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Empty Eyes

von Hakuyu
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
Koishi Komeiji Satori Komeiji
05.12.2015
05.12.2015
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Mit jedem Schritt über die Schachbrettfliesen wurde Satori bewusster, wie groß der Palast in seinem Umfang doch war. Unzählige Zimmer und versteckte Winkel, unzählige Gedanken. Die Fliesen waren selbst in der Dunkelheit angenehm warm. Dies war der Tatsache zu verdanken, dass der Palast direkt über den Feuern der ehemaligen Hölle lag. Auch nur deswegen waren die bunten Mosaike auf dem Boden hell erleuchtet und tauchten die dunklen Gänge in warmes, buntes Licht. Es herrschte Stille. Ein Großteil der Tiere schlief, doch aus einigen Ecken lauerten Satori rote, gelbe oder graue Augen nachtaktiver Tiere entgegen und mit ihren Blicken auch ihre Gedanken. Es war nicht still. Für Satori war es nie still, auch nicht in den Momenten, in denen sie ihre Ohren verschloss. Denn selbst in der Stille hörte sie. Satori liebte diesen Ort. Hier wurde sie nicht mehr von dem Meer der Gedanken verschlungen, ertrank nicht in den Gefühlen der Menschen.  Manchmal hatte sie das Gefühl, unter den ganzen Gedanken anderer, ihre eigenen zu verlieren. Ja, sie liebte diesen Ort. Wer hätte gedacht, dass die ehemalige Hölle je ein Paradies darstellen könnte? Sie war froh, dass es an diesem Ort nur die simplen Gedanken von Katzen oder Hunden war, die sie las. Doch das waren nicht die Gedanken, die sie suchte. Satoris Blick fuhr während des Laufens zu allen Seiten, während ihre Schritte sie ziellos durch die Gänge, Zimmer und Winkel ihrer neuen Heimat trugen. Ihr drittes Auge hingegen ruhte ruhig vor ihrer Brust, lauschte hinein in die scheinbare Stille, erleuchtete ihren Weg. Lauter wurden die Gedanken, lauter und eindeutiger – sie verrieten somit Satori, dass sie sich auf der richtigen Spur befand. Intensiver, emotionaler und hoben sich deutlich von den einfach gestrickten Tier-Gedanken ab.
Ich mag es nicht. Ich mag es nicht mehr.
Endlich konnte Satori ihre Schwester ausmachen. Ein leerstehender Raum inmitten des Palastes, den kleinen Körper in die hinterste Ecke gepresst. Satori war sich sicher, all dies bestimmt übersehen zu haben, sei es aus Unaufmerksamkeit, Konzentration oder der Dunkelheit, wenn ihr drittes Auge nicht mehr sehen würde, als die in ihrem Gesicht. So sehr sie es auch hasste – manchmal erwies sich ihre Fähigkeit als große Nützlichkeit. Satori trat an ihre Schwester heran, verwundert darüber, dass sie noch nicht auf sie reagiert hatte. Dabei hatte sie ihre Gedanken genauso gelesen, wie umgekehrt. Koishi hatte die Knie an den Körper gezogen, den Kopf hielt sie gesenkt. Ihre beiden Hände hatte sie in die Krempe ihres Hutes verkrallt und sich diesen tief in die Stirn gezogen. Koishi, dachte Satori, was ist los? Besorgt blickte Satori auf ihre Schwester hinab. Selbstverständlich stellte sie sich diese Frage – auch dann, wenn sie nicht wissen würde, dass sie Koishi mit ihren Gedanken direkt ansprechen würde. Langsam ging Satori vor ihrer Schwester in die Knie und versuchte ein Blick auf ihre Augen zu erhaschen. Als sie diese nicht erblicken konnte, sah sie nach Koishis drittem Auge, welches mehr verriet, als es die anderen beiden taten. Doch dieses stand ganz still und blickte traurig drein. „ Geh weg!“, war nur die leise, gemurmelte Antwort. Satori erstarrte, erstaunt über die plötzliche Anwesenheit von Geräuschen. Leise waren sie, doch erschien es so, als hätten sie etwas zerstört. Für gewöhnlich redeten Koishi und Satori nicht miteinander, so ungewöhnlicher war es nun, Koishis Stimme zu hören. Sanft legte Satori ihre Hand auf Koishis Knie. Wenn sie miteinander redeten, gab es in der Regel dafür nur einen einzigen Grund. Ich werde nicht gehen, dachte sie. „ Es ist nichts“, murmelte Koishi, die Stimme verdächtig erstickt, „ Es ist alles in Ordnung.“ „ Ich sehe doch, dass nicht alles in Ordnung ist.“, antwortete Satori sanft. Nur aus dem Grund, damit sich ihre Schwester auf ihre Stimme konzentrierte und das gedachte „Lügnerin“  nicht hörte. Nun, da Koishi nichts mehr sagte, hörte Satori andere Dinge als die, die aus dem Mund ihrer Schwester kamen.
Geh weg. Du sollst es nicht wissen. Du sollst dir keine Sorgen machen. Du bist schon unglücklich genug. Du sollst-
„ Es ist alles in Ordnung“, übertönte Koishis für sie ungewohnt laute Stimme ihre eigene Gedanken.
„ Ich bin aber auch nicht glücklicher, wenn du traurig bist.“, erwiderte Satori, ebenfalls laut, damit ihre Schwester ihre Gedanken nicht genau hören konnte.
Plötzlich riss Koishi den Kopf hoch und blickte Satori mit weit aufgerissenen, geröteten, aber wütend funkelnden Augen an. Auch ihr Gesicht wies einen leichten Rotschimmer auf, die nassen Wangen verrieten von ihren Tränen.
„ H-hör auf meine Gedanken zu lesen!“, fauchte sie, ihre Stimme überraschend fest und so scharf, dass Satori sich daran schnitt. Sie hatte es getan. Erschrocken über diese Erkenntnis ließ Satori von ihrer Schwester ab, nahm ihre zitternde Hand von Koishis Knie und ließ sie hilflos in der Luft stehen. Normalerweise kommunizierten sie beide ausschließlich über ihre Gedanken, dies machte das Sprechen zu einem unnötigen Ärgernis.
Sie teilten ihre Gedanken, ihre tiefsten Gefühle miteinander. Immer. Es verband sie, es vereinte sie, es ließ niemand anderen zu – nur sie beide.
Satori genoss dieses gleichzeitige Gefühl von Zweisamkeit und Einheit. Zu wissen, was der andere dachte, fühlte, mit dem anderen aufs Tiefste verbunden zu sein, bis zwei Gedanken, zwei Herzen zu einer Einheit wurden. Doch in Momenten wie diesen wurde sie daran erinnert, dass ihre Gedanken getrennt  waren.
Sie hätte Koishis Gedanken, ihre alleinigen, geheimen Gedanken nicht lesen dürfen. Aber konnte Satori nicht anders und wurde daran erinnert, wie sehr sie ihre Fähigkeit hasste. Etwas wie Privatsphäre konnte es zwischen ihnen nicht geben.
Hör auf meine Gedanken zu lesen. Beschämt und wütend auf sich selbst blickte Satori zu Boden.
„ Es muss dir nicht leidtun, große Schwester.“  Satori spürte eine warme Hand auf ihrem Kopf, Finger, die durch ihr Haar streichelten. Ja, ebenso wusste Koishi von ihren Gedanken. Als sie aufsah, blickte sie in Koishis lächelndes Gesicht, welches durch die Tränen und die zwanghafte Verzerrung ihres Mundes nur grotesk aussah.
„ Ich bin gar nicht traurig!“, verkündete sie mit einem heiseren Lachen, „ Es ist nur…ich hatte gedacht es wird schöner hier. Schöner, als auf der Oberfläche.  Aber es ist gleich. Auch hier hassen sie uns, sie wollen uns nicht haben. A-auch hier werden wir nicht gemocht. Niemand will uns, alle hassen uns. Aber da kann man wohl nichts machen.“
Koishi kicherte in zweifelhafter Fröhlichkeit.
„ Wir haben ein schönes, großes Zuhause gefunden. Nur für uns. Wir haben Gesellschaft – die Tiere, Okuu und Orin. Und wir werden nicht mehr verfolgt. Hier haben wir unsere Ruhe“, zählte Satori mit ihrer ruhigen, monotonen Stimme alle positiven Aspekte ihres neuen Lebens auf. Dies diente alleinig dazu, zu verschleiern, dass sie genauso fühlte wie ihre kleine Schwester.
Hass.
Das war die einzige Emotion, die ihnen, den Satori-Youkai, je entgegengebracht wurde. Selbst wenn sie ihn nicht aussprachen, selbst wenn sie nicht nach außen drang– so sah man ihn umso deutlicher in ihren Gedanken. Sie konnten ihn nicht verstecken. Der Palast, ihre letzte Zuflucht, war bis zum Rand mit Einsamkeit gefüllt, in der sie, wenn sie nicht zu zweit wären, ertrunken wären. Satori hasste ihre Fähigkeit, doch im Gegensatz zu ihrer Schwester hatte sie es akzeptiert. Die Fähigkeit, die Isolation, die Einsamkeit, der Hass  – sie beide hassten es, doch Satori war zu der schmerzhaften Erkenntnis gekommen, dass sich daran nichts ändern ließ.
Es war so.
Niemand mochte es, wenn seine Gedanken gelesen wurden und daran würde sich nichts ändern.
Es war besser, Menschen und Youkai gleichermaßen aus dem Weg zu gehen. Mittlerweile hatte sie den Wunsch aufgegeben mit ihnen zusammen zu leben. Den Wunsch des Zusammenseins, der Wunsch nach Liebe – all dies hatten sie mit sich im Untergrund versteckt. Es war schöner allein zu sein. Schöner, angenehmer, friedlicher, weniger schmerzvoll und besser für alle.
„Aber da kann man wohl nichts machen“ Satori wusste, dass Koishi diesen Satz nicht ausgesprochen hätte, wenn sie wirklich so dachte.
„ Es wird niemand herkommen, keine Sorge“, versuchte Satori weiterhin ihre Schwester zu beruhigen, „ Dafür habe ich gesorgt. Hier ist es friedlich.“

Mit einem Mal blitze eine Erinnerung vor Satoris innerem Auge auf. Feuer. Grölende Menschenmassen, die nur ein Ziel kannten und dieses gemeinsame Ziel machte sie unbesiegbar. Das Gefühl des Hasses und der Wut war überdeutlich, sowohl in den Gesichtern als auch in den Herzen. Blitzendes Metall. Schmerzen. Dann sah Satori sich selbst. Ein Mann hatte sich über sie gebeugt. Sie erinnerte sich an ein Gefühl wahnsinniger Angst. Ein Messer hielt er fest in der Hand, hatte es über Satoris drittem Auge erhoben, bereit zuzustechen, um ihr ihr Auge, ihre Fähigkeit, ihr Herz, auszustechen. Diese furchtbare Angst, Hitze und Schmerz, der ihren gesamten Körper erfüllte. Doch sie sah sich selbst und aus dieser Perspektive wurde ihr schnell klar, dass es sich hierbei nicht um ihre eigene Erinnerung handelte. Mit vorsichtigen Bewegungen schlang sie die Arme um Koishi und drückte sie an sich. Sanft stupste das rote Auge das blaue an, im Versuch, Koishis Herz zu trösten. Vergiss es einfach, dachte Satori, es ist Vergangenheit. Nun sind wir sicher. Die Youkai im Untergrund haben Angst vor uns, sie meiden uns, aber sie akzeptieren uns. Wir schließen ab und lassen niemanden rein, ja? Regungslos lag Koishi in ihren Armen. Satori hörte, wie Koishi ihre Worte in Gedanken wiederholte. Abschließen und niemanden reinlassen. Mit einer sanften Bewegung nahm Satori Koishi den Hut vom Kopf und legte ihn auf die Fliesen, um ihrer Schwester übers Haar streichen zu können. Mit sachten Bewegungen streichelte sie Koishi den Kopf, fuhr mit den Fingern durch ihre weichen Haare und versuchte mit aller Kraft an etwas Schönes zu denken, um ihre Schwester zu beruhigen. Sie schloss die Augen und lauschte den Gedanken ihrer Schwester.

Ich will, aber ich kann nicht. Ich kann es nicht, ich kann das nicht vergessen. Gedankenlesen ist schmerzhaft.
Es tut so weh. Daran gibt es nichts Gutes, überhaupt nichts Gutes. Du wirst gemieden, du bist allein. Du liest Gedanken, die du nicht lesen willst. Du weißt Dinge, die du nicht wissen willst. Von „Wie peinlich, hoffentlich erfährt das niemand“ bis
„Ich hasse sie.“, „Ich töte sie“ „ Monster“, „Bleib weg von mir“ „ Dieses Auge.“ „Sieh mich nicht an – hör auf mich anzusehen“ Es ist zu viel. Menschen mögen nicht, wenn ihre Gedanken gelesen werden. Überhaupt nicht.


Koishis Körper erschauderte in Satoris Armen. All die körperlichen Verletzungen, die die Menschen ihnen im Laufe der Jahre zugefügt hatten, waren verheilt, doch so nicht die seelischen Verletzungen.
Verletzungen die sie teilten, ob sie wollten, oder nicht. Es tat weh, ihre Schwester so zu sehen, mehr als ihre eigenen Verletzungen. Wenn sie Koishi nur helfen, erlösen könnte. Wenn sie nur irgendetwas tun könnte, damit sie diese Schmerzen nicht mehr ertragen musste. „ Es ist alles gut“, flüsterte Satori, um die Gedanken aus dem Kopf ihrer Schwester zu vertreiben, die genauso gut ihre hätten sein können.
Lange, lange saßen sie so da. Satori hatte ihre Hand müde gestreichelt, doch das störte sie nicht.
Ich mag auch keine Gedanken mehr lesen. Ich will nicht mehr alleine sein. Ich will nicht mehr gehasst werden. Ich will das alles nicht mehr. Gedankenlesen tut weh – demjenigen der sie liest und dem, dessen Gedanken gelesen werden. Was aber manchmal am meisten wehtut sind die eigenen Gedanken.
Plötzlich war es still.
Vollkommen still. Kein Laut, keine Gedanken. Mit einem Schlag wurde Satori eiskalt. Eine Kälte die weder die Wärme des Palastes, noch Koishis Körper ausgleichen konnte, die sich immer tiefer in sie hineinsackte. Ihre inneren Organe zogen sich zusammen, ihr Herz schlug heftig, schmerzvoll gegen ihre Rippen.
Mit aufgerissenen Augen blickte Satori auf ihr drittes Auge, von dort, wo sich die Eiseskälte in ihren Geist fraß. Erkennen konnte sie jedoch nur eine Hand, die die rote Kugel umfasste. Einige Sekunden brauchte sie, um zu begreifen, dass es Koishi war, die Satori ihr drittes Auge zuhielt. Mit stockendem Atem blickte Satori in das fröhlich lächelnde Gesicht ihrer Schwester.
„ W-was soll das?“, krächzte Satori mit zugeschnürter Kehle. In dem Moment, als sie die Worte ausgesprochen hatte, ließ Koishi von ihrem Auge ab.
Sofort breitete sich Wärme erneut in Satoris Körper aus, so als hätte es die Kälte nie gegeben. Auch Koishis Gedanken konnte sie wieder wahrnehmen und es erstaunte sie, wie sehr sie dies erleichterte.
So waren ihre Fähigkeiten letztendlich doch ein Teil von ihr.
Ich mag „War es so besser? Du musstest es nicht mehr hören, war es schön? Aber du hattest Angst – tut mir Leid“, hörte Satori in Koishis Gedanken, „du wirst mir sowieso nicht glauben, wenn ich es sage, also denke ich. Ich möchte nicht, dass du dir wegen mir Sorgen machst. Ich bin glücklich, ja? Das ist unser neues Leben, also lass uns beide glücklich sein, ja?“
Satori nickte langsam, doch konnte ihren Mund nicht zu einem Lächeln verbiegen.
„ Dann ist ja gut!“, rief Koishi und erneut wurde Satori durch die Lautstärke gesprochener Worte erschreckt. Inzwischen hatte Koishi sich ihren Hut wieder aufgesetzt. Sie strahlt, ihre Augen leuchteten fröhlich trotz der Dunkelheit. Satori hasste es zu wissen, dass dies eine Fälschung war.
Dann ist ja gut – Satori fragte sich, welche Gedanken Koishi mit diesen Worten hatte übertönen wollen. Welche Gedanken sie hatte verschleiern wollen, in dem Moment sie Satoris drittes Auge verschlossen hatte.
Koishi, dachte Satori sorgenvoll, was hast du nur vor?
Koishi lächelte.
Ich habe Hunger, lass uns zu abend essen, Schwester – so lautete die gedankliche Antwort.

Satori heißt Bewusstsein.
Satori heißt Erleuchtung.
Zeit, deinem Satori-Dasein ein Ende zu machen. Zeit, sich der Dunkelheit des Unterbewusstseins hinzugeben.


„ Satori soll ich keine Sorgen mehr um mich machen, sie ist schon traurig genug. Nein, Satori wird sich keine Sorgen mehr um mich machen müssen. Dann kann sie glücklich sein.
Es wird vorbei sein. Ich werde nicht mehr gehasst werden. Wir können glücklich sein!
Satori, ich hab dich lieb.“


Dies waren die letzten Gedanken, die Satori von ihrer Schwester vernommen hatte und die sie seither in ihrem Herzen behütete. Die letzten Gedanken, bevor ihre Schwester sich in der Leere verlor.
Die letzten Gedanken, bevor Koishi dem Nichts wich. Ihre Gedanken leer, sie dachte an nichts, rein gar nichts. Keine Gedanken, keine Gefühle. Wann immer  Satori versuchte, ihre Schwester zu fassen, griff sie in die Leere, in das dunkle Nichts.
Keine Erinnerungen. Kein Sinn. Kein Grund. Das, was einst ihre Schwester war, war nun nichts mehr als eine Hülle. Koishi begann zu verschwinden und damit begann auch die schreckliche Zeit, in der alle um sie herum langsam begannen  ihre Schwester zu vergessen. Selbst wenn die Tiere es taten, nie könnte Satori ihre Schwester vergessen. Sie bewahrte die Erinnerung, aus Angst, Koishi könne mit ihr endgültig verloren.
Die Erinnerung blieb so lange am Leben, bis Koishi wiederkam, doch sie kam und ging ohne Rhythmus und ohne Grund. Satori versuchte sie zu fassen, zu greifen, doch erneut bekam sie nichts zu fassen. Konnte sie ihre Schwester nicht einmal sehen, nicht einmal einen Gedanken von ihr spüren. So war sie sich manchmal nicht sicher, ob Koishi anwesend war oder nicht. Ihre beiden Augen leer, leer wie ihre Gedanken. Ihr drittes war verschlossen, verschlossen wie ihr Herz, ihr Bewusstsein.
Wenn sie sprach, hörte sich ihre Stimme inhaltslos an, nicht einmal Monotonie fand in ihr Raum.  Zuvor hatte Satori Koishis Stimme kaum gekannt, nun war es das Einzige, was ihr geblieben war. So sehr sie sich auch über jedes Wort freute, welches ihre Schwester sprach, immer wieder musste sich Satori klar werden, dass Koishi von alle dem nichts wusste.  
Koishi war zu Nichts geworden. Ein schlagendes, aber leeres, verschlossenes Herz. Wenn sie sprach, so waren ihre Worte willkürlich und leer. Manchmal umarmte Koishi Satori aus irgendeinem Grund, schmiegte sie an sich, während sie sie im nächsten Moment wieder verließ. So sehr Satori auch lauschte, eine Stimme suchte, in der alles verschluckenden Stille – sie konnte nichts hören. Rein gar nichts. Diese Stille – sie ertrug sie nicht. Satori war allein. Allein in diesem Palast, allein mit ihrem Herzen.
Zwei Herzen in einer Einheit, bis sich ein Augenlid, ein Herz vor dem anderen, vor allen verschloss.  Abgenabelt, auseinandergeschnitten. Manchmal fragte sich Satori, ob Koishi genauso einsam war. Einsam ohne Gefühle, in ihrem ziellosen Wandern, einsam, da sie jeder sofort vergaß, niemand für sie empfinden konnte. Einsam, obwohl sie kein Herz hatte, welche diese Einsamkeit fühlen konnte, kein Gedanke, der traurig sein konnte und kein Wille, der sich nach Freundschaft sehnte.
Eine Einsamkeit, die Satori sehr wohl fühlen konnte, so fühlte und trug sie diese Einsamkeit für zwei Herzen. Oder ob sie glücklich sein würde, wenn sie es könnte. Glücklich, weil nun niemand für sie empfinden konnte, keinen Hass und keine Sorge. Glücklich, weil sie keine Gedanken mehr lesen musste, nachdem sie ihr drittes Auge verschloss.
Glücklich, weil sie nicht mehr denken musste, sich nicht mehr erinnern konnte an all den Schmerz. Glücklich, weil sie jeder vergaß, der sie unter anderen Umständen bestimmt verfolgt hätte. Aber eines hatte sich nicht geändert: Satori sorgte sich um ihre Schwester, genauso, wie sie sie liebte. Und das obwohl Koishi zu einem kleinen Stein am Wegesrand geworden war, den niemand beachtete und den man nur unbewusst begegnete.
Ein kleiner Stein mit kleinen Rissen, die für einen kleinen Stein jedoch von fataler Größe waren. Einen kleinen Stein, den man unbewusst zertrat. Tagsüber verließ Satori ihr Zimmer kaum und auch abends  verbrachte sie ihre Zeit dort.
Selbst in ihrem Zuhause verschloss sie sich. Es war besser so. Für sich, die Tiere und einfach für das Gefühl, niemandem etwas tun zu können.
Eines Abends war ihr bewusst geworden, dass sie sich vor der Welt verschloss, während Koishi die Welt vor sich verschloss. Sie beide waren eingeschlossen und Satori hoffte, Koishis Schlüssel zu finden, auf das sie wieder zusammen sein konnten.
Auf das Koishis Herz wieder erleuchtet sein würde.

„Ich bin wieder da, Schwester.“
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