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Oh Galgenbaum

GeschichteKrimi, Freundschaft / P12 / Gen
Herbert Thiel Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Kriminaloberkommissarin Nadeshda Krusenstern Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller Staatsanwältin Wilhelmine Klemm
02.12.2015
24.12.2015
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02.12.2015 886
 
Thiel hatte gerade die Wohnungstür hinter sich zu fallen lassen und zog gähnend den Reißverschluss seiner Jacke hoch, als Boerne in den Flur trat. Dieser sah natürlich mal wieder unverschämt wach aus und mit dem breiten Grinsen konnte Thiel um diese Uhrzeit noch so gar nichts anfangen.

„Guten Morgen, werter Herr Nachbar. Es ist ja fast erstaunlich, Sie so früh schon auf dem Weg zur Arbeit anzutreffen.“, redete Boerne gleich drauf los. Wie könnte es auch anders sein?

„Moin.“, mehr brachte Thiel erst mal nicht heraus, weil ihn erneutes Gähnen am Sprechen hinderte. Und eigentlich hatte er auch noch gar keine Lust, sich jetzt schon auf lange Unterhaltungen mit dem Professor einzulassen.

„Na, Sie sind wohl heute mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden, was?“, plapperte Boerne munter weiter, während sie die Treppen hinunter gingen. „Oder haben Sie einfach nur vergessen, das erste Türchen Ihres Adventskalenders zu öffnen? So ein Stück Schokolade würde Ihrem Serotoninspiegel und damit Ihrer Laune sicher nicht schaden. Ihrer Linie allerdings…“

Thiel warf Boerne einen bösen Blick zu und fragte sich kurz, ob der andere allen Ernstes einen Adventskalender sein Eigen nannte, oder ob das nur ein dummer Spruch gewesen war. Aber darüber konnte er sich auch später noch Gedanken machen, denn jetzt waren erst mal andere Dinge wichtiger.  

„Hinter meinem ersten Türchen war heute eine ganz besondere Überraschung.“, erklärte Thiel deshalb, ließ sein Fahrrad links liegen und ging neben Boerne her zu dessen Auto. „Und die kann ich sogar mit Ihnen teilen.“

Boerne blickte ihn fragend an.

„Nadeshda hat angerufen. Wir haben eine Leiche, ausgerechnet auf dem Weihnachtsmarkt an der Lambertikirche.“

„Auf dem Lichtermarkt? Aber das ist ja…“ In Ermangelung einer passenden Beschreibung wedelte Boerne mit dem Autoschlüssel durch die Luft.

„Das ist eine ganze schöne Scheiße!“, sprang Thiel ein. „Fahren wir?“



So früh am Morgen waren die Buden auf dem Lichtermarkt natürlich noch geschlossen. Dennoch hatte sich schon eine kleine Traube von Menschen rund um die Polizeiabsperrung gebildet. Boerne hupte, man machte ihnen Platz und ein uniformierter Kollege hob das Flatterband an, nachdem Thiel ihm durch das Fenster des Wagens seinen Ausweis gezeigt hatte.

Nadeshda erwartete ihn schon und führte ihn und Boerne an den blauen Spitzdachbuden vorbei und hin zur Weihnachtstanne, die die Buden um einiges überragte, aber in ihrer Größe nicht an die mächtige Lambertikirche heranreichte.

Wenn Thiel eins über den Leichenfund sagen konnte, dann, dass er so ein Szenario noch nicht gesehen hatte. In der Weihnachtstanne hing in gut drei Metern Höhe eine Person, die irgendeine Art von Kostüm trug, wenn man der roten Hose, der grünen Jacke und der spitzen Mütze Glauben schenken durfte.

„Das will ich mir aus der Nähe ansehen.“, verkündete Boerne neben ihm. Und auch wenn Thiel nicht so begeistert war, wie sein Kollege aus der Rechtsmedizin, stieg er doch mit ihm in den Korb des Hubrettungsfahrzeuges der Feuerwehr. Langsam fuhren sie nach oben bis sie sich von Angesicht zu Angesicht mit dem jungen Mann in der Tanne befanden. Er trug tatsächlich ein Kostüm, das wohl so etwas wie einen Weihnachtselfen darstellen sollte. Sogar spitze Latexohren ragten unter seiner Mütze hervor. Um seinen Hals lag ein dickes Seil, dessen anderes Ende irgendwo an einem höheren Ast der Tanne befestigt war, und das zu einem typischen Henkersknoten geknüpft war.

„Selbstmord?“, fragte Thiel.

„Unwahrscheinlich.“, erwiderte Boerne. „Aber noch nicht eindeutig auszuschließen.“

„Hm.“ Thiel hatte fürs Erste genug gesehen. Sie fuhren wieder hinunter und während Boerne seine Tasche mit den nötigen Utensilien aus dem Auto holte, um sich dann voll und ganz der ersten Untersuchung der Leiche zu widmen, trat Thiel zu Nadeshda.

„Wissen wir schon was?“, fragte er.

Sie schüttelte mit dem Kopf.

„Nicht direkt. Die Mitarbeiter einiger Buden hier auf dem Lichtermarkt haben diese Elfenkostüme getragen. Möglicherweise handelt es sich um einen von ihnen.“

„Dann finden Sie mal die Namen von denen raus und ob einer vermisst wird. Lassen Sie sich am besten gleich eine Übersicht über alle Mitarbeiter geben. Wer hat denn die Leiche gefunden?“

Nadeshda deutete in Richtung eines Krankenwagens, wo ein Sanitäter immer wieder versuchte, eine Decke um eine Frau zu legen, die sich aber gegen jegliche Zuwendung zu wehren schien.

„Sie ist Postbotin und kommt wohl jeden Morgen auf ihrer Route hier vorbei. Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen.“

Thiel nickte und ging hinüber zu der Frau, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Leider war das nicht sonderlich hilfreich. Sie war wie jeden Tag mit dem Fahrrad über den Platz gefahren und hatte gleich gesehen, dass etwas in der Tanne hing, weil es sich im Wind bewegt hatte. Als sie realisiert hatte, dass es sich um einen menschlichen Körper handelte, war sie zwar erschrocken, hatte aber gleich die Polizei informiert. Nein, ihr sei ansonsten nichts Ungewöhnliches aufgefallen und sie habe auch niemanden gesehen. Könne Sie jetzt endlich gehen? Sie sei schon viel zu spät dran.

Thiel notierte sich noch die Personalien der Frau und bat sie, sich zu melden, falls ihr noch etwas einfallen sollte, dann stellte er fest, dass der Mann inzwischen aus der Tanne geholt worden war und Boerne neben ihm am Boden hockte. Er stand gerade auf und streifte sich die Handschuhe von den Fingern, als Thiel bei ihm ankam.

„Und? Können Sie mir schon was Genaueres zur Todesursache sagen?“

„Na, aus dem Schlitten des Weihnachtsmannes wird dieser Elf wohl nicht gerade gefallen sein, nicht.“
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