Asexualität

GeschichteAllgemein / P12
09.12.2015
09.12.2015
8
29045
23
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
A) Einleitung

Mein jüngerer Bruder und ich unterhalten uns darüber, dass Knopfleisten nicht immer auf der gleichen Seite angebracht sind: An Damenmode sind die Knöpfe links und die Knopflöcher rechts; an Herrenmode ist es gerade umgekehrt. Wir rätseln nun über mögliche Gründe.
ER: (scherzhaft) Vermutlich liegt es daran, dass es dann leichter fällt, jemand anderen auszuziehen.
ICH: (verstehe den Witz nicht) Aber wann tut man das denn schon? Doch nur bei kleinen Kindern! Da würde es auch reichen, wenn man einen Unterschied zwischen Kindermode und Erwachsenenkleidung macht!
ER: (verblüfft und irritiert, aber auch schon amüsiert) Naja, manchmal wollen ja auch Erwachsene andere Erwachsene ausziehen.
ICH: (kapiere es immer noch nicht) Jaaa, wenn jemand einen gebrochenen Arm hat – oder wenn ein bettlägeriger Mensch gepflegt werden muss – aber dann kann es auch dafür besondere Mode geben, wie Umstandsmode für Schwangere zum Beispiel. Im normalen Alltag macht man das ja nun wirklich nicht!
ER: (Stille)
Um es kurz zu machen: Er hat mir am Ende erklärt, was er eigentlich meinte. Überflüssig zu erwähnen, dass seine Pointe dahin war.

Eine Kommilitonin und ich sind in der Stadt unterwegs. Dabei kommen wir an einem Dessousladen vorbei, dessen Schaufensterinhalt für mich immer lächerlich war, weil die Ware in meinen Augen nicht nach Unterwäsche, sondern eher nach seltsamen Kostümen aussieht, obwohl es schon echte Unterwäsche ist. Außerdem dachte ich bis zu diesem Augenblick, dass niemand Dessous wirklich so benutzt, wie es Zeitschriften empfehlen und es in Filmen vorgemacht wird, sondern dass Jeder einfach normale Unterwäsche trägt und eigentlich zu dem Thema die gleiche Einstellung hat wie ich, nämlich, solches Zeug wie in diesem Schaufenster albern findet.
Ich mache deshalb einen entsprechenden Kommentar im Sinne von „Die sehen so blödsinnig aus!“
Meine Kommilitonin ganz entsetzt: „Aber wieso denn, das ist doch wichtig!“
Zum Glück konnte ich mich noch herauswinden, indem ich einfach auf das Design verwies.

Ein Kommilitone und ich unterhalten uns über den damaligen Schulsport. Ich war eine Niete und Sport daher mein Hassfach. Er ist ein guter Sportler und mochte das Fach. Dann sagt er sinngemäß:
„Ich hab auch immer den Anderen, Schlechteren geholfen – wobei ich da schon Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht und die Mädchen bevorzugt habe.“
Der erste Teil des Satzes gefällt mir. Für den zweiten will ich ihn ein bisschen aufziehen und sage zu ihm (er ist eher attraktiv und ich finde ihn auch niedlich) sinngemäß:
„Du bist auch so ein Typ, der dafür was zurückkriegt, wenn er einen Wauwaublick aufsetzt.“ Damit spiele ich darauf an, dass er mir vorher von seinen Schwierigkeiten u. a. mit Mathe erzählt hatte und meine einen Handel im Sinne von Helf ich dir in Sport, hilfst du mir in Mathe, sage das aber nicht, weil ich nicht auf die Idee komme, dass er etwas Anderes verstehen könnte.
Er reagiert etwas gekränkt.
Ein halbes Jahr später unterhalte ich mich mit jemand Anderem über die Situation, weil ich immernoch nicht kapiert hatte, was ich falsch gemacht habe, und bekomme erklärt, dass er wohl eher Helf ich dir in Sport, gehst du mit mir ins Bett verstanden haben muss. Nun, da wäre ich auch etwas beleidigt gewesen…

Ich habe flüchtig die Freundin des Kommilitonen aus dem vorigen Situationsbeispiel kennengelernt und erzähle meinem jüngeren Bruder davon. Ich mag sie und begründe das u. a. mit:
„Sie hat wenigstens einen anständigen, ernst zu nehmenden festen Händedruck.“
Mein Bruder darauf: „Vielleicht hat er sie genau deswegen…“
Ich kapiere es nicht und er wiegelt nur ab mit: „Ach, das verstehste nich‘, is‘ egal, vergisses!“
Ich hab es mir anschließend von jemand Anderem erklären lassen.

Tja, bin ich nun doof oder nicht aufgeklärt oder hab keinen Humor? Nö, ich bin einfach das totale asexuelle Klischee und die Beispiele illustrieren eine typische Asexuellen-Nichtasexuellen-Gesprächssituation: Der Nichtasexuelle impliziert mitten im normalen Gespräch (also einem nicht über Sex) irgendwas Sexuelles – und der Asexuelle kapiert es einfach nicht, weil er schlichtweg nicht an Sex als mögliche Interpretationsgrundlage denkt, oder zumindest die inhaltliche Verbindung nicht zu schlagen schafft (Was hat Kaffeetrinken mit Sex haben zu tun?). Oder der Asexuelle sagt versehentlich etwas, was der Nichtasexuelle für eine eindeutige sexuelle Anspielung hält, obwohl der Asexuelle diesen Gedanken nichtmal in Erwägung zieht. Das liegt nicht an mangelnder Aufklärung, sondern daran, dass das Thema Sex uns ohne Grund nicht in den Sinn kommt. Denn Asexualität bedeutet Desinteresse, und an Dinge, für die man sich nicht interessiert, denkt man von sich aus eher nicht.
Erschreckend Viele schütteln angesichts einer solchen Situation verständnislos mit dem Kopf. (Zugegeben, dieses Mal wäre es leicht gewesen, aber das ist es selten.) Sie können sich Desinteresse an Sex nicht vorstellen und weigern sich deshalb, Asexualität zu akzeptieren. Für uns kann die Reaktion dann alles zwischen nervenzerreibend und verletzend sein. Aber was soll ich sagen, zumindest in meinem Schulunterricht wurde beim Thema Fortpflanzung kaum mehr als Heterosexualität besprochen, und in der BRAVO geht es ja auch nur um wer mit wem. Dieser Wissensmangel erschwert sowohl die eigene Identitätsfindung Asexueller selbst als auch ihr Zusammenleben mit Nichtasexuellen, insbesondere Beziehungspartnern, und erst recht das Verständnis und damit die Akzeptanz erheblich. Also muss Aufklärung erfolgen, allerdings auf anderem Wege.
Heutzutage bietet sich das Internet dafür natürlich an: Alles, was man sucht, findet man auch. Aber darin liegt eben auch der Nachteil: Um etwas zu finden, muss man es suchen, und das tut man nur, wenn man davon wenigstens schon gehört hat. Und da Viele von Asexualität nichts wissen (auch Asexuelle selbst), suchen sie nicht nach dem Thema.
Hier auf fanfiktion.de suchen viele User dagegen oft nicht nach ganz konkreten Themen, hier klickt man sich durch Kategorien und Profile und bleibt hängen, wo das eigene Interesse geweckt wird. Also, vielleicht kann ich hier euer Interesse wecken und so ein wenig zur Aufklärung beitragen. Und ihr werdet von nun an das Thema Asexualität im Hinterkopf haben und könnt daraufhin vielleicht eurerseits zur Aufklärung beitragen – umso besser, wenn ihr selbst nicht asexuell seid, sondern zu Allies werdet!
Ich will hier klären, was Asexualität ist, und zwar in drei Teilen: Zuerst geht es ganz klassisch mit Definitionen zur Sache. Im Kernteil des Essays widmen wir uns dann den typischen Reaktionen von Nichtasexuellen. Und am Ende gibt es noch ein paar veranschaulichende Gleichnisse. Die drei Teile werden einander inhaltlich ähneln, allerdings gibt es überall eine Menge Informationen, die sich in den jeweils anderen Teilen nicht finden.
Also, auf geht’s! Viel Spaß!
Review schreiben