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(4) Kleine Monster

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Kili OC (Own Character)
30.11.2015
23.12.2015
4
21.718
4
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8 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.12.2015 4.804
 
Hallo, meine Lieben,

erstmal bin ich ganz gerührt, dass diese Geschichte nun 2 Sterne bekommen hat. Ein ganz großes Dankeschön dafür :-)

Dann ein ganz liebes Dankeschön an Luise, für ihr liebes Review und für die neuen Favo-Einträge.

LG und viel Spaß beim Lesen

Eure Ela <3



***



Kleine Monster Teil 3



Mit glühenden Wangen stellte sich Kíli neben seine Tochter. Obwohl er nur mit dem dünnen Bettlaken bekleidet war, spürte er dennoch, dass er einem Schweißausbruch gefährlich nahe war. Tharja stand immer noch ein wenig ängstlich und verwirrt in der Tür, die zum Schlafgemach ihrer Eltern führte. Zumindest teilweise hatte Mahal die Bitten des jungen Zwergenprinzen erhört, da Amilia immer noch unter der Bettdecke lag. Aber die zusammengebundenen Handgelenke ließen sich so nicht vor dem kleinen Mädchen verbergen. Tharja stellte mit großen Augen die folgende Frage an ihre Mutter:

„Hat dich der böse Ork aus meinem Zimmer an das Bett gefesselt und sich nun im Schrank oder unter dem Bett versteckt, weil er Papa hat kommen hören und Angst hat?“

Obwohl es Kíli regelrecht mit Stolz erfüllte, dass seine Tochter ein solch großes Vertrauen in ihn hatte, konnte er sich in jenen Momenten nicht darüber freuen. Ein wenig beruhigte es ihn allerdings, dass seine Tochter den Ork nun im Schlafzimmer vermutet hatte und daher ein wenig verschreckt aussah. Er hatte schon befürchtet, dass es an dem Anblick gelegen hatte, mit dem sie niemals hätte konfrontiert werden sollen. Tharja konnte es nicht wissen, dass ein Ork vermutlich keinen weichen Schal zum Fesseln genommen, geschweige denn, noch Kerzen im Schlafzimmer angezündet hätte. Aber was sollte er seiner Tochter als Antwort geben?

„Nein, Tharja. Hier war kein böser Ork. Das war dein Vater und es ist alles in Ordnung“, sagte Amilia, die zuerst die Stimme wiedergefunden hatte und zu Kílis Verwunderung recht gelassen aussah.

„Hattet ihr etwa Streit, weil Papa heimlich Erdbeeren in der Nacht naschen wollte? Habt ihr euch nicht mehr lieb?“, fragte Tharja mit zittriger Stimme und bebender Unterlippe.

Bei Mahal! Reichte es nicht schon, dass seine Tochter Angst vor einem angeblichen Ork hatte, der sich unter ihrem Bett befand oder in ihrem Zuhause herumgeisterte? Musste sie sich nun auch noch davor fürchten, dass sich ihre Eltern nicht mehr lieben würden? Kíli war ohne seinen Vater aufgewachsen. Nichts desto Trotz hatte er immer unterschwellig die Angst verspürt, dass seine Mutter und sein Onkel sich streiten könnten und Thorin sie eines Tages verlassen würde. Aber er konnte Tharja schlecht erzählen, dass er die Hände ihrer Mutter mit einem Schal zusammengebunden hatte, weil sie ihn so sehr liebte und genauso sehr vertraute. Und ob er seiner Tochter jemals ein richtiges Geheimnis anvertrauen könnte, würde er sich auch überlegen, da sie ihr kleines Geheimnis mit den Erdbeeren regelrecht ausgeplaudert hatte. Es war ihr unbewusst herausgerutscht. Noch dazu hatten sie Tharja beigebracht, nicht zu lügen. Zum jetzigen Zeitpunkt wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass ihm jemand beigebracht hätte, wie er sich in solchen Momenten zu verhalten hatte. Nur leider hatte ihm das bisher niemand von seiner Familie oder Gefährten sagen können. Glücklicherweise schien Amilia nicht mit der gleichen Scham und Peinlichkeit zu kämpfen zuhaben, wie er es tat.

„Nein, mein Schatz. Dein Vater und ich haben uns sehr lieb. Genauso, wie wir dich sehr lieb haben. Du spielst doch mit deinen Freunden auch rangeln und andere Spiele. Gleichermaßen spielen dein Vater und ich manchmal Spiele oder toben, weil wir uns eben sehr lieb haben.“

Kíli wunderte sich einmal mehr, dass Amilia in dieser doch äußerst peinlichen Situation die Ruhe behielt. Womöglich kam ihr die elbische Erziehung aus Bruchtal zugute, sodass sie ihre Gefühle recht gut vor anderen verbergen konnte. Während die Menschenfrau zumindest äußerlich gelassen wirkte, hatte der Zwergenprinz das Gefühl, dass sein Gesicht langsam Bilbos preisgekrönten Tomaten recht ähnlich sehen musste, die er vor einigen Jahren in Beutelsend verspeist hatte. Er konnte nur hoffen, dass Tharja nun nicht noch auf die Idee kommen würde, bei ihnen im Bett schlafen zu wollen oder weitere Fragen zu stellen. Leider hatte Tharja offenbar andere Pläne.

„Und wer gewinnt dann?“, fragte sie rege interessiert.

„Also manchmal lass ich deine Mutter auch mal gewinnen, aber eigentlich gewinnen wir beide“, sagte Kíli nun mit ein wenig zittriger Stimme, da er das Gefühl hatte, auch etwas sagen und Amilia unterstützen zu müssen.

„Das verstehe ich nicht.“

„Es sind auch Spiele für Erwachsene. Da sind die Regeln ein wenig anders“, half Amilia nun aus.

„Das klingt aber langweilig, wenn alle gewinnen. Darf ich heute Nacht bei euch schlafen?“

„Aber natürlich, Tharja“, gab ihre Mutter zur Antwort.

In diesem Moment hätte Kíli es sich gewünscht, dass Amilia dies nicht erlaubt hätte. Einerseits befürchtete er, dass im Bett die nächsten unangenehmen Fragen kommen würden, da intensive Liebesspiele durchaus ihre Spuren hinterließen. Andererseits wusste er es nur allzu gut aus seiner eigenen Kindheit, dass Tharja das angebliche Monster höchstwahrscheinlich nicht vergessen würde und die Alpträume spätestens morgen wieder von vorne losgehen könnten. Und dies wollte er unbedingt vermeiden.

„Aber zuerst müssen wir dir etwas anderes anziehen, Tharja. Du bist ganz durchgeschwitzt. Das hätten wir schon längst erledigen müssen.“

„Aber dann müssen wir in mein Zimmer zu dem bösen Ork!“, rief Tharja mit angsterfüllter Stimme.

„Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Wenn dein Vater mich losbindet, dann gehen wir gemeinsam in dein Zimmer und ich ziehe dir etwas Neues an.“

Während Kíli sich nun zu ihrem Ehebett bewegte und die Hände seiner Frau von dem weichen Schal befreite, sprach er die folgenden Worte:

„Nein, bleib ruhig liegen, mein Schatz. Der Papa regelt das schon.“

Danach nahm er seine Tochter bei der Hand und sagte:

„Komm Tharja, wir gehen nun. Sollten wir wirklich einen Ork in deinem Zimmer finden, dann wird er sich wünschen, dieses niemals betreten zu haben. Er wird niemals wieder zurück kommen. Vertrau mir.“

„Darf ich deine Stiefel anziehen, Papa?“

„Aber natürlich.“

Der Anblick war wirklich zu komisch, wie Tharja mit ihren kleinen Füßen in die großen, klobigen Stiefel ihres Vaters stieg, die er zuvor achtlos im Raum abgestreift hatte. Bei jedem ihrer Schritte schlurfte sie regelrecht über den Boden und machte einen riesen Lärm. Wenn sie sich eines Tages ernsthaft an jemanden anschleichen wollte, dann müsste sie noch einiges lernen. Zumindest würde sie nun keine kalten Füße mehr haben.

„Schau mal, jetzt bin ich viel größer“, sagte Tharja voller Ernst.

„Dann sind wir jetzt perfekt gerüstet, um dein Zimmer zu betreten.“

Seine Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, sodass das Monster in ihrem Zimmer scheinbar in den Hintergrund gerückt war und sie nun andere Dinge mehr zu interessieren schienen.

„Spielt Onkel Thorin auch solche öden Spiele?“, fragte Tharja mit ihrer kindlichen Unschuldsmine, bevor sie das Schlafzimmer verlassen hatten.

Kíli hätte sich fast an seiner eigenen Spucke verschluckt und blieb abrupt stehen. Dann erst bemerkte er, dass Amilia leise über die Aussage ihrer gemeinsamen Tochter am Kichern war. Schnell warf der Zwerg der Menschenfrau einen vernichtenden Blick zu.

„Komm Tharja, wir verjagen nun das Monster aus deinem Zimmer, damit es nie wieder zurück kommt.“

Er hörte, dass seine Frau immer noch versuchte, das Lachen zu unterdrücken oder es mit der Bettdecke zu ersticken, sodass Kíli ihr nun nicht nur einen wütenden Blick zuwarf, sondern auch die Türe des Schlafgemachs mit seinem Fuß zuschieben wollte. Sie konnte ruhig wissen, was er davon hielt, dass sie sich über seinen Onkel, der gleichzeitig der König war, lustig machte. Dabei vergaß er leider, dass er immer noch das Bettlaken recht eng um seinen Körper gewickelt hatte und kam ins Straucheln. Nur mühsam schaffte er es, sich auf den Beinen zu halten und sich nicht auf den immer noch recht spärlich vorhandenen Bart zu legen. Dies waren wunderbare Voraussetzungen, um einem Ungeheuer entgegen zu treten.

„Papa, warte“, mischte sich nun auch noch Tharja ein und Kíli konnte gerade noch ein Augenrollen unterdrücken.

„Was ist denn los?“

„Sollten wir nicht besser eine Waffe mitnehmen?“

„Dein Vater kann das ohne Waffen regeln, weil er stark ist. Wir können aber eine Kerze mitnehmen, da Orks das Licht zuwider ist.“

Genauso, wie Thorin seinem Neffen damals nicht hatte zeigen wollen, in welchen Ecken die Waffen Zuhause versteckt waren, wollte er dies bei seiner eigenen Tochter auch nicht tun. In seinen schlimmsten Träumen wollte er es sich nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn sie die Neugier packen würde und sie sich die Waffen aus nächste Nähe ansehen wollte. Natürlich wollte er ihr nicht das Gefühl geben, dass ihre Ängste lächerlich seien, aber sie gab sich mit seiner Antwort zufrieden, dass er ein Monster auch notfalls mit bloßen Händen in Schach halten könnte, da sie nichts mehr dazu sagte.

„Darf ich die Kerze halten und den Ork damit ärgern?“

„Wenn du magst.“

Zunächst entzündeten sie eine Kerze am Kaminfeuer, um sich danach auf den Weg zu Tharjas Zimmer zu machen. Je näher sie der Kinderzimmertüre kamen, umso fester hielt Tharja seine Hand umklammert. Zunächst fühlte er sich noch geschmeichelt, dass sie seine Nähe suchte und ihm so sehr vertraute. Aber als sie bei den Schatten, die die Öllampen verursachten, regelrecht zusammen zuckte, da sie sich selbst vor diesen erschreckt hatte, stieg erneut die heiße Wut in Kíli auf und er ermahnte sich, sich vor seiner Tochter zu zügeln. Dass er sich am nächsten Tag vor Dwalin im Griff haben würde, konnte er jedoch nicht garantieren.

Kaum standen sie vor Tharjas Zimmertür, fragte sie:

„Müssen wir da wirklich rein, Khagam?“

Wie es einst Kíli als kleiner Zwergling getan hatte, hatte auch seine Tochter ihre Türe geschlossen. Auch sie hatte daran geglaubt, dass der vermeintliche Ork diese Barriere nicht überschreiten würde.

„Also wenn dich wirklich unerlaubter Weise ein Ork besucht haben sollte, dann können wir das nicht einfach auf uns sitzen lassen und müssen ihm die Ohren langziehen, meinst du das nicht auch? Dein Vater ist doch bei dir und dir wird nichts geschehen.“

Daraufhin nickte Tharja ihm eifrig zu, da ihr die Vorstellung gefallen musste, jemandem an den Ohren zu ziehen und sie betraten das Zimmer.

Als erstes schauten sie gemeinsam unter dem Bett und in den Ecken nach.

„Siehst du, Tharja. Die Luft ist rein.“

„Aber in meinem Kleiderschrank kann er sich versteckt haben.“

„Wir wollten da sowieso noch hereinschauen und dir ein neues Schlafgewand anziehen. Möchtest du die Tür aufmachen?“

Schneller, als der Zwerg es vermutet hatte, öffnete seine Tochter die Türe. Daraufhin fielen ihm beinahe wirklich die Augen aus.

„Wieso schaust du so, Khagam? Im Schrank ist doch überhaupt kein Monster“, sagte Tharja.

Ein Monster befand sich wirklich nicht darin. Dafür aber monströse Berge an Kleidungsstücken.

„Bei Durin! Woher hast du so viele Kleider?“

„Von Mama, von Oma, von Glóins Frau.“

Die Frauen nähten alle für die kleine Prinzessin. Ein kleiner Durin-Spross war eben etwas Besonderes.

„So, mein Mädchen. Jetzt befreien wir dich von deinem verschwitzten Schlafanzughemdchen. Dann kannst du besser schlafen.“

Vorsichtig zog er seiner Tochter das alte Nachtgewand aus und ersetzte es schnell durch ein Neues, damit sie nicht fror.

„Und nun geht es ab ins Bett. Tilda hat auch schon ganz kleine Augen und möchte nicht alleine schlafen. Sie wartet auf deine Gesellschaft.“

Sofort war Tharja aus den Stiefeln ihres Vaters und in ihr Bett gehüpft, um ihre Lieblingspuppe in die Arme zu schließen. Behutsam deckte Kíli seine Tochter bis zum Kinn zu.

„Bleibst du noch etwas bei mir, falls das Monster zurückkommt?“

Der Zwergenprinz streichelte über Tharjas Wange und sagte:

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir haben keinen Ork gefunden und kein anderes Monster wird es wagen, dein Zimmer zu betreten.“

Aber Tharja schaute ihn nur ängstlich an. Ob er nun wollte, oder nicht, er würde noch ein wenig bei seiner Tochter bleiben müssen.

„Dann mach für deinen Papa ein wenig Platz.“

Schnell robbte die Dunkelhaarige ein wenig an die Seite. Kaum hatte sich Kíli zu ihr gelegt und sie ihn den Arm genommen, schmiegte sie sich an ihn. Immer wieder streichelte er sie und hoffte, dass seine vertraute Nähe und seine Berührungen sie in den Schlaf streicheln könnten. Nach einiger Zeit sprach er:

„Siehst du, es kommen keine Monster in dein Zimmer. Es ist alles in Ordnung.“

Aber seine Tochter war noch viel zu aufgedreht und die Alpträume beschäftigten sie weiterhin, da sie die folgende Frage stellte:

„Und was mache ich, wenn der Ork wieder zurückkommt und ich dann ganz alleine hier bin?“

Nach dieser Frage ertappte sich der Zwergenprinz dabei, dass er sich selbst ein wenig genervt die Frage stellte, wieso er es damals akzeptiert hatte, als Thorin zu ihm sagte, dass die Monster nicht wieder kämen und seine Tochter dies nicht tat. Vielleicht dachte sie einfach mehr darüber nach, als er es getan hatte. Andererseits hatte Kíli die nachfolgenden Nächte bei seinem Bruder geschlafen. Womöglich hätte er sich ohne seinen Bruder auch mehr gefürchtet. Aber eine Idee hatte er noch, um Tharja die Ängste vor einem Ork im Kinderzimmer zu nehmen.

„Du trägst doch am Tag immer den Anhänger, den dir Mama geschenkt hat.“

„Den Mondanhänger?“

„Genau den. Er wird dir helfen.“

„Wie soll ein Anhänger denn Orks verjagen?“

„Wir hängen ihn an deine Tür und dann kann kein böses Wesen diese öffnen.“

Seine Tochter blickte Kíli zweifelnd an, sodass er fortfuhr:

„Dieser Gegenstand ist voller Liebe und Magie. Ich habe ihn damals für deine Mutter geschnitzt. Und weil er so voller Liebe ist, würden böse Wesen die Tür zu deinem Zimmer nicht öffnen können, ohne Schmerzen zu haben. Er wird dich beschützen.“

„Und wieso hast du Mama einen Mond geschnitzt?“

„Weil ich mich im Mondschein in sie verliebt habe.“

Im Gedanken fügte er hinzu, dass er Amilia in Bruchtal, bei den Elben, kennengelernt hatte. Tharja würde er dies zunächst nicht erzählen. Nicht, dass sie noch auf die Idee kommen würde, dass sie die Elben besuchen wollte. Damals hatte er einfach drauf los geschnitzt. Während sein Bruder im anderen Bett geschnarcht hatte, hatte Kíli ein Stück Holz bearbeitet. Zu jenem Zeitpunkt hatte er es noch nicht begriffen, dass er sein Herz hoffnungslos an eine Menschenfrau verschenkt hatte. Dies war ihm erst so viel später auf der Reise bewusst geworden.

„Und bist du nicht traurig, wenn du Mama diesen Anhänger geschenkt hast und sie ihn an mich weiter gegeben hat?“

„Nein, meine Kleine. Bereits lange Zeit vor deiner Geburt waren wir uns einig, dass ich die Wiege für dich bauen werde und Mama den Anhänger daran hängen wird. Er hat dich schon als Säugling Tag und Nacht beschützt, als er an deiner Wiege gehangen hat. Gerade du solltest ihn tragen, weil du die Krönung unserer Liebe bist.“

Tharja war wahrlich ein Kind ihrer Liebe und ihr Wunschkind. Auch hierbei verschwieg er seiner Tochter, dass Amilia bereits vor der Schlacht der fünf Heere gesagt hatte, dass sie den Anhänger bei ihrem ersten gemeinsamen Kind an die Wiege hängen wollte. Es war in der Nacht, in der Kíli zum ersten Mal gesehen hatte, dass sie den Anhänger, den er für sie geschnitzt hatte, Tag und Nacht unter ihrer Kleidung trug. Und obwohl die junge Menschenfrau immer sehr realistisch gewesen war, hatte sie doch in jener Nacht von gemeinsamen Kindern gesprochen. Es waren tollkühne Gedanken gewesen und er selbst hatte in jenen Augenblicken nicht den Wunsch verspürt, Kinder in solch dunklen Tagen in eine Welt voller Gefahren zu setzen. Aber in Amilia hatte dieser Wunsch nach einer Familie geschlummert, da sie selbst nie in einer richtigen Familie aufgewachsen war. Die dunklen Tage vor der Schlacht hatten womöglich weiter dazu beigetragen, dass sie sich nach der Geborgenheit einer Familie gesehnt hatte. Immer noch konnte er manchmal sein Glück nicht fassen, dass sie diesen Traum, eine gemeinsame Familie zu sein, nun endlich leben konnten.

„Papa?“

„Hmh?“, brummte der Braunhaarige leicht.

„In meinem Zimmer war überhaupt kein Ork, oder? Er konnte gar nicht fliehen, weil er nicht unter meinem Bett gewesen ist.“

Kíli haderte damit, welche Antwort er seiner Tochter geben sollte. Womöglich würde sie falsch sein, egal, was er sagte. Wenn er sagen würde, dass es wirklich keinen Ork oder andere Monster in ihrem Zimmer gegeben hatte, würde sie sich womöglich missverstanden fühlen. Obwohl seine Tochter oft mit unüberlegten Aussagen regelrecht mit der Türe ins Haus fiel, konnte sie auch sehr sensibel sein. Er entschied sich aber, ihr die Wahrheit zu sagen.

„Du hast Recht, Tharja. In deinem Zimmer waren keine Orks oder andere Monster. Der Erebor wird durch dicke Mauern und fähige Schwertführer und Bogenschützen auf den Wällen verteidigt. Und diese werden von Fíli, Dwalin und deinem Vater geleitet. Und vor dem Königstrakt sind weitere Wachen. Und dann müssten Eindringlinge erst an deinen Eltern vorbei. Du bist bei uns in Sicherheit.“

„Macht ihr euch jetzt über mich lustig, weil ich vor nichts Angst hatte?“, fragte Tharja mit zittriger Stimme.

Kíli nahm seine Tochter nach dieser Frage noch ein weniger fester in seine Arme.

„Wir würden uns niemals über dich lustig machen. Es ist nicht einfach, über seine Ängste und Sorgen zu sprechen, meine Kleine. Ich weiß das nur allzu gut. Und deswegen sind deine Mutter und ich sehr stolz auf dich, dass du mit deinen Sorgen zu uns gekommen bist. Das ist ein sehr reifes Verhalten, meine Große. Bedrückt dich sonst irgendetwas?“

„Nein, Papa. Ich hatte einfach nur Angst, dass unter dem Bett ein Ork ist und mit seiner warzigen Hand nach mir packt.“

Kíli fielen beinahe Gesteinsbrocken vom Herzen, dass sich seine Kleine nur vor den Orks und Goblins aus Dwalins Geschichten gefürchtet und sie nichts anderes auf dem Herzen hatte. Immer schwang die Angst mit, dass seine Tochter sich im Berg nicht wohlfühlen könnte. Sie hatte hier ihre Familie und Freunde und wuchs behütet auf. Als es vor Kurzem so weit gewesen war, dass Balin ihr Zwergenrunen und ein paar der alten Geschichten näher bringen sollte, hatte der alte und weise Zwerg Tharjas Eltern gefragt, ob sie alleine oder mit anderen Zwerglingen unterrichtet werden sollte. Amilia und Kíli waren sich sofort einig gewesen, dass dies in der Gemeinschaft von anderen Kindern erfolgen sollte. Schließlich hatte die junge Menschenfrau es nur zu gut in Erinnerung, wie einsam und verlassen sie sich in Bruchtal vorgekommen war, als Elrond ihr die Elbische Sprache und Geschichten aus anderen Zeitaltern vermittelt hatte. Der Zwergenprinz war in den Ered Luin auch nicht in Prunk aufgewachsen, geschweige denn, dass er jemals königliche Allüren an den Tag gelegt hätte. Während der Reise zum Einsamen Berg hatte er ebenfalls nie anders, als seine Gefährten, behandelt werden wollen. Tief in seinem Herzen würde er auch immer der Zwerg bleiben, der in den Blauen Bergen ein einfaches Leben geführt hatte und auf die Jagd gegangen war. Dieses einfache Leben hatte er erst mit Amilia geteilt und in vollen Zügen genossen. Nun teilten sie dieses Leben als kleine Familie. In ihren Gemächern fehlte es an nichts und alles war gemütlich eingerichtet. Aber sie hätten genauso gut auf Diener oder Zofen und goldenes Besteck bestehen können. Dies lehnten sie allerdings vehement ab.

Natürlich war er dafür dankbar, dass seine Tochter in der Sicherheit des Erebors aufwachsen durfte. Sie kannte es nicht, heimatlos zu sein oder unter anderen Entbehrungen zu leiden. Und da Amilia und Kíli oftmals befürchteten, dass die Kleine zu sehr verwöhnt werden würde, legten sie großen Wert darauf, dass sie wie ein ganz normales kleines Mädchen aufwachsen sollte. Selbstverständlich hatte sie auch zu lernen, wie Anhänger des Königshauses sich zu benehmen hatten. Obwohl sie niemals etwas mit der Thronfolge zu tun haben würde, wäre auch sie eines Tages eine Repräsentantin des Königshauses und müsste in feinen Gesellschaften ein entsprechendes Bild abgeben. Der braunhaarige Zwergenprinz hatte für solche Anlässe immer noch nicht viel übrig und würde niemals viel dafür übrig haben. Bei Tharja war er sich diesbezüglich noch nicht ganz sicher, wie ihr dies in der Zukunft gefallen würde. Thorin hatte ihren Eltern sehr oft beteuert, dass sich Tharja in der Gegenwart ihres Onkels wie eine kleine Prinzessin benehmen würde. Beide hatten ebenfalls darauf gehofft, dass ihre Tochter während Balins Lehrstunden schnell Anschluss finden und Freundschaften knüpfen würde. Das mit den Freundschaften knüpfen klappte zu Balins Leidwesen nur allzu gut, da sie sehr kontaktfreudig war und der Unterricht dadurch in den Hintergrund gerückt war. Der weise Zwerg hatte Kíli auch einmal darauf angesprochen, ob für Tharja die Vermittlung des Wissens nicht zu früh sei. Seine Vermutungen waren aber dadurch ins Wanken gekommen, als Tharja bei ihrem Onkel im Arbeitszimmer konzentriert an dem Tisch gesessen hatte, den Thorin extra für sie hatte bringen lassen, und die Zwergenrunen aufschrieb. Sie war im Unterricht nicht überfordert, sondern unterfordert. Als halber Mensch war sie den Zwerglingen ein paar Schritte voraus. Dadurch, dass Tharja ein halber Mensch war, beschlich Kíli aber auch immer die Sorge, dass sie eines Tages den Erebor verlassen wollen würde. Tharja schien es zu spüren, dass sich ihr Vater in diesem Moment Sorgen machte.

„Hast du auch manchmal Angst vor fiesen Monstern?“

Es dauerte lange, bis er seiner Tochter eine Antwort gab. Erst, als er bemerkte, dass er seine Tochter unbewusst noch fester an sich gezogen hatte, begann er zu sprechen:

„Ja, Tharja.“

„Aber du bist so groß und stark. Die Ungeheuer müssten doch vor dir Angst haben.“

Der Zwergenprinz musste über die Aussage seiner Tochter schmunzeln. Auch für ihn war Thorin lange Zeit der stärkste Zwerg in ganz Mittelerde gewesen. Aber selbst der stärkste Mann hatte mit der Drachenkrankheit zu kämpfen gehabt. Aber noch durfte Tharja mit ihren fünf Jahren daran glauben, dass ihre Familie nahezu unverwüstlich sei und ein Anhänger sie beschützen könnte. Allerdings würde sie noch auf eine Erklärung von ihm warten.

„An zwei Tagen im Jahr haben deine Mutter und ich auch mit Monstern zu kämpfen. Mit Monstern aus der Vergangenheit. Aber darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Deine Mutter und ich reden darüber und dann ist es alles halb so schlimm. Es ist nur wichtig, mit seiner Familie darüber sprechen zu können und zusammenzuhalten.“

Wenn er seiner Tochter nun sagen würde, womit sie jedes Jahr wieder aufs Neue zu kämpfen hatten, dann würde sie gewiss Alpträume bekommen. Morgulverletzungen konnten niemals vollständig verheilen. Und mit den Schmerzen der Verletzung kamen auch immer die Erinnerungen zurück. Erinnerungen von der Reise, der Schlacht und den damit verbundenen Ängsten, die sie durchgestanden hatten. An diesen Tagen versuchten sie ihrer Tochter immer schmackhaft zu machen, bei ihrer Oma zu schlafen. Dort durfte sie länger aufbleiben, bekam das Essen gekocht, welches sie sich wünschte und oftmals gesellte sich auch Thorin zu den zwei Damen. So gelang es ihnen, diese Monster der Vergangenheit vor ihr fernzuhalten.

„Sprecht ihr mit der ganzen Familie darüber? Auch mit Thorin und Fíli?“

„Du kannst immer zu deinen Eltern kommen, wenn dich etwas bedrückt, weil wir immer für dich da sein werden. Solltest du aber einmal den Wunsch verspüren, mit jemand anderem zu reden, dann werden auch deine Oma und deine Onkel Thorin und Fíli ein offenes Ohr für dich haben. Nur von den langweiligen und öden Spielen möchten sie sicherlich nichts hören, weil sie nicht interessant sind. Also frag Thorin und die anderen bitte nicht danach.“

„Ist gut, Khagam. Da sind Thorins und Fílis Geschichten über die Reise zum Erebor auch viel interessanter. Fíli ist doch dein Bruder. Werde ich auch einmal einen Bruder oder eine Schwester haben?“

„Wenn du dir das ganz fest wünschst, erfüllt dir Mahal vielleicht deine Bitte.“

„Dürfte ich dann auch den Anhänger an die Wiege hängen, damit mein Geschwisterchen beschützt wird? Du hast doch eben gesagt, dass ich bereits groß bin. Dann kann ich den Anhänger weitergeben.“

Tharjas Worte brachten Kílis Herz regelrecht zum Schmelzen. Er fühlte sich sofort an seine Kindheit erinnert, die er gemeinsam mit seinem großen Bruder verbracht hatte. Zwischen ihnen hatte es nie Neid oder Eifersucht gegeben. Amilia hatte Kíli einmal anvertraut, dass sie sich davor fürchten würde, dass Tharja eifersüchtig darauf reagieren könnte, wenn sie ein Geschwisterchen bekam. Sie wäre daher zufrieden, dass aus ihrer Verbindung ein gesundes Kind entstanden war, da ihre kleine und glückliche Familie bereits so viel mehr war, als sie sich zuvor hatte erträumen können. Sicherlich war er selbst auch nicht ganz unschuldig an dieser Situation, da Zwerge sehr eifersüchtig bezüglich ihres Partners sein konnten. Aber innerhalb einer Zwergenfamilie waren Neid und Missgunst nahezu ausgeschlossen, da die Familie heilig war. An Tharjas Worten hatte er erkennen können, dass sie ebenfalls unbewusst so dachte. Amilia hatte sich diesbezüglich zu viele Sorgen gemacht.

„Das ist sehr großmütig von dir, Tharja. Aber bis es soweit ist, kannst du den Anhänger auch gerne in der Nacht tragen. Deine Mutter hat immer gesagt, dass er schlechte Träume fernhält. Das wird er bei dir sicherlich auch tun.“

„Liegt das an den Edelsteinen, die in dem Mond eingefasst sind? Ist er deswegen so wertvoll? Es ist überhaupt nicht zu erkennen, dass er aus Holz sein soll, da er silbern ist.“

Unwillkürlich zuckte Kíli bei den Worten seiner Tochter zusammen, obwohl er es versucht hatte, zu vermeiden. Auch Tharja war dies nicht verborgen geblieben.

„Es tut mir leid, wenn ich dich traurig gemacht habe, Papa.“

„Einerseits hast du Recht. Vor einigen Jahren hat der Anhänger aus reinem Holz bestanden. Später habe ich blaue Diamanten eingesetzt und ihn mit Mithril überzogen. Aber du darfst eines niemals vergessen, Tharja. Obwohl die Edelsteine und das Mithril kostbar sind, verkörpert der Anhänger Werte, die noch weitaus wertvoller sind. Die Liebe zu deiner Familie und deinen Freunden kann mit keinen Kostbarkeiten in Mittelerde aufgewogen werden.“

„Das verstehe ich, Khagam.“

Kíli wagte, dies zu bezweifeln. Wenn sie mitnehmen würde, dass es Dinge in dieser Welt gab, die wichtiger, als Gold wären, dann würde er bereits zufrieden sein. Aber Tharja überraschte ihn mit ihren weiteren Worten.

„Gold und Edelsteine können mich nicht so lieb haben und in den Arm nehmen, wie du oder Mama.“

Obwohl aus ihren Worten die kindliche Naivität sprach, waren sie doch wahr. Die Welt wäre ein so viel besserer Ort, wenn mehr Leute die Liebe, Freundschaft und ihr Zuhause mehr wertschätzen würden, als Gold. Tharja hatte ihr ganzes Leben immer vor einem gedeckten Tisch gesessen und würde es noch mit der Zeit beigebracht bekommen, dass für Münzen hart gearbeitet werden musste und davon dann Essen bezahlt werden konnte. Obwohl sie dem Königshaus angehörte, sollte sie dennoch wissen, dass viele andere in ihrem Volk harte Arbeit verrichteten. Aber mit ihren Sätzen hatte sie zweifellos recht. Gold konnte einen Zwerg zum Beispiel als Gegenleistung für Essen und warme Kleidung am Leben erhalten. Aber es sorgte nicht dafür, dass sich ein Zwerg auch lebendig fühlen konnte.

Plötzlich gab Tharja ein herzhaftes Gähnen von sich.

„Du darfst dir aussuchen, ob du den Anhänger selber tragen möchtest oder ob wir ihn an die Tür hängen sollen.“

Zu Kílis Freude wollte seine Tochter den Anhänger um den Hals tragen. Sie hatte es anscheinend tatsächlich begriffen, dass sie keine Gefahren in ihrem Zuhause zu befürchten hatte. Nachdem er ihr vorsichtig den Anhänger um den Hals gehängt hatte, sprach er die folgenden Worte:

„Schlaf gut, meine Große. Dein Vater ist unglaublich stolz auf dich.“

Kíli gab seiner Tochter noch einen Gutenachtkuss. Auf diesen Kuss bestand die Kleine jeden Abend. Wenn er von einem Elternteil vergessen wurde, stand sie sogar auf, um diesen noch einzufordern. Zwerge waren keine besonders verschmusten Wesen. Kíli würde es auch niemals jemand anderem, außer seiner Frau, mitteilen, dass er darauf hoffte, dass Tharja dieses Ritual noch möglichst lange beibehalten würde. Als Fíli damals keinen Gutenachtkuss von seiner Mutter mehr bekommen wollte, da er dies peinlich gefunden hatte, hatte auch sein kleiner Bruder ihrer Mutter gesagt, dass er darauf verzichten wollte, obwohl dies überhaupt nicht gestimmt hatte.

„Ich werde Mama von dir auch noch einen Kuss geben, damit du nicht mehr das warme Bett verlassen musst. Bist du damit einverstanden?“

Tharja gab daraufhin ein Nicken als Antwort. Langsam aber sicher kündigte sich der Schlaf an und Kíli wollte nicht Gefahr laufen, dass seine Tochter bei einem weiteren Aufstehen über diesen Punkt hinweg kommen könnte.

Ein letztes Mal hauchte er ihr für diese Nacht einen Kuss auf die Wange, den er Tharja stellvertretend für Amilia gab und flüsterte:

„Träum etwas schönes, meine Prinzessin.“

Zufrieden stellte er fest, dass seine Tochter die Augen geschlossen hatte. Schnell pustete er die Kerze aus, die sie zuvor auf Tharjas Nachtschränkchen gestellt hatten und ging dann mit leisen Schritten zu der Zimmertüre, um diese ebenso leise zu schließen.

„Khagam?“

Kíli hielt sofort inne, bevor er die Tür schließen konnte. Wollte Tharja nun doch noch bei ihren Eltern schlafen?

„Ich hab dich lieb, Khagam.“

Es war nun das zweite Mal in dieser Nacht, dass Kíli bei den Worten seiner Tochter beinahe dahin schmolz. Er konnte zwar ihren Blick in diesem Moment nicht sehen, aber er wusste, dass die großen, blauen Augen regelrecht strahlen mussten. In solchen Augenblicken war es immer vergessen, wenn die Kleine Unfug angestellt oder sie die Pläne ihrer Eltern durcheinander gewirbelt hatte.

„Schlaf gut, meine Große.“



***

(Pst…. Da war doch noch etwas…. Die Erdbeeren ;-) Fortsetzung folgt ;-))

Da ich nun so motiviert war, habe ich mich entschieden, für jeden Adventssonntag ein Kapitel zu posten ;-)

LG

Eure Ela <3
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