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Nimm meine Hand

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Hannibal Lecter
28.11.2015
15.12.2018
5
9.036
3
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Dieses Kapitel
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15.12.2018 1.557
 
Lieben Dank an OrochimaruDA. Du hast mir aufgezeigt, dass es trotzdem noch Leute gibt, die sich für diese Geschichte interessieren und das ich nicht einfach so loslassen kann.
Lieben Dank, auch an die vielen stillen Leser.


Frühlingserwachen

Der graue Nebel kroch in jede noch so kleine Ecke, es war fast unmöglich ihm zu entkommen. Auf allem was er mit seiner nassen Zunge berührte, hinterließ er seine feuchte und schmierige Signatur.
Es war genau diese Signatur, die ihm Sorgen bereitete. Sein neuer Kaschmirmantel war nicht ausgelegt für derlei Witterungsverhältnisse, aber dieser Wetterumschwung hatte alle Baltimorer auf dem falschen Fuß erwischt.

Kräftig stieß Dr. Hannibal Lecter die imposante Tür der Polizeidirektion auf und durchschritt, ohne nach rechts oder links zu schauen, die Marmorhalle.
Will Graham hatte ihn heute Morgen unmissverständlich herbestellt. Unbeabsichtigt verdrehte Hannibal die Augen. Soweit war es schon gekommen, dass er sich von diesem meistens alkoholisierten, kettenrauchenden, syphilitischem Streifenpolizisten herbestellen lies.
Aber eins musste er Graham lassen: die Zusammenarbeit mit der Polizei war zum einen Amüsant und zum anderen brachte sie ihm ungeheure Vorteile. Da verzieh er es auch, wenn er dafür sein Mittagessen, süßsauer eingelegte Nieren, verschmähen musste.
Zielstrebig folgte er dem Gang zu Grahams mit Zigarettenrauch geschwängertem Büro.
Ja, heute war in der Tat kein guter Tag für seinen Mantel.

Tatsächlich lehnte Graham an seinem Schreibtisch und rauchte, wobei Hannibal nicht umhin kam, dass er die Asche einfach unbeeindruckt auf den Boden schnippte. Als Hannibal eintrat nickte er ihm nur zu, doch dieser spürte, dass etwas in der Luft lag. Etwas schweres, etwas was selbst den penetranten Geruch von Grahams billigem Aftershave zu übertünchen schien.

Hannibal hielt den Atem an. Sicher, auch wenn er zu einer guten Zigarre selten Nein sagte, diese Geruchsmelange war für ihn unerträglich. „Sie gestatten doch?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er zumindest eins der Flügelfenster und sog gierig die frischhereinströmende Luft ein.

„Doktor, ich habe Sie angerufen, weil Sie sich das hier ansehen sollten. Haben wir gestern Nahe der Westport-Bridge gefunden.“

Hannibal zog eine Augenbraue hoch. „Tatsächlich?“ Schnell griff er nach der Akte, doch die Überraschung blieb aus.

Die Bilder zeigten eine junge Frau, nicht älter als 20, wahrscheinlich jünger. Um ihren Hals hing lose eine Perlenkette, ihre Haare waren elegant hochgesteckt und ihre Fingernägel sorgsam manikürt. Das Mädchen war definitiv eine Tochter aus gutem Hause, Hannibal kam nicht umhin zu bemerken, dass allein ihre Handtasche ein Vermögen gekostet haben musste.

Wohl eine Beziehungstat, ihre Wertsachen waren anscheinend alle noch da, aber noch nicht spektakulär genug, dass Graham ihn zu dieser Zeit herbestellte.

Doch als er den Namen des Mädchens las, machte sich ein kleines Lächeln in Hannibals  Gesicht breit. Er hatte sich geirrt, der Tag fing gerade an, unfassbar interessant zu werden.



„200 Sträuße ? Ernsthaft, das ist ja der Wahnsinn.“ staunte Rosas Arbeitskollegin Sabrina.

Rosa nicke, strich aber voller Bewunderung über die drei von Mr. Wisham angefertigten Vorlagen.

Es waren die Blumenkränze, für die 200 Debütantinnen des Baltimorer Frühlingsballes. Weiß und Rosa dominierten, die Blüten waren gerade groß genug, als das sie nicht zu opulent an den dünnen Handgelenken der Mädchen wirkten. Zusammengefasst waren die sanften Kränze mit einem schwarzen Samtband.

„Einmal so Etwas tragen.“ schwärmte Sabrina und summte leise einen Walzer, während sie mit flinken Fingern den ersten Kranz band.

Rosa seufzte leise. Einmal in einem Kleid, welches nicht aus Resten zusammengenäht wurde, über das glänzende Parkett schweben. Er würde eine Hand sanft um sie gelegt haben, während ihre Blicke sich trafen und in der Unendlichkeit verschwammen. Er würde seinen Blick nur bei ihr haben und alle würden sie beneidend ansehen...

„Rosa verdammt, nicht träumen! Ich bin bei meinem zehnten. Du kannst nicht träumen.“ Schrill riss Sabrina Rosa aus ihren Träumen. Doch Rosa starrte nur auf das Band in ihrer Hand. Sabrina hatte Recht, es war Schwachsinn, diesen Tagträumen hinterher zu hängen. Sie hatte zu viel in den zerfledderten Liebesromanen ihrer Mutter gelesen. Sie musste es einfach einsehen: Stoffreste passten einfach nicht zu glänzenden Parkettböden, damit musste sie endlich abschließen.



Graham schloss energisch das Fenster seines Büros. „Kann ich mich darauf verlassen, dass sie darüber schweigen? Ich dürfte Ihnen die Akte nicht zeigen.“

Hannibal schwieg, in seinem Hirn jedoch überschlugen sich die Gedanken förmlich.

Die Tote war Penelope Clearwater, die Tochter des Polizeipräsidenten. Erst vor ein paar Wochen hatte er sie auf einem Dinner getroffen.

„Sie kennen Penelope, das weiß ich. Aber es geht gar nicht um ihren Vater, oder um seine Position.“

Hannibal räusperte sich kaum merklich. „Ich wollte keine Unannehmlichkeiten verursachen, aber wie kann ich Ihnen dabei helfen?“

Graham wippte mit den Schuhspitzen unmerklich nach vorne und hinten. „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber da passt vieles nicht zusammen. Ich habe Mr. Clearwater sofort davon unterrichtet, aber seine Reaktion war nicht die eines trauenden Vaters. Außerdem geht aus dem Obduktionsbericht klar hervor, dass Penelope ein Kind geboren haben muss. Von diesem fehlt jede Spur.“

Hannibal pfiff leise durch die Zähne. „Das ändert natürlich alles. Aber entschuldigen Sie, von einer Geburt steht nichts im Obduktionsbericht?“

Graham lachte bitter auf. „Tja, der Gerichtsmediziner hat es mir sogar persönlich gesagt. Und wissen sie was? Er wurde spontan nach Washington versetzt. Keine 24 h später. Der Leichnam ist unter Verschluss, der neue Bericht sagt nichts mehr über eine Geburt aus und die Einäscherung wird bald stattfinden.“

„Ich nehme an, Sie haben Clearwater nicht konfrontiert?“

„Sind Sie wahnsinnig? Ich hab Miete zu zahlen und will nicht nach Alaska versetzt werden. Hören Sie,“ Graham senkte seine Stimme. Doch Hannibal unterbrach ihn mit lauter Stimme.

„Graham, ich denke da gibt es ein Missverständnis. Dr. Lawson hat in Washington ein besseres Angebot bekommen, ich habe ihn vor kurzem noch im Theater getroffen. Und ja, ich teile ihre Bedenken, die Schlampereien in der Rechtsmedizin sind schrecklich. Nicht auszudenken, was da der armen Penelope posthum nachgetragen wird. Sie haben wollkommen Recht ihrem Ärger Luft zu machen. Mrs. Clearwater muss völlig außer sich sein. Ich als ihr Psychiater werde mich dem in den nächsten Stunden annehmen. Danke, dass sie mich vom Tot der armen Penelope unterrichtet haben. Gott möge ihrer armen Seele gnädig sein.“

Hannibal griff nach seinem Hut und wandte sich der Tür zu und ließ den völlig verdatterten Graham stehen.



Auch gegen Mittag hatte der Nebel die Stadt fest im Griff. Rosa fröstelte leicht in ihrer Strickjacke und auch ihre Haare kräuselten sich bei dieser ungewöhnlichen Feuchtigkeit. Baltimore versank mehr und mehr in einem unheimlichen Nebel. Alles unter einem Meter Sichtweite verschwand in den Fängen des unheimlichen weißen Schleiers. Unmittelbar musste Rosa an die Geschichten ihrer Großmutter denken, dass der Nebel der Vorbote des Todes und großen Unheils war. Aber Rosa fand ihn einfach nur mystisch und fast schon ein wenig romantisch. Aber trotzdem, dass beklemmende Gefühl ließ sie nicht los: etwas lag ihr schwer im Magen. Nachdenklich schlenderte Rosa an den Schaufenstern vorbei. Sie hatte ein unsagbar schlechtes Gewissen Hannibal gegenüber. Er musste jetzt das Allerschlimmste von ihr denken. Am liebsten würde sie es ihm erklären, aber was sollte sie ihm erzählen? Aber selbst wenn sie wüsste, was sie zu sagen hätte, würde er ihr eh nicht zuhören. Der Frühlingsball in Baltimore war das Thema schlechthin. Die ganze Highstreet war mit Plakaten gepflastert. Rosa spürte wie sich ihr Hals immer enger zuschnürte. Er würde wahrscheinlich mit irgendeiner Arzttochter hingehen, während sie zu Hause saß und den Streitereien ihrer Geschwister zuhören musste. Aber so war es nun einmal. My fair Lady war schließlich auch nur eine Geschichte. Die Realität hielt die Organza Spitzen für Mädchen wie sie eher selten bereit.



Hannibal drehte seinen Kugelschreiber hin und her. Gerade noch rechtzeitig hatte er bemerkt, dass jemand an der Tür stand und lauschte. Clearwater hatte ganze Arbeit geleistet, aber er wollte wohl nur die Ehre seiner Tochter schützen. Doch Hannibal wurde das Gefühl nicht los, dass da mehr dahinter steckte. Er mischte sich nur äußerst selten in die Angelegenheiten anderer, aber dies war was anderes, zumal Clearwater schon vor längerer Zeit eine Wanze in seinem Büro versteckt hatte, ein Zustand, über den Hannibal mehr als empört war. Er hatte auch schon länger den Eindruck, dass etwas mit Mrs. Clearwater nicht stimmte, was über die Launen einer gelangweilten Hausfrau, deren Tochter langsam flügge wurde, hinausging. Er hatte bis jetzt immer während ihrer Monologe ein Buch gelesen und ab und zu ein Aha, oder ein besorgt klingendes SoSo eingeworfen. Aber da Mr. Clearwater ein so unglaublich großes Interesse an den Stunden seiner Frau hatte, schien da wohl etwas interessantes dahinterzustehen. Und wenn er Clearwaters Geheimnis wusste, dann hätte er deutlich mehr Spielraum als jetzt.

Zufrieden lehnte sich Hannibal in seinem Stuhl zurück und schaute auf die Uhr. Denn bevor er sich um die Familiengeschichte der Clearwaters kümmern konnte, musste er sich noch um etwas anderes kümmern.



Rosa kam gerade noch rechtzeitig von ihrer Mittagspause zurück, doch gerade als sie sich wieder die Schürze umbinden wollte, kam Mr. Graham aus dem Büro. „Rosa meine Gute, oh wie schade. Da haben Sie ihn knapp verpasst.“

„Wen?“ Überrascht nestelte Rosa an ihrer Schürze herum.

Mr. Graham lächelte. „Dr. Lecter. Wie es scheint, ist er mehr als nur fachlich interessiert.“ Mr. Wisham senkte verschwörerisch seine Stimme. „Er hat mich gebeten Ihnen das zu geben.“

Rosa wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ihr Herz fing an zu rasen und eine nie dagewesene Übelkeit schoss in ihr hoch, es musste ein Traum sein.

Doch der Umschlag lag dick und schwer in ihrer Hand.
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