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A Russian Ghost Story

KurzgeschichteDrama, Fantasy / P18 / Gen
Dimitri Belikov Rosemarie "Rose" Hathaway
01.12.2015
01.12.2015
1
6.290
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13 Reviews
Dieses Kapitel
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01.12.2015 6.290
 
Die Figuren gehören natürlich Richelle Mead. Die Idee stammt von meiner Tochter. Selber wollte sie es allerdings nicht schreiben. Deshalb habe ich ihre Idee in die Tat umgesetzt. Über Reviews freue ich mich wie immer.
LG Martina


Heiße Tränen liefen meine Wangen herab. So wie jeden Abend an den letzten sieben Tagen. Solange war ich jetzt wieder an der Academy. Am Tag ging es. Da waren meine Freunde um mich herum, die mich ablenkten. Der Unterricht, der meine Aufmerksamkeit forderte. Das Training mit Alberta, das alles von mir verlangte. Aber in der Nacht, da war nichts, was mich vom Denken abhielt. Und wo ich immer nur einen Gedanken hatte. Dimitri, der Mann den ich liebte. Der Mann, den ich umgebracht hatte. Der Mann, den ich nie wieder sehen würde.
Heiser schluchzte ich auf, flüsterte seinen Namen und vergrub mein Gesicht tiefer in das Kissen. Am Tag versuchte ich stark zu sein. Keiner sollte mir meinen Kummer anmerken. Ich lachte mit meinen Freunden, machte selber Scherze. Wollte so sein wie immer. Aber Lissa und auch Alberta hatten gemerkt, wie sehr ich litt.

Dunkle Ringe unter den Augen, zeugten von kaum geschlafenen Nächten. Verquollene Lider erzählten von den Tränen, die ich jede Nacht vergoss. Da half auch kein Waschlappen mehr, mit kaltem Wasser getränkt. Gab es überhaupt etwas, das gegen ein gebrochenes Herz half?
„Roza, du solltest aufhören um mich zu weinen.“
Erschrocken hob ich den Kopf. Verlor ich jetzt schon den Verstand? Aber ich hatte gerade seine Stimme gehört.
Vorsichtig blickte ich mich in meinem kleinen Zimmer um. Und auf einmal sah ich ihn. Eine transparente Gestalt. Dimitri.
Kurz schüttelte ich den Kopf. Schloss die Augen und öffnete sie wieder. Aber da war er immer noch. „Das kann nicht sein.“
Schockiert blickte ich ihn an. „Wie geht das?“
Ich hatte ja schon öfters Geister gesehen. Aber normalerweise konnten sie nicht auf das Schulgelände, da die Schutzzauber sie davon abhielten. Und bisher hatte auch noch kein Geist mit mir gesprochen. Bis auf die zwei Worte, die Mason damals gesagt hatte. Und das auch nur unter größter Anstrengung.
Doch da saß er. Eindeutig ein Geist. Dimitris Geist. Und er hatte mit mir gesprochen.
Bei meiner Frage zuckte er mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. In dem einen Moment war ich noch in Sibirien und lag im Sterben. Und im nächsten Moment war ich hier.“
Wieder schüttelte ich den Kopf. „Ich werde wahnsinnig. Jetzt ist es soweit.“
Da lächelte meine Halluzination. „Ich bin mir sicher, dass du nicht wahnsinnig wirst, Roza. Ich kann es dir nur nicht erklären. Außerdem... du hast doch schon andere Geister gesehen.“
„Ja sicher“, kam es von mir. „Aber nicht, wenn die Schutzzauber funktionieren. Und noch keiner hat mit mir geredet.“

Jetzt nahm ich mir allerdings die Zeit und blickte ihn genauer an. Auch wenn er als Geist auftrat, seine Haut hatte einen leichten dunklen Tein. Und seine Augen, sie waren so braun, wie ich sie ihn Erinnerung hatte. Seine geisterhafte Gestalt hatte nichts von einem Strigoi. Und doch.
„Du bist tot. Ich habe dich getötet.“
Da schüttelte er den Kopf. „Nein, du hast mich erlöst. Vielleicht bin ich deshalb jetzt bei dir.“
Verzweifelt raufte ich mir die Haare. Ich verstand gerade gar nichts.
„Du solltest etwas schlafen“, meinte da seine sanfte Stimme. „Ich weiß, dass du die letzten Tage nicht viel davon abbekommen hast.“
„Wie lange bist du schon hier?“ Wie konnte er wissen, dass ich nicht zum schlafen gekommen war?
„Solange du hier bist.“
Fassungslos starrte ich ihn an. „Hast du mich jeden Abend beobachtet? Wie ich weine? Und keinen Ton gesagt?“
„Ja das habe ich. Ich hatte gehofft... „ Er brach den Satz ab und seufzte. „Du solltest wirklich schlafen. Und wir reden Morgen weiter.“
Zweifelnd schaute ich ihn an. „Versprichst du mir das?“
„Ja, das tue ich Roza. Und nun schlaf endlich.“
Ich zog die Decke über meinen Kopf und schloss die Augen. Wahrscheinlich war er morgen verschwunden. Und ich hatte ihn mir ganz gewiss nur eingebildet. Trotzdem war es schön, sich vorzustellen, dass er nur für einen Moment hier war. Und jetzt über meinen Schlaf wachen würde.  

Als am nächsten Morgen mein Wecker mir sagte, dass ich aufstehen muss, fühlte ich mich zum ersten mal erholt. Ich sprang aus meinem Bett und blickte mich um. Natürlich war er nicht zu sehen. Hatte ich wirklich was anderes erwartet? Wahrscheinlich hatte mir meine Phantasie nur einen Streich gespielt. Aber immerhin hatte ich so endlich mal wieder eine ruhige Nacht.

Selbst Alberta bemerkte die Veränderung, als sie in die Halle kam. „Guten Morgen, Rose. Schon vor mir hier?“
„Ja“, strahlte ich. Und dann fing das Training an. Es lief ja noch alles normal. Alberta lies mich die üblichen Kraftübungen machen. Und dann kam das eigentliche Kampftraining.
„Du musst deine Beine höher nehmen.“ Verwirrt schaute ich Alberta an. Sie hatte den Mund nicht bewegt und eigentlich war das auch nicht ihre Stimme. Kurz drehte ich mich um. Und da saß er. Auf einer der Matten und hatte tatsächlich auch eins dieser üblichen Hefte in seiner Hand.
Diese kleine Ablenkung bezahlte ich teuer. Denn der nächste Hieb von Alberta traf mich mit voller Wucht. „Rose, du musst dich konzentrieren“, tadelte sie mich.
„Entschuldigung“, murmelte ich. Warf aber der Geistergestalt einen bösen Blick zu. Wie zur Hölle sollte ich mich konzentrieren, wenn er in den unerwartetsten Momenten auftauchte. Was hatte er überhaupt hier zu suchen?
„Sie hat recht“, grinste er da.
„Halt.den.Mund.“, grummelte ich leise vor mich hin.
„Bitte?“, fragte jetzt Alberta nach.
„Nichts. Ich dachte einen Moment, ich hätte was gehört.“
„Rose, ist alles in Ordnung mit dir?“ Jetzt klang sie wirklich besorgt. Das war eine gute Frage. Bildete ich mir alles nur ein. Oder war er zurück gekommen, um mich verrückt zu machen?
„Ja, alles bestens.“ Jetzt hatte ich meinen Blick wieder nur auf Alberta. Kam von ihm noch ein Kommentar versuchte ich ihn zu ignorieren. Was gar nicht so einfach war.

Nach der Trainingsstunde und nach Albertas Verschwinden drehte ich mich zu ihm um und hatte tief Luft geholt. Aber er war weg. Einfach so. Oder war er nie da gewesen? Ich verlor wirklich den Verstand.
Da half nur eins. Ab in die Kantine und etwas essen. Rasch packte ich auf mein Tablett zwei Donuts und zwei Marmeladenbrötchen. Damit lies sich der halbe Tag auf jeden Fall überleben.
„Du solltest was gesundes essen. Und das ist eindeutig nicht gesund.“
Ich drehte mich um und blickte in zwei braune Augen. „Hast du nicht was besseres zu tun, als mich um den Verstand zu bringen? Und wenn wir gerade dabei sind. Ich esse was ich will“,  zischte ich ihm zu.
Lachend hob er die Hände.
„Hey, Rose“, ertönte da eine andere Stimme. Lissa.
„Guten Morgen“, begrüßte ich sie. Dann drehte ich mich vorsichtig um. „Hast du Zeit? Ich muss mit dir reden.“
„Ja klar. Komm wir suchen uns ein ruhiges Eckchen. Aber sag mal, die volle Dosis, schon um diese Uhrzeit?“, fragte sie mich lachend, als sie mein Tablett sah.
Rasch schnappte ich mir noch was zu trinken und ging dann mit ihr an einen Tisch, an dem noch keiner saß.
„Lissa, ich glaube ich verliere den Verstand“, erklärte ich meiner Freundin ernst.
„Was ist los, Rose? Siehst du wieder Geister? Ich dachte der Ring hilft dir.“
Ein Schuss ins Blaue von ihr, aber sie hatte getroffen und ich lachte los. Kategorie, total irre.
„Ja das dachte ich auch. Ich dachte auch, dass ich an der Schule geschützt bin vor ihnen. Aber ich sehe ihn. Er sagt mir, was ich beim Training machen soll. Er sagt mir was ich essen soll. Und er sagt mir, wann ich schlafen soll.“
„Wer?“, fragte meine Freundin da.
„Dimitri.“
Sofort konnte ich das Mitleid in ihrem Gesicht sehen. „Ach Rose.“
Gut, sie hielt mich auch verrückt. Dann stand ich immerhin nicht allein mit dieser Meinung da.
„Liss, es ist mein Ernst. Er ist hier. Vor ein paar Minuten stand er noch hinter mir und hat mir erklärt das ich was gesundes essen soll.“
Lissa runzelte die Stirn und blickte dann auf mein Tablett. „Na ja, ganz unrecht hat er ja nicht.“
Ich stöhnte auf. „Lissa, es ist mein Ernst. Er ist hier. So wie Mason damals. Nur... viel realer. Wenn das in Geisterform überhaupt geht. Er redet mit mir.“

Einen Moment starrte sie mich an. Dann begriff sie, dass ich es wirklich ernst meinte. „Du bist dir sicher, dass er es ist?“
„Natürlich bin ich mir sicher. Letzte Nacht ist er das erste mal aufgetaucht. Da habe ich noch gedacht, ich träume. Aber vorhin war er in der Turnhalle und hat mir erklärt wie ich trainieren soll. Und eben war er wieder da und hat mein Frühstück bemängelt. Liss, sag mir bitte, dass ich nicht verrückt werde.“
„Auf jeden Fall siehst du heute besser aus, als in den letzten Tagen“, stellte meine Freundin fest. „Und du hast deinen Kampfgeist wieder.“
„Ja“, knurrte ich. „Weil er mich wütend macht. Er taucht an den unmöglichsten Orten auf und lässt mich wie eine Irre aussehen.“
Leise lachte Lissa auf. „Kommt mir bekannt vor. Wenn ich mich nicht irre, dann konnte er dich schon früher auf die Palme bringen, indem er Dinge gesagt hat, die dir nicht passen.“
Sie hatte recht. In dieser Hinsicht hatte sich nicht geändert. Unwillkürlich musste ich auch grinsen.
„Ist ja schon gut. Aber was mache ich jetzt mit meinem ganz persönlichen Geist?“
Da zuckte sie mit den Schultern. „Was hat er denn gestern Abend noch gesagt?“
„Das wir heute Abend reden.“ Und bei diesen Worten lies ich den Kopf auf die Tischplatte fallen. „Wie das schon klingt. Ich habe ein Date mit einem Geist.“

Ein Blick auf die Uhr sagte mir allerdings, dass ich los musste. Der Unterricht fing gleich an. Und Stan verstand da keinen Spaß. Den Rest des Tages kam ich nicht mehr dazu, über meine seltsame Begegnung nachzudenken. Und er tauchte auch nicht mehr auf.
Erst nach dem Abendtraining mit Alberta hatte ich wieder Ruhe. Rasch sprang ich unter die Dusche und schlüpfte in was bequemes.
In meinem Zimmer stellte ich einen Stuhl vor mein Bett und setzte mich dann selber im Schneidersitz darauf. Aber nichts passierte. Doch alles nur ein Traum? Kurz schloss ich die Augen, drehte den Kopf etwas hin und her, um meinen steifen Nacken zu lösen.
Als ich die Augen wieder öffnete, erblickte ich seine bleiche Gestalt.

Keiner sagte ein Wort. Aber irgendeiner musste ja anfangen. Und so wie es aussah, war ich derjenige.
„Also gut. Was machst du hier?“
Dimitris Augen schauten mich eindringlich an. „Anscheinend brauchst du Hilfe.“
„Hilfe? Bei was?“, fragte ich ihn da.
Da zuckte er mit den Schultern. „Ich kann es dir nicht sagen. Beim Training. Bei der Liebe. Beim Leben.“
Leise schnaubte ich durch die Nase. „Für das Training habe ich Alberta. Für das Leben habe ich meine Freunde. Und bei der Liebe...“, ich schluckte hart. „... da kann mir keiner helfen. Du bist tot.“

Verzweifelt schüttelte er den Kopf. Und den Blick, den er jetzt drauf hatte, kannte ich nur zu gut. „Rose, willst du wirklich dein ganzes Leben um mich weinen?“
„Ja“, erklärte ich ihm.
„Das ist aber nicht richtig. Irgendwann wird der Tag kommen, wo du nicht an mich denkst. Und es wird ein guter Tag sein. Vielleicht triffst du sogar einen jungen Mann, der dir gefällt. Was ist mit Adrian?“
Energisch schüttelte ich den Kopf. „Niemals. Und Adrian liebe ich nicht, zumindestens nicht so wie dich.“
Er seufzte. „Ich sehe schon, dass wird ein hartes Stück Arbeit. Ich kann nur hoffen das ich solange Zeit habe. Als Erstes das Training. Alberta ist wirklich gut. Aber dich hat sie nicht im Griff.“
„Ach und du denkst, du hast mich im Griff?“ Aber ich kannte die Antwort von ihm schon.
„Ja sicher. Das heißt für dich, dass du Morgens eine Stunde früher in der Halle bist.“
„Bitte?“ Ich starrte ihn fassungslos an. „Bist du verrückt.“
„Nein, ich denke nicht, dass ich das bin. Und am besten Abends auch noch eine Stunde nach Albertas Training.“
Stöhnend lies ich mich nach hinten fallen. „Das ist Folter. Zwei Stunden Training zusätzlich.“
„Willst du gut abschneiden oder nicht?“
„Ja“, grummelte ich. „Und was ist mit der Theorie? Stehst du dann neben mir und sagst mir die richtigen Antworten?“
Da lachte er und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kann dir aber beim lernen helfen.“
Und wieder ein Blick des totalen Unglaubens. „Wann soll ich noch schlafen?“  
„Jetzt zum Beispiel.“
Das musste ich erstmal verdauen.

„Kann ich dich mal was fragen“, fing ich nach einer ganzen Weile an.
„Sicher, Roza, alles.“
Einen Moment zögerte ich. „Hättest du mir in Sibirien je gesagt, dass du mich liebst?“
Ich hatte den Eindruck, dass sein Gesichtsausdruck einen Moment traurig wurde. Doch dann fasste er sich allem Anschein nach wieder.
„Nein Roza, das hätte ich nicht. Strigoi sind nicht in der Lage, solche Gefühle zu empfinden.“
Die Antwort war hart. Aber immerhin ehrlich.
„Kann ich dich auch was fragen“, fing er da an.
Kurz nickte ich.
„Hättest du dich verwandeln lassen, wenn ich es dir gesagt hätte?“
Einen kurzen Moment setzte mein Herzschlag aus. „Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.“ Ich hatte zwar immer auf diese Worte gewartet, aber hätten sie mich tatsächlich dazu gebracht, ihm zu folgen?
Dimitri nickte bei meinen Worten. „Das reicht mir. Wenn du „Ja“ gesagt hättest, dann hätte mich das wohl mehr schockiert.“
„Warum?“
„Die Vorstellung, dass ich dich tatsächlich so weit gebracht hätte, würde mir nicht gefallen. Und jetzt geh schlafen.“
Also ganz ehrlich. Den Kommandoton konnte er sich direkt wieder abgewöhnen.

Die nächsten Wochen wurden für mich kein Zuckerschlecken. Wenn Morgens der Wecker klingelte, dann drehte ich mich meistens nochmal um. Aber keine zwei Minuten später ertönte Dimitris Stimme neben meinem Ohr und sorgte dafür, dass ich unsanft aus dem Bett fiel. Als Geist war er ganz schön lästig. Früher konnte er nicht persönlich in mein Zimmer kommen, um mich zu wecken. Aber jetzt ...
Gut, meine Leistungen wurden besser. Um nicht zu sagen, fabelhaft. Alberta war auf jeden Fall begeistert. Noch mehr war sie davon begeistert, dass ich jeden Morgen schon aufgewärmt in der Halle auf sie wartete - wenn sie wüsste.
Die Einzige, die wirklich Bescheid wusste war Lissa. Und sie amüsierte sich königlich. Denn meine Begeisterung über Dimitris Auftauchen war irgendwie in den Keller gewandert.
Nicht nur, dass er ständig meine Essgewohnheiten kritisierte. Nein, er hatte es sich auch zur Aufgabe gemacht, mein Liebesleben wieder auf Vordermann zu bringen. Immer zum ungünstigsten Zeitpunkt tauchte er auf und deutete auf einen anderen Typ, der seiner Meinung nach zu mir passen könnte. Vorzugsweise machte er das genau dann, wenn ich ihm nicht widersprechen konnte. Am liebsten, wenn ich gerade mit einigen Freunden zusammenstand oder im Unterricht. Nur wenn ich mit Lissa allein war und er auftauchte, dann wagte ich es ihm schon mal passende Wiederworte zu geben.
Und auch wenn es für meine Freundin seltsam war, sie konnte sich manchmal das Lachen nicht verkneifen.
„Ich weiß nicht, was daran so komisch ist“, knurrte ich, nachdem mein lieber Genosse es mal wieder geschafft hatte, mich an den Rand der Verzweiflung zu bringen.
„Ich kann ihn zwar nicht sehen“, meinte Lissa da. „Aber er hält dich auf Trab. Und das tut dir gut.“
Jeden anderen hätte mein Blick wahrscheinlich eingeschüchtert. Aber nicht Lissa. Sie kannte mich  einfach zu gut.
„Sei still“, knurrte ich stattdessen. Aber im Grunde wusste ich, dass sie recht hatte. Er war der Grund für meine Traurigkeit am Anfang. Aber er war auch der Grund, warum ich zur Zeit verbissen trainierte. Ich wollte ihm beweisen, dass ich gut war. Sogar besser als gut.
„Ich muss zum Training“, erklärte ich ihr. „Wir sehen uns Morgen.“

Damit wand ich meine Schritte in Richtung Turnhalle. Meine erste Stunde hatte ich mit Alberta, die mich am Ende lobte. „Sehr gut Rose. Ich sehe keine Probleme mehr für deine Abschlussprüfung. Und was ich so höre, hast du bei deinen schriftlichen Arbeiten auch unerwartet gut abgeschnitten.“
Dieses Lob tat mir gut und ich lächelte. Dimitri hatte mit mir tatsächlich gelernt. In jeder freien Minute, die wir finden konnten.
„Selbst bei Stan Alto?“, fragte ich. Alberta lachte auf. „Ja, selbst bei Stan. Obwohl er der festen Überzeugung ist, dass du es geschafft hast zu schummeln. Aber da er dir nichts nachweisen kann, musste er die Arbeit mit einer 2 benoten.“
Und jetzt grinste ich. „Ich habe gelernt. Ehrenwort.“ Da die Stunde beendet war, forderte mich Alberta auf, zu gehen. Eigentlich hatte ich noch Unterricht bei Dimitri. Aber heute konnte ich mich nicht herausreden. Alberta bestand darauf, dass ich sie begleitete.
„Du solltest schlafen gehen“, meinte sie vor der Tür, die zu den Quartieren der Novizen führte.
Schließlich zuckte ich mit den Schultern. Dimitri würde mich schon finden.
Und ich ging direkt unter die Dusche, damit ich gleich danach ins Bett kam. Eine Stunde früher schlafen. Ich konnte gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freute.

Ich war gerade aus der Dusche gekommen und wollte mich anziehen, da konnte ich ihn spüren. Langsam drehte ich mich um, und sah seine Augen, die auf meinem Körper ruhten. Reflexartig zog ich einen Arm um meinen nackten Oberkörper, um zu mindestens notdürftig meine Blöße zu bedecken. Denn bis auf einen Slip hatte ich noch nichts an. „Machst du das öfters?“, fragte ich ihn, um meine Verlegenheit zu kaschieren.
Doch er starrte mich nur weiter an. „Nur 5 Minuten nochmal Mensch sein“, kam es dann leise.
„5 Minuten? Und du bist sicher, das reicht?“  Ein kleines Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen in dem Moment.
„Ja, das würde reichen.“
Ich wusste nicht, welcher Teufel mich bei der nächsten Frage ritt. „Was würdest du tun?“
Sein Blick war immer noch auf mich gerichtet. Doch diesmal etwas nachdenklicher. „Als erstes würde ich deinen Arm wegziehen, damit ich dich betrachten kann.“
Sofort lies ich meinen Arm fallen. „Und dann?“  
Seine Augen blitzten auf. „Ich würde dich berühren.“ Ein kleiner Schritt und er stand vor mir. Seine geisterhaften Hände legten sich auf meine Schultern. Ich konnte ihn nicht fühlen. Und trotzdem kribbelte meine Haut, an den Stellen, an denen seine Hände entlang strichen.
Wie selbstverständlich berührten meine Hände die selben Stellen. Ich konnte hören, wie er nach Luft schnappte, als ich seinen Berührungen mit den meinen folgte.
„Was kommt als nächstes?“
Sein Blick wanderte tiefer. „Ich würde eine Hand in deinen Slip gleiten lassen. Und diese besondere Stelle zwischen deinen Beinen suchen, die dir die Knie weich werden lässt. So wie damals.“
Ich konnte nichts dagegen machen. Automatisch wanderte meine Hand genau an die Stelle, die er beschrieben hatte. Sein Blick war gebannt von der Bewegung unter dem dünnen Stoff.
„Weiter“, bettelte ich.
Kurz warf er einen Blick über meine Schulter. „Ich würde dich auf das Bett legen, dir langsam deinen Slip ausziehen und dich genau da küssen, wo vorher meine Finger waren.“
Ich trat einen Schritt zurück, bis ich das Bett in meinen Kniekehlen merkte und setzte mich zuerst, ehe ich mich hinlegte. Dabei schloss ich die Augen, um mich so der Illusion hin zu geben, dass es tatsächlich seine Lippen waren und nicht meine Finger, die mich berührten.
„Ich würde mich auf dich legen und ganz langsam würde ich zu dir kommen.“  Seine Stimme war jetzt dicht an meinem Ohr.
Gut ein Finger war ein schwacher Ersatz. Aber mit seiner Stimme an meinem Ohr und etwas Phantasie konnte ich mir vorstellen, dass es tatsächlich er war.
„Und dann würde ich mich ganz langsam in dir bewegen, weil ich weiß das es dich wahnsinnig macht.“ Fast konnte ich sein grinsen hören.
„Ach das weißt du? Nach nur einem Mal?“
„Ja“, flüsterte er mir heißer zu. „Du bist keine Frau, die es ruhig mag. Du bist voller Leidenschaft. Das konnte ich schon beim ersten Mal spüren.“
Für einen Moment hielt ich unbewusst inne.
„Nein, mach weiter“, hauchte er in mein Ohr. „Wir haben nur 5 Minuten.“
Sofort folgte ich seiner Anweisung und mein Finger bewegte sich langsam weiter.
„Du würdest dich unter mir winden, darum flehen, dass ich schneller mache. Eine Hand würde sich unter dein Hinterteil schieben, nur, um dich näher heran zu ziehen. Meine Lippen würden deine Brüste küssen. Und manchmal würde ich dich sanft beißen.“
Mein Herz schlug schneller bei der bloßen Vorstellung. Es war noch gar nicht so lange her, dass er mich gebissen hatte. Auch wenn das einem anderen Zweck diente. Obwohl einen gewissen erotischen Reiz hatten sie doch gehabt. Die Bisse. Seine Bisse.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, flüsterte er weiter. „Deshalb muss ich das Ganze beschleunigen. Also würde meine andere Hand wieder zwischen deine Beine gleiten. Das kleine Nervenbündel suchen und stetig darüber streichen. Gleichzeitig würde ich mich schneller bewegen. Und du würdest mir entgegen kommen, mit jedem Stoß.“
Ich keuchte auf. Die Bilder, die er mir in den Kopf setzte waren überwältigend.
„Und dann würdest du deinen Höhepunkt erreichen. Fest würde sich dein Fleisch um meines schließen. Deine Beine würden zittern. Und genau das wäre der perfekte Moment, in dem auch ich, tief in dir drin, kommen würde.“
Ich konnte nicht anders. Leise schrie ich auf, als mich mein Höhepunkt überrollte, der nur durch seine Worte ausgelöst wurde. Schwer atmend lies sich ich mich auf das Bett zurückfallen lies. Einen Moment schaute ich ihn nur an.Wie ein Wunder. Ich brauchte noch etwas, ehe sich mein Puls was beruhigte.
„Ich wünschte, wir hätten das zusammen erleben können“, meinte ich schließlich.
„Das haben wir Roza. Ich konnte dich fühlen, in jeder Sekunde.“
Ich starrte an die Decke. „Was tun wir jetzt?“
Sein  trauriges Gesicht erschien über meinem. „Es gibt kein Wir. Die Frage ist, was wirst du tun? Für mich waren das eben die letzten 5 Minuten als Mensch. Aber du hast noch dein ganzes Leben vor dir.“

Ich zog die Decke um mich und drehte mich auf die Seite. Er sollte nicht sehen, wie einige Tränen runter liefen. Auch wenn er mich zur Zeit in den Wahnsinn trieb. Der Gedanke, dass er eines Tages weg war, brach mir das Herz.

Im Laufe des nächsten Tages trafen einige Wächter vom Hof ein, die unsere Leute hier bei der Abschlussprüfung unterstützen sollten. Ich bemerkte es nicht mal, weil meine Gedanken ganz woanders waren. Zum einen hatte ich heute die letzte schriftliche Abschlussprüfung. Zum anderen waren meine Gedanken beim gestrigen Abend. Und noch immer liefen mir kleine Schauder über die Haut, wenn ich nur daran dachte.
Selbst Lissa bemerkte es beim Frühstück. „Hey, was ist los?“, fragte sie mich, während sie sich ihren Kaffee auf das Tablett stellte.
„Nichts“, murmelte ich und ausnahmsweise befolgte ich Dimitris Ratschlag und nahm mir einen Joghurt  mit. Das lies sogar Lissa staunen.
Gerade als wir am Tisch saßen, kam Eddie zu uns. Mein Glück. Sonst hätte Lissa mich wahrscheinlich gelöchert, bis ich klein bei gegeben hätte.
„Habt ihr schon die neuen Wächter gesehen?“, fragte Eddie als erstes. „Da sind ein paar ganz schöne Brocken dabei. Da kann ich nur hoffen, dass ich einen von unseren Leuten bekomme. Die kenne ich wenigstens.“
Ich nickte nur. Es war mir egal, wen ich bekam. Hauptsache ich kam gut durch die Prüfung.
„Sag mal Rose, ist alles in Ordnung mit dir?“ Eddie deutete auf mein Tablett. So ein Frühstück war er auch nicht von mir gewohnt.
„Ja alles bestens. Und jetzt sei still. Ich muss gleich noch eine Prüfung schreiben.“ Nicht, dass er sie nicht auch schreiben müsste. Aber ihm schien das nicht so viel aus zu machen.
Auf einmal holte Lissa Luft und es dauerte einen kleinen Moment, ehe sie normal ausatmete.
„Was?“, kam es verwirrt von mir.
„Nichts, ich dachte nur...“, sie warf mir einen Seitenblick zu. „... ich dachte nur, ich  hätte einen Geist gesehen.“
Sehr witzig, wollte ich schon sagen, als ich sah, was sie meinte. Unter den neuen Wächtern war einer, der auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit mit Dimitri hatte. Wenn man allerdings genauer hinsah, zerfiel das Bild. Er war sogar noch ein Stück größer als Dimitri. Seine Statur war etwas schlanker, um nicht zu sagen, fast schon schlaksig. Jünger war er auch. Und er hatte ein Lächeln im Gesicht. Ein wirklich nettes Lächeln, wie ich einen Moment zugeben musste.
Fast als hätte er gespürt, dass wir ihn anstarren, drehte er sich zu uns um und nickte kurz. Was mich aber wirklich etwas aus der Bahn war, war, dass er einen langen braunen Staubmantel trug. Genau das lies ihn Dimitri auch so ähnlich wirken.
„Wetten er ist Russe“, meinte Lissa grinsend.
„Ist doch egal“, meinte ich da. „Ich muss los.“ Mein Frühstück hatte ich kaum angerührt. Und das Auftreten dieses Möchtegern hatte meine Stimmung ganz in den Keller bugsiert.

Aber immerhin lief dann meine Prüfung gut. Dimitri hatte sich die ganze Zeit unten an der Tafel positioniert, damit ich ihn sehen konnte. Wahrscheinlich wunderte sich schon mein Lehrer, weil ich ihm immer wieder einen verliebten Blick zu warf. Aber ich konnte einfach nicht anders.
Nach der Prüfung trat ich aus dem Klassenzimmer und schaute mich nach meinem Mentor um. Dabei wäre ich fast über sein jüngeres Ich gefallen. Das bemerkte ich allerdings erst, nachdem ich mich zu dem jungen Mann umgedreht hatte.
„Entschuldigung“, murmelte ich. Doch er schüttelte den Kopf und reichte mir stattdessen seine Hand. „Du bist Rose, nicht wahr? Alexander, für meine Freunde Sanja.“
Doch, ich konnte mir ein gewisses Erstaunen nicht verkneifen. „Du weißt, wer ich bin?“
Leise lachte er auf. Und es war ein angenehmes Lachen. „Wer kennt dich nicht? Du hast einen gewissen Ruf.“
Verlegen blickte ich  zu Boden. Konnte aber nicht leugnen, dass Lissa recht hatte. Er war Russe. Er hatte einen ähnlichen Akzent wie Dimitri.
„Wo willst du so eilig hin?“ Bei seine Frage blickte ich ihm in die Augen. Braun wie Schokolade. Eine wunderschöne Farbe.
„Ich wollte gerade zum Mittagessen“, erwiderte ich dann höflich.
Kurz zögerte er. „Darf ich dich begleiten?“
Da  zuckte ich mit den Schultern. „Warum nicht. Essen müssen wir schließlich alle.“
Auf dem Weg zur Mensa stellte ich fest, dass er ein angenehmer Begleiter war. Und die Ähnlichkeit mit Dimitri verschwand immer mehr. Sanja war ein sehr fröhlicher Mensch. Er lachte viel und auch gerne. Und mir gefiel das. In der Mensa setzten wir uns gemeinsam an einen Tisch, nachdem wir unser Essen geholt hatten.
„Darf ich dich mal was fragen?“, und schaute ihn neugierig an.
„Sicher.“
„Magst du Western?“ Keine Ahnung, warum ich ihn ausgerechnet das fragen musste. Aber meine Frage erheiterte ihn.
„Nein, überhaupt nicht. Ich liebe Thriller. Krimis, wo ich gezwungen bin mitzuraten. Egal, ob Filme oder Bücher.“
Erleichtert atmete ich aus. Ich konnte nicht anders.
„Magst du sie denn?“, setzte er jetzt neugierig nach.
„Nein“, lachte ich da. „Nein, auf keinen Fall. Ich kannte da nur mal jemanden.“ Ein paar Tische weiter sah ich Lissa, die sich gerade mit Christian hinsetzte. Nachdem sie ihr Tablett abgestellt hatte, hob sie beide Daumen hoch. Leise stöhnte ich auf.
„Was ist?“, fragte Sanja in dem Moment.
„Nichts. Nur meine Freundin.“ Grinsend deutete ich zu Lissa, die sich gerade einen Löffel Kartoffelpüree in den Mund schob.
Alexander drehte sich um, nickte Lissa kurz zu und wand sich dann wieder mir zu. „Die Dragomir Prinzessin. Ich hatte sowas gehört. Und was lässt dich jetzt verzweifeln?“
„Das sie glaubt, wir hätten sowas wie ein Date.“
Schockiert blickte er mich an. Und ich rechnete schon mit dem Schlimmsten.
„Sie glaubt es nur? Ich dachte, dass wäre was ganz offizielles.“ Doch dann konnte ich seinen Humor aufblitzen sehen.
„Nein ist es nicht. Ist das nicht eher Verbrüderung mit dem Feind? Immerhin bereitest du die Abschlussprüfung mit vor.“
„Nein, ich habe meinen Chef vorher gefragt, bevor ich...“ Auf einmal hielt er inne.
„Bevor du was?“ Und meine Mine versteinerte.
„Bevor ich dafür gesorgt habe das du über mich fällst“, sagte er leise.
„Gott“, blaffte ich ihn laut an. „Und was dann? Ein nettes Mittagessen, etwas flirten und sehen was draus wird?“ Und mir war es egal, dass sich einige nach mir umdrehten. „Ich kann sowas echt nicht gebrauchen. Ich kann dich nicht gebrauchen.“ Hastig stand ich auf und rannte schon fast aus der Mensa.
Seinen entsetzten Blick hatte ich noch bemerkt. Das Lissa allerdings aufgestanden war, um zu ihm zu gehen nicht mehr.

Ich eilte zur Tür raus und auf das Gelände. Im Grunde war ich nicht mal sauer auf ihn, sondern wütend auf mich selber. Er hatte mir gefallen. Ich hatte Spaß mit ihm. Und das erste Mal, seit ich aus Sibirien wieder zurück war, hatte ich richtig lachen können. Und ich schämte mich dafür. Fühlte mich, als hätte ich jemand anderes verraten.
Unbewusst lenkten mich meine Schritte in den Wald. Und am Ende stand ich vor der kleinen Hütte, in der für einen kurzen Moment die Zeit still gestanden hatte.
Ich ging hinein und blickte mich kurz um. So wie alles aussah, war nach uns keiner mehr hier gewesen.
Ich warf mich auf das Bett, vergrub mein Gesicht in den Kissen und Tränen der Wut und der Scham liefen in runter.
„Roza.“
Deutlich konnte ich seine Stimme hören. Weigerte mich aber, den Kopf zu heben.
„Roza, sieh mich an.“
„Was ist?“ Meine Stimme war gedämpft, da mein Gesicht immer noch in dem Kopfkissen vergraben war. Doch dann hob ich den Kopf und funkelte seine geisterhafte Gestalt mit meinen Augen an.
„Warst du das? Hast du ihn zu mir geschickt?“, fragte ich ihn wütend.
Ein weißes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Nein, sowas kann ich gar nicht.“
„Ach, dann ist das alles nur ein dummer Zufall?“
„Ja Rose, das ist es. Was regt dich eigentlich so auf? Das er hier ist, oder das du ihn magst.“
„Ich mag ihn nicht“, schnauzte ich ihn an. „Nicht ein bisschen.“ Ich setzt mich jetzt auf das Bett im Schneidersitz.
„Rose, ich habe dich mit ihm gesehen. Du hast mit ihm gelacht. Und du hast glücklich ausgesehen.“
Fassungslos starrte ich ihn an. Er hatte mich beobachtet. Und er hatte sich nicht gezeigt.
„Aber das war falsch“, erklärte ich ihm in einem heftigen Tonfall.
„Warum?“, kam es ungläubig von ihm.
„Weil... weil ich dich liebe“, brüllte ich ihn jetzt fast an. „Wie kann ich jemals da mit einem anderen glücklich sein?“ Wieder liefen Tränen über mein Gesicht.

„Roza“, kam es ganz leise von ihm. „Ich werde gehen. Und nie wieder kommen. Ich weiß nicht mal, warum ich noch eine Chance bekommen habe, dich zu sehen. Aber ich bin dankbar dafür.“
„Dann geh nicht“, sagte ich leichthin.
„Und was dann? Soll ich den Rest deines Lebens als Geist bei dir verweilen? Und du? Willst du mich wirklich für immer festhalten?“
„Ja. Was ist so falsch daran? Ich kann doch sowieso nie ein richtiges Leben führen, als Wächterin. Dann kann ich auch den Rest meines Lebens mit dir verbringen.“
Leise lachte er auf. „Du wirst ein richtiges Leben führen. Mit Lissa. Und mit einem Freund, den du regelmäßig sehen wirst. Und zwar richtig. Es muss ja nicht dieser Alexander sein. Aber irgendwann...“
Mein Blick war voller Zweifel, als ich ihn anschaute. Ein Richtiges Leben. Einen Mann, ein Kind, eine Familie. Sowas gab es in meiner Welt einfach nicht. Und er wusste es. Selbst als wir hier waren und Pläne gemacht hatten für die Zukunft, war alles nur eine Illusion.
„Komm“, sagte er da leise. „Du verpasst deinen Unterricht. Das ist zwar nicht ganz so tragisch, da du heute deine letzte Prüfung geschrieben hast. Aber dein Training solltest du auf keinen Fall versäumen.“
Mit dem Handrücken wischte ich mir über die Augen. Es musste ja nicht jeder sehen, dass ich geweint hatte. Und ich gab es zu. Ich führte mich gerade auf, wie ein trotziges Kind, das sein Spielzeug nicht bekam. Ich wusste, dass er gehen musste. Aber ich wollte es einfach nicht akzeptieren.
Er streckte seine Hand nach mir aus. Und ich wünschte mir, nur für einen Moment sie halten zu können. Die Wärme seiner Haut zu spüren, den Druck seiner Finger, wenn meine Hand in seiner lag. Aber all das ging nicht. Es war schon vor langer Zeit verloren.

Den Rest der Woche blieben wir beide auf professioneller Distanz. Keine Gefühlsausbrüche mehr. Kaum ein persönliches Wort. Aber er schaffte es, dass ich noch besser wurde.
Meiner besten Freundin wich ich den Rest der Woche aus. Ich wollte ihr Mitleid nicht. Aber durch das Band konnte ich fühlen, dass sie sich wirklich Sorgen um mich machte.
Aber am meisten tat mir tatsächlich Alexander leid. Er wusste nicht, was er machen sollte. Wann immer er mich sah, grüßte er mich freundlich. Und ich grüßte genauso freundlich zurück. Aber zu mehr war ich einfach nicht bereit.

Und dann war der Tag der Prüfung. Alberta hatte mich am frühen Morgen kurz aufgesucht und mir alles Gute gewünscht. Aber sie hatte auch gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. Ich war bestens vorbereitet. Dimitri blieb allerdings bei mir. Flüsterte mir aufmunternde Worte ins Ohr. Bestärkte mich und gab mir auch noch den einen oder anderen guten Ratschlag.
Als ich endlich dran war, hatte ich nur noch einen Gedanken. Ich wollte ihn stolz machen. Und dies war meine letzte Chance. Irgendwie ahnte ich, dass er nicht mehr länger bei mir bleiben würde. Ich wusste, was ich machen musste bei meiner Prüfung. Und doch lief das Ganze wie in einem Traum ab. Erst als alle klatschten, war mir bewusst, dass ich nicht allein in der Arena war. Und ich hatte es geschafft. Ausgepowert, aber zufrieden ging ich in mein Zimmer um mich umzuziehen.
Und dann bekam ich endlich meine Versprechenstätowierung. Es war ein langer Prozess, da noch einige vor mir dran waren. Aber so hatte ich Zeit, meinen Blick durch den Raum streifen zu lassen.
Da stand er, neben Lissa und strahlte voller Stolz. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht in Tränen aus zu brechen. Sicher andere waren auch stolz auf mich. Vorneweg meine Mutter und mein Vater. Lissa, die durch das Band jubelte. Aber das alles war nichts gegen sein Strahlen.

Endlich wurde ich aufgerufen. Und als ich meine Punktezahl hörte, hätte ich fast selber auf gejubelt. Aber das machte man als Wächter nicht. Also riss ich mich zusammen und lies mich tätowieren, nur, um dann nochmal zu warten.
Aber auch das nahm endlich ein Ende. Es sollte noch eine Feier geben. Aber ich wusste nicht, ob ich dazu in der Lage war.
„Herzlichen Glückwunsch. Was du geleistet hast, war wirklich beeindruckend.“
Ich legte meinen Kopf in den Nacken und begegnete dem Blick von Sanja.
„Es tut mir leid“, sagte ich leise zu ihm. Immerhin bekam ich dafür das Erste aufrichtige Lächeln von ihm, seit Tagen.
„Schon Okay. Darf ich nachher noch etwas mit dir reden?“
„Sicher.“ Doch meine Augen sahen in dem Moment etwas anderes. Dimitri, der den Saal verließ.
„Wir sehen uns gleich“, sagte ich noch rasch und lies dann den armen Kerl einfach stehen. Einfach würde er es mit mir auch nie haben.

Ich folgte der geisterhaften Gestalt Dimitris bis nach Draußen. Erst am Rande des Waldes hielt er an.
„Es wird Zeit Lebewohl zu sagen“, fing er an. „Du hast es geschafft. Deine Prüfung hast du mit Bravur bestanden. Dieser junge Mann da drinnen, scheint an dir interessiert zu sein. Und meine Zeit ist um.“ Einen Moment hielt er inne in seiner Abschiedsrede. „Roza, du warst für mich ein ganz besonderer Teil meines Lebens. Auch wenn er viel zu kurz war. Ich liebe dich. Und ich hoffe, dass auch in deinem Herzen immer ein Platz für mich ist.“
Damit drehte er sich um, um zwischen den Bäumen zu verschwinden.
„Aber ich brauche dich“, rief ich ihm hinterher.

Da drehte er sich nochmal zu mir um. „Nein, das tust du nicht. Und hast du auch nie. Du bist die stärkste Frau, die ich jemals kennenlernen durfte. Und du wirst es auch ohne mich schaffen.“
Er trat an mich heran und mit seiner bleichen Hand strich er mir über die Wange. Auch wenn es unmöglich war. Ich konnte diese Berührung spüren und die Tränen liefen mir über die Wange.

„Dimka, was soll ich den ohne dich machen?“ Und Verzweiflung schwang in dieser Frage mit. Das konnte es doch nicht gewesen sein.
Da lächelte er sein typisches Lächeln, das ich so sehr liebte. Aber seine Augen waren voller Traurigkeit. „Lebe dein Leben, Roza. Denke vielleicht ab und zu an mich. Aber vergeude dein Leben nicht damit, um zu trauern.“

Damit wand er sich ab, um mich endgültig zu verlassen. Dann zögerte er aber doch noch einen Moment. „Tust du mir noch einen Gefallen?“
Und ich hatte das Gefühl, das mit jeder Sekunde sein Körper etwas lichter wurde. „Jeden.“
„Besuch meine Familie nochmal. Sag ihnen, dass ich sie liebe.“
Das werde ich, wollte ich gerade sagen, als ein Ruf ertönte.
„ROZA.“  Und das kam nicht von Dimitri. Kurz drehte ich mich um und sah Alexander auf mich zu kommen. Als ich mich zurück drehte, war Dimitri verschwunden. Und ich wusste, dass ich ihn nie wieder sehen würde.

„Alles in Ordnung?“, fragte Alexander mich besorgt. Und mit einem Finger wischte er eine Träne von meiner Wange.
„Ja“, antwortete ich da. „Ich habe nur endgültig Abschied von einem sehr guten Freund genommen.“
Einen Moment sagte Alexander nichts. „Belikov?“, horchte er leise nach. Und ich nickte.
„Ich habe von ihm gehört. Und auch, dass euch wohl einiges verbindet. Er hätte heute hier sein sollen.“

Da konnte ich nicht anders, als zu lächeln. „Das war er. Wie hast du mich eigentlich gerade gerufen?“
„Roza, die russische Form von Rose. Irgendwie passt das besser zu dir.“
„So hat er mich immer genannt“, antwortete ich leise.
„Ich bin ein guter Zuhörer. Wenn du willst, dann kannst du mir was von ihm erzählen.“
Ich nickte. „Das ist eine gute Idee.“
Unbewusst lenkte ich meine Schritte in Richtung kleine Turnhalle. Der Ort wo ich soviel Zeit mit Dimitri verbracht hatte. Dabei fing ich an zu erzählen. Von dem Mann, der mein Mentor war, mein bester Freund und meine erste große Liebe.
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