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Die verschwundenen Reliquien

GeschichteMystery / P16 / Gen
Catherine Corrigan Derek Rayne Rachel Corrigan
27.11.2015
27.11.2015
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In diesem Moment kam Metatron um die Ecke. „Gut, da bist du ja! Können wir jetzt zu dieser SaintCyr?“ fragte er barsch. „Ich frage eben bei Sariel nach...“ murmelte Belial genervt. Er konzentrierte sich auf den Leiter der Chirurgie der Gemelli-Klinik und nickte, als er dessen Okay bekam. „Wir können dann. Sariel wartet auf uns in seinem Büro.“   Er nickte Euangelion zu. „Entschuldige mich bitte bei den anderen kurz.“ Sein Sekretär nickte. Belial griff nach Metatrons Hand und tauchte mit ihm in Sariels Büro auf. Der Seraph begrüßte den Höllenfürsten freundlich, nickte dem himmlischen Botschafter nur kurz verächtlich zu, dann bat er die beiden ihm zu folgen. Kurz darauf klopfte er an eine Zimmertür. Ein sanftes „Herein, bitte!“ erklang - hörbar die sympathische Stimme der stellvertretenden Pressesprecherin. Sariel öffnete die Tür. „Signora SaintCyr, Besuch für Sie.“ sagte er und lächelte, als er bemerkte, dass es seiner Patientin gut tat, dass er seinen Sohn zu ihr gebracht hatte. „Ich nehme den Kleinen mit in mein Büro. Falls es Schwierigkeiten gibt ist... mein Schwager Lucian Belial Rayne da...“ Er nahm den kleinen Jungen auf den Arm und verließ das Krankenzimmer. „Hallo Cassandra!“ begrüßte Belial die Bekannte seiner Frau. „Hallo Exzellenz.“ antwortete sie mit einem Lächeln, doch als sie Metatron erblickte, erlosch dieses augenblicklich. „Es will sich jemand entschuldigen.“ erklärte Belial. Der himmlische Botschafter räusperte sich: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie angegriffen habe. Ich sehe unserer zukünftigen Zusammenarbeit entgegen. Ihnen wird vom Himmlischen Vater die Aufgabe übertragen...“ sagte er emotionslos. Belial seufzte. "Wenn du wieder fit bist, Cassandra, so Vaters Idee, sollst du das Image dieses Hirnis aufpolieren..." "Genau das. Also Entschuldigung. Wann sind Sie voraussichtlich genesen?" Cassandra SaintCyr sah Metatron an, blickte zu Belial der völlig fassungslos mit einer Hand über sein Gesicht fuhr und leise aufstöhnte. „Und das nennst du eine Entschuldigung? Was für ein Volldepp bist du?!“ fuhr er seinen Kollegen an. Cassandra sah den himmlischen Botschafter an. „Sie können sich ihre Entschuldigung hinstecken wo die Sonne nie scheint! Und zusammenarbeiten mit Ihnen? Eher kündige ich! Und nun verschwinden Sie, Dr. Bragis Sohn Said-Angelo und ich haben gerade so nett gespielt!“ teilte sie ihm eisig mit. „Das war nicht ihr Sohn?“ fragte Metatron überrascht. Doch es war Belial der antwortete: „Nein, das war Sariels Sohn, du Vollpfosten! Und jetzt gehen wir.“ Er stieß Metatron in Richtung Tür wo er sich noch einmal umdrehte. „Bevor du kündigst, Cassandra... komm zu mir. Ich habe bestimmt interessante Aufgaben für dich in meinem Firmenimperium.“ Er grinste. Sie lachte leise. „Eine Pressekampagne für die Hölle? Könnte mich interessieren.“ Er nickte ihr zu und verschwand mit Metatron. Via Telepathie teilte er Sariel mit wie das Gespräch abgelaufen war. Belial griff nach Metatrons Hand um mit ihm in den Boulevard zurückzukehren. Er tauchte mit ihm in der Küche auf. Ließ sofort angewidert die Hand des Engels los und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. "Wie lief Ihre Entschuldigung?" fragte Selvaggia irritiert. Der Engel sah sie finster an. "Ihrem Blick nach zu urteilen, wohl gar nicht gut." vermutete Mathilde. "Wollen Sie auch einen Kaffee oder Tee?" "Weder noch, Kaffee muss ich nicht haben und Kräutertee? Nein danke!" antwortete er mies gelaunt. Belial setzte sich mit seinem Kaffee an den Tisch. "Er hat es komplett  vergeigt. Die Entschuldigung wirkte total unglaubwürdig." erzählte der Höllenfürst den beiden Hexen. "Wieso? Ich habe mich entschuldigt wie du es wolltest!" beschwerte sich der Engel. "Ach Metatron. Nicht ich wollte es, es ist Befehl unseres Vaters, eine der Voraussetzungen damit du deine Kräfte wieder bekommst. Und die Entschuldigung muss aufrichtig gemeint sein, was die bei Cassandra nicht war, das hat selbst sie gemerkt. Vielleicht solltest du dir mal Gedanken machen wie du auf Menschen und uns wirkst. Wie du anderen begegnest. Selbst wenn du normal im Gespräch bist... von dir kommt keinerlei... wie soll ich sagen... Gefühl. Du wirkst komplett... emotionslos, Metatron und das schreckt einfach ab. Lerne Gefühle zuzulassen, dann fällt dir der freundliche Umgang mit Menschen auch leichter und du schaffst es vielleicht irgendwann... Cassandra eine aufrichtige Entschuldigung zu liefern, die sie dann akzeptieren kann. Selvi kommst du? Ich möchte gern weg hier!"  Er ergriff ihre Hand. "Bis morgen früh, dann." verabschiedete er sich von den Anwesenden. Und tauchte mit seiner Frau in seinem Palazzo in Florenz wieder auf.  Der Frühstückstisch war schon gedeckt, als Lucifer und Selvaggia am nächsten Morgen wieder in Paris auftauchten. Kaffee und Tee stand schon auf dem Tisch und  ein frischgebackener Hefezopf duftete verführerisch. "Wunderschönen guten Morgen ihr Zwei." sagte Mathilde gutgelaunt und grinste Hagiel an. "Guten Morgen." erwiderte Selvaggia den Gruß ihrer Freundin. "Morgen!" murmelte der Höllenfürst setzte sich und trank wortlos von seinem Kaffee und nahm sich ein Stück Zopf. "Das schmeckt lecker Mathilde! Was ist das für ein Gebäck?" wollte Euangelion wissen. "Danke, freut mich dass es Ihnen schmeckt! Das ist ein Hefegebäck aus einem deutschen Kochbuch, das habe ich mal von einer deutschen Freundin geschenkt bekommen." Metatron stürmte wütend in die Küche. "Was muss ich tun damit du mir dieses penetrante Weib vom Hals schaffst? Die stand schon in aller Frühe da und traktiert mich mit ihren Regeln." brüllte er den Höllenfürst an. Dieser atmete tief ein und wieder aus um etwas Ruhe zu bewahren. "Du lernst es wohl nie oder? Sprich mich nicht an, bevor ich meinen ersten Kaffee getrunken habe! Und das Weib ist eine Frau. Außerdem - ich habe dir schon gestern versucht beizubringen, dass es "Morgen" oder "Guten Morgen" heißt es wenn man einen Raum betritt in dem sich jemand befindet, selbst wenn man schlechte Laune hat. Wenn du diese Dinge gelernt hast, wird Madame Lefort ihre Arbeit beenden." sagte er streng und sichtlich gereizt. Er erhob sich nahm seine Kaffeetasse mit und begab sich auf die Dachterrasse.  Währenddessen erschienen die Raynes, zusammen mit Gabriel und Raphael, die die Zwillinge auf dem Arm hatten. Und Consuela Fernandez. "Guten Morgen zusammen, sie sind sicher der berühmte Dr. Derek Rayne mit Familie. Ich habe schon von Ihnen gehört, freut mich sie endlich kennenzulernen." begrüßte Señora Fernandez ihn und seine Familie. "Ist unser höllischer Botschafter heute gar nicht anwesend?" fragte sie. "Doch er ist oben auf der Dachterrasse und extrem gereizt, da ihn Metatron schon wieder vor seiner ersten Tasse Kaffee genervt hat. Vielleicht solltest du zu ihm gehen Derek, das heitert ihn bestimmt auf, seinen besten Freund wieder zum reden zu haben." schlug Selvaggia vor. "Ja, das mache ich!" antwortete Belials "Cousin" und verließ die Küche. "Hallo Belial, alles klar bei dir? Wenn du lieber allein sein willst..." Dieser lächelte freundlich und unterbrach ihn. "Nein, du muss nicht gehen Derek. Ich freue mich, dass ihr wieder da seid. Habt ihr euren Urlaub im Chalet genossen?" "Oh ja, es waren ein paar sehr schöne Tage! Aber wie geht es dir? In der Küche hörte ich, dass du ganz schön viel Arbeit hast und Metatron dich genervt hat." grinste Derek. "Ihr wisst alle, dass man mich vor meinem ersten Kaffee nicht ansprechen sollte, Metatron lernt es einfach nicht, oder er will mich absichtlich provozieren." "Zweiteres scheint mir einleuchtender." meinte Derek. Belial lachte sarkastisch. "Ja, vermutlich. Und das bekommt er auch hin, er nervt mich wenn ich ihn nur sehe." "Ach, er war als Juliens Schutzengel eine Fehlbesetzung und er ist es als Botschafter. Lass dich nicht zu sehr reizen. Ach übrigens: Die Idee mit dem Kindergarten find ich gut, es gibt bestimmt viele Mitarbeiterkinder im Boulevard."  Belial nickte. "Weißt du was das Härteste ist? Da Metatron zum himmlischen Botschafter auserkoren wurde von Vater, muss ich mit ihm zusammenarbeiten." "Kann ich verstehen, dass dich der nervt, wir können ihn auch nicht ausstehen. Wer kann das schon, so wie der sich benimmt? Ach ja, bei "zusammen arbeiten" fällt mir etwas ein. Ich habe zwei Anrufe von Michael Bryce auf dem Anrufbeantworter..." Lucifer seufzte. "Die Monstranzen und..." "Genau, er sagte bereits, dass er mit dir geredet hat und offensichtlich sind auch in weiteren Kirchen in San Francisco und anderen Städten in den USA welche verschwunden. Monstranzen und Ostensorien und so weiter. Zudem hat der Erzbischof von Bamberg einen Anruf getätigt und verschiedene Legatshäuser haben mich kontaktiert." Lucifer starrte seinen Freund an. "Also schon wieder so etwas weltübergreifendes. Wir sollten kurz eine Besprechung ansetzten."  Derek nickte und folgte ihm zurück in die Küche. "Rachel, ich freu mich dich wiederzusehen." sagte er und umarmte seine schwesterliche Freundin. Die Zwillinge riefen aufgeregt. "Lufi, Lufi..." er begrüßte die beiden und behielt die kleine Christina Luciana auf dem Arm, da sie sich an seinem Sakko festkrallte und ihren Kopf auf seine Schulter legte.  "Señora Fernandez? Waren wir verabredet?" Die junge Dame schüttelte den Kopf. "Aber es lagen heute Morgen nochmal fünfzehn Bewerbungen auf meinem Tisch und ich dachte wir sollten sie noch schnell durchsehen bevor die letzten Bewerbungsgespräche  stattfinden." Er stöhnte leise. "Gut, aber wir haben etwas zu besprechen, geben Sie mir zwanzig bis dreißig Minuten?" "Sicher, Lucian B. Rayne." grinste sie. "Ich würde euch bitten mit in den Salon zukommen, es gibt einen neuen Fall zudem auch Derek etwas beizutragen hat." bat Lucifer freundlich und gab seine jüngste Patentochter an Selvaggia. "Metatron in den Salon!" rief er weniger freundlich. "Wir sollten Michael rufen, da ich momentan
mehr hier bin als im Himmel." schlug Gabriel vor. "Michael!" rief Lucifer. Nachdem der Erzengel erschienen war begann Lucifer zu berichten was er in dem Fall bisher wusste und dann ergriff Derek das Wort. "Als wir gestern heimkamen, hatte ich ein paar Anrufe zwei von Michael Bryce, Philip Callaghan, der momentan wieder in seiner Kirche in San Francisco ist und wie Michael sagte hat er sich auf Belials Vorschlag hin mal umgehört und herausbekommen, dass die Diebstähle von Monstranzen und Ostensorien auch in anderen Städten der USA vorgekommen sind. Der Erzbischof hat auch so einen Vorfall gemeldet und  ich wurde während meiner Abwesenheit von den Legatshäusern: London, Berlin und Madrid kontaktiert. Denen wurden in ihren Ländern gleiche Vorfälle gemeldet."  "Also haben wir es wieder mit einem weltübergreifenden Fall zu tun." stellte Metatron fest. Keiner der Anwesenden sagte etwas auf seine Feststellung. "Ich würde vorschlagen, da Derek Michael Bryce und Philip kennt, dass du mal mit den beiden und dem Erzbischof im Bamberger Dom redest und dich anschließend im Legat mit deinen Legatskollegen unterhältst was die wissen, nimm Lucifer mit, tut ihm gut hier mal rauszukommen. Wir kümmern uns um die Kirchen in Paris und eventuell ein, zwei andere Kirchen." schlug Michael vor. "Ich werde Samyaza, Gadreel Armaros und Paymon, herschicken, solange wir alle weg sind. Da ich Selvi und Tilly nicht ohne Schutz hierlasse so lange..." er blickte Metatron scharf an. "...ich dir nicht trauen kann."  Dann wandte er sich an Gabriel: "Gabriel kann ich dich später mal bitte sprechen? fragte Lucifer seinen himmlischen Bruder. "Sicher Lucifer:" antwortete der Erzengel freundlich. Der Höllenfürst rief: "Metatron! Ich erwarte, dass du bei Madame Lefort aufpasst und ihr gehorchst, und vor allem lernst es in der Praxis anzuwenden, denn du hast immer noch eine aufrichtige Entschuldigung vor dir." befahl Lucifer im streng und sichtlich immer noch gereizt. "Ich werde mich bei Madame Lefort erkundigen." fügte er hinzu und verschwand mit Euangelion in seinem Arbeitszimmer. "Wir haben heute vier Bewerbungen, so gegen Mittag?" fragte er die Personalchefin. Diese nickte. Er wandte sich an Euangelion. "Gut, dann gehe ich heute Nachmittag mit Derek, wie Michael vorgeschlagen hat." Eilig ging er die neu eingegangenen Bewerbungen mit Consuela Fernandez durch – doch es waren nur zwei vielversprechende Bewerberinnen dabei, die eingeladen werden würden. Auch die Gespräche waren recht schnell vorbei – zumal Euangelion bei zweien von vornherein ein seltsames Gefühl hatte und eine dritte Bewerberin ergriff entsetzt die Flucht als sie hörte, wessen Interessen er als Sekretär vertrat und die letzte war Belial unsympathisch, der diesmal im Nebenzimmer saß und die Gespräche beobachtete. Am Nachmittag trafen Derek und Belial dann in Bamberg ein. Der Erzbischof stellte sich als „Horst von Backe“ vor und begrüßte den Praeceptor mit den Worten: „Endlich lerne ich den berühmten Dr. Derek Rayne mal kennen.“ Derek lächelte. „Ich habe meinen... Cousin Dr. Dr. Lucian B. Rayne mitgebracht. Er ist Historiker und Wirtschaftswissenschaftler und hat mit seinem geschichtlichen Wissen sicher eine Menge beizutragen.“ Belial lächelte als er vom Erzbischof überrascht begrüßt wurde. „Ich wusste gar nicht, dass Dr. Rayne einen Cousin hat.“ gestand der kirchliche Würdenträger. Der höllische Botschafter grinste. „Er bis vor einem guten Jahr auch nicht... meine Linie – oder ich – bin sozusagen das „Schwarze Schaf“ der Familie.“ Derek schnaubte leise. „Ja, sicher!“   Kurz darauf klingelte Dereks Telefon. „Ah, Pierre Pasquieu...“ murmelte der Praeceptor. „Hallo Derek – ist Lucian bei dir? Sein Sekretär deutete so was an.“ „Ja, der ist dabei – und hat auch sein Iphone in der Tasche – also wenn du...“ „Nein – ihr seid doch in Deutschland, oder?“ „Ja, in Bamberg. Dein Kollege Erzbischof von Backe hat mich gebeten...“ „Ja – ich weiß. Sag deinem... Cousin bitte, das Ostensorium ist wieder aufgetaucht. Außerdem... ach, sag meinem Kollegen Horst einfach ich bin gleich da. Armaros bringt mich nach Bamberg.“ Damit legte er auf. „Ähm... ja...“ murmelte Derek, sah dann jedoch die beiden anderen an. „Lucian: Das Ostensorium in Paris ist wieder da und Exzellenz: Ihr Kollege aus Paris ist gleich da. Er wird von Lucians Mitarbeiter... A...mbrose begleitet. Belial zog belustigt eine Augenbraue hoch. „Ah, na dann reden wir gleich weiter – wobei Ambrose  nicht in die Kirche kommen wird. Er leidet an Agoraphobie...“ Als Pierre den Dom betrat und begrüßt war, betrachtete man die Monstranz von Bamberg. Auch hier war die Hostie entfernt. Belial untersuchte das kostbare Stück. Fast entsetzt sah der Bischof zu, wie er die sehr schwere kunsthandwerklich meisterlich gearbeitete Monstranz mit Leichtigkeit hob und genau betrachtete. „Bitte behandeln Sie das etwas würdevoller! Das ist ein Behältnis für eine verehrungswürdige Hostie!“ Belials Blick ging von Pierre Pasquieu zu dem Erzbischof von Bamberg, der sich beschwert hatte. Derek räusperte sich. „Ich vergaß vielleicht zu erwähnen... also Lucian ist... Protestant... Vieles sieht er also eher weltlich...“ Ein belustigter Blick traf den Praeceptor bei dieser Erklärung. „Ein Anhänger vom Erzketzer Luther? Oder sind sie Calvinist?“ fragte der Erzbischof ein wenig verächtlich. „Schwer zu sagen... an sich hatten beide... gute Ansätze... aber darum geht es hier nicht.“ murmelte Belial. „Also zurück zur Monstranz: Hier wurde das Innere herausgebrochen. Ganz offensichtlich hat man nicht so sauber gearbeitet wie in Paris.“ Er wandte sich an Pierre Pasquieu. „Gab es am Ostensorium Spuren? Ich vermute, der Knochen war nicht mehr drin?“ Der Pariser Erzbischof schüttelte den Kopf. „Nein, keine Spuren – wie an der Monstranz. Kommissar Courier hat ja deinen Sekretär kontaktiert, da er den Termin verschieben musste. Es ist aber in der Kriminaltechnik und wird dort eingehend untersucht – auch die Monstranz. Bei der hat sich allerdings bestätigt was du gesagt hast: Das Glas ist neu und an der Einfassung wurde manipuliert. Und richtig: Der Knochen der Heiligen Agnes war weg.“ murmelte Pierre Pasquieu. „Wir können hier nicht mehr viel ausrichten, Exzellenz von Backe. Würden Sie bitte dafür sorgen, dass die Untersuchungsergebnisse der Polizei auch an den Boulevard übermittelt werden? Mein Sekretär Euangelion sammelt alle diesen Fall betreffenden Informationen.“ Der Erzbischof bedankte sich freundlich und nickte. „Geht ihr zwei schon? Ich komme heute Abend vorbei – Tilly will irgendwas Griechisches kochen hat sie gesagt.“ meinte Pierre Pasquieu. Belial lächelte. „Nun, du hast mit A...mbrose ja einen meiner besten... Piloten an deiner Seite.“ Er zwinkerte dem Pariser Erzbischof unauffällig zu und verließ mit Derek den Dom.   „Das Bäckchen ist ja ein ganz scharfer...“ meinte Belial belustigt zu seinem „Cousin“. „In Zukunft lasse ich wohl besser dich und Euangelion mit ihm quatschen... oder meinen Kollegen – wenn der erzogen ist.“   Es war Abend. Aus der Küche des Boulevards war eine angeregte Diskussion zu hören. Belial und seine Diener und Freunde – waren anwesend sprachen über die verschwundenen Hostien und Reliquien. Auch Michael Bryce war gekommen. Gabriel hatte ihn abgeholt. Der Himmlische Botschafter stand hinter der Tür und lauschte. Wie gelang es Lucifer nur so sympathisch auf diese... Menschen zu wirken? Auch Euangelion hatte er um den Finger gewickelt.   Madame Lefort war an diesem Spätnachmittag verärgert gegangen. Sie war – das hatte sie unmissverständlich klar gemacht – der Ansicht, dass er ein hoffnungsloser Fall war. „Hochmut kommt vor dem Fall!“ schnaubend war sie aus seinem Arbeitszimmer gerauscht um sich bei Consuela Fernandez über ihn zu beschweren – wodurch das zweifellos auch auf dem Schreibtisch Euangelions landen würde. Metatron seufzte. Er wollte sich keine Schwäche geben – zumindest nicht vor Lucifer, Sariel oder einem der anderen Engel. Er hatte einige Dinge durchaus eingesehen. Die stellvertretende Pressesprecherin des Boulevards hatte ihm zu denken gegeben. Cassandra SaintCyr hatte ihm klar und deutlich zu verstehen gegeben, was sie von seiner Entschuldigung hielt: Nichts! Auch die Ankündigung, sie solle sein Image aufpolieren hatte sie rundheraus abgelehnt! Lieber würde sie Pressesprecherin der Hölle werden? Dabei hatte sie allerdings nicht selbstgefällig oder hinterhältig gewirkt, sondern irgendwie kühl, ja fast gleichgültig. Außerdem war da dieser kleine dunkelhaarige Junge bei ihr gewesen, den sie im Arm gehalten hatte. Zuerst hatte er das Kind für ihres gehalten, doch dann hatte sich herausgestellt, dass Said-Angelo Sariels Adoptivsohn war. „Vater – bitte gib mir meine Reisefähigkeit zurück. Ich möchte mit Cassandra SaintCyr reden – allein, ohne die anderen.“ bat er. Nichts geschah. „Du kannst mir auch sämtliche Beschränkungen auferlegen, aber ich muss mit ihr reden – nur mit ihr! Ich bitte dich, Vater!“ „Es sei!“ hörte er und spürte, wie seine Reisekräfte zurückkehrten. Es war außerhalb der Besuchszeit. Cassandra wachte auf und sah eine Gestalt, die neben ihrem Bett saß. Sie blinzelte. Im Zimmer war es dunkel. Sie tastete nach dem Lichtschalter, doch im nächsten Moment stieg eine kleine Lichtkugel aus der einen Handfläche der Gestalt auf. Mit einem Keuchen erkannte sie Metatron. Wie automatisch griff sie zur Klingel für die Nachtschwester, doch der himmlische Botschafter ergriff ihre Hand. „Bitte nicht, Miss SaintCyr. Ich habe... Ich wollte mit Ihnen allein reden – ohne Lucifer und Sariel.“   Cassandra lachte spöttisch auf. „Sie haben ihren Standpunkt beim letzten Besuch klar gemacht, Exzellenz. Ich denke, Sie haben dem nichts mehr hinzuzufügen. Bitte gehen Sie!“ Er
seufzte. „Gut, das habe ich mit Sicherheit verdient. Vielleicht hören Sie mir aber einfach zu?“ Sie sah ihn kühl an, widersprach jedoch nicht. Er nahm das als Ermutigung. „Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie das ist. Plötzlich muss man aus heiterem Himmel Aufgaben übernehmen die einen kaum interessieren... Ich habe gemerkt, dass mein... mein freier Wille schwächer wurde. Ich... als Lucifer sich gegen Vater aufgelehnt hatte ging das schleichend. Und ich war im Himmel gebunden. Dort gibt und gab es natürlich keine Verbindung zu Menschen.“ begann er. Cassandra sah ihn ohne sichtbare Gefühlsregung an. „Als ich dann... mehr oder weniger gezwungenermaßen – der Schutzengel von Julien-Noel Dubois, dem Freund von Katherine Corrigan-Rayne wurde hat mich das überfordert – irgendwie. Er war aufsässig, er verstand sich genauso gut mit Lucifer wie seine Freundin, deren Pate der zudem ist. Die beiden haben Seraphiel und mich bekämpft wobei wir nur die besten Absichten hatten und alle unsere Handlungen gut gemeint waren...“ Cassandra schnaubte leise. „Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit „gut gemeint“!“ hörte er sie murmeln. Er konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. „Ja, wahrscheinlich... Ich bin ziemlich naiv an meine neue Aufgabe herangegangen, zugegeben.“ „Offensichtlich. Und dann waren Sie so frustriert, dass sie jeden Menschen in der Botschaft zusammenschlagen. Ist verständlich, natürlich Exzellenz.“ murmelte sie verächtlich. „Miss SaintCyr, ich habe Ihren Spott und ihre Verachtung sicher verdient.“   Sie lachte leise und spöttisch. „Hören Sie sich überhaupt mal reden, Exzellenz? Ich, ich, ich... Ich habe gemerkt..., ich war überfordert..., ich bin naiv herangegangen..., ich war im Himmel gebunden... Jeder Satz hat sich nur um Sie gedreht!“ Metatron zuckte zusammen und überlegte. Er schluckte. „Ja... stimmt...“ gab er zu. „Gibt es sonst noch etwas?“ Er seufzte. „Ich versuche gerade Ihnen zu erklären... was ich mir selbst nicht wirklich erklären kann...“ „Sie sind ein egozentrisches Geschöpf das einfach seine Macht ausgenutzt hat!“ warf sie ihm vor. „Ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie belästigt habe.“ „Exzellenz?“ sagte sie leise. „Miss SaintCyr?“   Er wandte sich zu ihr um. „Ich würde gern wissen, was einen Engel, zudem einen der wohl mächtigsten, einen der Fürsten der Seraphim, zumindest wenn ich Dr. Lucian Rayne – oder ja, gut, den Teufel, richtig verstanden habe, was Ihren Rang betrifft – veranlasst so gereizt auf gewöhnliche menschliche Angestellte zu reagieren, die lediglich gute Freundinnen in den „Privaträumen“ der Botschafter besuchen wollen.“ „Würden Sie mir dann erzählen wieso der Sohn... der Adoptivsohn meines... Bruders Sariel bei Ihnen war? Sie sind so herzlich mit ihm umgegangen, dass ich mich wunderte, dass Sie... nicht verheiratet sind und keine eigenen Kinder haben.“ Er merkte, wie sie innerlich zurückwich. „Das geht Sie nichts an!“ entgegnete sie distanziert. „Ich muss – von Berufswegen – offenbar auf allerhöchsten Wunsch Ihr Image aufpolieren. Auch wenn Sie Menschen wie Hunde sehen, die glücklich zu sein haben, wenn Sie Ihnen ein „Leckerli“ zuwerfen.“ Er zuckte zusammen. „Zugegeben... meine Wortwahl war anders, aber...“ Er sah verlegen zum Fenster. „Also: Kriege ich jetzt noch mehr „Ich-Tiraden“ zu hören?“ fragte sie fast verächtlich. Er schüttelte den Kopf. „Es war ganz offensichtlich ein Fehler zu kommen und ich werde Sie nicht weiter belästigen. Es ist wahrscheinlich auch besser... Mein Bruder Sandalephon oder Seraphiel werden den Posten des himmlischen Botschafters sehr viel besser ausfüllen als ich. Bitte entschuldigen Sie mein Eindringen.“ Er verschwand. Cassandra SaintCyr starrte auf die Stelle an der er vor einem Wimpernschlag noch gestanden hatte. Zurück in der Botschaft sank Metatron in die Knie. „Vater, bitte entbinde mich von den Botschafter-Pflichten. Ich kann mit Menschen ganz offensichtlich nicht umgehen und mit Lucifer auch nicht. Mit meinen Aufgaben im Himmel bin ich zurecht gekommen, doch hier bin ich hilflos.“ murmelte er. Hinter ihm erschien Sandalephon. „Ich bin gebeten worden dir die Antwort zu überbringen, Bruder.“ sagte der Seraph sanft. „Du wirst bleiben und dir wird die reine Reisefähigkeit erhalten bleiben. Und du sollst ehrlich und aufrichtig zu Cassandra SaintCyr sein! Die Pflichten als Botschafter werden dir nicht erlassen und ich soll dich daran erinnern, dass du den Himmel repräsentierst!“ „Die Chance darauf habe ich verspielt, Sandalephon. Das weiß sicher niemand besser als unser Vater.“ flüsterte Metatron. „Noch nicht. Noch hast du eine Chance. Gewinne das Vertrauen der Menschen zurück. Fange mit Cassandra an und mit ihrer Hilfe wirst du auch das Vertrauen und die Freundschaft der andere Angestellten dieser Botschaft und der Menschen gewinnen..“ Metatron sah seinen Bruder ratlos an, nickte jedoch. „Es geschehe nach SEINEM Willen.“ murmelte er demütig. Sandalephon lächelte mild. „Geht es das nicht immer? Und vertraue auf ihn, unser Vater wird es richten – wenn du selbst deinen Teil dazu tust.“ Aufmunternd legte Sandalephon Metatron eine Hand auf die Schulter bevor er verschwand. Der Botschafter erhob sich. Vielleicht sollte er Cassandra eine Freude machen? Doch womit machte man einer sterblichen Frau eine Freude? Ob Mathilde oder Selvaggia Rat wüssten? Immerhin waren die beiden Hexen einmal sterblich gewesen. Kurz entschlossen machte er sich auf den Weg in die Küche, wo er die Köchin vermutete.   Die Gäste waren inzwischen weg. Mathilde hatte schon aufgeräumt. In der Tür blieb er erstaunt stehen. Ein junger Mann – ganz offensichtlich ein Mensch - stand bei ihr. Die zwei unterhielten sich angeregt während sie Tee tranken. Metatron wusste, dass einige Angestellte - menschliche Angestellte - Nachtdienst in der Botschaft machten. Bisher hatte ihn das allerdings nicht interessiert. „Andrew, wenn du etwas von Giulia willst solltest du herausfinden was sie mag. Ihre Lieblingsblumen zum Beispiel. Wobei ich dir den Tipp geben kann, dass ihre Lieblingsschokolade Marzipanschokolade ist.“ Die Köchin lächelte, als sie diese Information preisgab. Überrascht stellte Metatron fest, dass Mathilde offensichtlich eine Menge über die Angestellten der Botschaft wusste. Mit einem leisen Räuspern betrat er die Küche. Mathilde und der Mann namens Andrew zuckten zusammen. „E...Exzellenz? Sire Lucifer ist... er ist nicht anwesend... Ich... ich glaube, er ist in... in... Italien... I... ich....“ „Bitte, ich will nicht zu Lucifer. Ich hätte gern einen... Tee? Und vielleicht zwei, drei Kekse dazu?“ Überrascht starrte die Köchin ihn an. „Na... natürlich... Welche Sorte Tee?“ fragte sie. „Welche Sorte trinkt Julien-Noel meist?“ Sie errötete. „Der trinkt Kaffee... also... bevorzugt ihn...“ entgegnete sie schüchtern. „Und Katherine?“ „Kräutertee...“ Metatron nickte. „Dann nehme ich einen Kräutertee.“ Sichtlich nervös bereitete sie das Gewünschte zu und öffnete eine große Dose mit Keksen. Andrew hielt sich derweil fast geschickt zwischen ihr und Metatron, was dieser mit einem innerlichen Kopfschütteln wahrnahm – genauso wie die Angst des Menschen. „Andrew? Darf ich Sie so nennen?“ Zurückhaltend, fast kühl antwortete der Mann: „Mein Nachname ist Smith, Exzellenz.“ „Natürlich... Mr. Smith... In welcher Abteilung arbeiten Sie?“ „In der Informatik. Und bevor Sie weiter fragen: Ich bin Anhänger des anderen Botschafters und fühle mich Ihnen gegenüber nicht zur Rechenschaft verpflichtet!“ Dann wandte er sich an Mathilde. „Also, Tilly, wann immer du Zeit und Lust hast. Du weißt, dein Projekt finde ich toll und ich helfe dir gern. Komm ruhig vorbei. Ich bereite schon mal alles vor.“ Er küsste galant ihre Hand und verließ mit einem kurzen Nicken die Küche. Mathilde reichte Metatron seinen Becher mit Tee. „Soll ich... die Kekse... die... Ihnen... Teller und Sie...“ stotterte sie. Er sah die Angst in ihren Augen. „Nein, ich... bitte beruhigen Sie sich, Mathilde.  Ich brauche einen... einen Rat und... Sie scheinen die richtige Person für diesen Rat zu sein. Würden Sie sich für einen Moment zu mir setzen und mir zuhören?“ Zögernd nickte die Köchin, wischte verlegen ihre Hände an der Schürze ab und flüsterte: „Si... sicher... E... Exzellenz“ Sie wartete, bis er sich hingesetzt hatte, dann nahm sie so weit weg wie möglich von ihm Platz. „Es kommt dem ein wenig nah was sie Mr. Smith geraten haben. Allerdings geht es nicht um seine Guilia, sondern um Cassandra SaintCyr.“ Sofort erhob Mathilde sich. „Sie haben die arme Cassie zusammengeschlagen!“ fauchte sie. „Ja – und ich will es wieder gut machen.“ Verachtung schlich sich in ihren Blick. „Um Ihre vollen Kräfte zurück zu bekommen!“  „Und wenn es so wäre?“ fragte er. „Dann werden Sie uns alle wieder tyrannisieren – schönen Dank auch! Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt die Küche verlassen!“ Er seufzte. „Mathilde, ich will mich ja ändern. Ich weiß, dass ich... mein Problem ist, dass ich wütend auf Lucifer bin, eifersüchtig – zumindest ein wenig. Er hat einen uneingeschränkten freien Willen und Vater liebt ihn immer noch – trotz seines Aufstandes. Lucifer kriegt Protektion wenn er in Gefahr ist und er ist inzwischen verheiratet und wird bald Vater – mit Einverständnis und sehr viel Zutun unseres Vaters. Ich stelle fest, wie leer mein Leben ist und wie reich seins.“ Mathilde sah ihn schweigend an. „Ich bin einfach ausgerastet. Ich weiß, dass das nicht richtig war und ich Madame Leforts ständiges Genörgel darum auch verdient habe, aber Vater will, dass ich mit Miss SaintCyr zusammenarbeite wenn sie wieder gesund ist... Bitte Mathilde, wenn Sie
eine Idee haben wie ich sie... wie ich mich mit Gesten entschuldigen kann, dann hätte ich die gern gehört.“ Misstrauisch sah Mathilde ihn an. „Sie wollen sich wirklich ändern?“ Metatron nickte. „Ich gestehe, Cassandra SaintCyr hat mir einen Spiegel vorgehalten... und in diesem Spiegel... das war nicht ich, Mathilde!“ Sie sah ihn schweigend an, dann, nach einer kleinen Ewigkeit nickte sie. „Cassie... sie mag die weißen... also Trüffelpralinen... aber nur die Belgischen... Ich... und diese Nougat-Meeresfrüchte... und Veilchen. Sie mag... sie hasst Rosen... und... sie bastelt gern... Das ist... Sie hat schon die Taufeinladungen für Luciano entworfen... Außerdem ist sie unglaublich geschickt mit Worten und... sie... sie... ähm... liest gern... Nicht alles, aber sie hat mal... Sie hat sich mit Selvaggia mal über Venedig zu Selvis Zeit unterhalten, mag also auch Geschichte...“ „Danke, Mathilde.“ sagte er freundlich. „Tu... Tun Sie ihr bitte nicht weh. Sie hat zwar nie so richtig drüber geredet... und ich sollte meinen Mund halten, aber... sie hat... sie war verheiratet und ihr Mann war... er... er hat sie fast umgebracht...“ flüsterte die Köchin. Metatron erstarrte, dann stand er auf, legte Mathilde freundlich eine Hand auf die Schulter. „Sie haben mein Wort, nein, ich schwöre bei meinem himmlischen Vater, dass ich versuchen werde das wieder gut zu machen. Ich werde ihr nicht weh tun. Und wann immer Sie Hilfe brauchen, Hilfe die Ihr... „Meister“ nicht bieten kann, meine Tür steht offen. Danke für den ausgezeichneten Tee und die sehr schmackhaften Kekse.“ Er verschwand. Als Cassandra SaintCyr am nächsten Morgen erwachte, standen kleine Veilchensträuße, blau und duftend verteilt im Zimmer. Sie atmete tief ein. Wie war das möglich? Es war Spätsommer! Die duftenden blauen bescheidenen Veilchen blühten im Frühjahr! Sie richtete sich vorsichtig auf und entdeckte einen kleinen Briefumschlag auf ihrer Bettdecke. Misstrauisch zog sie das Kärtchen heraus. In einer sehr sauberen karolingischen Minuskel stand darauf: „Das Veilchen steht für Bescheidenheit, Unschuld und auch Verschwiegenheit. All das trifft auf Sie zu. Es gibt es in vielen Farben, wie Sie sicher wissen. Die von mir gewählten blauen symbolisieren die Bitte um Geduld – in diesem Fall mit mir. M.“ las sie. Wer war „M.“? Und wer nutzte karolingische Minuskel zum schreiben? Mathilde vielleicht? Wenn sie ihren „Herrn“ gebeten hatte Veilchen wachsen zu lassen um ihr eine Freude zu machen... dann war das natürlich möglich. Aber Geduld? Wieso sollte die herzensgute Köchin des Boulevards um Geduld bitten? In diesem Moment klopfte es und auf ihr überraschtes „Herein!“ betrat Sariel das Zimmer. „Mademoiselle SaintCyr, wie geht es Ihnen heute Morgen...“ Er sah sich verblüfft um. „Oh... Veilchen? Sie haben einen Verehrer?“ „Ich weiß nicht... Das lag auf meinem Bett.“ Sie reichte ihm die Karte. „Ich weiß nicht wer „M.“ ist und mich um Geduld bittet.“ Sariel nahm die das Kärtchen und blinzelte als er die Botschaft überflogen hatte. „Metatron – M. steht für Metatron...“ murmelte er verblüfft. Cassandra kniff die Augen wütend zusammen. „Wären Sie bitte so nett die Veilchensträuße entfernen zu lassen? Jeden einzelnen!“ „Wie kommt er darauf Sie um Geduld zu bitten? Das Gespräch ist doch katastrophal verlaufen.“ murmelte Sariel verblüfft. „Er war gestern Nacht hier – allein.“ gestand die Patientin. „Unmöglich! Ohne Lucifer kann er nicht mal reisen!“ „Offenbar doch!“ antwortete sie ihm. „Ich werde das klären. Die Veilchensträuße lasse ich selbstverständlich entfernen.“ Eine Schwester betrat den Raum. „Scusi Dottore, scusi Signorina, das wurde gerade für Sie abgegeben, Signorina SaintCyr.“ Sie reichte Cassandra ein längliches Päckchen. Zögernd nahm die es entgegen und packte es unter dem Blick Sariels und der Schwester aus. Eine große Packung weißer belgischer Schokoladentrüffel, die Sorte ihres Lieblingsherstellers, kam zutage und ein Kärtchen. „Hoffentlich ist es gelungen Ihre Lieblingssorte zu treffen. Mögen die Trüffel Sie bei Ihrer Genesung unterstützen. M.“ las sie vor. Ihre Hand zitterte. „Ich werde die Pralinen umgehend entfernen lassen, Mademoiselle.“ versicherte Sariel und wollte nach dem Karton greifen. Cassandra räusperte sich. „Ich... meine Güte, Dottore Bragi, ich liebe diese Trüffelpralinen!“ gestand sie. Sariel verkniff sich ein Lächeln. „In Maßen kann ich das akzeptieren, aber in den Massen? Das ist ein gutes Kilo, Mademoiselle!“ Sie grinste. „1100 Gramm.“ Entschlossen nahm er die Schachtel an sich. „Es gibt eine Morgen zum Frühstück, zwei zum Mittag als Nachtisch und drei zum Nachmittagstee! Mehr nicht!“ sagte er streng, bevor er die Schwester bat die Veilchensträuße zu entfernen. Kaum hatte sie mit einem halben Dutzend das Zimmer verlassen, wandte Sariel sich an Cassandra. „Ihnen ist allerdings schon klar, dass Sie damit seine Entschuldigungsversuche akzeptieren, wenn Sie die Pralinen annehmen, nicht wahr?“  Sie biss auf die Unterlippe. „Vielleicht haben Sie recht... besser ich schicke sie zurück. Könnten Sie das...?“ „Ich lasse Ihnen bis Morgen Zeit.“ sagte er freundlich und verließ mit einem Nicken das Zimmer. In seinem Büro nahm er Kontakt zu Belial auf und bat ihn um einen kurzen Besuch. Schon bald darauf erschien der höllische Botschafter mit seiner Frau. „Sariel, was gibt es?“ fragte er. „Wusstest du, dass Metatron offenbar reisen kann? Er war in der Nacht bei Mademoiselle SaintCyr und hat... sie heute zuerst mit Veilchensträußen und danach mit diesen Pralinen beglücken wollen.“ Verblüfft starrte Ehepaar Rayne Sariel an. „Woher weiß er von Cassies Vorlieben?“ wollte Selvaggia wissen. „Ich weiß nicht – vielleicht kann er auch wieder Gedanken lesen?“ antwortete Sariel. „Hast du bei Vater nachgefragt?“ erkundigte Belial sich. Der Seraph schüttelte den Kopf.  Es flimmerte ein wenig, dann erschien Sandalephon. „Grüßt euch – ich bin nur hier um euch kurz mitzuteilen, dass die Reisefähigkeit das einzige ist, was er wieder zurückbekommen hat – und darum hat er fast gebettelt. Er wollte den Botschafter-Job hinwerfen, das hat unser Himmlischer Vater jedoch nicht zugelassen.“ „Er muss auch die Fähigkeit zurückbekommen haben Gedanken zu lesen. Cassie hätte ihm nie erzählt, dass sie Veilchen liebt und genau diese Sorte Pralinen!“ beschwerte sich Selvaggia. Sandalephon lächelte sie an. „Nein... das hat Mathilde ihm verraten. Er war gestern bei ihr und hat mit ihr Tee getrunken und sie um Hilfe gebeten.“ „Wie konnte sie nur!“ empörte Selvaggia sich. „Er lernt gerade, dass Mathilde nicht jeden von uns vergiften, verfluchen, verführen oder ähnliches will.“ antwortete der Seraph milde lächelnd.  „Nun gut, ich nehme die Pralinen mit und lasse sie von Euangelion an Metatron zurückgeben – mit entsprechender Nachricht. Außerdem werde ich eine Packung gleicher Marke und Sorte besorgen und dir überstellen lassen. So einfach sollten wir es Metatron dann doch nicht machen!“ Sariel lachte leise und Sandalephon seufzte. Er verabschiedete sich und war verschwunden. Während Selvaggia in der Küche mit Mathilde böse war, stellte Lucifer seinen himmlischen Kollegen zur Rede. "Wie konntest du allein zu Mademoiselle SaintCyr gehen? Was hast du dir dabei gedacht?" schimpfte der Höllenfürst wütend. "Ich wollte lediglich mit ihr reden. Ich habe Vater gebeten mir die Reisefähigkeit zu geben. Aber es hat nicht funktioniert. Ich wollte mich ehrlich entschuldigen, aber ich... ich fand nicht die richtigen Worte. Da hab ich Mathilde gefragt was ihr gefällt und... Aber das funktioniert wohl auch nicht." erklärte er und wirkte dabei fast traurig als sein Blick auf die Schachtel mit Pralinen fiel, die Belial vor ihm auf den Schreibtisch geknallt hatte. "Ich habe Vater gebeten mir den Botschafterjob zu entziehen, ich kann und möchte ihn nicht machen. Ich habe keine Ahnung von der Arbeit und ich kann nicht mit Menschen und euch umgehen und vor allem nicht mit..." "...mir!" beendete Lucifer den Satz. "Das kann kannst du beides lernen, dazu ist Madame Lefort da und... du siehst wie wir miteinander umgehen. Ich gebe zu ich bin auch nicht immer freundlich und hab öfter eine giftige Antwort parat, aber... ich würde niemals so weit gehen wie du." "Nein, du lässt deine Wut an mir aus!" fauchte er und schlug dem Höllenfürst mitten ins Gesicht, dieser verzog keine Miene.  "Ach ja ich habe ja keinerlei Kräfte mehr, na los, komm... schlag zu... lass deine Wut so richtig raus an mir ich hab ja noch meine Selbstheilungskräfte, dass ich mich heilen kann falls du mich verletzt. Na los auf was wartest du?" Lucifer schüttelte den Kopf. "Das macht nur halb so viel Spaß wenn du  keine Kräfte hast." antwortete er und ließ den Erzengel einfach stehen.  Am nächsten Morgen saß Lucifer wie immer mit Tilly, Selvi, Hagiel und Euangelion beim Frühstück in der Küche des Boulevards. Es herrschte aber eisiges Schweigen. Lucifer redet morgens ohnehin kaum. Hagiel und Euangelion schwiegen weil sie die dicke Luft spürten die zwischen den beiden Hexen herrschte.  "Guten Morgen. Könnte ich bitte einen Tee haben? Aber diesmal probiere ich es mit Früchtetee wenn Sie haben, Mathilde. " Sie starrten Metatron überrascht an. "Natürlich ich mache Ihnen sofort einen." beeilte die Köchin sich zu antworten. Der Engel setzte sich an den noch freien Platz neben Lucifer, der ihn fragend anstarrte. "Was? Gestern hast du mich noch getadelt, dass ich nicht Guten Morgen sage, heute mache ich es und dann siehst du mich an als ob ich etwas falsches gesagt habe." "Ich bin nur überrascht, da ich nicht damit gerechnet hätte, dass du plötzlich guten Morgen sagst und dich dann zu uns setzt. "Guten Morgen, Metatron." sagte der Höllenfürst
freundlich aber kühl.  "Mathilde es tut mir leid dass ich Sie... ausgefragt habe, dadurch haben Sie sich jetzt Ärger eingefangen mit Ihrer besten Freundin und Ihrem Herrn. Ich hoffe Sie haben nicht zu viel Ärger bekommen wegen mir." Die Köchin schluckte. "Nein, ich... ähm... Ihr Tee, Exzellenz... lassen Sie den bitte acht Minuten... ähm.. ziehen." Er bedankte sich mit einem freundlichen Nicken, bevor er sich Selvaggia zuwandte. "Signora... Bragi-Rayne ich kann leider nichts ungeschehen machen, aber es tut mir sehr leid dass ich Sie... als ich Rachel ..ich wollte nicht, dass es Ihnen danach schlecht geht. Bitte entschuldigen Sie, Signora. Und du, Lucifer, sei nicht zu streng mit Mathilde, es war meine Schuld. Am besten ich geh jetzt wieder, die Be... Madame Lefort kommt wohl gleich wieder." Er stand auf und verließ mit seiner Teetasse die Küche. "Was war das denn? Hat der grad Guten Morgen gesagt und mich um einen Tee gebeten?" Selvaggia nickte. "Und er hat sich bei uns entschuldigt und irgendwie klang es aufrichtig." Lucifer sagte nichts der starrte verwirrt zur Küchentür. "Lucifer wir müssen los. Wir haben noch die letzten beiden Bewerbungen und anschließend... wollten wir zusammen mit Señora Fernandez entscheiden welche der Damen und zwei Herren wir einstellen." mahnte Euangelion. Der Fürst der Finsternis nickte. Trank den Rest seines Kaffees aus, stellte die Tasse in die Spülmaschine und verschwand zusammen mit seinem Sekretär.  Eine gute Woche war vergangen. Kat und Julien saßen mit Belial, Selvaggia, Hagiel, Euangelion und der gerade aus dem Krankenhaus entlassenen Cassandra Saint Cyr in der Küche, während Mathilde fröhlich summend am Herd werkelte. Es schimmerte plötzlich und ein Engel stand im Raum. Er stand ein wenig eingeschüchtert vor Belial und den anderen. „Ich bin... bin Graphiel, der von Fürst Metatron angeforderte Sekretär.“ Alle Anwesenden starrten ihn überrascht an. Euangelion grinste, schob sich eine frische Kokosmakrone in den Mund und nuschelte: „Prima, ich bin Lucifers Sekretär Euangelion. Dann begegnen sich unsere Chefs seltener – was für den Frieden nur förderlich sein kann. Graphiel sah ihn entsetzt an. „Aber du bist ein Engel und zudem eigentlich in Fürst Gabriels Dienst!“ Euangelion schluckte den Keks herunter. „Ja, aber bei Lucifer ist es interessanter. Muss ich wirklich sagen. Außerdem genieße ich inzwischen wirklich das gesellige tägliche Kaffeetrinken inklusive Tillys köstlichem Gebäck. Da bin ich wirklich froh, dass ich kein Mensch bin, sonst würde ich wohl inzwischen nicht mehr durch die Tür passen.“ In diesem Moment betrat Metatron die Küche. „Tachchen allerseits.“ meinte er freundlich und direkt fröhlich. „Ah, Graphiel, ich sehe, du hast dich mit deinem Kollegen Euangelion bereits bekannt gemacht und auch die „Familie“ im Boulevard kennen gelernt. Ich hoffe, es haben sich auch alle vorgestellt?“ „Fürst Metatron, nein, ich kenne nur Lucifer und Euangelion hat sich vorgestellt.“ gestand der Engel. Der himmlische Botschafter schüttelte den Kopf. „Da hat mein höllischer Kollege es doch glatt versäumt... ts...“ meinte er spöttisch zu Belial gewandt, sah dann zu seinem Sekretär und erklärte: „Neben Lucifer sitzt seine Frau Selvaggia, von Freunden und ihm Selvi genannt. Dort am Herd steht Mathilde, die Köchin des Boulevards, von den meisten Tilly genannt. Gadreel und Armaros sind Diener von Lucifer. Hagiel dürftest du kennen, genauso Lucifers und Michaels – unter anderem – Patentochter Katherine-Lucia-Seraphina-Maya-Micaela-Samira-Anais-Sigrune-Dieudonnée Corrigan-Rayne und Julien Dubois – oder unter Hamaliels und Michaels Befehl auch Juliel... - ihren Freund. Die Dame gegenüber von Selvaggia ist Señora Consuela Fernandez, die Personalchefin des Boulevards und neben ihr sitzt Andrew Smith der hauseigene Informatiker. Und dann ist da noch... Mademoiselle Cassandra SaintCyr...“ Er nickte der stellvertretenden Pressesprecherin des Boulevards zu. „Nur mal so als Frage: Geht Madame Lefort dir inzwischen so auf die Nerven, dass du jetzt den netten Engel rauskehrst?“ meinte Belial erstaunt. „Nein, aber ich bin lernfähig... scheint, dass deine Manieren langsam zu wünschen übrig lassen.“ antwortete Metatron spöttisch. Er wandte sich an die Köchin. „Mathilde, hätten Sie einen Kräutertee für mich?“ Überrascht sah sie sich um. „Aber ja, Exzellenz.“ Kurz darauf stellte sie ihm einen Becher dampfenden Tees hin. „Wenn... also wenn Sie möchten... bedienen Sie sich ruhig bei den Kokosmakronen...“ murmelte sie verlegen als er sich bedankte. Metatron warf einen Blick auf das Gebäck. „Wie schmeckt das, Euangelion? Ich habe bisher nur Heidesand-Kekse probiert.“ Der Sekretär räusperte sich. „Sehr gut. Die Makronen sind mit Quark gemacht und sehr saftig – im Gegensatz zu Heidesand-Keksen.“ „Setz dich, Graphiel. Ich habe in der recht kurzen Zeit als Botschafter gelernt, dass viele Sachen hier in der Küche besprochen werden.“ Sein Sekretär setzte sich neben Euangelion, was für Metatron nur den Platz zwischen Kat und Cassandra übrig ließ. Höflich wandte er sich an die Beiden. „Sie erlauben, die Damen?“ fragte er. Kat schnaubte leise. „Ist ja sonst nichts mehr frei... wobei ich momentan ja eh mehr Kräfte habe als Sie...“   Cassandra wollte aufstehen, doch Metatron legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Bitte, Madame SaintCyr... Ich... mir fällt es schwer, Menschen gegenüber die richtigen Worte zu finden. Ich habe es mit... belgischen Schokoladentrüffeln versucht, doch die haben Sie mir mit Lucifer zurückschicken lassen und... Sariel sagte, dass Sie auch die Veilchen haben umgehend entfernen lassen, aber...“ „Moment... ich dachte, die Trüffel seien von Ihnen gewesen und... ich habe die Packung doch noch in meinem Büro! Dr. Bragi – oder Sariel, wie Sie sagen – hat mir Pralinen nur in Maßen gestattet.“ Verblüfft sank Metatron auf den Stuhl. „Sie haben die Pralinen...?“ Sie nickte. „Danke... aber belgischen Trüffeln kann ich wirklich nur sehr schwer widerstehen.“ Sie lächelte scheu.   Metatron warf Belial einen vernichtenden Blick zu. „Wie kommt es, dass Madame SaintCyr belgische Trüffel – und offenbar die gleiche Sorte Trüffel die ich schickte – in ihrem Büro hat, während ich die von mir gesandte Packung von dir auf den Schreibtisch geworfen bekam?“ fragte er schneidend. Belial zuckte mit den Schultern. „Notwendige Erziehungsmaßnahmen...“ meinte er mit einem hinterhältigen Grinsen. Metatrons Blick verfinsterte sich. „Ich will dich in einer Stunde in meinem Büro sprechen, Lucifer! Unter – wie die Menschen sagen würden - „vier Augen“! Dass wir zwei in unserer... normalen Gestalt einige Augen mehr haben ist dabei unerheblich!“ sagte er streng und fordernd. „Mal sehen. Ich glaube nicht, dass ich Lust auf ein Gespräch mit dir habe.“ entgegnete Belial gelangweilt und scheinbar träge. Kat sah zu Selvaggia und merkte, dass auch ihre Nenntante genau wusste was in ihrem Lieblingsonkel vorging. Er traute der plötzlichen Höflichkeit Metatrons nicht. Der himmlische Botschafter wandte sich an Cassandra: „Mademoiselle SaintCyr, darf ich Ihnen – als ernst gemeintes Zeichen meiner Entschuldigung nachher die Pralinen von Graphiel bringen lassen oder selber bringen?“ Sie räusperte sich. „Ich... ähm... habe noch... aber danke für das Angebot.“  Metatron nickte. „Ich verstehe... Sie ziehen die Sicherheit von Lucifers Betrug vor... Schade. Doch wann immer Sie sich anders entscheiden lassen Sie es mich bitte wissen.“ Er wandte sich den anderen zu. „Gibt es irgendetwas Neues in Bezug auf die Monstranzen und Ostensorien?“ Hagiel räusperte sich. „Ja. Das FBI hat bei den in Amerika wieder geleert aufgetauchten klar drei oder vier Mitglieder der Society of North American Goldsmiths eingrenzen können. Nur die wenigen sind in der Lage so präzise zu arbeiten – meint Agent Pennyweather. Hier in Paris wird jemand bei Cartier dahinter vermutet und in Deutschland gibt es ebenfalls einige Verdächtige." "Ich habe mir erlaubt, Ihnen die Liste in ihr Büro - ins Vorzimmer zu legen, Graphiel wird sie dort finden." murmelte Euangelion.  "Vielen Dank! Dann sehe ich mir die Liste mal an, dass ich auf dem Laufenden bin, wenn die nächste Einsatzbesprechung stattfindet. Kommst du Graphiel? Wir haben noch einiges zu besprechen." Der Engel folgte seinem Vorgesetzten. Julien stand auf und schloss die Küchentür. "So fühle ich mich besser." erklärte er. "Der ist zu freundlich. Das ist ja schon unheimlich." stellte Kat fest. Die Anderen stimmten alle mit einem Nicken zu. "Warum hast du eigentlich die Pralinenschachtel zurückgegeben, Onkel Belial?" wollte Kat wissen. "Weil er sich mit Worten entschuldigen muss - ausdrücklicher Befehl vom himmlischen Vater." Cassandra sah grinsend zu dem höllischen Botschafter. "Na da muss er sich aber ganz schön ins Zeug legen, dass es für mich glaubwürdig rüber kommt." Selvaggia grinste. "Ja, mach es ihm nur nicht zu leicht, der soll ruhig zappeln dieser Mistkerl." Cassandra lächelte ihre Freundin an. "Gehst du nachher zu Metatron?" wollte Euangelion von Lucifer wissen. Dieser nickte. "Muss ich ja wohl, immerhin muss ich ihm klarmachen was Vater von ihm erwartet, denn das scheint er noch nicht ganz verstanden zu haben." "Ich habe keine Lust mich mit dem abzugeben und in Zukunft mit ihm zusammen zu arbeiten." fügte er seufzend hinzu. "Also ich bewundere dich aber wie du das machst Lucifer, ich glaub ich hätte dem schon längst den Kopf abgerissen." warf Hagiel in die Runde. Allgemeines Gelächter erfüllte den Raum. "Ich finde ihn absolut unheimlich. Zuerst weigert er sich strickt auch nur einen Keks anzufassen und jetzt... fragt er immer nach Tee und lobt die Kekse in den Himmel. Und ich bin mir nicht mal sicher ob er es ernst meint." gab Mathilde zu.  "Er
ist plötzlich einfach zu freundlich." stimmte Julien zu. Lucifer strich sich mit beiden Händen übers Gesicht. "Ich brauch noch einen Kaffee bevor ich zu ihm gehe... Nervennahrung." Mathilde nahm seine Tasse. "Ich mache Ihnen..." Belial räusperte sich belustigt, worauf Mathilde scheu lächelte und "... pardon, dir einen." Sie stellte ihm die Tasse mit frischem Kaffee hin und setzte sich selbst wieder. "Danke Tilly." sagte er und schenkte ihr ein freundschaftliches Lächeln. " Sie lächelte ebenso freundlich zurück.  "Señora Fernandez, wie weit sind eigentlich die Arbeiten im Außenbereich des Kindergartens?" erkundigte sich der Höllenfürst. "Die Spielwiese ist soweit angelegt und wir können dann zur Planung der Gartengestaltung übergehen. Der Garten wurde auch aufgeteilt - in zwei Bereiche. Kindergarten und Krippe, da die Einjährigen ja noch kleinere Gerätschaften benötigen. Ich habe mich schon um Kindergartenkataloge gekümmert, sie werden voraussichtlich Morgen Vormittag bei mir eintreffen." "Sehr schön. Wenn Sie dann morgen etwas Zeit erübrigen können, melden Sie sich doch bitte bei mir, beziehungsweise bei Euangelion, dann können wir die Kataloge mal durchgehen." Consuela Fernandez nickte. Der Blick des Höllenfürsten fiel auf die Küchenuhr an der Wand. "Wann sagte Metatron er wolle mich in einer Stunde in seinem Arbeitszimmer sehen?" fragte er in die Runde. "Ich glaube die Stunde ist schon vorbei, Schatz." antwortete ihm seine Frau. Er verdrehte genervt die Augen. "Na dann sollte ich wohl mal gehen. Er erhob sich lustlos, gab seiner Hexe einen Kuss und machte beim Verlassen der Küche eine freundliche Geste zu den anderen. "Du bist zu spät!" stellte Metatron genervt fest als sein höllischer Kollege nach seinem "Herein" eintrat. "Sei froh, dass ich überhaupt gekommen bin." murmelte dieser. "Warum hast du das mit den Pralinen gemacht?" fragte er sichtlich verärgert. "Weil es mit Geschenken nicht getan ist. Vater meinte ausdrücklich du sollst dich persönlich, mit Worten bei Mademoiselle SaintCyr entschuldigen. Und die Entschuldigung muss ehrlich gemeint sein, nicht nur leere Worte und Freundlichkeitsgesülze." antwortete Lucifer giftig. Zornig griff der Engel nach dem ersten was er auf seinem Schreibtisch in die Finger bekam, einen Stiftehalter und warf ihn nach seinem Kollegen. Dieser duckte sich jedoch rechtzeitig und der Stiftehalter knallte gegen die  geschlossene Tür.   Lucifer grinste. "So viel zu deiner Freundlichkeit." sagte er spöttisch. "Hör endlich auf mich zu provozieren!" fauchte Metatron. "Wie du mir... so ich dir!" gab er giftig zurück. Metatron atmete tief ein und wieder aus. "Ihr treibt mich alle in den Wahnsinn! Da bekommt man von dir ständig gesagt: Sag Guten Morgen, sei höflich und so weiter, dann macht man es  und doch ist es auch falsch." brüllte er den Höllenfürst an und wollte ihm in seiner  Wut eine Ohrfeige versetzen, Lucifer fing die Hand jedoch ab und drückte fest zu. "Du weißt ich könnte dich im Moment ziemlich verletzten. Ich muss noch nicht mal viel Kraft aufwenden um dir sämtliche Knochen zu brechen. Klar du kannst dich heilen, aber der Schmerz davor? Ich würde es mir an deiner Stelle zweimal überlegen mich im Moment anzugreifen. Denn das nächste Mal, werde ich nicht so gnädig sein!" fauchte er gefährlich leise. Er ließ das Handgelenk des Engels los und stieß ihn unsanft von sich, so dass dieser das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Er griff mit der anderen Hand an sein schmerzendes Handgelenk und benutzte seine Selbstheilungskräfte. "Lerne Ehrlichkeit und du kommst deinem Ziel einen Schritt näher. Noch Fragen?" Metatron sah genervt zu Boden.  Lucifer drehte sich um und verließ das Arbeitszimmer. Er betrat wortlos die Küche um das Gespräch über Rezepte der Damen und Andrew nicht zu unterbrechen, denn Mathilde und der Informatiker planten ein interaktives Kochbuch via Internet, und nahm sich einen der Kekse. "Hast du es ihm ordentlich gegeben, Chef?" fragte Gadreel diabolisch grinsend. "Nun ja, ich habe versucht ihm verständlich zu machen, was von ihm erwartet wird. Und ihm klar gemacht, dass ich das nächste Mal nicht so gnädig bin, sollte er mich noch einmal angreifen wollen." Er wendete sich seiner Patentochter zu. "Käthchen, kommst du? Wir könnten mal wieder am Grimoire arbeiten." sagte er liebevoll. "Ja klar. Julien sagst du Mum und Dad bitte Bescheid dass ich mit Onkel Belial .." "Sicher Süße." antwortete er leise und küsste sie zärtlich auf den Mund.  Lucifer schmunzelte. Sie folgte ihm in sein Arbeitszimmer und setzte sich in den Stuhl am Schreibtisch gegenüber seines Chefsessels und beobachtete wie er das Buch mit Hilfe von Magie aus seinem Versteck holte. Er ließ es mit weiteren Handbewegungen herausgleiten und sanft vor Katherine auf den Tisch niedersinken. Sie schlug das Buch auf und begann mit ihrer Arbeit. "Onkel Belial?" fragte sie nach einer Weile. "Was denn Käthchen?" fragte er freundlich. "Wie erträgst du Metatron ohne komplett auszurasten? Wenn ich du wäre hätte ich glaub das Bedürfnis ihn ständig zusammen zu schlagen." Er lächelte seine Patentochter an. "Das habe ich auch. Aber das ist nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Er soll ja den freundlichen Umgang mit uns allen lernen und  wenn ich ihm ständig mit Gewalt begegnen würden, wäre das wohl wenig sinnvoll. Auf deine Frage wie ich ihn ertrage: Mit viel Selbstbeherrschung und einiges an Ärger einfach schlucken... oder ich schalte einfach... gedanklich ab, wenn er mich nervt mit seinem übertriebenen Freundlichkeitsgesülze." Sie lächelten einander an und Kat ging wieder an ihre Arbeit. Metatron war auf der Suche nach Consuela Fernandez in einen der Innenhöfe geschickt worden, nahe der einen der drei Hauskapellen des Boulevards. Erstaunt sah er, wie sie eine Gruppe Handwerker anwies das große Dach über einem ausgedehnten Sandkasten aufzubauen. „Señora?“ Die Personalchefin des Boulevards drehte sich überrascht um, doch sofort wurde ihre Miene abweisend. „Exzellenz Metatron?“ sagte sie kühl. Er sah sich irritiert um. „Was wird das hier?“ fragte er. „Etwas außerhalb Ihres Interesses – mit Verlaub. Was wollen Sie von mir?“ „Ich würde gern wissen wo ich Cassandra SaintCyr finde.“ „Die ist dem persönlichen Stab von Botschafter Rayne zugeteilt.“   Metatron ballte die Fäuste. „Der Himmlische Vater hatte sie für... meinen persönlichen Stab vorgesehen, Señora Fernandez! Bitte sorgen Sie umgehend dafür, dass Mademoiselle SaintCyr sich Morgen früh bei mir oder meinem Sekretär Graphiel meldet!“ sagte er energisch und bemüht höflich. „Wenn die Hölle einfriert, Exzellenz! Botschafter Rayne hat sie extra seinem Stab zuteilen lassen um Cassie vor Ihnen in Sicherheit zu bringen! Machen Sie das mit ihm ab!“ „Señora Fernandez, ich werde gar nichts in der Richtung tun! Sie sind nicht nur Lucifer gegenüber Rechenschaft und Treue schuldig sondern auch mir!“ Consuela Fernandez sah ihn an. „Ich bin für die Personalplanung zuständig, Exzellenz. Das hat mit Rechenschaft oder Treue wenig zu tun! Ich kümmere mich um das benötigte Personal. Sie brauchen eine Pressesprecherin oder einen Pressesprecher? Kein Problem, ich besorge Ihnen jemanden. Sie wissen, Cassie ist nur die stellvertretende Pressesprecherin des Boulevards. Charles Bouvier-Souraque ist ein Vollprofi. Er wird...“ „Nein! Ich möchte Mademoiselle SaintCyr!“ Consuela Fernandez zuckte mit den Schultern. „Nun gut, Sie haben morgen Cassandras Kündigung auf dem Schreibtisch.“ Metatron lachte spöttisch. „Niemand kündigt im Boulevard Haussmann 13!“ Die Personalchefin sah ihn belustigt an. „Hochmut kommt vor dem Fall, Exzellenz! Cassie arbeitet noch hier, weil Botschafter Rayne...“ „Lucifer! Nennen Sie ihn doch bei seinem Namen!“ unterbrach Metatron sie ungehalten. Sie zuckte mit den Schultern. „An sich ist mir das genauso egal wie Cassandra. Aber gut, sie ist noch hier weil der höllische Botschafter, Lucifer oder mit „menschlichem“ Namen Lucian B. Rayne sie gebeten hat für seine Seite zu arbeiten. Er hat ihr jedoch auch angeboten dies außerhalb der Botschaft zu tun. Sobald Cassie für Sie arbeiten soll – nur weil sie noch bei der Botschaft beschäftigt ist, wird sie kündigen und exklusiv für Botschafter Rayne arbeiten.“ Metatron schloss einen Moment die Augen. „Teilen Sie Mademoiselle SaintCyr bitte mit, dass ich sie Morgen früh gern sprechen würde?“ Ein erneutes Schulterzucken und ein gleichgültiges: „Werde ich machen. Ich werde ihr auch empfehlen gleich das Kündigungsschreiben in der Handtasche zu haben.“ Ein finsterer Blick traf sie. „Sie werden unverschämt! Sie sollten Ihre Prioritäten kennen! Ich bin einer der Botschafter und Sie sollten mir gegenüber respektvoller reden!“ fuhr er sie an. Die Personalchefin sah ihn gelangweilt an. „Respekt ist etwas, das man sich verdienen muss! Und sie haben bisher alles getan um das Gegenteil zu verdienen! Und jetzt lassen Sie mich meine Arbeit tun!“   Mit einem missbilligenden Blick sah Metatron sie an, machte jedoch auf dem Absatz kehrt und ging in sein Arbeitszimmer. Auf dem Weg durch das Vorzimmer rief er Graphiel zu: „Lass der Personalchefin Fernandez eine Notiz zukommen, dass ich Cassandra SaintCyr Morgen um 10 Uhr sehen will!“ Sein Sekretär nickte.   Metatron sank in seinen Stuhl und schlug verärgert mit der Faust auf den Schreibtisch. Wie sollte er Cassandra SaintCyr für sich einnehmen, wenn Lucifer alles tat um ihm das unmöglich zu machen? Wen konnte er um Hilfe bitten? Mathilde war ihm gegenüber misstrauisch, Selvaggia sprach nicht einmal mit ihm. Mit einem Mal stand Sandalephon vor ihm. Er wusste, dass sein Zwilling momentan mit Seraphiel für den Chor der Seraphim zuständig war.   „Was willst du?“ fragte Metatron seufzend. „Dir helfen? Offiziell darf ich das ja nicht, aber... weißt du, du kannst auch Lucifer um Rat
fragen. Er ist eigentlich ganz in Ordnung. Und wenn du ehrlich bist... Cassandra SaintCyr gefällt dir – oder nicht?“ Metatron sah ihn entsetzt an. „Sie ist ein Mensch!“ Sandalephon zuckte mit den Schultern. „Ja, aber nach menschlichen Maßstäben sieht sie gut aus. Und du bist ein wenig neidisch auf Lucifers Glück mit seiner Selvaggia... Es ist keine Sünde ein Auge für die Schönheit der Schöpfung zu haben. Und Lucifer ist erfolgreich als Botschafter und auf der... zwischenmenschlichen Beziehungsebene weil er sich menschlich geben kann. Er sieht die Schönheit der menschlichen Frauen durchaus. Er findet Cassandra, Rachel, ja selbst Katherine attraktiv...“ „Bitte? Er betrügt seine Frau?“ fragte Metatron entsetzt. Sandalephon schüttelte lachend den Kopf. „Nein! Das würde er niemals tun. Er sieht die Schönheit, aber nichts geht über die Schönheit seiner Frau. Schönheit, Bruder, liegt immer im Auge des Betrachters.“ „Du schlägst mir allen Ernstes vor ich soll versuchen Cassandra SaintCyr in mein... zu verführen?!“ Sandalephon zuckte mit den Schultern. „Natürlich nur wenn du sie wirklich hübsch findest – und du solltest geschickter mit Worten werden. Wenn du jemanden wirklich liebst, Bruder, dann solltest du dein Herz auch mal auf der Zunge tragen. Rede vernünftig mit ihr und bringe zum Ausdruck wie sehr dir an ihrer Vergebung liegt und wie tief dein Bedauern für deinen – sagen wir es deutlich – schämenswerten Gewaltausbruch ist!“ „Willst du mich in der Hölle sehen? Du weißt wie Vater auf diejenigen reagiert hat, die menschlichen Frauen zu nahe kamen!“ fuhr Metatron auf. Sandalephon lächelte. „Aber du weißt auch durch Lucifer und Selvaggia, dass er gnädig und gütig, gerecht und verständnisvoll sein kann... Wie sonst erklärst du dir seine Forderung, dass Sariel und Raphael Cassandra SaintCyr erst dann vollständig – und ich meine absolut vollständig – heilen dürfen, wenn du weißt was geschehen ist, von ihr selbst und wenn du, Bruder, Vater darum bittest den beiden aufzutragen sie zu heilen!“   Metatron sah ihn an. „Sag du mir was geschehen ist. Ich bin ja bereit für ihre Heilung Vater anzuflehen, aber...“ Sandalephon unterbrach ihn: „Ich habe schon zu viel erzählt, Bruder! Nur soviel: Nimm Madame Leforts Lektionen an, beobachte Lucifer, lerne die menschlichen Angestellten kennen und zwinge Cassandra SaintCyr nicht in deinen Dienst... Das ist alles was ich dir raten kann und darf!“ Damit verschwand er. Metatron ließ sein Gesicht verzweifelt in seine Hände sinken. Am nächsten Morgen betrat er nachdenklich die Küche. Mathilde buk gerade frisches Brot und kochte offensichtlich Johannisbeergelee. „Guten Morgen, Mathilde, wie geht es Ihnen?“ Die Köchin zuckte zusammen, wie jedes Mal. Diesmal riss sie jedoch vor Schreck den Topf mit dem blubbernden Gelee vom Herd. Metatron sprang auf sie zu und zog sie hastig zur Seite als der Inhalt nach allen Seiten spritzte, um sie vor der heißen Masse in Sicherheit zu bringen.   „Um Himmels Willen, Mathilde! Wieso fürchten Sie sich immer noch so vor mir? Habe ich in den letzten Tagen nicht bewiesen, dass ich auch umgänglich sein kann? Zumal ich meine Kräfte nicht mal habe!“ tadelte er sie freundlich und hielt sie tröstend im Arm. Mathilde schluchzte leise. „Es tut mir leid. Ich bin nur froh, dass Sie nicht ernsthaft verletzt sind. Kommen Sie, ich helfe Ihnen die Küche aufzuräumen und notfalls besorge ich Ihnen auch neue Johannisbeeren für Gelee.“ versuchte er sie zu trösten – just in dem Moment als Belial mit Papieren in der Hand durch die Küchentür trat. „Tilly, ich könnte deine Hilfe bei der Auswahl für eine Köchin für...“ Er sah hoch und bemerkte Metatron. Sein Blick ging forschend durch die Küche. „Was ist hier passiert?“ verlangte er zu wissen.   „Ich wollte mir einen Tee holen und Mathilde hat sich erschrocken als ich kam.“ antwortete der Himmlische Botschafter. „Und dann hast du hier wieder marodiert? Was ist das für eine Sauerei? Musstest du der armen Mathilde den Topf mit Marmelade vor die Füße werfen? Wieso das? Hat sie dir nicht schnell genug deinen Tee gebracht?“ Belial war sichtlich wütend. „Nein, Sire... ich meine... Lucifer... Herr... so war es nicht. Ich habe den Topf... ich habe ihn aus Versehen vom Herd gerissen und Exzellenz Metatron hat mich gerade noch rechtzeitig zur Seite gezogen damit ich mir keine... keine Verbrennungen zuziehe...“ schluchzte sie. Metatron sah Belial seufzend an. „Ja, ich weiß, das traust du mir nicht zu, aber vielleicht bist du so nett und wendest ein wenig Hokuspokus an um Mathildes Marmelade zu retten? Bitte?“   Belial nickte langsam. Ein Blick auf die Köchin hatte ihm genug gesagt. Mit drei Handbewegungen sah die Küche wieder ordentlich aus. „Wieso bist du eigentlich momentan so... verdammt freundlich zu uns allen? Auf der Schleimspur rutscht man ja fast aus!“ fuhr er Metatron danach an.  „Vielleicht versuche ich wenigstens zu lernen? Du bist es doch der mir andauernd predigt, dass meine Manieren zu wünschen übrig lassen! Und du bist doch auch dafür verantwortlich, dass diese Lefort mir auf die Nerven geht – gut, auf Befehl unseres Vaters, aber trotzdem. Und jetzt hintertreibst du auch noch eine Annäherung an Cassandra SaintCyr!“ rief Metatron mit Enttäuschung in der Stimme. Belial sah ihn an. „Setz dich!“ befahl er und wandte sich dann an Mathilde. „Tilly, machst du ihm bitte seinen Tee und mir einen extrastarken Kaffee?“ Die Köchin nickte. „Danke übrigens, dass du mit Magie Mathildes Marmelade gerettet hast. Es wäre zweifellos schade gewesen. Das riecht angenehm...“ Belial zog ob dieser Worte überrascht eine Augenbraue hoch. „Gut. Reden wir. Cassie will nicht für dich arbeiten. Ich habe mit dem Angebot für mich zu arbeiten ihre Kündigung verhindert. Wenn sie einmal den Boulevard verlassen hätte, wäre sie höchstwahrscheinlich nicht wieder zurückgekommen.“ Mathilde stellte die Getränke vor sie und dazu ein Körbchen mit frischem Brot und ein Schälchen mit der noch warmen Marmelade. „Ich dachte, Sie möchten... probieren.“ murmelte sie mit einem scheuen Lächeln. Die beiden Botschafter bedankten sich. Metatron seufzte leise. „Gut, du hast sie also gehalten... aber sag mir: Wie kann ich ihre Vergebung erringen, wenn ich nicht einmal zu ihr durchkomme? Du hast verhindert, dass sie die Pralinen annehmen musste – oder konnte...“ Belial zuckte mit den Schultern. „Ich habe dir gesagt wieso: Du musst mit ihr reden. Señora Fernandez hat mir berichtet, dass du Cassie um 10 Uhr sehen willst?“ Metatron nickte. „Soll ich dabei sein? Vermutlich wirft sie dir sonst wirklich ein Kündigungsschreiben auf den Schreibtisch – und das wäre fatal.“ Misstrauisch sah Metatron ihn an.  „Wieso versuchst du mir plötzlich zu helfen?“ fragte er. „Weil ich Cassandra mag und sie hat schon genug durchgemacht. Außerdem ist sie verdammt gut in dem was sie macht. Ich glaube, wenn ich sie wirklich gewähren lasse glauben die Menschen noch innerhalb kürzester Zeit, dass die Hölle ein 10-Sterne Urlaubsressort mit 13-Sterne-Spa ist.“ Um die Mundwinkel des Botschafters zuckte es. „Du machst Witze.“ Belial schüttelte den Kopf. „Nein, keineswegs... zumindest was die Qualität von Cassies Arbeit angeht nicht. Aber sag mir, wie willst du dich wirklich entschuldigen? Die Nummer im Krankenhaus in Rom ist ja so was von daneben gegangen, das war ja schon peinlich! Jedem meiner... Freunde oder Untergebenen hätte ich dafür so einen Tritt versetzt, dass sie sich zumindest auf dem Mond wiedergefunden hätten!“ Metatron sah ihn fast traurig an. „Ich habe es ja versucht – allein, Lucifer. Ich habe versucht ihr zu erklären wieso ich mit meiner Aufgabe als Botschafter hier überfordert bin – irgendwie. Sie hat sich über mich lustig gemacht! Sie hat gefragt, ob ich mit meiner „Ich-Tirade“ fertig wäre.“ Um Belials Mundwinkel zuckte es. „Ja, Cassie ist sehr direkt... aber das macht sie auch sympathisch. Sie wird dir nie Honig ums Maul schmieren, Kleiner. Ganz im Gegenteil: Sie sagt dir ehrlich ihre Meinung und wenn du die nicht verträgst wirst du mit ihr auch nie warm werden. Andererseits ist sie ein ganz wunderbarer Mensch. Sie hat Selvi und mir eine wunderschöne silberne Babyrassel für unser Kind geschenkt. Sie hat es zwar nicht gesagt, aber das Ding ist ein Familienerbstück – aber sie weiß, dass sie nie Kinder haben wird... zumindest nicht, wenn nicht ein Wunder geschieht.“ Er sah Metatron scharf an.  „Und ich sollte vielleicht erwähnen, dass meine Frau sie als Patin haben will – neben Rachel... Und ich werde Julien und Sariel bitten...“ „Weißt du, was passiert ist? Ich weiß nur, dass sie ziemliches Pech mit ihrer Ehe hatte und...“ „Das musst du selber fragen. Wenn sie dir genug vertraut, Kleiner, dann wird sie dir die ganze Geschichte erzählen und du kannst entscheiden worum du Vater bittest... Ich bin mir sicher, dass du ein wenig neidisch bist, neidisch weil ich Selvaggia habe, bald Vater werde und mit Consuela, Cassie, Tilly und den Raynes genauso locker umgehen kann wie mit einigen Bischöfen, die durchaus wissen wer ich bin.“ Metatron nickte überrascht. Mit einem Grinsen fuhr Belial fort: „Obwohl die meisten Angestellten erst mal einen Schock kriegen, wenn sie merken, dass ich nicht der himmlische Botschafter bin sondern der andere.“  Sein Kollege musste ein wenig widerwillig lachen, dann jedoch wurde er ernst. „Ja, es ist ein Gefühl von Neid da und auch etwas anderes. Sandalephon war gestern kurz bei mir. Er hat gemeint, ich solle mir gestatten Mademoiselle SaintCyrs Schönheit zu sehen, die ein Werk unseres Vaters sei. Wobei ich das Gefühl hatte, dass er mehr meinte. Ich kann doch nicht versuchen sie zu verführen!“ Belial sah ihn nachdenklich an. „Tja... das ist die Frage. Es besteht nicht die
Gefahr, dass ihr Kinder bekommt... es sei denn, Vater entscheidet anders – und in dem Fall wird er das ähnlich handhaben wie bei Selvi und mir... andererseits: Magst du Cassandra überhaupt? Findest du sie hübsch? Ist sie dir sympathisch – insgesamt? Mit ihren kleinen Schwächen – wie der Schwäche für Schokoladentrüffel, ihrer kompromisslosen Ehrlichkeit, ihrer Bescheidenheit und ihrer scharfen Zunge?“ wollte Belial wissen. Metatron überlegte. Er rief sich Cassandra SaintCyrs Bild ins Gedächtnis... Ihre dunkelbraunen Locken, ihre Augen, die ihn an Gewitterwolken oder eine sturmgepeitschte Nordsee erinnerten, trotz der tief verborgenen Trauer darin. Ihr liebevolles Lächeln, das sie Said-Angelo geschenkt hatte und der spöttische Zug um ihre Lippen als sie ihn abgekanzelt hatte. Sie hatte keine Model-Maße, aber sie war hübsch und klug... Er nickte. „Ja, ich mag sie. Ich finde ihre Ehrlichkeit gut, ich finde sie hübsch und ihre Schwäche für Pralinen macht sie sympathisch... auch die Tatsache, dass sie diese Schwäche zugeben kann.“ „Sag ihr das. Mach ihr Komplimente. Du könntest mit ihr ins Kino gehen, eine Theatervorstellung besuchen. Selvi liebt Musik und Singspiele – so hießen Opern, Operetten und Musicals zu ihren normalen Lebzeiten... sozusagen. Lade sie ins Museum ein. Der Louvre ist sehenswert – findet zumindest Rachel. Kat hingegen langweilt sich ein wenig bei Museen, wobei sie das Musee d' Orsay mag. Habe den Mut Cassandra zu zeigen, dass sie dich reizt – intellektuell, vielleicht sogar körperlich. Und wenn es was wird... mehr als Freundschaft, Kleiner, dann frag bei Vater an, bitte ihn um Erlaubnis, Verständnis und Vergebung – vorab.“ Belial sah auf die Uhr. „Ich glaube, wir sollten gehen... in zehn Minuten kommt Cassie und ich könnte mir vorstellen, dass sie ziemlich geladen ist, weil du sie her zitiert hast.“ meinte er schmunzelnd.   Er wandte sich an die Köchin und rief freundlich: „Tilly, machst du mir bitte einen Tee für Cassie und packst ein paar von deinen Zimtkeksen dazu? Die mag sie doch glaube ich am liebsten.“ „Natürlich, sofort.“ Zwei Minuten später stand das Gewünschte vor Belial. Metatron grinste. „Ich glaube, die Kekse können wir hier lassen... ich habe ja noch die Pralinen...“ Ein Kopfschütteln war die Antwort. „Damit zwingst du ihr etwas auf und das ist nicht gut...“ murmelte Belial. Metatron biss sich verlegen auf die Lippen, nickte der Köchin dankend zu und verließ mit seinem Kollegen die Küche in Richtung seines Arbeitszimmers.
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