Der dunkle Süden

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
OC (Own Character)
07.12.2015
07.12.2015
3
11.750
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
07.12.2015 4.466
 
Diese Geschichte kann als Fortsetzung von „Die unsichtbare Revolte“, aber auch als eigene Geschichte gesehen werden.

Wem dieses Fandom gefällt, der findet im Forum genauere Informationen.

Die große Armee näherte sich der Stadt. Die feindliche Armee, welche die Stadt erobern wollte, stand der Armee gegenüber, welche die Stadt verteidigen wollte. Vor über fünfhundert Jahren, lange vor der großen Katastrophe, hieß sie Salzburg. Nun nannten ihre Bewohner die Stadt Saazbuug. Sie war eine der größten Städte in Oystraich. Was vermutlich auch der Grund dafür war, dass sie sooft angegriffen wurde.
Enno marschierte mit den anderen Soldaten los, der feindlichen Armee entgegen. Im Grunde war er kein Soldat, das waren die meisten in der Armee nicht. Es waren bloß Männer, die in Saazbuug lebten, und die gezwungen wurden, die Stadt zu verteidigen. Die feindliche Armee war dagegen weniger eine echte Armee, als vielmehr eine Ansammlung von Barbaren und Wulfanen. Wahrscheinlich hatten sie sich zusammengetan, um die Stadt mit einer größeren Schlagkraft einzunehmen, und unter sich aufzuteilen.
Enno war verzweifelt. Als die letzte Armee Saazbuug angegriffen hatte, war er noch zu jung gewesen, doch nun war er an der Schwelle zum Mann. Und man erwartete von ihm, dass er die Stadt verteidigte. Das er sein Leben dafür riskierte. Dass er so tat, als würde es auch nur den geringsten Unterschied machen, ob der Herrscher von Saazbuug aus Oystraich, Doyzland, Suizza oder Tuurk käme.
Schon immer trieben sich kleinere Horden von Wulfanen oder Taratzen an den Toren der Stadt herum. Schaudernd sah Enno auf die lange Pfähle, die vor der Stadtmauer standen. Dort band man für gewöhnlich Verbrecher fest; Sklaven die nicht gehorchen wollten, oder ihren Besitzer getötet hatten; oder auch nur Leute, die den König kritisiert hatten. Und wenn ein großes, mutiertes Tier sich der Stadt näherte, oder eben ein ganzes Rudel von Taratzen oder Wulfanen, so hatten sie ihr Futter bereits an den Pfählen, und mussten nicht erst in die Stadt gelangen.
In der vordersten Linie ritten die echten Soldaten auf großen Andronen. Eine Androne war ein furchtbarer Gegner. Die meisten Barbaren, die sie angriffen, würden von ihren Mandibeln zerfetzt werden, noch bevor sie auch nur die Waffe heben konnten. Und obendrein war der harte Panzer der Andronen, von gewöhnlichen Waffen auch sehr schwer zu durchdringen.
Gleich hinter den Andronenreitern gingen in mehreren Reihen, die Männer, die gegen ihren Willen rekrutiert worden waren. Enno sah sich um. Unter den Bewaffneten sah er nur wenige Frauen. Einige hatten sich freiwillig gemeldet, und die meisten von ihnen würden aus der Ferne mit Pfeil und Bogen kämpfen, wo sie ein wenig abseits der direkten Kämpfe sein würden. Vor diesen Frauen hatte Enno durchaus große Achtung. Insbesondere für die wenigen von ihnen, die sich für ein Schwert, eine Axt oder einen Streitkolben entschieden hatten, und Seite an Seite mit den Männern kämpfen wollten. Doch auch das war etwas, was er nicht gerecht fand. Von den Männern wurde verlangt, dass sie an den brutalen Schlachten teilnahmen, den Frauen war es dagegen freiwillig überlassen.
Enno kämpfte mit seinen Tränen. Er wollte nicht unter dem Schwerthieb eines Barbaren oder den Krallen eines Wulfanen sein Leben lassen, nur damit König Arvid länger an der Macht war. Er packte seinen Speer fester. Wenn er doch bloß in den Wald laufen könnte. Auch da lebten gefährliche Tiere, doch die Wahrscheinlichkeit, dass er dort in Gefahr war, war dennoch geringer als jetzt, mitten im Heer. Doch der Fluchtweg war ihm versperrt.
Die Männer gingen in langen Reihen, eine nach der anderen. Und an jedem Ende der Reihe ritt ein Offizier auf einem Horsay. Schon das Horsay war gefährlich, doch die Offiziere waren alle bewaffnet. Ihre vordergründige Aufgabe war es, fliehende Männer an der Flucht in den Wald zu hindern. Es war beinahe unmöglich, einem berittenen Krieger zu entkommen. Doch dann kam Enno eine andere Idee.
Die feindliche Armee war schon sehr nahe. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Kämpfe begannen. Enno packte seinen Speer fester, zielte und warf. Der Offizier am Ende seiner Reihe wurde getroffen, brüllte vor Schmerz auf, und fiel von seinem Horsay.
Enno zögerte nicht. So schnell er nur kannte, rannte er los. Einige der anderen Männer sahen ungläubig auf die Szenerie.
„Lauft!“ schrie er ihnen entgegen, „Beeilt euch, und flieht!“
Das ließen sich mehrere Männer nicht zweimal sagen. Sie warfen ihre Waffen zu Boden und flohen zusammen mit Enno in den Wald. Inzwischen hatten auch einige der anderen Offiziere gesehen, was passiert war, und reagierten umgehend. Mehrere Pfeile flogen an Enno und den anderen Fliehenden vorbei, doch glücklicherweise hatten die Offiziere keine Zeit gehabt, gründlich zu zielen, sodass keiner von ihnen getroffen wurde.
Die Sträucher und Bäume schnitten sie von der Schlacht ab, und die Männer rannten weiter. In der Hoffnung, einen Ort zu finden, wo sie in Sicherheit sein würden.

Am nächsten Tag

Enno wurde gepackt, und zu einem großen Felsen geschleift. Nachdem das Heer von Saazbuug die Barbaren und Wulfanen besiegen konnte, haben sie umgehend alle Männer gesucht, welche schon vor dem Angriff geflohen waren. Enno hoffte, das wenigstens die anderen entkommen waren.
Isger baute sich vor ihm auf und schlug ihm mehrmals kräftig ins Gesicht. Dann packte er ihn und legte ihn auf den Stein, wo die anderen Soldaten ihn fesselten. Isger holte sein Schwert heraus und ging in Kampfposition.
„Im Namen von König Arvid, wirst du nun hingerichtet. Die Strafe, die jeden Deserteur erteilt.“ verkündete er.
„Ich bin kein Deserteur. Ich bin ein Pazifist. Ich wollte nie in diesen Krieg mit hineingezogen werden.“ fuhr Enno auf.
„Ein Pazifist also? Nun, das dürfte der Offizier den du verletzt hast, aber anders sehen.“ sagte Isger, „Die Strafe ist sogar noch zu gut für jemanden, der zu feige ist, seine Heimat zu verteidigen.“
„Du kannst es gerne Feigheit nennen, aber ich wollte einfach nicht in einen Krieg gezogen werden, der mich überhaupt nichts angeht. Bitte, wenn du mich laufenlässt, werde ich niemals mehr nach Saazbuug zurückkehren.“
„Als ob ich einen Feigling laufenließe.“ entgegnete Isger nur, während die anderen Soldaten böse lachten, „Durch deine Schuld sind schon die anderen Männer, die ebenso geflohen waren, der Rechtsprechung des Königs entkommen.“
Isger holte aus... und ein Schwall Blitze traf ihn und ließ ihn bewusstlos zu Boden fallen. Das Schwert entglitt seinen Händen und landete neben ihm auf dem Boden. Aus der Böschung war eine junge, rothaarige Frau getreten. Mit ihren klaren, blauen Augen sah sie die Soldaten an und sagte: „Ich bin Felia. Felia die Zauberin. Und ich fordere diesen Mann für mich ein. Geht und lasst ihn in Frieden! Sonst trifft mein nächster Zauber euch!“
„Eine Zauberin also?“ fragte einer der Soldaten, „Ich denke, wenn du mächtig genug wärst, hättest du uns sofort alle auf einmal besiegt. Du magst zwar eine Zauberin sein, aber du bist auch eine Frau. Und jeder von uns hatte schon lange keine Frau mehr.“
Felia wurde nervös. Es lief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber zumindest hatten sie kein Interesse mehr daran, den gefesselten Mann auf dem Felsen umzubringen. Sie drehte sich um, und rannte so schnell sie konnte, in den Wald. Die Soldaten verfolgten sie sofort.
Enno war beruhigt. Diese Zauberin hatte die Soldaten also von ihm abgelenkt. Trotzdem war er noch immer gefesselt. Seine Gedanken verdüsterten sich. Hatte er wirklich noch das Recht, sich als Pazifist zu bezeichnen, wenn er einen anderen Menschen angegriffen hatte? Schließlich lebte er in einer brutalen Welt, und es hatte keine andere Möglichkeit gegeben, der Schlacht zu entkommen. Dann verdüsterten sich seine Gedanken weiter, als er daran dachte, was nun der jungen Frau zustoßen würde, falls ihre Magie sich nicht doch noch als mächtiger herausstellen sollte, als der Soldat geglaubt hatte.
Und einen Moment später schrie er auf, denn er war keineswegs außer Gefahr. Aus der Böschung war ein Dämon gekommen, der seine scharfen Zähne zeigte und genau auf ihn zuhielt.

Felia sah sich um. Die Soldaten waren mit hoher Wahrscheinlichkeit stärker und schneller als sie, ganz davon abgesehen, dass sie mehrere waren. Vermutlich kamen sie in der freien Natur auch besser zurecht als sie, die sie bisher nur in einem Bunker und in den Ruinen einer halbwegs friedlichen Stadt gelebt hatte.
Die junge Frau überlegte. Sie konnte einen großen Bogen zurück zu ihrem neuen Freund Cora´tar laufen, und dann einfach darauf hoffen, dass er mit seinem hydritischen Schockstab tatsächlich in der Lage sein würde, die Soldaten aufzuhalten. Die andere Möglichkeit war, einfach weiter zu bluffen. Cora´tar hatte sich im Gebüsch versteckt, und seinen Schockstab abgefeuert, während sie vorgetreten war, und diesen Angriff als Magie ausgegeben hatte. Vielleicht war die Angst vor Zauberei bei den Soldaten doch größer, als ihr Wille, ihr etwas anzutun.
Doch dann entdeckte Felia eine dritte Möglichkeit. Vor ihr lag eine kleine Lichtung. Auf dieser stand ein Baum, und vor diesem Baum lag rohes Fleisch. Es war kein Kadaver, es schien mehr so, als wäre es dort absichtlich hingelegt worden. Die ehemalige Bunkerbewohnerin betastete vorsichtig den Boden. Ja, es war genauso, wie sie es gedacht hatte.
Vorsichtig ging sie in das Gebüsch und umrundete die Lichtung. Die Soldaten waren schon recht nahe, sie konnte bereits hören, wie sie verärgert fluchten, dass sie ihnen entkommen war. Doch andere widersprachen. Ihre Befürchtung bestätigte sich, sie kannten sich in der Natur gut genug aus, um Spuren lesen zu können.
Felia hatte die Lichtung inzwischen umrundet und stand nun genau vor dem Baum. Mit einem angewiderten Gesichtsausdruck trat sie das Fleisch in die Büsche. Andere Menschen hätten es womöglich lecker gefunden. Ruhig stand sie vor dem Baum, als die Soldaten, es waren nur eine Handvoll, die Lichtung schließlich erreichten.
Die rothaarige Frau tat so, als wäre sie erschrocken und drückte sich scheinbar ängstlich gegen den dicken Baum. Die Soldaten rannten schnell auf sie zu, befürchtend, dass sie wieder fliehen würde... und der Boden brach ein und ließ sie in eine tiefe und große Fallgrube stürzen.
Felia trat an den Rand und blickte die Soldaten triumphierend an, während sie sie auf´s Übelste beschimpften. Einige versuchten, die Wände wieder hochzuklettern, doch sie rutschten ab.
„In meiner Heimatstadt hatte ich einen Freund namens Laarn.“ erklärte sie, „Eine Taratze. Und er hat mir einige Dinge über die Fallen erzählt, die Taratzen gerne bauen. Solche wie die, in der ihr jetzt seid.“
„Du kannst uns doch nicht einfach hierlassen.“ klagte einer der Soldaten, „Du musst uns helfen.“
„Damit ihr dann über mich herfallen könnt? Sehe ich wirklich so dumm aus?“ gab Felia zurück.
„Wenn du uns nicht hilfst, bist du Schuld daran, dass die Taratzen uns erwischen.“ schrie ein anderer Soldat verzweifelt.
„Keineswegs, ich habe euch nicht das geringste angetan. Es war eure Entscheidung, mir etwas antun zu wollen, und e war eure Schuld, in diese Falle zu laufen.“ widersprach sie, „Übrigens, je lauter ihr schreit, umso eher kriegen sie euch.“
Felia wandte sich ab und ging zurück. Sie haderte noch einen Moment mit ihrer Entscheidung, sie wollte nicht, dass die Soldaten von den Taratzen gefressen wurden. Aber sie sah auch keine andere Möglichkeit. Sie lebten eben in einer harten Welt, und wer nicht auch eine gewisse Härte an den Tag legen konnte, hatte meist wirklich schlechte Karten.

Als Felia wieder den Felsen erreicht hatte, saß der Mann direkt neben Cora´tar. Er schien sich in seiner Gegenwart nicht so recht wohlzufühlen, hatte aber offenbar auch nicht die Absicht, ihn anzugreifen oder vor ihm zu fliehen.
Ein Mendrit war aber auch ein eher ungewöhnlicher und vielleicht auch leicht erschreckender Anblick. Bei einem flüchtigen Blick, konnte man ihn für einen Menschen halten. Und auch wenn der Blick nicht ganz so flüchtig war, ging er noch als Mensch durch. Sah man jedoch genauer hin, erkannte man die wahre Natur eines Mendriten. Er sah zwar sehr menschenähnlich aus, doch hatte er keine Haare am Körper und spitz zulaufende Ohren. Zudem war seine Haut leicht gräulich, wie die eines Delfins, ledrig und glänzte feucht. Noch schlimmer waren aber die scharfen Reißzähne in seinem Mund. Hydriten waren einst eben eine räuberische Spezies gewesen, und die Zähne waren eines der letzten Überbleibsel davon, was auch Cora´tar hatte, war doch seine Mutter eine Hydritin. Zwischen seinen Fingern, die in scharfen Krallen endeten, und seinen Füßen, hatte er auch Schwimmhäute. Auch sie waren ein Zeichen seiner aquatischen Abstammung.
„Das ist Enno.“ sagte Cora´tar, als Felia sie erreicht hatte, „Er hat mir alles erzählt. Er war als Soldat vorgesehen, hatte sich dann jedoch gegen den Kampf entschieden, und wollte fliehen. Zu seinem Pech hat der König alle geflohenen Männer verfolgen lassen. Ob die anderen entkommen sind, weiß er aber nicht.“
Der Mendrit klang so, als würde er am liebsten durch die Wälder streifen, und jedem anderen Menschen helfen wollen, der getötet werden sollte, bloß weil er seinerseits nicht töten wollte.
„Die anderen sind bestimmt entkommen.“ sagte Felia, „Außerdem brauchen wir Proviant. Wir müssen in die nächste Stadt gelangen.“
„Ihr habt mich gerettet. Ich teile mein Essen gerne mit euch.“ erwiderte Enno und zog aus einer Tasche ein Stück Fleisch hervor.
Felia und Cora´tar wichen ein Stück zurück. Während Felia aus eigener Überzeugung kein Fleisch aß, hatte das bei Cora´tar nicht bloß kulturelle und moralische Gründe, sondern auch biologische. Durch Fleischverzehr würde seine Tantrondrüse anschwellen, und das durfte keinesfalls passieren.
„Nein, das dürfen wir nicht essen. Das haben unsere Götter uns verboten.“ meinte Felia nur, und Enno packte das Fleisch wieder ein.
„Nun denn, die nächste Stadt die ihr von hier aus erreichen könnt, ist Saazbuug.“ erklärte Enno, „Aber seht euch vor, wenn ihr dorthin reist. Denn in dieser Stadt herrschen grausame Regeln, und dort gibt es viele Dämonen. Bösartige Dämonen. Sie trinken das Blut von Menschen oder fressen ihr Fleisch.“
Er sah kurz zu Cora´tar, und fügte dann schnell hinzu: „Aber natürlich gibt es auch einige gute Dämonen, das weiß doch jeder. Vielen Dank euch beiden. Ich werde nun nach Italya reisen.“
Enno stand auf und ging tiefer in die Wälder.
„Dämonen?“ fragte Cora´tar.
„Nach seiner Beschreibung hat er wohl Nosfera und Wulfanen gemeint. Und einen wie dich hat bisher noch nicht gesehen.“ erklärte Felia, „Wie du siehst, ist offenbar nicht jeder der den Krieg verachtet, auch aufgeschlossen gegenüber... vermeintlichen Dämonen.“
Offenbar hatte sie ein wenig zu laut gesprochen, denn der junge Mann drehte sich wieder zu ihr um und sagte: „Wie kann man Dämonen auch Zuneigung entgegenbringen? Aber eines möchte ich wissen. Warum habt ihr mir geholfen? Die meisten hätten es nicht getan. Es ist hier eine kulturelle Sitte, Männer die vor dem Krieg flüchten, einfach hinzurichten.“
„Nun, vielleicht nehmen wir beide es mit kulturellen Sitten nicht so genau.“ entgegnete Felia nur.
Enno drehte sich um und ging weiter. Doch was er sagte, ließ sie sich noch einmal durch den Kopf gehen. War es vielleicht das, was sie und Cora´tar so auszeichnete? Dass sie nicht kulturellen Werten folgten, sondern ihrem eigenen Gewissen?Ihrer eigenen Vorstellung von Moral, von Recht und Unrecht?Sie beide stammen aus Kulturen, deren Mitglieder eine höhere Vorstellung von sich hatten, als es tatsächlich der Fall war. Der Bunker aus dem Felia stammte, war der Meinung, ihre höhere, kulturelle Entwicklung gäbe ihnen das Recht, über die deutlich primitiveren Menschen an der Oberfläche zu herrschen. Und Cora´tar?
Der Mendrit hatte sein ganzes Leben bei den Hydriten verbracht. Einer Spezies, die eine hohe Kulturstufe erreicht hatte, und deutlich friedfertiger als die Menschheit war. Das war nicht einmal eine moralische Wertung, sondern eine biologische. Hydriten waren meist friedlicher als Menschen, Menschen waren meist friedlicher als Wulfanen, auch verschiedene Tiere waren unterschiedlich aggressiv. Doch trotz allem konnten sich die Hydriten nur schwer von dem Vorurteil lösen, dass Menschen primitive, aggressive und dumme Fleischfresser waren. Was Cora´tar, der ein halber Mensch war, sein ganzes Leben zu spüren bekommen hatte. Die Ablehnung und Ausgrenzung, nur weil seine Mutter sich in einen Matrosen aus Euree verliebt hatte.
Kam es nicht letztlich sogar darauf an, dass man eher seinem eigenen Herzen folgen sollte, seinem eigenen Gefühl für Recht und Unrecht, und nicht kritiklos darauf beharren sollte, dass das was die Leute denen man sich zugehörig fühlte, schon seit langer Zeit machten, so schon richtig sein würde, egal ob letztlich Unschuldige leiden mussten, oder gar getötet wurden?
Keiner von beiden würde jemals so anmaßend sein, irgendjemanden vorzuschreiben, wie er sich zu kleiden, welchen Sitten er folgen, oder an welche Götter er glauben sollte. Aber konnte es wirklich falsch sein, kulturelle Vorgaben abzulehnen, wenn sie so schlimme Auswüchse annahmen? Sie hatten den Mord an einem jungen Mann verhindert, der nur deshalb getötet werden sollte, weil er den Krieg hasste. Letztlich war es eben eine Frage der eigenen Moral.
Eine Frage der eigenen Moral.
„Wir müssen noch einen Moment warten, bevor wir aufbrechen können.“ wandte sich Felia an Cora´tar.

Isger wachte auf. Und blickte sogleich in ein Gesicht, dessen Besitzer ihm seine scharfen Reißzähne zeigte. Erschrocken schrie er auf, und prallte gegen eine rothaarige, junge Frau, die ihn böse ansah.
„Sieh an, endlich kommst du zu dir.“ bemerkte sie, „Wie schwach du doch bist. Ein Freund von mir, Laarn, hätte kaum eine Stunde gebraucht, um sich von diesem Angriff zu erholen.“
Felia verschwieg wohlweislich, dass Laarn eine Taratze, und damit stärker als jeder Mensch war. Vielleicht glaubte dieser Soldat ja, dass sie von Cora´tar sprach, und hielt ihn so von weiteren Dummheiten ab.
„Was willst du?“ fragte er stattdessen.
„Deine Männer sind nicht weit von hier, in einer Fallgrube der Taratzen gefangen.“ erklärte sie, „Taratzen jagen lieber nachts, wenn sie die Wahl haben, und die Sonne steht hoch am Himmel. Außerdem dürften sie in einem Wald dieser Größe, eine Vielzahl an Fallen haben. Wenn du dich beeilst, kannst du deinen Männern vielleicht noch helfen.“
„Zauberin, wir werden dich und diesen Dämon bestimmt in Saazbuug finden.“ drohte er, trotz der Tatsache, dass er noch immer auf dem Boden lag.
„Darauf würde ich nicht wetten.“ hielt Felia entgegen und nickte Cora´tar zu.
Tatsächlich trugen sie beide Kleidung, die reichlich unverwechselbar zu sein schien. Der Mendrit trug einen dunkelgrünen, mittelalterlichen Kapuzenmantel, welcher jedoch aus hydritischer Bionetik bestand. Felia dagegen sah aus, wie eine Ingenieurin oder Pilotin aus dem viktorianischen Zeitalter. Allerdings hatte die Kleidung von Cora´tar einiges zu bieten. Er schützte nicht bloß vor direkten Angriffen, er konnte auch seine Farbe ändern. Der junge Halbhydrit führte es auch sogleich vor. Vor den Augen des entsetzten Isger, wurde der Mantel erst rot, dann blau, schließlich gelb, und danach wieder dunkelgrün. Der Soldat wich noch ein wenig weiter zurück.
„Nun siehst du, welche Kräfte wir haben. Ich würde dir davon abraten, uns noch einmal zu bedrohen.“ erklärte Felia, „Ich hoffe, auch deine Männer haben diese Lektion gelernt, wenn sie wieder über eine vermeintlich wehrlose Frau herfallen wollen.“
Isger stand auf und rannte los, so schnell er konnte.
„Du hast dich richtig entschieden, den Männern zu helfen.“ sagte Cora´tar schließlich, „Und sie nicht einfach von den Taratzen zerfleischen zu lassen.“
„Ich hoffe, dass du Recht hast.“ erwiderte Felia nur.
Mochte das auch eine brutale Welt sein, sie wusste noch immer, was Recht und Unrecht war.

Tak´sor ging durch die dunklen Gänge des Hügels. Der Hydrit hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten sein eigenes Reich geschaffen, und war sehr stolz darauf. Dabei war es ein bloßer Zufall, dass er diesen Hügel entdeckt hatte, welcher von unzähligen Gängen durchzogen war. Wahrscheinlich waren sie von einer Gruppe mutierter Tiere gegraben worden, welche diesen Ort jedoch vor langer Zeit verlassen hatte.
Unter dem Hügel war ein kleiner, unterirdischer See. Darüber befanden sich jedoch noch weitere, deutlich größere Höhlen, die von seinen Untergebenen bewohnt wurden. Es war nicht schwer gewesen, sie für sich zu gewinnen. Schließlich wusste er schon seit langer Zeit, dass manche Leute alles taten um das zu bekommen, wonach es ihnen am meisten verlangt. Und dass ihre Loyalität nur solange vorhielt, wie sie glaubten, dass er ihnen das auch geben könnte.
Vor vielen, vielen Rotationen war er für die Erforschung einer menschlichen Siedlung zugeteilt worden. Als ein Schiff voller Menschen gesunken war, war er der Leiter einer Forschungsgruppe gewesen. Er hatte sich geweigert, die Menschen zu betäuben und an Bord seiner Transportquallen zu nehmen, um sie später auf irgendwelchen einsamen Inseln wieder auszusetzen. Es war eines der obersten Gebote von Ei´don, dass man das Leben anderer Wesen achtete und zu schützen versuchte.
Doch Tak´sor wollte nicht einsehen, die fleischfressenden Halbtiere von der Oberfläche zu retten, und verweigerte einen entsprechenden Befehl. Und so sollte er eben diese Fischersiedlung erforschen, um die Menschen besser kennenzulernen, um zu lernen, dass sie immer noch fühlende Wesen waren, trotz ihrer Primitivität. Genauso hatte es der OBERSTE ausgedrückt, als der Rat sich für seine Verbannung aussprach.
Während die Menschen ihre Übeltäter einfach hinrichteten, oder für viele Jahre in ein finsteres Loch sperrten, in der Hoffnung, wenn sie freikämen, wären sie schon irgendwie wieder gut geworden; zielten Hydriten darauf ab, dass moralisch fraglich handelnde Mitglieder ihrer Gesellschaft, aus ihren Fehlern lernen konnten.
Doch es lief noch schlimmer. Die Menschen entdeckten ihn, hielten ihn für eine Art Tier, und nahmen ihn umgehend gefangen. Aufgrund seiner scharfen, spitzen Zähne, glaubten sie, dass er ein Raubtier sei, und fütterten ihn mit Fisch. Seine Tantrondrüse schwoll an... und machte ihn zu dem, der er jetzt war.
Tak´sor lachte auf, als er an seine damalige Flucht dachte. Schon kurz nachdem das erste Stück Fisch seinen Körper verändert hatte, fühlte er sich mit einem mal befreit. Keine Schwäche mehr, kein Mitleid mehr, keine Skrupel mehr. Mar´os lehrte, dass der Starke sich nahm, was ihm zustand. Und die Menschen erwiesen sich als zu schwach für ihn. Mit seinen telepathischen Kräften hatte Tak´sor damals mutierte Raubtiere des Waldes zu sich gerufen, damit sie die Menschen töteten und fraßen und ihn befreiten.
Der Hydrit hatte inzwischen eine größere Höhle erreicht. Das war der Ort, an welchem er Nahrung zu sich nahm. Und Nahrung gab es reichlich. Auch wenn seine Untergebenen ihm oft Nahrung brachte, so hatte Tak´sor doch einen Weg gefunden, sich auch selbst zu versorgen, wenn es nötig wurde.
An den Wänden des Raumes hingen mehrere Menschen. Der Raum bestand komplett aus Bionetik, und bionetische Tentakel hielten die Menschen umwickelt. Wenn Wände und Decke des Raumes ein Spinnennetz wären, dann wären die Menschen dort von der Schulter bis zu den Zehen in riesige Kokos eingewickelt. Lediglich die Köpfe waren frei. Einige der Menschen weinten, sahen ihn voller Hass und Wut an, oder waren einfach nur apathisch.
Tak´sor suchte sich einen aus, berührte die Wand, und die Bionetik befolgte den Befehl. Ein vermeintlicher Kokon löste sich auf, und die Tentakel trugen den jungen Mann auf eine große, blutbefleckte Steinplatte. Dort hielten sie ihn an Händen und Füßen fest, sodass er sich kaum bewegen konnte. Der Hydrit trat zu ihm, und zog ein langes, hydritisches Messer hervor, welches aus Muschelschalen angefertigt worden war. Der junge Mann wand sich, doch es gab kein Entkommen.
Das war etwas, was Tak´sor nie verstanden hatte. Alle gefangenen Menschen in diesem Raum konnten gut sehen, dass es kein Entkommen gab, wenn er sich einen ausgesucht hatte. Dennoch hatte sich bislang wirklich jeder aufgebäumt und zu befreien versucht, wenn er an der Reihe war.
„Fragst du dich manchmal, wie du in eine solche Situation kommen konntest?“ fragte der Hydrit, „Zuerst gehst du auf ein Dorf zu, und plötzlich befindest du dich hier.“
Der Mann antwortete nicht. Das taten seine Opfer selten. Dennoch fuhr Tak´sor fort: „Ich habe ein großartiges Geschöpf aus Bionetik gezüchtet. Es funktioniert fast wie eine Pflanze, wie ein riesiger Sonnentau. Du weißt nicht, was ein Sonnentau ist? Das wusste bisher keiner von euch Menschen, dabei habt ihr diese Pflanze einst doch so benannt. Wie dem auch sei. Die Oberfläche der Pflanze sieht exakt so aus, wie ein menschliches Dorf. Doch jeder der dorthin marschiert, bleibt plötzlich am vermeintlichen Boden kleben, und ist gefangen. Größere Tiere frisst meine Pflanze selber, doch Menschen führt sie immer mir zu.“
Der Hydrit sah ihn einen Moment lang an, doch der Mensch sagte noch immer nichts. Und so sagte er schließlich: „Und es kam auch noch nie vor, dass einer von euch Primitiven diese Arbeit zu schätzen gewusst habt. Bei meinem Volk war ich ein sehr kluger Forscher. Was glaubst du dann, wie schlau ich erst im Vergleich mit Menschen bin? Noch dazu mit Primitiven.“
Als noch immer keine Reaktion kam, hob er sein Messer an. Sein Gefangener bäumte sich noch einmal auf, doch wieder ohne Erfolg.
„Ein wenig Anstand habe ich durchaus.“ meinte Tak´sor nach einer Weile, „Wenn du dich noch einmal an deine Götter wenden möchtest, dann lasse ich dir diesen Moment. Aber ich glaube nicht, dass sie dich erhören würden. Du warst ein wenig unartig, habe ich nicht Recht? Natürlich habe ich Recht, ich kann schließlich in deinem Geist lesen. Und was noch interessanter ist, ich kann es mittlerweile auch verstehen.“
„Flussteufel!“ brüllte der Mann aus, „Wasserdämon!“
„Ja, so werde ich meistens genannt.“ erwiderte Tak´sor belustigt, „Du glaubst, du wärst moralisch besser als ich. Das bist du jedoch nicht. Objektiv jedenfalls nicht. Was hättest du denn vorgehabt, wenn das Dorf welches du und deine Leute angreifen wollten, echt gewesen wäre? Ich weiß, was du dann getan hättest. Eine Gruppe Männer wurde zum Krieg gezwungen. Irgendeiner eurer Könige will gegen irgendeinen anderen kämpfen. Und so werden alle Männer in dem Gebiet, von welchem er in purer Arroganz behauptet, dass es ihm gehören würde, zu den Waffen gezwungen.“
Der Gefangene schwieg wieder, doch Tak´sor fuhr fort: „Die selbstgerechten und kampfunwilligen Artgenossen von mir, und das sind fast alle, die in ihren Unterwasserstädten leben, hätten Mitleid für euch gehabt. Sie hätten euch angeboten, euch zu einer anderen Insel, oder einem anderen Kontinent zu bringen, wo ihr in Sicherheit seid. Aber ich bin ein Anhänger von Mar´os, ich habe eine klare Sicht auf die Dinge. Denn die zu Waffen gezwungenen Männer entdecken plötzlich ein Dorf. Sie gehen davon aus, dass dieses Dorf nur wenige Männer zur Verteidigung hat. Sie planen dort einzufallen, und sich gewaltsam mit den Weibchen und weiblichen Halbwüchsigen zu paaren. Und dann wollen sie alles was in dem Dorf zu essen da ist, mitnehmen. Ohne Rücksicht darauf, dass eure Artgenossen im Dorf dann vielleicht verhungern müssen. Keiner der pflanzenfressenden Hydriten würde euch verstehen können. Warum sich so unbedingt paaren wollen, wenn eure Spezies doch so zahlreich ist, und die gewaltsam gezeugten Nachkommen wahrscheinlich verhungern werden? Warum überhaupt gegeneinander kämpfen? Was wollen die beiden Könige machen, wenn sich wirklich jeder ihrer Männer weigert, ihren Befehlen zu folgen? Aber auf diese Ideen kommt ihr nicht. Doch ich verstehe, wie ihr denkt. Das hier ist eine Welt, in der nur der Starke siegen und herrschen kann. Und diesmal wart ihr eben die Schwachen!“
Eine Wand in dem Bionetikraum glitt zur Seite, und ein großes Tier trat hindurch. Es war ein Ischtaar, und es hörte einzig und allein auf Tak´sor.
„Mein Ischtaar interessiert sich nicht besonders für moralische Entscheidungen, dafür aber umso mehr für seinen Hunger. Und gleich wird er gefüttert.“ erklärte der Hydrit gelassen.
Der gefangene Mensch schrie auf, und Tak´sor setzte sein Muschelmesser an und fügte hinzu: „Aber das Herz gehört mir!“
Review schreiben