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Dortmunder Durcheinander

von Arkia
KurzgeschichteAllgemein / P18 / Gen
Kriminalhauptkommissar Jan Pawlak Kriminalhauptkommissar Peter Faber Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch Kriminalhauptkommissarin Rosa Herzog Kriminaloberkommissar Daniel Kossik Kriminaloberkommissarin Nora Dalay
04.12.2015
23.03.2021
44
198.968
3
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Dieses Kapitel
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04.12.2015 1.969
 
Titel: Eine Dortmunder Weihnachtsgeschichte – Teil I
Strophe I: Die durch Pillen hervorgerufene Halluzination einer Verstorbenen
Prompt: Dickens Weihnachtsgeschichte
Fandom: Tatort Dortmund
Episodenbezug: spielt nach Kollaps
Rating: P 16
Genre: allgemein, etwas Humor
Länge: 1.855 Wörter
Beta: keiner; falls ihr also Fehler finden solltet, so wäre ich für Hinweise dankbar. :-)
Zusammenfassung: Faber wird wortwörtlich mit einem Geist aus seiner Vergangenheit konfrontiert.
A/N: Die Textvorlage des Prompts, Charles Dickens „A Christmas Carol“, findet sich im Projekt Gutenberg.
Dieser Text ist ein Beitrag zum Tatort Adventskalender 2015 im Livejournal.


Strophe I: Die durch Pillen hervorgerufene Halluzination einer Verstorbenen

Susanne und Leonie Faber sind tot, und das schon seit über viereinhalb Jahren. Sie waren Hauptkommissar Peter Fabers Ein und Alles; Susanne, die er ihr zu Liebe am 5.5. geheiratet hat und Leonie, ihre Tochter, die am 3.9. das Licht der Welt erblickt hat. Der Tod hat Peter Faber schwer getroffen und das noch mehr, seit er weiß, dass sie keineswegs ein Verkehrsunfall das Leben gekostet hat, sondern es sich dabei lediglich um ein perfides Täuschungsmanöver gehandelt hat und seine beide Engel aus dem einfachen Grund des Rachegelüstes gestorben sind.

Damals bei einem seiner ersten Fälle in Lübeck hatte Faber Thomas Graf als Kinderschänder und -mörder überführt und ihn lebenslang ins Gefängnis gebracht. Dieser ließ einen Sohn im Teenageralter zurück, Markus. Und genau dieser Markus war es, der ihm daraufhin ebenfalls die Familie nahm, genau wie Faber es mit Markus getan hatte, zumindest in seinen kranken Vorstellungen. Um diesem Schatten zu entkommen, der so schwer auf ihm lastet, hat sich Faber entschlossen, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und hat sich in den Ruhrpott versetzen lassen, genauer gesagt nach Dortmund, in seine Heimatstadt. Hier ist er der Leiter der Mordkommission.

Doch dieser Schlussstrich, den er hatte ziehen wollen, hat seinen ganz eigenen Kopf und so folgen Faber die Geister seiner Vergangenheit immer noch, Susanne und Leonie sind immer noch bei ihm. Und so schmerzt ihre physische Abwesenheit umso mehr. Da können auch die Antidepressiva nichts ausrichten, die Faber ganz nach Zeitplan jeden Morgen einnimmt als handele es sich um die Antibabypille. Der brutale Verlust seiner Familie hat ihn verändert. Wie könnte es auch anders sein? Er ist wortkarg, reizbar, zynisch, kein angenehmer Zeitgenosse. Sein junger Kollege Kossik nennt ihn „Freak“ oder „Psycho-Wrack“, das Wort Misanthrop scheint hier angemessener. Fabers vierköpfiges Team bei der Dortmunder Kripo kann eigentlich nicht als solches bezeichnet werden; immer wieder kommt es zwischen den Kollegen zu verbalen, lautstarken Auseinandersetzungen und manchmal werden sie auch handgreiflich. Wenn die Dreckstabletten mal wieder versagen, dann muss auch schon mal das Inventar Fabers unbändige Wut als Prügelknabe ertragen, wenn er mit seinen inneren Dämonen kämpft, oder halt seine Kollegen selbst, aber das ist ihm eigentlich auch egal. Martina Bönisch, die für die Stelle des leitenden Kommissars vorgesehen war, aber abgelehnt hat, hat mit ihrem Mann einen schlammigen Scheidungs- und Sorgerechtskrieg hinter sich. Und nun vögelt sie mit Callboys oder Hotelbarbekanntschaften, obwohl…das hat sie auch schon vorher getan, also neben der Arbeit; vielleicht ein Grund, warum ihr Mann und die Kinder sie nicht mehr wollen. Und die jüngeren Kollegen Nora Dalay und Daniel Kossik dümpeln in ihrer „on again off again“-Beziehung dahin. Besonders oft bekommt der jüngere Mann Fabers Wut und Zorn zu spüren, aber der soll sich mal nicht beschweren, schließlich hat er ihm auch die Dienstaufsicht auf den Hals gehetzt, nur weil er die Richtlinien des Gesetzes ein wenig gebeugt hat, aber es ging schließlich um ein totes Kind.

Faber fährt den PC hinunter, die kleine Anzeige am unteren Ende des Bildschirms informiert ihn, dass es der 24.12. und 17:04 ist. Es klopft an der Tür des Büros; ohne eine Antwort abzuwarten, öffnet sie sich und Jonas Zander, der immerwährende Single und Gerichtsmediziner, betritt das Gemeinschaftsbüro.
„N’Abend, Herr Faber“, grüßt er.
„Brmm“, brummt Faber lediglich.
„Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht dieses Jahr zu unserer kleinen Feier morgen kommen möchten?“
Faber sieht ihn nur an und das ist für Jonas Antwort genug.
„Vielleicht ja nächstes Jahr“, meint er.
Jonas Zander ist schon fast aus der Tür, als er sich noch einmal umdreht und den Kopf in den Spalt zwischen Tür und Rahmen steckt:
„Und natürlich: Fröhliche Weihnachten!“
„Fröhliche Weihnachten, Bullshit“, grummelt Faber, „das ist doch nur ein von der Gesellschaft aufgeblasener Kommerz! Schlimmer ist nur noch der Muttertag.“
Mit einem kräftigen Ruck steht er auf, so dass der Schreibtischstuhl zurückrollt und erst von dem kleinen Sideboard an der Wand zum stehen kommt. Jonas Zander erwidert nichts und geht. Auch Faber verlässt kurz darauf das Präsidium.

Vor Peek und Cloppenburg stehen zwei junge Männer in Lederkutten und sammeln Spenden.
„Herr Faber“, ruft der eine asiatisch aussehende, junge Mann und missmutig wendet sich der Hauptkommissar ihnen zu.
„Wusste gar nicht, dass Sie die Konfession gewechselt haben, Herr Phan“, kommentiert er grimmig.
Der Asiate blickt zu seinem Kumpel.
„Haben wir auch nicht“, erklärt er.
„Das ist alles für den guten Zweck“, informiert der Jude und hält ihm die Spendendose mit einem in Weihnachtskluft getunten Sensenmann unter die Nase, „wir sammeln für die Flüchtlinge!“
„Haben wir denn nicht schon genug Turnhallen und Hotels in Notunterkünfte umfunktioniert?“, fragt Faber scharf und herablassend, „ist der Soli jetzt nicht auch für die Flüchtlinge statt für den Osten?!“
Die beiden Biker sehen sich an.
„Schon, aber…“, beginnt Stern.
„Ich zahle meine steuerlichen Abgaben“, unterbricht Faber ihn griesgrämig, „damit mache ich ja wohl genug und habe meinen Teil erfüllt.“

Da sein alter Saab in der Werkstatt ist, nicht in der der Biker wohl gemerkt, muss Faber heute die Öffentlichen benutzen. Auf dem Weg zu seinem Hochhaus läuft er mitten durch eine Schneeballschlacht und fängt sich so einen Ball in den Rücken ein.
„Jetzt hör mal zu, du kleiner Scheißer“, wütend fährt Faber zu dem Jungen im Grundschulalter herum und tritt auf ihn zu, „wenn das noch ein einziges Mal vorkommt, dann lass ich deine Eltern in den Knast wandern, weil die dich nicht richtig erziehen, und dann kommst du für immer ins Heim!“
Der Kleine mit dem roten Anorak und der dunkelblauen Strickmütze sieht ihn erschreckt an, in seinen Augen stehen Tränen. Faber bekommt nicht mit, wie sich die erste Träne aus seinem linken Auge löst und über die Wange kullert, denn da ist er schon auf dem Weg zur Haustür. Faber steigt in den Fahrstuhl und blinzelt ein paar Mal. Seit er die Dosis der Antidepressiva um eine Pille erhöht hat, wird er immer so schnell müde.
„Susanne?“, sagt er leise und ungläubig.
Scheiß-Pillen!
Für einen Augenblick hat er doch wirklich geglaubt, seine verstorbene Frau in dem blanken Metall der Innenseite der Fahrstuhltür zu erkennen.

Er tritt aus dem Fahrstuhl und geht schnurstracks zu seiner Wohnungstür und schließt sie auf. Es ist alles so wie immer, fast gähnende Leere erwartet ihn, Leere und Kälte. Es riecht etwas muffelig und deshalb geht Faber ins Wohnzimmer und öffnet das Fenster zum Stoßlüften. Er dreht sich um und läuft ins Bad, legt das Handtuch auf den Handtuchwärmer und lässt sich heißes Badewasser in die Wanne einlaufen. Ein lautes Geräusch lässt ihn zusammenfahren.
Verdammt, ist im Wohnzimmer etwas umgefallen? So doll kann der Wind doch gar nicht wehen.
Miesepeterig dreht er den Hahn zu und geht schnellen Schrittes hinüber ins Wohnzimmer. Er hatte recht, die in den letzten Lebenszügen liegende Yuccapalme steht nicht mehr in dem kleinen Korb, sondern liegt auf der Erde, der Tontopf, den Leonie damals im Kunstunterricht gebastelt hat, liegt zerbrochen daneben und Erde und Düngemittel verteilen sich über den Teppich. Faber flucht laut und geht dann zum Fenster, will es schießen, aber das ist nicht notwendig, es ist schon geschlossen, nicht nur angelehnt; nein, der Hebel ist ganz ordnungsgemäß herumgedreht. Faber erstarrt. Instinktiv greift er in seine Parkatasche und zieht seine Dienstwaffe, entsichert sie. Ein Stöhnen erklingt, kein lustvolles, sondern ein schmerzhaftes. Faber spürt, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken rinnt, dieses Geräusch ist ihm aus seinen zyklischen Albträumen bestens vertraut.
Routiniert dreht er sich um und richtet die Waffe auf den leeren Sessel- nein, leer ist der nicht, etwas Schummriges, Durchscheinendes sitzt darin, das die Umrisse seiner verstorbenen Frau trägt. Faber blinzelt wieder; er hätte es heute bei den fünf Pillen belassen sollen. Die Gestalt, die äußerlich immer noch seiner Frau ähnelt, sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel, sie trägt Sommersandaletten mit Riemchenverschluss und ein luftiges Kleid mit einem bunten Muster, genau das hatte sie auch am 15. Juni an, als sie den „Unfall“ hatte. Faber wischt sich mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand über die Augen, er dreht sich um und geht in Richtung der Wohnzimmertür.
Stand da im Beipackzettel etwas von veränderter Wahrnehmung bei Überdosierung?
Ach nein, den Beipackzettel hat er ja nie gelesen. Faber will gerade durch die Tür gehen, als sie sich mit einem lauten Rumms schließt. Erschreckt fährt er zusammen und dreht sich um. Das Ding, das immer noch seiner Frau ähnelt, ist inzwischen aufgestanden, kommt auf ihn zu, legt ihm die Hand auf die Brust. Obwohl er sie fast gar nicht sehen kann, spürt er doch den leichten Druck neben seinem linken Schlüsselbein.
„Du läufst in letzter Zeit häufig weg“, sagt das Ding, wobei es die Worte „letzter Zeit“ betont.
Die Stimme ist die seiner Frau.
„Aber manchen Dingen kann man nicht entkommen, egal, wie sehr man es versucht.“
Drecks-Pillen, denkt Faber sich.
„Verpiss dich, ich will in die Badewanne, du…“, beginnt er, aber dann hält er inne.
„Geist, ich bin der Geist von Susanne“, erklärt das Ding.
Faber lacht verächtlich. „Ja klar! Das ist doch Bullshit! Du bist die durch Pillen hervorgerufene Halluzination von Susanne“, verbessert er seiner Meinung nach.
Das Ding steht immer noch da.
„Dein Badewasser ist jetzt eh zu kalt, also könntest du mir jetzt etwas von deiner Aufmerksamkeit schenken“, erklärt das Ding.
Faber erstarrt, genau so hat Susanne immer mit ihm gesprochen, die exakten Worte benutzt. Gut, wenn das irgendwie so eine Show ist, dann kann er auch mitspielen, Hauptsache die durch Pillen hervorgerufene Halluzination verzieht sich bald wieder.
„Wie geht’s dir?“, fragt er wenig interessiert.
„Uns geht es nicht gut“, wird die Frage sogleich beantwortet.
„Uns?“, fragt Faber verwirrt im Echo.
„Mir und Leonie, unserer Tochter, falls du sie vergessen haben solltest.“
Susannes leicht nordischer Akzent tritt wieder stärker hervor und das versetzt Faber einen Stich.
„Ich habe sie nicht vergessen, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an euch denke, nicht einer!“, sagt er verärgert. „Wo ist Leonie?“, fragt er dann und kann nicht verhindern, dass sich ein besorgter Tonfall in seine Stimme schleicht.
„Sie haben sie nicht mitkommen lassen“, entgegnet die Halluzination.
„Wer sie?“
Die dünne Silhouette seiner Frau schüttelt ablehnend den Kopf.
„Warum geht es euch nicht gut?“, fragt Faber.
Die geisterhaften Hände seiner Frau greifen die seinen und wieder zuckt er instinktmäßig zusammen.
„Weil es dir nicht gut geht, Peter.“
Faber entzieht dem Ding seine Hände.
„Ach komm mir jetzt bloß nicht mit diesem billigen Hollywood-Scheiß von wegen, ihr findet im Jenseits keine Ruhe, weil euch noch irgendwas beschäftigt!“, empört er sich zynisch.
„Aber genau so ist es“, bestätigt das Ding.
„Irgendwas, was ich tun kann, um euch zu helfen?“ Fabers Stimme trieft vor Ironie.
Die Halluzination nickt.
„Es werden heute Nacht noch drei weitere ‚durch Pillen hervorgerufene Halluzinationen‘ vorbei kommen“, informiert das Ding ihn seine eigene Formulierung benutzend und dann tritt es auf ihn zu, küsst ihn leicht auf die Wange und löst sich buchstäblich in Luft auf, bevor Faber überhaupt dazu kommt, ihm mit der geballten rechten Faust ins Gesicht zu schlagen.
Das ist doch alles Bullshit!
Das Ziepen in Fabers Magen sagt ihm, dass ein kleiner Teil von ihm nicht so recht an seine Bullshit-Theorie glaubt. Er tritt an den Wohnzimmerschrank und nimmt mehrere Schlucke aus der Teachers Flasche, dann zieht er sich seinen Schlafanzug an und krabbelt unter die Decke.
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