Gays in Love: Melvin und Leon

von cmc
KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
30.11.2015
25.01.2016
10
23134
20
Alle
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Dieses Kapitel
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Diese Geschichte widme ich Nico


Viele Menschen mögen und schätzen dich, Nico. Dazu gehöre auch ich, deshalb ist diese Geschichte für dich.


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Inhalt

Vor sechs Jahren hat Leon seine Affäre mit Melvin beendet - und es schnell bitter bereut. Viel zu spät hat er damals erkannt, dass es längst mehr als Sex und Freundschaft war.
Jetzt ist Melvin wieder in der Stadt, und Leon wird bewusst, dass er den Mann immer noch liebt. Aber die ersten Treffen laufen alles andere als gut, für einen Neuanfang scheint es zu spät zu sein.

Die Story ist online in meinem Adventskalender 2015 erschienen. Ich danke euch allen fürs Lesen.

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Kapitel 1

Drei Worte. Sie gingen Leon einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich liebe dich. Nur drei kleine Worte, aber sie hatten alles verändert. Leon wusste, dass er sich wie ein Idiot aufgeführt hatte, als Melvin ihm seine Gefühle gestanden hatte.
Melvin. Sie kannten sich nun schon seit einer halben Ewigkeit, waren einander so nah. Dennoch hatte Leon nie darüber nachgedacht, dass es mehr sein könnte als Freundschaft, Sex und vertraute Nähe. Das war ihm erst jetzt klar geworden.
An jenem Nachmittag vor gut einer Woche war er völlig überfordert gewesen. Aus heiterem Himmel hatte Melvin ihm gesagt, dass er ihn liebte. Leon hatte einfach nicht gewusst, wie er reagieren sollte. Er hatte keinen klaren Gedanken mehr fassen können und er hatte Angst.
Liebe bedeutete Verpflichtungen, und eine feste Beziehung ließ sich auf Dauer nicht so einfach verheimlichen. Wahrscheinlich würde er sich dann outen müssen, aber dazu war er noch nicht bereit, und überhaupt … Sie waren doch einfach nur Kumpel, die miteinander ins Bett gingen, oder? Von Liebe war nie die Rede gewesen, und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.
So hatte er das ausgesprochen, was ihm durch den Kopf schoss, und das war kein »Ich liebe dich auch« gewesen. Eher das Gegenteil. Er hatte Melvin mit seiner Ansage, dass es für ihn nur Sex war und sie es wohl besser beendeten, sehr wehgetan. Der Ausdruck in Melvins Gesicht, sein Blick, als Leon das gesagt hatte … Ihm wurde übel, als er daran dachte, wie sehr das seinen Freund verletzt haben musste.
Seitdem hatten sie sich weder gesehen noch miteinander geredet. Leon vermisste Melvin wie verrückt, und in den letzten Tagen war ihm klar geworden, dass es eben nicht nur Freundschaft war. Er liebte Melvin, und nun musste er zusehen, dass er das wieder hinbog. Irgendwie musste er alles wieder in Ordnung bringen. Sich bei Melvin entschuldigen und ihm sagen, dass er seine Gefühle erwiderte. Es würde sicher eine Weile dauern, bis sein Freund ihm verziehen hatte, aber Leon war mehr als bereit, ihm Zeit zu lassen und zu Kreuze zu kriechen. Hauptsache, er bekam Melvin zurück.
Mit wild klopfendem Herzen wartete er darauf, dass sich die Haustür öffnete. Er klingelte erneut, aber niemand reagierte. Verdammt! Wo steckte Melvin nur? Normalerweise war er Samstagsnachmittags immer Zuhause. Eigentlich war es zu kalt, um draußen zu warten, aber das war es Leon wert. Er wollte seinen Freund auf keinen Fall verpassen. Deshalb hockte er sich auf die Treppe und zog die Fußmatte unter seinen Hintern, damit er wenigstens nicht direkt auf der eiskalten Stufe saß. Dennoch hatte er schon nach einer halben Stunde das Gefühl, festgefroren zu sein. Er stand wieder auf und lief alle paar Minuten einige Male hin und her, um sich etwas aufzuwärmen. Erwartungsvoll schaute Leon auf, als endlich ein Auto vor dem Haus stoppte. Doch statt Melvin kam dessen Vater aufs Haus zu.
Die Tatsache, dass Wolfgang diesmal kein Lächeln für ihn übrig hatte, sprach für sich. Melvin hatte seinem Vater schon immer sehr nah gestanden. Selbst für Leon war Wolfgang mehr ein Vater, als es sein leiblicher Erzeuger jemals gewesen war. Mit dem war Leon noch nie besonders gut ausgekommen, mit Wolfgang hingegen konnte er reden. Zumindest im Normalfall, aber im Moment sah der ältere Mann nicht besonders erfreut aus, und das konnte ihm Leon nicht verdenken. Melvin hatte seinem Vater mit Sicherheit erzählt, was vorgefallen war.
»Was machst du hier?«, fragte Wolfgang reserviert, während er die Treppe hochstieg.
»Ich muss mit Melvin reden. Ich habe riesigen Bockmist gebaut und will das wieder geradebiegen. Kann ich drin auf ihn warten?«
Wolfgang wandte den Kopf und sah ihn ernst an. »Dazu ist es zu spät. Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du Melvin das Herz gebrochen hast. Deinetwegen ist er nach Hamburg umgezogen. Ich bin ziemlich sauer auf dich. Weil du ihm wehgetan hast und weil ich ihn deswegen nicht mehr in der Nähe habe. Geh einfach nach Hause, Leon!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss Wolfgang auf und betrat das Haus. Wie erstarrt schaute Leon auf die Tür, die ihm gerade buchstäblich vor der Nase zugeschlagen worden war. Zu spät!? Melvin war weggezogen!? Er war weg … zu spät …
***

»Kommst du klar?«, fragte Thomas und drückte Leons Schulter.
Es war ein kalter Märztag und der Regen hatte die Trauergäste schnell vom Friedhof vertrieben. Nur Leon und Thomas standen noch am offenen Grab. Innerlich wie erstarrt schaute Leon auf den Sarg, in dem seine Oma lag. Nun hatte er auch noch den letzten Menschen verloren, dem er wirklich etwas bedeutet hatte.
Ende Januar, nur zwei Wochen nach Melvins Umzug, hatte Leon sich bei einem heftigen Streit mit seinem Vater eher unfreiwillig geoutet. Es kam, wie Leon es befürchtet hatte: Seine Eltern hatten ihn rausgeworfen und seitdem herrschte Funkstille. Aber seine Großmutter hatte zu ihm gehalten. Er war bei ihr eingezogen und sie hatte ihn immer wieder ermuntert, den Kontakt zu Melvin zu suchen.
Wenn das nur so einfach wäre! Seine Mail-Adresse und die gewohnte Handynummer waren abgeschaltet, und Wolfgang weigerte sich, Leon die neuen Kontaktdaten zu nennen. Auch die Postanschrift hatte Leon bisher nicht herausfinden können. Unzählige Briefe hatte er Melvin geschrieben und Wolfgang gebeten, sie weiterzuleiten. Ob sein Freund sie bekommen und gelesen hatte, wusste Leon nicht. Es war jedenfalls keine Reaktion erfolgt, außer dass Melvin ihm ausrichten ließ, dass er ihn in Ruhe lassen sollte.
»Leon?«, riss Thomas ihn aus seinen Gedanken.
»Alles okay«, erwiderte Leon leise und wünschte sich, dass es wirklich so wäre. Aber nichts war okay. Melvin war weg und wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und jetzt war auch noch völlig überraschend seine Oma gestorben. Für Leon war das ein großer Schock. Sie war morgens einfach nicht mehr aufgewacht, und nun war er allein.
»Ich hab hier was für dich«, sagte Thomas und hielt ihm einen Zettel hin. »Das ist Melvins neue Telefonnummer. Frag mich bitte nicht, wer sie mir gegeben hat, ich habe versprochen, es nicht zu verraten. Ich glaube, du solltest versuchen, noch mal mit ihm zu reden.«
Mit wild schlagendem Herzen starrte Leon den Zettel an, griff danach und steckte ihn in seine Manteltasche. Seine Finger krampften sich um das winzige Stück Papier, und als ihm bewusst wurde, dass er den Zettel zerknitterte, ließ er ihn schnell los. Nur die Fingerkuppen ließ er auf dem Papier ruhen, als ob er dadurch eine direkte Verbindung zu Melvin hätte.
»Danke«, flüsterte er erstickt.
»Gern geschehen. Ich geh dann mal. Ruf mich später an, wenn du mit ihm gesprochen hast, ja? Egal, wie das Gespräch ausgeht.«
Leon nickte und sah seinem Freund nach. Bis vor ein paar Wochen waren sie eher flüchtige Bekannte gewesen, aber Thomas hatte sich als echter Freund entpuppt. Er war der einzige Freund, der ihm geblieben war. Alle anderen aus der Clique hatten sich nach der Sache mit Melvin von Leon distanziert, was er ihnen nicht einmal übel nahm.
Mit zittrigen Fingern zog Leon den Zettel wieder aus seiner Tasche und starrte ihn an. Sollte er gleich anrufen? Nein, er würde lieber warten, bis er in ein paar Minuten zuhause war. Zum Leichenschmaus würde er nicht gehen. Er fand diese Tradition makaber, und seine Mutter hatte sehr erleichtert gewirkt, als er ihr vorhin mitgeteilt hatte, dass er nicht dabei sein würde. Ein kurzes Nicken war die einzige Antwort gewesen. Nicht einmal bei der Beerdigung hielten es seine Eltern für nötig, mit ihm zu reden. Das tat weh, aber es gab Schlimmeres. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass die beiden Menschen, die ihn geliebt hatten, nicht mehr Teil seines Lebens waren. Seine Oma war für immer fort, aber vielleicht würde er bei Melvin doch noch eine Chance bekommen.
Als Leon die Haustür aufschloss, erwartete ihn bedrückende Stille. Ohne seine Großmutter war das Haus irgendwie nur eine leere Hülle, und genauso fühlte sich auch Leon. Er ging rasch in sein Zimmer und zog sich etwas Bequemes an, bevor er den Zettel und sein Handy nahm, um Melvin anzurufen.
Sein Herz schlug wie verrückt, und obwohl er sehnsüchtig darauf wartete, zuckte er zusammen, als am anderen Ende abgenommen wurde. Doch gleich darauf war er bitter enttäuscht. Es war nur die Ansage auf dem Anrufbeantworter. Dennoch war es so schön, endlich wieder Melvins Stimme zu hören. Als das Signal ertönte, räusperte sich Leon. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er anfing zu reden.
»Hallo Melvin, hier ist Leon. Es tut mir alles so leid. Bitte lass uns reden. Ich weiß, ich habe einen riesigen Fehler gemacht, aber ich will es wiedergutmachen.« Leon räusperte sich erneut und zögerte einen Moment, während er nach Worten suchte. »Ich weiß nicht, ob du meine Briefe gelesen hast. Es gibt so vieles, was ich dir sagen möchte, worüber ich mit dir reden will. Mir ist klar, wie sehr ich dich verletzt habe, und es tut mir schrecklich leid. Können wir wenigstens miteinander reden? Bitte Melvin. Wir waren einander doch so nah, und … Du fehlst mir so sehr. Nicht nur der Sex, sondern du, als Freund und Mensch. Ich vermisse dich furchtbar. Bitte gib mir noch eine Chance, ich -« Piep. Die Aufzeichnung hatte sich abgeschaltet. Seufzend rief Leon wieder an.
»Ich liebe dich, Melvin. Bitte ruf mich an«, war alles, was er diesmal aufs Band sprach. Dann trennte er die Verbindung, legte das Handy auf den Couchtisch und machte sich einen Kaffee. Die Stunden verstrichen, aber das Telefon blieb stumm.
***

Fröstelnd wachte Leon auf der Couch auf. Es war inzwischen dunkel draußen, und er tastete gerade nach dem Schalter der Tischlampe, als ihm das blaue Blinken des Handys auffiel. Hastig schaltete er das Licht ein und schnappte sich sein Mobiltelefon. Verdammt noch mal! Er hatte es für die Beerdigung auf Vibration geschaltet und vergessen, das wieder zu ändern! Offenbar hatte er so fest geschlafen, dass er das Vibrieren nicht mitbekommen hatte.
Das Telefon zeigte vier Anrufe an. Drei waren von Thomas, aber der musste jetzt warten, denn der vierte Anruf war von Melvin, und er hatte eine Nachricht hinterlassen. Leon drückte die Kurzwahl für die Mobilbox und wartete mit Herzklopfen auf die Ansage. Gleich darauf wurde er leichenblass, als er Melvins zornige Stimme hörte. Die Nachricht war kurz, doch jedes einzelne Wort traf Leon wie ein Messerstich ins Herz. Wie betäubt legte er das Handy auf den Tisch zurück und starrte vor sich hin. Das Klingeln an der Tür ließ ihn zusammenzucken, aber er blieb einfach sitzen, während sich der Schmerz immer tiefer grub.
»Leon! Mach bitte die Tür auf!«, hörte er Thomas rufen.
»Kann jetzt nicht«, flüsterte Leon und es war ihm völlig gleichgültig, dass sein Freund das nicht hören konnte.
Jetzt war alles egal. Langsam stand er auf, tappte ins Bad und starrte sich gleich darauf im Spiegel über dem Waschbecken an. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, sein Gesicht war in den letzten Wochen schmal geworden. Er sah müde aus. Er war müde. So müde … Leon sehnte sich nach Ruhe und Frieden. Dieser Schmerz in ihm sollte einfach nur aufhören.
Thomas war dazu übergegangen, Sturm zu klingeln und an die Tür zu hämmern. Leon ignorierte es. Sein Freund würde ihn vielleicht für eine Weile vermissen, aber dann würde er ihn ziemlich schnell vergessen.
Das Rasierset seines Großvaters, das der ihm vererbt hatte, stand direkt vor ihm neben dem Wasserhahn. Einen Moment lang starrte Leon das scharfe Rasiermesser an. Mit einem traurigen Lächeln griff er danach und legte es auf den Rand der Badewanne. Mechanisch zog er sich aus und stieg in die Wanne. Niemand sollte unnötig viel Mühe damit haben, die Sauerei zu beseitigen, die er hinterlassen würde.
Das Klingeln und Hämmern hatte aufgehört, Thomas hatte wohl aufgegeben und war gegangen. Die Ruhe tat gut, und bald würde Leon ganz viel davon haben. Ohne Zögern setzte er das Messer an seinem linken Handgelenk direkt auf der Ader an, die durch die blasse Haut zu sehen war. Merkwürdig. Er hatte mit Schmerzen gerechnet, aber es brannte nur etwas. Fast wie durch Butter glitt die scharfe Klinge durch das Gewebe, als Leon das Messer schnell nach oben bis zum Ellbogen zog. Während das Blut aus der Wunde quoll, fing es nun doch an wehzutun. Egal, das würde bald vorbei sein. Es würde aufhören, sowohl das brennende Gefühl am Arm wie auch der viel schlimmere Schmerz, der sein Herz zerriss.
Irgendwie seltsam fasziniert sah er zu, wie das Leben aus ihm herausströmte. Wie lange es wohl dauern würde? Ihm war kalt, also drehte er das warme Wasser auf, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Offenbar ging es schnell, ihm wurde schummrig und nur am Rand nahm er Geräusche wahr. Eine Stimme rief irgendwas, dann splitterte Glas. Jemand schrie seinen Namen, kalte Hände griffen nach ihm, und Leon war dankbar, als das Vergessen ihn einhüllte.
***

Nerviges Piepen und ein seltsamer Geruch. Das waren Leons erste Eindrücke, als er orientierungslos aufwachte. Sein linker Arm pochte dumpf. Was war denn bloß passiert? Wo war er? Mühsam öffnete er die Augen. Krankenhaus. Er war in einem Krankenhaus. Über das »Warum« musste er nicht lange nachdenken. Die Erinnerung stürmte auf ihn ein und er stöhnte auf. Das Geräusch brachte Bewegung in die Person, die neben dem Bett saß. Thomas beugte sich besorgt über ihn. Er sah blass und übernächtigt aus.
»Leon … Was machst du nur für Sachen!?«
»Ich wünschte, ihr hättet mich einfach gehen lassen!«, brach es aus Leon hervor. Dann fing er an zu weinen, und er hatte das Gefühl, nie wieder damit aufhören zu können. Es war einfach alles zu viel. Hastige Schritte näherten sich, ein Arzt trat an sein Bett.
»Wir geben Ihrem Freund erst einmal ein Beruhigungsmittel«, sagte der Doktor an Thomas gewandt. »Viel Ruhe und Schlaf sind im Moment wohl das Beste.«
»Ich fürchte, er wird es wieder versuchen«, erwiderte Thomas leise, aber Leon hörte es trotzdem.
»Darum wird sich der Psychologe kümmern. Das kommt schon wieder in Ordnung.«
Der Typ hatte ja keine Ahnung! Wie sollte das denn jemals wieder in Ordnung kommen? Leon vergrub das Gesicht weinend im Kissen. Er wollte zurück in die Dunkelheit. Nichts mehr denken, und vor allem nichts mehr fühlen. Einfach nur Stille, ohne diesen Schmerz tief in ihm drin. War das wirklich zu viel verlangt?