Jolanne l'assassine

von Av4l4rion
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
Aramis Athos D'Artagnan Kardinal Richelieu OC (Own Character) Porthos
26.11.2015
28.06.2020
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26.11.2015 1.606
 
Es war Dunkel. Warmes Kerzenlicht erhellte die großen, reich möblierten Zimmer und in einem davon tönte sogar leiser Gesang von einem Jungen, der keine 14 Jahre zählen konnte, wie die elegant gekleidete Frau von ihrem Schminktisch aus bemerkte, als sie mit langsamen Bewegungen ihren Schmuck ablegte.
Maria de Médici war inzwischen 45 Jahre alt. In diesen Zeiten zählte sie damit bereits zu den alten Frauen und es stimmte. Kinder würde sie wohl keine mehr gebären. Doch im Gegensatz zu anderen in ihrem Alter war Maria zäh. Sie hatte nicht nur ihre schlanke Linie und aufrechte Haltung bewahrt, auch ihr Gesicht verriet nicht ihr wahres Alter. Ihr Leben am Hof, zuerst als Königin von Frankreich, dann als Königinmutter und Regentin und schließlich als Geächtete, ins Exil geschickte, hatte sie hart werden lassen, wie Eisen. Die Sorte Eisen, dem nicht einmal große Kälte etwas anhaben konnte.
Marias eigener Sohn, der junge König Ludwig XIII. war es, der sie vom Hof verbannt und damit verhindert hatte, dass sie auch weiterhin dieses Land führte. Doch Maria fühlte, dass sie sich dem nicht einfach geschlagen geben konnte. Zumal sie mit dem Kurs, auf dem ihr Sohn das Land führte, nicht im Geringsten einverstanden war. Im Grunde gab es nur eine Sache, die Maria in der denkbar schlechten Lage, in der sie sich befand, immer noch motivierte, weiter zu machen: Rache. Sie verzehrte sich danach, ihren missratenen Sohn Ludwig vom Thron zu vertreiben und damit ihrem zweiten Sohn – und sich selbst – die Chance zu geben, es besser zu machen.
Ein Plan, den sie – trotz ihres Exils – nicht allein hegte. Auch sie hatte noch einflussreiche Freunde am Hof, die mit der Politik des Königs nicht einverstanden waren und sich deswegen bemühten, ihre Interessen zu vertreten – natürlich ohne dabei ihre wahren Absichten preis zu geben. Einer davon hörte auf den Namen Richelieu. Er war zweifelsohne der mächtigste und bekannteste, der seine geheimen Pläne zur Machtergreifung regelmäßig durch geheime Botschaften und sogar heimliche Treffen mit ihr teilte.
So auch diesem Abend.

Während sie diesen Gedanken nachhing, klopfte es. Der Junge hielt in seinem Singsang inne und sah sich ein wenig irritiert um, unsicher, was er nun tun sollte. Mit einem Winken bedeutete Maria ihm, zu verschwinden, was er – deutlich erleichtert – tat und rief dann vernehmlich: „Herein?“
Ihre Zofe trat mit gesenktem Blick ein. Maria wusste, dass dieses hübsche junge Ding keine von ihren Getreuen war, sondern von ihrem Sohn in ihren Dienst gestellt worden war, um ihre Aktivitäten zu überwachen, weswegen sie ihr gegenüber kühl reagierte.
„Madame, ein Louis de Vitry bittet darum, vorgelassen zu werden .
„Wer?“, fragte Maria und tat überrascht. Natürlich wusste sie längst, wer sich hinter dem Namen verbarg, doch zu ihrem eigenen und dem Schutz des Kardinals tat sie unwissend.
„Louis de Vitry.“, wiederholte die Zofe und warf ihr flüchtig einen Blick zu. „Ein ältlicher Herr, der bereits länger gereist zu sein scheint. Er besitzt ein Schreiben des Königs, das ihn befähigt, vorgelassen zu werden.“
Maria nickte. „Nun. Was stehst du dann noch hier herum? Lass ihn eintreten.“
Die Zofe nickte und trollte sich.
Ein paar Minuten später klopfte es wieder und eine groß gewachsene Gestalt in dunklen, vor Dreck starrenden Umhang trat ein. Als er sicher war, dass keiner sie mehr belauschte und beobachtete, lüftete er seine Kapuze und verbeugte sich tief vor ihr. „Madame.“, sagte er und seine durchdringenden, raubtierhaften Augen glitten rasch durch das Zimmer, um sich zu vergewissern, dass sie allein waren.
Maria reichte ihm zur Begrüßung die Hand und er hauchte einen Kuss darauf. Dann wies sie auf eine Sesselgruppe in der Nähe, wo sie sich gemeinsam niederließen.
„Wie war die Reise?“, fragte Maria und goss für beide einen Becher Wein ein. Der Kardinal zuckte die Schultern.
Nicht komfortabler, als jede meiner Reisen.“, antwortete er.
„Hat mein Sohn Verdacht geschöpft?“
Der Kardinal schüttelte den Kopf. „Nein Madame. Ich vermute, er ist viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Musketieren eine Würdigung nach der anderen angedeihen zu lassen.“
Er verzog das Gesicht, um deutlich zu machen, was er davon hielt. Maria lachte ein wenig. Die Musketiere – insbesondere drei von ihnen – kannte sie ebenfalls bereits. Sie hatten bereits einige ihrer Intrigen zunichte gemacht, jedoch glücklicherweise, als Urheber nie sie selbst ausgemacht. Die Verschleierungstaktiken des Kardinals schienen zu fruchten.
„Also ist der Palast nicht strenger bewacht?“, hakte sie nach und der Kardinal schüttelte den Kopf. „Der König fühlt sich sicher. Zu sicher, wenn Ihr mich fragt.“
Maria nahm das nickend zur Notiz, verzog das Gesicht zu einem boshaften Lächeln und antwortete: „Wenn ihm das mal nicht zum Verhängnis wird…“
Das Lachen blieb ihr im Halse stecken, als sie blanken Stahl an der empfindlichen Haut ihres Halses spürte und ein eisiger Schauer über ihren Rücken rann. Das Gesicht des Kardinals zeigte Entsetzen.  
„Womit ich dann wohl ins Spiel komme.“, sagte eine samtig weiche Stimme, die einnehmend hätte klingen können – wäre da nicht die Klinge an Marias Hals gewesen.
Maria schien einen Augenblick schockiert, doch dann schob sie mit einem Finger die Klinge weg und sagte: „Willkommen Mademoiselle, wie schön dass auch Ihr uns nun die Ehre erweist. Wie soll ich Euch nennen?“
Der Kardinal schaute überrascht zwischen ihnen hin und her und fragte: „Was, war das etwa geplant?“
Die Assassine ließ ein kleines Lachen tönen, nahm endlich das Messer weg und stellte sich so, dass sie zwar immer noch den Fluchtweg, das Fenster durch das sie gekommen war, im Rücken hatte, aber dennoch im Blickfeld Marias stand. Sie war ganz in schwarz gekleidet. Von ihrem Gesicht konnte man nicht viel erkennen, da es durch eine, tief herunter gezogene Kapuze verdeckt wurde, die nur die Mundpartie frei ließ. Doch man erkannte ihre schlanke, durchtrainierte Statur, die in engen Kniehosen und kniehohen Lederstiefeln steckte.
Ihr Wams reichte bis zur Mitte der Oberschenkel und wurde auf Hüfthöhe von einen breiten Gürtel zusammen gehalten. An ihren Armen trug sie Armschoner, in denen, soweit der Kardinal das erkennen konnte, gefährlich aussehende Klingen verborgen waren. Im Gegensatz zu allen Assassinen und Kriegern, denen er bereits begegnet war, trug diese keinen Degen am Gürtel, dafür aber auf dem Rücken zwei eigenartige Schwerter mit langen, runden Griffen, wahrscheinlich stammte diese junge Frau aus einer, ihm unbekannten Kultur. Insgesamt glich sie tatsächlich dem, wie man sie nannte: Einem Phantom.
Maria sah den Kardinal nicht an, als sie ihm auf seine Frage antwortete: „Nicht so direkt. Aber ja, ich hatte sie bereits erwartet.“
Die Assassine ließ erneut ihr samtiges Lachen ertönen und sagte: „Nennt mich, wie es Euch beliebt. Ich habe keinen Namen.“
Maria nickte. „Gut. Phantom also. Ihr wisst bereits, dass ich einen Auftrag für Euch habe?
Die Assassine nickte. „Mein Botschafter sagte so etwas. Doch er sagte ebenfalls, dass Ihr mir diesen Auftrag nur persönlich nennen wollt.“
„Dieser Auftrag ist von allergrößter Wichtigkeit. Ich habe mich nicht umsonst für Euch entschieden. Es heißt, dass Ihr nie eine Spur hinterlasst?“
Die Assassine zog ein wenig die Schultern an. „Das kann wohl kaum stimmen. Sonst wären gar keine Gerüchte über mich im Umlauf.“, antwortete sie.
„Wie dem auch sei.“, meinte Maria. Bei diesem Auftrag verlange ich von Euch vollste Konzentration. Es darf keiner Verdacht schöpfen, wer dahinter steckt. Deswegen werde ich Euch auch fürstlich entlohnen.“
„Wo wir gerade von Entlohnung sprechen…“, nahm die Assassine den Faden auf und begann ruhelos im Zimmer auf und ab zu tigern. „Pro Auftrag verlange ich 20 Livre. Vorkasse natürlich. Und weitere 10 nach erfolgreicher Beendigung. Was stellt Ihr Euch also unter einer fürstlichen Entlohnung vor?“
Maria lächelte und zog einen prall gefüllten Lederbeutel aus den tiefen ihres Kleides. „Ich zahle Euch…“; begann sie und warf der Assassine den Beutel zu, „…das doppelte!“
Der Kardinal schnappte hörbar nach Luft. Er hatte keine Ahnung, was genau diese Frau vorhatte. Doch ihr musste wirklich viel daran liegen, dass diese Assassine einwilligte. Woher hatte sie nur so viel Geld beschaffen können?
„Madame, Vielleicht solltet Ihr mich endlich einmal einweihen?“, meldete er sich zu Wort. „Denn da ich vermute, dass dieses Phantom wegen Eurer Pläne in Bezug auf euren Sohn hier ist, sollte ich wissen, was in Zukunft in Paris geschehen wird.“
„Die Assassine blieb wieder stehen, abwartend diesmal und begann damit, mit der Klinge zu spielen, die sie gerade noch an den Hals der Mutter des Königs gehalten hatte.
„Seine Exzellenz hat nicht Unrecht. Und ich habe auch nicht die ganze Nacht Zeit.“, pflichtete sie ihm bei und verriet dadurch gleichzeitig, dass sie wusste, wer sich hinter der Verkleidung des Louis de Vitry versteckte. Maria nahm das stirnrunzelnd zur Kenntnis und sagte, wobei sie ein weiteres Mal in ihre Tasche griff: „Keine Sorge, Phantom. Ihr seid sofort entlassen. Ihr, mein lieber Kardinal, werdet Euch aber noch ein Weilchen gedulden müssen. Es gibt da noch einige Dinge, die ich mit Euch zu klären hätte.“
Damit überreichte sie dem Phantom ein versiegeltes Schreiben, in dem sie offensichtlich der Auftrag und alle wichtigen Informationen befanden. Diese erbrach das Siegell überflog das Schreiben, nickte und deutete dann eine Verbeugung an.
„Madame, es ist mir eine wahre Freude, Euch zu Diensten zu sein.“ Sie sagte das nicht ohne eine Spur Ironie in der Stimme, doch das war Maria egal. Solange sie die Assassine nicht selbst zur Feindin hatte, sondern diese in ihrem Sinne agierte, konnte dieses Phantom über sie denken, was es sollte.
Ohne ein weiteres Geräusch zu verursachen, verschwand die Assassine wie sie herein gekommen war: Durch ein Fenster, das vor wenigen Minuten noch verschlossen gewesen war und ließ eine höchst zufriedene Ränkeschmiedin und ihren erschrockenen Gehilfen zurück.
„Madame, was sollte das gerade?“, fragte der Kardinal noch einmal und erntete ein amüsiertes, nein boshaftes Lachen.
„Das, mein lieber Kardinal, war der Prolog. Der Prolog eines Dramas, das ich zu lenken gedenke."
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