Tausendarm

DrabbleAllgemein / P6
27.11.2015
27.11.2015
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27.11.2015 857
 
Beitrag für das Nebel Drabble-Wichteln.
•     Wichtelkind: -pseudoboese-
•     V o r g a b e n~
Drabbleform: Schnapszahlen (gerne passenderweise einmal 666, zweimal 333, dreimal 222 oder sechsmal 111 – aber kein Muss)
Max. erwünschtes Rating: bis AVL ist mir alles recht =3
Fandoms: Weiß Kreuz, Viewfinder, Shades of Grey... oder natürlich frei
Sonstiges: kein Fluff, ein See, Fluß oder anderes Gewässer (Schleuse, Meer, etc), Abend- oder Morgendämmerung und eine unerwartete Wendung... das ist auch schon alles *gg*

Liebes Wichtelkind, es ist überraschenderweise Letzteres (sprich, die 6x111-Wortvorgabe) geworden. Leider aber  eine FA, da mir die Fandoms kaum bis gar nichts gesagt haben. Der Beitrag ist … sehr abstrakt und wirr, hat mich aber im Laufe des Schreibprozesses sehr gefordert, weshalb ich denke, dass es dir gefallen könnte. Auch die Vorgaben haben mir gefallen, gerade, weil sie nicht leicht zu zähmen waren. Besonders unsicher bin ich mir bei der Umsetzung der Wendung am Ende. Der Spaß beim Schreiben blieb trotz allem dennoch – und genau den wünsche ich dir hiermit auch beim Lesen. :3

:.~ . ~ . ~.:


Tausendarm


~


Krumme, schlammverkrustete Zehen, die aus zerschlissenen Ringelsocken ragten.
Dünne Streichholzbeine und noch viel schmalere Pinselärmchen.
Rippen, spitz und hager. Wie zerborstene Bleistiftspitzen.
In den Händen, kleine Seelenblumen, ausgehungert wie der kränkliche Körper.

Bedeckt mit nichts als einem abgewetzten Tischtuch, das einmal entfernt die Farbe von Kerzenschein hatte, blickte er unentwegt in das stille Gewässer.
Mit Augen in der Farbe der untergehenden Sonne, stellte er sogar die dutzend sternefunkelnden Blicke, die vom samtschwarzen Himmel tröpfelten, in den Schatten. Weil er Augen hatte, die nicht von dieser Welt waren.

Spiegel, die funkelten. Finsternis, die aus dem Abgrund sprach.
Und ein hauchzartes Stimmchen, das alles zusammenzuhalten wusste.
(Nicht aber die Hülle, die langsam zerfiel.)

+


So viele Seelen, die den Weg in seine Hände fanden, so lange brauchte er auch, seine ständig wachsenden Arme zu zählen. Arme in der Farbe von Asche, durchscheinend wie Gespenster.
Anfangs hatte er sich im Dasein als Tausendarm gefürchtet, geschimpft, geschämt und gehasst, mittlerweile sah er ihnen zärtlich, beinahe liebevoll dabei zu, wie sie mal hierhin, mal dorthin schwärmten und Ausschau hielten nach verwelkten Blättern, die einmal Seelenblumen gewesen sind.

Knospen, Blüten und Früchte trugen sie, doch manchmal ging die Tinte aus, lange, bevor das Leben sein Narbenwerk vollendet hatte, und das ertrugen sie dann nicht.

Auch jetzt warf er seine Arme wie Angelschnüre aus – die welken, verdorrten Seelenblumen riefen bereits.

+


Unruhig kräuselte sich das Wasser nun, warf überall, wo die äschernen Gespensterarme kürzlich eingetaucht waren, Bläschen.

Furcht und Sorge leisteten ihm Gesellschaft, während er sich das Schlimmste ausmalte, und, wahrhaftig, die Bilder, die diese Schwarzmalerei mit sich brachte, waren wie Wortgewitter (Hieb, Hieb, Peitschenhiebe).

Bilder von einem kleinen Jungen mit durchscheinender Haut und Splitter der Novembersonne in den Augenwinkeln, der am liebsten die Stachelschale von Kastanien sammelte, sich damit die Hände blutig kratzte, nur, um zu behaupten, es wäre ein Rosenstrauch gewesen, der sich wohl versehentlich an seinen Händen vergriffen hätte.
Die Mutter, die ihm kein Wort glaubte, vergriff sich versehentlich im Tonfall.
Wortgewitter (wie Hieb, Hieb, Peitschenhiebe in der Stille).

+


Er summte, kicherte, wisperte und flüsterte, um das Dröhnen der Stille (ein Echo verblassender Bilder) zu übertönen, aber der Schrei der Vergangenheit, der tief in seinem Inneren wie Glassplitter klirrte, schluckte schluckte schluckte es, verschluckte es, verschluckte ihn.

Solange die Nacht den Tag verschluckte, würde er noch in Sicherheit sein, doch wenn das Licht kam, würde er versteinern, nicht im Stande, den Schrei der Zeit länger für sich zu behalten.

Angst wurde mit Bedenken hinuntergeschluckt, mit ein bisschen Zweifel und Schuldgefühlen nachgespült, ehe der verzweifelte Mut ihn wiederfand und er sich kopfüber in die Fluten stürzte.

Sofort wurde ihm leichter und wärmer ums Herz, als ihn ein Netz äscherner Gespensterarme empfing.

+


Tief am Grund des Sees erwartete ihn die Gewissheit.
Mit hängenden Schultern und wässrigen Augen erklärte sie ihm: Du darfst nicht. Es ist verboten. Du weißt, was ich dir über deine Geschwister erzählt habe.

Entfernt erinnerte er sich an ihre ersten Besuche, als er noch zu klein für das Bettchen war und die Arme seiner Mutter kurzerhand zum Bett erkoren wurden.

Genau nach dieser Geborgenheit sehnte er sich nun, als es ihm dämmerte, als ihm klar wurde, dass er nie wieder den Gewitterwortezorn seiner Mutter auf sich ziehen würde.
(Zu spät)

Wie ein Stein sank er auf den Boden, wo er bereits herbeigesehnt wurde.
(Geschnitzte Mundwinkel, die verrotteten, wie verfaulendes Holz.)

+


Holz – nichts anderes ist er je gewesen.
Ein dicker Astarm von einem Tausendhölzer, einem Baum.

Aber wenn es zur Dunkelheit dämmerte, wuchsen ihm Ästchen, an denen sich Wünsche, Träume, Hoffnung klammerten.

Wünsche, die ihn verletzlich, Träume, die ihn menschlich, Hoffnung, die ihn unvorsichtig werden ließen. Besonders in der Nacht, wenn die Welt sich mit den Farben schlafen legte, kam seine Zeit, aus den Schatten zu treten, sich eine neue Identität zuzulegen. Seine Vorstellungskraft reichte aber nicht bis ins Unendliche, was das dürftige Ich in der Dämmerung erklärte.

Wie froh ist er gewesen, als ihm der Herbst seine Nebelkinder anvertraute.
Wie betrübt, als die Mutter ihn von sich abspaltete.

(Zu spät)

~

:.~ . ~ . ~.: