eben auch Leute, die damit einfach nichts anfangen können und sie nicht lesen wollen. Das hat nichts, wie gern unterstellt, mit Homophobie zu tun, sondern schlicht mit Desinteresse. Mir persönlich geht es tatsächlich mit den meisten Sexszenen so, in Filmen noch mehr als in geschriebenen Texten (wobei ich manche aber auch wirklich mag). Meist langweilen sie mich einfach, zumal Sex aus meiner Perspektive meist deplatziert und unnötig und v. a. „irgendwie immer gleich“ ist (und ich weiß, dass ihr mir da sofort vehement widersprechen würdet, wenn ihr nicht asexuell seid, weil da für euch einfach Unterschiede sind, die ich nicht wahrnehme; für mich ist das nur eintönig, für euch aufregend). Was langweilt, nervt sehr schnell, und was nervt, das mag man irgendwie nicht. Es passiert leicht, dass man das dann auf die Sache an sich projiziert und sie einfach allgemein doof findet und nicht mag.

Antisexualität heißt aber tatsächlich, dass man Sex für etwas Schlechtes hält. Das kann moralische Gründe haben oder ideologische oder ganz andere. Es muss dann auch nicht mit Asexualität einhergehen, sondern kann z. B. zum selbstauferlegten Zölibat führen. Jedenfalls handelt es sich um eine aktive Abneigung, während Asexualität im Ausgangspunkt wirklich nur Desinteresse ist.



6. Absolute Beginners



Ein Begriff, den man schon über längere Zeit in den Medien findet. Absolute Beginners sind Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine Beziehung geführt und/oder Sex gehabt haben (meist Beides). Zumeist bezieht sich die Bezeichnung auf Menschen, in deren Alter das eher ungewöhnlich ist, etwa ab 30 aufwärts.

Asexualität kann dazu führen, dass jemand zum Absolute Beginner wird bzw. einer bleibt. Allerdings verwendet man den Begriff eher, wenn jemand unfreiwillig auf Beziehungs- und/oder Sexerfahrungen verzichtet, was bei Asexualität nicht immer der Fall sein muss (evtl. wenn ein Asexueller eine Beziehung möchte, aber keine Gelegenheit dazu bekommt). Umgekehrt sind die meisten Absolute Beginners weder aromantisch noch asexuell, sondern hatten aus verschiedenen Gründen nur nie die Gelegenheit zu derartigen Erfahrungen.



7. Körperliche „Unfähigkeit“



Hiermit meine ich so Dinge wie erektile Dysfunktion, Vaginismus u. ä. Prinzipiell sind diese Dinge unabhängig von Asexualität. Sie können natürlich zu einer enthaltsamen Lebensweise führen, das allerdings meist eher zwangsweise. Man will also eigentlich, kann aber nicht, während Asexuelle können, aber nicht wollen.

Tatsächlich kann aber Asexualität zu „praktischen Schwierigkeiten“ führen: Die sexuelle Unlust ist freilich nicht grade förderlich für das technische „Funktionieren“ des Körpers beim Akt selbst.



8. Traumatische Erfahrungen



Eigentlich sollte das selbsterklärend sein, aber: Traumatische sexuelle Erfahrungen lösen Asexualität nicht aus, Asexualität hat keine Ursache oder einen Auslöser, jedenfalls nicht mehr als andere sexuelle Orientierungen. Allerdings können natürlich auch Asexuellen unangenehme Erfahrungen widerfahren, teilweise sogar gerade aufgrund ihrer Asexualität („Corrective Rape“). Zu diesem Thema gibt es später im Hauptteil aber noch einen eigenen Unterpunkt.
Review schreiben